Archiv der Kategorie ‘Chemikaliensensitivität, Chemikalienunverträglichkeit‘

Buch über MCS demnächst als Serie im Radio

Öffentlichkeit ist interessiert Näheres über Chemikalien-Sensitivität zu erfahren

Als das Buch „Vermisst. Ein durch Multiple Chemical Sensitivity zerstörtes Leben“ in den Buchhandel kam, war es rasch überall erhältlich und der Verkauf läuft überraschend gut. Die Autorin des Buches, Eva Caballé, ist chemikaliensensibel und kann nur noch in ihrer Wohnung völlig zurückgezogen existieren. Mehrere Luftfilter laufen Tag und Nacht. Sie kann nur noch wenige Nahrungsmittel tolerieren, das Wasser, das sie trinkt, muss speziell gefiltert werden. Besucher haben keinen Zutritt in ihr Apartment, sie könnte durch Duftstoff- und Waschmittelrückstände in deren Kleidung Schockreaktionen erleiden. Trotz der Schwere ihrer Krankheit trat die Spanierin an die Öffentlichkeit, die höchstes Interesse zeigte. Ihr Blog NO FUN wurde zu ihrem Sprachrohr und wird täglich von Tausenden gelesen.

Durch die Interviews, die Eva Caballès Mann David im Fernsehen, im Radio und gegenüber Zeitungen gab, kannte man in Spanien Evas Geschichte schon bevor ihr Buch in den Regalen stand. Jetzt wurde das Buch für eine Hörfunkserie vertont.

Im vergangenen Monat hatte David einige Interviews über chronische Krankheiten für ein Radioprogramm namens „Vital Space“ gegeben. Die Macher der Sendung waren begeistert von Evas Buch und berichteten darüber in ihrer Sendung, um MCS der Öffentlichkeit näherzubringen. Details über Chemikalien-Sensitivität sind auch in Spanien bislang nicht sehr bekannt. Die Resonanz war enorm, was die Redakteure auf die Idee brachte, dass MCS-Buch als Hörfunkserie zu vertonen. Eva und David stimmten zu und schrieben ein Editorial dafür. Zwei professionelle Schauspieler, deren Stimmen denen von Eva und David sehr ähneln, wurden engagiert und ein leitender Moderator, der die Aufnahmen koordinierte. Das ganze Buch wurde vertont und mit einer Hintergrundmusik untermalt. Im nächsten Herbst wird die Serie gesendet. Für jedes Kapitel stehen jeweils 10 Minuten Sendezeit zur Verfügung. Über einen Zeitraum von 21 Wochen werden die Radiohörer im Herbst die nackte Wahrheit über MCS – Multiple Chemical Sensitivity erfahren.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 26. Juli 2010

CSN-Beiträge von Eva Caballé:

Krank in Deutschland: Konsequenzen für eine Familie

Krankheitsursache Schadstoffe und Schimmel

Bis 2oo2 waren wir eine glückliche und zufriedene kleine Familie. Unser Sohn Patrick (geb. 1991) wurde plötzlich krank, es stellten sich immer mehr gesundheitliche Beschwerden ein. Diese wurden jedoch von den behandelten Ärzten einfach nicht ernst genommen und führten regelmäßig zu Diagnosen, die nicht nachvollziehbar waren. Zeitgleich begann der Kampf gegen die Schulaufsichtsbehörde und Schule, weil die Erkrankung unseres Sohnes auch dort nicht akzeptiert wurde.

Im März 2008 fanden wir dann einen Neurologen (nach einer Ärzte-Odyssee), der unseren Sohn sehr ernst nahm und eine schwere Chemikalien-, Schimmelpilz- und Chlorvergiftung feststellte.

Gearbeitet bis kurz vor umfallen

Dann, im Mai 2008, ging es auch meinem Mann gesundheitlich rapide schlechter (seit 30 Jahren war er Chemielaborant), er konsultierte den gleichen Neurologen wie mein Sohn. Dr. Binz stellte nach eingehender Untersuchung eine schwere immuntoxische Erkrankung fest, bedingt durch den jahrelangen Umgang und Einwirkung mit zum Teil hochgiftigen Chemikalien. Auch bei ihm wurden die ersten gesundheitlichen Beschwerden nicht für bare Münze genommen bzw. fehldiagnostiziert. Hinzu kam bei ihm ebenfalls eine Schimmelpilzvergiftung.

Hochwasser, Schimmel – Pech gehabt

Wir hatten in der Zeit von 1993 – 2001 siebenmal Hochwasser. Das Elternhaus meines Mannes und somit auch unsere Wohnung standen dann jedes Mal im Wasser. So gut es ging haben wir saniert und Vorsorge getroffen (ohne fremde Hilfe), jedoch auf Kosten unserer Gesundheit.

Einzige wirksame Maßnahme, die Erkrankung durch die schweren toxischen Schäden aufzuhalten, sind Expositionsvermeidung und den Stoffwechsel unterstützende ambulante Therapien (orthomolekulare Medizin). Mit großem finanziellem Aufwand haben wir unsere Wohnung und den Keller weitgehend schadstofffrei umgestaltet und der Erkrankung angepasst.

Schulpflicht auch für Kranke

Schulisch haben wir mit Hilfe eines Rechtsanwalts die Bildung unseres Sohnes regeln können, indem wir persönlich ein Fernstudium für unseren Sohn selbst finanzieren. Aufgrund seiner chronischen Schmerzsymptomatik seit 7 Jahren und damit verbundenen Konzentrationsschwäche kommt unser Sohn nur schrittweise voran. Er ist überdurchschnittlich begabt, sehr musikalisch, künstlerisch und technisch versiert – aber seine Krankheit gibt ihm keine Chance. Er ist jetzt 18 Jahre alt und ohne Schulabschluss – bevor die Erkrankung begann, war er Gymnasiast und Lateinschüler. An eine Berufsausbildung ist bislang kaum zu denken. Hinsichtlich Schule und Ausbildung fällt er durch unser Bildungssystem, jeder Schulverweigerer bekommt seine Chance – er nicht, er wird einfach aussortiert.

Wichtige Untersuchungen, Hilfsmittel sind selbst zu zahlen

Sehr belastend für unsere Familie ist es, dass weiterführende medizinische Untersuchungen, die notwendig wären, von der Krankenkasse nicht übernommen werden. Genauso geht es uns mit Medikamenten, da die orthomolekulare Medizin von der Krankenkasse nicht ernst genommen wird. Diese Kosten müssen wir selber tragen.

Derzeit stehen für meinen Sohn und für meinen Mann noch die Hirn-PET Untersuchungen in Stuttgart aus, mit deren Hilfe die Schäden des Energie-stoffwechsels im Gehirn bildlich feststellt werden können. Diese Untersuchung kostet pro Kopf 500 Euro. Außerdem sind da noch verschiedene LTT-Bluttests, die wir auch selber finanzieren müssen.

Wichtig wäre auch eine genetische Blutuntersuchung wegen Medikamenten-unverträglichkeit, welche nochmals an die 500 Euro pro Kopf kostet.

Der Hauptverdiener fiel aus

Nach 8 Monaten Krankheitsphase hat mein Mann Ende Januar 2009 seinen Dienst wieder erfolgreich aufgenommen. Eine absolute Expositionsvermeidung ist dennoch nicht möglich, somit auch keine langfristige Prognose zum weiteren Krankheitsverlauf.

Am 29.06.2009 wurde er jedoch von einem Arbeitskollegen auf dem Arbeitsplatz tätlich angegriffen, was einen erneuten schweren Krankheitsschub auslöste. Bis zum heutigen Zeitpunkt ist er immer noch arbeitsunfähig.

Nur Ablehnungen, keine Hilfe, keine Unterstützung

Beide, mein Mann so wie mein Sohn, können die Wohnung („clean“) nicht mehr ohne medizinische Hilfsmittel (Rollstuhl, MCS-Schutzmaske, Sauerstoff-Gerät) verlassen. Mein Sohn bekam ein medikamentöses Notfallset und Sauerstoffversorgung vom Arzt wegen der Gefahr eines anaphylaktischen Schocks verordnet. Der Rollstuhl wurde von der Krankenkasse bewilligt. Was die Sauerstoffversorgung meines Sohnes angeht, sowie die MCS-Schutzmasken für beide, stellt sich die Krankenkasse quer – obwohl medizinisch verordnet (es läge keine Indikation vor bzw. ist im Hilfsmittelkatalog nicht enthalten). Habe hier Widerspruch eingelegt. Anderweitige, ersatzweise Hilfe hat man uns nicht angeboten.

Umweltkranke werden ausrangiert

Schwerkranke Umweltpatienten müssen von heute auf morgen mit schwerwiegenden, einschneidenden Einschränkungen bei der Bewältigung des Alltags, den Anforderungen am Arbeitsplatz, der sozialen Kontakte und letztendlich dem Verlust der gesamten Lebensqualität klarkommen. Schwierigkeiten und Widerstände seitens der Gesellschaft, des Gesundheitswesens und der politischen Öffentlichkeit sind zu erwarten und zu erdulden.

Statt Hilfsangebote endlose Verfahren

Derzeit haben wir einige Verfahren anhängig, davon drei über den Rechtsanwalt: Berufskrankheit, Arbeitsunfall, Sozialgericht (Sohn – Behindertenantrag), Kindergeldstelle, Krankenkasse (vier Widersprüche), Rentenamt, Agentur für Arbeit (zwei Widersprüche), Amt für soziale Angelegenheiten (Behindertenantrag – Ehemann).

Stütze der Familie und selbst gesundheitlich fertig

Ich selbst bin seit 09/2006 voll erwerbsunfähig und besitze einen Schwerbehindertenausweis 60 % (beidseitige Innenschallempfindungsschwer-hörigkeit und Rückenprobleme). Nach drei nicht selbst verschuldeten Autounfällen mit HWS-Schleudertrauma immer wieder HWS, BWS, LWS-Beschwerden. Hinzu kommen Gelenkentzündungen an Händen, Füßen und Hüfte. Auch leide ich schon unter Osteoporose. Im Juni stellte Dr. Binz auch bei mir eine Chlorvergiftung, Schimmelpilzvergiftung und Metallbelastung fest.

Warum gibt es keine Behandlung für Umweltkranke?

Die sogenannten „Umweltkliniken“ in Deutschland verfolgen nachhaltig einen psychiatrischen Ansatz und verfügen nicht über geeignete Untersuchungs-möglichkeiten, um eine objektive Diagnostik zu leisten. Es gibt hier keine Einrichtung, die eine Unterbringung in schadstoff- und duftstofffreien Räumlichkeiten sicherstellt. Weitere Gesundheitsschäden wären also bei schweren Fällen wie bei meinem Sohn und meinem Mann nicht auszuschließen.

Nach unseren Erkenntnissen ist die Erkrankung meiner beiden Männer irreversibel und kann auch nicht durch Reha-Maßnahmen therapiert werden. Vorrangige Hilfe ist die Expositionsvermeidung.

In Dallas gibt es eine Umweltklinik (Dr. Rea), die die beiden ev. entgiften könnte (Kostenfaktor 20.000,- Euro pro Kopf), für uns aus Kostengründen nicht machbar.

Es fehlt an allen Ecken und Kanten

Wir müssten eigentlich von heute auf morgen in ein schadstoffarmes und schimmelfreies – d.h. nicht belastetes, ebenerdiges, behindertengerechtes Haus, ohne direkten Nachbarkontakt (wegen der Duftstoffe, Waschmittel, Putzmittel etc.) auf einer Anhöhe und nahe einem Wald umziehen. Finanziell ist dies für uns z.Zt. nicht machbar.

Wir benötigten ein neues „gebrauchtes „ (wegen der Ausdünstungen) Auto mit Automatikschaltung, Klimaanlage und Aktivkohlefilter – Omega, Caravan, Van oder ähnliches (wenn möglich behindertengerecht). Unser jetziges Auto hat schon 18 Jahre auf dem Buckel und es fallen immer mehr Reparaturkosten an. Wir wissen nicht, ob wir es nochmals über den TÜV bekommen. Auch hierzu fehlt uns das nötige Geld.

Von Integration Behinderter keine Spur

Ich weiß nicht, wie lange wir das gemeinsam schaffen sollen, isoliert von der Umwelt, alleingelassen mit der Erkrankung und der tägliche Kampf ums Überleben – es ist keine gute Basis, sich überall und für alles rechtfertigen zu müssen, keine Aussicht auf einen Ausweg.

Diese Erkrankung macht zwangsläufig arm, nicht nur finanziell, sondern in allen Lebensbereichen – sie nimmt einfach alles.

Unser Sohn wurde seiner Kindheit und Jugend schon beraubt (schulmedizinisch, bildungspolitisch und gesellschaftlich, immer wieder geoutet und nie ernst genommen). Er hat sein Leben noch vor sich, aber für welchen Preis?! Wie soll er für sich selbst sorgen, wenn er so schwerkrank ist? Er bekommt ja keine Chance, bei der bewussten Ignoranz unserer Gesellschaft gegenüber dieser Krankheit.

Diese Diskriminierung frisst die Seele auf, was bleibt ist Leere, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung!

Autor: Kira, CSN – Chemical Sensitivity Network, 24. Juli 2010

Weitere CSN-Berichte von Umweltkranken:

Kanada: Parfüm- und Duftstoff-Verbot dient der Sicherheit am Arbeitsplatz

Duftstoffe gelten als Luftverschmutzer Nr.2 direkt nach Passivrauch

Im kanadischen Bundesstaat British Columbia gibt es seit Februar 2010 eine Leitlinie für Arbeitssicherheit, betreffend Duftstoffe am Arbeitsplatz. Herausgegeben wurde diese Anweisung von WorkSafeBC (ähnlich unseren Berufsgenossenschaften), um die Gesundheit und Sicherheit von Angestellten an Arbeitsplätzen sicherzustellen. Die Zielsetzung besteht darin, Exposition gegenüber parfümierten Produkten zu verhindern, da diese umweltbedingte Chemikalien-Sensitivität (MCS) hervorrufen können. Die Leitlinie wurde jetzt auch an Schulen und Theatern eines Distrikts bereits umgesetzt. Alle Angestellten und Besucher von Gebäuden, die WorkSafeBC unterstehen, werden dazu angehalten, davon Abstand zu nehmen, parfümierte Produkte zu verwenden. (1,2)

Gestaltung von Arbeitsplätzen

Deutschland: Deo-Pflicht – Kanada: Duftstoff-Verzicht

Als in Deutschland im Sommer 2010 die Meldung durch alle großen Zeitungen ging, dass die Vorstandsvorsitzende des Verbandes für mittelständische Unternehmen darauf drängt, eine Deo-Pflicht in Betrieben einzuführen, waren verantwortungs-bewusste Mediziner, Allergiker und Umweltkranke gleichermaßen schockiert. (3) In im kanadischen Bundesstaat British Columbia und Alberta geht man genau den entgegengesetzten Weg, weil man sich der Gesundheitsgefahren durch Chemikalien und Allergene in parfümierten Produkten bewusst ist.

In einer Leitlinie, die von WorkSafeBC erstellt wurde, möchte man folgende Ziele erreichen:

  • Eliminierung der Verwendung von Parfüms, Cologne/Aftershave, Lufterfrischern mit Duft, Duftkerzen und Potpourri am Arbeitsplatz;
  • Eliminierung der Verwendung stark duftender Körperhygieneartikel wie Haarpflegeprodukte, Bodylotions, Cremes und Deodorants;
  • Reduzierung von stark duftenden Blumen am Arbeitsplatz wie Lilien, Hyazinthen, etc.

Allgemeine Informationen

WorkSafeBC begründet diese Maßnahmen mit einer grundsätzlichen Information, in der steht, dass Exposition gegenüber duftenden Produkten die Gesundheit einer Person nachhaltig beeinträchtigen kann. In hinreichenden Konzentrationen lösen Duftstoffe Reaktionen bei denjenigen aus, die unter Allergien oder Chemikalien-Sensitivität leiden, erläutert WorkSafeBC in seiner Leitlinie und führt Symptome auf, die allergische, asthmatische und anderweitig sensibilisierte Personen u.a. erfahren können, wenn sie Duftstoffen ausgesetzt sind:

  • Kopfschmerzen, Migräne
  • Schwindel, Benommenheit
  • Schwäche
  • Verwirrung
  • Taubheitsgefühle
  • Symptome der oberen Atemwege
  • Hautirritationen
  • Übelkeit, Erschöpfung
  • Unwohlsein
  • Angstgefühle
  • Konzentrationsstörungen
  • Verstopfte Nebenhöhlen
  • Appetitverlust

Diese Symptome können auftreten, sind aber nicht beschränkt auf die Aufzählung in dieser Liste, vielmehr können sie individuell variieren. Auch die Schwere der Symptome ist unterschiedlich. Einige Menschen verspüren bei der gleichen Konzentration eines Duftstoffes leichte Beschwerden, während sie andere völlig arbeitsunfähig hinterlässt.

Duftstoffkategorien

WorkSafeBC erklärt in seiner Leitlinie, dass Duftstoffe in verschiedene Kategorien eingeteilt sind.

Produkte des persönlichen Bedarfs

Bereich Hygiene, darunter versteht man u.a. folgende Produkte, wobei wegen der Flut von parfümierten Produkten nicht alle aufgeführt werden können: Kosmetika, Parfüms, Colognes, Aftershave und parfümierte Rasiercremes, Deodorant, Shampoo, Haarspülungen, Haarspray, Lotionen und Cremes.

Bereich Nicht-Hygiene, darunter versteht man Produkte wie bspw. Duftkerzen, Potpourri und beduftete Dekorationsgegenstände.

Produkte sonstigen Bedarfs

Alltagsprodukte mit einem ausgeprägten Duft oder Parfüm, wie u.a. beduftete Haushaltsreiniger, Lufterfrischer, Raumsprays, Baumaterialien (Farben) und einige Arten von Blumen.

Verantwortung von Vorgesetzten

Unternehmensleitungen und Vorgesetzte tragen die Verantwortung für Angestellte und die Umsetzung, als auch für das Durchsetzen der Einhaltung eines duftfreien Arbeitsplatzes.

WorkSafeBC teilt in seiner Leitlinie die einzelnen Verantwortungsbereiche auf. Manager und Vorgesetzte haben demnach die Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass stetig Bewusstsein geschaffen und aufgeklärt wird, als auch, dass Personal-schulungen stattfinden in Bezug auf einen duftfreien Arbeitsplatz.

WorkSafeBC verlangt, dass sichergestellt wird, dass Mitarbeiter in folgenden Bereichen geschult werden:

  • WorkSafeBC Leitlinie HEA1-9 Sicherheit hinsichtlich Duftstoffen am Arbeitsplatz
  • Kenntnis über die Arten von bedufteten Produkten des persönlichen/nicht persönlichen Bedarfs
  • Wie man Zuwiderhandlung und unsichere Bedingungen meldet
  • Wie man Erste Hilfe erhält
  • Sicherstellung, dass Angestellte duftfreie Produkte verwenden
  • Sicherstellung, dass Materialien und andere Ressourcen, die benötigt werden, um eine duftfreie Arbeitsumgebung aufrecht zu erhalten, jederzeit griffbereit sind (das heißt: angebrachte Hinweisschilder, Aufklärungsmaterial, Präsentationen, etc.) Hierzu kann eine spezielle Dienststelle für Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden angefragt werden.
  • Durchführung eines Referats zur Sicherheitsproblematik hinsichtlich Duftstoffen, mindestens alle zwei Jahre, das in die monatliche Sicherheitsschulung einbezogen wird.
  • Information der Besucher über die Leitlinie, bevor sie irgendeine WorkSafeBC Einrichtung aufsuchen.

Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden

  • Erstellung und Beibehaltung einer effektiven Richtlinie für einen Arbeitsplatz, der frei von Duftstoffen ist.
  • Erstellung aller erforderlichen Aufklärungsmaterialien, Hinweisschildern und/oder fördernden Materialien
  • Unterstützung bei der Schulung von Mitarbeitern über die Auswirkungen von duftstoffhaltigen Produkten und was geeignete Alternativen sind.

Hilfen, Infrastruktur für einen duftfreien Arbeitsplatz

Zur Aufrechterhaltung eines duftfreien Arbeitsplatzes verlangt WorkSafeBC:

  • Sicherstellung, dass jedes Produkt, das für Renovierungs- oder Wartungsarbeiten, als auch zum Reinigen benötigt wird, duftfrei ist, soweit dies möglich ist.
  • Über die Leitlinie sind Handwerker und Baufirmen vor dem Besuch jeder WorkSafeBC Einrichtung zu informieren.
  • Benachrichtigung von geeignetem Personal, wenn Arbeiten durchgeführt werden, die beduftete Produkte zum Einsatz bringen, oder solche Produkte, die einen Geruch haben, der die Gesundheit eines Angestellten beeinträchtigen kann. Angemessene Warnung sollten Angestellten im Vorfeld übermittelt werden, um sicherzustellen, dass Vorkehrungen getroffen werden, falls dies erforderlich ist.

Gemeinsame Ausschüsse für Sicherheit und Gesundheit

  • Unterstützung von Mitarbeiterschulungen über die Verwendung und Auswirkungen von parfümierten Produkten.
  • Betreuung von Vorgesetzten zur Aufrechterhaltung eines duftfreien Arbeitsplatzes.

Forderungen an Angestellte

  • Unterlassung des Mitbringens von parfümierten, duftenden Produkten für den persönlichen und/oder nicht persönlichen Bedarf auf WorkSafeBC Arbeitsplätzen.
  • Teilnahme an Aufklärungen, Schulungen und Training über Duftstoffe.
  • Befolgung der HEA 1-9 Leitlinie Sicherheit hinsichtlich Duftstoffen am Arbeitsplatz und den eingeführten Richtlinien.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 21. Juli 2010

Literatur:

  1. WorkSafeBC, Scent Safety in the Workplace – HEA 1-9, Feb. 04, 2010
  2. Terrace Standard, Schools, Theathre now scent-free, 15.07.2010
  3. Silvia K. Müller, Folgen einer Deo-Pflicht für Angestellte, CSN Blog, 13.07.2010

Weitere Informationen über Gesundheitsgefahren durch Parfüms und Duftstoffe:

Kostenlose Informationskarten über Duftstoffe und deren Gefahren und  Infomaterial erhalten Sie bei CSN – Chemical Sensitivity Network.


Umweltorganisationen in Kanada fordern: Unnötige Autoabgase und Parfüm vermeiden

Umwelt- und Automobilorganisationen setzen sich gemeinsam für Luftreinhaltung ein

Die kanadische MCS-Aktivistin Lynn staunte nicht schlecht, als sie dieses riesengroße Schild in Edmonton sah, auf dem auf der einen Hälfte ein Hinweis stand, wie man unnötig Autoabgase vermeiden solle:

„Es gibt eine gute Möglichkeit unsere Luftqualität zu verbessern.

Du hast den Schlüssel dazu in der Hand. Lasse den Motor nicht laufen.“

Auf der anderen Seite des Schildes stand der Hinweis „Limit your Perfume – Edmonton “, der bedeutet, dass man sich in Edmonton mit der Benutzung von Parfüm zurückhalten solle.

Das Hinweisschild hatten mehrere Umweltorganisationen und ein großer Automobilclub gemeinsam gesponsert. Ihre Initiative hatte das Ziel, die Luft für alle Stadtbewohner von Edmonton zu verbessern. In Kanada nimmt man die Problematik, die sich durch Duftstoffe für die Luftqualität ergeben, sehr ernst. Halifax bspw. war die erste Stadt weltweit, die die Benutzung von Duftstoffen in der Öffentlichkeit verboten hat.

Autor: CSN – Chemical Sensitivity Network, 17. Juli 2010

Photo: Vielen Dank an Lynn Argent, Living in a Chemical Soup!

Weitere CSN Informationen: Gesundheitsgefahren durch Duftstoffe und Parfüms

Rechtsanwalt bewertet Deo-Pflicht am Arbeitsplatz

Auch ein Rechtsanwalt konnte sich den Vorschlag „Deo-Pflicht“ am Arbeitsplatz nicht anders als ein Produkt des Sommerlochs bei den Medien und den Auswirkungen der extremen Sommerhitze erklären.

Rechtsanwalt M. Felser schreibt in seinem Blogartikel „Deo-Pflicht im Büro und am Arbeitsplatz“:

…Erst die Sommerhitze und das WM Ende brachte den an Originalität kaum zu überbietenden Vorschlag der sehr gepflegt und frisch deodoriert dreinschauenden Verbandschefin (sie nutzt immerhin klimaschützende Deoroller) in die Schlagzeilen. Um dem Vorschlag noch eine Spitze aufzusetzen, fordert sie die Abmahnung aller Andersdenkenden, bzw. -riechenden…

Wie der Vorschlag, der Chemikaliensensible und Allergiker erschüttert, aufhorchen ließ, aus rechtlicher Sicht zu sehen ist, brachte RA Felser mit zwei Sätzen auf den Punkt:

Arbeitsrechtlicher Unsinn, da werden sich alle Arbeitsrechtler einig sein, der geschätzte Kollege Reuter aus Berlin hat sich zwar noch nicht pointiert geäußert. Das arbeitgeberseitige Direktionsrechts reicht allerdings nicht bis in die Achselhöhlen …

Dem Rechtsanwalt war der CSN Blog „Deo-Pflicht für Angestellte“ in die Hände gefallen und er befand:

…Den Allergikern und Natürlichriechenden stinkt die Idee daher zu Recht. Gegen Lärm kann man Kopfhörer aufsetzen, gegen Unsinn die Ohren zuhalten oder den Artikel einfach nicht zu Ende lesen, auch gegen Hitze kann man sich schützen. Gegen Deos hilft kein Luftanhalten. Deos sind eine Zwangsbeglückung Dritter, pure Chemie und übertünchen im Übrigen nur, beseitigen aber keinen Körpergeruch. Und Duft ist eine Geschmackssache. Was der eine als aufregend empfindet, riecht für jemand anderes einfach nur penetrant. Einige Deos erinnern gar geruchlich an die grünen Steine, mit denen man keramische Einrichtungen geruchsfrei hält.

Insgesamt gibt sich Rechtsanwalt Felser jedoch gelassen, er meint, dass sich die Vorstandsvorsitzende Ursula Frerichs nicht durchsetzen wird mit ihrem Wunsch nach Deo-Zwang am Arbeitsplatz. In seinem Blog schreibt der Anwalt:

…Da ist noch wahrscheinlicher, dass Deos am Arbeitsplatz verboten werden. Wegen der Explosionsgefahr.

Darüber, wie er persönlich zu duftenden Deos steht, ließ Rechtsanwalt Felser keine Verhandlungsbasis offen, er verriet dem Blogleser: „An meine Haut lasse ich nur Wasser und meine bessere Hälfte.“

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 15. Juli 2010

Photo: Jahreed für CSN

Vielen Dank an Rechtsanwalt Michael Felser für die freundliche Genehmigung, seinen Blog zitieren zu dürfen!

Literatur:

  • Rechtsanwalt Michael W. Felser, Deopflicht im Büro und am Arbeitsplatz, Blog Felser, 15. Juli 2010
  • Silvia K. Müller, Folgen einer Deo-Pflicht für Angestellte, CSN Blog, 13. Juli 2010.

Weitere interessante CSN-Artikel zum Thema:

Folgen einer Deo-Pflicht für Angestellte

Vorsitzende eines Unternehmerverbandes will Deo-Pflicht einführen

In einem Interview mit der Zeitschrift FOCUS ließ die Vorsitzende des Verbandes für mittelständische Unternehmer verlauten, dass sie sich für eine Deo-Pflicht in Betrieben einsetzen will. Ursula Frerichs findet es unangenehm, wenn jemand nach Schweiß riecht. (1) Als der Journalist im Interview fragte, wie man sich eine Umsetzung vorstellen könne, ließ Frau Frerichs keinen Zweifel daran, wie ernst sie ihr Vorhaben empfindet. Angestellte in Betrieben sollen sich möglichst mehrfach pro Tag mit Deo einsprühen und wenn es nach ihr ginge, soll dies sogar durch betriebsfremde „Schnüffler“ überprüft werden. Wer trotz Deo-Pflicht stinkt, dem sollen Abmahnungen ins Haus stehen.

Chemikaliensensible Mitmenschen sind erschüttert vom Ansinnen der Verbandsvorsitzenden, sie fürchten, dass damit der verbliebene kleine Rest ihrer Lebensqualität gänzlich verloren geht und sie, wenn sich dieser Vorschlag durchsetzt, unausweichlich körperliche Reaktionen in vielen Situationen anstehen. Eine chemikaliensensible Frau hat deswegen bereits Anzeige gegen die Verbandsvorsitzende erstattet, sie hält das Vorhaben u.a. für eine vorsätzliche Aufforderung zur Körperverletzung.

Systematisch ausgrenzt durch Duftstoffwahn

Was für die Zeitungen eine willkommene Sommerschlagzeile war, lässt Asthmatikern, Allergikern, Migräne-Patienten und Menschen mit Chemikalien-Sensitivität aufhorchen, denn durch eine solche Maßnahme würde ihnen die Möglichkeit genommen, ihre Arbeit in einem Betrieb mit forcierter „Deo-Pflicht“, ohne gesundheitliche Einschränkungen leisten zu können. Nicht wenige müssten sogar kündigen, weil Reaktionen bis hin zu Lebensgefahr zu erwarten wären und die eingeschränkte Gesundheit einfach nichts anderes zulässt.

Deos sind zum Großteil üble Chemikaliengemische

Um zu wissen, was die Inhaltsstoffe für die Gesundheit bedeuten, die auf Deo-Spraydosen und Deo-Rollern angegeben sind, muss man fast ein Chemiker oder Toxikologe sein. Sollte der Käufer sich die Mühe machen, die Inhaltsstoffe zu identifizieren, muss er sich außerdem darüber im Klaren sein, dass nicht alles deklariert ist, was im Produkt enthalten ist – „Produktgeheimnis“ nennen dies die Hersteller. (2)

Gesundheitsprobleme durch Duftstoffe

Für einen erheblichen Anteil der Menschen mit Krankheiten, die durch Duftstoffexposition verschlimmert werden, insbesondere Chemikaliensensible, würde eine „Deo-Pflicht“ und der damit verbundene zwangsläufige extensive Einsatz von Deos sogar bedeuten, dass sie normale Geschäfte oder Handwerksbetriebe nicht mehr betreten können. Atembeschwerden, schwere Asthmaattacken, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Konzentrationsverlust, bis zu Bewusstlosigkeit reichen die Reaktionen, die berichtet werden. Sogar mit anaphylaktischen Schocks muss bei hypersensibilisierten Personen gerechnet werden.

Deo für alle – giftige Chemikalien für alle

Oft wird von Laien vermutet, dass nur allergische oder „empfindliche“ Personen auf Duftstoffe oder beduftete Produkte reagieren. Ein Blick auf die Inhaltsstoffliste vieler Deo-Sprays lehrt einen ein Besseres, zu den Inhaltsstoffen gehören z.B. Butanol, Propanol, Dipropylen Glycol, BHT, CETEARETH-12, Kampfer, Cumarin, Triclosan, Lilial, Limonene, Linalool, Geraniol, denaturierter Alkohol, Aluminium, usw. (3)

Aber es sind nicht nur die Deo-Sprays, auch Deo-Roller oder Deo-Sticks enthalten genauso toxische Substanzen, die sich krebserregend, immunschädigend, sensibilisierend, Organ- und fortpflanzungsschädigend, neurotoxisch, irritativ auf die Haut, Augen und Atemwege auswirken. (3)

Deo-Pflicht – Statt Umsatzplus, eher Umsatzverlust zu erwarten

Der Bevölkerungsgruppe, die bereits Probleme mit Duftstoffen hat, würde mit einer „Deo-Pflicht“ in mittelständischen Betrieben in schwerwiegenderen Fällen die Möglichkeit genommen, sich einen Handwerker in die eigenen vier Wände zu rufen. Ob sich das Handwerk oder andere Betriebe mit Publikumsverkehr das leisten können? Eine Studie von 2009 stellte fest, dass sich 30,5% der Bevölkerung durch Duftstoffe belästigt fühlt. Schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen beklagten in der Studie 19% der Teilnehmer, die aus der Allgemeinbevölkerung stammten. (4)

  • Fast jeder zweite in Deutschland leidet unter Allergien
  • Duftstoffallergie gilt als die zweithäufigste Allergie nach Nickel
  • Asthma hat laut Fachverband der Lungenfachärzte rund 30% der Bevölkerung
  • Bei MCS geht man davon aus, dass ca. 15% der Bevölkerung leicht bis mittelschwer betroffen sind
  • Migräne betrifft etwa 10% der Bevölkerung
  • Schwangere fühlen sich in der Regel durch Düfte „belästigt“

Hinzu kommen Menschen mit Vernunft und Gesundheitsbewusstsein, die chemische Düfte einfach ablehnen, weil sie überflüssig, gesundheitsschädlich und umwelt-verschmutzend sind.

Was sagt die Wissenschaft zu Beduftung ohne Ausweichmöglichkeit?

In der Süddeutschen Zeitung brachte der Duftforscher Hanns Hatt am Beispiel Duftmarketing auf den Punkt, wo das eigentliche Problem steckt, wenn man zu einer Zwangsbeduftung übergeht:

„Heimtückisch am Duftmarketing sei, erklärt Hanns Hatt, dass wir den Düften nicht entkommen können: „Ich kann die Augen zumachen oder die Ohren zuhalten, aber ich kann natürlich nicht verhindern, dass ich einen Duft in die Nase kriege. Wir müssen schließlich atmen und mit der Atemluft werden immer Düfte aufgenommen.“ (5)

Nur, im Fall von Duftmarketing wird man mit einer einzigen Duftkomposition konfrontiert. Unproblematisch ist dies zwar auch meist nicht, wie Berichte offenbaren, ungleich problematischer wird es jedoch, wenn die von der Vorstandsvorsitzenden der mittelständischen Betriebe geforderte Deo-Pflicht z.B. in einem Großraumbüro zum Tragen kommt. Duftnoten für Deos werden individuell ausgesucht und somit kann an einem Arbeitsplatz mit 50 Angestellten mit mindestens 20-40 verschiedenen Duftnoten (Chemikaliencocktails) gerechnet werden. Wie Angestellte vorgehen sollen, um nicht verschwitzt zu riechen, teilte Ursula Frerichs im Interview dem Journalisten des Focus am eigenen Beispiel mit. Weil der Journalist in einem Großraumbüro arbeitet, habe er sich am Morgen dreimal links und dreimal rechts mit Deo eingesprüht und fragte, ob das in Ordnung sei. Er bekam den Rat, weil er in einem Großraumbüro arbeitet: „Dann sollten Sie das auch gerne öfter machen.“

Integration von Behinderten und Allergiker durch Duftstoffverbot in Betrieben

In USA und Kanada ist man sich über die Auswirkungen der Chemikalien in Parfüms, Deos und Duftstoffen bewusster, und es gibt immer mehr Betriebe, Behörden, Krankenhäusern, Schulen und Universitäten, die ein Duftstoffverbot verhängen. Damit soll den Menschen, die auf Duftstoffe und Chemikalien reagieren, die Möglichkeit gegeben werden, dennoch einer Arbeit nachgehen zu können oder eine Schule, Universität zu besuchen. Diese Vorgehensweise wurde in einigen Fällen freiwillig eingeführt, in anderen Fällen vor Gericht erzielt, weil durch Chemikalien-Sensitivität (MCS) behinderte Personen gesundheitlich zu Schaden kamen.

Organisiertes Vorgehen, der Gesundheit zuliebe

Weil die zunehmende Verwendung von Duftstoffen auf Arbeitsplätzen zu krankheitsbedingten Fehlzeiten führt, haben sich in den USA 2008 mehrere Vereinigungen aus Gesundheitsberufen, u.a. Krankenschwesternverbände, zusammengetan, um ein Duftverbot an Arbeitsplätzen durchzusetzen und Leitlinien zu entwickeln. Es gab eine Videokonferenz der Vereinigung, bei der Evie Bain, eine der Moderatorinnen, sagte: “Asthma und Migränekopfschmerzen können in Zusammenhang mit Exposition gegenüber Duftstoffen stehen, und beides sind Hauptursachen für Arbeitsfehlzeiten”.

“Asthma ist eine schwerwiegende Krankheit und kann durch die Exposition gegenüber synthetischen Duftstoffen verursacht werden”, erläuterte Bain damals und fügte an, “Das Institut für Medizin platzierte Duftstoffe in die gleiche Kategorie der Asthmaauslöser für Erwachsene und Schulkinder, wie Passiv -Zigarettenrauch.“ (6)

Behörden warnen vor Duftstoffen in Innenräumen

Das deutsche Umweltbundesamt gab in den vergangenen Jahren mehrere Mitteilungen heraus, in denen man vor dem Einsatz von Duftstoffen warnte. In einer Meldung aus dem Jahr 2000 geht deutlich hervor, wie das UBA zu Duftstoffen in Innenräumen steht (7-9):

„Da davon auszugehen ist, dass öffentliche Gebäude, zum Beispiel Kaufhäuser, Kinos, und so weiter, auch von empfindlichen oder bereits sensibilisierten Personen betreten werden, wird dringend empfohlen, im Sinne des Verbraucherschutzes dort Riech- und Aromastoffe nicht zu verwenden. (7)

Die bei Überschriften einer Pressemitteilung des Umweltbundesamtes vom 15.07.2004 lautete:

Duftstoffe nicht wahllos einsetzen

UBA, Industrie und Verbände bei Kriterien einig: gesundheitliche Unbedenklichkeit, Umweltverträglichkeit und Rücksicht auf empfindliche Personen.

Die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA, setzte Juni 2010 ebenfalls ein unübersehbares Zeichen. Eine Konferenz mit mehr als 300 Experten zum Thema Asthma, wurde duftfrei ausgerichtet. Die EPA teilte in der Einladung mit: (10)

Asthma-freundliche Umgebungen sind unsere Aufgabe – Bitte helfen Sie uns, eine duftstofffreie Veranstaltung zu ermöglichen, indem Sie duftfreie Körperpflegemittel verwenden und auf Parfüms und andere Reizstoffe verzichten.

Anzeige wegen Aufforderung zu vorsätzlicher Körperverletzung

Um dem vorzugreifen, dass in Deutschland tatsächlich eine solche „Deo-Pflicht“ in mittelständische Betrieben eingeführt wird und Chemikaliensensible, wie auch andere sensibilisierte Menschen, unnötigerweise gesundheitlichen Schaden davontragen, hat eine chemikaliensensible Frau aus Berlin gleich nach Bekanntwerden Anzeige erstattet. Für sie ist dieses angestrebte Unterfangen u.a. eine Aufforderung zu vorsätzlicher Körperverletzung, Diskriminierung von Behinderten und Nötigung. Andere MCS-Erkrankte signalisierten, dass sie nachziehen wollen, wenn die „Deo-Pflicht“ tatsächlich näher in Betracht gezogen werden sollte. Wie Schadenfälle ausgehen, konnte in den USA mehrfach beobachtet werden. In Detroit gewann eine Arbeitnehmerin einen Prozess, in dem sie nicht nur 100 000$ Schadensersatz erhielt, sondern der auch dazu führte, dass nun alle Behörden in der Stadt ein Duftstoffverbot eingeführt haben. (11)

Weit hergeholt ist die Einschätzung der Frau, die selbst unter schwerer MCS leidet, nicht, ganz im Gegenteil, denn dass Menschen mit MCS durch Duftstoffe schon in geringen Konzentrationen schwerste Reaktionen erleiden, ist bekannt und durch Studien zweifelsfrei dargelegt. Selbst eine Einschränkung der Hirnfunktion nach kurzzeitiger Duftstoffexposition konnte bei MCS Patienten im Jahr 2009 von spanischen Wissenschaftlern nachwiesen werden. (12)

Es bleibt abzuwarten, ob und wie der Staatsanwalt im aktuellen Fall die Gefahr einschätzt, die durch Freisetzung von erheblichen Mengen von Deo-Spray entsteht. Dass nicht ausschließlich die Gesundheit von Menschen gefährdet wird, sondern auch die Außenluft, die jeder zwangsläufig atmen muss, dadurch kontaminiert wird, wurde durch ein Gerichtsurteil in Kalifornien offenkundig. In diesem umweltbewussten US-Bundesstaat musste im März 2010 ein Deo- Hersteller über eine Million Dollar Strafe wegen Luftverschmutzung zahlen und erhielt erhebliche Auflagen. (13)

Körperpflege statt Deo-Zwang

Duftstoffe lassen unangenehmen Körpergeruch nicht verschwinden, sie sind ausgelegt, ihn zu überdecken und addieren ganz einfach Chemikalien oder duftende Substanzen hinzu. Das kann schnell zu einem unangenehmen Geruchsmix führen, vor allem wenn Kleidung nicht gepflegt ist und die Körperhygiene vernachlässig wurde. Eine noch bedenklichere Variante sind 24h oder 48h Antiperspirants, sie unterdrücken das Schwitzen, was auf Dauer sehr ungesund ist und in wichtige Regulationsmechanismen des Körpers eingreift. Tägliche Körperpflege, sorgsame Reinigen der Kleidung und gute Lüftung in Innenräumen sind nahezu immer im Stande, unangenehme Körpergerüche im Rahmen des Erträglichen zu halten.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 13. Juli 2010

Literatur:

  1. Focus, Deopflicht, Wer stinkt fliegt raus, 6.7.2010
  2. Silvia K. Müller, Das Geheimnis von Parfüms, Studie findet Chemikalien, CSN, 12.05.2010
  3. Skin Deep, Safety guide to cosmetics and personal care products, Environmental Working Group, 2010
  4. Silvia K. Müller, Bevölkerung durch Duftstoffe und Parfums gesundheitlich beeinträchtigt, CSN, 02.04.2009
  5. Süddeutsche, Duftforschung – Gerüchen kann man nicht entkommen, 22.6.2010
  6. Silvia K. Müller, Synthetische Duftstoffe stellen für 20% der Angestellten ein Gesundheitsrisiko dar, CSN Blog, 16. 09.2008.
  7. Umweltbundesamt, Duft- und Aromastoffe nicht unüberlegt in Innenräumen einsetzen, 14.04.2000.
  8. Umweltbundesamt, Pressemeldung 34/2004, Ein unterschätztes Problem: Umweltbedingte Kontaktallergien, 22.04.2004
  9. Umweltbundesamt, Duftstoffe nicht wahllos einsetzen, 15.07.2004
  10. Silvia K. Müller, EPA Konferenz plädiert zur Rücksichtnahme auf Asthmatiker, 17.06.2010
  11. Silvia K. Müller, Vergleich bei Gericht: 100 000$ Entschädigung und Duftstoffverbot bei Behörden, CSN, 15.03. 2010
  12. Orriols R, Costa R, Cuberas G, Jacas C, Castell J, Sunyer J., Brain dysfunction in multiple chemical sensitivity, J Neurol Sci. 2009 Oct 2.
  13. Silvia K. Müller, Luftverschmutzung durch Deo. Hersteller muss 1,3 Millionen Dollar Strafe zahlen, 17.03.2010

Hilferuf – Junge Frau in Lebensgefahr

Versprühen von Pestiziden bringt junge chemikaliensensible Frau in Not

Elvira Roda lebt in der spanischen Region Valencia und ist in großer Not, ihre Familie und Freunde bitten um internationale Hilfe. Die 35-jährige Frau leidet unter MCS-Multiple Chemical Sensitivity. Dort, wo sie wohnt, sind durch die feuchte Hitze vermehrt Ungeziefer und Moskitos aufgetreten. Die Gemeinde lässt zur Eindämmung die Bäume und Straßenränder mit hochgiftigen Organophosphat-Pestiziden besprühen (Siehe Video in der Mitte der Webseite um einen Eindruck von der Sprühaktion zu bekommen). Diese Nervengifte sind für Menschen und Tiere sehr schädlich.

Elviras Familie hat am 1. Juli 2010 eine Petition verfasst und bitte um internationale Unterstützung.

Behandlungserfolg von Spezialklinik vernichtet, stattdessen Lebensgefahr

Ein Klinikaufenthalt in der besten Umweltklinik weltweit, dem Environmental Health Center Dallas, hatte Elvira körperliche Stabilität und ihrer Familie Hoffnung zurückgegeben. Ihr Fall wird von den Medien seit einiger Zeit begleitet.

Die junge Frau, die schon von geringen Spuren von Parfüms schwere Reaktionen bekommt, ist in letzter Zeit bereits mehrfach zusammengebrochen. Der Grund sind hochtoxische Pestizide der Organophosphatklasse, die von der Gemeinde vor ihrem Haus ausgebracht werden. Diese Pestizide sind für Sie ganz besonders gefährlich, weil sie ein bestimmtes Entgiftungsenzym lahmlegen und der Körper sich dadurch selbst vergiftet.

Im Moment wird Elvira täglich ans Meer gebracht. Es ist schwierig für sie, weil sie unter anderem unter schwerer Lichtempfindlichkeit, Spasmen, einem kapitalen Immunschaden und Fibromyalgie leidet. Dort verbringt sie den ganzen Tag, obwohl es ihr gesundheitlich so schlecht geht, dass sie im Bett liegen müsste. Es gibt keine andere Lösung, es ist die einzige Möglichkeit, um sie davor zu bewahren, dass sie den gefährlichen Giften ausgesetzt ist. Ein Notfallquartier gibt für Chemikaliensensible in Spanien nicht, genaussowenig wie in anderen Ländern.

Junge Frau in Lebensgefahr, wegen Uneinsichtigkeit der Gemeinde

Die Eltern von Elvira haben ihr eine „Bubble“ gestaltet – ihr Wohnraum ist schadstofffrei gestaltet, so dass die 35-jährige normalerweise gut zurechtkommt. Sie hat dort eine Sauna um zu entgiften, es ist alles da, damit Elvira Zuhause eine Oase hat, wo sie sicher ist. Doch das war einmal, jetzt versprüht die Gemeinde toxische Pestizide bis wenige Meter vor das Haus. Die Bäume werden mit einem Sprühwagen von oben bis unten eingenebelt.

Die Familie hat der Gemeinde mitgeteilt, in welche Gefahr diese Maßnahmen die junge Frau bringen, vergebens. Man teilte mit, dass man vor dem Versprühen der Pestizid Bescheid sagen wolle. Viel nutzt das nicht, denn die Aerosole dringen auch durch die abgedichteten Fenster und Türen des Apartments, in dem Elvira normalerweise Tag und Nacht ist. Organophosphatpestizide bleiben einige Zeit aktiv, das bedeutet, dass sie je nach Art mehrere Tage bis mehrere Wochen ausgasen. Gefährdet sind durch diese Pestizide nicht nur Chemikaliensensible, sondern jeder, der im Umfeld wohnt, ganz besonders natürlich Babys und Kinder, deren Entgiftungs- und Immunsystem noch nicht voll leistungsfähig ist. Das Hauptzielorgan für Organophosphatpestizide ist das Nervensystem, doch sie wirken auch schädigend auf das Immunsystem und sind im Fall von bspw. Chlorpyrifos dafür bekannt, MCS auszulösen.

Petition zur Unterstützung von Elvira Roda

Um das Versprühen der Pestizide zu stoppen, hat die Familie von Elvira eine Petition an den Stadtrat von Alboraya geschrieben. Jeder kann diese Petition mitunterzeichnen und einen Kommentar abgeben. Es ist wichtig, dass Elvira internationale Hilfe erhält. Die Familie bitte den Aufruf auch auf Facebook, in Newsgruppen und auf Twitter zu verbreiten.

Petition für Elvira Roda: http://www.gopetition.com/online/37492.html

Unterzeichnen und einen Kommentar abgeben kann man hier:

http://www.gopetition.com/online/37492/sign.html

Gebt Elvira Unterstützung, Kraft und Hoffnung

Informationen über Elvira können auf ihrer Webseite ElviraRoda eingesehen werden, die ihre Familie für sie errichtet hat. Dort kann man sich über den Stand der Dinge informieren.

Eine nette menschliche Geste wäre, wenn viele an Elvira und ihre Familie schreiben und Mut zusprechen (ganz gleich in welcher Sprache, Englisch und Spanisch sind vorzugsweise zu verwenden. Andere Sprachen werden per Computerprogramm übersetzt). Die Situation, in der sich Elvira im Moment befindet, kann jeden treffen, der unter MCS leidet.

Da Elvira auch unter Elektrosensibilität leidet, kann sie zwar nicht selbst antworten, bekommt aber alle Briefe vorgelesen. Elvira wird versuchen, Kontakt über ihre Webseite zu halten. Sie schreibt handschriftlich auf Papier, und die Familie und Freunde aktualisieren die Seite. Es kann unter Umständen etwas dauern, bis Informationen online gehen, weil sich alle intensiv um die junge Frau kümmern müssen.

Alles Gute für Elvira!

Wir wünschen Elvira viel Kraft und dass von Seiten des Stadtrates schnell Verständnis eintritt und man zu ungiftigen Schädlingsbekämpfungsmethoden übergeht, das wäre zum Wohle aller Bewohner der spanischen Stadt. Alternativen gibt es.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 11. Juli 2010

Weitere CSN Berichte über MCS Patienten in Not

Studie aus Rom bestätigt hypothetische Theorie von Multiple Chemical Sensitivity

Dr. Martin Palls MCS-Theorie wurde bestätigt

Portland, Oregon – 5. Juli 2010 – Der vom Biochemiker Martin L. Pall vorgeschlagene physiologische Mechanismus für Multiple Chemical Sensitivity ist durch die neusten Ergebnisse einer unabhängigen Forschergruppe in Rom bestätigt worden.

Multiple chemische Sensitivität (MCS) oder auch als Chemikaliensensitivität und Schadstoff- induzierter Toleranzverlust TILT (toxicant-induced loss of tolerance) bekannt, ist eine Erkrankung, die durch chemische Schädigung ausgelöst wird, zu toxischen Hirnverletzungen führt und eine hochgradige Empfindlichkeit für die selbe Gruppe von Chemikalien hervorruft, welche an der Entstehung der Erkrankung beteiligt sind. Oft treten Empfindlichkeitsreaktionen auch in anderen Körperbereichen auf.

„Epidemiologische Studien zeigen, dass MCS eine Erkrankung ist, die erstaunlich häufig vorkommt, häufiger sogar als Diabetes“, sagte Pall, Professor Emeritus für Biochemie und Medizinische Grundlagenforschung an der Washington State University. „Meine Bestandsaufnahme der Literatur und andere Forschungen, die ich während den vergangenen elf Jahren unternommen habe, zeigen, dass der mögliche Hauptmechanismus von MCS ein fataler biochemischer Mechanismus ist, den man als NO/ONOO-Zyklus kennt.“

Palls wissenschaftliche Arbeit wird in zahlreichen Büchern und Artikeln publiziert. Sein aktuellster Beitrag ist ein Kapitel des internationalen Standard-Nachschlagewerkes für Berufs-Toxikologen, ‚Allgemeine und angewandte Toxikologie‘, 3. Ausgabe 2009.

Der NO/ONOO-Zyklus

Der ’no-oh-no‘ ausgesprochene NO/ONOO-Zyklus ist nach den chemischen Strukturen von Stickoxid (NO) und Peroxynitrit (ONOO-) benannt. Dieser biochemische unheilvolle Kreislaufmechanismus legt nahe, dass alle in diesem Zyklus miteinander agierenden Elemente bei Patienten mit MCS und ähnlichen Erkrankungen gehäuft auftreten. Das erhöhte Vorkommen der meisten Elemente dieses Zyklusses wurden bei verwandten Erkrankungen wie etwa Chronic Fatigue Syndrome, Fibromyalgie und auch in Tiermodellen von MCS nachgewiesen. Nach einigen Elementen des Zyklus wurde jedoch nie bei MCS-Patienten gesucht.

Die aktuelle von der Forschungsgruppe in Rom durchgeführte Studie ist für die NO/ONOO-Zyklus Theorie von größter Bedeutung, da sie zeigt, dass drei Elemente des Zyklus bei MCS-Patienten vermehrt auftreten (De Luca et al, Toxicology and Applied Pharmacology, 27. April 2010, online Vorabveröffentlichung vor dem Druck). Diese Elemente sind inflammatorische Zytokine, Stickoxide und oxidativer Stress. Alle hiervon erfassten Daten liefern eine wichtige Bestätigung des von Pall vorgeschlagenen Krankheitsmechanismusses.

Die Erhöhung von inflammatorischen Zytokinen und Stickoxiden wurden nie zuvor bei MCS-Patienten nachgeprüft, obwohl ihre Zunahme in MCS-Tiermodellen nachgewiesen wurde. Oxidativer Stress wurde in zwei früheren Studien an MCS-Patienten berichtet, doch die mit der Studie von De Luca und anderen bereitgestellten Daten sind sehr viel ergiebiger als die alten Daten. Deshalb sind alle diese neuen Daten eine wichtige Bestätigung des NO/ONOO-Zyklus als Hauptmechanismus für MCS.

Der NO/ONOO-Zyklus hilft auch zu verstehen, wie toxische Chemikalien wirken und wie die Behandlung funktioniert. Jede der sieben Chemikalien-Kategorien, die bei MCS eine Rolle spielen, bewirken demnach indirekt eine Erhöhung der Aktivität der NMDA-Rezeptoren, Glutamatrezeptoren zur Kontrolle der synaptischen Plastizität und der Gedächtnisfunktion. Diese Aktivität führt wiederum zum schnellen Anstieg von interzellulärem Kalzium (Ca2+), Stickoxid und Peroxynitrit (ONOO-), was den NO/ONOO-Zyklus extrem anfeuert.

„Viele der von umweltmedizinischen Ärzten eingesetzten Wirkstoffe, um MCS-Patienten zu behandeln, kann man so verstehen, dass sie verschiedene Anteile des Zyklus verringern – und sie werden somit teilweise durch diesen Mechanismus bestätigt“, sagte Pall. „Deshalb kann der NO/ONOO-Zyklus als Bestätigung der therapeutischen Ansätze der Umweltmedizin in den USA, in Deutschland und anderen Regionen Europas und in ein paar anderen Ländern angesehen werden.“

Literatur:

Martin L. Pall, Release: Predictions of Multiple Chemical Sensitivity Mechanism Confirmed by Roman Study, Portland, OR, July 5, 2010

Übersetzung: BrunO für CSN – Chemical Sensitivity Network

Kontakt:

Martin L. Pall, PhD
Professor Emeritus für Biochemie und Medizinische Grundlagenforschung
Washington State University
(1*) 503-232-3883
martin_pall[at]wsu.edu

Homepage (engl.): www.thetenthparadigm.org

Deutsche Homepage: www.martinpall.info

Übersetzung des Abstract der zugrundeliegenden Studie

Biologische Definition von Multiple Chemical Sensitivity mittels Redoxzustand und Zytokin-Profilen und nicht durch Polymorphismen [Genvarianten] fremdstoffmetabolisierender Enzyme

De Luca C, Scordo MG, Cesareo E, Pastore S, Mariani S, Maiani G, Stancato A, Loreti B, Valacchi G, Lubrano C, Raskovic D, De Padova L, Genovesi G, Korkina LG.

Labor für Tissue Engineering & Haut-Pathophysiologie, Dermatologisches Institut (IDI IRCCS), Rome, Italy, Toxicol Appl Pharmacol. 2010 Apr 27.

Zusammenfassung:

Hintergrund: Multiple Chemical Sensitivity (MCS) ist ein klinisch und biologisch dürftig definiertes umweltbedingtes Syndrom. Obwohl man Funktionsstörungen von Phase I/Phase II  Stoffwechselenzymen und ein Redox-Ungleichgewicht angenommen hatte, wurden entsprechende Parameter der Genetik und des Stoffwechsels für MCS nicht systematisch untersucht.

Grundsätze: Wir suchten nach genetischen, immunologischen und metabolischen Markern für MCS.

Methoden: Wir unterschieden das Erbgut von Patienten mit MCS-Diagnose, vermuteter MCS und von gesunden italienischen Kontrollgruppen nach allelischen Varianten von Cytochrome P450 Isoformen (CYP2C9, CYP2C19, CYP2D6, und CYP3A5), UDP-Glucuronosyltransferasen (UGT1A1), und Glutathion S-transferasen (GSTP1, GSTM1, und GSTT1). Erythrozytenmembran-Fettsäuren, Anitoxidanten (Katalase, Superoxid-Dismutase (SOD)) und Glutathion metabolisierende Enzyme (GST, Glutathionperoxidase (Gpx)), Chemilumineszenz im Vollblut, gesamt-antioxidative Kapazität, Nitrit/Nitrat-Werte, Glutathion, HNE-Protein Addukte, und ein großes Spektrum von Zytokinen im Plasma wurden bestimmt.

Ergebnisse: Allele und Genotypfrequenzen von CYPs, UGT, GSTM, GSTT, und GSTP waren bei den italienischen MCS-Patienten und in der Kontroll-Bevölkerung ähnlich. Die Aktivitäten von Katalase in den Erythrozyten und GST waren niedriger, während Gpx höher als normal war. Oxidiertes wie auch reduziertes Glutathion war verringert, während Nitrite/Nitrate in den MCS-Gruppen erhöht waren. Das Fettsäuremuster bei MCS Patienten war zum gesättigten Kompartiment verschoben und IFNgamma, IL-8, IL-10, MCP-1, PDGFbb, und VEGF waren erhöht.

Schlussfolgerungen: Veränderte Redox- und Zytokinmuster legen eine Hemmung der Expression/Aktivität von Stoffwechsel- und antioxidativen Enzymen bei MCS nahe. Stoffwechselparameter einer beschleunigten Lipidoxidation, erhöhte Stickoxidproduktion und Glutathionabbau in Verbindung mit erhöhten imflammatorischen Zytokinen im Plasma sollten bei der Definition und Diagnose von MCS berücksichtigt werden.

Schadstoffe in der Schule: Kranke Lehrer, kranke Schüler

Ende einer Berufslaufbahn

Eine Lehrerin mit Leib und Seele, jeden Tag ging sie mit Freude zur Schule zu „ihren Kindern“. Sogar die Ferien waren ihr oft zu lang, weil sie den quirligen Schulalltag vermisste. Doch dann, nach dem Bezug einer neuen Schule, ging es gesundheitlich bergab. Zuerst hatte sie keine Ahnung, was mit ihr los war, dann war klar, dass Chemikalienaus-dünstungen im Schulneubau die Ursache waren. Letztendlich musste sie den Schuldienst aufgeben. Was sie durchlief, bis es soweit war, dass man ihr eine Frührente zubilligte, ließ die Lehrerin ihre ehemaligen Kollegen bei einem Vortrag im Rahmen einer Mitgliederehrung für ihre 25-jährige Mitgliedschaft in der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) erfahren:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wenn ich hier mit Maske vor euch stehe, so ist das aufgrund meiner „umweltmedizinischen“ Diagnosen, die Folge einer Schadstoffexposition, der ich nach Bezug des Schulneubaus meiner ehemaligen Grundschule ausgesetzt war. Bis zu meiner Dienstunfähigkeit und Frühpensionierung habe ich dort fast 30 Jahre lang unterrichtet.

Das Krankheitsbild, das bei mir in vielen Situationen des täglichen Lebens das Tragen einer Maske erforderlich macht, heißt: MCS (Multiple Chemical Sensitivity). Diese Multiple Chemikalien-Sensitivität ist ein Krankheitsbild der „chronischen Multisystemerkrankungen“.

Laut WHO wird „MCS“ geführt unter dem Code: ICD- 10 T 78.4, gehört somit zu „organischen“ und nicht zu „psychischen“ Erkrankungen, wie dies von Gesundheitsämtern und den von ihnen favorisierten Vertretern der „klinischen“ Umweltmedizin der „universitären“ Ambulanzen immer wieder behauptet wird.

MCS ist eine „Hypersensibilität“ gegenüber geringsten Konzentrationen von Chemikalien im Alltag, wie z.B. Lösemitteln, Desinfektionsmitteln, Rasierwasser, Parfüms, Duftstoffen, duftstoffhaltigen Kosmetika und Haushaltsreinigern, Weichspülern, Pestiziden, frischer Farbe, Zigaretten-rauch, Autoabgasen und zahlreichen Produkten auf petrochemischer Basis.

Bestimmte Chemikalien können bei Betroffenen bereits bei geringster Konzentration leichte bis lebensbedrohliche Symptome auslösen.

Häufige Reaktionen nach dem Kontakt mit Chemikalien sind z.B.:

Kopfschmerzen, Migränen, Schwindel, starke Konzentrationsstörungen, Orientierungsprobleme, brennende Augen, Hautreaktionen, Atembe-schwerden, Magen-Darmschmerzen, Übelkeit, Muskel-Gelenkschmerzen, Herzrhythmusstörungen (Herzrasen), Schüttelfrost, Zittern, Krämpfe (auch der Gefäße), Fieberschübe, Gefäßentzündungen, ausgeprägte Erschöpfung oder sogar Bewusstseinsverlust (z.B. nach Kontakt mit Parfümduft)

In einem Filmbeitrag (2008) zum Krankheitsbild „MCS“ :

„ 37 Grad – Ich kann dich nicht riechen“ war auch ein Beitrag von einer ehemaligen Schülerin einer Grundschule, namens Lia:

In diesem Beitrag wurde u.a. erwähnt:

Fast die Hälfte des letzten Jahres musste die 14-jährige Lia im Bett verbringen. Ihre Grundschule hat sie krank gemacht, davon sind sie und ihre Eltern überzeugt. Bis die Klasse in ein neues Gebäude umzog, war Lia ein kerngesundes Kind.

Dort gasten schädliche Stoffe aus, viele Kinder waren davon betroffen. Darunter auch Lia. Die Eltern nahmen sie schließlich per Gerichtsbeschluss von der Schule. Bis heute leidet das Mädchen an einer schweren Nervenentzündung und verträgt weder Parfum noch Reinigungsmittel.

LIA sagte: „Ich fühle mich wie ein normaler Mensch, nur dass ich nicht so leben kann.“

Wenn ich trotz meiner Umwelterkrankung redend vor euch stehe, so verdanke ich das der vielfältigen Hilfe, die ich durch die GEW erfahren habe.

Zum einen durch die anfängliche Unterstützung durch die GEW im Kreis.

Damals zeigte sich schon, dass diese Unterstützung den Verantwortlichen ein Dorn im Auge war. Infoblätter und Plakate bezüglich der Problematik der Schadstoffbelastungen im Schulgebäude wurden erst gar nicht aufgehängt oder weitergegeben oder sie wurden von der Schulleitung kurz nach dem Aufhängen wieder entfernt. Während dieser Zeit soll sogar der damalige Schulleiter aus Protest aus der GEW ausgetreten sein.

Besonders große Hilfe habe ich vor allem durch den Landesverband der GEW-NRW, insbesondere durch die Arbeitsgruppe Arbeits- und Gesundheitsschutz (AG AG) bekommen, die hoffentlich auf dem kommenden Gewerkschaftstag in ein Referat übergeleitet wird.

Denn die Kolleginnen und Kollegen der AG AG haben mir und anderen schadstoffgeschädigten Kolleginnen und Kollegen der Schule auf vielfache Weise geholfen, vor allem haben sie uns geholfen, unsere Angst abzulegen und uns zu wehren.

Erschreckend ist, dass seit Bezug des Schulneubaus ständig Lehrerinnen und Lehrer und vor allem auch Schülerinnen und Schüler erkranken.

Bisher haben wir Betroffenen Mobbing, Verleumdungen, Diffamierungen, Psychiatrisierungen, Falschgutachten und viele Niederlagen einstecken müssen.

Wir hoffen trotzdem, dass endlich das unserer Meinung und unserer tagtäglichen Erfahrung nach von einigen Verantwortlichen errichtete Lügengebäude zusammenbricht, das aus „schadstoffgeschädigten“ Menschen „psychisch“ Erkrankte macht.

Mit Hilfe der AG AG haben wir, d. h. die vielen schadstoffgeschädigten Lehrerinnen und Lehrer in NRW (und darüber hinaus), ein Netzwerk, eine Selbsthilfegruppe aufgebaut.

Wir unterstützen uns gegenseitig durch Rechtsauskunft, vor allem aber durch Hinweise auf kompetente Ärztinnen und Ärzte und auf therapeutische Maßnahmen.

Indem wir uns gegenseitig Mut zusprechen und informieren, haben wir die Angst verloren, die uns vorher gelähmt hat, die Angst, dass wir nichts machen können und dass wir von dem guten Willen der Obrigkeit abhängen.

Als Lehrerinnen und Lehrer ohne diese Angst bringen wir uns ständig gegenseitig bei, unser Leben – trotz aller gesundheitlichen Schädigungen – selbst in die Hand zu nehmen und auch unsere Therapien – mit Hilfe von Ärztinnen und Ärzten, die Kenntnis von unseren Krankheitsbildern haben und uns Verständnis entgegenbringen – selbständig zu gestalten.

Kurz: Im Laufe meiner 25jährigen Mitgliedschaft in der GEW habe ich viel Solidarität erfahren und konnte selbst vielfältig solidarisch sein.

Ich danke für eure Aufmerksamkeit.

Autoren: Silvia K. Müller zusammen mit einer ehemaligen Lehrerin, deren Namen ungenannt bleiben muss, CSN – Chemical Sensitivity Network, 5. Juli 2010

Weitere CSN Artikel über Schadstoffe in Schulen:

Gemeinsame weltweite Aktion richtet Augenmerk auf MCS

Als Monique van der Broek auf Facebook ihre Idee für eine gemeinsame Aktion vorschlug, hatte sie zwar Hoffnung, dass sie einige MCS-Aktivisten und Organisationsleiter gewinnen könnte mitzumachen, aber dass der Erfolg so groß sein würde, das hatte die Holländerin nicht erwartet. Ihre Idee bestand darin, dass chemikaliensensible Menschen von überall auf der Welt ihre Geschichte in kurzen Worten an Oprah Winfrey schreiben sollten. Die wohl bekannteste Show-Moderatorin soll dadurch dafür gewonnen werden, MCS-Multiple Chemical Sensitivity zum Thema ihrer Show zu machen. Die Oprah Winfrey Show wird von Millionen und Abermillionen Menschen auf der ganzen Welt angeschaut.

Monique van der Broek:

Als ich die Oprah Kampagne startete, hoffte ich, dass mir ein paar Länder helfen würden, an Oprah zu schreiben. Ich habe in meinen kühnsten Träumen nicht daran gedacht, dass ich Reaktionen von so vielen Menschen mit MCS bekommen würde. Menschen, die alle so zielgerichtet und stark sind…

Ich fand heraus, dass diese Menschen erfahrene Experten sind. Sie alle wissen und sind davon überzeugt, dass MCS eine körperlich bedingte Krankheit ist. Viele von ihnen folgen zum Überleben ihrem Instinkt; sie leben so gesund sie nur können; vermeiden Chemikalien. Aus den Berichten der Chemikaliensensiblen konnte ich feststellen, dass ganz gleich wo auf unserer Welt sie leben, ihre Symptome nahezu exakt die Gleichen sind.

Viele schickten mir eine Kopie ihrer Geschichte, die sie an Oprah gemailt hatten. Ihr könnt mir glauben, die Geschichten dieser Menschen ließen mich oft weinen in den letzten Tagen. Warum? Weil ich realisierte, dass sie zumeist noch kränker als ich sind und von niemandem Hilfe erhalten. Deswegen bin ich jetzt so froh, dass ich diese Idee hatte und den Mut, sie zu unterbreiten.

Sicher möchtet Ihr gerne wissen, wo die Menschen her sind, die sich an der Oprah Kampagne beteiligten. Es ist enorm, es waren Chemikaliensensible aus den USA, Kanada, Alaska, Grönland, Schweden, Finnland, Deutschland, Schweiz, Italien, Belgien, Frankreich, Spanien, Japan, Australien, Neuseeland und vielen anderen Ländern, die sich beteiligt haben. Der Tag ist noch nicht vorbei, es kommen ständig weitere Mails bei mir an und jeder, der im Moment zu krank ist oder es irgendwie nicht geschafft hat, kann immer noch schreiben in den nächsten Tagen. Bittet andere Euch zu helfen.

An dieser Stelle möchte ich die Möglichkeit nutzen, allen, die mitgemacht haben, von ganzem Herzen danken. Von nun sollten wir versuchen, weiter zusammen für die Rechte der MCS-Kranken zu kämpfen. Auch möchte ich es nicht versäumen, auf diesem Wege jedem anraten, der etwas bewegen möchte, dass er sich an erfahrene Organisationen in anderen Ländern wendet und um Mithilfe bittet bei einer Kampagne. Wir sollten Berichte, Informationen, Rechtsprechung und Vorgehensweisen austauschen und gemeinsam Wege finden, die dazu dienen, den MCS-Kranken zu helfen. Wir haben uns weltweit die Hände gereicht, wir haben eine starke Kette gebildet – die nicht mehr zu zerteilen ist. Die nächsten gemeinsamen Schritte der MCS-Community sind bereits in Planung.

Autoren: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network und Monique van der Broek, 4. Juli 2010

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