Archiv der Kategorie ‘Gefahren durch Alltagschemikalien‘

Brustkrebs bei Männern: Studie findet Berufe als Ursache und Chemikalien als Risikofaktor

KFZ Mechaniker besonders gefährdet

Brustkrebs ist bei Männern eine seltene auftretende Erkrankung mit bislang weitgehend unbekannter Ätiologie. Neben genetischen und hormonellbedingten Risikofaktoren stehen eine große Anzahl von Umweltchemikalien in Verdacht, bei Brustkrebs eine Rolle zu spielen. Eine Wissenschaftlergruppe des CESP – INSERM, ein französisches, staatliches Institut für Gesundheit und medizinische Forschung, führte eine Studie zur Identifizierung von Berufen oder beruflichen Chemikalienexpositionen durch, um verstärktes Auftreten von Brustkrebs bei Männern und auslösende Mamma-Karzinogene in der Umwelt zu ermitteln. Das Studienergebnis enthüllte, dass bei sechs Berufsgruppen ein erhöhtes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, vorliegt.

Multizentrische Studie sucht Krebsauslöser

Um eine möglichst repräsentative Bewertung berufsbedingter Risikofaktoren für Brustkrebs bei Männern durchzuführen, wurde eine multizentrische Fall-Kontroll-Studie durchgeführt. An der Studie nahmen acht europäische Länder teil. Die Wissenschaftler bezogen 104 Brustkrebsfälle ein, die mit 1901 Kontrollpersonen abgeglichen wurden. In einem persönlichen Anamnesegespräch ermittelten sie, welche einzelnen Berufe die Probanden während ihres Arbeitslebens ausgeführt hatten. Ergänzend wurden die jeweiligen beruflichen Expositionen gegenüber endokrinwirksamen Substanzen (Alkylphenolharz Verbindungen, Phthalate, polychlor- ierte Biphenyle und Dioxine) von sachkundigen Experten bei jedem einzelnen Studienteilnehmer bewertet.

Automechaniker besonders gefährdet

Die Inzidenz (Anzahl der Neuerkrankungen) für Brustkrebs bei Männern trat besonders verstärkt bei Kfz-Mechanikern hervor (OR 2.1, 95% CI 1.0 bis 4.4) und ging mit einer Dosis-Wirkungs-Beziehung über die Dauer der Beschäftigung einher. Ein verstärktes Auftreten ließ sich aber auch bei Arbeitnehmern feststellen, die einen der nachfolg- enden Berufe ausübten:

  • Papierhersteller
  • Maler
  • Arbeiter in der Forst-und Holzwirtschaft
  • Angestellte in Gesundheits- und Sozialberufen
  • Arbeiter in der Möbelherstellung

Das Quotenverhältnis für die Exposition gegenüber Alkylphenolharz-Verbindungen über dem Mittelwert war 3,8 (95% CI 1,5-9,5). Diese Verbindung blieb nach Adjustierung des Signifikanzniveaus für berufliche Exposition gegenüber anderen umweltbedingten Östrogen bestehen.

Bestimmte Chemikalien lösen Brustkrebs bei Männern aus

Die Studienergebnisse legen nach Aussage der Wissenschaftler nahe, dass einige Umweltchemikalien mögliche Mamma-Karzinogene darstellen. Insbesondere Benzin, organische petrochemische Lösemittel oder polyzyklische aromatische Kohlenwas- serstoffe stehen für die Wissenschaftler in Verdacht, weil sie zu konsequent erhöhtem Risiko für männlichen Brustkrebs bei Kraftfahrzeugmechanikern führten. Auch endokrine Disruptoren wie Alkylphenolharz-Verbindungen können, gemäß den Stud- ienergebnissen, bei Brustkrebs eine Rolle spielen.

Die CESP – INSERM Studie wurde am 25. August 2010 in der medizinischen Fach- zeitschrift Occupational Environmental Medicine veröffentlicht.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 30. August 2010.

Literatur:

Villeneuve S, Cyr D, Lynge E, Orsi L, Sabroe S, Merletti F, Gorini G, Morales-Suarez-Varela M, Ahrens W, Baumgardt-Elms C, Kaerlev L, Eriksson M, Hardell L, Févotte J, Guénel P., Occupation and occupational exposure to endocrine disrupting chemicals in male breast cancer: a case-control study in Europe, CESP – INSERM (National Institute of Health and Medical Research), Villejuif, France, Occup Environ Med., Aug 25, 2010.

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Haben Schüler mit Chemikalien-Sensitivität an deutschen Schulen eine Chance?

Die möglichst breite Integration Behinderter ist Ziel aller Länder, die zu den Unterzeichnern der UN-Behindertenkonvention gehören. In Deutschland besitzt dieses völkerrechtlich verbindliche Dokument seit März 2009 Gültigkeit. Spätestens seitdem sollten Bestre- bungen laufen, dass behinderte Kinder eine Schulbildung erhalten, die möglichst keine Benachteiligung gegenüber Nichtbehinderten aufweist. Keine Behinderung soll und darf gemäß der UN-Konvention einer anderen Behinderung gegenüber bevorzugt oder bena- chteiligt werden. MCS – Multiple Chemical Sensitivity ist in Deutschland eine anerkannte körperlich bedingte Behinderung.

In den USA und Canada gibt es eine stetig wachsende Zahl von Schulen und Univers- itäten, die Chemikaliensensible integrieren und die ihre Gegebenheiten für diese Behindertengruppe anpassen. Eine Umstellung wurde meist freiwillig, oft schon vor Jahren vollzogen. Dort kommt man mit Duftstoffverboten und durch Verwendung duft- und chemiefreier Reinigungsmittel und Vermeidung von Chemikalien den Betroffenen entgegen. Dass es Integrationsprojekte an Universitäten oder spezielle Schulen für die Gruppe der Kinder und Jugendlichen in Deutschland gibt, die unter MCS leiden, ist bislang nicht bekannt geworden.

Schüler mit MCS

CSN sind mehrere Fälle von Kindern und Jugendlichen bekannt, deren Zukunft durch ihre MCS (ICD-10 T78.4) am sogenannten seidenen Faden hängt, oder denen dadurch eine erfolgreiche Zukunft verwehrt scheint. Der Grund ist der, dass sie wegen ihrer Krankheit und Behinderung keine Schule besuchen können.

Ein weiterer, kleiner Prozentsatz chemikaliensensibler Schüler in Deutschland beißt sich von einem körperlichen Zusammenbruch bis zum Nächsten durch. Deren Eltern berichten, dass ihr Kind je nach Reaktionsschwere Stunden, Tage bis Monate in der Schule fehlt. Den Lernstoff versuchen sie Zuhause nachzuholen, was natürlich nur bedingt durchführbar ist. Oft gibt es Ärger mit der Schule oder Schulbehörde. Ob das „Durchhalten“ dieser Schüler bis zum Schulabschluss im Einzelnen möglich sein wird, hängt von der Rücksichtnahme der Schule, den Mitschülern und Faktoren ab, ob eine Schule weitgehend schadstofffrei ist oder nicht. Die Intelligenz völlig zu entfalten zu können, ist realistisch betrachtet, für keinen dieser Schüler möglich.

Thommy’s MCS Blogfrage der Woche:

  • Wie steht es um die schulische Integration von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die chemikaliensensibel sind?
  • Wird Kindern mit MCS in Deutschland eine Chance in Punkto Schulbildung eingeräumt?
  • Gibt es Leitlinien für den Umgang mit chemikaliensensiblen Schülern an einer normalen Schule oder die Integration von Kindern mit MCS?
  • Gibt es Schulen in Deutschland, die auf Kinder mit MCS eingehen?
  • Haben deutsche Behörden in irgendeiner Form Ansätze gezeigt, Schülern mit MCS eine Schulausbildung zu ermöglichen?
  • Wird für Schüler, die unter MCS leiden, z.B. kostenlose Beschulung per Internet bereitgestellt?
  • Was müsste sich an Schulen ändern, damit chemikaliensensible Schüler und Lehrer erfolgreich an normalen Schulen integriert werden können?

Die paradoxe dänische MCS-Hilfe

Fortsetzungsserie: „Dänisches MCS-Forschungscenter im internationalen Blickfeld“

Teil III: Paradoxon – Dänischen MCS-Kranken wird mangels wissenschaftlicher Dokumentation, an der niemand Interesse hat, Hilfe verweigert!

Bis 2008 war es in Dänemark für lokale Behörden üblich, schwer an MCS Erkrankten entsprechend Paragraph 122 des Sozialrechts kostenlos Hilfsmittel zu gewähren, indem sie diesen Halbgesichts-Atemmasken mit Aktivkohlefilter zugestanden. 2008 wurde der Antrag einer schwer MCS Erkrankten für eine Atemmaske von den Behörden ihres Wohnortes abgelehnt. Dieser Fall endete vor der Dänischen Beschwerdeinstanz, welche die Ablehnung mit folgender Begründung aufrecht erhielt:

“… die chronische Manifestation der Erkrankung (MCS) und ihre Ursachen sind medizinisch nicht dokumentiert, es mangelt an Diagnosekriterien und Behandlungsmethoden, gleichermaßen gibt es keine medizinische Belege, dass eine Maske für das Funktionieren in ihrem täglichen Leben ein wirksames Hilfsmittel darstellt.”

Nach diesem Vorfall wurden zahlreichen MCS-Betroffenen von den lokalen Behörden ebenfalls die Bewilligungen der mit Filtern versehenen Atemmasken mit Verweis auf die obige Entscheidung gestrichen. Zugleich gibt es in Dänemark keine einzige Krankenhausabteilung, die dafür da ist, diese Gruppe schwer an MCS Erkrankter zu untersuchen, zu diagnostizieren, zu behandeln und/oder zu beraten. Alle Gerichts- instanzen verweisen auf das Forschungszentrum für Chemikalienempfindlichkeiten in Kopenhagen, das 2006 mit minimaler Mittelausstattung eingerichtet wurde, das sich aber selber nicht mit MCS-Patienten befasst, außer sie als Versuchs-Kandidaten im Promotionsstudium und in Projekten einzusetzen.

Das Forschungszentrum verweigert die Erforschung der Auswirkung von Atemschutzmasken auf die von MCS betroffene Bevölkerung

Nach dem Rechtsspruch der dänischen Beschwerdeinstanz wandte sich eine große Zahl MCS-Erkrankter an das Forschungszentrum, damit dieses die Auswirkung von Atemschutz- masken auf die von MCS betroffene Bevölkerung dokumentiert. Diese Masken sind derzeit neben der sogenannten Vermeidungsstrategie die einzige wirksame zur Verfügung stehende Behandlungsmaßnahme für MCS- Kranke. Diese Vermeidungsstrategie führt zu sozialer Isolation und damit zum potentiellen Risiko subsequenter psychischen Beeinträchtigungen, welche sich im Leben der MCS-Betroffenen aus der Isolation von der Außenwelt ergeben. Durch das Tragen einer Atemmaske kann diese Isolation jedoch verringert werden.

Doch zum großen Erstaunen und zur Verzweiflung der MCS-Kranken erklärte das Forschungszentrum auf seiner Homepage, dass es die Wirkung von Atemschutz- masken mit Aktivkohle auf die von MCS betroffene Bevölkerung nicht untersuchen wird. Seine Argumente waren unter anderem, dass für eine Untersuchung der Wirkung von Atemschutzmasken bei MCS-Erkrankten eine klinisch kontrollierte Studie nötig wäre, und eine solche Studie müsste sowohl Placebo kontrolliert als auch doppelblind sein, damit die Ergebnisse zuverlässig und nützlich werden. Deshalb hat es für das Forschungszentrum keinen Vorrang, Forschungsmittel für die Untersuch- ung von Atemmasken auszugeben, sondern man konzentriere sich stattdessen auf mögliche Mechanismen der Erkrankung und auf anderen Behandlungsstrategien. (1)

So besteht für dänische MCS-Kranke keine Aussicht, dass jemand die für das Dänische Sozialsystem erforderliche Dokumentation in Angriff nimmt. Darum besteht keine Aussicht, Atemmasken bewilligt zu bekommen, ein Hilfsmittel, das für Erkrankte extrem lebenswichtig ist – ein verrücktes Paradoxon, dass einer modernen Wohlfahrtsgesellschaft unwürdig ist.

Stattdessen sieht das Forschungszentrum Elektroschock für MCS als interessant an

Zeitgleich zum oben Geschilderten beschäftigte sich das Forschungszentrum mit einem MCS-Kranken der zustimmte, über sechs Monate einer elektrokonvulsiven Therapie unterzogen zu werden, (zuerst acht Elektroschock-Behandlungen über drei Wochen und danach alle zwei Wochen). Auf Grundlage dieser subjektiven Evaluation mit einem MCS-”Patienten” zur Wirkung dieser elektrokonvulsiven Therapie – eine weder Placebo kontrollierte noch doppelblinde “Studie” – veröffentlichte das Forschungszentrum einen wissenschaftlichen Artikel:

“Elektrokonvulsive Therapie reduziert Symptomschwere und Soziale Behinderung bei Multiple Chemical Sensitivity: Ein Fallbericht” Elberling et al. (2)

Dieser kommt zu folgendem Ergebnis: “Für diesen Fall wurde durch eine initiale ECT Abfolge und durch eine Aufrechterhaltungsbehandlung auf die Schwere der Sympt- ome und die soziale Behinderung eine positive Wirkung erzielt. Elektro- konvulsive Therapie sollte für schwere und sozial behindernde MCS als Möglichkeit in Betracht gezogen werden, es sind jedoch weitere Studien notwendig, um zu evaluieren, ob ECT zur Behandlung von MCS empfohlen werden kann.”

Die begrenzten Forschungsmittel werden großzügig für Achtsamkeit-Therapie ausgegeben

Das Forschungszentrum plant seine sehr begrenzten Mittel auch für die Erforschung der Wirkung von Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie [MBCT] auf MCS auszu- geben.

2008 führte das Forschungszentrum gemeinsam mit dem Zentrum für Psychiatrie der Kopenhagener Uniklinik eine Pilotprojekt-Studie durch. Der Titel dieser Projektstudie lautete auf der Homepage der Universitätsklinik Kopenhagen: “Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie somatisierender Patienten, vor allem MCS-Patienten.” Dieser Titel wurde jedoch hastig zu “Die Wirkung von Achtsamkeitsbasierter Kognitiver Therapie auf Menschen mit Parfüm- und Chemikalien-Überempfindlichkeit” geändert, nachdem MCS-Kranke heraus fanden, dass das Forschungszentrum sie in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Psychiatrie für geisteskrank hält. Jesper Elberling, der damalige wissenschaftliche Leiter des Forschungszentrums wollte dies alles mittlerweile als ein “Versehen” verstanden wissen.

Zurzeit ist zur Fortsetzung des obigen Pilotprojektes ein Promotionsstudium geplant, um die Wirkung von Achtsamkeit auf die MCS-Bevölkerung zu erforschen. Dies ist offenbar eine jener Behandlungsstrategien, für welche das Forschungszentrum seine begrenzten Forschungsmittel großzügigerweise bevorzugt ausgibt, ungeachtet dessen, dass dänische MCS-Kranke dem Forschungszentrum immer wieder berichteten, dass Atemmasken eine wirkungsvolle Therapie-Strategie darstellen, während niemand jemals von MCS-Kranken gehört hat, die durch Achsamkeit-Therapie irgend eine Wirkung auf ihre MCS erfahren haben.

Wird das Forschungszentrum seiner Hartnäckigkeit treu bleiben und für diese anstehenden Forschungsarbeiten Placebo kontrollierte Doppelblind-Studien fordern?

In naher Zukunft wird das Forschungszentrum seine neue Studie über die Wirkung von der Achtsamkeit-Therapie auf MCS beginnen, und dann werden wir sehen, ob das Forschungszentrum tatsächlich seinen eigenen Anforderungen und Argumente gerecht wird, nach denen für die Beurteilung von Therapiewirkung eine klinisch kontrollierte Studie erforderlich ist, die sowohl Placebo kontrolliert als auch doppelblind sein muss, damit die Resultate verlässlich und nützlich werden.

Hoffentlich gelten diese Anforderungen nicht nur für solche Therapieformen, (Wirkungen, welche das Forschungszentrum nicht dokumentieren möchte), wie z.B. Halbgesichts -Atemschutzmasken mit Aktivkohle-Filter, die in der Tat für die meisten schwer MCS-Kranken von vitaler Bedeutung sind, und welche momentan die einzige Therapie-Strategie darstellen, Menschen die an MCS leiden, eine zeitweilige Möglichkeit zu bieten, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, und welche schwer an MCS Erkrankte als hoch wirksame Therapie-Strategie erfahren. Dieser hoch wirksamen Therapie-Strategie ermangelt es jedoch – gemäß dem Forschungs- zentrum – einer “wissenschaftlichen Dokumentation”, die offenbar niemand in Dänemark erstellen möchte.

Autor: Bodil Dam Bak Nielsen, Denmark

Englische Übersetzung: Dorte Pugliese für CSN – Chemical Sensitivity Network

Deutsche Übersetzung: 87.187.139.145@Fr 20. Aug 18:50:59 CEST 2010

Anmerkung des Übersetzers:

Den Gebrauch einer Atemschutzmaske als Therapie-Strategie zu bezeichnen mag dem Wortlaut der dänischen Gesetze geschuldet sein. Von einer Atemmaske geht aber keine therapeutische, sprich heilende Wirkung aus. Dies wäre all zu leicht in einer Placebo-kontrollierten Doppelblind-Studie zu “beweisen”, wobei der Nutzen, die Schutzwirkung vor schädlichen Expositionen, eben so leicht unterschlagen werden könnte. – Es ist noch verrückter und unwürdiger: Die Kranken müssen sich Mittel zum Schutz als Therapie erbetteln, während man ihnen adäquate Therapie verweigert, bzw. sie mit falschen bedroht. MBCT ist für Menschen, die es nicht brauchen, Psychoterror und ECT ist Körperverletzung. Zu ECT ist ein Artikel von CSN in Vorbereitung.

Fortsetzungsserie: „Dänisches MCS-Forschungscenter im internationalen Blickfeld“

Teil I: Verändert ein dänisches MCS –Wissenscenter die internationalen Erkenntnisse über Chemikalien-Sensitivität?

Teil II: MCS – Multiple Chemical Sensitivity: Ein Bericht aus Dänemark

Pränatale Exposition gegenüber Pestiziden ist verbunden mit ADHS

Berkeley – Kinder, die schon im Mutterleib Organophosphat-Pestiziden ausgesetzt waren, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, in späteren Jahren Aufmerksam- keitsstörungen zu entwickeln, das hat eine neue Studie von Wissenschaftlern an der University of California in Berkeley herausgefunden.

Die neuen Erkenntnisse wurden am 19. August 2010 in der Zeitschrift Environmental Health Perspectives (EHP) veröffentlicht. Es ist das erste Mal, dass der Einfluss pränataler Organophosphat-Exposition hinsichtlich einer späteren Entwicklung von Aufmerksamkeitsstörungen untersucht wurde. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Organophosphat-Metaboliten (Abbauprodukte der Pestizide) in der vorgeburt- lichen Phase in signifikantem Zusammenhang mit Aufmerksamkeitsstörungen im Alter von fünf Jahren stehen und die Auswirkungen bei Jungen offenbar stärker sind als bei Mädchen.

Anfang 2010 hatte eine andere Studie von Wissenschaftlern der Harvard University bereits verstärkte Exposition gegenüber Organophosphat-Pestiziden bei Schulkindern mit einem vermehrten Auftreten von Aufmerksamkeitsdefiziten und Hyperaktivität (ADHS) in Zusammenhang gebracht.

“Diese Studien liefern eine wachsende Zahl von Beweisen, dass Belastung mit Organophosphat-Pestiziden die neurologische Entwicklung bei Menschen, insbesondere bei Kindern, beeinträchtigen kann”, sagte die Studienleiterin, Brenda Eskenazi, UC Berkeley-Professorin für Epidemiologie und Gesundheit von Mutter und Kind. “Wir waren besonders an der pränatalen Exposition interessiert, denn das ist der Zeitraum, wenn das Nervensystem eines Babys sich am Stärksten entwickelt.”

Die Studie folgt mehr als 300 Kindern, die am „Zentrum für gesundheitliche Bewertung von Müttern und Kindern von Salinas“ (CHAMACOS) an einer Quer- schnittstudie unter der Leitung von Prof. Eskenazi teilnehmen, die Umwelteinflüsse und deren reproduktive Auswirkungen untersucht. Da die Mütter und Kinder in der Studie Amerikaner mexikanischer Abstammung sind und in einer landwirtschaftlich geprägten Region leben, ist deren Exposition gegenüber Pestiziden höher und eine chronische, über dem Durchschnitt der Allgemeinbevölkerung der Vereinigten Staaten liegende Exposition wahrscheinlicher.

Die Wissenschaftler wiesen jedoch darauf hin, dass die Pestizide, die sie untersuchten, überall eingesetzt werden und dass die Ergebnisse aus dieser Studie eine eindringliche Warnung darstellen, die Vorsorgemaßnahmen einfordert.

“Es ist bekannt, dass Lebensmittel eine wesentliche Quelle für die Pestizidbelastung in der Allgemeinbevölkerung darstellen”, sagte Eskenazi. “Ich würde empfehlen, Obst und Gemüse vor dem Verzehr gründlich zu waschen, vor allem, wenn Sie schwanger sind.”

Die Wirkung von Organophosphat-Pestiziden besteht in der Unterbrechung von Neurotransmittern, insbesondere des Acetylcholin, das eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit und für das Kurzzeitgedächtnis spielt.

“Da diese Substanzen so konzipiert sind, dass sie das Nervensystem von Organismen angreifen, gibt es Grund zur Vorsicht, besonders in Situationen, in denen die Exposition vom Zeitpunkt her mit kritischer fetaler und kindlicher Entwicklung zusammenfallen kann”, sagte der Hauptautor der Studie Amy Marks, der während der Studie Analytiker an der UC Berkeley School of Public Health war.

Eine Reihe der besagten UC Berkeley Wissenschaftler fanden außerdem heraus, dass Kinder mit bestimmten genetischen Merkmalen in größerer Gefahr sind, eine Feststellung, die am selben Tag in einem separaten EHP Papier veröffentlicht wurde. Diese Studie ergab, dass 2-Jährige mit einem niedrigen Paraoxonase 1 (PON1) Niveau, ein Enzym, dass die toxischen Metaboliten von Organophosphatpestiziden bricht, stärkere neurologische Verzögerungen aufwiesen als jene mit vermehrtem Vorhandensein des Enzyms. Die Autoren vermuten daher, dass Menschen mit bestimmten PON1 Genotypen besonders anfällig für Pestizidbelastung sein können.

In der Studie über die Aufmerksamkeitsprobleme untersuchten die Wissenschaftler Mütter zweimal während der Schwangerschaft auf sechs verschiedene Metaboliten von Organophosphat-Pestiziden und die Kinder mehrere Male nach der Geburt. Zusammen repräsentieren die untersuchten Metaboliten die Abbauprodukte von rund 80 Prozent aller in Salinas Valley verwendeten Organophosphat-Pestizide.

Die Wissenschaftler bewerteten die Kinder im Alter von 3,5 bis 5 Jahren hinsichtlich ihrer ADHS Symptome und Aufmerksamkeitsstörungen, indem sie die mütterlichen Berichte über das Verhalten des Kindes, die Leistung bei standardisierten Computer-Tests, als auch die Beurteilungen der Verhaltensweisen der Kinder durch die Prüfer analysierten. Sie kontrollierten auch auf potentielle Störfaktoren wie Geburtsgewicht, Bleiexposition und Stillen.

Jede zehnfache Erhöhung der pränatalen Pestizidmetaboliten war mit fünffacher Wahrscheinlichkeit für eine höhere Punktzahl in EDV-Tests im Alter von 5 Jahren verbunden, was verstärkt auf ein Kind hindeutet, das unter klinischem ADHS leidet. Die Wirkung scheint sich auf Jungen stärker als für Mädchen auszuwirken.

Es wurde ein positiver Zusammenhang zwischen pränataler Pestizidexposition und Aufmerksamkeitsstörungen für dreieinhalb Jährige festgestellt. Statistisch war er zwar nicht so signifikant, was die Wissenschaftler jedoch keineswegs überraschte. “Die Symptome für eine Aufmerksamkeitsstörung sind bei Kleinkindern schwerer zu erkennen, da man von Kindern in diesem Alter nicht erwarten kann, dass sie über einen erheblichen Zeitraum stillsitzen”, sagte Marks. “Die Diagnose von ADHS wird daher meist erst dann gestellt, wenn ein Kind in die Schule kommt.”

Die UC Berkeley Wissenschaftler verfolgen die Kinder auch während sie älter werden im Rahmen der CHAMACOS Studie und erwarten, zusätzliche Ergebnisse in den kommenden Jahren präsentieren zu können.

Die Resultate erweitern die Liste der chemischen Auslöser, die in den letzten Jahren mit ADHS in Verbindung gebracht wurden. Neben den Pestiziden haben Studien Assoziationen mit Exposition gegenüber Blei und Phthalaten festgestellt, die für gewöhnlich in Spielzeug und in Kunststoffen Verwendung finden.

“Eine hohe Zahl von ADHS Symptomen im Alter von 5 Jahren sind ein wichtiger Faktor, der zu Lernschwierigkeiten und Leistungsprobleme in der Schule, Unfallverletzungen zu Hause und in der Nachbarschaft, und zu einer Vielzahl von Problemen in Beziehungen zu Gleichaltrigen und bei anderen wichtigen Fähigkeiten führt”, sagte der UC Berkeley Psychologieprofessor Stephen Hinshaw, einer der landesweit führenden Experten für ADHS, der an dieser Studie nicht mitgewirkt hatte. “Das Feststellen vermeidbarer Risikofaktoren ist daher ein wichtiges Anliegen für die allgemeine öffentliche Gesundheit.”

Literatur: University of California – Berkeley, Prenatal exposure to pesticides linked to attention problems, 19. August 2010.

Übersetzung: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network

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Pestizide: Gefahr für Umwelt und Gesundheit – oder Hysterie?

Umweltorganisationen und Verbraucherschützer kritisieren die kontinuierlich zunehmende Anwendung von Pestiziden in der Landwirtschaft. Lt. einem 2007 veröffentlichten Bericht des BUND für Umwelt und Naturschutz werden in Deutschland mehr als 30000 Tonnen Pestizide jährlich auf unsere Äcker, Obstplantagen und Weinberge ausgebracht, mit weitreichenden Folgen für Natur und Umwelt, aber auch für die Gesundheit der Verbraucher. Das durch das Insektizid Clothianidin der Firma Bayer CropScience 2008 stattgefundene Massensterben der Bienen belegt die gravierenden Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf das Ökosystem. Als bedenklich ist die Tatsache anzusehen, dass Rückstände von Pestiziden in unser Grundwasser und in die Nahrungskette gelangen.

Zunahme gefährlicher Agrargifte

Im Februar dieses Jahres veröffentlichte Greenpeace eine Neuauflage der Schwarzen Liste der gefährlichsten in der konventionellen Agrarwirtschaft eingesetzten Pestizide, die auf ihre Schädlichkeit für Umwelt und Gesundheit neu bewertet wurden. Lt. Greenpeace können viele Pflanzenschutzmittel Krebs erregen, in den Hormonhaushalt eingreifen, das Immunsystem schädigen und die Fruchtbarkeit beeinträchtigen sowie neurotoxisch wirken. Manfred Santen, Chemieexperte von Greenpeace führt an, dass nicht nur der Verzehr von pestizidbelasteten Lebensmitteln Gesundheitsrisiken birgt, sondern ebenso die Anwendung der Agrargifte. Manfred Santen fordert von Politik und Wirtschaft den Einsatz der für Umwelt und Gesundheit gefährlichen Pestizide zu stoppen. Seit der 2008 veröffentlichten Schwarzen Liste gefährlicher Pestizide ist ein Anstieg der besonders schädlichen Agrarchemikalien zu verzeichnen, die Zahl habe sich seither von 327 auf 451 erhöht.

Abnahme der Rückstände einzelner Pestizide – Tendenz zum Giftcocktail

Greenpeace berichtet über allgemein abnehmende Pestizidrückstände in Obst und Gemüse seit 2007. Allerdings bedeutet dies keine Entwarnung, denn der aktuelle Trend verläuft dahingehend, hohe Konzentrationen einzelner Pestizide durch geringere Mengen unterschiedlicher Pestizide zu ersetzen, um die gesetzlichen Grenzwerte einzuhalten. Daraus ergeben sich gefährliche Giftcocktails, deren tatsächliche Wirkung auf Umwelt und Gesundheit nicht abschätzbar ist, da keine wissenschaftlichen Studien existieren. Daher fordert Greenpeace die Einführung eines Grenzwerts für Mehrfach-Rückstände.

Erst kürzlich hat Greenpeace Strauchbeeren auf Pestizidrückstände in Speziallabors untersuchen lassen. In Johannisbeeren wurden reinste Giftcocktails nachgewiesen, durchschnittlich sechs verschiedene Wirkstoffe, auch wurden in zwei Proben zwei in der EU nicht zugelassene Substanzen gefunden. Greenpeace bezieht bei der Auswertung der Untersuchungsergebnisse die Summenwirkung der Agrargifte mit ein. Manfred Santen erläutert, dass beim 2006 durchgeführten Beerentest pro Probe durchschnittlich „nur“ drei Pestizide festgestellt wurden.

In einer Pressemeldung der Universität Oldenburg vom April 2008 äußerst die Biochemikerin Prof. Dr. Irene Witte zu Grenzwerten von Pestiziden Folgendes:

Forderung nach Grenzwerten

Toxische Kombinationswirkungen: keine Entwarnung

Keine Entwarnung in der Diskussion um toxische Kombinationswirkungen“ – diesen Schluss zieht die Biochemikerin Prof. Dr. Irene Witte aus den inzwischen abgeschlossenen Forschungsarbeiten des Graduiertenkollegs Toxische Kombinations- wirkungen. Das von der Hans Böckler Stiftung finanzierte Kolleg an den Universitäten Oldenburg und Bremen, deren Sprecherin Witte war, lief von 2002 bis 2006. Im BIS-Verlag ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Forschungsergebnisse erschienen.

Das Problem: Synthetisierte Substanzen werden von der Industrie in immer neuen Verhältnissen und Kompositionen zusammengemischt, ohne dass die Wirkung für Mensch und Umwelt geklärt ist. So sind heute rund 20.000 unterschiedliche Pestizidpräparate auf dem Markt, denen 800 Wirkstoffe zugrunde liegen. Und es werden immer mehr.

Die Folge: Die Anzahl der nachgewiesenen Pestizide in Obst und Gemüse steigt Jahr für Jahr, was jedoch in Ermangelung an „Kombinationsgrenzwerten“ ohne Folgen bleibt. Dem „sorglosen Umgang mit dem Mixen von Chemikalien“ müsse Einhalt geboten werden, so Witte. Der Gesetzgeber sei gefragt, um Grenzwerte zu setzen und die Möglichkeit der Herstellung von Gemischen einzuschränken.

Pestizide sind Dauergifte, die das Krebsrisiko signifikant erhöhen

Auf globaler Ebene beurteilen viele Wissenschaftler und Umweltorganisationen die möglichen Folgen des permanent ansteigenden Einsatzes von Pestiziden für Umwelt und Gesundheit als dramatisch. Greenpeace gibt bereits 2003 zu bedenken, dass die Auswirkung der weltweit über 5000 angewandten Spritzmittel ein nicht zu unterschätzendes Risiko darstellt. Mögliche Wechselwirkungen der zahlreichen Gifte seien völlig unzureichend untersucht. Toxikologen erachten bereits die damals existierenden Grenzwerte als unzureichend. Greenpeace zufolge gelten Pestizide als Hauptursache für akute wie auch schleichende Vergiftungen. Viele Pestizide sind Dauergifte, die sich persistent in der Umwelt anreichern. Mediziner teilen Pestiziden bereits 1999 auf dem Krebskongress in Lugano die Eigenschaft zu, bestimmte Krebsarten zu fördern.

Britische Studien kommen ebenso zu besorgniserregenden Resultaten. Lt. einer aktuellen Veröffentlichung von Chem Trust wird ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Krebs im Kindesalter mit Pestizidexpositionen von Schwangeren in Zusammenhang gebracht. Britische Wissenschaftler stellen fest, dass die bei Landwirten nachgewiesenen zunehmenden Krebsraten Pflanzenschutzmitteln anzurechnen sind. Innerhalb der letzten 30 Jahre haben sich verschiedene Krebsarten der britischen Bevölkerung drastisch vervielfacht.

Der Cancer Panel Bericht des US-Präsidenten erörtert, dass gerade Kinder einem erhöhten Gesundheitsrisiko hinsichtlich der Entstehung von Krebs und weiteren chronischen Krankheiten durch die Belastung an Pestiziden ausgesetzt sind. Die Leukämieraten bei Kindern, die auf Farmen aufwachsen, sind demnach durchweg erhöht. Den Ausführungen des Obama Cancer Panel zufolge unterliegen Farmer einem signifikant verstärkten Prostatakrebsrisiko.

Risiko oder nur falsche Wahrnehmung?

Im September 2008 wurden Grenzwerte für Pestizide in der EU vereinheitlicht und zum Teil erheblich angehoben. Greenpeace und PAN Germany bewerten die festgelegten Höchstgrenzen, die per Juni 2010 teilweise wieder reduziert wurden, weiterhin als akut gesundheitsgefährdend, besonders die mögliche Kombinationswirkung verschiedener Pestizidwirkstoffe.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit:

Neue Vorschriften über Pestizidrückstände: Verbesserung der Lebensmittelsicherheit in der EU

Ein klares System zur Festlegung von Rückstandshöchstgehalten…Die in Lebensmitteln enthaltenen Rückstandsmengen dürfen keine Gefahr für die Verbraucher darstellen.

Die neuen Vorschriften gewährleisten die Sicherheit aller Verbraucher- gruppen, einschließlich Säuglingen, Kindern und Vegetariern. Die EFSA ist für die Sicherheitsbewertung zuständig, wobei sie sich auf die Eigenschaften des Pestizids, die zu erwartenden Höchstgehalte in Lebensmitteln und die unterschiedlichen Essgewohnheiten der europäischen Verbraucher stützt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR veröffentlicht eine umfangreiche Studie zur Wahrnehmung von Pflanzenschutzmittelrückständen in Lebensmitteln.

Ziel der Studie war es, detaillierte Informationen über die Wahrnehmung und das Informationsverhalten der Bevölkerung zum Thema Pflanzen- schutzmittel zu erheben. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Informationen über Pflanzenschutzmittel bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern nicht ankommen. Die Folge sind Fehleinschätzungen über die Verwendung und die gesetzliche Regulierung von Pflanzen- schutzmitteln: „Fast 70 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass Lebensmittel gar keine Rückstände von Pflanzenschutzmitteln enthalten dürfen“, sagt Professor Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des BfR. „In der Bevölkerung ist nicht bekannt, dass Rückstände in geringen Mengen erlaubt sind, wenn sie gesundheitlich unbedenklich sind.“ Das BfR wird die Ergebnisse der Studie verwenden, um Verbraucherinnen und Verbraucher gezielter über Nutzen und Risiken von Pflanzenschutzmitteln zu informieren.

… Die gesetzlichen Höchstgehalte stellen sicher, dass von Pflanzen- schutzmittelrückständen in Lebensmitteln kein gesundheitliches Risiko für Verbraucherinnen und Verbraucher ausgeht. Die Fehleinschätzung der Verbraucher trägt dazu bei, dass Pestizidrückstände als Gesundheitsrisiko wahrgenommen werden. Medien greifen diesen Sachverhalt auf und verstärken diese Wahrnehmung in der Bevölkerung möglicherweise.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Der regelmäßige Verzehr von Obst und Gemüse wird allgemein mit gesunder Ernährung assoziiert. Um der eigenen Gesundheit auch tatsächlich etwas Gutes zu tun, ist es empfehlenswert, zu biologisch erzeugtem und saisonalem Obst und Gemüse zu greifen. Mit diesem Kaufentscheid kann man die Angebotsvielfalt an knackigem Obst und Gemüse ohne Reue genießen. Bio-Ware ist frei von Rückständen von in Verruf geratenen gesundheitsschädigenden synthetischen chemischen Pestiziden. Als Nebeneffekt leistet man somit einen nachhaltigen Beitrag zum Umwelt- und Artenschutz. Nachfrage regelt bekanntlich das Angebot, so dass jeder von uns einen entscheidenden Beitrag für die eigene Gesundheit und eine nachhaltige Umwelt leisten kann.

Autor: Maria Herzger, CSN – Chemical Sensitivity

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Sick-Aeroplane-Syndrome

PRESSEMITTEILUNG des dbu – Deutscher Berufsverband der Umweltmediziner

Auf Grund des zunehmenden Interesses der Medien an den möglichen Gesundheitsgefahren, die sowohl für das fliegende Personal der Fluggesellschaften wie auch für Passagiere durch das Reisen per Flugzeug entstehen können, sieht sich der Deutsche Berufsverband der Umweltmediziner dbu dazu veranlasst, die Öffentlichkeit mit dieser Pressemitteilung objektiv über die wahrscheinlichen Zusammenhänge aufzuklären.

„Sick-Aeroplane-Syndrome“

Sowohl Vielflieger wie auch das fliegende Personal von Airlines werden in zunehmendem Maße durch flugtechnisch bedingte physikalische, biologische und chemische Belastungen in ihrer Gesundheit und ihrem Wohlbefinden gefährdet. Daraus kann eine Multisystemerkrankung mit umwelt- und arbeitsmedizinischer Relevanz resultieren, für die wir den Begriff „Sick-Aeroplane-Syndrome“ (SAS) vorschlagen.

Gesundheitliche Belastungen

Physikalisch ist dabei der Einfluss der kosmischen Höhenstrahlung von Bedeutung, deren Menge nicht nur von der Flugdauer sondern v.a. von der Flugroute bestimmt wird. Transatlantikflüge und Fernostreisen setzen die Flugzeuginsassen dabei oft der 5-10fachen Ionenmenge aus als vergleichbare Nord-Süd-Routen. Die gesundheitlichen Auswirkungen gehen bei akuter Belastung meist nicht über Befindlichkeitsstörungen hinaus. Bei chronischer Exposition hingegen sind die Folgen oft erst nach Jahren als Krebserkrankung erkennbar. Bezüglich des Krebsrisikos rangiert die Berufsgruppe des fliegenden Personals (Piloten und Flugbegleiter) mittlerweile an dritter Stelle unter allen Berufen.

Im Laufe der Gesamtbetriebsdauer eines Flugzeuges wird das Fluggerät immer schwerer. Ursache ist die Ansammlung von Kondenswasser in den Innenabdeckungen der Rumpf-, Kabinen- und Cockpitwände. Dies bietet den idealen Nährboden für Schimmelpilze, die durch die Entstehung von Sporen und Mycotoxinen zur biologischen Belastung der Insassen führt. Allergische und toxische Reaktionen sind die Folge.

Chemische Belastungen sind entweder betriebsbedingt (Biozide) oder Folge von Betriebsstörungen (Berylliumstäube, Aluminiumstäube, Kerosin, Turbinenöldämpfe).

Während auch hier die durch Beryllium, Aluminium oder Kerosin bedingten Gesundheitsstörungen meist erst bei chronischer Exposition auftreten, zeigen sich die Folgen einer Kontamination der Atemluft mit Bioziden kurzfristig (innerhalb 1-2 h), die Belastung der Luft mit Flugöldämpfen meist unmittelbar (innerhalb von 10 Sekunden bis 2-3 Minuten).

Die Ausbringung von Bioziden erfolgt in regelmäßigen Abständen im Rahmen der Betriebserlaubnis des Fluggerätes und bei bestimmten Destinationen in der Vorbereitungsphase des Landeanflugs als Voraussetzung der Landeerlaubnis. Passagiere und Flugpersonal reagieren meist erst nach der Landung auf das versprühte Gemisch von Pyrethroiden und Organophosphaten, wenn sie nicht an einer MCS leiden.

Aerotoxisches Syndrom

Das Eindringen von Öldämpfen aus den Triebwerken in die Kabinen- und Cockpitluft hingegen ist Folge einer Betriebsstörung. Die in den Turbinenölen enthaltenen Organophosphate, allen voran das Tricresylphosphat (TCP), verdampfen aus defekten Dichtungen und gelangen in das Frischluftsystem (Bleed Air = Zapfluft) des Flugzeugs. Bei Inhalation verursacht es plötzliche Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Sehprobleme in Form des Tunnelblicks und allgemeine Koordinationsstörungen. Das Cockpitpersonal kann oft nur durch sofortige Reinsauerstoffversorgung über die Sauerstoffmasken seine Pilotentätigkeit ausführen und einen Crash verhindern.

Dieses auch als „Aerotoxisches Syndrom“ bezeichnete Krankheitsbild gefährdet somit nicht nur die individuelle Gesundheit der betroffenen Personen, sondern durch die unmittelbar auftretende Störung der Koordinationsfähigkeit der Flugzeugführung auch die Sicherheit des Flugzeugs und damit die internationale Flugsicherheit selbst. Es ist nicht auszuschließen, dass mancher ungeklärte Flugzeug-Crash auf ein akutes Aerotoxisches Syndrom bei den Piloten zurückzuführen ist.

Die hier aufgelisteten physikalischen, biologischen und chemischen Belastungen können jede für sich allein, viel häufiger jedoch durch ihre Kombinationswirkung, zu chronischen Multisystemerkrankungen mit erheblichen Einbußen in Lebensqualität, Berufsfähigkeit und Erwerbsfähigkeit führen.

Arbeits- und Umweltmedizinische Relevanz

Je nach Ursache haben diese Gesundheitsstörungen unterschiedliche Codierungen im ICD-10. Bei einigen existieren auch anerkannte Berufskrankheiten mit entsprechenden BK-Nummern. Für fliegendes Personal und Geschäftsleute, die aus beruflichen Gründen viel fliegen müssen, sind die Auswirkungen des „Sick-Aeroplane-Syndrome’s“ auch von berufsgenossenschaftlicher Relevanz. Im BG-Verfahren muss der Geschädigte im Regelfall die Kausalität der Erkrankung mit dem Fliegen beweisen. Beryllium, Aluminium, Kerosin und Trikresylphosphat tauchen im Regelbetrieb nicht im Innenraum des Flugzeuges auf. Der Nachweis der Substanzen, z.B. an den Auslassdüsen der Lüftung, stellen die Betriebsstörung des Fluggerätes unter Beweis und führen somit rechtlich zur Beweislastumkehr.

Vergiftungen und Verletzungen durch Chemikalien sind gemäß § 16e des deutschen Chemikaliengesetzes meldepflichtig. Da aber dieser § nicht strafbewehrt ist, haben Zuwiderhandlungen keine strafrechtlichen Konsequenzen. Allerdings könnten unterlassene oder verspätete Meldungen in zivilrechtlichen Schadenersatzverfahren Rechtsrelevanz erlangen.

Da das Aerotoxische Syndrom bzw. „Sick-Aeroplane-Syndrom“ sozial-, arbeits- und umweltmedizinische Relevanz erlangt hat, muss die Diagnose sorgfältig unter besonderer Berücksichtigung haftungsbegründender und haftungsausfüllender Kausalitäten, erhoben werden. Die dabei erhobenen Daten dienen nicht nur der individualmedizinischen Betreuung betroffener Patienten, sondern können auf epidemiologischer Ebene auch die Risikowahrnehmung bei den Verantwortlichen fördern und somit zur Minderung des Gefahrenpotentials im Flugbetrieb beitragen.

Bei Verdacht auf das Vorliegen eines „Sick-Aeroplane-Syndroms“ schlägt der dbu deshalb einen dezidierten Diagnosepfad vor, dessen genauer Wortlaut auf der dbu-Website, hier, sowie in der nächsten Ausgabe des Fachjournals „Umwelt-Medizin-Gesellschaft“ (UMG) nachzulesen ist.

PRESSEMITTEILUNG des dbu – Deutscher Berufsverband der Umweltmediziner, 12. August 2010

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Dr. med. Frank Bartram, 1. Vorsitzender des dbu

und

Dr. med. Hans-Peter Donate, 2. Vorsitzender des dbu

Korrespondenzautor/ v.i.S.d.P.

Facharzt für Allgemeinmedizin-Umweltmedizin,

Dr.-Adam-Voll-Str. 1, 93437 Furth im Wald,

Tel.:+49-9973-5005420; Fax+49-9937-5005450

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Weiterführende Informationen

Kontaktstelle für Betroffene: Aerotoxic Association

Hilfe im Krankenhaus trotz MCS- Multiple Chemical Sensitivity möglich?

Deutsche Krankenhäuser haben im internationalen Durchschnitt gesehen einem hohen Standard und unser Land verfügt über hervorragende Spezialkliniken. Dennoch gibt es für eine zahlenmäßig erhebliche Bevölkerungsgruppe kein Krankenhaus, das für sie im akuten Fall geeignet wäre, oder das den krankheitsbedingten Erfordernissen auch nur ansatzweise gerecht werden könnte. Die Rede ist von Menschen, die unter Multiple Chemical Sensitivity (MCS) leiden.

An MCS Erkrankte reagieren auf geringe Spuren von Alltagschemikalien mit leicht bis schwer behindernden Symptomen. Bei hypersensibilisierten Personen sind auch Bewusstlosigkeit und Schockreaktionen möglich. Obwohl die Krankheit in Deutschland über einen Diagnoseschlüssel verfügt (ICD-10 T78.4) und im Einzelfall als Behinderung anerkannt werden kann, ist MCS vielen in medizinischen Berufen arbeitenden Menschen nicht bekannt und es gibt weder Maßnahmenkataloge, noch Leitlinien, die Ärzten, Sanitätern, Rettungskräften und Pflegepersonal vorgeben, wie man mit dieser besonderen Gruppe von Erkranken umgehen muss, um weiteren körperlichen Schaden abzuwenden.

Ein Krankenhausaufenthalt kann unverhofft erforderlich sein, für Menschen, die unter Chemikalien-Sensitivität (MCS) leiden eine Vorstellung, die viele schnell wieder verdrängen, weil ihnen bekannt ist, dass sie im Krankenhaus eine Umgebung erwartet, die umgehend zu Reaktionen führt. Desinfektionsmittel, Reinigungsmittel, Duftstoffe und eine erhebliche Zahl von Krankenhauschemikalien errichten unsichtbare Barrieren, die bislang in jedem Krankenhaus anzutreffen sind.

Thommy’s Blogfrage der Woche:

  • Welche Erfahrung habt Ihr in deutschen Krankenhäusern gemacht als MCS-Kranker? Kannte man dort MCS?
  • Habt Ihr ein Krankenhaus gefunden, das für Chemikaliensensible tolerierbar ist?
  • Ging man auf Eure besonderen, krankheitsbedingten Bedürfnisse ein? Oder hat man Eure MCS nicht ernst genommen?
  • Was habt Ihr erlebt während eines Krankenhausaufenthaltes? Berichtet bitte über positive, wie auch negative Erfahrungen.
  • Oder schiebt Ihr eine erforderliche Operation oder Behandlungsaufenthalt im Krankenhaus bereits seit längerer Zeit vor Euch her, wegen der bekannten Problematik für Euch?
  • Haltet Ihr es für möglich, MCS-gerechte Abteilungen in Schwerpunktkrankenhäusern, bzw. wenigstens in einigen deutschen Großstädten bereitzustellen?

Envio PCB-Skandal: Die Opfer stehen im Regen

Dortmund, ein Entsorgungsbetrieb gerät Anfang 2010 in die Schlagzeilen. Envio, eine Recycling GmbH, steht in dringendem Verdacht, sorglos bei der Handhabung von PCB-verseuchten Transformatoren umgegangen zu sein. Im Blut von Angestellten und Nachbarn des Recycling-Betriebs findet sich die hochtoxische und krebserregende Chemikalie PCB. Auch die umliegenden Gärten sind hochgradig verseucht. Envio weist zu jenem Zeitpunkt jede Schuld von sich. Jetzt, im zweiten Halbjahr 2010, wird erkennbar, dass die Angestellten und Anwohner sich auf einen langen Kampf einstellen müssen. Hilfe erhielten sie bislang nicht etwa von den Verantwortlichen und zuständigen Behörden, sondern in erster Linie von den Medien. Ohne die Zeitung DER WESTEN wären kaum Fakten an die Öffentlichkeit gedrungen. Fast 160 Artikel veröffentlichte die Zeitung seit Januar 2010 und half damit den Opfern beträchtlich. Ohne diese Berichterstattung wäre mit ziemlicher Sicherheit längst „Gras“ über den Skandal gewachsen. Die PCB-Opfer wollen kämpfen, DER WESTEN steht ihnen durch unterstützende Berichterstattung bei. Die Journalisten der Zeitung sind längst selbst zu PCB-Experten geworden und scheuen keine Mühe.

Behörden und Berufsgenossenschaften mauern

In der aktuellen Ausgabe von DER WESTEN ist ein Bericht mit dem Titel “Droht Envio-Opfern ein Gutachter-Krieg?” zu lesen, der den Betroffenen eine Richtung für weiteres Vorgehen aufweist und Hintergrundinfos für ihren Weg zur Sicherstellung von Recht und Entschädigung liefert. Im Artikel wird Abekra, ein in Hessen ansässiger Verein, der sich um arbeits- und berufsbedingt Erkrankte kümmert, zitiert. Die Leiterin, Frau Dr. Vogel, kann auf eine fast 20-jährige Erfahrung zurückblicken. Sie kennt, wie kaum ein anderer, die Verfahrens- und Verschleppungstaktiken von Behörden und insbe-sondere die Maschen der Berufsgenossenschaften. Dem pflichtet der auf Erfahrung mit ähnlichen Fällen zurückblickende Stuttgarter Anwalt Hans-Peter Herrmann zu. Im Interview mit DER WESTEN rät der Fachanwalt für Medizinrecht den Geschädigten mit Nachdruck zu umgehender medizinischer Beweissicherung durch neutrale Ärzte.

Ebenfalls zitiert wurde das CSN – Chemical Sensitivity Network. Zwei ausführliche Interviews waren Basis dafür. Silvia K. Müller, Präsidentin des CSN, ist sich wie Frau Dr. Vogel bewusst, dass die Betroffenen in Dortmund fachmännische Hilfe benötigen, denn auch sie erlebte in den vergangenen beiden Jahrzehnten, dass man die Opfer in der Regel im Stich lässt. Umso erfreuter ist die CSN-Präsidentin, dass sich DER WESTEN dem Envio-Skandal angenommen hat und keine Ermüdung in der Berichterstattung aufkommen lässt. Darin sieht sie eine enorme Chance für die Opfer.

Skandalöse Aussagen zum Nachteil der Betroffenen

Silvia K. Müller verfolgte den PCB-Skandal von Anfang an. Sie war vor allem über die Aussage der Dortmunder Gesundheitsamtsleiterin empört, die geäußert hatte, dass man das Blut der unter 14-jährigen Kinder von Envio-Arbeitern und Anwohnern des Werksgeländes nicht untersuchen müsse. Das Zitat hierzu:

DER WESTEN: Kinder unter 14 Jahren sollen laut Dr. Annette Düsterhaus, Leiterin des Dortmunder Gesundheitsamtes, zunächst nicht untersucht werden, „um ihnen die Belastung der Blutentnahme zu ersparen“. Dr. Annette Düsterhaus: „Außerdem gibt es keine Therapiemöglichkeiten bei einer PCB-Anreicherung im menschlichen Körper.“ Die Expertenrunde um Prof. Michael Wilhelm (Ruhr Uni), die die Blutuntersuchungen der Mitarbeiter bewertete: „Wegen der langen Verweildauer von PCB im menschlichen Körper lassen sich spätere gesundheitliche Auswirkungen nicht ausschließen.“

Für die CSN-Präsidentin war klar, wenn die Eltern auf Blut- und Fettgewebsanalysen verzichten, dann können auch später folglich keine Ansprüche geltend gemacht werden. Auch Kinder, nicht nur Erwachsene, haben einen Rechtsanspruch und einen Anspruch auf Gesundheit. Ohne die versagten Blutanalysen hätte niemand etwas Beweiskräftiges in der Hand. Das kommt Verursachern und Verantwortlichen natürlich gelegen und zählt zu deren üblichen Procedere.

Die Aussage “Entgiftung von PCBs nicht möglich” ist wissenschaftlich unkorrekt

Auch die zweite Aussage der Dortmunder Gesundheitsamtsleiterin gegenüber DER WESTEN – es gäbe keine Therapiemöglichkeiten bei einer PCB-Anreicherung im Körper – ist eine Fehlinformation, die Betroffene in die Irre führt. PCBs kann man sehr wohl entgiften, wenn auch mit einem gewissen Aufwand.

Um dies zu belegen führt die CSN-Präsidentin Prof. Dr. William J. Rea an, einer der Mitbegründer der Umweltmedizin und erster Professor für Umweltmedizin weltweit. Der Experte für Chemikalienschädigungen und Chemikaliensensitivität legte in seinem vierbändigen Buch „Chemical Sensitivity“ dar, dass man PCB’s sehr wohl entgiften kann. Prof. Rea bezieht sich unter anderem auch auf die Angaben eines deutschen Umweltmediziners (Dr. Thomas Meyn). In einer Tabelle, in dem als Standardwerk geltenden Fachbuch, werden die PCB-Werte von 60 Patienten vor und nach einer Entgiftungsbehandlung angegeben. Eine Kombination von spezieller Saunaentgiftung und begleitendem Körpertraining führte zur Mobilisierung von PCBs im Körperfett, wodurch sich die PCB Werte der Patienten im Schnitt um fast die Hälfte reduzierten. Rea berichtet in seinem Buch weiter, dass 100 seiner Klinikpatienten, die mit PCB und PBB belastet waren, nach einer Entgiftung in einer Temperaturkammer 64-75% Reduzierung der PCB-Belastung und ihrer Beschwerden aufweisen konnten. Bei einer dokumentierten Gruppe von 1000 Patienten reduzierte sich deren Belastung im Schnitt um 71%.

PCB-Opfer sollten sich organisieren und müssen durchhalten

Die Betroffenen im Envio-Skandal müssen nicht ganz hoffnungslos in die Zukunft schauen, sie haben die Medien hinter sich, ein wichtiger Aspekt, damit der Fall nicht zum Ruhen kommt. Jetzt müssen sie sich nur noch gut organisieren, Beweise und Informationen zusammentragen, damit steigen ihre Erfolgsaussichten. Das Internet kommt den PCB-Geschädigten entgegen, denn jeder, der Informationen braucht, wird mit etwas Mühe fündig. So kann man auch Falschinformationen schnell enttarnen und für eine Veröffentlichung der Tatsachen sorgen. Das Beispiel einer 81-Jährigen, die ebenfalls durch ihren damaligen Beruf erkrankte, bestätigt dies. Die aktive Seniorin hat eine informative Webseite zum Thema GIFTE AM ARBEITSPLATZ erstellt, über die im CSN Blog berichtet wurde. Für die PCB-Opfer in Dortmund könnte dies ein kleiner Impuls sein, der ihnen Mut macht, gemeinschaftlich die Kräfte zu bündeln, um dem entgegenzuwirken, dass man sie weiter eiskalt im Regen stehen lässt.

Autoren: Silvia K. Müller und Thommy, CSN – Chemical Sensitivity Network, 3. August 2010

Photo: Jahreed für CSN

Literatur:

  1. DER WESTEN, Droht den Envio-Opfern ein Gutachter-Krieg?, 03.08.2010
  2. DER WESTEN, Envio PCB Skandal weitet sich aus, 29.06.2010
  3. William J. Rea, Chemical Sensitivity, Lewis Publisher, 1997

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Weiterführende Informationen:

81-jährige stellt eigene Webseite zum Thema GIFTE AM ARBEITSPLATZ ins Internet

Hilfe und Informationen für Berufskranke

Mit 81 Jahren haben sich die meisten Menschen zurückgezogen und genießen ihr Alter, oder sie fristen ihren Lebensabend in einem Altersheim. Nicht so Inge Kroth. Die 81-jährige stellte kürzlich eine Webseite für Menschen ins Netz, die durch Gifte am Arbeitsplatz krank wurden. Das Thema besitzt höchste Brisanz, denn in der Regel wird es totgeschwiegen. Nachfolgend berichtet die aktive Seniorin über ihre Beweggründe eine Aktivistin zu werden und was sie auf die Beine gestellt hat.

Wieso stellt eine 81-jährige noch eine eigene Webseite ins Internet?

Inge KrothDie Antwort ist: Weil ich etwas zu sagen habe und das Unrecht nicht hinnehmen will, das tausenden von Menschen jährlich angetan wird. Meine Webseite heißt: www.gifte-am-arbeitsplatz.de

Gifte am Arbeitsplatz sind im Chemiestaat Deutschland allgegenwärtig, unzählige Menschen erkranken jedes Jahr bei der Arbeit durch die toxisch wirkenden Chemikalien, denen sie ausgesetzt sind. Industrie und Arbeitgeber sind nicht an „sauberen“ Arbeitsplätzen interessiert, denn das würde den Profit schmälern. Profit aber ist oberstes Gebot. Lieber nimmt man in Kauf, dass Menschen erkranken.

Berufskranke haben in Deutschland schlechte Karten

Nur ein verschwindend kleiner Teil wird durch die jeweils zuständige Berufsgenossenschaft anerkannt. Der weitaus größere Teil, etwa 95% der Erkrankten, wird diffamiert und als Simulant, Rentenjäger oder psychisch Kranker abgestempelt. Es sind geschätzte hunderttausend Erkrankte jedes Jahr, die zuerst am Arbeitsplatz krank gemacht werden und die dann jahrelang durch die Mühlen von Berufsgenossenschaft und deren Gutachtern gedreht werden, und die man schließlich abschmettert.

Recht haben und Recht bekommen, ist ein großer Unterschied

Auch die Sozialgerichte sind nicht daran interessiert, Berufskranke anzuerkennen: Die Industrie müsste die krankmachenden Chemikalien vom Markt nehmen und hätte große Einbußen. Deshalb droht die Industrie mit Verlust von Arbeitsplätzen oder dem Ausweichen in Billiglohnländer. Das wiederum würde die Steuereinnahmen des Staates erheblich mindern; die Anerkennung von Berufskranken ist also hochpolitisch und wird mit allen Mitteln verhindert. Der beruflich Erkrankte weiß dies in aller Regel nicht und kämpft um seine Anerkennung.

Knapp überlebt

Diesen langjährigen Kampf mussten auch mein Mann Theo und ich auf uns nehmen. Wir eröffneten 1963 in Koblenz eine Chemische Reinigung, die” Ingeborg Reinigung”. Zu Beginn waren wir völlig gesund und voller Elan und Arbeitsfreude. Als wir 1989 unsere Reinigung an unseren Nachfolger verkauften, hatten wir beide eine Schwerbehinderung von 100%. Nur dem Können eines privaten Arztes, Dr. Kuntzmüller in Stromberg, haben wir es zu verdanken, dass wir überlebten. Einige Kollegen, die gleichzeitig mit uns eine Reinigung eröffnet hatten, haben nicht einmal das Rentenalter erlebt.

Die Wissenschaft lieferte den Beweis

Ende 1989, ein halbes Jahr nach unserer Berufsaufgabe, stellte man durch wissenschaftliche Untersuchungen folgendes fest: Das Lösungsmittel Perchlorethylen (das von uns verwendete Reinigungsmittel) dringt durch Wände und Decken, sogar durch Beton, und vergiftet in angrenzenden Wohnungen und Läden fetthaltige Lebensmittel. Per Gesetz wurde verfügt, dass 1999 alle Reinigungsmaschinen in Deutschland durch neue und verbesserte Maschinen ersetzt werden mussten. Tausende von Reinigungen schlossen damals, weil sie die gesetzlichen Bestimmungen nicht erfüllen konnten.

Schweigen? NEIN!

Wenn aber Lebensmittel vergiftet werden, nachdem (!) das Lösungsmittel Perchlorethylen durch Wände und Decken gedrungen ist, wievielmehr muss es die Menschen geschädigt haben, die unmittelbar an den ausgasenden Maschinen gearbeitet haben? Ich habe auf meiner ersten Webseite (2005) www.inge-kroth.gmxhome.de am Beispiel meines Mannes und mir aufgezeigt, wie die Berufsgenossenschaft und die Sozialgerichte mit uns umgegangen sind. Mein Mann wurde schließlich von der BG als berufskrank anerkannt. Ich selbst habe im selben Raum wie mein Mann gearbeitet, und obwohl ich dieselben Erkrankungen wie mein Mann entwickelt habe, verlor ich 2009 mein drittes Verfahren.

Webseite zum Thema GIFTE AM ARBEITSPLATZ

Mittlerweile wurde die neue und sehr erweiterte Webseite ins Internet gestellt,

www.gifte-am-arbeitsplatz.de

in der ich in verständlicher Form die menschenverachtenden Methoden schildere, mit denen in der Regel die Berufsgenossenschaften, ihre willfährigen Gutachter und Sozialrichter die berechtigten Ansprüche der am Arbeitsplatz erkrankten Menschen abweisen.

Verstummten Kranken eine Stimme geben

Ich will nicht stumm das Unrecht dulden, das unzähligen Menschen jedes Jahr auf neue angetan wird. Tausende jährlich, die ihre Gesundheit im Chemiestaat Deutschland an schlechten Arbeitsplätzen durch Gifte verlieren und dann allein gelassen werden. Ich will diesen Menschen eine Stimme geben! Und der Erfolg gibt mir recht: Ein Zählwerk zeigt, dass die neue Webseite in der ersten Woche bereits mehr als zweitausendmal aufgesucht wurde.

Widerstand ist eine ethisch, moralische Verpflichtung

Ich fühle mich trotz meines Alters verpflichtet, die fiesen Methoden der Berufsgenossenschaft, ihrer Gutachter und der Sozialgerichte öffentlich zu machen; ich will jedem Einzelnen zeigen, dass man auch unzähligen anderen Geschädigten so übel mitspielt. Mein Motto ist: Wenn Unrecht zu Recht wird, ist Widerstand Pflicht

Autor: Inge Kroth, Betreiberin der Webseite Gifte am Arbeitsplatz, 1. August 2010

Antext: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network

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Klage soll das Verbot von BPA erzwingen

Der NRDC verklagt die Amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde (FDA) wegen dem Versagen, für eine giftige Chemikalie Vorschriften einzuführen

WASHINGTON – Der Natural Resources Defense Council (NRDC), der Rat zum Schutz natürlicher Ressourcen, reichte gegen die Lebens- und Arzneimittelbehörde eine Klage ein, weil diese nicht in der Lage ist, auf eine Petition zu reagieren, welche ein Verbot für die Verwendung von Bisphenol A (BPA) in Lebensmittelverpackungen, Lebensmittelbehältern und anderen Materialien fordert, die gewöhnlich mit Lebensmitteln in Kontakt kommen. BPA, eine den Hormonhaushalt störende Chemikalie, die mit schwerwiegenden Gesundheitsproblemen in Zusammenhang steht, stellt für Föten, Babies und Kleinkinder eine besondere Gefahr dar. Der NRDC reichte diese Klage am 29.06.2010 beim Amerikanischen Berufungsgericht ein, das für die Bezirksgerichte zuständig ist.

Im Oktober 2008 ersuchte der NRDC die FDA, die Verwendung vom BPA in Lebensmittelverpackungen zu verbieten, um zu verhindern, dass diese giftige Chemikalie Lebensmittel kontaminiert. Seit mehr als 18 Monaten war die FDA nicht in der Lage, auf diese Eingabe zu reagieren, obwohl die Behörde ihre Besorgnis zum Ausdruck brachte, da eine frühe BPA-Belastung die Entwicklung von Gehirn und Prostata von Föten, Babies und Kleinkindern beeinflusst.

BPA ist in sehr vielen Produkten vorhanden, von der Beschichtung der Dosen von Säuglingsmilchnahrung, über Limonade- oder Bierdosen, Obst- oder Gemüsekonserven und Pizza-Schachteln bis hin zu aus Polycarbonat hergestellten Haushaltsgegenständen, wie Babyfläschchen, Trinktassen und wiederverwendbare Wasserflaschen. Mehr als 93% der Gesamtbevölkerung hat mehr oder weniger BPA im Körper, hauptsächlich aufgrund der Belastung, die von kontaminierten Lebensmitteln und anderen vermeidbaren Quellen ausgeht.

“BPA-freie Alternativen sind längst auf dem Markt verfügbar. Die FDA hat keinen triftigen Grund, das Verbot weiter hinauszuzögern”, sagte Dr. Sarah Janssen, eine führende Wissenschaftlerin des Umwelt- und Gesundheitsprogrammes des NRDC. “Es ist schlimm, dass Lebensmittel für die meisten Menschen die Hauptquelle der BPA-Belastung sind. Die FDA sollte jetzt handeln, um dieses unnötige Risiko zu eliminieren.”

Ein ständig wachsender Bestand an wissenschaftlicher Forschung hat eine BPA-Belastung mit einer gestörten Entwicklung des Gehirnes und mit Verhaltensänderungen, mit Anfälligkeit für Prostata- und Brustkrebs, Erbschädigung, Diabetes, Fettleibigkeit, Herz- und Gefäßerkrankungen in Zusammenhang gebracht.

“Die FDA hat versagt, eine gesunde Nahrungsversorgung sicherzustellen und die Bevölkerung vor Schaden zu bewahren”, sagte Aaron Colangelo, ein Anwalt von NRDC. “Das Versagen der FDA, Vorschriften für diese Chemikalie in Lebensmittelverpackungen zu erlassen, kann nicht gerechtfertigt werden, und deshalb sind wir gezwungen, das Gericht zu bitten einzugreifen und die Behörde anzuweisen, zu handeln.”

Literatur:

NRDC, Natural Resources Defense Council, Release – Lawsuit Seeks to Ban BPA from Food Packaging, WASHINGTON, June 29, 2010.

Übersetzung: BrunO für CSN – Chemical Sensitivity Network

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Der Natural Resources Defense Council ist eine gesamtamerikanische, gemeinnützige Organisation von Wissenschaftlern, Rechtsanwälten und Umweltfachleuten, die sich mit dem Schutz von Gesundheit und Umwelt befassen. 1970 gegründet, hat der NRDC 1,3 Millionen Mitglieder und Online-Aktivisten, mit Büros in New York, Washington, Chicago, Los Angeles, San Francisco und Peking.

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