MCS als Fiktion hinstellen ist einfach, mit MCS zu leben ist schwer

Eine Riesensauerei was da läuft

Fortsetzungsgeschichte, Teil II

Als Carla und Joel nach Hause kamen, war Tim, Carlas Mann und Vater des Jungen, schon zu Hause. Tim war von einer Dienstreise vorzeitig zurück gekehrt, die er meistens mit der Bahn unternahm. Herzlich umarmte er seine Frau und seinen Sohn. Er wusste, was sie täglich auszuhalten hatten und bemühte sich, vor allem durch Liebe und Verständnis ihr Los zu erleichtern.

Jahre hatte er damit zugebracht, Umzüge zu organisieren, um eine verträgliche Wohnung für seine Lieben zu finden oder sie durch verschiedene Maßnahmen ver- träglich zu machen.

Carla schnüffelte prüfend an seiner Schulter.

Riechst du was? Ich habe nichts Duftendes angefasst.“

Überall

„Nein, das hast du nicht. Aber vielleicht hast du dich auf einem Platz gesetzt, indem vorher ein parfümierter Mann gesessen hat, denn ich rieche etwas Männerparfüm.“

„Tut mir leid, das habe ich nicht gemerkt. Ich ziehe mich sofort um.“

„Ist schon gut. Du kannst es ja nicht so riechen wie ich. Es geht schon“, sagte Carla lächelnd. Sie wollte nicht, dass Tim sich erst umzog und so das liebevolle Wiedersehen einen Abbruch erlitt. Tim würde es anstandslos tun, ihr zu liebe sogar gern, dass wusste sie, aber sie spürte, er wollte etwas los werden.

Tim seufzte erleichtert, strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, öffnete seine Tasche und hielt Carla die Dezemberausgabe der Bahnzeitschrift „mobil“ von 2010 hin.

Sie setzte sofort ihre Maske auf, denn sie vertrug oft nicht den Geruch der Druckfarben.

„Was gibt es denn besonderes in dieser Ausgabe?“, fragte sie lächelnd, denn sie wusste, dass Tim sie nicht ohne Grund auf die Zeitschrift aufmerksam machte.

„Zwei was“, antwortete Tim.

„Zwei was?“

Behauptungen besser erst auf den Wahrheitsgehalt abklopfen

„Nun ja, dass eine würde ich gern auf den Wahrheitsgehalt einmal abklopfen und das andere ist eher besorgniserregend.“

„Leg los“, sagte Carla, trotz ihrer Erschöpfung um freundliches Interesse bemüht, damit Tim nicht seinen Elan verlor.

„Nun, ich zitiere und du rate einmal, wer das sagte: „ Etwas für sein Land tun heißt übrigens auch: an den Diskussionen teilzunehmen, die unser Land bewegen. Das fängt im privaten Bereich an, und findet seine Fortsetzung in Vereinen, Verbänden oder Initiativen…“ Na Schatz, wer sagte das?“

„Na wer schon?“, antwortete Carla und konnte nur mühsam ein Lachen unterdrücken. „Angela Merkel, wer sonst?“

„Woher weißt du….?“, fragte ungläubig Tim, den vollkommen unklar war, wie Carla darauf auf Anhieb kam. Da fiel sein Blick auf das Titelblatt der Zeitschrift und er schlug sich mit der Hand auf seiner Stirn: Auf ihm war deutlich die Kanzlerin zu sehen und er hatte vergessen, die Zeitschrift entsprechend zu knicken. Und Carla tat so… „Du Mistvieh…“, zischte er.

Und da prustete das Lachen aus Carla heraus und Tim freute sich, dass er seine oft genug bedrückte Frau zum Lachen bringen konnte.

„Aber interessant ist das schon“, bestätigte Carla. „Das Bedrohliche von Chemikalien bewegt zweifellos unser Land, das heißt die Bevölkerung. Und da möchte ich mal eine öffentliche Diskussion entfachen und sogar Initiativen auslösen. Ob sie dann noch so hinter ihren Worten steht?“

Die Problematik MCS ist der Regierung schon öfter unterbreitet worden

„Das ist der Punkt“, stimmte Tim zu. „Und die Problematik MCS ist der Regierung schon öfters unterbreitet worden, ohne dass ernsthaft darauf reagiert wäre. In Dänemark wurde wider besseres Wissen manipulativ versucht, MCS-Kranke in die psychische Ecke zu stellen. Das versuchte man immer wieder auch schon in Deutschland, aber nicht mit einer so pseudowissenschaftlich-kriminellen Energie wie dort. Man müsste die Kanzlerin bei Wort nehmen…“

„Ja, das müsste man. In Dänemark lief eine besonders hinterhältige Methode. Sogar Fragekataloge zur Erkennung von MCS wurden so umgestellt, dass Antworten psycho- lastig erschienen.“

Das ist eine Riesensauerei

„Das ist eine Riesensauerei“, gab Tim mit verächtlicher Mine seiner Frau Recht. „Nimm eine Gruppe jugendlicher Querschnittgelähmter, die vor kurzer Zeit durch einen Verkehrsunfall von heute auf morgen gelähmt wurden. Es ist keine Kunst, ihnen eine Reihe von Fragen zu stellen, die dann ihre Befindlichkeiten entblößen und sich psychisch oder psychiatrisch ausschlachten lassen. Wenn man nur will, kann man es immer so aussehen lassen, dass eine psychiatrische Behandlung dringend erforderlich sei.“

„Weißt du, es wurde damit an für sich ein Eigentor geschlossenen. So wird ja immer wieder behauptet, dass durch Studien festgestellt worden sei, dass MCS-Betroffene – sie sagen: Menschen, die sich selbst für MCS-krank halten – eine schwierige Kindheit gehabt, dass sie traumatische Erlebnisse gehabt hätten usw…. Und dass sei die eigentliche Ursache für das Befinden der Betreffenden. Wenn das stimmt, dann ist in naher Zukunft eine bedrohliche Anzahl von Menschen betroffen, denn die Mehrheit der Eltern ist heute entweder beruflich maßlos überlastet oder arbeitslos bzw. unterversorgt. Sehr viele Kinder sehen entweder ihre Eltern fast gar nicht, und wenn dann im gestressten Zustand oder sie sehen sie als perspektivlose Wesen. Wie jetzt eine Fernsehsendung von 3Sat belegte, hat fehlende Liebe und Fürsorge verheerende Folgen in der Persönlichkeitsentwicklung. Aber das ist nicht gleichzusetzen mit den Ursachen von MCS.

Es stellt sich sonst die Frage, warum es nach den Weltkriegen kaum MCS gab?

Und warum gab es sie in den früheren Ostblockstaaten nicht bzw. war sie nicht bekannt, dafür aber heute n den Nachfolgestaaten?

Die Häufung ein statistischer Zufall?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass es z.B. in der DDR nur sehr wenig Asthma- und Allergiefälle gab, heute aber in den neuen Bundesländern genauso viele wie in den alten Bundesländern. Selbst Fachleute geben zu, dass die neuen Länder hier aufgeholt haben, können oder wollen aber nicht die Gründe hierfür nennen. Die Psychiatrisierung aber – das wird man gar nicht bedacht haben – stellt, wenn man über ihre Aussagen wirklich nachdenkt, eine gigantische Anklage darüber dar, wie extrem sozial krank unsere Gesellschaft ist. Ob das den verantwortlichen Herren besser gefällt, wie die tatsächliche Ursache: Das Übermaß an Chemikalien im Alltag in Verbindung mit ererbten oder erworbenen Schwächen der Entgiftungsorgane der Körper der Betreffenden?“

„Weißt du aber, was die Kanzlerin noch gesagt hatte?“

„Nein, was meinst du?“

„Nun es gab eine Anfrage im Bundestag, warum es so viele Krebsfälle in der näheren Umgebung von der Atommüll Lagerstätte Asse gibt. Ihre Antwort war, dass sie diese Häufung für einen statistischen Zufall hält.“

„Klingt doch gut Carla, oder? Warum es immer mehr Allergien und MCS gibt in der heutigen Zeit? Statistischer Zufall! In den letzten zehntausend Jahren gab es doch kaum Allergien und MCS oder?“

Carla musste lachen. „Sie hat ja jetzt ihren Spitznamen als Teflon-Merkel weg. Ob das drastische Bienensterben in Amerika und Europa auch nur ein statistischer Zufall ist? Ach, lassen wir das für heute, Tim. Sag mir lieber das Zweite von „mobil“.“

Ein Seufzen kam aus der Ecke der Stube. Das Paar blickte in Richtung Sofa. Joel war eingeschlafen. Es war ein anstrengender Tag für ihn. Carlo und Tim sahen sich an. Ihnen war klar, dass sie sich erst einmal um den Jungen kümmern mussten, bevor sie weiter diskutierten. Dann aber spürten sie, dass sie selbst auch erschöpft waren und gingen zu Bett.

Kranke werden auf sich allein gestellt

Tim hatte seine, noch im Halbschlaf befindliche Frau am Morgen gefragt, was für Wasser am selbigen Tag mit Trinken und Kochen dran sei, denn Carla musste auch das Mineralwasser im Rotationsplan mit einbeziehen, damit sie nicht auch noch gegenüber einer Mineralwassersorte allergisch wird. Sie vertrug ohnehin nur drei Sorten. Er füllte zweieinhalb Glasflaschen Wasser in einem Glastopf, um das Mineralwasser zehn Minuten zu kochen. Damit entweicht nicht nur die Kohlensäure, sondern es wird auch ein Teil der Mineralien ausgefällt. Zuviele Mineralien kurbeln den Entgiftungsprozess zu sehr an, was Carla unnötig belasten würde. Da sie auf das Metall von Stahltöpfen reagierte, musste alles mit Glas- oder Keramiktöpfen gekocht werden. So auch das Frühstück, das dieses Mal planmäßig aus gekochten Quinoa mit Blattspinat und Hanföl bestand. Joel war nicht so histaminanfällig wie seine Mutter und vertrug daher Brötchen.

Sauerstoff aus der Flasche

Während Tim kochte, fiel ihm der Bericht von Carla ein, als sie im EHC-Dallas bei Dr. Rea zur Behandlung weilte. Dort war eine Frau, die überhaupt kein Wasser vertrug. Sie musste sich Entenbrüste zubereiten und den austretenden Fleischsaft trinken, wollte sie nicht verdursten. Carla berichtete auch von einem Mädchen, dass auf einer Rollliege transportiert wurde und sogar innerhalb der cleanen Klinikräume noch eine Atemschutzmaske tragen musste. Ihr Körper und Kopf waren mit Decken zugedeckt, weil sie nicht einmal das Licht der Lampen der Klinik vertrug. Eine alte Frau zog ständig eine Stahlflasche mit medizinischem Sauerstoff hinter sich her, weil sie auf die normale Luft schwer reagierte. Sie war früher Lehrerin und wurde durch chemisch verseuchte Schulräume krank. Sie lebte praktisch in ihrem Auto und schrieb auf einer alten Schreibmaschine ihre Biografie. Eine andere Betroffene hielt es nur in den speziellen cleanen Räumen der mit dem EHC kooperierenden Hotels aus. Selbst die elektromagentische Strahlen eines normalen Schnurtelefons konnte sie nur wenige Minuten tolerieren. In den USA gibt es MCS-Kranke, die überhaupt nicht mehr in einer Wohnung leben können und Sommer wie Winter in Zelten oder Autos hausen müssen. In Deutschland, Italien und in der Schweiz kämpfen schwer kranke MCS-Kranke, oft noch zusätzlich mit einer starken Elektrosensibilität belastet, in Wohnwagen um ihr Überleben.

…plötzlich völlig alleine

Andere sind zu einer Art „Waldmensch“ geworden, um zu überleben. Die Selbstmordrate unter den Kranken ist sehr hoch, weil sie in schweren Fällen nicht mehr wissen, wo sie sich aufhalten, was sie für Lebensmittel und Kleidungsstoffe sie vertragen und welche Mineralwässer sie tolerieren können. Viele leben weitgehend isoliert. Eine MCS-kranke Frau stand plötzlich völlig allein dar, als sich ihr Mann bei der Arbeit eine schwere Verletzung zuzog und er ins Krankenhaus musste. Sie erlitt einen Herzschock, weshalb sie ebenfalls ins Krankenhaus hätte gehen müssen, aber nicht konnte, weil sie MCS hatte. Es gibt einfach kein SOS-Notprogramm für solche Fälle… Sie waren mehr oder weniger Freiwild, das oft genug in Psychiatrien weggesperrt wurde, statt das ihnen wirksam geholfen wurde. Fortsetzung folgt.

Autor: Gerhard Becker, CSN -Chemical Sensitivity Network, Dezember 2010

Teil I: ….und komme bitte nicht mit Parfüm

Weitere CSN Artikel zum Thema:

MCS-Erkrankte – die Leprakranken unserer Tage

In vergangenen Zeiten wurden Leprakranke aus der Gesellschaft verstoßen

Heute sind es Umwelterkrankte mit MCS, die man verstößt

Viele, die an schwerer MCS leiden, machen die Erfahrung, dass ehemalige Kollegen, Freunde, Bekannte und Familienmitglieder allmählich aus ihren Leben verschwinden. Diese Kontaktpersonen glauben, dass der Mensch mit MCS für den Umgang zu anstrengend geworden ist. In unserer modernen und geschäftigen Welt sind viele nicht mehr in der Lage, die dafür erforderliche Mühe auf sich zu nehmen, häufig sind ihnen sogar die Kompromisse, um mit einem MCS-Kranken Kontakt aufzunehmen zu viel. Es hat in der Gesellschaft keine besondere Bedeutung mehr, jene mit solchen schweren Behinderungen, wie sie MCS-Kranke haben, zu akzeptieren und ihnen zu helfen.

An einer derart sozial behindernden Erkrankung wie MCS zu erkranken, erfordert enorme Willenskraft, wenn man als integere, psychisch gesunde Person überleben will. Jene, die an MCS erkrankt sind, leben ein Leben, das aufgrund dieser Erkrankung durch große Verluste gekennzeichnet ist. Verlust von Gesundheit, Arbeitsfähigkeit, Identität, Wohlstand, Unterkunft, Freiheit, soziale Kontakte, Freunde, Familienmitglieder und in einigen Fällen sogar der Verlust des Lebenspartners. All dies gehört zu den schlimmen Erfahrungen, die man als MCS-Kranker macht.

Wenn jemand an einer anderen schwerer Erkrankung leidet, wie z.B. Krebs, Herzerkrankungen, steht eine große Armee an Gesundheitsberufen bereit, um dem in seiner Gesundheit Beeinträchtigten medizinisch zu helfen und ihn zu unterstützen. Menschen mit solchen herkömmlichen Diagnosen finden Sympathie, Verständnis und professionelle Behandlung. Wenn jemand psychische Probleme bekommen hat, weil er an so einer schweren Erkrankung leidet, wird widerspruchslos verstanden und akzeptiert, dass ein Mensch, bei dem eine derart ernsthafte Erkrankung diagnostiziert wurde, deshalb auch sekundär psychisch erkranken kann.

MCS – Eine Erkrankung mit geringen Ansehen

Wenn man jedoch MCS bekommt, sieht alles etwas anders aus. Man entdeckt schnell, daß dies eine der schlimmsten Krankheiten ist, die man haben kann. Am besten ist es, man trifft auf Mediziner, die unvoreingenommen sind, aber von dieser Erkrankung keine Ahnung haben. Am schlimmsten ist es, wenn Kranke an misstrauische, voreingenommene und wertende Ärzte geraten, die unser eins mangels wissenschaftlicher Kenntnis als geisteskrank ansehen. In Dänemark gibt es – ähnlich wie in vielen Ländern – kein einziges Krankenhaus, das MCS-Kranke aufnimmt, untersucht und medizinische Behandlung zukommen lässt. Es gibt keine Ärzte, die von MCS etwas verstehen. Die einzigen aus den Gesundheitsberufen, die sich in Dänemark für MCS interessieren, sind eine Gruppe von Psychiatern, die beschlossen haben, dass MCS eine funktionelle Störung ist. Deshalb stellen sie schnell eine psychiatrische Diagnose, welche die Kranken für den Rest ihres Lebens nicht mehr los werden.

Wenn MCS-Kranke aufgrund der persönlichen Folgen von MCS – eine Erkrankung, die buchstäblich das eigene Leben zerstört – psychische Probleme bekommen, gibt es für keine der resultierenden psychischen Schädigungen ein vergleichbares Verständ- nis, wie bei anderen schweren Erkrankungen. Als MCS-Erkrankter darf man es sich offenbar nicht erlauben, infolge dieser schweren Erkrankung psychische Probleme zu bekommen.

Wenn jemand als schwer MCS-Erkrankter Anzeichen von Depression oder anderem seelischem Ungleichgewicht an den Tag legt, wird man als geisteskrank diffamiert. Auf diese Weise braucht sich die Gesellschaft nicht mit Chemikalien und Pestiziden auseinander zu setzen, welche MCS-Kranke sehr krank machen.

Früher wurden Leprakranke auf die andere Seite der Stadtmauer verbannt. Heute folgen MCS-Kranke mehr oder weniger freiwillig ihren Fußspuren, da Menschen mit MCS die chemischen Expositionen, die in modernen Gesellschaften üblich sind, nicht aushalten können.

  • Wie lange muss dieser Wahnsinn noch weitergehen?
  • Wie lange kann die Gesellschaft weiterhin die Existenz der schwer an MCS Erkrankten ignorieren und das Problem nicht wahrnehmen, indem man behauptet, es habe nichts mit dem erhöhten Verbrauch von Chemikalien und Pestiziden zu tun und wäre nur etwas, das sich im Kopf der Umwelterkrankten abspielt?
  • Wieviel Prozent der Bevölkerung müssen erst an MCS erkranken, bevor die Gesellschaft das Problem mit den Chemikalien ernst nimmt und Maßnahmen veranlasst?

Autor: Bodil Nielsen, Dänemark, 3. Oktober 2010

Photo: Bodil Nielsen

Übersetzung: BrunO für CSN

Dänischer Originalartikel: MCS-ramte: Nutidens spedalske

Englische Übersetzung: MCS Sufferers – The Lepers of Today

Fortsetzungsserie: „Dänisches MCS-Forschungscenter im internationalen Blickfeld“

Gedicht am Sonntag: Der Dolchstoß

Der Dolchstoß

Könntest stolz sein,

mit deinem Geruchssinn,

wie ein Spürhund,

wenn nicht die Peitschenhiebe wär’n,

die der Preis dafür.

Ständiges Bitten,

lautlos, leise gehofft

und auch gebrüllt:

„Verschont mich mit euren Gerüchen,

Giftgaswolken gleich,

jede Lebensregung durchdringend!“

Und dann dieses „Verständnis“,

diese/s Mitgefühl/s(-Losigkeit),

mit zärtlich ätzender Stimme:

„Meinst du wirklich nicht,

dass das psychisch ist?“

„Nein,

natürlich nicht.

Aber deine Frage

des Unverstandes,

baut mit am Turm,

auf denen DIE steh’n,

die schrein:

‚Seht doch, alles psychisch!‘

Wie sich die Bilder gleichen:

Wie oft schon wurde die Wahrheit

weggesperrt,

geteert mit dem Vorwurf

der kranken Psyche,

gefedert mit Ignoranz.

Der Mensch glaubte das Wasser gebändigt,

Regentropfen sammelten sich zu Überschwemmungen,

schrien um so lauter die Wahrheit:

Wie rücksichtslos der Mensch!

Wir mögen noch Tropfen sein,

die Überschwemmung aber,

wird ein Dolchstoß sein!

Autor: Gerhard Becker, CSN – Chemical Sensitivity Network, 20. Juni 2010

Weitere Gedichte von Gerhard:

So nicht! * Soll’n doch in die Klapse gehn * Muss fliehn * Du bist nicht allein * Lass uns lieber über Realitäten reden * Ein Lächeln * Deine Atemzüge * Und dann endlich * Immer noch nicht verstehen wollend * Nur weil ich hinabsteige * Selbstdiagnose * Verfluchtes Pack * Was bleibt von mir? * Niemand

Die Psychothese bei Umweltkrankheiten – wissenschaftlich wertlos, rechtlich destruktiv

Die Psychothese bei Umweltkrankheiten ist nichts weiter als Bullshit

 

Die Psychothesen wurden in den Diskurs um die Umweltkrankheiten erst eingeführt, als die Prävalenz der Erkrankungen schon sehr hoch war. Sie stammt erst aus den 90er Jahren. Publikationen zur TE – Toxische Enzephalopathie kann man bis 1904 zurückverfolgen, MCS wurde 1945 entdeckt. Der wissenschaftliche Beitrag der Psychothese ist gleich Null, ihr rechtlicher Schaden dagegen enorm. Sie begann nicht trotz, sondern wegen der Anerkennung durch die WHO als organische Erkrankungen (ICD-10 für MCS: T78.4). Zur Erinnerung: 1996 wurde etwa der Versuch unternommen, MCS in IEI umzubenennen.

Dies ist keine wissenschaftliche Debatte, sondern reine Juristerei. Alle westlichen Zivilisationen basieren rechtlich auf den Menschenrechten, die in den jeweiligen Verfassungen formuliert sind und deren nachfolgende Gesetze sich danach richten müssen. Darin ist Gesundheit ein hohes rechtliches Gut. So wird etwa im Artikel 2.2 der deutschen Verfassung die körperliche Unversehrtheit extra geschützt. Dieser gesetzliche Schutz wird durch die Psychodebatte unterlaufen. Denn der rechtliche Schutz gilt nicht für eingebildete Kranke oder andere Spinner. So dient die Psychothese, den Erkrankten ihre Rechte zu nehmen. Das ist ihr wesentlicher Sinn. Ob Versicherungen oder Schadenersatz, die Betroffenen scheitern rechtlich. Dass sie so auch keine adäquate medizinische Versorgung bekommen, ist gewissermaßen ein Kollateralschaden.

Wer dies ungeheuerlich findet, hat Recht. Denn die Psychothese nutzt die Tatsache, dass Neurotoxine psychische Hirnfunktionen beschädigen. Diese psychischen Dysfunktionen durch Neurotoxine waren schon 1985 in den Diagnosekriterien der TE definiert (WHO) worden. Es wurde schlicht Ursache und Wirkung vertauscht. Man kann beliebig viele Studien durchführen und findet, was zu erwarten ist: psychische Auffälligkeiten. Dass diese anders strukturiert sind als bekannte psychiatrische Erkrankungen wird meist unterschlagen oder nicht genau genug untersucht. Die Psychothese ist demzufolge keine wissenschaftliche Entdeckung. Denn die Folgen von Neurotoxinen für die Psyche waren ja schon bekannt. Die Auswertung ist demzufolge wissentlich stets falsch.

Es handelt sich um etwas, wofür es im Deutschen kein Wort gibt. Im Englischen stehen mehrere zur Verfügung, nämlich Fake, Bullshit oder Phoney. Der Moralphilosoph Harry G. Frankfurt (Prof. emerit. Princeton) hat solche Begriffe philologisch-philosophisch analysiert. „On Bullshit“ wurde zum Bestseller. Danach ist die Substanz (ein Philosophiebegriff) von Bullshit die Abwesenheit von Realitätsbezügen. Ein Lüge kann man überführen: ein absichtlich verändertes Detail in einem Gefüge von Tatsachen (Erkenntnissen). Das lässt sich überprüfen. Bullshit ist eine Kreation, frei von lästiger Befassung mit der Realität (etwa Wissenschaft). Die Psychothese ist Bullshit, die Kreation ist die Vertauschung von Ursache und Wirkung. Wenn man den Versuch macht dies wissenschaftliche zu widerlegen, hat man den Bullshit in seinem wesentlichen Bestreben, Wissenschaft vorzutäuschen, bereits bestätigt. Dagegen helfen keine Laborparameter. Denn „schwupps“ wird das Thema gewechselt und eine Phantomdebatte geführt. H.G. Frankfurt sagt: Bullshit ist zerstörerischer als die Lüge. Er zerstört alle Erkenntnis, nicht nur en detail. In der Psychodebatte war es bisher immer so: kaum fiel das Wort Psychosomatik, sofort wurde nur noch darüber diskutiert.

Bullshit kann man nicht wissenschaftlich widerlegen, nur aufdecken. Pall nennt neun Hauptfehler der Psychothese in seinem Paper von 2009. Er läuft damit Gefahr, dass auch seine Aufklärung der wesentlichen biochemischen Pathomechanismen wieder in Vergessenheit geraten bzw. die Diskussion wieder verdrängt wird. Das hat in den letzten Jahrzehnten stets funktioniert. In der deutschen RKI-Studie wurde „entdeckt“, dass die psychischen Scores der MCS-Patienten andere waren, als die von Psychiatriepatienten. Zwei Jahre später war dieses lästige Detail wieder vergessen. Wir wissen seit den 80er Jahren, was MCS genau ist. Doch es wird mehr über Bullshit diskutiert, als über die Sache. Da braucht man sich nicht wundern.

Bullshit zerstört mehr, nämlich Menschen. Ein Satz eines deutschen Verfassungsrechtlers lautet (sinngemäß): „Es ist die perfideste Art eines Genozids, diejenigen allein zu lassen, die sich aus eigener Kraft nicht mehr helfen können.“ Er meinte (1954) keine Kranken. Aber statt Rasse oder Religion werden heute Menschen mit den falschen Genen – die schlechten Entgifter – zu minderwertigen Personen gemacht („Ökochoder“ lautet da eine Kreation). Das ist wahrhaft perfide.

Das lässt sich nur ändern, wenn verstanden wird, dass es um Rechte geht, nicht um Wissenschaft. Da ist die Sache seit Jahrzehnten entschieden. Man muss erkennen, dass wissenschaftliche Entscheidungen durch den Rechtsbegriff „anerkannter Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis“ rechtliche Wirkung entfalten. Es geht genau darum, letzteres zu verhindern. Das hat die Psychothese bisher sehr effektiv geleistet. Man wechselt das Thema, beginnt eine wissenschaftliche Pseudodebatte und sofort ist MCS ganz unbekannt, rätselhaft und auch nicht durch die WHO anerkannt. So unterläuft man Recht und Gesetz. Engagierte Gutachter diskutieren wissenschaftlich, statt sich an den Stand der Wissenschaft zu halten, was eigentlich ihre Aufgabe ist, und auch die Organisationen der Patienten ringen um wissenschaftliche Erkenntnisse, die alle schon bekannt sind – und anerkannt! So haben die Bullshitter bisher stets und ohne große Anstrengungen gewonnen.

Es wird sich nur etwas ändern, wenn diejenigen, die etwas ändern wollen, den Mut aufbringen, Bullshit auch Bullshit zu nennen und sich von der Anmaßung – nach Frankfurt stets ein Merkmal von Bullshit – auf alleinige Interpretationshoheit nicht mehr einschüchtern zu lassen. Die Waffe dagegen ist das Argument, dass es um die körperliche Unversehrtheit geht oder anders ausgedrückt um Körperverletzung. Die Psychothese leistet dem Vorschub.

Autor: Dr. Tino Merz für CSN – Chemical Sensitivity Network, 12. März 2010

Weitere Artikel von Dr. Merz:

Weiterführende Informationen:

Neun Gründe, warum die Hypothese, MCS sei psychisch bedingt, vom medizinischen Standpunkt her absurd ist

In mehr als einem Dutzend Veröffent-lichungen wurde die Hypothese aufge-stellt, dass MCS keine echte körperlich bedingte Erkrankung, sondern eine Art psychogene Erkrankung sei, die durch einige unzureichend beschriebene psychologische Mechanismen ausgelöst werde. Den Beweis für ihre Behauptungen bleiben die Autoren schuldig, sie behaupten dies einfach und versuchen, ihre unwissenschaftlichen Behauptungen durch ständig wiederholtes Vorbringen als allgemeine Meinung zu etablieren. Wissenschaftliche Studien, die den tatsächlichen wissenschaftlichen Stand schlüssig darlegen, werden ebenso vehement ignoriert, wie die Tatsache, dass MCS im ICD-10 als körperlich bedingte Krankheit in Kapitel 19, das für Verletzungen und Vergiftungen steht, einklassifiziert ist.

Im nachfolgenden eine von Prof. Martin L. Pall erstellte Liste, die darlegt, welchen Stellenwert die Psycho-Hypothese im Fall von MCS tatsächlich hat.

Zusammenfassung der Mängel für die psychogene Hypothese bezüglich MCS

Die Vertreter der psychogenen These für MCS und verwandte Erkrankungen haben

  1. zahlreiche gegenteilige Hinweise auf die toxikologischen Wirkungen der mit MCS in Verbindung gebrachten Chemikalien, auf die physiologischen Veränderungen bei Patienten, die an MCS und verwandten Erkrankungen leiden, auf genetische Hinweise zur Anfälligkeit für MCS, auf objektiv messbare Reaktionen nach Exposition gegenüber niedrig dosierten Chemikalien bei MCS-Patienten, auf Tiermodelle zu MCS und auf klinische Studien über mit MCS verwandte Erkrankungen ignoriert.
  2. pauschale Schlussfolgerungen auf der Grundlage von nur wenigen oder keinen Daten gezogen.
  3. ihre Hypothese mit dem Konzept der somatoformen Störungen und der Somatisierung begründet, Konzepte, die sowohl in der Theorie als auch in der Praxis erhebliche Mängel aufweisen und in der wissenschaftlichen Literatur zunehmend infrage gestellt werden.
  4. ihre Ansichten mit einem angenommenen Dualismus zwischen einerseits psychologischen/psychiatrischen/mentalen Aspekten und andererseits physischen/physiologischen/biologischen Aspekten begründet, wobei dieser Dualismus von der modernen Wissenschaft verworfen worden ist.
  5. wiederholt unlogische Argumente vorgebracht.
  6. die lange Geschichte irrtümlicher psychogener Zuordnung in der Medizin ignoriert, eine Geschichte, die die Frage aufwirft, ob dieser Personenkreis nicht die Fehler wiederholt, die in der Vergangenheit zu irrigen psychogenen Thesen geführt haben.
  7. zahlreiche ihrer Veröffentlichungen in hohem Maße durch emotionsgeladene Rhetorik geprägt, anstatt der bewährten wissenschaftlichen Praxis zu folgen, ihre Argumente von einer gut strukturierten Theorie, verfügbaren Erkenntnissen und schlüssiger Logik leiten zu lassen.
  8. umfangreiche Literatur mit gegenteiligen Argumenten nicht berücksichtigt, obwohl es dafür kaum oder gar keinen Grund für gibt.
  9. in der Regel keine nachprüfbaren Annahmen gemacht, die dazu verwendet werden können, die Hypothese nachzuprüfen und ggf. zu widerlegen. Es gibt zwar zwei einzelne Ausnahmen von diesem Verhaltensmuster, diese wurden jedoch widerlegt und führen somit zu einer Zurückweisung der Hypothese.

Jeder dieser Mängel ist schwerwiegend. Einige davon, insbesondere Nr. 1, 2, 5, 8 und 9, sind nach meiner Auffassung bereits für sich allein mehr als ausreichend, um die These von der Psychogenese für MCS abzulehnen. Die Kombination aller neun kann nur als vernichtender Schlag gegen die psychogene These betrachtet werden.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 2. März 2010

Literatur: Auszug aus Martin L. Pall, Multiple Chemikaliensensitivität: Toxikologie- und Sensitivitätsmechanismen, Broschüre 2009.

Anmerkung:

Die 44-seitige Broschüre „Multiple Chemikaliensensitivität: Toxikologie- und Sensitivitätsmechanismen“ kann bei CSN gegen einen mit 1.45€ frankierten Din4 Rückumschlag angefordert werden. Sie kann auch auf der deutschsprachigen Webseite von Prof. Pall online gelesen werden.

Weitere CSN Blogs über die Arbeit von Prof. Martin Pall:

Mit Chemikalien-Sensitivität leben und nicht aufgeben

Mit Chemikalien-Sensitivität leben und nicht aufgeben

In den letzten zwei  Teilen dieser Beitragsserie soll noch einmal Pamela Reed Gibson zu Wort kommen. Sie geht in ihrem Buch „Multiple Chemical Sensitivity, a Survival Guide“ ausführlich auf das Thema Psychotherapie ein und gibt einige Tipps dazu und zur Selbsthilfe.

Ist das Glas nicht doch halb voll?

Nach Pamela Reed Gibsons Beobachtungen fordert MCS oft Unmögliches von den Betroffenen, während die Krankheit ihnen in ihrem Verlauf ihre Ressourcen wegzunehmen droht. Ein erster Schritt bei der Bewältigung der Herausforderungen besteht darin, den eigenen bisherigen Erfolgen Anerkennung zollen zu können.

Man halte sich vor Augen:

  • Was hat man bisher gut gemacht?
  • Welche Veränderungen hat man vorgenommen, um die MCS-bedingten Probleme zu bewältigen und eine weitere Verschlechterung zu verhindern?
  • Welche schwierigen Situationen hat man mit Kreativität und persönlicher Stärke meistern können?

Wenn man den bisherigen Leistungen mit Anerkennung begegnen kann, ist es leichter, weiter auf seinem Weg voranzuschreiten und neue Herausforderungen anzunehmen.

Andere Probleme nicht vernachlässigen

Obwohl MCS keine psychogene Erkrankung ist, schließt das die Möglichkeit nicht aus, dass der eine oder andere davon unabhängige psychische Lasten mit sich herumträgt, die auch bewältigt sein wollen. Das tun wir alle. Solange derartige Probleme ungelöst sind, können sie mit den krankheitsbedingten Herausforderungen interagieren und zusätzlichen Kummer bereiten. Sich um derartige unabhängige psychische Lasten zu kümmern, kann die seelische Gesamtbelastung reduzieren und zusätzliche Energie für die Bewältigung von MCS bereitstellen. Dass man lernt, wie MCS mit den eigenen psychischen Verwundbarkeiten interagiert, kann einem dabei helfen, das eigene Leben erfolgreicher zu bewältigen.

Durchsetzungsvermögen

Sind Sie ein Mensch, der typischerweise eher schüchtern und sensibel ist und nun vor der undankbaren Aufgabe steht, sich selbstbewusst für spezielle Anpassungen einsetzen zu müssen, um überleben zu können? Wenn Ihr persönlicher Stil bisher eher ein passiver war, d.h. etwas von sich zu geben, zu tun, was verlangt wird und sich nie zu beschweren, kann es sehr schwer sein, den Punkt zu erreichen, an dem man seine Not und Bedürfnisse selbstbewusst artikulieren und vertreten kann, ohne sich unwohl zu fühlen. Ob nun wegen des persönlichen Stils, Gewohnheit, Unbehagen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen oder der Überzeugung, keine „besondere Behandlung“ zu verdienen, die Aufgabe, das eigene soziale Leben positiv zu gestalten, wird ohne wenigstens etwas Arbeit im Bereich der Psyche schwieriger sein.

Ein Therapeut kann einem helfen, sich mit selbstbewusstem Durchsetzungsverhalten wohler zu fühlen. Es gibt auch diverse gute Selbsthilfebücher, die dabei helfen können. Eine andere Möglichkeit besteht darin, etwas zu praktizieren, was George Kelly, einer der wichtigen Persönlichkeitstheoretiker, „Fixed Role Therapy“ genannt hat. Dabei schreibt der Therapeut eine kleine Skizze oder einen Entwurf von einer Person, die die Qualitäten verkörpert, die der Klient entwickeln möchte. Also in diesem Falle würden Sie eine Seite lange Beschreibung einer Person anfertigen, die eine gute Durchsetzungsfähigkeit hat. In dieser kleinen Skizze sollten Sie sowohl die Gedanken als auch das Verhalten der Person beschreiben. Z.B.: „Sally findet es einfach, ihre Bedürfnisse zu beschreiben, da ihr klar ist, dass ihre Gesundheit davon abhängt. Negative Reaktionen von anderen regen sie nicht auf, da sie weiß, dass es normal ist, dass Leute, die anders sind, schlecht behandelt werden.“ Nach Besprechung der geschriebenen Skizze macht der Klient ein Rollenspiel mit dem Therapeuten, in dem er die ideale Person verkörpert. Weiter behält der Klient diese Rolle die nächsten zwei Wochen bei und bespricht bei einigen zwischenzeitlichen Terminen mit dem Therapeuten, wie es dabei vorangeht. Sie können mit diesem Ansatz auch selbst experimentieren und sehen, wie es sich anfühlt, in einem Lebensbereich einen anderen Verhaltensstil auszuprobieren. Wenn Sie es versuchen, sollten sie die Skizze mit sich tragen, oft darauf zurückgreifen und sich darüber klar werden, wie es ist, ein neues Verhalten auszuprobieren.

Eine andere Taktik, Durchsetzungsvermögen zu üben, wäre etwa, sich mit einem Tier zu identifizieren, zu dem man eine Beziehung hat, dass durchsetzungsfähig ist und das man bewundert (aber man lasse Vorsicht walten, bei der Auswahl der Personen, denen man davon erzählt. Manchen fehlt das nötige Verständnis). Sie könnten beispielsweise ein Löwe sein, der sich, sein Revier und seine Jungen zu beschützen weiß. Oder ein rauflustiger Dachs, der nicht zögert zuzubeißen, wenn er bedroht wird. Sich durchzusetzen bedeutet, seinen größten Ängsten ins Auge zu blicken –  z.B. zurückgewiesen zu werden. Meistens werden es die Leute jedoch respektieren, wenn Sie sich für sich selbst einsetzen, und wahrscheinlich wird man wenigstens den einen oder anderen Unterstützer haben.

Selbstachtung und Selbstwert

Probleme mit dem Selbstwert und der Selbstachtung können auftreten, wenn man schlecht behandelt wird, während man sich für seine Belange, etwa Bitten um Anpassungen, einsetzt. Menschen mit geringer Selbstachtung oder solche, die in der Vergangenheit oft schlecht behandelt worden sind, empfinden derartige Situationen oft als sehr schlimm, während Leute mit einer „dickeren Haut“ davon weniger mitgenommen werden. Zu lernen, wie man „hart im Nehmen“ wird und unabhängig von dem Verhalten anderer, wird einem helfen, bei den Anstrengungen, seine Bedürfnisse durchzusetzen, auf Kurs zu bleiben. Derartige Probleme können mit einem geeigneten Selbsthilfegruppen, Selbsthilfebüchern oder Selbsthilfegruppen angegangen werden. Es ist oft sehr nützlich zu hören, wie „dickhäutige“ Menschen über die Reaktionen anderer denken. Sie haben oft großartige Möglichkeiten entwickelt, um die Dinge in der richtigen Perspektive zu sehen, die Dinge nüchtern zu registrieren und dann den eigenen Weg weiterzugehen. Beispielsweise bei einer negativen Rückmeldung anzunehmen, man habe es mit einem Idioten zu tun, anstatt sich selbst in Frage zu stellen.

Leistungsorientierung

Sind Sie sehr leistungsorientiert? Beweisen sie sich Ihren Wert durch Leistung, schaffen, machen, machen und sich dabei übernehmen? Ist Ihre Dynamik die eines Workaholic? Dann ist eine Erkrankung, die Ihre Produktivität reduziert, etwas extrem Schmerzhaftes, da sie Ihre gewohnte Art und Weise, mit Problemen umzugehen, aushebelt. Wenn ihre Selbstachtung auf dem Erreichen wichtiger Ziele beruht und ihre Leistungsfähigkeit halbiert wird oder ganz verloren geht, müssen Sie entweder mit der halben (oder ganz ohne) Selbstachtung auskommen oder aber den Maßstab, an dem Sie Ihren Wert messen, ändern. Viele Menschen beziehen ihre Selbstachtung über ihre Arbeit. Sie können versuchen, ihre Karriere an ihre neuen reduzierten Möglichkeiten anzupassen, beispielsweise zu Hause arbeiten oder zu anderen Zeiten oder in einer anderen Gegend. Oder sie müssen eine andere geeignete Arbeitsmöglichkeit finden. Jeder hat irgendwelche Möglichkeiten, sich zu engagieren, und Ihre Produktivität muss nicht auf ewige Zeiten immer nur abnehmen.

Sachen aufschieben

Wenn Sie andererseits eher jemand sind, der Dinge, die zu erledigen sind, aufschiebt, liefern die Gesundheitsprobleme, die Sie haben, eine unendliche Menge an Gründen, um alles immer weiter aufzuschieben. Dann sollten Sie vielleicht zu „To Do“-Listen und einem Terminplan Zuflucht nehmen. Am besten mit eingebauten Belohnungen für das Erreichen wichtiger Ziele.

Persönlichkeitsstil

Der individuelle Persönlichkeitsstil kann bestimmen, woran man besonders leidet, wenn man MCS hat. Extrovertierte haben z.B. wahrscheinlich größere Probleme mit Isolation als Introvertierte. Introvertierte haben nun vielleicht mangels Gelegenheit größere Probleme, ihre Bedürfnisse mitzuteilen, und sich in Beziehungen zu schützen. Obwohl dies sehr schwierig sein kann, müssen Extrovertierte unbedingt erfinderisch und kreativ bei der Suche nach Kontaktmöglichkeiten mit anderen sein. Obwohl MCS einen ziemlich weit runterziehen kann, sollte man nicht vergessen, dass es dennoch ein paar Dinge gibt, die man tun kann, um sich nicht völlig zu isolieren.

Autor: Karlheinz, CSN – Chemical Sensitivity Network, 14. September 2009

Literatur: [1] Pamela Reed Gibson(2006). Multiple Chemical Sensitivity, a Survival Guide (second edition), Earthrive Books.

Serie: Psychiatrisierung bei MCS ein Irrweg Teil I – X

Warum Sie nicht mitkriegen, dass Sie MCS haben

Krank ohne Grund? Nein Gründe gibt es

Menschen mit Multipler Chemikalien-Sensitivität (MCS) reagieren auf verschiedene Chemikalien. Zum Beispiel Autoabgase, Parfüm, Lösemittel aus Bodenklebern, Farbgerüche etc. können die Symptome auslösen. Das kann man sich vorstellen wie eine Allergie. Allerdings sind die Symptome nicht nur Atemwegssymptome, sondern können genauso gut Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Verdauungsbeschwerden, Störungen im Herz- Kreislaufsystem, Nervenbeschwerden, Muskelschmerzen, psychische Symptome, kurz Alles, beinhalten. Wohlgemerkt können, manche Patienten reagieren z.B. vorwiegend mit Migräne oder Atemwegsbeschwerden, während andere nie Migräne oder Atemwegsbeschwerden hatten.

Wie erkennt man MCS?

Wie erkennt man nun MCS? Eigentlich klar: Sie riechen irgendwas oder essen etwas Bestimmtes, und dann geht es Ihnen schlecht. Ansonsten haben Sie wohl auch kein MCS. So einfach ist es leider nicht. Angenommen, Ihnen geht es ständig schlecht. Sie haben zum Beispiel ununterbrochen Kopfschmerzen. Weiter angenommen, die kommen von dem Duftstoff in Ihrem Weichspüler, den Sie ständig nehmen. Sie haben ständig die damit gewaschenen Sachen an und schlafen im damit gewaschenen Bettzeug. Wie wollen Sie merken, dass es vom Weichspüler kommt?

Das ist es, was die Diagnose von MCS so schwierig macht. Man kann Menschen die Symptome einer Blinddarmentzündung so gut einbläuen, dass sie ins Krankenhaus gehen, wenn sie sie feststellen. Aber bei MCS kann man keine perfekt einschlägigen Symptome nennen. Stattdessen ist ein Patient, der MCS hat und es meistens nicht weiß, ständig von den Stoffen, die er nicht verträgt, umgeben. Wie soll er dann herausfinden, von welchen der Stoffe er Probleme bekommt? Unsere ganze alltägliche Umwelt ist ja chemisch.

MCS früh erkennen

Dabei ist es extrem wichtig, eine Tendenz in Richtung MCS früh zu erkennen. Schreitet die Krankheit fort, kann es zu einem Zustand kommen, in dem ein Leben in einer normalen Umgebung nicht mehr möglich ist. Das Überleben des Patienten ist dann nur in einer völlig abgeschotteten Umgebung möglich, und Symptome werden schon durch einen Mitmenschen mit Parfüm oder durch ein vorbeifahrendes Auto mit dem Benzingeruch aus dem Auspuff ausgelöst. Aus leichten Symptomen werden schwerste.

Eine leichte Form, eine Gefährdung, gibt es bei ca. 15-30% der Bevölkerung. Das ist nicht dramatisch, meist meidet der Patient die für ihn schlimmsten Stoffe intuitiv („Ich kann in keinen Bus gehen, da wird mir sofort schlecht.“ „Duftkerzen kommen mir nicht in die Wohnung.“ „Ich könnte keine Gummifabrik betreten.“). Solange man den Patienten nicht in eine stark belastete Umgebung, wie eine komplett verschimmelte Wohnung oder einen Neubau mit vielen Lösemitteln, eine Fabrik etc. bringt, passiert meistens nichts.

Schadstoffe minimieren – Diagnosehilfe und Behandlung zugleich

Wenn Sie unter chronischen Beschwerden leiden, die sich nicht erklären lassen, kann eine Minimierung der Schadstoffe im Umfeld eventuell helfen. Wenn es Ihnen dadurch besser geht, kann das ein Hinweis darauf sein, dass die Beschwerden durch Schadstoffe ausgelöst werden. Lassen Sie sich von Ihrem Gefühl bzw. Ihrer Nase leiten. Ideal wäre eine nicht mehr neue, also nicht frisch mit Farben und Bodenklebern ausgestattete Wohnung, die auch nicht verschimmelt ist. Weitere Infos finden Sie in dem Blog: Gesundheitsvorsorge: Einfach billig – Schadstoffe und Keime

Sie sind kein Ökochonder: MCS ist nicht Psycho!

Dramatisch ist, dass MCS-Patienten häufig nie ihre echte Diagnose erhalten und psychiatrisiert werden. MCS gehört nicht zur üblichen Differentialdiagnostik, obwohl es sehr häufig ist. Und MCS selbst wird häufig als psychisch bezeichnet. Warum wohl? An MCS-Patienten verdient keiner. Die bleiben daheim und meiden Chemikalien. Psychiatriepatienten dagegen sind profitabel. Psychiatrien, Psychopillen, Therapien, da klingeln die Pharmakassen. Denken Sie daran. Die wirtschaftlichen Interessen einiger Personenkreise sollten Sie nicht daran hindern, herauszufinden, warum Sie krank sind. Und andere auch nicht. Schicken Sie diesen Blog als Link herum, posten Sie ihn in Foren, in denen Sie mitschreiben! Damit tragen Sie zur dringend nötigen Aufklärung über MCS bei.

Autor: Amalie für CSN – Chemical Sensitivity Network, 19. August 2009

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Psychostudien unter der Lupe

Psychostudien unter der Lupe

Die früher genannten Studienergebnisse bei Vergleichen von Psychotherapie mit Placebobehandlungen und Unbehandelten sollen im Folgenden noch etwas genauer betrachtet werden.

Das Beispiel

Als Ausgangs- und Orientierungspunkt soll dabei ein Ergebnis der schon erwähnten NIMH-Studie [1] dienen. Dort ging es um die Behandlung von Depressionen mit verschiedenen Methoden.

Die Hamiltonskala

Zur Beurteilung der Schwere der Erkrankung und des Behandlungserfolgs werden den Patienten zu Begin und am Ende der Behandlung einige vorgegebene Fragen gestellt und die Antworten dann von den Befragern nach einem Punkteschema bewertet. Dabei wurde eine Version der weit verbreiteten sog. Hamilton-Skala (HRSD) benutzt. Aus den Punkteergebnissen wurde dann jeweils ein Skalenwert ermittelt, der die Schwere der Depression des betreffenden Patienten repräsentieren soll. Höhere Werte stehen dabei für eine schwerere Depression, d.h. niedrigere Werte sind „besser“. Ein Resultat von 15 bis 18 wird als milde bis mittelschwere Depression gewertet. Schwer depressive Patienten erreichen üblicherweise einen Wert von 25 oder mehr.

Die Ergebnisse

Dabei ergaben sich folgende Ergebnisse:

tabelle-1

* Imipramin ist ein trizyklisches Antidepressivum

Die angegebenen Werte sind jeweils die Mittelwerte der einzelnen Gruppen.

Durch die Behandlung mit Psychotherapie verbessern sich die Teilnehmer durchschnittlich um einen Wert I. Erfolgt diese Verbesserung wiederum mit einer gewissen zufälligen Variabilität, wird die Streuung der Ergebnisse dabei größer, d.h. die Standardabweichung wird größer (vgl. obige Tabelle).

Die Standardabweichung „s“ ist ein Maß für die Schwankungsbreite der Ergebnisse in den einzelnen Gruppen. Bei dem Ergebnis m ± s liegen 68,3% der Einzelergebnisse zwischen (m – s) und (m + s). Dabei ist „m“ der Mittelwert. Je kleiner s ist, desto dichter liegen die Einzelergebnisse beisammen.

Die nachfolgende Graphik zeigt die Studienergebnisse (die ersten vier Zeilen der Tabelle) als normalverteilte Wahrscheinlichkeitsdichten. Je höher die Kurve, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in der Gruppe den zugehörigen HRSD-Punktewert hat. Farben wie in der Tabelle.

Tabelle 2

Die Effektstärke

Um die Ergebnisse verschiedener Studien vergleichen zu können, verwendet man häufig die sogenannte Effektstärke (meist mit „d“ oder „ES“ abgekürzt) , die je nach beabsichtigter Genauigkeit oder Perspektive auf verschiedene Weise berechnet werden kann.

Im einfachsten Fall nimmt man d = (m1-m2)/s2 (Glass’s Delta). Dabei ist m1 der von der betrachteten Versuchsgruppe erreichte Mittelwert nach der Behandlung, m2 der von der Kontrollgruppe (hier die Placebogruppe: m2=8,8) erreichte Mittelwert und s2 die Standardabweichung von der Kontrollgruppe (hier s2=5,7).

Im vorliegenden Fall erhält man formal eine negative Effektstärke, wenn die Therapiegruppen besser als die Vergleichsgruppen sind, weil weniger HRSD-Punkte „besser“ sind. Konventionell zählt man die Effektstärke aber in Richtung der „Verbesserung“ positiv. In diesem Fall würde man also d statt d berichten.

Klinische Relevanz der Effektstärke

Nach der Konsensempfehlung des (englischen) Nationalen Instituts für klinische Exzellenz (National Institute for Clinical Excellence (NICE)) sind für einen klinisch relevanten Effekt mindestens 3 Punkte auf der Hamilton-Skala oder alternativ eine Effektstärke von d = 0,5 erforderlich [2].

Bei entsprechend hoher Standardabweichung können die absoluten Unterschiede trotz nicht vorhandener klinischer Relevanz nach dem Kriterium d < 0,5 recht hoch sein. Umgekehrt können die entsprechenden absoluten Unterschiede bei sehr kleiner Standardabweichung trotz klinischer Relevanz gemäß d % 0,5 sehr klein sein. Daher die zusätzliche Forderung, dass der Effekt mindestens 3 Punkte auf der Hamilton-Skala ausmachen muß.

Ein Wert auf der Hamilton-Skala von 6 oder besser wird in Studien oft als Grenzwert genommen, ab dem ein Patient als „geheilt“ gilt.

Die Behandlung ist nicht wirklich besser als das Placebo

Befürworter der Psychotherapie, insbesondere solche, die selber Psychotherapie machen, führen als Beleg für die Effizienz von Psychotherapie gegenüber Placebobehandlungen oder Nichtbehandlung häufig die Ergebnisse der Metastudie von Lambert und Bergin [3] an, in der 15 Metastudien ausgewertet wurden. Dort kam man auf Werte für die Effektstärke von:

„Psychotherapie“ gegenüber „keine Behandlung“: d = 0,82

„Psychotherapie“ gegenüber „Placebo“: d = 0,48

„Placebo“ gegenüber „keine Behandlung“: d = 0,42

(D.h. für den Fall „Psychotherapie“ gegenüber „keine Behandlung“: der Unterschied zwischen den Durchschnittsergebnissen für die „Psychotherapie“-Gruppe und die „keine Behandlung“-Gruppe beträgt das 0,82-fache der Standardabweichung der „keine Behandlung“-Gruppe, das sind 0,82×5,7 = 4,7 HRSD-Punkte.)

Der Unterschied zwischen Psychotherapie und Placebo beträgt also nach Effektstärken 0,48 (zweite Zeile).

Nach der oben angegebenen Formel für die Effektstärke d = (m1-m2)/s2 folgt aus dem ersten und dritten Wert jedoch eine Differenz zwischen den Ergebnissen von Psychotherapie und Placebo von nur 0,40 Standardabweichungen der „keine Behandlung“-Gruppe. Der Unterschied rührt möglicherweise daher, dass die Standartabweichung für „keine Behandlung“ größer war als die für „Placebo“. Eine andere bzw. zusätzliche Möglichkeit besteht darin, dass eine leicht abweichende Formel zur Berechnung der Effektstärke verwendet wurde.

Wie auch immer man jedoch rechnet: Die Placebogruppe ist zwar etwas schlechter als die Therapiegruppen, der Unterschied in den erreichten Mittelwerten ist nach dem NICE-Standard jedoch klinisch nicht relevant.

…und der Vorsprung schwindet

Dabei ist weiter zu bedenken, dass wichtige unspezifische Faktoren wie die Überzeugtheit des Therapeuten hinsichtlich seiner Behandlung bei Placebobedingungen nicht vorhanden sind und auch weitere unspezifische Kontextfaktoren fehlen können.([4], S. 46)

„Weinberger [6] ging so weit zu sagen, dass der Unterschied in den verschiedenen Behandlungsformen darin liegt, welche generellen Faktoren [= unspezifische Faktoren] benutzt und welche generellen Faktoren vernachlässigt werden.“([4], S. 82)

Einige Studien haben versucht, den Überzeugungs- bzw. Loyalitätseffekt abzuschätzen. Dabei fand man, wenn der Therapeut von seiner Behandlung überzeugt ist, eine Effektstärke von 0,95. Ist der Therapeut nicht überzeugt, wie bei einer Placebobehandlung anzunehmen, lag die Effektstärke nur bei 0,66.

Bei Gültigkeit der obigen Formel für die Effektstärke, liegt der Unterschied aufgrund des Überzeugungseffekts in den Ergebnissen für das jeweilige Meßinstrument bei 0,29 Standardabweichungen. Die entsprechende Differenz in der oben genannten Studie von Lambert und Bergin lag bei 0,48. D.h. allein dieser Faktor reduziert den Unterschied zwischen Therapie und Placebo auf 0,19 Standardabweichungen (das entspräche in obigem Beispiel ca. 1,1 Punkte auf der Hamilton-Skala) und führt so praktisch zu einem Ausgleich.

In einer anderen Studie von Bergmann et. al. (1985) ([4], S. 59) kam man gar auf einen Überzeugtheitseffekt von 0,65. Ein Effekt in dieser Größe würde den Unterschied zwischen Therapie und Placebo sogar mehr als ausgleichen.

(Weiter unten wird an einer Stelle der Mittelwert von (0,29+0,65)/2 = 0,47 verwendet.)

Weitere Therapeuteneffekte

Auch sind die Erfolgsraten verschiedener Therapeuten systematisch unterschiedlich hoch. Die davon in Studien ausgehenden Effekte führen in Vergleichsstudien zwischen verschiedenen Therapiemethoden oft zu einer Übertreibung von Unterschieden. Korrigiert man diese Effekte, so verschwinden allfällige Wirksamkeitsunterschiede zwischen den Therapieformen. Schätzungen kommen auf durch unterschiedlich erfolgreiche Therapeuten bedingte Unterschiede in Ergebnissen von Studien zum Vergleich von Therapiemethoden auf Effektstärken bis zu 0,6 ([4], S. 77) (vermutlich „gute“ gegenüber „schlechte“ Therapeuten). Diese Effektstärke überwiegt wiederum die gefundenen Unterschiede zwischen „echten“ Therapien und „Placebos“. D.h. im Einzelfall kann es wichtiger sein, einen „guten“ Therapeuten zu haben, als eine „echte“ Therapie zu bekommen.

Blatt et.al. kamen in einer Analyse der NIMH-Studie zu dem Ergebnis: „Die Analyse der Daten läßt auf einen existierenden signifikanten Unterschied innerhalb der therapeutischen Wirksamkeit unter Therapeuten schließen, sogar unter den best trainiertesten und erfahrensten Therapeuten in dieser Studie… [Die Unterschiede bestehen] nicht in Abhängigkeit von der allgemeinen klinischen Erfahrung der Therapeuten oder der Erfahrung in der Behandlung von depressiven Menschen. Jedoch werden die Unterschiede in der therapeutischen Wirksamkeit mit der grundsätzlichen klinischen Ausrichtung assoziiert… Die effektivsten Therapeuten hatten in Bezug auf den klinischen Prozeß eher eine psychologische denn eine biologische Orientierung…“ ([4], S. 78)

Luborsky et. al. fanden [5]: „Trotz dieser Schritte, die die Fähigkeiten [der Therapeuten] maximieren sollten und die Unterschiede minimieren, reichte der Range [die Variationsbreite] der prozentualen Verbesserung der Klienten bei den 22 Therapeuten in den sieben Studien von geringfügig negativer Veränderung bis zu 80% Verbesserung.“ ([4], S. 79)

„Die Person des Therapeuten ist offenbar der kritische Faktor, wenn es um den Erfolg einer Therapie geht.“([4], S. 82)

Wie wirksam ist Psychotherapie?

Zur Beurteilung der absoluten Wirksamkeit von Psychotherapien hilft die Effektstärke jedoch nicht weiter. Dazu muß man die absoluten Verbesserungen betrachten.

Aus obiger Tabelle geht hervor, dass die beste Psychotherapie eine mittlere Verbesserung von 12,2 Punkten auf der Hamiltonskala brachte, bei einem Ausgangswert von 19,2. Das ist eine sehr deutliche Verbesserung.

Psychotherapie ist also durchaus wirksam. Die Placebobehandlung erbrachte jedoch eine fast genau so große Verbesserung um 10,3 Punkte bei einem Ausgangswert von 19,1. Der Unterschied von 1,9 Punkten ist klinisch nicht relevant.

Eine Behandlung ohne spezifische Inhalte, die nach gängigen theoretischen Vorstellungen unwirksam sein sollte, bringt also ein fast genauso gutes Ergebnis.

Die Differenz ist praktisch vollständig durch Überzeugtheitseffekte der Therapeuten sowie ggf. weitere Kontexteffekte erklärbar.

Ein hypothetischer Fall

Nun folgt noch ein hypothetischer Vergleich mit dem Fall, dass die NIMH-Studie noch eine weitere der „keine Behandlung“-Bedingung entsprechende Kontrollgruppe gehabt hätte, die statistisch ein im Sinne der Metastudie von Lambert und Bergin repräsentatives Verhalten zeigt.

Aus Lambert und Bergins Ergebnis einer Effektstärke von 0.82 von „Psychotherapie“ gegenüber „keine Behandlung“ ergäbe sich rein rechnerisch nach obiger Formel für die Effektstärke als Ergebnis für den Fall „keine Behandlung“ gegenüber der besten Psychotherapie (Interpersonale Therapie) der Studie immer noch eine Verbesserung um 7,3 Punkte von 18,9 auf 11,6 Punkte (dabei wurde s = 5,7 angenommen).

Die nachfolgende Graphik zeigt das Ergebnis zusammen mit den Studienergebnissen für die Interpersonale Therapie:

Tabelle 3

Es gibt also auch eine nennenswerte Spontanremission.

Sie macht in diesem hypothetischen Fall bei der besten Psychotherapie im Mittel etwa 63% der absoluten Verbesserung auf der Hamilton-Skala aus. Zudem überschreitet die beste Therapie im Vergleich zu dem hypothetischen Fall „keine Behandlung“ die Schwelle von 3 Punkten auf der Hamilton-Skala für klinische Relevanz nur um 1,7 Punkte (dies wie gesagt bei einer Standardabweichung von 5,7).

Das lässt die folgende Interpretation zu:

Fast zwei Drittel der Wirkung von Psychotherapie beruht auf Regressionseffekten bzw. Spontanremission (vgl. Teil 2).

Unter Regressionseffekten und Spontanremission sollen dabei alle Effekte zusammengefasst werden, die nicht aus einer Behandlung oder einer Scheinbehandlung stammen.

Alles in allem ist die Wirksamkeit von Psychotherapie also selbst im Vergleich zu dem „keine Behandlung“-Fall alles andere als beeindruckend. Die Schwelle zur klinischen Relevanz wird im hypothetischen Beispiel gerade so eben überschritten.

Im nächsten Beitrag soll die Interpretation der Effektstärken genauer betrachtet werden.

Autor: Karlheinz, CSN – Chemical Sensitivity Network, 28. Juli 2009

Teil I – IV

Teil I: Psychische Beeinträchtigung als Folge von Chemikalien-Sensitivität

Teil II: Die „Lösungen“ der Mainstream Medizin, auch bei MCS Psychotherapie und Psychopharmaka

Teil III: Psychopharmaka: Wirksam? Unwirksam? Schädlich? Placebo?

Teil IV: Psychotherapie – Das größte Placebo des 20. Jahrhunderts?

Weitere Artikel zum Thema

Literatur:

[1] Elkin et. al. (1989). NIMH Treatment of Depression Collaborative Research Program: General Effectiveness of Treatment, Archives of General Psychiatry 46:971-82.

[2] National Institute for Clinical Excellence: Depression: management of depression in primary and secondary care. Clinical

practice guideline No 23. London: NICE; 2004.

[3] Lambert & Bergin (1994). The Effectiveness of Psychotherapy, in Handbook of Psychotherapy and Behavior Change, 4th ed., ed. Bergin & Garfield, 143-190, John Wiley & Sons.

[4] Reiband, Nadine (2006). Klient, Therapeut und das unbekannte Dritte, Carl-Auer Verlag.

[5] Luborsky et. al. (1997). The Psychotherapist Matters: Comparison of Outcomes across twenty-two Therapists and seven Patient’s Samples, Clinical Psychology: Science and Practice, 42, 602-11.

[6] Weinberger (1995). Common Factors aren’t so common: The common Factors Dilemma. Clinical Psychology: Science and Practice, 42, 45-69.

Neuropsychiatrische Maskerade – Die Psyche ist nicht immer Ursache für psychische Symptome

Neuropsychiatrische Maskerade

Anfang Februar 2009 erschien in der amerikanischen Fachzeitschrift für Psychiatrie ein Bericht über einen bewusstseinserweiternden Kongressvortrag von Josè Maldonado / Stanford University. Maldonado legte anschaulich dar, dass psychische Symptome klar von psychiatrischen Krankheiten unterschiedene werden müssen, da deren Ursache nur zu oft nicht in der Psyche begründet ist, sondern in der Wirkungsweise von bestimmten Chemikalien, Medikamenten und den Begleiterscheinungen von anderen Krankheiten. Ein Aspekt, dem in der Praxis sicher in den allerseltensten Fällen Beachtung geschenkt wird und wodurch man vielen Erkrankten therapeutisch nicht gerecht wird.

Wenn Chemikalien, Medikamente und Krankheiten die Psyche beeinflussen
Josè Maldonado riet Ärzten bei seinem Vortrag auf einem Psychiatrie-Kongress in San Diego, jene Krankheiten, die psychische Symptome auslösen, von den primär psychiatrischen Erkrankungen zu unterscheiden. Infektionen, Krankheiten des endokrinen Systems, Stoffwechselkrankheiten, neurologische Erkrankungen und Krankheiten des Bindegewebes seien häufige unterschätzte Auslöser einer psychischen Symptomatik. In seinem ausführlichen Referat ging der Psychiater auf verschiedene Faktoren ein, gab aber zu verstehen, dass dies nur die Spitze des Eisberges sei, denn alleine über Infektionskrankheiten, die dazu in der Lage sind, psychische Symptomatiken auszulösen, könne er einen ganzen Monat lang erzählen.

Chemo, Pestizide, Schwermetalle,…
Maldonaldo, Professor für Psychiatrie und Medizin, leitet am Stanford Universitity Medical Center die medizinische und forensische Psychiatrie. Er bot auf dem „US Psychiatric and Mental Health Congress“ in San Diego Ärzten klinische Beratung zur Unterscheidung primär und sekundär psychischer Symptome an. Es gäbe bei jeder Krankheit bestimmte Hinweise, die die Unterscheidung ermöglichen.

Neben den genannten Krankheiten könnten auch verschiedene Medikamente wie (Korticostereoide, Opiate, Chemotherapien gegen Krebs, Parkinsonmittel), Drogen und Alkohol oder Toxine wie Schwermetalle, bestimmte Insektizide, z. B Organophosphate, oder manche Farben psychische Symptome auslösen. Es müsse daher darauf geachtet werden, ob der Patient mit solchen Substanzen belastet sei oder war. Bei Patienten, die bspw. unter Angstzuständen litten, müsse eruiert werden, ob diese Kohlenmonoxid, lösemittelhaltigen Farben oder Benzindämpfe ausgesetzt waren. Psychosen hingegen könnten bspw. durch Benzin, Organophosphatinsektizide, Nervengase, Schwermetalle, Kohlenmonoxid, Farben und Lösungsmittel ausgelöst werden.

Medikamente
Besonders häufig sei es auch die Wechselwirkung von Medikamenten, erläuterte Maldonado, sowohl verschriebene als auch freiverkäufliche. Dazu führte Maldonaldo ein Beispiel aus seinen Erfahrungen als Psychiater der Stanford Transplantationsabteilung an. Er stellte fest, dass manche Patienten über 20 Mittel einnahmen, die nicht Teil ihrer Therapie waren. An einem Tag fragte er einen Transplantationspatienten, wie viele verschiedene verschreibungspflichtige Medikamente er denn so einnehme. Der Mann zog eine Tüte voll mit Medikamenten hervor. Dann habe er ihn gefragt, ob er auch frei verkäufliche Medikamente einnähme. Daraufhin hätte der Mann eine weitere, noch größere Tüte herbeigebracht.

Endokrine Störungen
Störungen der Schilddrüse können eine Vielzahl psychischer Symptome verursachen. Maldonaldo nannte hier Angst, Depressionen, Bipolare Störungen und Manien, seelische Labilität und schwere Symptome bis hin zu Demenz, Psychosen und Delirium.

Mit einer Angststörung verwechselt werden kann das Pheochromocytoma, das Katecholamine ausschüttet. Mit Urintest, CT von Kopf, Nacken und Brust oder auch dem Massieren der adrenalinausschüttenden Drüsen, was Panikattacken hervorruft, lässt sich der Tumor identifizieren. Der Tumor muss operativ entfernt werden.

Hyperparathyroidismus ruft neben verschiedenen körperlichen Symptomen auch Müdigkeit und nicht selten das Restless-Legs-Syndrom hervor.

Eine überaktive Nebenschilddrüse kann Depressionen, Gedächtnisschwäche, Appetitlosigkeit, Konzentrationsschwäche und Müdigkeit verursachen, im Extremfall kommt es zum Delirium. Auch hier ist die chirurgische Entfernung die Therapie der Wahl.

Diabetes
Bei Unterzuckerung, meist durch Diabetes, kommt es zu eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten, Schweiß, Angst, Zittern, bis hin zum Koma. Man könne leicht herausfinden, erklärt Maldonaldo, ob der Zustand durch Unterzuckerung bedingt ist, wenn man dem Patienten etwas Zuckerhaltiges zu essen gibt.

Stoffwechselstörungen
Eine erbliche Störung des Kupferstoffwechsels führt zur Anreicherung von Kupfer im Körper und in der Folge zu Bewegungsstörungen, Psychosen und Persönlichkeitsveränderungen. Neurologische Symptome, auch parkinsonähnlich, können ebenso auftreten wie Depression und Paranoia. Behandelt werden kann z.B. mit Chelaten oder Zink, dem Gegenspieler von Kupfer im Körper. Maldonaldo vergaß nicht, an dieser Stelle eindringlich darauf hinzuweisen, dass sich neurologische Symptome zu Beginn der Therapie verschlechtern können.

Porphyrie
Die Pophyrie, eine relativ seltene Stoffwechselerkrankung, kann körperliche und psychische Symptome von unterschiedlichster Intensität und verschiedenster Art hervorrufen. Sie ist mit einer Urinuntersuchung feststellbar.

Infektionskrankheiten, Borreliose
Man  könne einen ganzen Monat damit verbringen, über Infektionskrankheiten zu sprechen, stellte Maldonaldo bei seinem Vortrag fest.

Die Borreliose etwa werde oft fehldiagnostiziert. Die Wahrscheinlichkeit, nach einem Zeckenbiss zu erkranken, liegt bei 3%. Die Borreliose kann zu einer Arthritis, die kommt und geht, neurologischen Symptomen, Hirnhautentzündung und Hirnentzündung mit Schädigungen sowie Herzdefekten führen.

Aus psychiatrischer Sicht sei die Borreliose oft schwer von der Depression zu unterscheiden. Andere psychische Symptome verschiedener Intensität könnten hinzukommen, so etwa Panikattacken, Halluzinationen, Anorexie, Manien etc. Die Diagnose dieser Infektion wird durch Bluttest gestellt. Ergänzend könnten ein PET Scan und ein MRT weiteren Aufschluss über das Ausmaß der bereits eingetretenen Hirnschädigung bei Erkrankten geben.

Herpes
Herpesinfektionen können zur Hirnhautentzündung oder Gehirnentzündung führen. Maldonado gab zu verstehen, dass plötzliches Fieber, Kopfschmerzen, gefolgt von kognitiven und neurologischen Störungen, sowie neuropsychiatrischen Symptomen wie Halluzinationen, Gedächtnisverlust, Änderungen des Verhaltens etc. zu den Anzeichen der Erkrankung gehören, die bis zum Koma führen und tödlich enden kann. Verschiedene klinische Tests, u.a. PCR Tests, ermöglichen die Diagnose, behandelt wird mit Virostatika. Ein MRI könne ergänzend Entzündungen im Hirn aufdecken. Maldonado erwähnte, dass nach der Erkrankung neurologische Schäden zurückbleiben können.

Bindegewebserkrankungen

Lupus (SLE), sagte der Stanford Mediziner, kennzeichne sich durch wiederkehrende Phasen von Entzündungszuständen verschiedener Organe, wie Haut, Gelenke, Nieren oder Blutgefäße. Die Erkrankung zeige sich auch durch psychische und neurologische Symptome wie Demenz, Psychose oder kognitive Störungen. Die medikamentöse Behandlung müsse den Ursprung dieser Psychosen selbstverständlich berücksichtigen.

Delirium
Maldonaldo konzentrierte sich bei seinem Vortrag auch insbesondere auf Deliriumszustände, die 15% aller medizinischen Fälle, 40% auf chirurgischen Stationen und 80% der Patienten auf der Intensivstation betreffen. Patienten im Delirium würden häufiger an der zu Grunde liegenden Erkrankung sterben oder schwerere Verläufe erleben. Maldonaldo erläuterte, dass er keinen einzelnen Grund für das Delirium sähe, vielmehr verschiedene Risikofaktoren. So seien ältere Menschen häufiger betroffen als junge, Männer öfter als Frauen, verschiedene Genussgifte oder Drogen würden das Risiko ebenso erhöhen, wie manche Medikamente. Als Folge würden bei den Patienten auch nach Abklingen der Erkrankung oft psychische und neurologische Störungen auftreten. Daher sei es wichtig, das Delirium schnell zu erkennen und korrekt zu behandeln.

Neuropsychiatrische Maskerade
Maldonaldo vermittelte auf dem Psychiatrie-Kongress, dass das Wissen über die verschiedenen Faktoren, die eine neuropsychiatrische Maskerade bedingen, an Mediziner aller Fachrichtungen weitergegeben werden sollte und auf internationaler Ebene fester Bestandteil der medizinischen Ausbildung werden muss. Nur so könne man vermeiden, dass Patienten in einen Teufelskreis geraten und unnötig in Psychiatrien enden.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 8. Februar 2009

Übersetzung: Amalie für CSN

Literatur: José R. Maldonado, Vortrag Neuropsychiatric Masquerade, 21th U.S. Psychiatric and Mental Health Congress, 2008

Versuch einer Patientin den Stempel – Psychisch krank – aufzudrücken

Psychostempel sind Diskriminierung

Telefonate, Briefe und E-Mails mit Berichten von schwer kranken Menschen, die man aufgrund ihrer Chemikaliensensitivität (MCS) versucht, als psychisch krank abzustempeln, gehören zum Alltag von CSN.

Obwohl MCS als körperliche Krankheit im ICD-10 einklassifiziert ist und als körperlich bedingte Behinderung in Deutschland anerkannt ist, wird von vielen Behörden und Krankenkassen eine andere Gangart gegenüber den Erkrankten angeschlagen. Ganz bewusst und unverblümt wird versucht, Ansprüche der Erkrankten zu ersticken, indem der berühmt berüchtigte „PSYCHOSTEMPEL“ zum Einsatz kommt. Hierzu werden in der Regel fachfremde Ärzte bemüht, meist Psychiater, die keine umweltmedizinische Ausbildung und somit über kein erforderliches Fachwissen in diesem Fachbereich verfügen. Wie ein solcher Fall sich in der Praxis darstellt, veranschaulicht der nachfolgende Tatsachenbericht:

Theresa K. chemikaliensensibel:
Zunächst hatte ich, nachdem ich erstmals von Chemikalien als Ursache meiner Beschwerden erfuhr, nach monatelangen Telefonaten quer durch Deutschland schließlich die Telefonnummer einer Umweltklinik erfahren. Dort rief ich an und schien richtig zu sein.

Ich verfasste nun einen Bericht über meine damals noch lebensbedrohlichen Symptome und schickte ihn hin. Dann erhielt ich aus der Umweltklinik einen 19 Seiten langen umweltmedizinischen Anamnese-Fragebogen und eine Einladung zum ambulanten Vorgespräch als Vorbereitung zur stationären Aufnahme. Den Fragebogen schickte ich ausgefüllt zurück.

Freunde fuhren mich mit ihrem Auto in die Umweltklinik zum Gespräch, welches mir sehr gezielt geholfen hat. Denn als ich die empfohlenen Nahrungsergänzungen anfing zu nehmen, baute mein Körper so ungeheuer auf, sodass ich nach insgesamt einem Dreivierteljahr wieder wie zuletzt ca. 30 Jahre zuvor drauf war. Auch das diabetesbedingte Übergewicht war wie weggeblasen, und das bis heute.

Ziemlich am Anfang dieser Phase des körperlichen Wiederaufbaus bekam ich dann — nicht von meiner damaligen Hausärztin, wo ich schon über 10 Jahre hinging und die mich bis dahin immer vernünftig und respektvoll behandelt hatte – sondern von meinem Lungenfacharzt, wo ich ein paar Tage später meinen Routinetermin hatte, die heißersehnte Einweisung für die Klinik.

Ich rief in der Umweltklinik an und prompt wurde mir der Termin für den stationären Aufenthalt schriftlich mitgeteilt.

Erster Psychiatrisierungsversuch:
Meine Hausärztin nahm die schriftliche Aufnahmebestätigung der Umweltklinik mit spitzen Fingern entgegen und hielt sie so weit wie sie irgend konnte von sich weg mit der Bemerkung „Was soll D-A-S denn sein? Ich schreibe Ihnen was auf!“, was sie mir aufschrieb, war eine Untersuchung bei einem Neurologen/Psychiater.
Ich beschloss, sie nie wieder aufzusuchen. Bei der Terminvereinbarung mit dem Neurologen kam mir eine gepfefferte Erkältung dazwischen, und danach bin ich dann nicht mehr hin.

Die indes vom Lungenarzt erhaltene Einweisung musste erst von der Krankenkasse genehmigt werden. Ich ging hin und dachte, so eine Kleinigkeit, eine Unterschrift und Stempel drauf und fertig. Aber nix da. Sie behielten das Formular da.

Ich ging also ohne wieder nach Hause, packte meinen Koffer mit all den umweltfreundlichen Produkten etc. fertig, und was kam nun?

Zweiter Psychiatrisierungsversuch:
Die Kasse bombardierte mich fast täglich mit Drohanrufen, die alle auf meinem AB landeten. Sie legten für mich einen extrem kurzfristigen Zwangstermin beim MDK fest. Dort wurde ein psychiatrisches Gutachten von einer psychologisch fortgebildeten Anästhesistin erstellt. Sie sagte selber, dass das eigentlich nicht ihr Fachgebiet sei. Ich habe das MDK-Gutachten nie bekommen, trotz intensiver Bemühungen. Gesehen habe ich es aber. Es ist ca. 1 DIN-A-4-Seite lang, wovon der Teil, wo es ums Wesentliche geht, nämlich die Möglichkeit der erfolgreichen Behandlung, die ich ja mittlerweile gerade kennen gelernt hatte, bewusst falsch ist. Mir wurden von der MDK-Ärztin eiskalt Lügen in den Mund gelegt. Meine diesbezüglichen Mitteilungen wurden komplett ignoriert.

Dritter Psychiatrisierungsversuch:
Das reichte der Kasse aber nicht. Sie hat mich dann sofort kurzfristig zu einem Termin mit der hauseigenen Psychologin bestellt, wo es ganz abartig wurde.

Als ich ins Gebäude trat und die Rezeptionistin mich anwies zu warten, rief sie die Psychologin an, die dann in Begleitung zweier weiterer Personen erschien und mich in ein von allen Seiten – auch für das Publikum – einsehbares, kleines Büro lotste. Sie setzte sich hinter den Schreibtisch, ich sollte davor Platz nehmen. Dann ging das Einschüchterungsmanöver los. Sie sah mich scharf an. Eine ihrer Begleiterinnen stand direkt neben ihr und warf mir ebensolche Blicke zu, sowie verschwörerische in Richtung Psychologin. Die zweite Begleiterin war als Bewachung an der Tür postiert, damit ich nicht weg konnte. Wie das Gespräch im Einzelnen verlief, weiß ich nicht mehr, nur noch, dass dabei Dinge erwähnt wurden, die in der Sache völlig irrelevant waren, was ich ja wusste und deshalb auch sagte. Sie versuchte mich indes zu zwingen zu bestätigen, dass diese Krankheit nicht so behandelt werden kann, wie ich das meine. Aber das klappte nicht. Ich lüge nun mal nicht. Aber in der kleinen Butze wurde mit uns vier Personen die Luft sehr schnell stickig und deshalb war auch bald Ende der Vorstellung.

Vierter Psychiatrisierungsversuch:
Dann schrieb mich die Kasse an für einen weiteren Termin mit der hauseigenen Psychologin, die mich dann wieder zu bearbeiten versuchte – erfolglos.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 29.01.2009