Archiv der Kategorie ‘Chemikaliensensitivität, Chemikalienunverträglichkeit‘

Politiker treten seit zwei Jahrzehnten für Umweltkranke ein

In den letzten beiden Jahrzehnten gab es immer wieder Politiker, die hervortraten und für Menschen mit MCS und Umweltkrankheiten eintreten wollten. Die Versprechungen aus den Reihen der Politik waren oft groß. Die Erfahrungen aus dieser Zeit lehrten uns jedoch, dass unsere Themen, sobald es konkret wurde, schneller fallen gelassen wurden als eine heiße Kartoffel. Kaum war der Wahlkampf vorbei, waren alle Versprechungen Schnee von vorgestern.

Thommy’s Blogfrage der Woche:

  • Gibt es in Deutschland Politiker, die MCS-Kranke NICHT gemäß dem Willen der Lobby abspeisen?
  • Kennt Ihr Politiker, die auf Ihre Versprechungen tatsächlich Taten folgen ließen?
  • Was setzen Politiker für MCS- und Umweltkranke, bzw. für die  Umweltmedizin durch?
  • Welche konkrete Hilfe hinsichtlich Verbesserungen bei der Durchsetzung ihrer Rechte als Behinderte erreichten Politiker für die Menschen mit MCS, CFS, FMS und EMS?
  • Können Umweltkranke mit Blick auf die wirtschaftliche Situation und die Unterwanderung der Politik durch die Lobby realistisch betrachtet überhaupt Hilfe durch die Politik erwarten?
  • Was habt Ihr persönlich mit Politikern erlebt die Ihr um Hilfe gebeten habt? Welche Antworten und welche Hilfe habt Ihr erhalten?

Organisation will Wohnraum für Menschen mit Umweltkrankheiten schaffen

Pioniere der Umweltmedizin packen mit an bei Wohnprojekten für Umweltkranke

Snowflake, Arizona , USA – 7. Juni ist 2010 – Re|Shelter ist eine neue gemeinnützige Organisation, die gegründet wurde, um dringend erforderlichen Lösungen für die Wohnraumnot von Menschen mit umweltbedingten Intoleranzen Beachtung zu schenken. Diese Menschen erleiden leichte bis lebensbedrohliche körperliche Reaktionen, wenn sie extrem niedrigen Konzentrationen von Chemikalien, Schimmel, elektrischen Feldern und anderen Umweltfaktoren ausgesetzt sind und sie haben dadurch große Schwierigkeiten, in konventionell gebauten Häusern zu leben.

Die derzeit Gemeinnützigkeit beantragende Organisation hat sich der Bewältigung der globalen Immobilienkrise in Hinblick auf die hohe Rate von Obdachlosigkeit und die auftretenden Selbstmorde innerhalb der verletzlichen Bevölkerungsgruppen, derjenigen, die durch Umwelt-Sensitivitäten behindert sind, verpflichtet. Die Tätigkeiten der Organisation umfassen Fundraising, Vergabe von Beihilfen für den Hausbau, Unterstützung bei der Gestaltung und dem Bau von gesunden Häusern und Gemeinden, und Nutzen der Kunst, um Bewusstsein dafür zu fördern.

Die Mitbegründerinnen Julie Genser und Julie Laffin schufen die gemeinnützige Organisation, weil „der Bedarf so groß ist, und niemand sonst es tut“, sagte Genser.

Genser und Laffin hoffen auf direkte Finanzierung aus dem öffentlichen und dem privaten Sektor, um Obdachlosigkeit und weiteres Leid bei denjenigen, die auf Grund ihrer eigenen begrenzten Ressourcen nicht in der Lage sind, sich sicheren Wohnraum zu schaffen, zu verhindern. Beide, Genser und Laffin sind selbst Wohnraumnot durch ihre schwerwiegenden chemischen, elektrischen und andere Umwelt-Sensitivitäten. Durch diesen Umstand wurden die beiden innerhalb der letzten sechs Jahre völlig deaktiviert und haben von daher ein direktes Verständnis für den Kampf um geeigneten Wohnraum dieser Bevölkerungsgruppe. Die beiden trafen sich vor vier Jahren online in einer Gruppe von Künstlern mit Chemikalien-Sensitivität.

Genser und Laffin werden den Vorstand der Organisation bilden. Der Beirat hat 16 Mitglieder mit bemerkenswerter Erfahrung in den Bereichen, die in Zusammenhang mit dem Vorhaben stehen oder selbst von der Krankheit betroffen sind. Hierzu gehören: William J. Rea, MD, ein Pionier in der Umweltmedizin und auf dem Gebiet schadstofffreier Wohnungsbau, Pamela Reed-Gibson, Ph.D., eine Autorin und Wissenschaftlerin im Bereich Auswirkungen auf das Leben durch Umweltempfindlichkeiten, Magda Havas, Ph.D., eine Expertin für die biologischen Auswirkungen elektromagnetischer Strahlung, Carl Grimes, Präsident der Indoor Air Quality Association, Bennie Howard, der ehemalige Direktor des Büros für Behinderungen bei der Behörde für Wohnraum und Städtebau – HUD, Susan Molloy, eine Aktivistin, die seit langer Zeit für die Rechte von Behinderten eintritt, und Paula Baker-Laporte, eine Architektin mit Erfahrung im Bereich Gebäude für Menschen mit Umwelt-Sensitivitäten.

Zu den von der Gruppe geplanten Projekten gehören die Vergabe von Renovierungszuschüssen für förderungswürdige Personen, Bau einer „Clean-Air Gemeinschaft“ sowie eine Notunterkunft, und ein Architektur -Schulungsprogramm, dass Studenten während der Zusammenarbeit an re|Shelter-Projekten schult.

Julie Genser studierte Design und Umweltanalytik / Innenarchitektur an der Cornell University und koordinierte Bauvorhaben, bevor sie krank wurde. Sie hatte gerade einen Abschluss in Permakultur und Ökodorf-Design erreicht und war für ein viermonatiges Intensiv- Architektursemester am ECOSA Institut aufgenommen wurde, als sie durch Umweltfaktoren erkrankte und stark schwerbehindert wurde und ihre Ausbildung beenden musste. Sie hat einen einzigartigen Einblick in re |Shelter‘s direkte Zielgruppe: denn in den letzten fünf Jahren zog sie siebenmal um auf der Suche nach einem geeigneten sicheren Gebäude, das ihre Gesundheit nicht stark beeinträchtigt.

Julie Laffin ist der Kampf der Suche nach einem sicheren Gebäude ebenfalls hinreichend bekannt; sie suchte jeden Sommer nach einem Ort, um den Pestizidsprühungen von Feldern aus der Luft rings um ihr Haus im Norden von Illinois zu entkommen. Angetrieben von Mitgefühl und persönlichem Einblick in das besondere Problem des Wohnungsbaus für Umweltkranke, sind die beiden sehr begeistert darüber, diesen wichtigen Schritt zu tun, da bislang keine andere existierende Organisation bekannt ist, die sich alleinig auf Wohnlösungen für Menschen mit Umwelt-Intoleranzen ausgerichtet hat.

Literatur: Re|Shelter, New Housing Non-Profit forming with Focus on Environmental Sensitivities, June 7, 2010

Übersetzung: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network

Kontakt: support@reshelter.org

Webseite der Organisation: Re|shelter

Weitere CSN-Artikel zur Wohnraumproblemativ von Chemikaliensensiblen:

Foto-Projekt: Enthüllung von Multiple Chemical Sensitivity

MCS - Multiple Chemical Sensitivity - Ausgesperrt vom Leben Photo © Loli Vicente

Foto-Collage soll MCS visuell darstellen

Vor einigen Tagen teilte die Spanierin Lola Vicente ein inspirierendes Foto auf Facebook mit uns. Als ich ihr Foto sah, bekam ich die Idee, eine Collage mit Bildern von Menschen mit MCS zu erstellen und diese Collage auf meinem No Fun Blog zu veröffentlichen. Der Blog hat in letzter Zeit viele Besucher (mehr als 3 000 an dem Tag, an dem ich im nationalen Radio RNE interviewed wurde oder als MCS in einer populären spanischen TV Show vorgestellt wurde) und viele dieser Leser haben keine MCS. Deshalb dachte ich, dass es ein guter Moment ist, um der Gesellschaft zu zeigen, dass eine Menge Menschen mit MCS leben müssen und dass es niemand schafft, uns zum Schweigen zu bringen. Ich habe diese Idee auf Facebook kommuniziert und es fand guten Anklang.

Ich habe das Projekt „Multiple Chemical Sensitivity enthüllt“ genannt. NO FUN, mein Fenster zur Außenwelt, öffnet sich für Menschen mit MCS von überall von der Welt, damit wir gemeinsam zeigen, dass wir es viele Menschen gibt, die mit MCS leben.

Wenn Ihr an MCS erkrankt seid und bei diesem Projekt mitmachen möchtet, sendet bitte bis zum 30. September 2010 Euer Bild (mit Nennung eures Landes und Eurem Namen oder Eurem Pseudonym) an folgende E-Mail Adresse: fotos.sqm@hotmail.es (dieses Account wurde ausschließlich für den Erhalt der Fotos angemeldet und wird nach der Frist gelöscht). Das Foto kann Euch mit oder ohne Maske zeigen, es muss jedoch MCS symbolisieren. Mehr als auf die photographische Qualität, möchte ich das Augenmerk auf die visuelle Aussage aller Fotos zusammen richten.

Ich hoffe, Euch gefällt das Projekt und Ihr macht mit!

Anmerkung: Ich bin offen dafür, die Collage jedem anderen Blog oder Webseite auf der Welt zur Verfügung zu stellen, die sie veröffentlichen wollen.

Eva Caballé, No Fun, 8. Juni 2010.

Weitere Beiträge von Eva Caballé:

MCS in Japan – Botschaft eines MCS-Betroffenen

Ryozo Tamakoshi ist Mitglied der japanischen Organisation CACP- Citizens Against Chemicals Pollution (Bürger gegen chemische Umweltverschmutzung). Am 22. Februar 2010 fand im Repräsentantenhaus in Tokio eine Konferenz „The 1st Meeting for Learning Chemical Policies for Enacting Chemical Basic Law“ statt. Trotz Chemikaliensensitivität und Elektrosensibilität hielt Ryozo Tamakoshi einen Vortrag über MCS. Es war ihm ein äußerst wichtiges Anliegen, für das er einiges an gesundheitlichen Beschwerden in Kauf nahm, denn auf der Konferenz ging es um das Thema Chemikaliensicherheit und die notwendige Schaffung neuer Leitlinien zum sorgsameren Umgang mit Chemikalien – eine wichtige Basis für all die Menschen, die in Japan mit MCS leben müssen.

Vortrag von Ryozo Tamakoshi / CACP:

Ich komme nicht umhin, Ihnen als jemand, der MCS hat, ein paar wichtige Dinge mitzuteilen.

Ich leide an MCS und EMS. Multiple Chemical Sensitivity fängt bei jedem unterschiedlich an, auch die damit verbundenen Symptome. In meinem Fall wurde ich allmählich gegenüber Chemikalien empfindlich. Ich denke, meine Symptome sind im Vergleich zu anderen Erkrankten relativ moderat. Einige sind so sehr beeinträchtigt, dass sie kaum noch ihre Wohnung verlassen können, um an einem Treffen wie diesem hier teilzunehmen. Für mich ist es auch mit manchen Risiken verbunden, mich unter die Leute zu begeben, aber ich denke, es ist meine Pflicht als jemand, der tatsächlich noch zu so einem Treffen wie diesem hier kommen kann, anderen ein Eindruck von dem zu vermitteln, was man Multiple Chemical Sensitivity oder MCS nennt. Deshalb möchte ich meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, dass man mir die Möglichkeit gewährt, heute zu Ihnen zu sprechen. Vielen Dank.

Ich möchte zu sieben Punkten etwas sagen. Beachten Sie bitte, wenn Sie mir zuhören, dass all meine Erkenntnisse auf persönlicher Erfahrung beruhen.

I. EINE URSACHE VON MULTIPLE CHEMICAL SENSITIVITY IST DIE TOXISCHE WIRKUNG VON EXTREM NIEDRIGEN BELASTUNGEN DURCH CHEMISCHE SUBSTANZEN.

Am 1. Oktober 2009 hat das Japanische Medical Information System Development Center (MEDIS-DC/vergleichbar m.d. DIMDI), eine dem Gesundheitsministerium unterstehende Organisation (Ministry of Health, Labor and Welfare/MHLW) Multiple Chemical Sensitivity als offizielle Krankheitsbezeichnung in den Japanischen ICD-10 aufgenommen. Multiple Chemical Sensitivity wurde für Japan mit dem Schlüssel T65.9 kodiert – „Toxische Wirkung einer nicht näher bezeichneten Substanz, Vergiftung ohne nähere Angabe“.

Sehen Sie sich bitte die folgenden Definitionen (1)(2) an:

Diese Quellen verdeutlichen, dass MCS unter „Toxische Wirkung von Substanzen“ eingeordnet wird.

(1) T65.9 (ICD-10/WHO)

Kapitel XIX: Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

T51-T65: Toxische Wirkungen von vorwiegend nicht medizinisch verwendeten Substanzen

T65: Toxische Wirkung sonstiger und nicht näher bezeichneter Substanzen

T65.9: Toxische Wirkung einer nicht näher bezeichneten Substanz Vergiftung o.n.A.

(2) Die Japanische Bezeichnungen der unter dem „ICD-10 Code T65.9“ verschlüs-selten Erkrankungen

  1. Multiple Chemical Sensitivity
  2. Systemische Vergiftung
  3. Vergiftung
  4. Unfallbedingte Giftaufnahme
  5. Selbstmordversuch mittels Gift

In Japan herrscht die eindeutige Auffassung, dass die „toxische Wirkung chemischer Substanzen“ die Ursache von Multiple Chemical Sensitivity ist. Und das bedeutet im Klartext, wenn es keine Chemikalien mit toxischer Wirkung gäbe, würde auch niemand auf Chemikalien mit Krankheit reagieren.

Wie Sie sehen, kann ich mittlerweile nicht mehr ohne doppelte Atemmaske leben. (VOC-Maske (Volatile Organic Compounds/flüchtige Organische Stoffe, Lösungsmittel) und Aktivkohlefilter-Maske). Besonders im Winter kann ich diese Maske nicht mal nachts zum Schlafen abnehmen, da die Heizungsanlage des benachbarten Gewächshauses nachts läuft und Abgase freisetzt. Der Hersteller der Heizanlage schreibt folgendes in seinem Online-Katalog: „Abgase sind für Körper und Gesundheit extrem schädlich. Stellen sie sicher, dass diese ins Freie abgegeben werden.“ Warum ist es erlaubt, solche schädlichen Gase im Freien abzulassen?

Diese Gase bereiteten mir im Winter die größte Angst. Wenn diese Gase in der Luft sind, rieche ich plötzlich einen Brandgeruch, fange zu husten an, Müdigkeit tritt ein und meine Augen schmerzen. Desweiteren habe ich einen bitteren Geschmack im Mund, meine Zunge fühlt sich taub an und ich spüre die Vergiftungsbeschwerden meiner inneren Organe, insbesondere der Verdauungsorgane. Dann spüre ich eine starke Erschöpfung im ganzen Körper, so dass ich mich hinlege und schließlich einschlafe.

Inzwischen kann ich die schlimme Beeinträchtigung durch diese Gase nicht mehr abwehren, selbst wenn ich eine Atemmaske trage und einen Luftreiniger in meiner Wohnung laufen habe. Wenn der Wind von meinem Haus zum Gewächshaus weht, bin ich relativ sicher, wenn mein Haus aber in dessen Windschatten liegt, stößt mich dies immer in die Hölle. Um diesen Gasen auszuweichen, schlafe ich oft weit von meinem Haus entfernt in meinem Auto, oder manchmal in einem Reisfeld oder auf einem Berg. Dies ist nur ein Beispiel der Probleme, die ich als Kranker mit Multiple Chemical Sensitivity habe.

Für mich ist diese Welt, so wie sie gerade ist, eine giftige Welt, egal wo ich mich aufhalte oder hingehe. Die Giftigkeit von Substanzen in Konzentrationen von ppm und ppb [Mikrogramm und Nanogramm pro Kilo] haben einen gravierenden Einfluss auf meine Gesundheit. Meine täglichen Gesundheitsprobleme, welche durch die Belastung mit vielen schädlichen Chemikalien verursacht werden, können nicht länger einfach nur durch eine allergische Reaktion erklärt werden. Die Ärzte, welche meine Symptome nur hinsichtlich einer Immunstörung untersuchten, konnten meine Beschwerden nicht exakt diagnostizieren.

Nach meiner Ansicht ist es nicht möglich, Multiple Chemical Sensitivity richtig zu verstehen, ohne sich mit der Komplexität in der Umwelt vorhandener chemischer Toxizität und den Symptomen der Kranken zu befassen.

Ich benutze das Wort „Gift“ (toxische Wirkung) nicht emotional. Ich benutze den Ausdruck „Gift“ (toxische Wirkung) um alltägliche, normale Erscheinungen zu beschreiben, da ich ohne Atemmaske nicht leben kann.

II. MULTIPLE CHEMICAL SENSITIVITY GIBT ES AUFGRUND KOMPLEXER TOXISCHER WIRKUNGEN VIELER CHEMIKALIEN UND BREITET SICH WELTWEIT AUS.

In der modernen Gesellschaft kommen sehr viele Chemikalien vor. Es ist nicht mehr möglich, ohne Chemikalien zu leben. Natürlich gibt es viele Chemikalien mit toxischen Wirkungen. Unser Leben ist auf mannigfache Weise durch sie belastet. Es wurden immer mehr Chemikalien hergestellt, ohne die Wirkung von Chemikalien auf das Ökosystem ausreichend in Betracht zu ziehen und sich zu vergewissern, ob sie für Mensch und Tier sicher sind. Auf diese Weise wurde die „toxische Welt“ global ausgeweitet.

Ich hatte über das Internet mit Kranken aus anderen Ländern Kontakt, die an Multiple Chemical Sensitivity und Umwelterkrankungen leiden. Ich vernahm jämmerliches Weinen, warme Worte von Mitgefühl, um einander zu trösten und kraftvolle Proteste und Forderungen an unsere „toxische Welt“. Darüber hinaus bekam ich viele wichtigen Informationen zu MCS und Umwelterkrankungen, die über das Internet weltweit verbreitet werden. Die Umweltverschmutzung durch viele Chemikalien [toxic soup] hat sich inzwischen auf die ganze Welt ausgedehnt.

III. MULTIPLE CHEMICAL SENSITIVITY KANN MAN NICHT UNABHÄNGIG VON ANDEREN UMWELTBEDINGTEN ERKRANKUNGEN WIE ENTWICKLUNGSSTÖRUNGEN UND CHRONISCHE MULTISYSTEMERKRANKUNGEN BETRACHTEN.

Multiple Chemical Sensitivity kann nicht unabhängig von anderen Umwelterkrankungen wie Sick Building Syndrome, Allergien und elektromagnetische Überempfindlichkeit betrachtet werden. Wir dürfen uns nicht nur mit chemischen Umweltschadstoffen befassen, wir müssen uns auch andere Umweltfaktoren wie Erreger von Infektionen und elektromagnetische Felder ansehen. Viele MCS-Kranke haben auch Allergien und sind elektrosensibel. Die Erkrankung hat viele Gesichter.

Ziehen Sie es in Betracht, ihren Blick auf Entwicklungsstörungen zu erweitern. In Japan versteht man unter Entwicklungsstörungen weit verbreitete Entwicklungsstörungen, High Functioning Autism [Autismus bei hoher Intelligenz], Asperger Syndrom [soziale Störung], Lernstörungen (Legasthenie) oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHD) usw. Aktuell gibt es sehr viele Studien, die aufzeigen, dass möglicherweise Umweltfaktoren (Chemikalien) das Auftreten dieser Entwicklungsstörungen verursachen. Es gibt immer mehr solche Studien.

Ich habe zwei Kinder mit Entwicklungsstörungen bei mir zu Hause betreut, dabei erschienen mir Umweltschadstoffe als Ursache für solche Erkrankungen plausibel. Die Menschen um sie herum verstehen sie nicht, was diesen Kindern Kummer und Leid bereitet. Ihre Situation scheint unserer zu ähneln. An der Forschung über sie mitzuwirken bereitet mir sehr viel Freude.

IV. FÜR MCS GIBT ES EINIGE GEMEINSAMKEITEN, ABER JEDER MENSCH HAT ANDERE SYMPTOME. DESHALB GIBT ES SEHR UNTERSCHIEDLICHE PROBLEME UND EINSCHRÄNKUNGEN BEI MCS. DAFÜR BRAUCHT MAN UMFASSENDE HILFE.

Nach meiner Ansicht ist es sehr wichtig, die individuellen Symptome im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Problemen und Einschränkungen im Alltag zu verstehen. Ich wünsche mir sehr, dass die Ausstellung von Ausweisen für Arbeitsunfähigkeit und Behinderung der Lage der Betroffenen besser gerecht würde und schneller erfolgt. Es ist zu begrüßen, dass die Anerkennung von Arbeitsunfällen und der Behindertenstatus von MCS in Japan tatsächlich gesetzlich geregelt wurden. Die Anträge auf Bewilligung des Behindertenstatus sind jedoch teilweise schlecht ausgeführt, so dass der Papierkram nicht korrekt ausgefüllt werden kann. Ich denke, die Formulare sollten sofort überarbeitet und verbessert werden.

Die gemäß dem Status eines jeden Menschen garantierten Rechte auf medizinische Versorgung, Sozialhilfe, Arbeit, Unterkunft und Rente stehen in der Japanischen Verfassung.

V. NEBEN DER VERMEIDUNG VON BELASTUNGEN DURCH TOXISCHE SUBSTANZEN UND DER EINRICHTUNG VON UNGEFÄHRLICHEN UND SICHEREN LEBENSRÄUMEN, SOLLTE DER SCHUTZ VON LEBEN UND GESUNDHEIT DER KRANKEN, DEREN BEHANDLUNG UND ERHOLUNG ERSTE PRIORITÄT SEIN.

Für Kranke mit MCS ist es am Allerwichtigsten, eine Belastung durch toxische Substanzen zu vermeiden.

Insbesondere eine Not-Evakuierung von Kranken zu ermöglichen, ist zur dringlichsten Angelegenheit geworden.

Es ist sehr schwierig, sich mit den eigenen finanziellen Möglichkeiten einen sicheren Ort einzurichten. Um die großen persönlichen Ausgaben zu reduzieren, ist eine gewisse Unterstützung durch die Behörden für die Kranken absolut notwendig. Zusätzlich sollte mit Nachdruck darauf hingewirkt werden, allen Bürgen korrekte Informationen über schädliche Chemikalien in vollem Umfang zugänglich zu machen.

VI. WIR HABEN EIN SCHWERWIEGENDES PROBLEM UND WERDEN OFT VON GEFÜHLEN DER ISOLATION, EINSAMKEIT, BEUNRUHIGUNG, ANGST UND HILFLOSIGKEIT BEFALLEN.

Dies ist eines der schlimmsten und wichtigsten Probleme. Weltweit müssen MCS-Kranke wie wir in Furcht leben und leiden. Traurigerweise gibt es immer noch ein paar Menschen, die aus Verzweiflung Suizid begehen. Wenn Menschen aus meiner Umgebung einschließlich meiner Familie meinen körperlichen und seelischen Zustand nicht verstehen können, überkommt mich ein schreckliches Gefühl der Verlassenheit.

Anhaltende schlechte Gesundheit, Beunruhigung, und Angst vor einer plötzlichen chemischen Attacke, Ausschluss aus den gesellschaftlichen Leben, führen bei mir zu einem Gefühl der Hilflosigkeit und Verzweiflung. Um diese Endlosschleife zu durchbrechen ist gegenseitige Hilfe unter Freunden, als auch von der Gesellschaft, von Nöten. Die gesellschaftliche Anerkennung und die Unterstützung durch das Sozialsystem sind absolut notwendig.

Wenn ich toxischen Chemikalien ausgesetzt bin, werde ich ärgerlich, ungeduldig und manchmal bekomme ich schlechte Laune. Ich kann kein freundliches Gesicht machten. Unglücklicherweise wird ein solches Verhalten nicht als Folge der chemischen Vergiftung eines Menschen angesehen, sondern eher als ein Problem seiner ethischen Einstellung, was nicht zutrifft. Um solche bedauernswerten Fehleinschätzungen zu verhindern ist es sehr wichtig, dass wir korrekte Informationen über die Erkrankung verbreiten und uns um die Anerkennung von MCS bemühen. Wir müssen jene unterstützen, die zu einem schwachen Selbstbewusstsein neigen, MCS-Kranke bestärken, damit sie frei und in Frieden leben und an der Gesellschaft mit mehr Selbstachtung teilnehmen können.

VII. DIE ACHT GRUNDLEGENDEN PRINZIPIEN DER „RECHTLICHEN GRUNDLAGE EINER CHEMIKALIEN-POLITIK“ WIE SIE VON ChemiNet VORGESCHLAGEN WURDEN, SOLLTEN BEACHTET WERDEN.

Alle in folgenden aufgeführten Regeln sind sehr wichtig.

Die meisten mit Multiple Chemical Sensitivity verbundenen Probleme würden grundlegend gelöst, wenn eine Politik zustande käme, welche weit verbreitete Chemikalien auf Grundlage dieser Prinzipien reguliert:

  1. Herstellung und Einsatz von Chemikalien für eine nachhaltige Gesellschaft (Reduzierung der Anzahl von Chemikalien)
  2. ‚Keine Daten, kein Marktzugang‘ Regelung [Transparenz, Verkauf nur, wenn Daten zur biologischen Verträglichkeit vorliegen]
  3. Die am meisten gefährdeten Menschen (Föten/Kinder) und das Ökosystem sollten Grundlage der Bewertungen [eines Stoffes] sein.
  4. Lifecycle Management (Überwachung des gesamten Lebenszyklus eines Produktes) muss eingeführt werden. (Von der Forschung und Entwicklung bis zu Herstellung, Gebrauch, Wiederverwertung und Entsorgung)
  5. Das Vorsorgeprinzip (PDF/1.1 MB) muss Beachtung finden
  6. Das Prinzip alternativer Stoffe muss eingeführt werden [Wenn es unschädlichere Substanzen gibt, müssen diese eingesetzt werden]
  7. Mitsprache aller Betroffenen – Bürgerbeteiligung muss eingeführt werden.
  8. Es muss zu internationaler Zusammenarbeit kommen [Globalisierung eines menschen- und naturgerechten Umweltrechts]

Autor: Ryozo Tamakoshi, CACP, 2010

Übersetzung: BrunO für CSN – Chemical Sensitivity Network

Weitere CSN-Artikel zu Thema angemessene Hilfe für MCS-Kranke ist notwendig:

Gedicht: PSYCHO

Psycho


Kennst du

den Slogan

von den

Psychologen

die eingebildete

MCS

sei sofort vorbei

wenn man von

seinen Problemen schrei —

Einmal nur zum

Psychologen

und dann hörst du

seinen Slogan

ja, dann kannst du

alles riechen

und musst

nicht mehr

länger kriechen —

Du wirfst

deine Maske weg

herzlich willkommen

ist der Dreck

den es in der

Umwelt gibt

vielerorts

ja so beliebt

spritzen, sprühen

kein Problem mehr —

Auch die Wäsche

darf nun duften

keiner braucht mehr

für uns schuften

alles ist geheilt

und klar

nun ist es doch

endlich wahr

und es wird dir

nicht mehr schlecht —

Alles kannst du

essen

und kannst auch

vermessen

durch die Abgasqualme

ziehn

Gesundheit ist dir

nun verliehn —

Kennst du

den Slogan

vom Psychologen

einmal hin und

schon geheilt

stiehlst den

Andern

ihre Zeit

mit dem

MCS-Geschwür

setz man dich

nur vor

die Tür —

Schicken dich

zum Psychologen

der erzählt dir

seinen Slogan

machen sie sich

frei

von der Tyrannei –

MCS ist nicht

vorhanden

und sie machen

sich zuschanden —

Denken einfach

nur umpolen

dann kann man

sich

Gesundheit holen.

Kennst du

den Slogan

von dem

Psychologen

der dich durch

seine Sprüche heilt

und seine Düfte

bei dir verteilt —

fällst du dann

um

dann bist du

dumm —

Die Umwelt

ist so klar und rein

da kann das nicht

mit Ihnen sein

ich fall doch

auch nicht um

und dufte

auch ein

Abgas

grad verpuffte —

Bohnerwachs und

Sagrotan

machen mich

doch auch

nicht an

ich weiß nicht

was Sie haben

das sind doch

alles Gaben

von unsrem guten

Staat —

Man kann es

nicht

mehr hören –

diesen

Psycho-Bandsalat –

Kennst du

den Slogan

von dem

Psychologen

Arbeit macht frei

weg von

Hartz 4

dann sind

Sie dabei

Sie werden uns

wieder

Leistung bringen

um

M C S

davon

zu springen.

– –

Dieses Gedicht wurde von Mona, der “Glasprinzessin”  geschrieben. Mona hat schwere Chemikalien-Sensitivität / MCS und muss fast die ganze Zeit draußen in der Natur verbringen.

Autor: Mona die Glasprinzessin für CSN – Chemical Sensitivity Network, 30. Mai 2010

Mona’s Geschichte: Mona die “Glasprinzessin” ein einsames Leben mit Wind und Wetter

Weitere Gedichte und Geschichten zu den Themen: MCS, Umweltkrankheiten, Umwelt

EU-Rente bewilligt

Über 25 Jahre hatte die Lohn- und Finanzbuchhalterin in einer Spedition gearbeitet. Im Rahmen einer Büroerweiterung kam es zu einem Wassereinbruch. Um den Boden zu trocknen, wurde die Fußbodenheizung angestellt. Es entstanden giftige Gase und die drei Angestellten des Büros wurden krank. Im Oktober 2009 wurde der ganze Hergang von der Buchhalterin hier im Blog berichtet:

Arbeit und Renovierung im Büro – Resultat: Diagnose MCS

Jetzt gibt es Neues:

Aufgrund meines Rentenantrages im August 2009 wurde ich von der Rentenversicherung zu verschiedenen Gutachtern geschickt: u.a. zu einem Umweltmediziner und zu einem Arzt für Neurologie und Psychiatrie. Sie begegneten mir mit mehr oder weniger Verständnis für MCS.

Eine gute Nachricht – Rente bewilligt

Aber: Anfang Mai bekam ich meinen Rentenbescheid. Rückwirkend ab 01.03.2010 erhalte ich volle EU-Rente, befristet bis 31.07.2012. Für mich persönlich ist das ein großer (Teil-) Erfolg.

Bis zur Bekanntgabe des Rentenbescheides war ich arbeitslos gemeldet. Die Sachbearbeiterin vom Arbeitsamt zeigte sich übrigens sehr verständnisvoll für meine gesundheitlichen Probleme. Ich musste monatlich lediglich zwei Bewerbungen abgeben und wurde nicht zur Teilnahme an irgendwelchen „Fortbildungen“ oder „Maßnahmen“ verpflichtet. Auch das sehe ich als positive Erfahrung.

Begutachtung Uni-Klinik für Arbeits- u. Umweltmedizin in München

Das Sozialgericht vereinbarte wegen der Klage gegen die Berufsgenossenschaft für mich auch noch einen Termin an der Uni-Klinik für Arbeits- u. Umweltmedizin in München, den ich im April wahrgenommen habe.

Die Untersuchung wurde geleitet von Prof. Dr. med. Nowak, der Studien zu MCS betrieben hat. Seine Mitarbeiterin, Frau Dr. med. Lux, begann um 8.30 Uhr mit der Aufnahme meiner Krankengeschichte und einer Blutentnahme. Wegen meiner erhöhten Leberwerte durfte ich 15 Ampullen füllen.

Für die sehr umfassende Ultraschalluntersuchung wurde eine weitere Fachärztin hinzugezogen. Bei der nächsten Kollegin verbrachte ich fast drei Stunden. Sie erklärte mir zunächst, dass ich die folgenden Tests jederzeit abbrechen könnte. Für den Provokationstest saß ich in einer Prüfkammer (Glaskasten mit Inhaliergeräten), und bei jeder neuen Einatmung bekam ich etwas mehr „Straßenstaub“ verabreicht. Die Kurvenparameter sollten zeigen, ob Lunge und Atemwege generell empfindlich auf Reize reagieren. Ständig wurden dabei das Lungenvolumen und der Sauerstoffgehalt im Blut gemessen. Die Blutentnahme erfolgte aus dem Ohrläppchen, das vorher mit Bienengift eingerieben worden war. Während des Untersuchungstages hatte ich einen Blutdruck von 190/90.

Erst kurz vor Schluss war deutlich ein unangenehmes Kratzen im Hals zu spüren. Um die Lunge wieder schneller zu entkrampfen, konnte ich nach eigenem Ermessen ein Aerosol inhalieren, das auch bei Kleinkindern angewendet wird. Es folgten ein Belastungs-EKG und ein Allergietest. Anschließend wurde ich noch geröntgt.

Als ich gegen 15.00 Uhr entlassen wurde, hatte ich zwar noch immer MCS, aber keinerlei nachweisbare Allergien und keine Schäden an den untersuchten Organen. Von den Ärzten/innen dort habe ich den Eindruck, dass sie „uns“ gerne helfen würden, wenn sie könnten.

Untersuchungsergebnis

Ergebnis der Untersuchungen: es kann dennoch nicht bewiesen werden, dass meine MCS und die erhöhten Leberwerte von der Schadstoff-Exposition in den Büroräumen kommen. Auch steht MCS nicht auf der Liste der Berufskrankheiten, erklärte mir Prof. Nowak.

Hoffen wir das Beste

Einen Verhandlungstermin in Sachen Berufsgenossenschaft gibt es zwar noch nicht, aber vielleicht treffen mein Kollege und ich auf verständnisvolle Richter.

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ (Vaclav Havel)

Autor: B. G. für CSN – Chemical Sensitivity Network, 28. Mai 2010

Teil 1: Arbeit und Renovierung im Büro – Resultat: Diagnose MCS

Weitere interessante CSN Artikel zum Thema:

Seit 25 Jahren krank durch Holzschutzmittel

Der Marathon fand statt, aber anders als geplant

1977 (16 Jahre alt) begann ich eine Lehre in einer Holzgroßhandlung. Ich war bis zu dem Zeitpunkt gesund, keinerlei Problem. Ich war sehr sportlich und habe immer Fußball gespielt. Etwa ein Jahr später bekam ich in unregelmäßigen Abständen immer wieder einseitige Taubheitsgefühle, vom Fuß beginnend, über die Hand, den Rücken ins Gesicht, Mund und den Rest vom Kopf. Dabei konnte ich nicht mehr sprechen. Die Sprachfähigkeit stellte sich erst wieder ein, wenn dieses taube Gefühl im Kopf weg war. Naja, in dem Alter denkt man sich bei manchen Dingen nicht viel, zumal dann wieder alles in Ordnung war wie immer.

Krankenhaus statt Marathon

Dies ging bis 1985. Ich hatte geplant, meinen ersten Marathon zu laufen. Stattdessen lag ich dann acht Wochen im Krankenhaus. Was war passiert? Ich hatte wieder mal so eine Taubheitsattacke. Ich lies mich nach Hause fahren und war dermaßen müde, dass ich mich nicht mehr wach halten konnte. Als ich aufwachte, war mir nur schlecht. Ich dachte, das geht wieder weg. Am nächsten Tag ging ich wieder arbeiten, irgendwie ging es mir nicht besser und ich bin nach zwei Stunden wieder nach Hause. Am nächsten Tag ging ich zum Arzt und wurde für den Rest der Woche krankgeschrieben.

Eine Abwärtsspirale begann

Montags war mir immer noch schlecht. Wieder zum Arzt, noch eine Woche krankgeschrieben. Sonntagabend, ich hatte schon zwei Kilo abgenommen, mir ging es immer schlechter und ich fing an zu zittern. Ich hielt es nicht mehr aus und sagte meiner Mutter, sie sollte den Notarzt rufen. Ich lag inzwischen im Bett und zitterte wie Espenlaub. Der Arzt kam und mein Blutzuckerwert war auf 25 abgesackt. Er hängte mich an einen Tropf und mir ging es schlagartig wieder gut. Dann traf der Krankenwagen ein und ich kam ins Krankenhaus, acht Wochen. Mir ging es schon am anderen Morgen nach der Einlieferung wieder schlecht. Mir wird schwindlig in Fahrstühlen und ich bekam nach dem Frühstück immer Herzrasen. Ohne einen Befund wurde ich wieder entlassen. 3 Tage war ich dann noch in der Mayo – Klinik in Wiesbaden, am letzten Tag beim Psychologen. Psychosomatische Ursache die Diagnose! Ich war stinksauer und konnte es nicht fassen. Mir geht es nur schlecht und alle sagen, ich bin gesund.

Oberstes Ziel: Funktionieren

Zwei Wochen war ich noch krankgeschrieben, dann ging ich wieder arbeiten, obwohl es mir noch immer schlecht ging. Inzwischen fühlte ich mich jeden Tag wie unter Strom, hatte jeden Tag Kopfschmerzen, Probleme mit dem Neonlicht in der Firma, und das alles über Jahre hinweg. Das war der Horror. Laufen konnte ich nicht mal mehr 6 Kilometer, egal was ich versuchte. Bis 1989 habe ich in dem Holzgroßhandel noch ausgehalten, dann habe ich gekündigt und war für sechs Monate bei einem Lieferanten. Weniger Stress, mehr Gehalt, aber mir ging es nicht besser. Dann habe ich dort aufgegeben. Ich hatte kurz vorher ein sehr gutes Angebot bei Beiersdorf im Außendienst abgelehnt, weil es mir schlecht ging, was aber niemand wusste. Ich habe immer versucht, irgendwie normal zu funktionieren.

Kranke unerwünscht

1990 habe ich noch einen Versuch bei Portas gestartet, wo ich dann in der Probezeit entlassen wurde, weil ich mich hatte krankschreiben lassen – ich konnte nicht mehr. Die haben gesehen, was los war und haben mich natürlich gleich entlassen. Ich hatte mich dann selbständig gemacht mit einem Schreiner, den ich vom Großhandel kannte. Wir haben zusammen gearbeitet, vier Monate. Da hatte ich noch eine private Krankenversicherung. Mein Hausarzt wollte eine Behandlung auf Verdacht durchführen und ich sollte eine Kostenbeteiligung bei der Versicherung beantragen. Die warfen mir vor, ich hätte eine Krankheit nicht angegeben und habe mir den Vertrag gekündigt. Es wurde ja nie etwas diagnostiziert!

Der Amtsarzt sagt: Sie sind gesund!

Ich meldete mich beim Arbeitsamt. Damals war das noch nicht so ein Stress und Druck wie heute. Sechs Jahre war ich bei denen. Ich hatte meine Ruhe, aber mir ging es nicht besser. Inzwischen hatte ich noch Magen – Darmprobleme und sehr oft Sodbrennen. Mir wurde bei einer Untersuchung die Wirbelsäule punktiert, ohne Ergebnis. Inzwischen nervte mich das Arbeitsamt. Ich sagte, dass ich schon seit Jahren krank wäre. Ich musste zum Amtsarzt, der sagte, ich sei gesund. Die wollten mich zum Spargelstechen schicken und ich sagte, ich kann nicht. Ich musste einen Schrieb unterschreiben, dass ich krank wäre und dann haben sie mich rausgeworfen! Zum Sozialamt wollte ich nicht gehen, da ich ja auch keine Krankheit nachweisen konnte. Voll arbeiten ging auch nicht, also, wieder selbständig, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Wieviel kann/muss man aushalten?

Zum Glück hatte ich mir den Dachboden bei meinen Eltern ausgebaut und musste zu der Zeit noch keine Miete bezahlen. Keine Krankenversicherung und keine Rentenversicherung, dafür reichte es nicht. Das habe ich bis 2008 so gemacht. Niemand wusste die ganzen Jahre, wie es mir wirklich geht. Einem Arzt sagte ich mal, dass ich es nicht mehr aushalten würde. Der gab mir Psychopharmaka, abends eine Tablette, sagte er. In der Nacht flog ich wie ein Vogel durch Hochhausschluchten. Ich wachte morgens auf, hatte die verschiedensten Töne in den Ohren, ich war total zugedröhnt. Ich musste auf Toiletten, wurde beim Aufstehen ohnmächtig und knallte mit dem Kopf auf den Nachttisch. Als ich wieder aufwachte, schleppte ich mich auf die Toilette, wo ich wieder ohnmächtig wurde und auf den Boden fiel. Ich weiß nicht, wie lange ich da gelegen hatte. Ich schleppte mich wieder ins Bett, hatte Tränen in den Augen und fragte mich, wie lange das noch so weiter gehen soll. Dem Arzt sagte ich, dass ich die Tabletten nicht mehr nehmen würde. Ich hatte später irgendwann doch die Anleitung gelesen, da stand: man sollte morgens die Tablette nehmen!!

Das Vertrauen in Ärzte schwand dahin

Bei fünf Ärzten war ich in der Zeit bis 2009. 2001 habe ich selbst festgestellt, dass ich keinen Kaffee, keinen Tee (von beidem stand ich immer unter Strom), keine Farbstoffe und Konservierungsstoffe vertrage. Den Arzt hat das wenig interessiert. Ein gebrochenes Schultergelenk wurde bei mir nach einem Sturz auch nicht erkannt, erst nach drei Monaten. Seit 1980 hatte ich erhöhten Blutdruck, erst seit einem halben Jahr bekomme ich dafür Tabletten, wie auch für meine Magenprobleme Säureblocker. Oft habe ich mir gewünscht, morgens einfach nicht mehr aufzuwachen, weil ich nicht wusste, wie ich den nächsten Tag überstehen sollte.

Die Taubheitsattacken kommen von Nahrungsmittel die ich anscheinend nicht vertrage. Allen Ärzten hatte ich meinen Verdacht auf eine Schadstoffbelastung geschildert, niemand ist dem nachgegangen! Alle Ärzte habe ich der Ärztekammer gemeldet, niemand ist sich einer Schuld bewusst, alles wurde abgewiegelt.

Heilpraktikerin kam Vergiftung auf die Spur

2007 bin ich durch Zufall durch meine Freundin zu einer Heilpraktikerin gekommen, die sich seit über 30 Jahren mit Schadstoffen und Allergien befasst. Die stellte mir sofort ganz gezielte Fragen, sodass ich fragen musste, woher sie weiß, wie es mir geht und welche Probleme ich habe. Der erste Mensch, der mich verstanden hatte, aber zu spät, sie konnte nichts mehr tun. Das war ein Schock für mich. Ich hatte immer gehofft, dass mir irgendwann irgendjemand helfen könnte. Sie erklärte mir jedoch diese negativen Dinge nicht. Die Diagnosen habe ich mir selbst im Internet übersetzt und es dauerte über ein Jahr, bis ich das alles verstanden hatte.

Krank? Dann ist man nichts mehr wert

Dass es zu spät sei, das hatte ich meiner damaligen Freundin, die ich schon über 20 Jahre kannte samt Familie, aber nur 9 Monate mit ihr zusammen war, nicht gesagt. Ich wollte sie damit nicht belasten. Sie hatte damals den Ausbruch der Krankheit noch miterlebt und mich im Krankenhaus besucht. Damals ging ich wegen der Krankheit keine Beziehung mit ihr ein und ich hatte sie dann über 20 Jahre nicht mehr gesehen. Man könnte sage, dass sie die Liebe meines Lebens war, bis zu diesem Zeitpunkt. Als sie erfuhr, dass ich nicht regelmäßig arbeitete, was ja für mich schon seit Jahren normal war, sagte sie, ihr würde das gar nicht gefallen und ihr Ex wäre ja bald mit seiner Ausbildung fertig. Außerdem musste ich mir vor einer Feier sagen lassen, ich solle mich mit dem Essen zurück halten, sie hätte keine Lust wegen mir früher nach Hause zu fahren. Das war ein starkes Stück!

Schnödes „Good bye“ per E-Mail

Drei Wochen später wurde ich per Email vor die Tür gesetzt, sie ist wieder mit meinem Vorgänger zusammen, den sie abserviert hatte, weil er arbeitslos wurde. So viel zu Toleranz und Beistand bei Krankheit (wie mies kann man denn sein, sie war nur wegen meiner Visitenkarte mit mir zusammen war). Ich hatte vorher noch ihre komplette Küche umgebaut und eine neue zu meinem Einkaufspreis eingebaut, Rasen gemäht, Hecken geschnitten, Wurzeln ausgegraben, ohne Rücksicht auf mich. Alles ohne ein Danke. Diesen miesen Abschuss habe ich bis heute nicht verkraftet. Ich kann so viel Hinterhältigkeit immer noch nicht fassen. Noch nie habe ich mich im Leben so gedemütigt und wie Dreck behandelt gefühlt.

Rundum fertig

Inzwischen legte ich meinem Hausarzt die Diagnosen der Heilpraktikerin vor und drohte ihm mit den Medien. Diagnose der Heilpraktikerin: Reduzierter Allgemeinzustand als Folge von Schadstoffbelastung, periphere Durchblutungsstörungen, MCS, multiple Nahrungsmittelempfindlichkeiten – und Allergien, vegetative Dystonie infolge endogener – und exogener Stressbelastung, lymphatische – allergische Diathese, Vitamin B12 Mangel.

Ich habe bei einigen Lebensmitteln wahre „Erdbeben“ in mir, bis zu Durchfällen über den ganzen Tag, habe mit Licht vor allem beim Einkaufen Probleme, meine Kopfhaut fühlt sich irgendwie wie Leder an und ist durch anfassen mit kalten Fingern nicht richtig kälteempfindlich. Ich fühle mich leer vor allem im Kopf und habe das Gefühl, dass in meinem Kopf ein Stein ist statt ein Gehirn. Sehstörungen, ich vergesse manchmal Worte beim Sprechen oder Dinge die ich tun wollte, kann mich nicht mehr von richtig von Anstrengungen erholen, bin schnell gereizt oder genervt, schaffe es immer noch nicht mehr als 7 Kilometer zu laufen, was ich auch ganz aufgegeben habe.

Bei den Taubheitsattacken sehe manchmal auf einem Auge gar nichts mehr und habe bis zu drei Tagen Migräne. Öfters habe ich Kopfschmerzen, ich habe oft Ohrensausen, häufig ist mir so hundeelend, dass ich glaube ich sterbe. Ich weiß seit 25 Jahren nicht mehr wie es ist, wenn man sich gut und normal fühlt. Ich fühle es gibt in meinem Gehirn keine Endorphine mehr oder nur noch sehr wenige, fühle mich antriebslos, Schilddrüsenunterfunktion (auch nicht erkannt, oder nichts dagegen unternommen). Drei Seiten mit Lebensmitteln hatte die Heilpraktikerin mir ausgedruckt, die ich mehr oder weniger vertrage. Manchmal reagiert mein Körper auch schon auf Dinge die ich immer vertragen habe.

ARGE – Das Grauen nimmt seinen Lauf

Juli 2008 habe ich ganz aufgegeben und mich bei einer ARGE angemeldet, ALGII. Das wollte ich so lange wie möglich vermeiden. Wer dort schon mal war, weiß warum – das ist das Grauen. Menschenunwürdig und man ist rechtlos. Mein Antrag wurde über vier Monate bearbeitet und dann mit dem Hinweis abgelehnt, wenn ich einen Verwertungsausschluss für meine Lebensversicherung beigefügt hätte, wäre er genehmigt worden! Woher sollte ich das wissen? Bis heute klage ich dagegen, schon mit dem zweiten Anwalt. Mein aktueller Rentenbescheid beläuft sich auf 359€. Erst Anfang Dezember 2008 bekam ich Leistungen, aber nur einen Teil, weil mir ein durchschnittlicher Umsatz vom Vorjahr abgerechnet wurde, den ich gar nicht mehr hatte. Außerdem ging es wieder zum Amtsarzt.

Gehen Sie mal zum Umweltarzt

Ich legte dem Amtsarzt ein Schreiben von mir und die Diagnose der Heilpraktikerin vor. Er sagte mir, er würde mir ja alles glauben, aber Heilpraktiker seien nicht anerkannt, ich solle zu einem Facharzt für Umweltmedizin gehen. Mein Hausarzt wollte noch mal mit dem Amtsarzt telefonieren, was er vergas. Ich hakte nach und er besprach mit ihm, dass ich für drei Stunden täglich arbeitsfähig sei, damit mich das Kreisamt (ARGE) nicht mehr „piesacken“ würde. Ich könnte noch zu einem Umweltarzt gehen, aber für mich würde sich sowieso nichts mehr ändern. Auf Deutsch: Sieh zu wie du klar kommst.

Also suchte ich so einen Umweltarzt und bei mir im Ort war so eine Ärztin. Bei meinem Termin war ich gerade mal zehn Minuten bei der guten Frau. Sie fragte, was sie da jetzt noch tun sollte. Ich habe mich dann einfach verabschiedet und bin gegangen. Wollen Ärzte Patienten eigentlich noch helfen oder kassieren die nur die Krankenkassen und die Privatpatienten ab???

Und wieder ausgetrickst

Meinen Hausarzt sagte ich, dass ich eine Arbeitsunfähigkeitsversicherung hätte. Dafür würde es nicht reichen, sagte er mir. Acht Monate später meldete sich meine Versicherung, der Neue, der die Vertretung übernommen hatte. Er kam vorbei und ich schilderte ihm mein Fall. Da ich mehr als 50% arbeitsunfähig sei, hätte ich die Versicherung in Anspruch nehmen können, jetzt war es zu spät, da ich sie gekündigt hatte, weil ich sie nicht mehr bezahlen konnte. Toll!!

Na, dann werden Sie doch Heilpraktiker

Ich suchte mir einen neuen Hausarzt, legte dem alles vor. Der fragte was ich arbeite. Ich: „seit 1990 bin ich nicht mehr angestellt, ich beziehe ALG II“. Er meinte, ich hätte sicher einiges drauf um arbeiten zu können. Ich sagte ihm, er hätte keine Ahnung was ich die Jahre mitgemacht hätte. Er dann, ich könnte ja einen dreimonatigen Lehrgang machen, um Heilpraktiker zu werden. Was für ein Schwachsinn. So etwas muss man sich noch zu alledem anhören. Man kommt vom Regen in die Traufe.

ARGE Sachbearbeiter war MCS kein Fremdwort

Vor Wochen musste ich zu meinem Fallmanager bei der ARGE, der mich vermitteln wollte. Dem legte ich auch wieder alles vor. Wie ich das langsam leid bin, jedem alles wieder neu zu erklären. Aber der verstand mich sogar und kannte MCS. Ich erklärte ihm, es wäre wohl sinnlos irgendwo zu arbeiten, wenn man sich nicht gut fühlt und die Hälfte der Zeit deshalb nicht arbeiten kann, bzw. das Haus nicht verlassen kann. Jetzt muss ich wieder zum Amtsarzt, weil die Einstufung nur für ein Jahr gilt. Ich muss also bis zur Rente jedes Jahr dort hin und von 359€ leben. Wer macht solche Gesetze??? Ist ein Mensch der krank ist gar nichts mehr wert??? Er würde mich nicht vermitteln und ich solle jeden Monat drei Proforma-Bewerbungen schreiben. Ich dachte, ich spinne!

Ausgemustert wie ein kaputter Roboter – Ist das OK?

Noch nie im Leben hatte ich Schulden. Durch die ARGE ist das jetzt der Fall. Mir wurde von meinem Sachbearbeiter der ARGE gesagt, dass meine Eltern ja meine Vermieter seien, die würden mir sicher Mietaufschub gewähren!! Wo anders wäre mir schon die Wohnung gekündigt worden und ich würde auf der Straße stehen.

Ich war mein Leben lang im Verein und war im Motorradclub. Das kann ich mir alles nicht mehr leisten. Ich überlege schon, ob ich mich nicht wieder bei der ARGE abmelde und mein Gewerbe wieder anmelde, ohne Kranken- und Rentenversicherung. Es ist nur noch demütigend und menschenverachtend. Ich gebe zu, man denkt, wenn man so etwas erlebt, darüber nach, ob man so weiter leben möchte. Ich weiß nicht, wie ich das Ganze alles bis heute ausgehalten habe.

Ich wünsche mir Toleranz und Anerkennung meiner Krankheit. Ich war Formaldehyd, Lösungsmitteln, Kunststoffen, Farben, Lacken, Holzschutzmitteln (auch Xyladecor) und Leimen fast 13 Jahre lang ausgesetzt. Zusätzlich hatte ich das Ganze noch in meiner Wohnung, die ich zusätzlich nach Ausbruch der Krankheit auch noch ausgebaut habe. Aber ein Mensch ist in Deutschland nur noch etwas wert, wenn er gesund ist und Arbeit hat. Ich verweigere jede Wahl, da ein Politiker nicht mehr für mich wählbar ist und es niemanden mehr um die Menschen geht, sondern nur noch um Geld und Macht!

Autor: Michael Hundsdorf für CSN-Chemical Sensitivity Network, Mai 2010

Weitere Artikel zum Thema Holzschutzmittel und krank durch den Beruf:

Umweltmedizin: Ihr habt es in der Hand, Teil II

Die Auseinandersetzung mit Bullshit, wie der Psychothese, wird weltweit geführt und weltweit liegt der Fehler darin, dass das juristische Motiv der Gegenseite nicht aufgedeckt wird und das alle Kritiker den Bullshittern letztlich den Weg ebnen, indem sie die Fiktion einer wissenschaftlichen Diskussion aufrechterhalten.

Wer Teil I verpasst hat > Umweltmedizin in Deutschland, ganz gemäß Al Gore: Ihr habt es in der Hand

Rechtsstaat und Wahrheit

In Sachen Umweltrecht ist der Stand der Wissenschaft das, was den Rechtsstaat ausmacht. Es ist sozusagen die normative Festlegung der Wahrheit; denn daran haben sich Gutachter zu halten. Wenn sie vom Stand der Wissenschaft abweichen, handeln sie ungesetzlich. In Sachen Umwelterkrankungen sind dies ca. 95 – 99% der Gutachten. Welche Konsequenzen das im Einzelfall haben kann, kommt auf die Formulierungen in der Akte an. Diese starke Rechtsposition wird aber von der Seite der Patienten und Umweltaktivisten nicht genutzt.

Dazu muss der Rechtsbegriff des „allgemein anerkannten Standes der wissenschaftlichen Erkenntnis“ verstanden und umgesetzt werden. Die konkreten Fakten stehen in der Ärzteinformation. Die Ärzte müssen erkennen, dass es keinen Grund gibt, MCS nicht zu diagnostizieren und dass es keine speziellen Erkenntnisse erfordert. Die Anwälte sollen erkennen, dass sie das auch Einklagen können (korrekte Anwendung des Standes der Wissenschaft) und dass stets zu prüfen ist, ob sich der Gutachter strafbar gemacht hat (Prozessbetrug, Körperverletzung).

Ein folgenschweres Missverständnis

Der Stand der Wissenschaft wird aber meist mit „neuesten Erkenntnissen“ verwechselt. Er ist aber ganz im Gegenteil notwendigerweise immer veraltet, da Konsensbildung Zeit benötigt. Im Falle der Umwelterkrankungen wird er übersehen, weil er schon (wieder) vergessen worden ist oder nie zur Kenntnis genommen wurde. Das ist der Kardinalfehler der bisherigen Debatte. Das Auswahlkriterium ist sehr einfach, je neuer ein Test oder ein Parameter ist, desto weniger ist er geeignet bei der Durchsetzung der Anerkennung zu helfen. Deshalb sind die alten Grundlagen so wichtig.

Wenn man etwa SPECT und TE, schwache und starke Entgifter, PET u. CFS/TE, Typ IV Allergien und LTT ausschließlich thematisiert, ist es so, als begänne man beim Hausbau mit dem Dach. Man muss zunächst den Stand der Wissenschaft darstellen, denn der ist maßgebend. Da er aber ignoriert wird – von den einen mit Absicht, von den anderen aus Unkenntnis – gehen die Verfahren verloren und die Anerkennung der Umweltkrankheiten wird auf den St. Nimmerleinstag verschoben. Es ist also bereits die Themenauswahl, die den Weg zur Anerkennung bereitet oder verbaut.

Im übrigen, lassen sich Innovationen zum Stand der Wissenschaft erheben und leichter durchsetzen, wenn man auf dem bestehenden Stand der Wissenschaft aufbaut. Mit anderen Worten, auch neue Tests brauchen ein Fundament: den Stand der Wissenschaft.

Die Wurzeln der Umweltmedizin

Die Juristerei verlangt manchmal eine Glaubhaftmachung. Dazu kann und muss die Darstellung der tiefen wissenschaftlichen Wurzel der Umweltmedizin genutzt werden. Das kann auch die Welt Staunen machen. Die Mehrheit glaubt, das sei alles neu. Die Mehrheit glaubt, es müsse erst geforscht werden. Gerade das ist juristisch der Grund der vielen Niederlagen. „Neues“ kann nicht „Stand der Wissenschaft“ sein. Zeigt man den breiten Fächer des Wissens, sind obendrein die Bullshitter bis auf die Knochen blamiert.

Das wird auch die Diskussion wiederbeleben. Seit 2000 sieht man immer die gleichen Gesichter in den schlecht besuchten Seminaren. „Es gibt nichts Neues“ sagte mal solch eine Tapfere. Nun kann man Tausende von Referaten mit Themen füllen, wie den „Overload“ (Rea, Band I), psychische Reaktionen durch Allergieschübe, orthomolekulare Behandlung von mentalen Erkrankungen, etc. Das ist zwar nicht mehr neu, aber es sind die Grundlagen und dem Publikum sind sie neu. Daran kann man die Forderung knüpfen, dass die Standardwerke endlich auch in anderen europäischen Sprachen zur Verfügung stehen müssen.

All dies eröffnet ein weites Feld der Möglichkeiten, die den Bullshit zersetzen können.

Die Kurve kriegen

Kommentar zu Artikel #8320 „Sind die Erkenntnisse von Paracelsus noch State oft the Art im 21. Jahrhundert?“

Sehr geehrter Herr Dr. Merz, aus ihrem sachlichen Bericht wird mehr als klar, dass die pathologische Wirkung von bestimmten Schadstoffen/Giften im Niedrigst-Dosis-Bereich wissenschaftlich längst erkannt . . . wurde.

Trotzdem versuchen bestimmte Interessengruppen, diese harten wissenschaftliche Fakten zu leugnen . . . Unverfrorenheit sowie der Dilettantismus, . . .“

So denken viele. „Unverfrorenheit“ ist richtig, „Dilettantismus“ dagegen nicht. Die wissen, was sie tun (erst die Nachahmer sind ahnungslos). Der entscheidende Denkfehler ist das Wort „trotzdem“. Es muss „weil“ heißen. Die Psychothese kam erst auf, als alles wesentlich wissenschaftlich geklärt war. Der Versuch „MCS“ in „IEI“ zu verwandeln, ist bei der WHO kläglich gescheitert (u. a. auf massiver Intervention von Frau Prof. Miller, vgl. Ashford & Miller).

Daraus kann man lernen, dass sich nicht alle ins Boxhorn jagen lassen, es aber nicht genügt, wenn man sich auf ein paar Einzelkämpfer verlässt.

Freilich haben all diejenigen Recht, die beklagen, dass es für den Einzelnen oft zuviel ist. Überfordert sind die Betroffenen, oft auch ihre Anwälte und die medizinischen Gutachter, die den Stand der Wissenschaft mit dem wissenschaftlichen Diskurs verwechseln. Diejenigen aber, die Klage erheben müssen, sollten wenigstens in die richtige Richtung marschieren. Dazu gibt es keine Alternative. Denn die falschen Richtungen seit etwa 15 Jahren haben die Niederlagen geschaffen. Ich erinnere an dieser Stelle auch an meinen Vorschlag, einen speziellen Rechtshilfefond auf den Weg zu bringen.

Autor: Dr. Tino Merz für CSN – Chemical Sensitivity Network, Mai 2010

Weitere Artikel von Dr. Merz:

Weiterführende Informationen:

MANIFEST: Wir wissen, dass sie uns anlügen

Wir wissen, dass sie uns anlügen

(ANTI-TOXISCHES MANIFEST)

Wir wissen, dass sie uns anlügen. Sie belügen uns. Wir wissen, dass sie lügen.

Für die Politiker sind wir schwarze Schafe in ihrer kontrollierten Herde.

Für die Ärzte, die uns belügen, sind wir Meerschweinchen, die sich nicht richtig benehmen können.

Für die Industrie, die uns belügt, sind wir unprofitable defekte Maschinen.

Für die Pharmafirmen sind wir der Stein in ihrem Schuh.

Die Krankheitsleugner belügen uns.

Diejenigen, die von Fortschritt reden und dabei eine Hand auf ihrer Brieftasche haben, belügen uns.

Aber wir glauben ihnen ihre toxischen Lügen nicht.

Auch wenn sie uns unsichtbar machen wollen, uns einsperren wollen in eine Krankheit und den Schlüssel wegwerfen, uns vergiften und uns den Mund verbieten, uns töten und uns unechte Blumen aufs Grab pflanzen, werden sie nicht in der Lage sein, uns einzusperren, uns ruhig zu bekommen, geschweige denn uns versch-winden zu lassen.

Wir haben keine Geduld mehr und wir sind keine braven Patienten. Wir rechtfertigen uns nicht, noch erklären wir uns selbst.

Wenn Du unter Fibromyalgie leidest, ME/Chronic Fatigue Syndrome überlebt hat, wenn Du mit Multiple Chemical Sensitivity gequält bist, dann solltest Du wissen, dass Du Dich in einem Krieg befindest. Deren Lügen verängstigen uns nicht, sie sind die Munition in diesem Krieg, der gerade erst begonnen hat.

Wenn Du glaubst, Du seist gesund, suche Dir die Seite, auf der Du stehen willst aus: Werde krank mit ihnen oder lebe mit uns.

Jetzt sind wir dran: Wir nennen unsere Krankheit beim Namen, wir entscheiden was wir wollen/brauchen, wir definieren was MCS ist.

Wir glauben deren toxische Lügen nicht.

Wir wissen dass sie lügen.

Clara Valverde & Eva Caballé, No Fun

CSN – Chemical Sensitivity Network schließt sich dem Manifest an.

Veröffentlicht am 12. Mai 2010 – Internationaler Fibromyalgia, ME/CFS und MCS Tag

Übersetzung: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network

Sekundengeschichte: „Der Mensch funktioniert ganz normal weiter…“

„… und nach dem ich Parfüm gerochen hatte, wurde ich fast ohnmächtig, mein Herz begann zu rasen, ich bekam kaum noch Luft …“

„Ja das gibt es“, versuchte der Arzt die Patientin zu beruhigen. „Das hat jeder mal. Hatten sie in letzter Zeit viel Stress?“

„Natürlich. Ich weiß ja gar nicht mehr, wo ich mich aufhalten soll. Überall Gerüche, die mich extrem belasten. Laufend Durchfall, weil ich kaum noch ein Nahrungsmittel vertrage.“

“ Wenn sie sich gestresst fühlen, haben sie schnell Durchfall, Frau Bertram. Dann denken sie automatisch, dass sie das Lebensmittel nicht vertragen…“

„Aber die Duftstoffe…“

“ Sie haben ein Paar Probleme mit Duftstoffen, was durchaus möglich ist. Aber auf Grund dieser Erfahrung, denken sie, dass alle Duftstoffe unverträglich sind und so reagieren sie dann auch. Sie haben sich das quasi selbst antrainiert!“

„Und dass mein Körper oft reagiert, bevor ich den Duft überhaupt wahrnehme …“

„Ist doch klar Frau Bertram, ihre Nerven liegen blank, sie sind im Dauerstress und völlig überreizt. Von diesem Zustand muss ich sie erst mal runterholen und verschreibe ihnen ein Beruhigungsmittel“

„Sie sind schon der fünfte Arzt, der mir ein Beruhigungsmittel verschreiben will, aber die eigentliche Ursache meiner Erkrankung…“

„Die eigentliche Ursache sind ihre Nerven.“

„Sie nehmen mich überhaupt nicht ernst.“

„Doch das tue ich. Ich nehme sie sogar sehr ernst.“

„Dann würden sie meine Beschwerden nicht auf die Psyche schieben.“

Wütend stand Frau Bertram auf und verließ wortlos die Praxis. Warum will sie niemand verstehen? Ist sie wirklich verrückt?

Sie ging nach Hause, ließ sich erschöpft im Sessel nieder und schaltete den Fernseher an.

„Immer mehr Menschen haben Weichmacher im Blut. Sogar Kinder. Auch in der Muttermilch … und diese Substanzen führten zur Verschlechterung der Spermienqualität, vor allem bei jungen Männern…“ sagte der Moderator der Sendung „Quarks und Co“.

„Ach was“, höhnte Frau Bertram, „alles Einbildung. Weichmacher im Blut, aber der Mensch funktioniert ganz normal weiter…“

Autor: Gerhard Becker, CSN – Chemical Sensitivity Network, Mai 2010

Weitere Sekundengeschichten und Artikel von Gerhard: