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EPA Konferenz plädiert zur Rücksichtnahme auf Asthmatiker

US Bundesbehörde bittet darum auf Parfüm und Duftstoffe zu verzichten

Die Amerikanische Umweltschutzbehörde EPA hält vom 17-19. Juni 2010 in Washington DC. eine große Asthma Konferenz ab. Das Besondere in diesem Jahr: Erstmalig bittet die EPA, auf Duftstoffe und Parfüms gänzlich zu verzichten. Damit will die EPA ein Zeichen setzen um auf die Duftstoffproblematik hinzuweisen und um Asthmatikern unter den Teilnehmern die Möglichkeit zu bieten, beschwerdefrei am „2010 National Asthma Forum“ teilzunehmen. Duftstoffe zählen zu den Hauptauslösefaktor für Asthmaattacken.

Fast 300 Experten und Vorreiter, die ihre Arbeit der Verbesserung der Lebenssituation von Asthmatikern verschrieben haben, nehmen an der Veranstaltung teil. Zu den  Teilnehmern zählen in erster Linie Entscheidungsträger in Bundes- und Landesbehörden, sowie Zuständige für Leitlinien, Leiter von Gesundheitsbehörden, Wissenschaftler, Mediziner und Leiter von Selbsthilfeorganisationen. Ihr Ziel ist es, Umgebungen und das Leben von Asthmatiker so sicher wie möglich zu gestalten.

Damit die Teilnehmer wirklich daran denken, kein Parfüm, Aftershave, Haarspray, Bodylotion, Weichspüler oder duftende Deos zu benutzen, stellte die Bundesbehörde eine Woche vor der Konferenz nochmals eine Erinnerung online und verschickte E-Mails mit dem Hinweis:

„Asthma-freundliche Umgebungen sind unsere Aufgabe – Bitte helfen Sie uns, eine duftstofffreie Veranstaltung zu ermöglichen, indem Sie duftfreie Körperpflegemittel verwenden und auf Parfüms und andere Reizstoffe verzichten.“

Ein sehr positiver Schritt, mit dem die EPA für das diesjährige „2010 National Asthma Forum“ die größte bekannte Barriere für Asthmatiker und Chemikaliensensible beseitigt hat. Eine menschliche Entscheidung gegenüber Behinderten, an der sich Behörden weltweit ein Beispiel nehmen sollten.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 17. Juni 2010

Weitere CSN-Artikel zur Thematik:

Zweifelhafte Chemikalien im Golf von Mexiko im Einsatz

Diskussion der Dispergiermittel

(Living on Earth – Radiointerview)

BP setzt mehrere hunderttausend Gallonen (3.785 Liter) an Dispergiermittel ein, um zu verhindern, dass der Ölteppich im Golf von Mexiko die Küste erreicht. Es gibt jedoch wenige Daten über die ökologische Wirkung dieser Chemikalien. Der Gastgeber der Sendung Jeff Young unterhält sich mit Dr. Nancy Kinner vom Coastal Response Research Center (Forschungszentrum für Küstenschutz) der Universität von New Hampshire darüber, weshalb es auf wichtige Fragen zu Dispergiermitteln keine Antwort gibt.

YOUNG: Aus den Jennifer und Ted Stanley Studios in Somerville, Massachusetts – dies ist Living on Earth (Leben auf der Erde). Ich bin Jeff Young.

Die Bundesbeamten sagen, es ist ein Ernstfall, wo jede Hand gebraucht wird, ein Rund um die Uhr Einsatz an allen sieben Wochentagen, um die sprudelnde Ölquelle im Golf von Mexiko unter Kontrolle zu bekommen. Doch eines der Hauptinstrumente, die Schadenswirkung des Öls zu minimieren, ist mit einer Reihe eigener Probleme verbunden. Etwa 400 Tausend Gallons (1.5 Millionen Liter) chemischer Dispergiermittel wurden auf die Wasseroberfläche gesprüht und tief im Meer freigesetzt, um den Abbau des Öls zu beschleunigen. In einer Presse-Telekonferenz sagte die Leiterin der EPA (Umweltschutzbehörde) Lisa Jackson, dass diese Dispergiermittel ihrerseits mit Nachteilen verbunden wären und dass sich Wissenschaftler unsicher wären, auf welche Art sie das maritime Leben beeinträchtigen könnten.

JACKSON: Dispergiermittel sind nicht die Zauberlösung. Sie werden eingesetzt, um uns dem kleineren Übel von zwei problematischen Umweltresultaten anzunähern.

YOUNG: Ein Gutachten der National Academy of Sciences (Staatliche Akademie der Wissenschaften) von 2005 kam zu dem Schluss, „das Verständnis der wichtigsten Vorgänge ist in vielerlei Hinsicht unzureichend, um guten Gewissens einen Entscheidung über den Einsatz von Dispergiermitteln zu befürworten“. Wir wendeten uns an Dr. Nancy Kinner, um mehr darüber zu erfahren. Sie leitet das Coastal Response Research Center der Universität von New Hampshire; es ist eine Vermittlungsstelle für Informationen zur Ölkatastrophenhilfe.

KINNER: Nach meiner Ansicht ist unser Wissen über Dispergiermittel unzureichend. Es gibt immer noch eine ganze Menge von Unbekanntem dort draußen und offen gesagt war die Finanzierung dieser Arbeit sehr begrenzt, was einer der Gründe ist, weshalb viele dieser Fragen immer noch unbeantwortet sind.

YOUNG: Warum hat man das nur begrenzt erforscht, denn ich erinnere mich, dass dieses Thema, ob man Dispergiermittel einsetzen soll oder nicht, während des Exxon Valdez Unfalls im Jahre 1989 erneut hochkam – glauben Sie, dass es nun entsprechende Forschung geben wird?

KINNER: Aufgrund des Oil Pollution Act von 1990 (Öl-Schadensgesetz) wurden viele Forschungsmittel bewilligt, aber wie es oft so ist, wenn man so eine Katastrophe wie Exxon Valdez hat, werden diese Mittel niemals wirklich bereit gestellt.

YOUNG: Also wollte der Congress theoretisch diese Forschung finanzieren, hat diese Knete aber niemals wirklich durchbekommen?

KINNER: Nun, nicht nur der Congress. Auch die Industrie hat ihre Forschung- und Entwicklungsprogramme zurückgestutzt, damit war dies ein allgemeines Problem. Und es wurde immer gesagt, dass wir keine großen Ölunfälle mehr haben.

YOUNG: Nun hat BP große Mengen dieser chemischen Lösungsmittel eingesetzt und versucht, das Öl abzubauen. Wie funktionieren diese Dispergiermittel und welche Nachteile hat es, sie einzusetzen?

KINNER: Das allgemeine Prinzip der Dispergiermittel beruht darauf, dass es im Wesentlichen eine sogenannte grenzflächenaktive Substanz ist – ein Teil ist in Öl löslich und der andere Teil ist wasserlöslich. Was man macht, ist große mit Dispergiermittel beladene Flugzeuge einzusetzen, die mit Düsen ausgestattet sind, welche es über dem Wasser versprühen, und dann verursacht die Bewegung des Wassers Turbulenzen, die einzelne Öltröpfchen aus dem Ölteppich ziehen und im Wasser verteilen. Dabei gibt es einen weiteren wichtigen Faktor, indem der Grad der Turbulenz tatsächlich die Größe der Tröpfchen bestimmt.

YOUNG: Und dann, was bedeutet dies bezüglich der Wirkung des Öls auf das Ökosystem, wo das Öl draußen auf dem Meer aufgelöst wird?

KINNER: Wenn diese sehr kleinen Tröpfchen da sind und mit irgendwelchen Organismen am untersten Ende der Nahrungskette zusammentreffen, könnten sie diese Partikel aufnehmen. Und das könnte nicht gut sein, weil sie dann auch von anderen Organismen aufgenommen werden, usw. Auf der anderen Seite summiert sich die Oberfläche der kleineren, sehr winzigen Tröpfchen zur einer großen Fläche, das bedeutet, sie könnten schneller von Bakterien bevölkert werden und diese Bakterien könnten dann das Öl als Nahrungsquelle nutzen und es abbauen. So gilt es hier Vor- und Nachteile abzuwägen.

YOUNG: Nun sind die Dispergiermittel selber auch in gewissem Umfang giftig – inwieweit muss man sich da Sorgen machen?

KINNER: Es gab ein paar Arbeiten über die Toxizität der Dispergiermittel und der Grundgedanke war immer, dass die Toxizität keine große Rolle spielt, weil sich das meiste des Dispergiermittels mit dem Öl verbindet und nicht sehr viel davon im Wasser übrig bleibt. Unglücklicherweise haben wir dazu nicht viele Daten, um bei einer Ölkatastrophe wie dieser, wo wir so viel davon einsetzen, wirklich belegen zu können, welcher Anteil sich tatsächlich mit dem Öl verbindet und welche Folgen die Toxizität haben könnte.

YOUNG: Ich vermute, dass es sich bei den meisten anderen Ölkatastrophen, bei denen Dispergiermittel zum Einsatz kamen, in der Tat nur um ausgelaufenes Öl handelte; eine gewisse bekannte Menge lief z.B. aus einem beschädigten Tanker aus. In welchen Maße unterschieden sich diese Situationen von jener, mit der wir es jetzt zu tun haben bezüglich der Entscheidung, ob man Dispergiermittel einsetzen soll oder nicht?

KINNER: Nun, wenn man Dispergiermittel gegen ausgelaufenes Öl einsetzt ist das eine völlig andere Situation als das, was wir möglicherweise hier haben, den wir haben einen ununterbrochenen Einsatz von Dispergiermittel und das Öl wird kontinuierlich freigesetzt, unter Umständen für einen sehr langen Zeitraum. Und so gibt es möglicherweise eine andauernde Belastung für Organismen und das kann für ein Ökosystem viel mehr Wechselwirkungen und Schäden nach sich ziehen.

YOUNG: Was ist also Ihre Empfehlung, wenn die Leute in Ihr Zentrum kommen und fragen „Was sollen wir tun?“, was erzählen Sie Ihnen?

KINNER: Nun, ich denke nicht, dass wir genug über Dispergiermittel wissen. Jedoch, während ich das gesagt habe, gerade jetzt haben es die Küstenwache, die Bundesbehörden und die Leute von der Industrie mit einer Ölkatastrophe zu tun, die sehr, sehr groß ist und keinerlei Anstalten macht, wieder abzunehmen.

Und es wurde die Entscheidung getroffen, dass es die beste Strategie ist, das Öl so weit wie möglich von den Sumpfgebieten [an der Küste] fern zu halten, es aus diesen empfindlichen Gebieten heraus zu halten und die einzige Möglichkeit, die man hat, dies zu erreichen, insbesondere wenn das Wetter nicht mitspielt und es Wind und Wellen gibt, besteht darin, Dispergiermittel hinzuzufügen. Es wird weitere Unfälle geben, Ich denke das ist so – wenn man nach Öl bohrt, besteht die Wahrscheinlichkeit von Unfällen. Die Frage ist, ob man mit den Folgen eines solchen Unfalles leben kann?

YOUNG: Dr. Nancy Kinner leitet das Coast Response Research Center an der University of New Hampshire. Haben Sie vielen Dank.

KINNER: Gern geschehen, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Copyright © 2010 Living on Earth and World Media Foundation

Quelle: Transcript einer Sendung von Living on Earth, Mai 2010

CSN dankt Living on Earth für die Genehmigung den Beitrag übersetzen und veröffentlichen zu dürfen.

Photo: CC Photo by Otto Candies/uscgpress

Übersetzung: BrunO für CSN – Chemical Sensitivity Network

MP3 Audio des Original-Beitrages (Engl.)

Anhang

Living on Earth produziert immer wieder interessante Sendungen zu Umwelt-Themen, die von Public Radio International verteilt und jede Woche von etwa 300 Radiostation übernommen werden. Diese Sendungen erreichen etwa 80% aller Amerikanischen Zuhörer.

Einen etwas früheren Artikel von ProPublika zum gleichen Thema durften wir leider nicht übersetzen. Darin werden mögliche Gefahren durch die Dispergiermitteln noch detaillierter aufgezeigt. Zum einen könnten die Dispergiermittel das Verdunsten giftiger Kohlenwasserstoffe aus dem Rohöl erleichtern, was wiederum eine Konzentration von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) im aufgelösten Öl zur Folge hat. Die Wirkung dieser Stoffe auf Fische werden in dem auch von Dr. Kinner erwähnten Bericht der National Academy of Sciences beschrieben. PAKs akkumulieren in Muscheln und eine Studie nach der Exxon Valdez Katastrophe zeigte, dass sich die Herzen von Pazifischem Hering und Embryos des Pink-Salmon Lachses schlechter entwickeln. Mitglieder der Alaska Community Action on Toxics stellten nach einer Studienauswertung [Ott/Miller, 2/3 unten] einen Zusammenhang zwischen der Anwendung von Dispergiermitteln während der Exxon Valdez Katastrophe und zahlreichen Erkrankungen bei Aufräum-Helfern her. Erkrankungen der Atmung und des Nervensystems, Leber-, Nieren- und Blutkrankheiten. Am 17.05.2010 schrieb Congressman Rep. Edward J. Markey, (Democrat aus Massachusetts) einen Brief (PDF) an die EPA und erkundigt sich u.a. danach, wie der Einsatz dieser Chemikalien zu begründen sei, wenn man so wenig über die Folgen wisse.

Das Geheimnis von Parfüms – Studie findet Chemikalien

Wissenschaftliche Studie bringt es ans Licht – Verborgene Chemikalien in Parfüms von Stars und Bodydeos für Jugendliche

Präsident Obamas Cancer Panel (Krebs-Ausschuss/Bericht vom 06.05.2010) weist auf die Gefährdung durch hormonwirksame Chemikalien hin, viele davon wurden in einer neuen Duftstoffstudie nachgewiesen.

San Francisco – Eine neue Untersuchung deckt auf, dass vielverkaufte Parfümerie-Produkte – von „Britney Spear‘s Parfum Curious“ und „Hannah Montana Secret Celebrity“ bis zu „Calvin Klein Eternity“ und „Abercrombie & Fitch Fierce“ – ein gutes Dutzend unbekannter auf den Etiketten nicht genannter Chemikalien enthalten. Zahlreiche Chemikalien, die allergische Reaktionen auslösen oder den Hormonhaushalt stören können und viele Substanzen, die von den Selbstkontrollgremien der kosmetischen Industrie nicht auf ihre Sicherheit überprüft worden sind.

Die Studie zu versteckten giftigen Chemikalien in Parfums folgt dem Cancer Panel Bericht des Präsidenten auf dem Fuß, der wegen den zu wenig erforschten und weitgehend von Gesetzen nicht erfassten Chemikalien, die von Millionen Amerikanern in ihrem täglichen Leben benutzt werden, Alarm schlug. Der Cancer Panel Bericht des Präsidenten empfiehlt, dass schwangere Frauen und Paare, die eine Schwangerschaft planen, eine Belastung mit hormonwirksamen Substanzen mit Rücksicht auf mögliche Krebsgefahren vermeiden. Einige für diese Studie analysierte Duftstoffe enthalten mehrere Chemikalien, die in der Lage sind, die Wirkung von Hormonen zu stören.

„Diese beeindruckende Studie deckt die versteckten Gefahren von Duftstoffen auf“, sagte Anne C. Steinemann, Ph.D., Professor für Bau- und Umwelttechnik und Professor für öffentliche Angelegenheiten an der University of Washington. „Düfte aus zweiter Hand bereiten ebenfalls große Sorgen. Eine Person, die ein duftstoffhaltiges Produkt benutzt, kann bei vielen anderen Personen Gesundheitsprobleme verursachen.“

Die Campaign for Safe Cosmetics (Kampagne für sichere Kosmetik), ein nationaler Zusammenschluss von Gesundheits- und Umweltgruppen, gab für diese Studie den Test von 17 duftstoffhaltigen Produkten bei einem unabhängigen Labor in Auftrag. Der Kampagnenpartner Environmental Working Group (Arbeitsgruppe Umwelt) wertete die Daten der Tests und der Produktetiketten aus. Die Analyse ergibt für die 17 Produkte durchschnittlich folgende Bestandteile:

Vierzehn geheime, dank eines Schlupfloches in den amerikanischen Bundesgesetzen nicht auf den Etiketten angegebene Chemikalien, das es den Firmen erlaubt, für Duftstoffe einen Schutz als Handelsgeheimnis zu beanspruchen. „American Eagle Seventy Seven“ enthielt 24 versteckte Chemikalien, die höchste Anzahl von allen Produkten in der Studie.

Zehn sensibilisierende Chemikalien, die mit allergischen Reaktionen wie Asthma, keuchende Atmung, Kopfschmerzen und Kontakt-Dermatitis in Zusammenhang stehen. „Giorgio Armani Acqua Di Gio“ enthielt 19 verschiedene sensibilisierende Chemikalien, mehr als jedes andere Produkt in der Studie.

Vier den Hormonhaushalt störende Chemikalien, die mit einer Reihe von gesundheitlichen Auswirkungen, wie Schädigung der Spermien, Störung der Schilddrüsenfunktion und Krebs in Zusammenhang stehen. „Halle“ von Halle Berry, „Quicksilver“ und „Glow“ von JLO enthielten jeweils 7 verschiedene Chemikalien, die das Hormonsystem schädigen können.

Die Mehrzahl der Chemikalien, die bei den Tests gefunden wurden, hat man nie einer Sicherheitsprüfung, durch eine öffentlich verantwortliche Behörde oder durch die Selbstkontrollgremien der Kosmetikindustrie, unterzogen. Von den 91 Inhaltsstoffen, die in dieser Studie festgestellt wurden, sind nur 19 von der Cosmetic Ingredient Review (CIR) – (Kosmetik-Inhaltsstoff-Prüfung), und 27 von der International Fragrance Association (IFRA) – (Internationaler Duftstoff Verein) und vom Research Institute for Fragrance Materials (RIFM) – (Forschungsinstitut für Duftstoffe) überprüft worden, die freiwillige Richtlinien für in Parfüm eingesetzte Chemikalien entwickeln.

„Da riecht etwas merkwürdig – das System hat eindeutig einen Fehler“, sagte Lisa Archer, die Koordinatorin von Campaign for Safe Cosmetics beim Breast Cancer Fund (Aufklärungsorganisation zu umweltbedingtem Brustkrebs). „Wir benötigen dringend auf den neusten Stand gebrachte Gesetze, die eine vollständige Angabe der Inhaltsstoffe von Kosmetika vorsehen, damit die Verbraucher anhand der Informationen eine Wahl treffen können, welchen Stoffen sie sich aussetzen.“

„Duftstoff-Chemikalien werden eingeatmet und durch die Haut aufgenommen und viele verbleiben in den Körpern der Menschen, einschließlich schwangerer Frauen und neugeborener Babys“, sagte Jane Houlihan, Vize-Forschungspräsidentin der Environmental Working Group (EWG).

Eine aktuelle Studie der EWG wies die synthetischen Moschus-Chemikalien Galaxolid und Tonalid im Nabelschnurblut neugeborener Kinder nach. Die Moschus-Chemikalien wurden fast in jedem der für diese Studie analysierten Parfums gefunden. Zwölf der 17 Produkte enthielten zusätzlich Diethylphthalat (DEP), eine Chemikalie [Weichmacher], die mit Spermienschäden und Verhaltensstörungen in Zusammenhang steht und in den Körpern von fast allen untersuchten Amerikanern nachgewiesen wurde.

Kongressmitglieder, die an der Ausarbeitung von Gesetzen für sichere Kosmetika arbeiten, äußerten sich zum Studienbericht:

Repräsentantin Jan Schakowsky, D-Ill. (Demokratin aus Illinois): „Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum Menschen potentiell gefährlichen Chemikalien ausgesetzt sein sollten, weil sie Parfüm, Eau de Cologne oder Bodydeo benutzen. Aber dieser Bericht legt nahe, dass genau dies passiert. Die in populären Parfümen festgestellten Chemikalien, die oft von Berühmtheiten marketingmäßig unterstützt werden, können eine ganze Reihe von Nebenwirkungen haben und die Amerikaner sind ihnen ausgesetzt, ohne es zu wissen. Ich denke, dies ist ein klarer Beleg, wie erbärmlich veraltet unsere Gesetze für Kosmetika sind und wie dringend die Gesetzgebung zur Sicherheit von Kosmetik benötigt wird, die wir erarbeiten. Die in diesen Produkten eingesetzten Inhaltsstoffe müssen auf ihre Sicherheit geprüft werden und die FDA (Food and Drug Administration) muss mit der Macht ausgestattet werden, die Gesundheit der Amerikaner umfassend zu schützen, indem sie Chemikalien nicht zulässt, die als unsicher erachtet werden. Die Amerikaner brauchen die Gewissheit, dass die Kosmetikprodukte, die sie kaufen, keine Chemikalien enthalten, die ihnen Schaden zufügen können.“

Repräsentant Ed Markey, D-Mass. (Demokrat aus Massachusetts): „Eine Rose beliebigen Namens mag lieblich riechen, aber in einigen Fällen mag ein lieblich riechendes Parfüm in Wirklichkeit gefährlich sein. Ich bin froh, mich mit meinen Kollegen zusammen gefunden zu haben, um bald ein Gesetzwerk einzuführen, das die Offenlegung der im Kosmetika und Parfüm verwendeten Inhaltsstoffe zur Pflicht macht und sicherstellt, dass giftige Chemikalien von Kosmetika, Parfums und Duftstoffen fern gehalten werden. Die Verbraucher haben ein Recht zu wissen, was genau in den Produkten drin ist, die sie jeden Tag auf ihren Körper sprühen oder reiben.“

Repräsentantin Tammy Baldwin, D-Wis. (Demokratin aus Wisconsin): Es ist beunruhigend, dassKosmetika, die wir jeden Tag benutzen, versteckte giftige Chemikalien enthalten. Darum arbeite ich mit Kollegen im Kongress an einer Gesetzgebung, die unsere veraltete Kosmetikaufsicht und die Bestimmungen gründlich überholt. Wir alle verdienen es zu wissen, dass unsere Produkte so sicher wie möglich sind.“

Autor: Campain for Safe Cosmetics, Release: May 12th, 2010.

Übersetzung: BrunO für CSN – Chemical Sensitivity Network

Kompletter Forschungsbericht: Not so sexy – Report

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Duftstoffe und Parfums haben Konsequenzen:

Persistente Altlasten in Lebensmitteln

Emily Elert hat diesen Artikel anlässlich des Earth Day 2010 verfasst, der am 22.04. zum vierzigsten Mal begangen wurde. Der „Tag der Erde“ wurde von Senator Gaylord Nelson (Democrats) initiiert, um die Umwelt als Thema in die Politik zu bringen.

Damals engagierten sich politisch interessierte Menschen vor allem gegen den Vietnam-Krieg. Das erwachende politische Bewusstsein sollte für die Belange des Umweltschutzes genutzt werden. Wenig später entstanden auch bei uns die ersten Bürgerinitiativen. Selbst ohne Internet war es möglich mitzumischen, indem man Informationen verbreitete, möglichst viele Menschen für ein Thema interessierte und eine politische Debatte los trat. Von Umweltschutz müssen inzwischen selbst jene reden, die ihn missachten, und es wird immer leichter, ihnen auf die Finger zu schauen.

Der Artikel beschreibt ausführlich, wie Schadstoffe in der Umwelt akkumulieren und wie wenig historisch aus ihnen gelernt wurde. Es wird klar, warum eine vegetarische oder bei Beachtung der Nährstoffe vegane Ernährung trotz anders lautender Auskünfte von Medizinern die gesündere ist. Eine vertretbare Gewichtsreduktion kann ebenfalls einen Vorteil bringen.

Über eine Gruppe von Ersatzstoffen für das weltweit immer noch hergestellte DTT werden wir einen eigenen Artikel veröffentlichen. Die ebenfalls persistenten Pyrethroide werden genauso häufig und bedenkenlos wie einst DDT eingesetzt. Verschwiegen wird, dass es sich um ein nicht harmloses Nervengift handelt, das kleine Lebewesen tötet, das Nervensystem größerer massiv schädigt und bei MCS eine fatale Rolle spielt.

Persistente Altlasten zum Earth Day 2010:

US-Lebensmittel sind immer noch durch alte Chemikalien verunreinigt

Auf einem Foto in einer Zeitungswerbung von 1947 beugt sich eine strahlende Mutter über die Wiege ihres Babys. Die Wand hinter ihr ist mit Reihen von Blumen und Disney Figuren verziert. Über dem Foto verkündet eine Überschrift: „Schützen Sie Ihre Kinder vor Krankheiten übertragende Insekten.“

Diese Werbung für DDT imprägnierte Tapete ist die Momentaufnahme historischer Ignoranz, bevor das berüchtigte Insektizid viele Vögel fast ausrottete und im Körper von nahezu jedem Menschen auf der Welt auftauchte.

Die Geschichte von DDT lehrt uns eine Lektion über die Vergangenheit. Experten meinen jedoch, sie ermögliche auch einen Blick in die Zukunft.

Achtunddreißig Jahre nach dem Verbot nehmen Amerikaner immer noch täglich Spuren von DDT und seinen verstoffwechselten Formen auf, zusammen mit mehr als zwanzig anderen verbotenen Chemikalien. Reste dieser Altlast-Schadstoffe sind in Amerikanischen Lebensmitteln allgegenwärtig, besonders in Molkereiprodukten, Fleisch und Fisch.

Ihre jahrzehntelange Anwesenheit im Nahrungsangebot unterstreicht das Gefahrenpotential einer neuen Generation weitverbreiteter Chemikalien mit ähnlichen Eigenschaften und Gesundheitsrisiken.

Neuste Studien skizzieren ein komplexes Bild von Altlast-Schadstoffen in Amerikanischen Lebensmitteln – ein unüberschaubares Heer an Chemikalien in kleinsten Spuren, überall aber in unterschiedlichsten Konzentrationen im Nahrungsangebot vorhanden, manchmal allein, öfter jedoch in Kombination mit anderen. Dazu gehören DDT und einige weniger bekannte Organochlorpestizide, als auch Industriechemikalien wie Polychlorierte Biphenyle oder PCBs, welche bis in die späten 70’er Jahre in elektrischen Geräten eingesetzt wurden.

Dieses Bild wirft eine ganze Reihe von nicht weniger komplizierten Fragen auf: Sind kleine Mengen dieser Chemikalien für sich allein oder in Kombinationen gefährlich? Warum sind sie immer noch vorhanden und wie gelangen sie in unsere Nahrung?

Stellen Sie sich diese Chemikalien wie den Sand in ihren Schuhen nach einem Ausflug zum Strand vor. Trotz unserer Bemühungen, uns davon zu befreien, werden wir etwas später fündig – manchmal am gleichen Abend, manchmal nach Jahren – wenn wir das betreffende Paar Sommerschuhe anziehen und die Sandkörner zwischen unseren Zehen spüren.

„Sie sind menschengemacht und sie sind giftig, und sie reichern sich in der Biosphäre an. Deshalb überrascht es nicht, dass sie lange Zeit, nachdem sie verboten wurden, immer noch da sind“ – so Arnold Schecter, von der University of Texas School of Public Health, der seit mehr als 25 Jahren die Chemikalienbelastung des Menschen untersucht.

Viele Chemikalien sind genau so hartnäckig präsent wie jene Sandkörner. Sie gehören zur Klasse der sogenannten „persistenten organischen Pollutanten“ kurz POPs – die zum Abbau in Sedimenten und im Boden Jahrzehnte benötigen, die sich mit Wind und Wasser weltweit verbreiten können und bis in derart entfernte Gegenden wie die Arktis vordringen. Diese ortsbeweglichen POPs nehmen im Fettgewebe lebender Organismen einen halb-permanenten Aufenthalt an, wenn sie über Nahrung aufgenommen werden. Das geschieht in Tieren und manchmal in Menschen. Viele von ihnen können das Risiko für Krebs oder andere Erkrankungen erhöhen, den Hormonhaushalt verändern, die Fruchtbarkeit einschränken oder die Entwicklung des Gehirnes stören.

Die gute Nachricht ist, dass DDT und andere Organochlorpestizide, PCBs und als Dioxine bezeichnete industrielle Nebenprodukte in Lebensmitteln und in der Umwelt signifikant abgenommen haben, seitdem sie Jahrzehnte zuvor verboten worden sind. Einige sind unter messbare Werte abgefallen. „Wir erwarten nicht, dass sich die Werte in der Nahrung oder in den Menschen abrupt verringern, wir erwarten, dass sie langfristig kleiner werden. Und genau das beobachten wir“, sagte Schecter.

Exakte Tendenzen von Chemikalien in Lebensmitteln sind schwierig auszumachen, da sowohl die Regierung als auch unabhängige Studien verschiedene Lebensmittel an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten untersucht haben. Jedoch weisen die Werte der menschlichen Muttermilch darauf hin, dass bis zum Jahre 1990 DDT auf ein Zehntel des Wertes von 1970 abgefallen ist, wie aus einem Bericht im International Journal of Epidemiology von 1999 hervorgeht. Ähnliche Tendenzen gibt es für PCBs und Dioxine. An den meisten Orten sind POPs nur noch ein Bruchteil dessen, was sie waren.

Letztes Jahr, im Rahmen einer fortlaufenden Studie über POPs im Nahrungsangebot haben Schecter und seine Kollegen über 300 Proben aus Supermärkten um Dallas in Texas zusammengetragen und analysiert. Für 31 verschiedene Lebensmittel wie z.B. Joghurt, Hähnchen und Erdnussbutter wurden Mischproben hergestellt und auf alte wie auch neuere Schadstoffe untersucht.

„Jedes Nahrungsmittel aus dieser Studie enthielt mehrere Pestizide“, schrieben die Autoren in einem Artikel, der im Februar 2010 in der Zeitschrift Environmental Health Perspectives veröffentlicht wurde.

Das DDT-Abbauprodukt DDE war am häufigsten vorhanden, es kam in 23 der 31 beprobten Nahrungsmitteln vor.

Die Leute nehmen mehr DDT als jeden anderen persistenten Schadstoff auf, stellten die Forscher fest. Sein relativ übermäßiges Vorkommen ergibt sich aus dessen weitverbreiteter Anwendung in der Vergangenheit. Nach Auskunft der Environmental Protection Agency wurden allein in der Vereinigten Staaten in einem Zeitraum von etwa 30 Jahren schätzungsweise „1,35 billion pounds“, d.h. 612,3 Millionen Kilogramm versprüht, um Moskitos und landwirtschaftliche Schädlinge auszurotten.

Zu den anderen verbotenen Pestiziden, die sich für Jahrzehnte in Nahrungsmitteln gehalten haben, gehören Dieldrin, Toxaphen, Chlordan, Hexachlorocyclohexan und Hexachlorbenzol. Obwohl sie weniger bekannt sind, gehen von ihnen ähnliche Risiken wie von dem berüchtigten DDT und den PCBs aus.

Das am stärksten verseuchte Lebensmittel war Lachs, mit Spuren von sechs verschiedenen PCPs, zwei Flammschutzmitteln und 25 Pestiziden, einschließlich DDT, Dieldrin und Toxaphen. Proben von Sardinenkonserven und Wels enthielten ebenfalls zahlreiche verbotene Chemikalien.

Generell waren umso mehr Chemikalien enthalten, je höher der Fettgehalt der Nahrungsmittel war. Erdnussbutter, Eiscreme, Käse, Butter, Öl, Fisch und fettreiche Fleischsorten waren stärker kontaminiert als fettarme Milch und Gemüse.

Dieser Zusammenhang zwischen hohem Fettgehalt und hohen Chemikalienwerten ist kein Zufall. POPs sind lipophile oder „fettliebende“ Chemikalien – sie wählen das Fett von Tieren als ihren Aufenthaltsort und brauchen viele Jahre zum Abbau. Dieses Fett wandert durch die Nahrungskette und die Schadstoffe nehmen in einem Vorgang, den man Bioakkumulation nennt, stufenweise höhere Konzentrationen an.

Beispielsweise haften im Lake Michigan PCBs an anorganischen Sedimenten und werden von dann von mikroskopischem, frei schwebendem Plankton absorbiert. Ein Weichtier ernährt sich von dem Plankton, indem es durch seinen Verdauungstrakt Wasser filtert und während seines kurzen Lebens sammeln sich Schadstoffe im Fettgewebe des Molluskes an. Ein kleiner Barsch frisst hunderte Mollusken, bevor ein größerer Raubfisch, die Seeforelle, den Barsch frisst – und all die Chemikalien in ihm. Dann kommt ein Adler oder ein Fischer vorbei und verzehrt die Forelle.

Dieser Effekt ist gut dokumentiert und hilft zu erklären, warum abnehmende Populationen von Vögeln und Beutetieren oft die ersten Zeichen einer Umweltverschmutzung sind, welche die Gesundheit des Menschen bedrohen könnte. Vögel haben im Vergleich zu Menschen relativ kleine Körper und wenn sie sich ausschließlich von verseuchtem Fisch ernähren, kann ihre Körperbelastung schnell toxische Werte erreichen, die Küken töten können, Eier zerstören oder Missbildungen verursachen.

Zuchtfische sind sogar stärker belastet. Eine Studie von 2004 stellte fest, dass Zuchtlachs zehnmal höher mit POPs belastet war als wilder Lachs. Die Quelle der Schadstoffe, sagte Dr. David Carpenter, Leiter des Institute for Environmental Health an der University of Albany, New York und einer der Autoren der Abhandlung, ist die kontaminierte Mischung von Fischfetten und Proteinen im Fischfutter.

Dasselbe Problem stellt sich bei Fleisch- und Milchprodukten, sagte Dr. Carpenter. Ein von der National Academies Press 2003 veröffentlichter Bericht hob hervor, dass tierische Fette enthaltendes Futter eine Hauptquelle für die anhaltende Belastung der Menschen mit Dioxinen war, die Krebs hervorrufen.

„Wir recyceln tierische Abfallfette zurück in das Nahrungsangebot“, erklärt Capenter. „Wir verfüttern das Fett der Kuh an die Schweine und Hühner und wir füttern das Fett von Schweinen und Hühnern an die Kühe.“ Diese tierischen Abfallprodukte machen den größten Anteil am Tierfutter aus.

Wissenschaftler sind sich über die Gesundheitsrisiken für den Menschen unsicher, die von Spurenwerten der meisten POPs ausgehen. Manche, wie z.B. Dioxine, sind auch in sehr geringen Konzentrationen mit Risiken verbunden. Nach Tierstudien, aber auch nach einigen Studien mit Menschen, könnte eine Belastung mit diesen Chemikalien das Risiko für Krebs und andere Erkrankungen erhöhen, die Fruchtbarkeit verringern, den Hormonhaushalt verändert, die Gehirnentwicklung beeinträchtigen und das Immunsystem ungünstig beeinflussen.

Für einige Chemikalien hat die EPA überwiegend auf Grundlage von Tierversuchen Referenz-Dosiswerte festgelegt, deren tägliche Aufnahme als sicher erachtet wird. Keines der Nahrungsmittel in Schecters Studie von 2009 enthielt Konzentrationen über diesen Richtwerten. Die tägliche nahrungsbedingte DDT-Aufnahme der Amerikaner ist z.B. etwa die Hälfte der Referenz-Dosis.

Aber die Beamten des Gesundheitswesens wissen über die Wirkung vieler Chemikalien nicht ausreichend Bescheid, um Referenz-Dosen festzulegen, sagte Schecter. Und sie wissen noch weniger darüber was passiert, wenn Menschen mehreren Schadstoffen ausgesetzt sind.

„Wo es Referenz-Werte gibt, sind diese für einzelne Chemikalien. Und wir haben keine Referenzwerte für eine Kombination mehrerer Chemikalien“, sagte er.

„Sichere“ Werte für Chemikalienkombinationen zu bestimmen dürfte schwierig und teuer sein und bisher wurden wenige Studien durchgeführt.

Dr. Alex Stewart, ein Arzt des Britischen Gesundheitssystems, der 2009 eine Arbeit über Mischungen von Chemikalien veröffentlichte sagte, Schadstoffe könnten, wenn sie in unserer Nahrung und in unseren Körpern in Kombinationen vorkommen, noch schädlicher sein als einzeln. Manche Chemikalien, wie z.B. Dioxine, addieren sich wahrscheinlich zu ihrer Wirkung, da sie dieselben Körpersysteme auf dieselbe Art beeinträchtigen, erklärte er.

Das kombinierte Potential mancher Substanzen hat man gut dokumentiert. „Jeder weiß, dass Rauchen Lungenkrebs hervorruft und wenn man Radon einatmet, erzeugt dies Lungenkrebs. Beides, Rauchen und Radon, verursachen Lungenkrebs, aber wenn man beidem ausgesetzt ist, ist das Risiko höher“, erklärte Carpenter.

Während vor langer Zeit verbotene Schadstoffe immer noch eine Belastung darstellen, gesellt sich eine neue Generation von Umweltschadstoffen zu ihnen.

Eine davon ist die Gruppe der Flammschutzmittel, die Polybromierte Diphenilether oder PBDEs heißen. PBDEs hat man in einer Reihe von Gebrauchsgütern seit den 70’er Jahren eingesetzt. In den Jahrzehnten danach nahm die Belastung des Menschen stark zu und die Werte der menschlichen Muttermilch und des Blutes sind in Nordamerika um Größenordnungen höher als in anderen Teilen der Welt.

PBDEs in Nahrungsmitteln variieren sehr. Z.B. kann eine Probe Rind doppelt so hoch belastet sein wie eine andere. Doch trotz dieser uneinheitlichen Werte enthält die durchschnittliche Amerikanische Diät die tägliche Aufnahme von ein paar PBDEs, hauptsächlich durch den Verzehr von Milchprodukten und Fleisch, wie aus der Studie von Schecter hervorgeht.

Tierstudien haben PBDEs mit einer eingeschränkter Schilddrüsen- und Leberfunktion und mit einer gestörter Hirnentwicklung in Zusammenhang gebracht. Bedenken bezüglich ihrer gesundheitlichen Folgen führten 2004 zu einem US-Verbot mehrerer PBDEs. 2009 wurden sie in die Liste der Schadstoffe, die Gegenstand des Stockholmer Abkommens sind, aufgenommen.

Das Stockholmer Abkommen – eine internationale Anstrengung von fast 100 Ländern, den Gebrauch und die Herstellung von POPs zu beenden oder einzuschränken – wurde 1991 unterzeichnet. Die ursprüngliche, das „Dreckige Dutzend“ genannte Liste umfasste mehrere Pestizide und PCBs, die immer noch in Nahrungsmitteln vorhanden sind. Die Liste wurde 2009 um 9 neue Chemikalien erweitert, von denen viele in Schecters Nahrungsmittel-Studie auftauchten.

Die Studie wies auch Spurenwerte von Perfluoroctansäure oder PFOA nach, eine Chemikalie, die bisher im Nahrungsangebot noch nicht festgestellt worden war. Perfluorierte Substanzen werden üblicherweise zur Herstellung von fett- und wasserabweisenden Gebrauchsgegenständen eingesetzt, dazu zählt Teflon.

Manche dieser Stoffe sind verboten worden oder die Industrie hat ihren Gebrauch verringert. Da sie aber immer noch in Gebrauchsgegenständen vorkommen, werden die Menschen gleichermaßen durch Staub wie Ernährung belastet.

Man weiß nicht, wie perfluorierte Stoffe in die Nahrung gelangen, sagte Dr. Tom Webster, ein Epidemiologe an der Boston School of Public Health. Es ist möglich, dass sie wie andere Schadstoffe in der Biosphäre akkumulieren, aber sie könnten beim Vorgang des Verpackens auch direkt in Nahrungsmittel eindringen, sagte er.

Da Gebrauchsgegenstände diese Chemikalien enthalten, werden diese möglicherweise auf Abfall-Deponien gebracht. Sie stellen ein „Problem der Innenraum-Umgebung dar, das immer mehr zu einem Problem der äußeren Umgebung wird“, sagte Dr. Mike McClean, ebenfalls ein Epidemiologe der Boston’s School of Public Health. Mit dem Regen sickern die Schadstoffe aus den Deponien in das Grundwasser, von wo sie durch die Umwelt wandern und möglicherweise in die Nahrungskette gelangen.

Perfluorierte Stoffe bauen schneller als andere Schadstoffe ab, aber Flammschutzmittel verhalten sich mehr wie andere POPs, in dem sie sich in Fettgewebe ansammeln und viele Jahre zum Abbau benötigen.

„Wir erwarten, dass sie für viele weitere Jahrzehnte in der Umwelt präsent sein werden“, sagte Schecter.

Schecter meinte weiter, dass in Anbetracht der großen Zahl von Schadstoffen im US-Nahrungsangebot die Regierung viel mehr Schadstoffe überprüfen muss. „Das wäre die Hauptaufgabe, aber da sie immer noch vorhanden sind, scheint mehr Kontrolle angebracht“, sagte er.

Und die Leute sollten versuchen, weniger tierisches Fett zu sich zu nehmen, um die Aufnahme hoher POP-Werte zu vermeiden, sagte Schecter. Carpenter beschreibt die Situation unverblümter. Er sagte, „Wir müssen diese Chemikalien aus unserer Nahrung herausbekommen.“

Autorin: Emily Elert, 22.04.2010 für Environmental Health News

Literatur:

Environmental Health Perspectives, Schecter, et al. Lingering legacies for Earth Day 2010: U.S. food still tainted with old chemicals, Feb. 10, 2010 – doi:10.1289/ehp.0901347

Übersetzung und Antext: BrunO für CSN – Chemical Sensitivity Network, 10. Mai 2010

Vielen Dank an EHN für die freundliche Genehmigung den Artikel übersetzen und im CSN Blog veröffentlichen zu dürfen.

(Zum Vergrößern das Diagramm bitte anklicken)

Diagramm zur täglichen Aufnahme von Schadstoffen durch Lebensmittel. Es sind die Werte von 32 Organochlorpestiziden, 7 PCBs und 11 PFCs (Perfluorierte Chemikalien) aus Mischproben von 31 verschiedenen Nahrungsmitteln, die 2009 in Supermärkten in Dallas, Texas erworben wurden. Die nahrungsbedingte Aufnahme dieser Chemikalien wurde für einen Durchschnittsamerikaner berechnet.

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Umweltmedizin in Deutschland, ganz nach Al Gore: Ihr habt es in der Hand

Auch andere, wie Al Gore, thematisieren, welche verderbliche Rolle Bullshit in unserer Gesellschaft spielt (vgl. a. Prof. Harry G. Frankfurt: Bullshit ist „schlimmer als die Lüge“):

„Wir müssen neue Wege für einen Austausch über unsere Zukunft ohne Manipulation finden. Dazu dürfen wir beispielsweise das Bestreiten und Verzerren wissenschaftlicher Erken-ntnisse nicht länger tolerieren. Wir müssen der dreisten Verwendung falscher, ausschließlich zum Zweck der Verdrehung der Tatsachen angefertigter Studien ein Ende machen.“ Al Gore, „Angriff auf die Vernunft“ (deutsche Ausgabe, S. 21).

Al Gore meint u. a. das Schweigen des Senats zum Golfkrieg und das Desinteresse an dem Thema Klimaerwärmung (nur kurzes Aufflackern nach Katrina). Al Gore analysiert, wie es dazu gekommen ist, dass im US-Fernsehen nur noch Angstmache kommt und die Schicksalsfragen der Nation keine Sendezeit bekommen.

Ich habe im Blog schrittweise an das Thema herangeführt. Bullshit bewirkt, dass die Betroffenen von Umweltkrankheiten alle entscheidenden Themen auslassen. Die höchste „Einschaltquote“ (Googleranking) fand mein Beitrag MCS und Gene. Doch das Thema ist nicht rechtswirksam, denn es ist (noch) nicht Stand der Wissenschaft, so gut die Studie von Schnakenberg auch ist und so groß das Lob von Pall. Gefährlich für die Gegenseite dagegen ist Tatsache, dass seit fast 20 Jahren von höchster Autorität anerkannt ist, dass MCS einen schwere organische Krankheit ist und zwar eine Vergiftung: das alles sagt der T78.4.

Ich habe mich seit 5 Jahren gefragt, wie es kommt, dass keine der Patienten-organisationen das Thema aufgreift, in wieweit das neue Merkblatt zur BK 1317 die Rechtslage verbessert. Als die BK 1317 (tox. Enzephalopathie) eingerichtet wurde, gab es ein ärztliches Merkblatt, auf dem die Erkrankung grob falsch dargestellt war zum Zwecke der Fehldiagnose und Prozesslenkung. Ich konnte an einem Falschzitat nachweisen, dass das Merkblatt willkürlich unwahr war, was auch den Nachweis der Absicht mit einschließt. Zurzeit unternimmt Prof. Triebig, ein Arbeitsmediziner, alles, das neue Merkblatt zu desavouieren und zwar mit Erfolg bei Gericht. Das ist auch kein Wunder. Denn niemand tritt ihm entgegen. Die Betroffenen, die Kläger, die Umweltgutachter, haben es in der Hand (gehabt), die Verhältnisse vom Kopf auf die Füße zu stellen. Was dazu notwendig ist, ist publiziert. Es fehlt aber die Umsetzung und die liegt in der Hand der Betroffenen.

Die Psychothese war nur die dazu notwendige Angstmache. Was die umweltmedizinischen Gutachter auf den falschen Weg geführt und die Patientenszene in tausend Stücke geschlagen hat, ist der Beginn der MCS-Forschung in Deutschland. Die Anmaßung „Wir wollen das jetzt gründlich erforschen“ hat alle wissenschaftliche Erkenntnis aus 5 Jahrzehnten gewissermaßen annulliert. MCS ist seit langem bekannt und gut erforscht, erst seit dem Jahr 2000 ist es wieder rätselhaft. Die Annullierung des Wissens erfolgt durch Einschüchterung.

Angst und Vernunft

In Kapitel I zeigt Gore, dass Angst soweit gehen kann, dass folgerichtiges Denken aufhört: „Angst ist der Feind der Vernunft“ (S: 35).

Nach Prof. Harry G. Frankfurt gehört Anmaßung (und damit Einschüchterung) wesentlich zur Durchsetzung von Bullshit. Die Patienten werden gütig belehrt oder sie bekommen den Psychoeinlauf. Das führt u. a. dazu, dass Patienten so fit wie möglich beim Gutachter erscheinen. So werden sie arbeitsfähig geschrieben oder bekommen einen zu niedrigen GdB (Grad er Behinderung). Des Weiteren führt es dazu, dass sie ins falsche Thema abgedrängt werden. Die Angst verhindert, „Körperverletzung“ oder „Menschenwürde“ auch nur in den Mund zu nehmen, in der Befürchtung, nicht mehr für voll genommen zu werden. So werden sie gehindert, ihre Rechte zu vertreten.

Gore konkretisiert das Angstthema aus der Sicht des erfahrenen Politikers: Vernunft stützt den Rechtsstaat, Angst unterhöhlt ihn.

Der Königsweg ist der Rechtsstaat

Nur die Orientierung am Rechtsstaat kann die Psychiatrisierung beenden und die wissenschaftliche Anerkennung von MCS auch gesellschaftlich-rechtlich durchsetzen. Der Rechtsstaat ist kein Automat, kein Gott und auch kein gütiger gerechter Herrscher, sondern ein Regelwerk, das Recht definiert. Wird es nicht genutzt, gibt es kein Recht. Deshalb gibt es seit 1 ½ Jahrzehnten für Umweltpatienten kein Recht, auch nicht die Menschenwürde. Ob IEI oder Psycho, beides ist Aberkennung der Menschenrechte und der bürgerlichen Rechte und als solches gesetzwidrig.

Dagegen genügt Überzeugungsarbeit nicht. Denn, was hier geschieht ist so ungeheuerlich, dass es erst mal keiner glaubt. Die Gegenseite arbeitet schnell und effektiv. Jeder Vorteil (etwa die Widerlegung der Psychothese in der RKI-Studie) für die Patienten wird schnell wieder zunichte gemacht. Sie warten immer zwei Jahre, dann wird systematisch demontiert. Die letzten 15 Jahre haben das gezeigt. Sie haben auch gezeigt, dass es der Gegenseite sehr leicht gemacht wird, da Fortschritte nicht rechtlich genutzt wurden. Recht haben genügt nicht, man muss auch Recht bekommen. Die Psychiatrisierung ist schwere vorsätzliche Körperverletzung. Denn es werden schwer Kranke verhöhnt und verunglimpft. Die Psychothese ist auf dem menschlichen Niveau, wie wenn einer die Oma die Treppe runter schubst und sagt: „Mach’ langsam“.

Darum geht es, nicht um wissenschaftliche Fragen. Die sind längst gelöst, wenn man von therapeutischen Strategien absieht. Recht muss erstritten werden. Dafür gibt es die Regeln des Rechtsstaats. Wer diese nicht nutzt, sondern brav wissenschaftlich diskutiert, verliert die Prozesse und hilft Eikmann & Co. bei der Desorientierung.

Autor: Dr. Tino Merz für CSN – Chemical Sensitivity Network, 6. Mai 2010

Weitere Artikel von Dr. Merz:

Weiterführende Informationen:

Umweltmedizin: Internationaler Appell von Würzburg

Auf Einladung der „European Academy for Environmental Medicine – EUROPAEM“ trafen sich vom 23.04. – 25.04.2010 in Würzburg namhafte nationale und internationale Wissenschaftler der Gebiete Umweltmedizin, Toxikologie, Immunologie, Neurologie und Humangenetik, praktizierende Ärzte und Zahnärzte, Angehörige anderer Heilberufe sowie Vertreter von Patienteninitiativen unter dem Motto „Wissenschaft trifft Praxis“ zu einem internationalen Ärztekongress. Dieser beschäftigte sich speziell mit dem Thema der Neuro-Endokrino-Immunologie und ihrer Bedeutung für die Umweltmedizin.

Die Teilnehmer stellten mit großer Sorge die Zunahme chronischer Multi-System-Erkrankungen (CMI) fest, zu denen neben den Krankheitsbildern Multiple Chemikalien Sensitivität (MCS), Chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS) und Fibromyalgie-syndrom (FMS) auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, metabolisches Syndrom, neurodegenerative Krankheiten, die Gruppe der Autoimmunopathien und Krebs, zählen.

Auf dem Kongress konnte in eindrucksvoller Weise unter Beweis gestellt werden, dass diesen chronischen Krankheiten ähnliche Pathomechanismen zu Grunde liegen. Ihnen gemeinsam sind chronische Entzündungsprozesse, die von Umwelteinflüssen chemischer (Schadstoffe), biologischer (z.B. Infektionserreger) und physikalischer (z.B. elektromagnetische Felder EMF) Art ausgelöst werden.

Chronische Erkrankungen bedingen Langzeitpatienten, deren medizinische Betreuung immer höhere Kosten verursacht. Dies führt häufig dazu, dass Betroffene sozial ausgegrenzt werden.

Vor dem erschreckenden Hintergrund der aus allen Ländern Europas gemeldeten wachsenden finanziellen Engpässe, insbesondere im öffentlichen Gesundheits-wesen, muss eine weitere Zunahme der chronischen Erkrankungen den bereits im Gang befindlichen Kollaps der nationalen Gesundheitsdienste und der Krankenversicherungen in Europa beschleunigen. Abhilfe verspricht hier nur ein Wechsel der Prioritäten von einer heute zu einseitig symptomatisch ausgerichteten Medizin hin zur kausal ausgerichteten kostensparenden Primärprävention.

Die Kongressteilnehmer richten einen dringlichen Appell an die Europäischen Umwelt- und Gesundheitsminister, an die Europäische Kommission, an die Europäischen Parlamentarier, an die nationalen Regierungen sowie an die Vorstände der Sozial- und Privatversicherungen, diesen Erkenntnissen und Entwicklungen die unverzichtbare Beachtung zu schenken. Dies bedeutet mehr Gewichtung und finanzielle Investitionen in Primärprävention, Vorsorge und möglichst frühzeitige Erkennung und Diagnostik dieser chronischen, letztlich Umwelt assoziierten Krankheiten zu tätigen.

Dies bedeutet generell auch auf europäischer Ebene eine uneingeschränkte Wahrnehmung der Forschungsergebnisse der praktizierenden Umweltmedizin und ihre Integration in die universitäre Forschung und Lehre. Die Europäischen Regierungen werden aufgefordert, die ratifizierten Beschlüsse der 4. Ministeriellen Konferenz der Umwelt- und Gesundheitsminister in Budapest, 2004, endlich in die Tat umzusetzen.

Dieser Appell wurde einstimmig vom Plenum des Kongresses angenommen.

Würzburg, den 25.April 2010

Für den Vorstand von EUROPAEM

Jean Huss, Vice-Chairman

Dr. Kurt E. Müller, Chairman

Dr. Peter Ohnsorge,  Managing Chairman

Dr. Hans-Peter Donate, Pressesprecher, ViSdP

Sind die Erkenntnisse von Paracelsus noch State of the Art im 21. Jahrhundert?

Die Toxikologie basiert auf der Dosis-Wirkungs-Definition des Paracelsus anno domini 1426: „die Dosis macht das Gift“. Dies war ein wichtiger Schritt von der Mystik zur exakten Wissenschaft.

Zur Zeit des Paracelsus war hauptsächlich die tödliche Wirkung interessant. Die Wirkung ließ sich also stets ohne Gutachterstreit feststellen. Außerdem ist die Wirkung zeitnah zur Dosisverabreichung gedacht. Die Dosis-Wirkungs-Definition ist also akut und eindeutig.

Nach Paracelsus ist die Dosis allein Ursache der Erkrankung. Das ist bei akuttoxischen Vergiftungen auch der Fall. Chronische Erkrankungen durch Langzeit-Niedrigdosis-Belastung mit Gemischen lassen sich aber weder aus einzelnen Dosen oder aus Dosissummen verstehen. Deswegen wurde die Website in Informationen über Einzelschadstoffe und den Komplex Chronische Erkrankungen durch chronische Intoxikation getrennt.

Heute

Die Fach- sowie die Laiendiskussion um die Wirkung niedriger Konzentrationen über lange Zeiträume ist geprägt durch den Glauben, solchen Wirkungen seien rätselhaft, soweit man überhaupt von einer toxischen Wirkung sprechen könne.

Symptomvielfalt – Symptommuster

„Wenn ein Patient mit mehr als vier Symptomen zu Ihnen kommt, dann schicken Sie ihn zum Psychiater!“, nach dieser Devise wurde Prof. Heuser, Los Angeles, heute einer der bekanntesten Umweltmediziner, ausgebildet.

Die Definitionen etwa der toxischen Enzephalopathie oder gar des Sick-Building-Syndroms enthalten mehr als zwanzig Symptome, obwohl die WHO sichtlich bemüht war, nur die wichtigsten Hauptsymptome in die Liste aufzunehmen. Gifte erzeugen nur unspezifische Symptome, diese aber in großer Menge. Typisch sind bestimmte Symptommuster. Diese helfen bei der Definition der Erkrankungen und auch bei der Eruierung der Ursache. Letzteres funktioniert sogar bei Gemischen, wie die Golfkriegs-Veteranenstudie bewiesen hat.

Oft müssen Kranke erleben, die einem Bekannten, ja sogar ihrem Hausarzt ihre Beschwerden erläutern, dass sie spontan zur Antwort bekommen: „Das habe ich auch, ha, ha!“ Es sind eben Allerweltssymptome, die jedes für sich genommen auch eine andere Ursache haben kann. Sie vergehen aber nicht und treten massiv gleichzeitig auf. Der Betroffene ist ernsthaft behindert, teilweise oder ganz arbeitsunfähig und im Endstadium nicht mehr ohne fremde Hilfe lebensfähig.

Zeiträume – akut, subakut (subchronisch), chronisch

Bei langen Zeiträumen fällt die Zuordnung schwer. Doch längst ist es üblich, Untersuchungen in akut, subakut (subchronisch) und chronisch zu unterscheiden (subakut bezieht sich auf die Dosis und subchronisch auf den Zeitraum). Besondere Anforderung stellt dabei die Bestimmung der chronischen Wirkdosis. Sie muss nämlich die Forderung erfüllen, die Wirkschwelle bei lebenslanger Exposition darzustellen. Außerdem ist eine solche Versuchsanordnung auch sehr aufwendig.

Hilfsweise hat das Umweltbundesamt vorgeschlagen, die Wirkschwellen verschiedener zeitlicher Qualität auseinander abzuschätzen: einen Faktor 10 für akut/subakut und entsprechend für subchronisch/chronisch. Es gibt aber Beispiele, dass die akute und die chronische Wirkschwelle deutlich weiter als zwei Zehnerpotenzen auseinanderliegen.

Stoffe ubiquitär – Wirkungen auch

Mit dem Jahr 1987 erfolgte die Anerkennung der Tatsache, dass ubiquitäre Stoffe sich so weit in der Umwelt anreichern können, dass die chronische Wirkschwelle erreicht wird. Der Sachverständigenbeirat für Umweltfragen nannte Dioxine, Furane, „einige Pestizide“, PCB, Cadmium, Blei und Nitrat im Trinkwasser. Mit Pestiziden sind vor allem die Organophosphate, Lindan und DDT gemeint.

1987 waren die wichtigsten Umweltkrankheiten wie toxische Enzephalopathie (TE), toxische Polyneuropathie (TPNP), Sick-Building-Syndrom (SBS) und die chemische Sensitivität (MCS) definiert.

Ursache und Wirkung sind ubiquitär verbreitet.

Vorkommen Allergien, MCS

Die Verbreitung war schon weit fortgeschritten: Allergien 30%, MCS 15%. Akute Fälle sind selten, chronische Vergiftungen dagegen sind zahlreich.

Wirkschwelle

Wie stelle ich eine Wirkschwelle bei dreißig und mehr Symptomen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftreten, fest? Dazu gibt es das Konzept der Unterscheidung adaptiver und adverser Reaktionen. Soweit hier Laborparameter helfen können, so liegt die Grenze bei der Überschreitung der Referenzwerte.

Soweit diese nicht zur Verfügung stehen, kommt es zu sehr unterschiedlichen Bewertungen. Was etwa die WHO toxische Enzephalopathie, Schweregrad 1, nennt, nennen andere Befindlichkeitsstörungen. Wenn etwa erhöhte Reizbarkeit, Störung bei der Planausführung, Konzentrations- und Merkschwäche gleichzeitig auftreten, so ist die Zusammenarbeit doch schon deutlich behindert. Dieser Zustand ist advers – etwa: toxische Enzephalopathie Schweregrad I.

Komplexität

Die reale Situation wird noch dadurch kompliziert, dass es sich immer um die Wirkung von Gemischen handelt. Aber auch einige besondere Stoffe sind in der Lage, fast jede beliebige Störung im Organismus hervorzurufen: „Dioxin does everything.“, sagte der bekannte amerikanische Toxikologe Safe. Die Bewertung der Dioxine umfasst auch eine 2500-seitige Dokumentation und die Grundfrage bei den Dioxinen war auch nicht, was sie bewirken, sondern welche Wirkweise bei der geringsten Dosis auftritt.

Toxikologische Daten reichen nicht

So etwas kann man mit Hilfe von toxikologischen Daten, gar noch aus dem Tierversuch, nicht mehr bewerten. Die toxikologischen Daten sind Hilfsdaten, unterschätzen aber in der Regel die Wirkschwelle. Sie müssen ergänzt und kombiniert werden mit den Erkenntnissen der Umweltmedizin, respektive der funktionellen Medizin.

Diese Erkenntnis führte auch beim Autor zu der Entscheidung, gutachterliche Arbeit von der Toxikologie auf die Umweltmedizin auszudehnen.

Kausalitätsnachweise

Nachweise zur Kausalität zu erbringen ist grundsätzlich schwieriger als der Nachweis von Ursache und Wirkung im wissenschaftlichen Sinn, denn die Juristen verlangen die Beschränkung nach dem anerkannten Stand der Wissenschaft.

Anerkennungsprozesse dauern einige Zeit. Der Stand der Wissenschaft ist folglich veraltetes Wissen. Dies übersehen Wissenschaftler in der Regel, so dass ihr gutachterlicher Vortag fehl geht. Da der anerkannte Stand der Wissenschaft für die Kausalitätsnachweise zu 90% der Fälle aus den 80er Jahren stammt, kann auch der juristische Nachweis geführt werden.

Autor: Dr. Tino Merz, Gutachter für Umweltfragen

Weitere Artikel von Dr. Merz:

Weiterführende Informationen:

CFS Therapie: Aktuelle Forschungsergebnisse bestätigen die Hypothese von Martin Pall

Pilotstudie mit Supplementen zur Reduzierung freier Radikale zeigt eine Besserung des therapieresistenten CFS

Viele Forscher haben nach wirksamen Therapien für das chronische Erschöpfungssyndrom (CFS) und für die multiple Chemikaliensensitivität (MCS) gesucht. Martin Pall, Ph.D., Professor Emeritus für Biochemie und Medizin-wissenschaft an der Washington State University und Autor von „Explaining, Unexplained Illnesses“ ist der Erste, der eine überzeigende Ursache und Behandlungsmethode vorschlägt. Pall, der im Jahr 1997 selbst schwer von CFS betroffen war und sich innerhalb von 18 Monaten vollständig davon erholen konnte, widmet seine Arbeit dem Verständnis und der Behandlung dieser Krankheiten.

Pall entdeckte, dass abnorme Konzentrationen von Stickoxid (NO) sowie hohe Konzentrationen an Peroxynitrit (ONOO) und Superoxid diese Multisystem-Erkrankungen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Symptome aktivieren. Sein grundlegender Ansatz: die Verringerung der mit NO in Zusammenhang stehenden Aktivität freier Radikale.

Nach der Theorie von Pall initiiert ein bekannter Stressor die hohe NO- und ONOO-Werte, häufig sind das Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien, ein physisches Trauma, die Exposition gegenüber Pestiziden (einschließlich Organophoshaten und Carbamaten), Lösungsmitteln oder starker psychischer Stress. Weitere Stressoren können die Belastung mit Bioziden und Organochlorpestiziden, parasitäre Infektionen wie Toxoplasmose, Vergiftungen durch Ciguatoxin, Kohlenmonoxid oder Thiomersal sein. Nach dem aktuellen Stressereignis ist der Körper nicht mehr in der Lage, sich zu erholen und verbleibt in einem Zustand, der durch die chronisch erhöhte Aktivität freier Radikale gekennzeichnet ist.

In der vorliegenden Studie wurden neun Patienten mit therapieresistentem CSF über einen Zeitraum von acht Wochen untersucht. Hierzu wurde „The Medical Outcomes Survey Short Form-36“ verwendet. Dies ist ein gut validiertes psychometrisches und in der Bewertung von chronischem Erschöpfungssyndrom/ Myalgische Enzephalomyelitis (CFS/ME) empfohlenes Instrument, da es die körperliche und soziale Aktivität, Vitalität, körperliche Schmerzen, körperliche und mentale Verfassung und Wahrnehmung der allgemeinen Gesundheit protokolliert. Die Multi-Item Skalen wurden gewichtet, aufsummiert, standardisiert und transformiert, um Score-Indices zu ermöglichen, nämlich den Physical Component Score (PCS; körperliche Komponente) und den Mental Component Score (MCS; geistige Komponente).

Vier Nahrungsergänzungsmittel mit einer Reihe von Vitalstoffen, von denen jeder einzelne nachweislich die NO/ONOO- und Superoxid-Aktivität beeinflussen kann, wurden einer Gruppe von neuen Patienten mit CFS/MCS für einen Zeitraum von acht Wochen verabreicht. Die Daten wurden mit der SF-36 am Anfang, nach einem Monat und am Ende des Ergänzungszeitraumes erhoben.

Nachdem Martin Pall die unaufbereiteten Daten hinsichtlich körperlicher und geistiger Erschöpfung gezeigt worden waren, führte dieser eine inferentielle statistische Analyse zur Signifikanz mit einem gepaarten T-Test durch, bei dem die Ergebnisse jedes Patienten zum Zeitpunkt Null, sowie nach vier und acht Wochen analysiert wurden. Je kleiner die Studie ist, desto wichtiger ist die statistische Signifikanz. Hier waren die Ergebnisse für die körperlichen Symptome hoch signifikant: Der p-Wert für den Zeitraum von 0-4 Wochen betrug 0,006, fast zehnmal höher als p=0,5, der Mindestanforderung für eine statistische Signifikanz. Für den Zeitraum von 0-8 Wochen war der p-Wert 0,0149 und 0,482 für 4-8 Wochen. Obwohl auch diese Werte signifikant waren, zeigte sich die stärkste Verbesserung in den ersten vier Wochen der Studie. Zwar war die Verbesserung auch danach statistisch signifikant, aber sie war nicht mehr so dramatisch. Bei den mentalen Tests gab es keine signifikanten Ergebnisse; vielleicht deshalb, weil die Tests, die für die psychischen Symptome benutzt wurden, nicht besonders aufschlussreich waren.

Die deutlichen Ergebnisse aus dieser kleinen Studie sind ein überzeugender Hinweis dafür, dass Dr. Palls Hypothese und die empfohlenen Nährstoffkombinationen zur Reduzierung der NO/ONOO- und Superoxid-Aktivität bei CFS/ME sehr nützlich sind.

Literatur:

Allergy Research Group, Aktuelle Forschungsergebnisse bestätigen die Hypothese von Martin Pall, Oktober 2009. Deutscher Sonderdruck.

Danke – CSN dankt der Allergy Research Group für die freundliche Erlaubnis den Artikel publizieren zu dürfen.

Weitere Artikel zur Arbeit von Prof.Dr. Martin Pall:

Bundesgesetzblatt teilt mit, die Bezeichnung „Somatisierungssyndrom“ für MCS in der Versorgungsmedizin-Verordnung fällt weg

Beschwerde eines Betroffenenverbandes war erfolgreich

Ende 2008 legte eine MCS-Organisation Beschwerde beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales ein. (1) Die Organisation empfand es als Diskriminierung, dass in den ärztlichen Gutachterleitlinien im sozialen Entschädigungsrecht und Schwerbehin-dertenrecht ein Passus über die Umweltkrankheiten MCS, CFS und FMS stand, der diese Erkrankungen als „Somatisierungssyndrome“ titulierte.

Eine Änderung wurde als dringlich angesehen, denn ohne die Versorgungsmedizin-ischen Grundsätze (VMG) – Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit im Sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertenrecht (AHP) – sind Verfahren im Schwerbehindertenrecht und im sozialen Entschädigungsrecht nicht zu betreiben. Steht dort Nachteiliges, kann dies zu Fehlbewertungen führen und Auswirkungen auf Verfahren haben. Letztendlich können dadurch auch Prozesse verloren gehen.

Der Beschwerde von Betroffenenverbänden wurde stattgegeben, das konnte seit Kurzem bereits bei U.Wendler gelesen werden. (2) Der Bundesrat hat der Änderung in der Versorgungsmedizin-Verordnung zugestimmt. (5) Eine rechtsgültige Änderung des besagten Passus trat laut Bundesgesetzblatt am 1. März 2010 in Kraft, die diskriminierend empfundene Bezeichnung fällt weg. (3)

Das Ministerium reagierte auf Beschwerde

Frau Dr. Christa Rieck vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales teilte der MCS Patienten-Initiative gegen Diskriminierung am 21.November 2008, als Antwort auf deren Beschwerde, mit, dass wie schon im Schreiben des Parlamentarischen Staatssekretärs Herr Thönnes angekündigt, die Sachverständigen empfohlen hätten, den Satz:

“Die Fibromyalgie und ähnliche Somatisierungssyndrome (z.B. CFS/MCS) sind jeweils im Einzelfall entsprechen der funktionellen Auswirkungen analog zu beurteilen.” durch “Die Fibromyalgie, Chronisches Fatigue Syndrom (CFS), Multiple Chemical Sensitivity (MCS) und ähnliche Syndrome sind jeweils entsprechen der funktionellen Auswirkungen analog zu beurteilen.” zu ersetzen. (4)

Bundesgesetzblatt: Änderung im März 2010 in Kraft getreten

Rund eineinhalb Jahre nach der zugrundeliegenden Beschwerde des Betroffenen-verbandes und der Zusage des Ministeriums, dass eine Änderung erfolgen werde, steht im Bundesgesetzblatt Jahrgang 2010, Teil 10, erschienen am 9. März 2010: (3)

Erste Verordnung zur Änderung der Versorgungsmedizin-Verordnung

vom 1. März 2010

Auf Grund des § 30 Absatz 17 des Bundesversorgungsgesetzes, der durch Artikel 1 Nummer 32 Buchstabe i des Gesetzes vom 13. Dezember 2007 (BGBl. I

S. 2904) eingefügt worden ist, verordnet das Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Einvernehmen mit dem Bundesministerium der Verteidigung:

Artikel 1

Änderung der Versorgungsmedizin-Verordnung

Die Anlage zu § 2 der Versorgungsmedizin-Verordnung vom 10. Dezember 2008 (BGBl. I S. 2412) wird wie folgt geändert:

2. Teil B wird wie folgt geändert:…

d) In Nummer 18.4 werden die Wörter „Die Fibromyalgie und ähnliche Somatisierungs-Syndrome (zum Beispiel CFS/MCS)“ durch die Wörter „Die Fibromyalgie, das Chronische Fatigue Syndrom (CFS), die Multiple Chemical Sensitivity (MCS) und ähnliche Syndrome“ ersetzt.

Artikel 2

Inkrafttreten

Diese Verordnung tritt am Tag nach der Verkündung in Kraft.

Der Bundesrat hat zugestimmt.

Berlin, den 1. März 2010

Die Bundesministerin für Arbeit und Soziales

U r s u l a v o n d e r L e y e n

Bedeutung für MCS-Kranke

Durch die Einstufung von MCS als körperlich bedingte Krankheit und das am 1. März 2010 rechtsverbindliche Inkrafttreten der neuen Formulierung in der Versorgungsmedizin-Verordnung, als auch der Einklassifizierung von MCS als körperlich bedingte Krankheit im ICD-10, haben MCS-Kranke endlich alles in der Hand, ihre Krankheit auf Antrag als körperlich bedingte  Behinderung anerkannt zu bekommen. Dies dürfte die unseligen Vorgehensweisen, MCS-Kranke fälschlich-erweise zu psychiatrisieren, nun endgültig stoppen, bzw. MCS-Kranken helfen, gegen weiterhin fehlerhaft vorgehende Gutachter, Ärzte und Selbsthilfegruppen adäquate Massnahmen zu ergreifen

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 24. März 2010

Literatur:

  1. Schreiben MCS Patienten-Initiative gegen Diskriminierung an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales vom 29.09.2008
  2. Versorgungsmedizinische Grundsätze Anhaltspunkte, „Für 2010 geplante Änderungen“, U. Wendler, 2010
  3. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2010, Teil 10, Änderungen, ausgegeben 9. März 2010
  4. Antwort Bundesministerium für Arbeit und Soziales an MCS Patienten-Initiative gegen Diskriminierung, Bonn, 21.November 2008
  5. Bundesrat, Drucksache 891/09, Erste Verordnung zur Äbnderung der Versorgungsmedizin-Verordnung, 18.12.2009

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Pestizide: Pyrethroide bereiten neue Sorgen

Von Blumen abgeleitet, aber nicht harmlos: Pyrethroide geben erneut Anlass zu Sorgen

Von Blumen abgeleitete Chemikalien mag harmlos klingen, aber die jüngste Forschung gibt Anlass, sich wegen Stoffen, die nach dem Vorbild von Chrysanthemen synthetisiert wurden und die in nahezu jeden Haushaltspestizid vorkommen, Sorgen zu machen.

Seit mindestens einem Jahrzehnt waren Pyrethroide für Verbraucher das Insektizid der Wahl, sie ersetzen Organophosphat-Pestizide, die für Mensch und Tier sehr viel giftiger sind. Doch die Hinweise verdichten sich, dass der Wechsel zu Pyrethroiden eine Reihe neuer ökologischer und gesundheitlicher Risiken mit sich brachte.

Nach einer im Februar 2010 veröffentlichten Studie waren in den Vereinigten Staaten rund 70 Prozent der Bevölkerung Pyrethroiden ausgesetzt, die höchste Belastung betraf Kinder. Obwohl die Gesundheitsgefahren für Menschen unbekannt sind, weisen Tierversuche auf eine Schädigung des Nerven- und Immunsystems sowie der Fortpflanzung hin.

Zusätzlich fließen Pyrethroide über Höfe und Gärten ab und verseuchen viele Bäche und Flüsse mit Konzentrationen, welche Kleinlebewesen töten können und die für das Überleben von Fischen und anderen Wasserbewohnern unverzichtbar sind. Sowohl Kalifornien als auch die Amerikanische Umweltschutzbehörde [EPA] unterziehen diese Chemikalien aufgrund von Sicherheitsbedenken einer erneuten Überprüfung.

„Pyrethroide sind selbstverständlich eine sicherere Alternative zu Organophosphaten, aber nur weil sie sicherer sind, heißt das nicht, dass sie sicher sind“, sagt Dana Boyd Barr, Forscherin und Professorin für Umweltmedizin an der Emory University’s Rollins School of Public Health in Atlanta, Georgia. Barr ist die Autorin einer Studien, die zum ersten Mal Daten zur Pyrethroid-Belastung der US-Bevölkerung erhoben hat.

Pyrethroide sind in über 3.500 Erzeugnissen zu finden und werden in Wohnungen, auf Feldfrüchte, in Höfen und Gärten angewendet – beispielsweise handelt es sich um Antiläuse-Shampoos, Innenraum-Vernebler [z.B. f. Zierbrunnen], Sprays gegen Läuse für Haustiere und Bekämpfungsmittel gegen Ameisen, Wespen, Moskitos, Blattläuse und Spinnen. Die Verbraucher können Pyrethroide in Produkten identifizieren, indem sie die Etiketten auf Inhaltstoffe überprüfen, die mit „thrin“ aufhören, wie etwa Bifenthrin, Permethrin und Cypermethrin.

Diese Stoffe sind synthetische Versionen natürlich vorkommender Insektizide, sogenannter Pyrethrine, die man aus Chrysanthemen gewinnt. Chemiker haben die Struktur des Pyrethrin-Moleküls verändert, um die Sonnenbeständigkeit und die Toxizität zu erhöhen. Diese Chemikalien töten Insekten, indem sie grundlegende Nervenfunktionen stören. Insekten und andere Wirbellose reagieren hochempfindlich auf sie, während Vögel und Säugetiere besser in der Lage sind, ihre Wirkung zu bewältigen.

In den neuen Studien wurden 5.046 zwischen 1999 und 2002 gesammelte Urinproben von US-Amerikanischen Erwachsenen und Kindern auf fünf Metabolite von Pyrethroid-Insektiziden untersucht. Metabolite enstehen, wenn der Körper Chemikalien abbaut.

Bei 75 Prozent der Testpersonen von 2001 bis 2002 wurden Spuren von mindestens einem Pyrethroid-Metaboliten gefunden, eine Zunahme bzgl. der 66 Prozent von 1999 bis 2000. Nach der Studie von Barr und Kollegen die am 03. Februar 2010 von Environmental Health Perspectives online veröffentlicht wurde, waren die Konzentrationen bei Kindern über 50 Prozent höher als die bei Adoleszenten und Erwachsenen gefundenen Werte.

Kinder sind Pyrethroiden stärker ausgesetzt weil „sie sehr viel mehr Zeit auf dem Boden herum kriechen und öfter zwischen Hand und Mund interagieren“, so Frau Prof. Barr. „Pyrethroide sammeln sich hauptsächlich im Staub oder auf großen Oberflächen in Wohnungen an, da sie nicht leicht in die Luft verdampfen. Eine Studie von 2008 wies Pyrethroide und deren Metaboliten im angesammelten Staub von Staubsaugern nach, der aus Heimen und Kindertagesstätten in Nord-Carolina und Ohio stammte.

Zusätzlich zum Inhalieren und Aufnehmen von Pyrethroiden, die in Haushalten überdauern, nehmen Menschen Spuren von Pyrethroiden durch ihre Nahrung zu sich, da die Chemikalien auf manches Gemüse, auf Früchte und auf die Getreideernte angewendet werden.

Eine Auswertung der EPA von 2006 ergab, dass die Gefahr einer Belastung durch die Ernährungsweise für die meisten Menschen auf oder unter dem als bedenklich erachtenden Level lag. Aber die Studie kam auch zu dem Schluss, dass Säuglinge und Kleinkinder durch manche Nahrungsmittel hoch belastet werden, besonders durch Bananen, Ananas und Babynahrung aus Hafer (dried-oat).

„Nachdem wir wissen, dass Menschen in großem Maße Pyrethroiden ausgesetzt sind, müssen wir die genauen Gesundheitsfolgen heraus bekommen“, sagt Barr.

Bis jetzt gibt es nicht viele wissenschaftliche Daten, die etwas über eine mögliche Gefährdung der menschlichen Gesundheit aussagen.

Studien mit Labortieren brachten eine Pyrethroid-Belastung mit Schädigungen von Schilddrüse, Leber und Nervensystem, aber auch mit Beeinträchtigung der Verhaltensentwicklung, Veränderungen im Immunsystem und Störung der Fortpflanzungshormone in Zusammenhang, wie die Auswertung der EPA ergab. Diese Tierstudien sind für die Gesundheit des Menschen von Bedeutung, weil Pyrethroide auf Funktionen des Nervensystems bei allen Tieren gleichermaßen einwirken, wie die EPA hervorhebt.

Einige Pyrethroide simulieren das Hormon Östrogen und können Östrogenwerte in Brustkrebszellen erhöhen, und manche stehen im Verdacht, krebserzeugend zu sein. Andere Daten legen nahe, dass Menschen, die diese Chemikalien anwenden, dem Risiko sich verschlimmernder Allergien oder Asthma ausgesetzt sind, obwohl die EPA im letzten Jahr zu dem Schluss kam, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang gibt.

Die Hersteller von Pestiziden erzählen, dass Pyrethroide sicher sind und dass sie für die Landwirtschaft und für die Bekämpfung von Moskitos, die das West-Nil-Fieber und andere Krankheiten übertragen, unverzichtbar sind.

„Pyrethroide sind eine extrem wichtige Kategorie von Insektenvernichtungsmitteln, die hauptsächlich für die Öffentliche Gesundheit und in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen“, so Rex Runyon, ein stellvertretender Vorsitzender von CropLife America, einer Handelsgruppe die Pestizid-Hersteller vertritt, in einer Email. Runyon ergänzt, dass Pyrethroide „keine unzumutbaren Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit des Menschen ausüben“, wenn sie die Anweisungen auf den Etiketten befolgend eingesetzt werden.

Obwohl wenige Daten zu gesundheitlichen Bedenken vorhanden sind, verdichten sich die Hinweise, dass Pyrethroide das Ökosystem der Gewässer schädigen könnten. Studien zu Bächen und Flüssen in Kalifornien, Texas, Illnois legen nahe, dass Pestizide möglicherweise kleine Organismen vernichten, die in den Gewässern leben und die Grundlage der Nahrungskette bilden.

Zusätzlich haben einigen Studien gezeigt, dass Pyrethroide sich auf das Wachstum und die Fortpflanzung von Süßwasserfischen auswirken können.

Eine Studie von 2009 wies Pestizide in Ablagerungen städtischer Wasserläufe in Zentral-Texas nach, wo diese weit verbreitet eingesetzt werden, den Befall von Feuerameisen und Engerlingen zu beherrschen. Für ein kleines Shrimp-ähnliches Schalentier namens Hyalella Azteca sind die Konzentrationen tödlich, eine Tierart, die in Laboren am häufigsten benutzt wird, um die Wirkung von Pestiziden auf für gesunde Flüsse erforderliche Wirbellose zu untersuchen.

„Alle unsere Messstellen waren in nächster Nachbarschaft bewirtschafteter Grünflächen“, sagte Jason Belden, ein Zoologe der Oklahoma State University und Autor einer in der Zeitschrift „Environment Pollution“ veröffentlichten Studie. „Viele Leute folgen nicht den besten Bewirtschaftungsregeln. Sie sind im Umgang mit Pestiziden nicht vorsichtig genug. Wir müssen uns alle dafür einsetzen, Pestizide nur dann anzuwenden, wenn wir sie brauchen.“

Pyrethroide machen nicht nur in Sedimenten, sondern auch in der Strömung Kalifornischer Flüsse in Konzentrationen auf sich aufmerksam, die für Insekten und wasserlebende Wirbellose, die Fischen und anderen Tieren als Nahrung dienen, tödlich sind.

Der Biologe Donald Weston von der University of California, Berkeley, suchte in städtischen Regenwasserabflüssen, in Abflüssen von Kläranlagen und in landwirtschaftlichen Drainagen im Kalifornischen Sacramento – San Joaquin River Delta nach Insektiziden. Im Labor prüfte Weston die Giftigkeit dieser Proben mit dem Shrimp-ähnlichen Hyalella Azteca.

„Praktisch jeder Tropfen der Abflüsse städtischer Gemeinden war aufgrund von Pyrethroiden für Hyalella giftig“, sagte Weston.

Weston und seine Team dokumentierten zum aller ersten Mal Pyrethroide im Wasser, das aus Kläranlagen kommt, was überraschte.

„Über die Hälfte der Abwasserbehandlungsanlagen, die wir beprobten, waren giftig“, berichtete Weston. „Die meisten Leute hätten nicht erwartet, dass Pyrethroide die Anlage passieren. Die Leute denken, sie würden von Schlick auf dem Boden eingefangen – und vermutlich werden dies einige – aber es verbleiben genug, welche die Anlage durchlaufen und das abfließende Wasser vergiften.“

Entwässerungen in der Landwirtschaft waren nach der im Februar 2010 in „Environmental Science and Technology“ veröffentlichten Studie hingegen nur eine gelegentliche Quelle von Pyrethroiden.

„Wenn man von ‚Pestiziden‘ spricht, nehme ich an, dass der Durchschnittsmensch auf der Straße dazu tendiert, an Landwirtschaft zu denken“, sagt Weston. „Sie neigen nicht dazu, Siedlungen in den Vorstädten in Betracht zu ziehen, dabei entpuppten sich die Vorstadt-Siedlungen als eine anhaltende Quelle von Pyrethroid verursachter Giftigkeit.“

Die Studie wies in zwei städtischen Bächen und in einem 30 Kilometer langen Abschnitt des American River Toxizität nach, der für den saubersten Fluss des Deltagebietes gehalten wird.

„Das Wasser ist völlig klar – so klar, als ob es aus der Mischbatterie in Ihrem Badezimmers käme“, sagte Weston. „Aber die letzten 50 oder 60 Kilometer des Flusses sind, wenn man immer tiefer in Sacramento hinein fährt, sehr urban besiedelt. Alle diese Gemeinden leiten ihr Regenwasser in den American River, und das ist genug, um Toxizität hervorzurufen.“

Weston bekundete, der Nachweis der Chemikalie im Wasser selbst – nicht nur in den Sedimenten – ist bedenklich.

„Pyrethroide sind sehr anhaftend und lassen sich nicht in Wasser auflösen, darum finden sich die meisten in den Ablagerungen“, sagt Weston. „Aber es bedarf davon derart wenig im Wasser, um [für Hyalella Azteca] giftig zu sein – nur zwei Teile pro Billion [2 ppt oder 0.002 ppb – z.Vgl. Grenzwert in DE 0.1 ppb pro Pestizid] Der Staat Kalifornien weiß nun, dass man sich nicht nur wegen Sedimentpartikeln Sorgen machen muss, man muss sich um das Wasser ebenfalls sorgen. Und das Wasser bewegt sich viel schneller flussabwärts.“

Die Toxizitätswerte, die Weston feststellte, waren mehr als hoch genug, um eine ganze Menge Insekten und andere Wirbellose zu töten, die für eine gesunde Flussökologie erforderlich sind. Die Forscher haben nicht dokumentiert, dass in den Flüssen Lebewesen starben. Wenn aber die Wasser- und Sedimentproben im Labor für das Schalentier giftig sind, ist es ein Hinweis, dass sie für ähnliche Lebewesen in den Wasserläufen ebenfalls giftig sein dürften.

„Bodenlebende Wirbellose und Wesen wie Steinfliegen (Plecoptera) und Maifliegen (Ephemeroptera) sind im Wesentlichen das untere Ende der Nahrungskette. Die Sorge besteht darin, ob jene Insektizide diese unterste Stufe, von der die Fische abhängig sind, auslöschen“, sagt Weston. „Das hätte nicht nur ökologische Folgen, sondern auch Folgen für Erholung und Wirtschaft.“ Weston fährt fort, dass die Werte in den Flüssen „nicht hoch genug sind, um für einen Fisch giftig zu sein, aber der Fisch sollte natürlich etwas zu fressen haben“.

Als Antwort auf die Besorgnis wegen der Toxizität fing Kaliforniens Department of Pesticide Regulation 2006 damit an, die Richtlinien für Pyrethroide erneut zu prüfen. Der Staat forderte von den Herstellern zusätzliche Daten über die Sicherheit von Pyrethroiden und untersucht mindestens 700 Produkte, die in Haushalten und landwirtschaftlichen Betrieben verwendet werden.

Als diese Übersicht erstellt wurde, erzählte Mary-Ann Warmerdam, Leiterin der staatlichen Pestizid-Behörde der Los Angeles Times, dass die Bestandsaufnahme des Staates „ein Schuss vor den Bug der Hersteller ist, da wir Gründe haben, uns Sorgen zu machen, und Ihr (die Hersteller) müsst uns die Daten liefern, um entweder die Bedenken auszuräumen, die Produkte zu verändern oder deren Entfernung aus dem Markt in Betracht zu ziehen“.

Weston sagte, Kalifornien möchte nicht zum Einsatz von Organophosphaten wie Chlorpyrifos zurück kehren, die wegen gesundheitlicher Bedenken für den Gebrauch in Haushalten verboten wurden, „aber man möchte den Einsatz von Pyrethroiden kontrollieren, um jene Auswirkungen auf die Umwelt zu minimieren, die wir dokumentieren“.

„Der Staat Kalifornien kann ein Produkt auf Grundlage des Ergebnisses der neuerlichen Überprüfung verbieten“, sagte Weston, „aber ich denke nicht, dass jemand erwartet, dies würde geschehen. Eher wird es weitere Bestimmungen bezüglich der Anwendung von Pyrethroiden geben“.

Auch die EPA unterzieht Pyrethroide im Rahmen ihrer Pestizid-Prüfung für 2010 dieses Jahr einer erneuten Überprüfung. Die EPA überprüft turnusmäßig alle 15 Jahre alle zugelassenen Pestizide. Zu den möglichen Konsequenzen gehört das Verbot von Pyrethroiden in bestimmten Gebieten, die Verschärfung der Bestimmungen oder keine Änderung der Vorschriften. Das Verfahren der EPA wird jedoch weitere sechs bis acht Jahre in Anspruch nehmen.

Außerdem hat in einigen Gegenden ein Insektizid namens Fipronil Pyrethroide bei Einsatz gegen Termiten und Ameisenbefall teilweise verdrängt. Wie Pyrethroide ist Fipronil für Vögel und Säugetiere weniger giftig als andere Insektizide, kann aber immer noch Kleinlebewesen im Wasser umbringen. Mittlerweile gibt es für die Verbraucher einige Alternativen. Barr empfiehlt Produkte, die aus Gemüse und Kräutern extrahiert wurden oder Chrysanthemen um den Garten herum zu pflanzen. Jene natürlichen Pyrethrine, die man im Chrysanthemum Plantsdo fand, sind in der Umwelt nicht so beständig, wie es die synthetischen Varianten sind. Eine andere Möglichkeit, Schädlinge abzutöten, bietet Borsäure.

Weston sagt, die Lösung besteht nicht darin, zu einer anderen Chemikalie zu wechseln. Er glaubt, die Menschen müssen ihren Gebrauch von Pestiziden grundlegend ändern. Viele Leute wenden in ihren Höfen und Gärten dermaßen viel an, dass die Chemikalien in die Wasserläufe geraten.

„Ich denke, es ist ein guter Gedanke, die Belastung durch jegliche Pestizide zu minimieren, nicht nur wegen dem, was wir wissen, sondern wegen dem, was wir nicht wissen“, sagte Weston. „Ich denke nicht, dass viele dieser Produkte nötig sind. Je weniger man sie anwendet, um so besser.“

Originalartikel: Ferris Jabr, Pyrethroides rise concern EHN – Environmental Health News, 26. Feb. 2010

Vielen Dank an Environmental Health News für die freundliche Erlaubnis den Artikel übersetzen und publizieren zu dürfen.

Übersetzung: Vielen Dank an BrunO

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