Hörschäden durch Pestizide bei Kindern und Erwachsenen festgestellt

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Schwerhörig durch Pestizide. Vergiften Bauern ihre eigenen Kinder?

Pestizide werden weltweit im privaten, öffentlichen und landwirtschaftlichen Bereich zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Sie können jedoch bei Menschen je nach Art des Wirkmechanismus schwere Gesundheitsschäden verursachen. Meist liegen diese Schädigungen im Bereich des Immun- und Nervensystems.
Wissenschaftliche Studien aus verschiedenen Ländern haben bestätigt, dass Pestizide das menschliche Gehör bis zu völliger Taubheit schädigen können. In erster Linie betroffen sind Arbeiter in der Industrie und im Agrarbereich, die häufigen Umgang mit diesen Pestiziden haben, bedenklicherweise aber leider auch die Kinder von Bauern, wie eine Studie der Harvard Universität herausfand. (1)

Dass bestimmte Chemikalien Hörschäden und Hörverlust auslösen können, ist bekannt und beschäftigt Wissenschaftler weltweit. (1-13) Eine relativ neue Erkenntnis ist, dass auch Pestizide in der Lage sind, Hörschäden zu verursachen, die sogar bis zu permanentem Hörverlust führen können. (1,3,4,5) Als Ursache für besonders schwerwiegende Schädigungen des Gehörs, wie permanentem Hörverlust, wird die  potenzierende Kombinationswirkung verschiedener Wirkstoffe angenommen.

Pestizide haben ein breites Einsatzgebiet
Am weitesten verbreitet sind die Pestizide der Organophosphatklasse. Sie gelten als besonders wirkungsvoll und werden im privaten, öffentlichen und landwirtschaftlichen Bereich häufig eingesetzt. Dichorvos, Chlorpyrifos und Malathion gehören zu den klassischen Vertretern dieser Pestizidklasse, die über eine relativ hohe Toxizität verfügt. E605 gehört ebenfalls dazu und ist sehr lange als klassisches Suizidmittel bekannt. Der Wirkstoff wurde aus geächteten Kriegskampfstoffen, wie Tabun, Sarin, Saran, abgeleitet.
Man findet Organophosphat- Insektizide für den Hausgebrauch vor allem in Ameisenköderdosen, Mottenstrips, Mückensprays, Flohsprays für Haustiere und Mitteln zur Bekämpfung von Kakerlaken und anderen Schädlingen. Im öffentlichen, sowie im landwirtschaftlichen Bereich, im Obstanbau, auf Plantagen und im Weinbau werden Organophosphate ebenfalls noch immer in großem Umfang angewendet.

Eine weitere Insektizidklasse, die mittlerweile sehr häufig eingesetzt wird, sind die Pyrethroide. Sie sind lang anhaltend wirkende synthetische Abkömmlinge des natürlichen Wirkstoffs Pyrethrum, der aus Chrysanthemen gewonnen wird.

Pestizide schädigen das Gehör
Der Wirkmechanismus der Organophosphate besteht hauptsächlich in der Hemmung eines Enzyms, der Acetylcholinesterase. Diese Hemmung ist irreversibel. Schädigungen durch höhere oder chronische Expositionen treten vor allem im Bereich des Nerven- und Immunsystems auf. Weiterhin wird über Sensibilisierung und darauf folgende Chemikalien-Sensitivität als Begleitsymptomatik berichtet. Durch neuere wissenschaftliche Forschung fand man heraus, dass Organophosphatinsektizide wie auch Pyrethroide für Schäden am Gehör verantwortlich sein können. Auch im Tierversuch konnten pestizidinduzierte Gehörschäden bestätigt werden. (14)

Hörschäden bei Kindern durch Pestizide
Eine Studie der Harvard Universität belegte, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, multiplen Risiken durch Unfälle und Krankheiten durch die Landwirtschaft ausgesetzt sind. Die Studie beschäftigte sich vornehmlich mit Risiken für das Gehör durch Lärm und Chemikalien. Von beidem sind Bauernkinder potentiell umgeben. Es wurde durch das Wissenschaftlerteam Perry und May deren Evidenz in der derzeitigen Literatur beleuchtet. Als Risikofaktoren kristallisierten sich Lärm durch die Landwirtschaftmaschinen und potenziell toxische chemische Expositionen durch Lösemittel und Pestizide heraus, die Alltag auf Bauernhöfen sind. Im Schlusswort ihrer Studie betonen Perry MJ, May JJ, dass die ermittelten Ergebnisse die Notwendigkeit für vermehrte Forschung über das Problem, das bis zu 2 Millionen Kinder alleine in den USA betrifft, illustriert. Die Mediziner forderten als Konsequenz öffentliche und arbeitsmedizinische Lösungen. (1)

Hörverlust durch Organophosphate und Pyrethroide
In zwei Studien untersuchten brasilianische Wissenschaftler in einer kontrollierten Studie eine Gruppe von 98 Arbeitern, die im Rahmen von Ausbringen von Organophosphaten und Pyrethroiden zur Bekämpfung von Überträgern von Gelbfieber und anderen Krankheiten, gegenüber den Pestiziden exponiert waren. Unter den exponierten Personen litten 63.8% unter Hörverlust. In der Gruppe der Arbeiter, die Lärm und Insektiziden ausgesetzt waren, wurde Hörverlust bei 66.7% festgestellt. Die mittlere Expositionszeit, bis sich ein Hörverlust einstellt, betrug 3.4 Jahre für Arbeiter, die beidem ausgesetzt waren. Bei Personen, die nur Insektiziden ausgesetzt waren, betrug der mittlere Expositionszeitraum bis zur Entwicklung eines Hörschadens 7.3 Jahre.
Die Gruppe, die gegenüber Pestiziden und Lärm exponiert war, hatte ein relativ hohes Risiko für zentrale Schädigung, es lag bei 6.5 (95% CI 2.2-20.0) im Vergleich zur Kontrollgruppe und bei 9.8 (95% CI 1.4-64.5) verglichen mit der ausschließlich lärmexponierten Gruppe. Durch diese Ergebnisse schloss die Wissenschaftlergruppe aus Recife, dass Expositionen gegenüber Organophosphatinsektiziden und Pyrethroiden Schädigungen am zentralen audiotorischen System verursachen und dass Lärm die ototoxische Wirkung der Insektizide potenzieren kann (4,6).

In der medizinischen Fachzeitung Laryngoscope stellte ein Wissenschaftlerteam den Fall eines Mannes vor, der eine kombinierte Intoxikation durch ein Organophosphat Kombipräparat; ein Aerosol, das Malathion und Methoxychlor enthielt, ausgesetzt gewesen war. Nach einem leichten Einsetzen von Symptomen und Anzeichen wurde ein beidseitiger und permanenter neurosensorischer Hörverlust und verbleibende periphere Neuropathien der Extremitäten festgestellt. Eine mögliche Potenzierung durch die Kombinationswirkung der beiden Organophosphate, wegen der normalerweise leichten Toxizität von Malathion, wurde von den Wissenschaftlern angenommen. (3)

Lösungsmittel verstärken Wirkung von Pestiziden
Lösemittel, die oft als Vermittler und Wirkungsverstärker in Pestizidzubereitungen zum Einsatz kommen, können ebenfalls ototoxische Wirkung haben. Besonders bei Toluol, Xylol und Aceton wurde in Studien und Untersuchungen festgestellt, dass schädigende Auswirkungen auf das Gehör auftreten können. (8-13) Erschwerend kann durch diese ototoxischen Lösemittel ein weiterer zusätzlicher Potenzierungseffekt bei Organophoshat- und Pyrethroidzubereitungen auftreten.

Ursache für Hörschaden aufdecken
Es ist wichtig, dass Mediziner bei Hörschäden, die keinen offensichtlichen Grund wie generelle Schwerhörigkeit in einer Familie, ein Knalltrauma, etc., auch Chemikalien als Ursache in Betracht ziehen und durch gründliche Anamnese ermitteln, wo eine hörgeschädigte Person arbeitet, ob sie in einem belasteten Umfeld wohnt oder anderweitig Kontakt mit bestimmten, als bekannt ototoxisch wirkenden Lösemitteln, Metallen oder Pestiziden hatte. In Bereichen, in denen ototoxisch wirkende Substanzen zur Anwendung kommen müssen, sollten präventiv strikte Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, die einschließen, dass Kinder mit diesen Substanzen nicht in Kontakt geraten können.

Autor: Silvia K. Müller, CSN, Juni 2008


Literatur:

  1. Perry MJ, May JJ., Noise and chemical induced hearing loss: special considerations for farm youth. Department of Environmental Health, Harvard
    School of
    Public Health,
    Boston, MA,
    02115, USA. J Agromedicine. 2005;10(2):49-55.
  2. Morata TC , Chemical exposure as a risk factor for hearing loss, J Occup Environ Med. 2003 Jul;45(7):676-82.
  3. Harell M, Shea JJ, Emmett JR. Bilateral sudden deafness following combined insecticide poisoning. Laryngoscope. 1978 Aug;88(8 Pt 1):1348-51.
  4. Teixeira CF, Giraldo Da Silva Augusto L, Morata TC, Occupational exposure to insecticides and their effects on the auditory system. Noise Health. 2002;4(14):31-39
  5. Ernest K, Thomas M, Paulose M, Rupa V, Gnanamuthu C., Delayed effects of exposure to organophosphorus compounds. Indian J Med Res. 1995 Feb;101:81-4.
  6. Teixeira CF, Augusto LG, Morata TC, Hearing health of workers exposed to noise and insecticides, Rev Saude Publica. 2003 Aug;37(4):417-23. Epub 2003 Aug 20.
  7. Palacios-Nava ME, Paz-Roman P, Hernandez-Robles S, Mendoza-Alvarado L. Persistent symptomatology in workers industrially exposed to organophosphate pesticides, Salud Publica Mex. 1999 Jan-Feb;41(1):55-61.
  8. Morata TC, Fiorini AC, Fischer FM, Colacioppo S, Wallingford KM, Krieg EF, Dunn DE, Gozzoli L, Padrao MA, Cesar CL. Toluene-induced hearing loss among rotogravure printing workers. Scand J Work Environ Health. 1997 Aug;23(4):289-98.
  9. Cynthia Wilson, Chemical Exposures and Human Health, McFarland, 1993
  10. Morata TC, Engel T, Durao A, Costa TR, Krieg EF,
    Dunn DE, Lozano MA.Hearing loss from combined exposures among petroleum refinery workers. 1: Scand Audiol. 1997;26(3):141-9.
  11. Polizzi S, Ferrara M, Pira E, Bugiani M., Exposure to low levels of solvents and noise, ear canal volume and audiometric pattern, G Ital Med Lav Ergon. 2003 Jul-Sep;25 Suppl(3):67-8.
  12. Sliwinska-Kowalska M, Zamyslowska-Szmytke E, Szymczak W, Kotylo P, Fiszer M, Dudarewicz A, Wesolowski W, Pawlaczyk-Luszczynska M, Stolarek R., Hearing loss among workers exposed to moderate concentrations of solvents., Scand J Work Environ Health. 2001 Oct; 27(5):335-42
  13. Sliwinska-Kowalska M, Zamyslowska-Szmytke E, Kotylo P, Wesolowski W, Dudarewicz A, Fiszer M, Pawlaczyk-Luszczynska M, Politanski P, Kucharska M, Bilski B., Assessment of hearing impairment in workers exposed to mixtures of organic solvents in the paint and lacquer industry, Med Pr. 2000;51(1):1-10.
  14. Nicotera TM, Ding D, McFadden SL, Salvemini D, Salvi R.Paraquat-induced hair cell damage and protection with the superoxide dismutase mimetic m40403., Audiol Neurootol. 2004 Nov-Dec;9(6):353-62. Epub 2004 Oct 1.

7 Kommentare zu “Hörschäden durch Pestizide bei Kindern und Erwachsenen festgestellt”

  1. Henriette 6. Juni 2008 um 21:04

    Es ist schon extrem, welche Folgen der massive Einsatz von Pestiziden für uns alle haben kann. Ein weiteres Problem ist die Diagnostik. Ich kann mir nicht vorstellen, wenn jemand auf Grund von Pestiziden einen Hörschaden erleidet, sein HNO-Arzt die richtige Ursache für diesen Gesundheitsschaden auf Anhieb herausfindet. Meist wird davon ausgegangen, dass die Ursachen stressbedingt oder durch das fortschreitende Alter hervorgerufen werden. Eine Verbindung zu Pestiziden werden wohl die wenigsten in Erwägung ziehen.

  2. Janik 7. Juni 2008 um 10:46

    Da kommt kein normalsterblicher HNO Arzt drauf Henriette.
    Sie fragen Dich eher, ob Du oft in die Disco gehst oder in einer
    Fabrik mit Lärm arbeitest, einen Unfall hattest, etc.

    Für einen toxischen Hörschaden zu bekommen braucht es keinen
    massiven Kontakt. Bestimmte Chemikalien sind schon im Niedrigdosisbereich dazu fähig. Den hat man schnell, wenn man an
    Holzschutzmittel denkt oder einen Schädlingsbekämpfungseinsatz mit Pestiziden Pyrethroide oder Organophosphate denkt.

  3. Franz 8. Juni 2008 um 23:29

    Viele Landwirte und Gärtner gehen mit diesen Chemikalien sorglos um.
    Ich habe in meiner Nachbarschaft schon Bauern gesehen, die auf dem Hof das Faß mit den Spritzgifen mit dem Wasserschlauch ausspritzen, während die Kinder im Hof spielen.

    Und dann gibt es auch so eine Einstellung in den Köpfen der Menschen, dass alles was im Handel ist, in Ordnung sein müsse. Denn sonst wäre es ja verboten und eben nicht im Handel zu erwerben.

    Arme Kinder. Sie müssen ausbaden, was die Erwachsenen anrichten.

  4. Lucca 15. Juni 2008 um 20:58

    Der Einsatz von Pestiziden sollte grundlegend überdacht werden. Ihr Einsatz schadet den Menschen, der Natur und auch den Tieren.

    Die zehn gängigen Pestizide die in der Landwirtschaft etc. eingesetzt werden rauben Regenbogenforellen den Geruchssinn. Der gleiche Rezeptor, der bei den Fische beeinträchtigt wird, steuert auch ihr Wanderverhalten. Sie finden dadurch ihre Laichplätze nicht mehr. Exposition im Niedrigdosisbereich reicht aus.

    http://www.digitaljournal.com/article/256097

  5. Emily Erdbeer 4. August 2008 um 21:36

    Ein sehr hoher Preis, den Bauern bezahlen wenn sie ihre eigenen Kinder giftigen Pestiziden aussetzen.

    Anstatt würde ich lieber die harte Zeit der Umstellung als Biobetrieb hinnehmen und sicherstellen, dass ich mich und meine Kinder nicht plattmache.

  6. Tacheles 11. August 2008 um 13:10

    Bei allem was ich bisher über Pestizide gelesen habe, wundert es mich nicht, dass bereits Kinder durch Pestizide krank werden. Aber dass dadurch Hörschäden verursacht werden, war mir neu.

    Emily, Du triffst voll ins Schwarze, die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft wäre dringend zu empfehlen. Schließlich sind unsere Kinder das Wichtigste im Leben, oder. Darum würde ich als Bauer alles daran setzen, die Gesundheit meiner Kinder nicht unnötig aufs Spiel zu setzen.

    Hier für alle Interessierten ein Link zu einem Focus-Bericht bzgl. Pestizide, der das Ausmaß des ungeachteten Pestizid-Einsatzes verdeutlicht:

    http://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/news/greenpeace-studie_aid_235912.html

  7. Eric 11. August 2008 um 14:22

    Tja Tacheles, dass man bei uns von den möglichen Gesundheitsschäden durch Pestizide nichts oder äußerst wenig mitbekommt liegt an der industriefreundlichen Zulassung von Pestiziden, die hierzulande betrieben wird. Aussagefähige Pestizid-Studien kommen fast ausnahmslos aus dem Ausland. In Deutschland betreibt man lieber Schaden-vertuschende Politik, anstatt Schaden-begrenzende Maßnahmen zu ergreifen.

    Ein Umdenken im Bereich des sorglosen Umgangs mit giftigen Pestiziden ist mehr als überfällig.

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