Archiv der Kategorie ‘Lifestyle‘

MCS Schutzengel Aktion „Weihnachten – es denkt wer an Dich!“

Weihnachten für einsame MCS-Kranke

 

Morgen ist der 2. Advent und die meisten Menschen sind bereits mitten in den Weihnachtsvorbereitungen. Sie dekorieren ihre Wohnungen, backen Plätzchen, machen sich Gedanken um ihre Lieben und besorgen Geschenke. Traurigerweise werden auch in diesem Jahr wieder viele Menschen das Weihnachtsfest einsam und alleine erleben müssen, so auch viele Chemikaliensensible. Der CSN Weihnachtsengel und MCS-Schutzengel Helene denken, dass wir alle zusammen den Einsamen unter uns das Weihnachtfest verschönern könnten und haben sich für das diesjährige besinnliche Fest etwas ausgedacht. 

Einsame MCS-Kranke erhalten eine Weihnachtsüberraschung

Wir möchten nicht tatenlos zusehen, dass einsame MCS-Kranke Weihnachten in Vergessenheit erleben und bitten Euch um Eure Mithilfe und Beteiligung. Diejenigen MCS Kranken, die niemanden mehr haben der an sie denkt, sollten eine schöne Weihnachtsüberraschung erhalten.   

Ein paar Präsente haben wir schon, aber es müssten noch einige mehr sein und wir möchten Euch fragen, ob Ihr etwas beisteuern möchtet. Es muss nicht unbedingt etwas Gekauftes sein, denn auch etwas selbst Gemachtes kann sehr erfreuen. Eurer Kreativität und Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ihr könntet z. B. etwas MCS-Gerechtes basteln, ein schönes Gedicht verfassen, vielleicht auch einen Gutschein für etwas Selbstgestricktes aus Biowolle, oder einfach etwas Schönes verschenken, das Euch selbst gut gefällt. Oder vielleicht habt Ihr ein MCS-Hilfsmittel doppelt. Sicherlich fällt Euch etwas ein, wie wir gemeinsam anderen Betroffenen Weihnachten verzaubern könnten, stimmt´s? 

Wie bekommen einsame MCS-Kranke eine Überraschung?

Wer alleine ist, darf uns seine Adresse senden (nicht scheuen, sonst sind die Weihnachtsengel sauer) und wer von Euch MCS Betroffene kennt, die alleine sind, wird gebeten CSN per E-Mail Bescheid zu geben oder selbst aktiv zu werden. Der CSN Weihnachtsengel und MCS-Schutzengel Helene werden sich dann um den Rest kümmern. Sie werden auf ihren nächtlichen Schlittentouren durch den Weihnachtshimmel alle Bedachten mit einem Weihnachtspäckchen überraschen.  

Allen ein schönes Adventswochenende,

Euer MCS-Schutzengel Helene und der CSN Weihnachtsengel

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Wer etwas geben möchte, damit wir dann einem einsamen MCS-Kranken als Überraschung schicken, kann es an die CSN Adresse (CSN, Mühlwiesenstr. 2, 55743 Kirschweiler) senden. Falls Selbstgebackenes dabei ist, bitte wegen etwaiger Allergien die Zutaten aufschreiben.

Die besten Blogs im November

Die besten Blogs im November

 

Im Monat November belegte im CSN Blog ein Thema den ersten Platz, das viele Menschen nach näheren Informationen suchen ließ, die Schweinegrippe. Der Berufsverband der Deutschen Umweltmediziner hatte eine Pressemitteilung herausgegeben, die über die Gefahren des Impfstoffes Pandemrix bei bestimmten Risikogruppen aufklärte. Wir übersetzten die Pressemitteilung ins Englische und auch im EMM Blog war sie der meist gelesene Artikel im vergangenen Monat. 

Auf Platz Zwei im CSN Blog landete ein Artikel über die Neuerscheinung eines Buches, das Dr. Hill geschrieben hat. Es handelt über die Ursachen neurodegenerativer Erkrankungen, Umweltkrankheiten und chronischer Krankheiten.  

Platz Drei belegte ein Artikel über ein trauriges Vorkommnis, dass nicht nur in Deutschland Umweltkranke und Mitmenschen erschütterte, sonder auch in anderen Ländern weltweit. Der Tod von Angelika S. löste Nachdenken bei sehr vielen Menschen aus. Der Artikel erschien in fünf Sprachen, sogar auf Japanisch. Die MCS-Erkrankten setzen damit international ein Zeichen, dass sie nicht mehr länger schweigen über das, was aus Not geschieht, und über die mangelnde Hilfe für Umweltkranke.

 Zum Lesen der Top 10 Artikel im November 2009 einfach anklicken:

  1. Berufsverband der Umweltmediziner warnt vor Schweinegrippen-Impfstoff bei Patienten mit Umweltkrankheiten
  2. Umweltschadstoffe und neurodegenerative Erkrankungen des Gehirns
  3. Die letzten Monate im Leben der chemikaliensensiblen Angelika S.
  4. Angelika musste sterben
  5. Schweinegrippe – Wie schützen wir uns?
  6. Dr. Merz regt Hilfsfond für MCS-Kranke an
  7. Stadt Zürich schreibt Wohnprojekt und Architekturpreis für ein baubiologisches MCS – Haus aus
  8. Interview mit Eva Caballé über MCS – Multiple Chemical Sensitivity und über ihr neues Buch
  9. Interview Teil II – MCS Kranke werden vergessen, verschwiegen, ignoriert
  10. Discounter nehmen giftbelastete Babyschnuller aus ihren Regalen, Hersteller kündigen Produktionsänderung an

Gedicht: Deine Atemzüge

Schlafen und Erholung fimden

 

Deine Atemzüge 

deine atemzüge hören
wenn du am morgen
noch schläfst  

deine gesichtszüge
noch geglättet
bevor die alltagssorgen
falten ritzen
wie du den tag
 W O H L  

(meistens nur irgendwie) 

überstehst 

der dich peitscht
verwundet
betäubt
und lähmt
durch düfte und gestank  

der chemiekalientoleranten

—  

Autor: Gerhard Becker, CSN  – Chemical Sensitivity Network, 29. November 2009 

Weitere Gedichte von Gerhard:

Notizen aus der schönen neuen Welt

Zwischen 1996 und 2005 erhöhte sich die Rate der mit Antidepressiva behandelten Menschen in den Vereinigten Staaten von 5,84% auf 10,12% der Bevölkerung. Zu den vermuteten Gründen zählt man eine Verbreiterung des Konzepts der Bedürftigkeit für eine Behandlung hinsichtlich der seelischen Gesundheit. [1]

Psychopharmaka haben Nebenwirkungen und werden häufig unnötig verschrieben 

Die Anzahl der Leute, die neu mit Depression diagnostiziert werden, ging jedoch in den 11 Jahren von 1993 bis 2004 zurück. Dennoch verdoppelte sich in dieser Zeit die Anzahl der Rezepte über Antidepressiva von 2,8 auf 5,6 pro Patient. 

Der dramatische Anstieg in der Zahl der Rezepte über Antidepressiva ist auf eine jährlich ansteigende Zahl von Menschen zurückzuführen, die langfristig Antidepressiva nehmen. [2] 

Suizidgefahr bei Kindern nach Antidepressiva 

Behördliche Warnungen im Oktober 2003 über eine erhöhte Suizidgefahr bei Kindern, die Antidepressiva nehmen, hat zu unbeabsichtigten und anhaltenden Veränderungen in der Diagnose und der Behandlung von Depressionen bei Kindern und Erwachsenen geführt.  Unmittelbar nach dieser Mitteilung trat eine hiermit nicht beabsichtigte Abnahme in der Zahl der neu diagnostizierten Fälle ein. 

Depressionen immer häufiger diagnostiziert

Zwischen 1999 und 2004 stieg die Zahl der diagnostizierten depressiven Episoden in allen Altersgruppen stetig an. Nach 2004 fiel die Zahl der Diagnosen bei Kindern deutlich. Dieser Abfall nach der behördlichen Warnung dauert an, so dass die Quote der neuen Fälle pro 1000 Versicherten auf den Wert von 1999 zurückging. Bei Fortschreibung des vorher bestehenden Trends hätte die Quote bei jungen Erwachsenen 2007 bei 15,6 und bei Erwachsenen bei 20,3 von 1000 liegen müssen. Die tatsächlich beobachteten Quoten waren jedoch 9,6 bzw. 12,4 pro 1000. 

Es gibt ein gewisses Überspringen auf andere Altersgruppen. Die Hausärzte diagnostizierten 44% weniger Depressionen bei Kindern, 37% weniger bei jungen Erwachsenen und 29% weniger bei Erwachsenen. [3] 

Wenn es ein Medikament gibt, wird eine Krankheit diagnostiziert 

Anm. des Autors: Die Studie legt die Vermutung nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit von Medikamenten und der diagnostischen Praxis gibt. Dies stützt indirekt die eigenwillige These, dass deutlich mehr MCS-Fälle diagnostiziert werden würden, gäbe es eine behördlich empfohlene Pille gegen MCS. Da Antidepressiva in den meisten Fällen keine pharmakologische Wirkung auf die Depression haben, sollte die Erfindung eines solchen Medikaments die Pharmaindustrie eigentlich vor keine größeren Schwierigkeiten stellen. 

In Spanien suchte man jüngst nach den Gründen für den gestiegenen Psychopharmakagebrauch. Dort nehmen 24% der Frauen Antidepressiva und 30% Tranquilizer. 

Psychopharmaka werden oft in Zusammenhang mit familien- und arbeitsplatz-bezogenen Problemen genommen. Daher untersuchte man, ob es wirklich eine Verbindung zwischen dem Psychopharmakakonsum und tatsächlich in irgendeiner Hinsicht dysfunktionalen Familien gibt.

Obwohl man vermuten sollte, dass ein Zusammenhang zwischen Psychopharmakakonsum und familiären Konflikten besteht, fand die Studie mit 121 Frauen keinen derartigen Zusammenhang. [4] 

Depressionen sind nicht leicht zu diagnostizieren

Eine Metaanalyse von mehr als 50.000 Patienten hat gezeigt, dass Allgemeinärzte große Schwierigkeiten haben, zwischen Menschen mit und ohne Depression zu unterscheiden. Die Anzahl der falsch als nicht depressiv bzw. depressiv diagnostizierten Patienten ist ausgesprochen substanziell. Die Ärzte identifizieren bei der Erstuntersuchung deutlich mehr Leute falsch positiv oder falsch negativ als richtig positiv 

Zur Illustration stelle man sich einen typischen Allgemeinarzt in einer ländlichen Praxis vor, der versucht, Depressionen zu erkennen, und in fünf Tagen 100 Patienten sieht. Wenn alle Patienten mit Depression auf einmal kämen, würden sie die Praxis für einen halben Tag füllen (also etwa den Mittwoch). Der Arzt würde jedoch nur die Hälfte der Depressionen erkennen. An den anderen vier Tagen sieht der Arzt Patienten mit anderen Beschwerden. Davon würde er ein Fünftel als depressiv diagnostizieren. Dass entspräche fast der Anzahl, die er an einem ganzen normalen Arbeitstag sieht. 

Falsch diagnostizierte Fälle sind häufiger als richtig diagnostizierte

Konkret kommen auf 100 Patienten, die der Allgemeinarzt zum ersten Mal sieht, durchschnittlich 10 korrekt als depressiv diagnostizierte Patienten, 15 fälschlich als depressiv diagnostizierte und 10 nicht erkannte Fälle von Depression. 

Damit kommen auf eine richtige Diagnose 2,5 falsche Diagnosen. [5] 

Autor: Karlheinz, CSN – Chemical Sensitivity Network, 27. November 2009 

Referenzen:

[1] Mark Olfson, Steven C. Marcus, National Patterns in Antidepressant Medication Treatment, Arch Gen Psychiatry 2009; 66[8]:848-856.

[2] Michael Moore et. al., Explaining the rise in antidepressant prescribing: a descriptive study using the general practice research database, British Medical Journal  2009;339:b3999.

[3] Anne M. Libby et.al., Persisting Decline in Depression Treatment After FDA Warnings, Arch Gen Psychiatry. 2009;66 [6]:633-639.

[4] Sonsoles Pérez Cuadrado et.al., Consumo de psicofármacos y disfunción familiar,  Atención Primaria; 41(3):153-157 marzo de 2009.

[5] Alex J Mitchell et.al., Clinical diagnosis of depression in primary care: a meta-analysis, The Lancet, Volume 374, Issue 9690, Pages 609-619, 22 August 2009

Auch interessant, die von Karlheinz geschriebene Serie:

Psychiatrisierung bei MCS ein Irrweg Teil I – XII

Das Thema GESUNDES WOHNEN für Umwelterkrankte rennt offene Türen ein

Eine der ersten Sitzungen zur Gründung der MCS-Wohnungsbaugenossenschaft

 

Gesundes Wohnen ist längst kein Müsli-Thema mehr, das belächelt wird. Zahlreiche Städte und Gemeinden haben durch Sick Buildings, „kranke“ Gebäude, schmerzhaft gelernt. Im privaten, wie im öffentlichen Bereich, wird zunehmend auf gesündere Bauweise und schadstoffkontrollierte Ausstattung geachtet, weil mittelfristig dadurch sogar gespart werden kann und die Umwelt geschont wird. 

Menschen, die bereits als umweltkrank gelten und auf Chemikalien in geringster Konzentration reagieren, sind die besten Indikatoren, was Schadstoffe in Gebäuden betrifft. Was sie vertragen, dürfte gesünder für alle sein und für mehr Wohlbefinden und Lebensqualität im Wohnbereich sorgen. Was sie nicht vertragen und bei ihnen Gesundheitsbeschwerden auslöst, kann auch andere Menschen krank machen. Für öffentliche Bauherren als auch für die Bauindustrie sind Umwelterkrankte daher Kooperationspartner, die viel know how einbringen können. 

Vor Kurzem hatten wir berichtet, dass die Stadt Zürich ein Bauvorhaben für das erste MCS-Haus in der Schweiz vergeben und einen Architektur-Wettbewerb ausgerufen hat. 

Im nachfolgenden Interview erfahren wir vom Initiator Christian Schifferle, dem Präsidenten der MCS-Liga und der Wohnungsbaugenossenschaft Gesundes Wohnen – MCS, wie er mit dem Vorschlag, ein baubiologisches Wohnhaus für MCS-Kranke zu bauen, nicht nur auf Interesse stieß, sondern sogar offene Türen einrannte. 

Interview:

Silvia K. Müller, CSN im Gespräch mit Christian Schifferle, Präsident der MCS-Liga Schweiz und der Wohnungsbaugenossenschaft Gesundes Wohnen – MCS 

Silvia K. Müller: Christian, wir sind alle total stolz auf Dich und freuen uns riesig über das MCS Wohnprojekt, das in der Schweiz in die Gänge kommt. Wie lange ist es jetzt her, seit Du erstmals die Idee für das Projekt hattest, und was waren Deine Gründe? 

Christian-SchifferleChristian Schifferle: Da ich seit meiner Kindheit umweltkrank bin, also seit über 50 Jahren, habe ich schon vor 20 Jahren erstmals die Stadtregierung von Zürich wegen Wohnungen für MCS-Kranke angefragt. Es brauchte also mehrere Anläufe und einen langen Atem. Ich bin als Kind in Lacken und Lösungsmitteln aufgewachsen und war offensichtlich krank, wurde aber von NIEMANDEM in meinem Umfeld ernst genommen und als Simulant behandelt. 

SKM: Hast Du unter diesem Außenseiterdasein, in das man Dich gepresst hat, gelitten? 

CS: Ja, denn ich führte schon früh einen sehr einsamen Kampf, um zu überleben. Das Ausgegrenztsein hat mich geprägt und zu einem gesellschaftskritischen MCS-Aktivisten gemacht, der zwar spirituell denkt, aber weiß, dass dazu konkretes Engagement gehört. Taten bedeuten mir mehr als schöne Worte. Die Not der andern und mangelnde Solidarität betreffen mich sehr. So habe ich vor bald 10 Jahren die MCS-Liga Schweiz gegründet. MCS ist wohl mein Schicksal und meine Lebensaufgabe, da ich diese Krankheit schon von Kind an hatte. 

SKM: Nicht jeder ist so stark wie Du, Christian, Du wirst wohl auch weiterhin für viele mitkämpfen müssen. Hast Du Dir ein Ziel gesteckt? Was können andere MCS-Kranke tun, damit es weitergeht? 

CS: Oh ja, ich habe etwas ganz fest im Sinn: Eine finanzstarke MCS-Stiftung, ein Hilfsfond für Umweltkranke, ist mein Ziel. Ich bin glücklich mit dem was wir schon gemeinsam erreicht haben, und alles, was jetzt kommt, ist eine Zugabe. Ich möchte alle ermuntern bei uns mitzumachen, denn wir bewegen etwas. Natürlich sollen auch ander MCS-Stiftungen entstehen. Das Hilfsfond-Projekt um Dr. Tino Merz  finde ich toll und ich werde es nach Kräften unterstützen. MCS-Kranke in Not brauchen Hilffe. 

SKM: Was hat Deiner Meinung nach bei der Stadt Zürich die Türen geöffnet für dieses innovative Projekt, von dem nicht zuletzt auch andere Wohnbauvorhaben profitieren werden? Gesundes Wohnen ist ja nicht nur ein Trend, es bedeutet gesunde leistungsfähigere Menschen. War dieser Gedanke für die Stadt Zürich auch maßgebend?    

CS: Ich machte Flugblattaktionen vor dem Zürcher Rathaus und Medienberichte in bekannten lokalen und landesweiten Medien. Auch andere MCS-Betroffene meldeten sich darauf bei den Behörden. Jetzt nimmt uns die Stadt Zürich ernst und ist interessiert, durch unser MCS-Wohnprojekt zu lernen, noch gesünder zu bauen. Wir werden jetzt vermehrt damit an die Medien gehen und ich finde es auch toll, was Du mit CSN-Deutschland für uns MCS-Kranke machst. Auch eine MCS-Stiftung, die mir sehr am Herzen liegt, ist durch den Sog dieses Wohnprojekts in die Nähe gerückt. 

SKM: Wie hast Du es geschafft, dass man Dir zuhörte bei der Stadt Zürich und dass jetzt, man kann es eigentlich schon so sagen, dass es so aussieht, als ob ein Traum für MCS-Kranke in Erfüllung geht? 

CS: Es war einfach dieser jahrelange Druck über Medienberichte. Was die Stadt Zürich da macht, ist toll. Ihr gebührt großer Dank für dieses Pionierprojekt. Die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Heute rennen wir mit dem Thema GESUNDES WOHNEN offene Türen ein. Dies müssen wir Umweltkranke nutzen und Fakten schaffen. Gesunde Häuser für Umweltkranke sind materielle Tatsachen, die andern helfen, diese Umweltkrankheit besser zu verstehen und zur Anerkennung zu führen. 

SKM: Wer waren und wer sind die größten Unterstützer für Euer Projekt? 

CS: Am Anfang waren es die etwa 45 Genossenschaftlerinnen, die bei uns bis jetzt je einen oder mehrere Anteilscheine von etwa 330 Euro und mehr erwarben. Total fast 20.000 Euro, damit hatten wir einen guten Start. Wichtig waren auch die beiden Ärzte Dr. Roman Lietha und Dr. Klaus Tereh, die uns von Anfang an unterstützten und die beide mit im Vorstand sind. 

Zudem half uns der Verein Innovage bei der Gründung mit unentgeltlicher Hilfestellung und Beratung. Ganz wichtig bei der Gründung sind auch mein MCS-Kollege Matthias Zeller und der Journalist Stefan Hartmann. Jetzt kommt uns die große Vernetzung zu Gute, die ich im Laufe der letzten 10 Jahre aufgebaut habe, denn vieles läuft über gute Beziehungen.  Auch haben wir seit Monaten eine gesunde engagierte Kauffrau in der Administration, Renate Kurze, eine Allrounderin, ein echter Engel. 

Vor 12 Jahren war ich ja bei RTL (Ilona Christen) zum ersten Mal als Talkgast in einer TV-Sendung über Allergien, um über das Thema Umweltkrankheit und Chemikalien-Unverträglichkeit zu reden. Als ich die große Reaktion spürte, wurde mir bewusst, wie wichtig die Medienpräsenz ist, um unser Thema zur Anerkennung zu führen. Das müssen wir weiter nutzen. Silvia, auch Dein TV-Auftritt letzthin war ganz stark. 

SKM: Wie geht es jetzt weiter? Durch eine E-Mail von Dir erfuhr ich, es wird einen Architekturwettbewerb geben. Das MCS Haus wird also kein hässliches Wohnsilo, sondern ein Haus, das auf MCS Kranke und ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Kannst Du uns ein wenig mehr erzählen? 

CS: Ja, die Stadt Zürich gibt uns das Grundstück günstig im Baurecht und organisiert einen großen Architekturwettbewerb für dieses MCS-Mehrfamilienhaus, das ja nicht nur gesund, sondern auch wohnlich sein soll. Mit in der Jury sind unter anderen auch Dr. Peter Ohnsorge und Peter Bachmann von Sentinelhaus. Des Weiteren 2 Baubiologen, 3 Architekten und natürlich auch MCS-Betroffene. 

SKM: Wir haben seit einigen Monaten in Deutschland große Not und suchen verzweifelt nach Notunterkünften für MCS-Kranke, die es sehr schwer erwischt hat und die keinen Platz haben, wo sie überleben können. Wird auch für Notfälle ein Platz bei Euch sein? 

CS: Ja, die Wohnungsnot von andern Umweltkranken betrifft mich sehr. Selbstverständlich wollen wir Notwohnungen anbieten. Du weißt ja sicher noch, wie es mir ging, als ich einen Platz suchte für meinen alten Wohnwagen. Das vergesse ich nie, auch nicht die vielen Nächte, die ich da draußen im Wald verbrachte, unter freiem Himmel auf einem Liegestuhl schlafend. Geplant sind deshalb auch Notwohnungen für Umweltkranke und ein duftstofffreier Gemeinschaftsraum, wo sich MCS-Kranke treffen können. Die Hausordnung wird sehr strikt MCS-gerecht sein. 

SKM: Christian, das ist einfach wunderbar und wir schielen mit Wehmut in die Schweiz. Wird die Stadt Zürich sich in die Planung des MCS-Hauses einbringen? 

CS: Die Stadt wird unser Projekt begleiten, unter anderem mit ihren Bauökologen und Fachleuten, die sehr interessiert sind. Es macht Spaß, an diesen Sitzungen mit der Stadt dabei zu sein, zu spüren, wie man als MCS-Kranker nach vielen Jahren von den Behörden ernst genommen wird. Das Mehrfamilienhaus wird ganz am Stadtrand gebaut, direkt an der grünen Wiese, und 100 Meter von einem grossen Wald entfernt, am Hang des Uetlibergs. Der Wald dient auch als Luftfilter. 

SKM: Christian, wir wünschen Dir, dass das MCS Haus Projekt problemlos und rasch gebaut wird, damit auch Dein Nomadenleben im Wohnwagen ein Ende hat. Was wirst Du mit Deinem Wohnwagen oben in den Bergen machen, wenn Du endlich eine MCS-gerechte Wohnung hast? 

Christian mit MCS - WohnwagenCS: Da ich auch hitzeempfindlich bin und im Sommer oft unter der Wärme im Unterland leide, werde ich den Wohnwagen in den Bergen vorläufig behalten. Da viele MCS-Kranke hitzeempfindlich sind, planen wir auch MCS-gerechte Not- und Ferienwohnungen in den Bergen. Langfristig planen wir auch ein Netz von Ferienwohnungen, weil MCS-Kranke kaum geeignete Ferienwohnungen finden. Schön wäre es, auch am Meer solche Wohnungen zu haben. Das Zürcher MCS-Wohnprojekt kann ja nicht alle MCS-Wohnungsnot lösen, aber es soll ein pionierhafter Anstoss sein, dass viele andere MCS-Wohnprojekte entstehen. 

SKM: Das bedeutet, dass Eure Wohnbaugenossenschaft noch viel vorhat und wachsen will. Liege ich da richtig? 

CS: Richtig, und wir möchten andere ermuntern, Ähnliches zu tun. Wir haben eine ganze Reihe von Plänen, doch dazu braucht es noch viele engagierte MitarbeiterInnen. Auch wenn ich manchmal nicht weiß, wie lange meine Kraft reicht, da ich ständig ans Limit gehe, so freue ich mich über jeden Schritt, und es geht mir darum, gemeinsam etwas Tragfähiges aufzubauen. Eine starke MCS-Wohnbaugenossenschaft, eine finanzstarke MCS-Stiftung. Umweltkranke sollen menschenwürdig und respektiert leben können. Wir sind auf gutem Weg dahin, und nachfolgende Generationen sollen ja auch noch was zu tun haben. 

SKM: Lieber Christian, ich danke Dir sehr für das nette Interview. Magst Du uns noch etwas über die attraktive, neue Webseite GESUNDES WOHNEN MCS sagen, die Ihr speziell für das Wohnprojekt ins Netz gestellt habt? Uns würde noch etwas interessieren, wie wird es finanziell weitergehen, Ihr braucht ja eine Menge Geld in MCS-Dimensionen gedacht. 

CS: Liebe Silvia, danke für dein Interview-Anfrage und dass ich hier über unsere Wohnbaugenossenschaft und das Zürcher Wohnprojekt reden darf. Stell Dir vor, in den letzten Wochen sind bei uns Spenden eingegangen von vier Wohnbaugenossenschaften, je etwa 14.000 Euro total ca. 55.000 Euro. Ein Riesen Erfolg und guter Start. Das hat uns viel Mut gegeben. Wir wollen ja ca. 1 Mio. Euro zusammenbekommen und wie gesagt auch eine Stiftung gründen. 

Unsere neue Internetseite ist speziell für das Fundraising entworfen, um große Stiftungen und Firmen anzusprechen. Man kann sich auf der Internetseite gerne informieren. Wir sind auch froh um Unterstützung und Mitglieder aus dem deutschen Raum, da wir uns nicht nur auf die Schweiz beschränken wollen. Die Mitgliedschaft kostet einmalig ca. 330 Euro (1 Anteilschein) Wir haben 2 Ärzte im Vorstand, und zwei engagierte Frauen in der Geschäftsleitung. Als Präsident komme ich mit meiner Krankheit oft ans Limit, aber wir wollen in unserer Wohnbaugenossenschaft auch kranke Menschen integrieren und die Mitarbeit ermöglichen, so gut es geht, so machen wir vieles über Telefonkonferenzen. Natürlich sind wir froh um weitere MitarbeiterInnen. 

SKM: WOW – kann ich da nur sagen, Christian, solche Unterstützung durch die anderen Wohnungsbaugenossenschaften und dann diese Summen, das ist einfach phantastisch. Mach so weiter Christian, bleib stark, auf unsere Unterstützung kannst Du jederzeit zählen, und wir wünschen Euch, dass es weiterhin mit so großen Schritten voran geht und halte uns natürlich auf dem Laufenden. 

Presseresonanz auf das MCS-Wohnprojekt

 

Weitere Berichte über Christian Schifferle

 

Weitere Auskünfte über das MCS-Wohnprojekt erteilt:

Christian Schifferle, Präsident Wohnbaugenossenschaft GESUNDES WOHNEN MCS, Telefon 044 401 05 22 (09.00 – 12.00 und 14.00 – 17.00).

Gedicht: Ausweg

Auf der Suche nach einem Ausweg für MCS Kranke

 

Ausweg

 

Wohin soll ich gehen

wenn die meisten mich nicht verstehen

noch tiefer in den Wald

oder hoch ans Meer

überall ist es menschenleer.

 

Wohin soll ich gehen

wenn meine Augen vor Tränen nichts sehen

ich suche nach einem Platz zum Leben

wo keine Gifte mich umgeben.

 

Wohin kann ich gehen

um wieder fest zu stehen

auf eine Insel in der Öde

so wird mein Herz nun langsam spröde.

 

So viele suchen Lebensraum

mitunter lässt sich finden kaum

ein Stückchen saubre Erde

wo ich mal sesshaft werde.

 

Lasst uns gemeinsam fliegen

dorthin dann wo wir kriegen

alles, was wir brauchen

um endlich abzutauchen.

 

—-

Dieses Gedicht wurde von Mona, der „Glasprinzessin“ geschrieben. Mona hat schwere Chemikalien-Sensitivität / MCS und muss fast die ganze Zeit draußen in der Natur verbringen.   

Mona’s Geschichte: Mona die „Glasprinzessin“ ein einsames Leben mit Wind und Wetter  

Weitere Gedichte und eine Geschichte der Glasprinzessin:

Naturchaos * Heilung * Rotkehlia, das Rotkehlchen erzählt aus seinem Leben * Dazwischen * Sonntagsgeschichte: Papo Mio’s Oase für Umweltkranke * Isolation – Sonntagsgedicht der Glasprinzessin * Vertigo * Wohlig * Am Bug * Ich nehm Dich mit* KinderlachenEinsicht – Aussicht Im Walde * Tausendschönchen * Karrusell * Der Piano-Player * Von Mara zu Joy * Finden * Geborgenheit * Hereinspaziert * Funktion

Die Zeit, in der man MCS verstecken konnte, ist abgelaufen – Interview Teil III

Die Zeit in der man MCS verstecken konnte ist abgelaufen 

Eva Caballé ist seit vier Jahren krank, sie hat Chemikalien-Sensitivität. Dadurch kann sie das Haus und oft das Bett nicht verlassen. Außer ihrem Mann, ihrer Mutter und wenigen Freunden kann niemand zu ihr. Jeder, der in ihre Nähe kommt, muss komplett chemie- und duftfrei sein, damit sie keine schweren gesundheitlichen Reaktionen erleidet. Doch Eva ist eine Kämpferin, sie hat sich nie der Krankheit unterworfen. Die verbliebene Kraft, über die Eva verfügt, zentriert sie, um über MCS aufzuklären. Sie schreibt Artikel für ihren Blog No Fun, für die Kulturzeitung Delirio, und in Kürze erscheint ihr erstes Buch. Das, was Eva schreibt, geht tief, denn sie spricht die Wahrheit auf unmissverständliche Weise aus und hält jenen, die MCS in Frage stellen, einen Spiegel vor. 

Interview Salvador López Arnal mit Eva Caballé, November 2009, Teil III:   

Wer Teil I und Teil II verpasst hat: Interview TEIL I – Interview Teil II 

Salvador López Arnal: Einer Ihrer Artikel heißt „Wir werden nackt geboren“ und fand bei Menschen mit MCS und anderen am Thema Interessierten großes Echo. Weshalb? Um was geht es in dem Artikel?

 Die nackte Wahrheit über MCS

„Die nackte Wahrheit über MCS“ wurde in 9 Sprachen übersetzt

 

Eva Caballé: Ich schrieb diesen Artikel für das online Kulturmagazin Delirio. Er legt ohne falsche Rücksicht die völlige Missachtung und Vernachlässigung offen, an der wir Menschen mit MCS leiden, und er beleuchtet die Situation in Spanien ausführlich. Dieser Artikel enthielt zwei Nacktfotos von mir, auf denen ich nur eine Atemmaske trage. Dies zog die Aufmerksamkeit von MCS-Organisationen in anderen Ländern auf sich und hatte zur Folge, dass der Artikel in neun verschiedene Sprachen übersetzt wurde. 

Der Grund für den Erfolg war, dass sich an MCS erkrankte Menschen überall in der Welt in der Beschreibung der Situation wiedererkannten, die wir in Spanien erleben. Traurigerweise sogar in Längern, in denen MCS anerkannt ist. Menschen mit dieser Krankheit werden an den Rand geschoben und totgeschwiegen, da ökonomische Interessen wichtiger als die Gesundheit sind. 

In der nächsten Nummer von Delirio, die Stille zum Thema hat, wird es einen weiteren Artikel zu MCS geben. Sie haben mich gebeten, den Artikel zu schreiben, um den Erfolg von „Wir werden nackt geboren“ zu erklären. Auf diese Weise setzen wir die Information über MCS fort. 

Wir sind die „Kanarienvögel im Bergwerk“, wir warnen vor dem Unglück, das kommen wird. Wir sind der Beweis, dass das aktuelle Modell der Gesellschaft gescheitert ist, obwohl dies niemand zugeben oder gar bezahlen möchte, geschweige denn möchte jemand etwas unternehmen. Aus all diesen Gründen wollen sie, dass man uns nicht hört. 

LA: Kommendes Unglück? Welches Unglück? Warum ist das aktuelle Modell der Gesellschaft gescheitert? Wegen der Krankheiten, die es zur Folge hat? Beschreiben Sie mir ein humaneres Modell. 

EC: Die MCS-Fälle nehmen rasend zu, und es werden immer jüngere Menschen. Jeden Tag gibt es mehr Kinder mit Allergien, Asthma, Glutenintoleranz usw. Krebsfälle vervielfachen sich und tauchen in Familien ohne Krebsvorgeschichte auf. Es gibt fortlaufend neue Studien, die einen Zusammenhang zwischen chemischen Stoffen, elektromagnetischer Strahlung und bestimmten Krebsarten oder eine Zunahme von Allergien aufzeigen. Wenn nichts getan wird, erwartet uns eine Zukunft, die nichts mit einer gesunden Gesellschaft zu tun hat. 

Ich habe wie andere Leute mit MCS den Beweis, dass diese Gesellschaft versagt hat. Als ich noch klein war, dachte ich immer, dass die Regierung für uns sorgt und dass etwas nur verkauft wird, wenn es sicher ist. Mehr konnte ich mich nicht irren. Die Luftqualität in Städten wie Barcelona oder Madrid ist skandalös. Unser Essen ist voller Pestizide, mit allen möglichen Zusätzen, und sie erlauben den Verkauf transgen veränderter Lebensmittel. Sie lassen uns krank werden und überlassen uns ohne zu helfen unserem Schicksal, ohne Gesundheitsversorgung, so wie es mir widerfuhr. Du studierst, machst Deinen Abschluss, hast eine gute berufliche Karriere und dann, wenn Du anfangen könntest, Dein Leben zu genießen, ist es vorbei. Ist das ein Wohlfahrtsstaat? 

Es sollten Maßnahmen unternommen werden, um damit aufzuhören, ökonomische Interessen über die Gesundheit zu stellen. Chemische Stoffe und elektromagnetische Strahlung sollten verboten und reguliert werden. Transgen veränderte Lebensmittel sollten verboten werden. Ökologischer Landbau sowie alternative Energien sollten gefördert werden… Es gibt eine unendliche Zahl von Maßnahmen, die nötig wären, aber das wichtigste ist, die Richtung zu ändern und damit anzufangen, bevor es zu spät ist. 

LA: Sie haben ein Buch, ein ganz wunderbares Buch geschrieben das „Vermisst“ heißt, warum vermisst. Wohin sind sie verschwunden?  

EC: Ich danke Ihnen, mein Buch zu loben. Für eine neue Autorin ist das eine Ehre. 

LA: Die Ehrerbietung, liebe Eva, das wird die der Leser sein, das kann ich Ihnen versichern. 

EC: Ich dachte an diesen Titel, als ich das tolle Vorwort las, da Clara Valverde dafür schrieb (sie ist Autorin, Präsidentin der SFC-CFS Liga und lebt mit dem chronischen Müdigkeitssyndrom). In dem Augenblick wurde mir klar, viele Leute könnten denken, dass ich von der Erdoberfläche verschwunden wäre. Ich wurde von einer Frau, die einen Job mit viel Verantwortung bei einer Bank hatte, die jeden Tag im Fitness-Studio auftauchte, Rock-Konzert besuchte, mit Freunden ausging und mit ihrer Familie den Urlaub verbrachte zu einer, die um zu überleben in der eigenen Wohnung eingesperrt ist. Von Außen betrachtet fehle ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Ich wurde von MCS gekidnapped. 

Die Außenwelt ist für alle giftig, aber für jene, die MCS haben, bedeutet dies, dass wir nicht ohne Kohlefilter-Atemmaske, die uns vor gefährlichen chemischen Stoffen schützt, rausgehen können. In einigen Fällen ist die Erkrankung derart heftig, dass wir nicht einmal mit einer Maske raus können. Ich bin dazu verurteilt, innerhalb meiner vier Wände zu leben, da keine Maßnahmen ergriffen wurden, diese chemischen Substanzen zu verbieten, die in meinem Körper eine Krise auslösen und andere Menschen umweltbedingte Erkrankungen entwickeln lassen. Merkt es niemand, dass es nicht normal ist, jeden Tag von einem Krebstoten zu erfahren. Stört es niemanden, dass die Gesellschaft täglich kränker wird und dass dies nicht hinnehmbar ist? 

LA: Abschließende Frage: Was sollten die Gesellschaft und das Gesundheitssystem in Anbetracht dieser neuen Erkrankungen tun? Sind sie wirklich neu? Können Sie für den Anfang eine paar Ideen vorschlagen? 

EC: Wie ich bereits sagte, ist MCS nicht wirklich neu, da über die ersten Fälle schon in den 50’er Jahren berichtet wurde. Im Jahre 2009 können wir die Tatsache, dass nichts unternommen worden ist, nicht mit der Vorstellung rechtfertigen, es würde sich um neue Krankheiten handeln. 

Auf internationaler Ebenen sollte als erster Schritt die WHO MCS ein für allemal als eine organische Erkrankung anerkennen. Doch bis dies geschieht, sollte unser Land dem Beispiel anderer Europäischer Länder folgend MCS anerkennen. Auch sollten sie Ärzte ausbilden und das Gesundheitssystem für MCS fit machen. Dies alles würde auch bedeuten, dass wir Anspruch auf eine Invaliditätsrente bekommen und dass andere Hilfsangebote an unsere Krankheit angepasst werden sollten. 

Wenn heute Menschen mit MCS noch kränker werden, vielleicht wegen unserer Erkrankung oder wegen einer anderen Erkrankung, die wird auch haben, können wir nirgends hin gehen, da es keine für uns geeigneten Krankenhäuser gibt und weil die Leute, die dort arbeiten, nichts über unsere Krankheit wissen. Das zeigt, wie schlimm unsere Situation ist. 

Es ist ebenfalls notwendig, Regeln zur Prävention einzuführen wie etwa „Duftstofffrei“ für Krankenhäuser und öffentliche Gebäude und bestimmte Stoffe zu kontrollieren und zu verbieten. All dies wäre für die Gesundheit und das Wohlbefinden aller Bürger von Vorteil, nicht nur für uns MCS-Kranke. 

Und offenbar bedarf es einer öffentlichen Informationskampagne, damit die Leute unsere Behinderung verstehen können. Wenn Sie mit einer Atemmaske auf die Straße gehen, liefern Sie sich allen möglichen Arten von Spott und Schmähungen aus, und dies ist nicht hinnehmbar. Es gibt Leute, die krank sind und nicht einmal von ihren Freunden und ihrer Familie irgendwelche Unterstützung bekommen, nur weil MCS keine anerkannte Krankheit ist. 

Wir bitten nicht um eine Vorzugsbehandlung, aber um eine angemessene Behandlung der Probleme, die von dieser Krankheit verursacht werden. 

LA: Was Sie sagen und fordern ist sehr vernünftig. Ich danke Ihnen für ihre Ausführungen. Möchten Sie noch etwas hinzufügen? 

EC: Ja, Es wäre schön, wenn das öffentliche Bekanntmachen meiner Situation durch meinen Blog und nun noch mehr durch mein Buch jene warnt, die noch gesund sind. Vielleicht denken manche, sie wären sicher, weil sie keine genetische Disposition für MCS haben. Doch das ist ein Irrtum. Wie ich berichtet habe, rufen Substanzen, die MCS verursachen, auch viele andere Krankheiten hervor. Also, wir können und wir sollten anders und ohne derart viele chemische Produkte leben. Das wäre gleichermaßen für unsere Gesundheit, wie für die Umwelt gut. Wir müssen etwas ändern, bevor es zu spät ist. Die Veränderung beginnt mit jedem einzelnen von uns, da wir als Verbraucher mehr Macht haben als wir denken. Wenn keine Nachfrage da ist, gibt es auch kein Angebot. 

Und als Schlusswort möchte ich einen Absatz aus meinem Artikel „Wir werden nackt geboren“ zitieren: 

Jene von uns, die mit MCS leben, hätten gerne, dass diese Krankheit anerkannt wird, wir hätten gerne die gleichen Rechte wie andere chronische Patienten, wir hätten gerne, dass die Gesellschaft das Risiko, dem sie sich aussetzt, kennt, wir hätten gerne eine Regierung, die ihre Bürger schützt und die hilft, unnötige Erkrankungen zu verhindern. Wir möchten nicht, dass sich irgendjemand wegen MCS nackt fühlt.

 

Interview: Salvador López Arnal mit Eva Caballé, November 2009

Übersetzung: BrunO für CSN – Chemical Sensitivity Network, November 2009

Wer Teil I und Teil II des Interviews verpasst hat:

Wer Mitglied auf Facebook ist, kann Eva zu seinen Freunden hinzunehmen: No Fun auf Facebook

Interview Teil II – MCS Kranke werden vergessen, verschwiegen, ignoriert

Die Situation der Chemikaliensensiblen ist bereits fünf nach Zwölf

 

Die Spanierin Eva Caballé ist chemikaliensensibel und leidet zusätzlich unter CFS, chronischer Erschöpfung. Eva kann seit Jahren das Haus nicht verlassen, die meiste Zeit ist sie ans Bett gefesselt. Doch sie gibt nicht auf, sie ist eine international aktive

MCS Aktivistin, Buchautorin und Autorin des Blog No Fun. In einem Interview mit Salvador López Arnal berichtet sie über die Situation der MCS-Kranken in Spanien, die sich nicht wesentlich von der Misere unterscheidet, denen deutsche Chemikaliensensible ausgesetzt sind. Im Teil I des Interviews erläuterte Eva was MCS ist, wie verbreitet MCS ist, wo die Krankheit anerkannt ist. Im heutigen Teil II des Interviews berichtet Eva über die Ursachen von MCS, was Erkrankte tun können, um sich zu stabilisieren und warum bestimmte Personen die Krankheit mit Nachdruck in Richtung psychisch bedingt schieben wollen.

Interview Salvador López Arnal mit Eva Caballé, November 2009, Teil II:

Wer Teil I verpasst hat: Interview TEIL I 

EVA-CABALLELópez-Arnal:  Und kennen wir die Ursachen? Sie haben gesagt, MCS hängt mit Umweltfaktoren zusammen, was bedeutet dies genau? 

Eva Caballé: Studien sagen, die Ursachen sind Gifte in der Umwelt, denen wir ausgesetzt sind. Es gibt zwei Wege, MCS zu entwickeln. Eine einmalige Exposition in hoher Dosis oder mehrere Expositionen niedriger Dosen über Jahre. 

Giftige Substanzen gibt es in der Luft, die wir atmen, im Wasser, das wir trinken (in der Plastikflasche, wenn wir Wasser aus dem Handel trinken), in der Kleidung, die wir tragen (Formaldehyd, Farbstoffe, Pestizid-rückstände), in den Reinigungsmitteln, in der Kosmetik, in der Nahrung, die wir essen (Pestizide, Zusatzstoffe und künstliche Farben, die in den USA für viele Jahre verboten waren, weil sie Krebs hervorrufen), oder z.B. in Zahnfüllungen aus Amalgam (die Quecksilber enthalten). 

Über die Jahre akkumuliert unser Körper all diese chemischen Stoffe, die unkontrolliert in unserer Umwelt zirkulieren, Substanzen, von denen wir nicht vergessen sollten, dass sie gar nicht so viele Jahre in Gebrauch waren. Wenn die toxische Belastung nicht mehr tragbar ist, werden wir irgendwann krank, was je nach unserer genetischen Disposition mit MCS enden kann, während andere auch nicht ungeschoren davon kommen. Sie bekommen Krebs, Asthma, Allergien, Autoimmunerkrankungen und irgendwelche anderen umweltbedingten Krankheiten. 

Sogar Ärzte beklagen, dass es für die Erforschung von MCS keine Mittel gibt, dass niemand MCS-Studien finanzieren will, da Studien normalerweise von pharmazeutischen Firmen finanziert werden, damit sie ein Medikament entwickeln können, von dem sie profitieren wollen. Weil MCS-Patienten aber keine Medikamente vertragen, sind wir für sie uninteressant. 

LA: Doch welchen Sinn macht es, all das zu wissen und keine Maßnahmen zu ergreifen? Warum benutzen wir diese Produkte weiter, obwohl wir von ihrer Giftigkeit und dem hohen Risiko wissen, das mit ihrem Gebrauch verbunden ist? Die Situation, die Sie beschreiben, ist nicht bestens. Warum bringen wir in das giftige Chaos keine Ordnung? 

EC: Das ist eine gute Frage. Es macht keinen Sinn, keine Maßnahmen zu ergreifen und diese Produkte weiter zu benutzen. Wenn die Gesundheitsbehörden nichts unternehmen, dann besteht noch die Möglichkeit, den Gebrauch dieser Produkte zu stoppen, und es wird an uns liegen, diese Angelegenheiten selber in die Hand zu nehmen. 

Auf den Etiketten von Weichspülern, Kosmetik, Parfüms oder Lufterfrischern steht nicht „Achtung, dieses Produkt ist giftig und es wird sich in Ihrem Körper solange ansammeln, bis es Multiple Chemical Sensitivity bei Ihnen auslöst“. Niemand hat mich gewarnt. Darum versuche ich alles, was ich gelernt habe, seitdem ich vor vier Jahren krank wurde, anderen mitzuteilen, damit die Menschen wissen, was uns nicht erzählt wird. 

Wenn es beispielsweise schon schwierig ist, das Rauchen zu regulieren, wird dies alles noch schwieriger sein, da wir hier nicht von einem einzelnen Produkt sprechen. Das Problem ist noch größer. Hat denn jeder vergessen, dass in den 60’er Jahren medizinische Forschungsberichte unterdrückt oder verändert wurden, Berichte die zeigten, dass Tabak Krebs hervorruft? Was gerade passiert, ist nicht neu. Die Macht ist nicht in den Händen der Politiker. Sie ist in den Händen multinationaler Konzerne. 

LA: Beschreiben Sie kurz das Leben einer Person mit MCS. Welche Maßnahmen muss sie ergreifen. Welcher Behandlung muss sie sich unterziehen? 

EC: Die Behandlung beruht im Wesentlichen auf einem Grundsatz: Kontrolle der Umgebung. 

Kontrolle der Umgebung bedeutet in wenigen Worten, jegliche Exposition durch chemische Substanzen so gut es geht grundsätzlich zu vermeiden. Die wichtigsten Details sind: 

  • Ökologische Kleidung, nichtverarbeitete Lebensmittel (normalerweise wird empfohlen Molkereiprodukte und Gluten zu meiden) 
  • Das Wasser filtern, das Trinkwasser wie auch das Wasser zum Kochen und Duschen
  • Alle Kosmetik und Reinigungsmittel durch ökologische ersetzten, die keine Duftstoffe enthalten. Logischerweise muss man aufhören, Parfüm, Lufterfrischer, Weichspüler und dergleichen zu benutzen. 
  • Tragen Sie ökologische Kleidung, die keine Farbstoffe oder Gifte enthält. 
  • Schaffen Sie einen Luftfilter an. 
  • Kaufen Sie Möbel und Matratzen, die aus ökologischem Material hergestellt und nicht mit Chemie behandelt wurden. Wenn sie renovieren, benutzen Sie ökologische Wandfarbe. 
  • Vermeiden oder minimieren sie die Exposition durch elektromagnetische Felder.
  •  Benutzen Sie eine Kohlefilter-Atemmaske, wenn Sie raus gehen oder in Situationen mit hoher Giftstoffkonzentration. 
  • Versuchen Sie in einer Gegend, die so wenig wie möglich schadstoffbelastet ist, in einem aus ungiftigen Materialien gebauten Haus zu wohnen. 

Wie Sie sehen können, ist die Kontrolle der Umgebung mit hohem finanziellem Aufwand verbunden, für den wir keine Unterstützung bekommen und der letzte Punkt, (in einer geeigneten Wohnung zu leben), ist meistens nicht zu verwirklichen. 

Neben Kontrolle der Umgebung, die auch Gesunden gut tut, gibt es auf die Person abgestimmte Behandlungen. Diese umfassen Nahrungsergänzungsmittel, Sauna, Sauerstofftherapie usw. Jeder Mensch mit MCS ist anderes und einige haben auch andere, zusätzliche Erkrankungen. Deshalb bedarf es vieler Tests, um das Beste für die jeweilige Situation zu ermitteln. In Spanien wird nichts davon vom öffentlichen Gesundheitssystem geleistet. 

Jene von uns mit schwerer MCS können die Wohnung kaum verlassen. Unser Leben ist auf die Wohnung beschränkt, sie wird unser Gefängnis, in welchem die meisten von uns nicht mal die Hausarbeit selber erledigen können. In manchen Fällen verbringen wir die meiste Zeit des Tages im Bett und müssen uns wegen fast allem auf Familienmitglieder verlassen. Der Kontakt mit der Außenwelt ist auf Telefongespräche reduziert, sofern man die Kraft dafür hat, oder gelegentliche Besuche von Menschen, die bereit sind, wegen uns die Art, wie sie ihre Wäsche waschen und ihren Körper pflegen, zu ändern. Natürlich gibt es das Internet für jene von uns, die keine ernsthaften kognitiven oder Probleme mit Elektrosensitivität haben. 

LA: Welche Unterstützung bekommt eine Person mit MCS von der Regierung? Es scheint doch nicht möglich zu sein, dass derart kranke Menschen arbeiten können. Wie richten Sie ihren Haushalt ein, wenn die Familie keine Zeit dafür hat? 

EC: Wir erhalten keine Hilfe, wenn wir MCS haben. Selbst die Atemmasken, ohne die wir nicht überleben können, müssen wir selber zahlen. Dies ist das ökonomische Drama, das sich parallel zu dieser Krankheit abspielt. Wenn man schwere MCS hat, kann man nicht arbeiten. Wenn man eine mildere Form von MCS hat, ist es nicht möglich zu arbeiten, weil kein Chef bereit ist, den Arbeitsplatz so anzupassen, damit eine Person mit MCS die Arbeit fortsetzen könnte. In wenigen Fällen werden manche als behindert anerkannt, aber gewöhnlich ist es erforderlich zu klagen. Wir müssen uns daran erinnern, dass jüngere Menschen krank werden, die nicht lange genug gearbeitet haben, um einen Rentenanspruch zu erwerben. Wie sieht deren Zukunft aus? Ich sage immer, ich bin erstaunt, dass es nicht mehr Depressionen unter Leuten mit MCS gibt. Wer wäre denn in einer derart harten Situation nicht deprimiert? 

Man kann versuchen, als behindert anerkannt zu werden, aber die Geldbeträge, die man bekommt, sind sehr gering und hängen vom anerkannten Schweregrad ab. 

In meinem Fall bin ich glücklich, meinen Mann und die Hilfe meiner Mutter zu haben. Da ich derart heftig erkrankt bin, kann ich nichts im Haushalt machen, nicht mal für mich kochen. Selbst wenn ich das Geld hätte, jemanden dafür zu bezahlen, dass er herkommt und mir im Haushalt hilft, wäre das nicht möglich. Nur um überhaupt herkommen zu können, musste meine Mutter ihre Wasch- und Reinigungsgewohnheiten ändern, genauso wie sie vorher duschen muss. 

LA: Warum hören wir so wenig über Multiple Chemical Sensitivity? Was steckt hinter allem? Was steckt hinter dem Schweigen? 

EC: Ja, hinter dem Schweigen ist etwas versteckt: Das Interesse der chemischen und pharmazeutischen Industrie, nicht publik werden zu lassen, dass ihre Produkte schlimme neue Erkrankungen wie MCS verursachen. In jüngster Zeit wurde bewiesen, dass MCS nicht psychisch bedingt ist und dass die Studien der Vergangenheit, die dies behaupteten, manipuliert worden sind, um die Interessen der chemischen und pharmazeutischen Industrie zu schützen. 

Unglücklicherweise ist es für die Regierung sehr einfach, uns zu ignorieren, da die meisten von uns unter Hausarrest leben und wir nicht die Kraft haben, uns selber zu organisieren. Dies ist eindeutig ein Machtmissbrauch. Nur unsere Familien, Freunde und Nachbarn wissen, dass es uns gibt und wie schwer unser alltägliches Leben ist. 

Aber wir sind viele und werden trotz der Widrigkeit unserer Situation täglich mehr. Von zu Hause aus kämpfen wir über das Internet für unsere Rechte, versuchen MCS sichtbar zu machen und Informationen untereinander auszutauschen, da unsere Regierung uns nicht hilft. 

LA: Sie sprechen von manipulierten Studien, die „bewiesen“, dass MCS eine psychologische Erkrankung sei, um die Interessen großer Firmen zu wahren. Sind diese durch den Glanz des Geldes geblendet? Können Sie uns ein Beispiel beschreiben? 

EC: Im September 2008 veröffentlichte das Journal of Nutritional & Environmental Medicine eine Studie von Goudsmit und Howes, die hieß, „Ist Multiple Chemical Sensitivity eine erlernte Reaktion? Eine kritische Evaluation von Provokationsstudien“. Diese Studie ergab, dass MCS keine psychische Erkrankung ist und dass ihre Entstehung mit chemischen Substanzen zusammen hängt. Ich habe den Artikel ins Spanische übersetzt, mit dem MCS America diese Studie würdigte. 

In der Vergangenheit haben ein paar wenige schlecht entworfene Studien den Schluss nahe gelegt, MCS wäre eine psychische Erkrankung, die auf schon vorher bestehenden Erwartungen und Auffassungen beruht. Die pharmazeutische und chemische Industrie hat sich bemüht, jeden an diesen Satz glauben zu lassen, denn auf diese Weise sind ihre chemischen Produkte nicht mehr die verantwortlichen und der Einsatz von profitablen psychiatrischen Medikamenten wird mit der Begründung eines Mangels an Medikamenten gefördert, mit welchen den psychischen Auswirkungen der Umweltverschmutzung begegnet werden könnte. Da die meisten Chemie- und Pharmafirmen denselben Leuten gehören, wurde diese Position trickreich und mit aller Macht mittels Publikationen, die von diesen Firmen kontrolliert wurden, durchgedrückt. Glücklicherweise wurden diese manipulierten Studien von Goudsmit und Howes durch zusätzliche wissenschaftlich anerkannte Kriterien überprüft. Auf diese Weise erwiesen sich Studien, die eine psychologische Basis von MCS behaupteten, als sehr irreführend und mit zahlreichen methodischen Mängeln und Fehlern behaftet. Es kam heraus, dass MCS eher mit der Exposition durch chemische Substanzen als mit Angst, psychosomatischen Störungen und Depressionen zusammenhängt.  

Interview von Salvador López Arnal mit Eva Caballé, November 2009

Übersetzung: BrunO für CSN – Chemical Sensitivity Network, 11. November 2009

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Fortsetzung folgt…

Übergewicht – Warum wir fett werden – Fakten, Hintergründe, Prävention

Übergewicht hat Hintergründe - Chemikalien

 

MEINE MUTTER HAT MICH FETT GEMACHT

 

Wenn Joannie nicht etwa dreimal die Woche Big Macs gegessen hätte, wäre sie nicht fett geworden. Wenn sie, während sie noch im Bauch ihrer Mutter war, nicht den Chemikalien x, y und z ausgesetzt gewesen wäre, hätte Joannie nicht die Neigung gehabt fett zu werden. Und wenn Joannie’s Mutter etwas vernünftiger gegessen hätte, wäre beider Hüften schlanker. 

Fette Menschen sind meistens schon programmiert dafür, fett zu werden, bevor sie auch nur den ersten Schluck Milch getrunken haben. 

Die Nachricht des Tages ist, dass Pestizide zu den Chemikalien gehören, die für diese Programmierung verantwortlich sind. 

Zwei von drei erwachsenen Amerikanern sind jetzt als übergewichtig eingestuft. Typ II Diabetes hat über die letzten Jahrzehnte wie eine Maßeinheit zugenommen, Herzerkrankungen ebenfalls. Das ist kein Zufall. Diese Krankheiten teilen sich gemeinsame Charakteristika: Sie werden im Mutterleib durch Exposition gegenüber bestimmten Chemikalien ausgelöst, und das Ergebnis zeigt sich im Erwachsenenleben. Wissenschaftler nennen dieses Gebilde „den fetalen Ursprung von Erwachsenenkrankheiten.“ 

Die wahrscheinlichsten Missetäter sind Chemikalien, die jetzt zusammen in der Rubrik „endokrine Disruptoren“ gruppiert werden. (Anm.: Damit werden Stoffe bezeichnet, die wie Hormone wirken und so das empfindliche Gleichgewicht des Hormonsystems stören können). 

Es ist seit etwa zwei Jahrzehnten bekannt, wenn auch von den Herstellern bestritten, dass diese Chemikalien die normalen Signalübertragungswege für Hormone verändern. Man denke an Bisphenol A (BPA), zur Zeit der meist gefeierte endokrine Disruptor der Nation. 

Pestizide, wenn auch nicht speziell als endokrine Disruptoren gedacht, noch als solche geregelt, können ebenso die normale Entwicklung aus der Spur bringen. Die Wissenschaft hat gerade eben festgestellt, dass eine Gruppe von Pestiziden, die zudem weltweit am Häufigsten Verwendung findet, in Zusammenhang mit diesen drei Erwachsenenkrankheiten steht. Es ist die Gruppe der Organophosphate, zusammengebraut aus Mineralöl mit einer Beigabe von Phosphorsäure.  

Wenn Ratten diesen Pestiziden durch die Nahrung der Mutter in der Entwicklungsphase ausgesetzt sind, die equivalent dem zweiten Trimester eines menschlichen Babys im Mutterleib ist, verändert sich deren Metabolismus auf zwei Arten: Ihr Cholesterol und die Triglyzeride steigen an. Diese abnormen und bleibenden Veränderungen ähneln denen, die im späteren Leben Übergewicht, Diabetes und Herzkrankheiten vorausbestimmen und lenken (Speziell Arteriosklerose, ein Zustand, bei dem sich fettes Material entlang der Arterien ansammelt und die Arterienwände verhärten lässt). 

Diese Veränderungen des Metabolismus geschehen auf niedrigem Niveau, innerhalb der Werte, denen wir einheitlich ausgesetzt sind, Werte, von denen die Umweltschutzbehörde angibt, dass sie „sicher“ sind, was sie aber augenscheinlich nicht sind. Die Veränderungen sind am Stärksten, wenn die Rattenmütter mit einer fettreichen Diät gefüttert werden. Menschliche Babys, selbst wenn sie bei Geburt untergewichtig sind (und es gibt eine Flut von untergewichtigen Babys) werden schnell übergewichtig. 

Menschen sind diesen Pestiziden durch unsere Nahrung und unser Wasser ausgesetzt. Natürlich sind unsere Kinder ihnen, wenn sie geboren sind, weiterhin ausgesetzt, und in Wahrheit sind sie ihnen als Erwachsene noch stärker ausgesetzt, weil sie in Relation mit ihrem Körpergewicht mehr essen und trinken und eine vergleichbar größere Hautoberfläche haben.

Die weiteren Bevölkerungsgruppen, die am häufigsten Organophosphaten und anderen Pestiziden ausgesetzt sind, sind die gleichen Bevölkerungsgruppen mit den höchsten Übergewichtsanteilen – Menschen, die in heruntergekommenen innerstädtischen Gegenden wohnen, die Armen, und die Landarbeiter. Nochmals, das ist kein Zufall, aber ein Zusammenhang, ein Auslöser.

Dr. Ted Slotkin von der Duke University, der Forscher, der verantwortlich ist für diese Erkenntnisse, hat einen anderen zwingenden Anhaltspunkt gefunden: Exposition verursachte Schädigungen im Gehirn von Nagetieren, als auch in dessen Metabolismus. Wenn das exponierte Labortier dann geboren ist und angefangen hat, selbstständig zu fressen, reduzierte der Verzehr fettreicher Nahrung die widrigen Symptome bei deren Hirnfunktion. Wie Dr. Slotkin sinnierend sagte, „Wenn man neurofunktionale Defizite entwickelt hat, und diese durch pausenloses Essen von Big Macs ausgeglichen werden können, dann wird man natürlich (aber unbewusst) diese Art von Essen auswählen, weil man sich dadurch besser fühlt.“ Bedauerlicherweise, verstärkt jedoch vermehrtes Fett die Schädigung des Metabolismus bei Tieren oder bei Menschen.  

Was diese Erkenntnisse für Sie bedeuten:  

Speziell wenn man schwanger werden will, während der Schwangerschaft, während des Stillens und für Ihre Kinder, sollten Sie Pestizide vermeiden; Sie sollten biologisch essen.

Als Information über Hormonsystem beeinträchtigende Substanzen sollte man die Broschüren, die von einer gemeinnützigen Initiative herausgegeben wurde, lesen: BUND INFO-BROSCHÜREN

Autor: Alice Shabecoff für CSN – Chemical Sensitivity Network, 8. November 2009

Übersetzung: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network

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Alice Shabecoff war in ihrem Berufsleben als Journalistin für die New York Times, die Washington Post und die International Herald Tribune tätig. Sie schrieb zusammen mit ihrem Mann Philip Shabecoff das Buch Poisoned Profits.

CSN Artikel zum Buch von Philip und Alice Shabecoff: Vergiftete Profite

Neues Buch zeigt Ursachen von Umweltkrankheiten und vieler chronischer Krankheiten auf, einschließlich Alzheimer, Parkinson, MS

Rezension zum Buch „Umweltschadstoffe und neurodegenerative Erkrankungen des Gehirns (Demenzkrankheiten)“ 

Neues Buch H-U. HillViele chronische Krankheiten, die langsam fortschreiten und zu zunehmenden Allge-meinbeschwerden führen, wurden in den letzten Jahren als Folge von andauernden Expositionen der Betroffenen gegenüber Umweltchemikalien beschrieben, darunter das Chronische Erschöpfungssyndrom, die Toxische Enzephalopathie, das Lösungs-mittel- und Holzschutzmittel-Syndrom, die Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS), um nur einige zu nennen. Aber auch die in der Häufigkeit innerhalb der Bevölkerung rasant zunehmenden Demenzerkrankungen wie die Parkinson-Krankheit, die Alzheimer-Krank-heit, die Multiple Sklerose und andere, die irreversibel bis zum Absterben ganzer Hirnregionen verlaufen, werden durch eine zunehmende Zahl von wissenschaftlichen Befunden mit Expositionen gegenüber Umweltchemikalien in Zusammenhang gebracht.   

Die Wissenschaft hat vielfältige Hinweise dafür geliefert, dass als Folge der Wirkungen dieser Chemikalien chronisch entzündliche Krankheitsprozesse im Gehirn ablaufen, die sich selbst verstärken und verselbständigen, und dies auch dann, wenn in den Körperflüssigkeiten die auslösenden Chemikalien mit den gängigen laboranalytischen Methoden schon lange nicht mehr nachweisbar sind. 

Das Buch von H.U. Hill beschreibt ausführlich neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zu den biochemischen Mechanismen dieser Demenzkrankheiten und kommt zu dem Schluss, dass Umweltchemikalien neben anderen Faktoren als Auslöser dieser irreversibel verlaufenden schweren Krankheiten in Frage kommen. Dies wird sowohl durch epidemiologische Daten als auch durch die biochemischen Mechanismen der Krankheiten belegt. Auffällig ist dabei, dass die Krankheitsmechanismen in wesentlichen Merkmalen mit den von Pall in seinem Buch „Explaining unexplained Illnesses“ (2007) beschriebenen Mechanismen chronischer Multisystem-Erkrankungen, zu denen auch die Multiple Chemikalien Sensitivität (MCS) gehört, übereinstimmen. Dies wird am Beispiel des oxidativen und nitrosativen Stresses, der Aktivierung des NMDA-Rezeptors und des Stickstoffoxid-Peroxynitrit-Zyklus aufgezeigt. 

Das Buch nimmt eine Gegenposition ein zu einem Kausalitätsverständnis von Gutachtern, die Langzeitwirkungen von Chemikalien im Gehirn außer Acht lassen und nur akute toxische Wirkungen von Chemikalien-Expositionen als bewiesen gelten lassen. Leider aber verhalten sich die chronischen Wirkungen von Chemikalien besonders im Gehirn und Nervensystem nicht so, wie dies die kurze Halbwertszeit der Erkenntnis zeitlicher Zusammenhänge bei Gutachtern, Richtern, Vertretern des Gesundheitswesens und Politikern zulässt. 

Vorangestellt ist ein Kapitel, in dem exemplarisch die neurotoxischen Wirkungen einiger wichtiger Chemikalien dargestellt werden. Dabei weisen aktuelle Erkenntnisse über Wirkungen von Insektiziden vom Typ der organischen Phosphorverbindungen (Organophosphate) bereits auf die Mechanismen chronisch-degenerativer Demenz-Erkrankungen hin. Das Buch macht deutlich, dass diese Pestizide und andere Umweltchemikalien für die rasante Zunahme von Demenzkrankheiten in den Industrieländern verantwortlich gemacht werden können. 

Hans-Ulrich Hill: „Umweltschadstoffe und Neurodegenerative Erkrankungen des Gehirns (Demenzkrankheiten)“, 162 S., 3 Abb., Preis: 19,80 Euro, Shaker-Verlag Aachen, 2009, ISBN 978-3-8322-8582-1