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Grüne Chemie – Die Zukunft braucht neue Lehrpläne

Neues Zeitalter, neue Lehrpläne

Viele Amerikaner denken über ihr Verhältnis zu Chemikalien nach, fragen, wo sie in Mensch und Umwelt bleiben, nachdem sie ihren Zweck erfüllt haben. Mittlerweile lehren Universitäten ihre Studenten, genau solche Fragen zu stellen. Ingrid Lobet berichtet, was sich an der kalifornischen Universität in Berkeley tat.

GELLERMAN: Seit mehr als 60 Jahren versprach die Chemiefirma DuPont: „Bessere Dinge für ein besseres Leben dank Chemie.“ Nun, heute sollte der Slogan so lauten: „Eine bessere Chemie für ein besseres Leben.“

Überall in unserem Land versuchen Chemiker in Laboren neue chemische Formeln zu entwickeln, um Produkte sicherer zu machen. Und an vielen Universitäten lernen die Studenten, wie das geht. Man nennt es Grüne Chemie. Ingrid Lobet von Living on Earth berichtet über die Veränderungen an einer der einflussreichsten chemischen Fakultäten der USA, an der Universität von Kalifornien in Berkeley.

Living on Earth Interview:

LOBET: Michael Wilson steht vor einer Garage, zwei Blöcke vom Campus der UC Berkeley (University of California, Berkeley) entfernt.

WILSON: Wir besuchen gerade eine normale Autoreparaturwerkstatt. Es gibt ungefähr sechs oder acht Mechaniker, die hier an Fahrzeugen auf hydraulischen Hebebühnen arbeiten, und wie man sieht, ist dies eine Prozedur, bei der ziemlich viele Lösungsmittel zur Anwendung kommen.

LOBET: Wilson ist jetzt Professor für Öffentliche Gesundheit, aber vor acht Jahren war er Sanitäter bei der Feuerwehr, der in Berkeley Umweltmedizin studierte, um zu promovieren, als er vom Fall eines verletzten Arbeiters erfuhr.

WILSON: Es war ein junger Mann, ein 24-jähriger Auto- mechaniker, mit sehr weit voran geschrittenen Symptomen einer neurologischen Erkrankung. Er hatte den Tastsinn und die motorischen Funktionen in seinen Extremitäten verloren. Seine Hände hatten keine Kraft mehr, er saß im Rollstuhl.

LOBET: Das Gesundheitsministerium ahnte, was mit diesem jungen Mann geschah.

WILSON: Er verbrauchte jeden Tag ungefähr acht bis zehn Behälter eines handelsüblichen Lösungsmittels zur Reinigung von Bremsanlagen, das Hexan und Aceton enthielt. Und diese chemische Zusammensetzung verursacht Nervenschäden.

LOBET: Wilson interessierte, ob es sich um einen Einzelfall handelte, deshalb begann er, Autowerkstätten zu besuchen. Allein in Gebiet um die Berkeley Bucht fand er 14 weitere Mechaniker mit ähnlichen neurologischen Schäden. Sie sprühten die Autos mit dem reinigenden Lösungsmittel ein und arbeiteten daran, während die Dämpfe, wie Wilson bemerkt, in ihren Atembereich aufstiegen.

LOBET: Dieser toxische Bremsreiniger war nicht etwas, das es schon seit Jahren gab und das der Aufmerksamkeit des kalifornischen Gesetzgebers entglitten war. Es war ein neues Produkt. Die kalifornischen Behörden hatten die Hersteller gebeten, einen Teil des Hexans aus dem Reiniger heraus zu nehmen, da es sich in Ozon umwandeln kann, welches die Lungen der Menschen angreift und Asthma verschlimmert. Das taten sie und ersetzen es durch Aceton.

WILSON: Wie kommt es, dass ein bekanntes neurotoxisches Lösungsmittel im gesamten Bundesstaat Kalifornien von Arbeitern völlig unkontrolliert eingesetzt wird?

LOBET: An der Uni, so sagt Wilson, fand er sich in der heiklen Situation wieder, jene Disziplin verändern zu wollen, in die er sich gerade begeben hatte.

WILSON: Typischerweise befasste sich unser Fach damit, das Ausmaß des Schadens festzustellen, und in mir erwachte das Interesse an den sich daraus ergebenden Fragen wie:

  • Warum lassen wir es überhaupt zu diesen Gesundheitsgefahren in Beruf und Umwelt kommen?
  • Haben wir nicht die Begabung und die Ressourcen, von vorneherein sicherere Chemikalien und Produkte herzustellen?

LOBET: Diese Fragen führten Wilson in die Fachrichtung der Grünen Chemie. In den 90’er Jahren von Paul Anastas und John Warner eingeführt, handelt es sich um ein sich neu entwickelndes Fachgebiet, das untersucht, wo sich Chemikalien in Mensch und Umwelt ansammeln und das für sicherere Substanzen eintritt. Als nächstes fing Wilson an, mit der Fakultät für Chemie zu verhandeln.

WILSON: Wir stellten fest, dass sich hier auf dem Campus von Berkeley an der Ausbildung von Chemikern in den vergangenen 30 bis 40 Jahren nicht wirklich viel geändert hat.

LOBET: Nicht viel später traf Wilson einen neuen Chemie-Doktoranten, der an die Universität gekommen war. Marty Mulvihill und Mike Wilson hatte etwas gemeinsam – nennen wir es eine Herangehensweise im Sinne des Gemeinwohls.

MULVIHILL: Während meiner Zeit hier legte ich sehr großen Wert darauf, nicht nur zu forschen, sondern auf die Menschen in meinem Umfeld zuzugehen und darüber nachzudenken, wie gerade Chemiker die Gesellschaft beeinflussen können. [Gedanken] wie: Wir nehmen sehr viele Ressourcen von der Gesellschaft, Chemie ist eine sehr ressourcenintensive Angelegenheit. [Fragen] wie: Auf welche Art geben wir etwas zurück?

LOBET: Mit dieser Art gesellschaftlicher Orientierung war es selbstverständlich, dass Mulvihill als erstes damit anfing, eine Zusammenarbeit mit anderen Chemie-Doktoranten zu organisieren, als er nach Berkeley kam.

MULVIHILL: Der Name dieser Gruppe war tatsächlich „Chemiker für den Frieden„, der sich für einen Ort wie Berkeley als zu kontrovers heraus stellte. Genauer gesagt denkt man, in Berkeley gehe es besonders aktivistisch zu, doch wenn sie sich den Fachbereich Chemie ansehen, so ist dort alles, was einen politischen Anschein hat, nicht besonders akzeptiert.

So ließen wir eine Menge Werbetassen (Beispiel) [für unser Anliegen] herstellen, die Leute fanden es gut dass, wir da waren, aber wir konnten nicht wirklich Fuß fassen.

LOBET: Mulvihill dämmerte, dass er zu Wissenschaftlern wissenschaftlich sprechen musste. Er und eine Kerngruppe weiterer Doktoranten organisierten deshalb ihre eigene Seminarreihe.

Von Dow Chemical bekamen sie finanzielle Unterstützung und engagierte Chefdenker der Grünen Chemie: John Warner, Paul Anastas und Terry Collins. Mulvihill erzählt, dass die Chemische Fakultät ihnen zuerst nicht mal einen Versammlungsraum überlassen wollte, aber allmählich setzten sich die Studenten durch.

MULVIHILL: Ich kann mich noch an den Abend erinnern, als es geschah. Der Dekan war gerade herein gekommen. Ich glaube, es war sein erstes, oder vielleicht sein zweites Jahr. Das Doktoranten-Seminar lief und John Warner, einer der Väter, einer der Typen, die das erste Buch der Grünen Chemie geschrieben hatten, hatte sich bereit erklärt, vorbei zu kommen und einen Vortrag zu halten. Und der Dekan tauchte tatsächlich zu diesem Vortrag auf. Er erschien nicht nur zum Vortrag, sondern er kam auch zum anschließenden Dinner mit, und es war lustig zu beobachten, wie der Dekan und John Warner, genauer, wie Dekan Rich Mathies und John Warner miteinander kommunizierten und mit einem Mal wurde mir klar, dass das Ganze nun größer ist als ich.

LOBET: Um die Bedeutung dessen, was in Berkeley und an anderen Universität im Land geschah. wirklich verstehen zu können, muss man wissen, wie fern den meisten Chemikern Gesundheitsfragen lagen. Für dieses Wissenschaftsgebiet ist die Toxikologie zuständig: die Untersuchung der Nebenwirkungen chemischer Substanzen auf Lebewesen, und auch die von Naturkräften und biologischen Stoffen.

MULVIHILL: Eine traditionelle Ausbildung zum Chemiker vermittelt nicht viel über das, was mit dem Zeug passiert. Man lernt viel darüber, wie man es herstellt, und wie man es billig und wirksam macht – das gehört alles zur traditionellen wissenschaftlichen Ausbildung. Wo die Stoffe landen, wie sie sich möglicherweise auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt auswirken, genau das gehörte traditioneller Weise nicht zur Chemieausbildung.

NARAYAN: Wir arbeiten die ganze Zeit mit diesen Chemikalien, aber wir wissen nicht unbedingt, wie giftig sie sind. Oder wenn sie giftig sind, [wissen wir nicht,] wie sie wirken und warum sie für Menschen schädlich sind.

LOBET: Hier ist Alison Narayan, ein weitere Studentin, welche die von Studenten durch- geführten Seminarreihen organisiert. Narayan ist im fünften Jahr der Organischen Chemie und entwickelt völlig neue Stoffe.

NARAYAN: In der Tat ist unsere Ausbildung auf die Reaktionsfähigkeit der Chemikalien ausgerichtet und darauf, neue Reaktionen und neue Herstellungsver- fahren zu entwickeln, und nicht notwendigerweise darauf, etwa das Verhalten oder die Toxizität dieser Materialien zu untersuchen.

LOBET: Narayan sagt, sie war überrascht, dass es in ihrer Chemieausbildung keinen Toxikologie-Unterricht gab. Und der Wissenschaftler für Umweltmedizin Michael Wilson meint, ihm erscheine es ebenfalls seltsam.

WILSON: Fakt ist, dass man in den Vereinigten Staaten den Grad eines Bachelors, eines Masters und eines Doktors der Chemie an allen Universitäten und Colleges erwerben kann und nie ein Grundverständnis dafür nachweisen muss, wie sich Chemikalien auf die menschliche Gesundheit oder die Umwelt auswirken. Und sind wir also überrascht, dass giftige Materialien ihren Weg in Verbraucherprodukte finden, die überall auf dem Markt erhältlich sind? Wir sollten es wahrscheinlich nicht sein.

LOBET: Und Wilson sagt, Chemiker sind nicht die einzigen Wissenschaftler, die der Toxikologie nicht viel Aufmerksamkeit gewidmet haben. Erstaunlicherweise sind selbst Fachleute für Öffentliche Gesundheit oft nicht darin ausgebildet.

WILSON: Nun sehen wir eine Veränderung in der Disziplin der Öffentlichen Gesundheit, welche den Gedanken der Grünen Chemie aufgreift, während bis jetzt unsere Aufgabe hauptsächliche darin bestand, das Ausmaß des Problems festzustellen, zu bewerten und zu beschreiben. Es ist für uns in der Öffentlichen Gesundheit und der Umweltmedizin schlichtweg nicht mehr länger möglich, den Schaden zu begrenzen [wörtlich: die Sauerei am Ende der Leitung wegzuputzen]. Wir müssen Chemikalien, wir müssen Produkte so konzipieren, dass sie nicht im menschlichen Blut und in der Muttermilch und in Sondermülldeponien und im Grundwasser zum Vorschein kommen.

LOBET: Die ersten deutlichen Hinweise auf Veränderungen, die in Berkeley über die von Studenten organisierten Seminare hinaus stattfanden, machten sich letzten Sommer bemerkbar. Zum ersten Mal bot die Universität seine Einführungsver- anstaltung mit der Wahlmöglichkeit an, eine eigenständige grüne Laborübung zu belegen.

LOBET: Heute machen Swetha Akella und Michael Poon, Studenten im zweiten Jahr, ein Praktikum in einem der neuen Labors.

POON: Was sie [Akella] zurzeit versucht, ist die Konzentration von Farbstoffen in Getränken festzustellen um zu sehen, wie viel wir davon aufnehmen. Red 40 [roter Azofarbstoff] kommt in vielen Verbraucherprodukten vor. Da die Konzentrationen des Farbstoffes sehr gering sind, muss man das Wasser aufkochen und das erhöht den Anteil der Farbstoffe in den Proben. Hier habe ich Sunkist und Hawaiian Punch.

AKELLA: Ich denke, das was mich wirklich anspricht ist die Anwendbarkeit, denn oft macht man Laborarbeiten, bei denen man vielleicht irgendeine Konzentration findet, die man wahrscheinlich hinterher vergisst. Doch wenn man z.B. im Sonnenschutzmittel-Labor oder in diesem Labor hier arbeitet, überlegt man es sich wirklich das nächste Mal, wenn man Sonnenschutz aufträgt oder man beschließt, das nächste Mal ein Selters zu trinken.

LOBET: Poon weist darauf hin, dass es nicht nur um das geht, womit man sich im Labor befasst.

POON: Ich denke, es ist wirklich wichtig darüber nachzudenken, wozu das eigene Handeln führt. Wohin fließt es, wenn Du etwas in den Ausguss gießt? Denke darüber nach und über das, was erforderlich ist, es wieder sauber aufzubereiten, damit dieses Wasser wieder benutzt werden kann.

LOBET: Eine Auswertung der Befragung von Studenten, die dieses erste Grüne Labor im Sommer belegt hatten, wies viel Begeisterung [bei den Studenten] nach. Chantelle Khambholja war eine dieser Studienanfängerinnen.

KHAMBHOLJA: Nun, in unserer ersten Laborübung ging es um Biotreibstoffe. In unserer ersten Übung befassten wir uns damit und untersuchten die Wirkung von Biotreibstoffen auf das Keimen von Saaten, um deren Ökotoxizität zu messen. In der zweiten Übung synthetisierten wir tatsächlich unser eigenes Biodiesel, was großartig war, und in der dritten Laborübung maßen wir die erzeugte Energiemenge, wenn man es verbrannte.

LOBET: In diesem Herbst hat die Chemische Fakultät alle Labore für die Laborübungen der Studienanfänger in grüne Labors umgewandelt. Die Berkeley Chemie-Dozentin Michelle Douskey beaufsichtigt die Übungsgruppenleiter für die Einführungskurse. Sie sagt, die traditionellen Chemie-Curricula stützen sich zu sehr auf gemerktes Wissen. Sie versucht dies zu ändern. Die neue Ausrichtung auf grüne Chemie, sagt sie, wird den Lehrstoff für die Studenten, die solche Fragen bereits stellen, relevanter machen.

DOUSKEY: Die Studenten interessieren sich sehr für Körperpflegemittel. Was ist in ihrer Wasserflasche? Gibt es in meiner wirklich alten Wohnung Blei in der Anstrichfarbe? Und all das sind chemische Probleme.

LOBET: Ein typischer Lehrplan oder ein Text, sagt Douskey, befasst sich vielleicht in einer Fragestellung mit jemandem, der sich wegen Blei im Trinkwasser Sorgen macht, um dann zur nächsten zu wechseln.

DOUSKEY: Wenn wir z.B. Blei in Farben untersuchen, können wir dies aus verschiedenen Blickrichtungen tun. Wir können Blei während des Semesters immer wieder aufgreifen. Bleibt es in der Farbe oder nicht. Wo hin gelangt es, wenn es in den Staub übergeht? Dann gibt es z.B. diesen ganzen Chemie-Unterrichtsstoff, wie man überhaupt Blei in Farben nachweist. Auf diese Art beziehen wir Themen mit ein wie, dass z.B. Licht mit Materialien interagiert und dass wir gewisse Instrumente haben, die uns helfen, diese Vorgänge genau zu messen. Darum kommt es mir so vor, als ob die Grüne Chemie dabei wäre uns zu gestatten, eine etwas vollständigere Geschichte zu erzählen. Es war wohl so, dass wir früher die Geschichte [einer Substanz] nur zum Teil erzählt haben, nämlich, „na gut, man muss nicht wissen, woher das kommt“.

LOBET: Die Idee, die ganze Geschichte zu lehren, war seit über einem Jahrzehnt Schwerpunkt an der University of Oregon. Als in der Grünen Chemie führend, schulte sie Chemie-Lehrkörper aus dem ganzen Land in einwöchigen Workshops. Das verleiht Julie Haack, der stellvertretenden Dekanin der Universität von Oregon, einen geschärften Blick für die Veränderungen in Berkeley.

HAACK: Ich denke, die Veränderungen, die in Berkeley vor sich gehen, sind eine unglaubliche Validierung dieses Ansatzes.

LOBET: Eine Validierung wegen Berkeleys Bedeutung und Reichweite. Jedes Jahr werden 24 Hundertschaften neuer Studenten ihre wichtigsten Grundlagen über Chemie lernen … Grüne.

HAACK: Ich denke die Wirkung ist enorm. Es handelt sich um die zukünftigen Entscheidungsträger unserer Gesellschaft und was wir gesehen haben ist, sobald die Studenten mit den Werkzeugen der Grünen Chemie ausgerüstet sind, werden sie tatsächlich in die Lage versetzt, sich an den Lösungen zu beteiligen, mehr nachhaltige Produkte und Verfahren zu entwickeln.

LOBET: Sofern die Chemikerin Alison Narayan ein Indikator ist, wird die Veränderung umfassend sein, vom alltäglichen bis zum grundlegenden.

NARAYAN: So werde ich angeregt darüber nachzudenken, wie ich als Chemikerin arbeite, beispielsweise um die Menge des Abfalles, den man verursacht, zu reduzieren. Tatsächlich hatten wir gestern Abend in unserer Forschungsgruppe eine Diskussion über die Wiederverwendung von Reagenzgläsern. So benutzen wir sehr viele Reagenzgläser und üblicherweise werfen wir sie einfach weg, wenn wir sie nicht mehr brauchen. Deshalb ertappe ich mich in meiner Freizeit dabei, wie ich darüber nachdenke, was man sonst noch damit anfangen könnte. Oder wenn ich am Abzug stehe und warte, bis die Reaktionen abgelaufen sind, oder wenn ich im Bus zu meinem Labor sitze. Woraus könnte man dies oder jenes noch machen, anstatt die gebräuchliche Ausgangschemikalie auf Erdölbasis zu verwenden. So wirkt es, es färbt auf meine Gedanken über die Dinge ab und auf das, was ich mir erträume.

LOBET: Berkeley hat nun ein Zentrum für Grüne Chemie eröffnet. Im Frühjahr ist ein neuer Studiengang geplant. Und man wird einen neuen Schwerpunkt „Grüne Chemie“ anbieten, den Studenten wählen können, und dieser wird in ihren Abschlussurkunden wie ein Nebenfach eingetragen. Alle diese Veränderungen sind der Wahrnehmung der chemischen Industrie nicht entgangen, sagt Mike Wilson.

WILSON: Es sind Diskussionen, die den innersten Kern des Chemiegeschäftes erschüttern, die Dinge, die wir schreiben und die wir lehren, haben einen enormen Einfluss, was einige der größten Industriegruppen und die größten Firmen der Welt angeht. Und sicherlich haben sie ein Interesse daran, das, was wir hier machen, zu beeinflussen und deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein, denn wir wollen natürlich, dass diese Firmen den Gedanken der Grünen Chemie aufnehmen, nicht um sich grün zu waschen, sondern als grundlegendes Element ihres Firmenzwecks. Doch wir müssen auch in der Art, wie wir unsere Arbeit durchführen, unabhängig sein, deshalb gibt es eine innere Spannung, mit der wir fast täglich zu tun haben.

LOBET: Diese Spannung könnte in Berkeley stärker sein, wo sich die Veränderungen in der Chemieausbildung auf die Chemikalienpolitik in ganz Kalifornien auswirken. Doch der Wechsel zur Grünen Chemie scheint an allen Universitäten im Land deutlich stattzufinden. Noch einmal Julie Haack von der University of Oregon.

HAACK: Es ist unser Ziel, dass die Grüne Chemie zu dem wird, wie man Chemie lehrt. Und sehr bald wird die Grüne Chemie verschwinden und zum Grundprinzip der Chemie werden.

LOBET: Die Professoren in Berkeley sagen, das Ziel besteht darin, nicht nur die nächsten Generation von Chemiker hervorzubringen, sondern auch Schriftsteller, Politiker und Rechtsanwälte, welche die Folgen davon verstehen können, wie etwas hergestellt wird.

Autorin: Ingrid Lobet für Living on Earth

Photos: Berkeley University

Übersetzung: BrunO für CSN – Chemical Sensitivity

Diese von „Living on Earth“ produzierte Sendung wurde Mitte November 2010 an viele US-Radiostationen verteilt und gesendet. Sie kann im Original nachgelesen oder nachgehört werden.

Wir danken Eileen und LOE für die Erlaubnis, das Transskript zu übersetzen!


Kleine persönliche Nachbemerkung des Übersetzers BrunO:

Der vielleicht zu mühselig anmutende Weg der Evolution, inklusive der Überzeugung der Widersacher, scheint mir langfristig der wirksamste zu sein. Wie dieses Beispiel zeigt, geht die Entwicklung manchmal gar nicht so langsam voran und Chemie ist immerhin very big business. Vielleicht ist aber Deutschland für so etwas zu knöchern, zu konservativ. Mich hat dieses Radiofeature sehr stark an die Bewegung der Postautistischen Ökonomie, an PAECON, erinnert. Im Jahre 2000 waren Ökonomie- studenten an der Sorbonne (Paris) mit der Art, wie sie ausgebildet werden, unzufrieden und kritisierten die Ökonomie, welche gerade die Welt besonders nachdrücklich globalisierte, als autistisch. Auch daraus entstand eine Bewegung, welche die Lehre an den Unis von innen heraus umstülpt. Irgendwann wird es hoffentlich genug Ökonomen geben, die sich neben der reinen Geldökonomie auch dafür interessieren, wie sich das auf die Menschen auswirkt. Ökonomie heißt nämlich nicht, nur mit Geld, sondern mit allen Ressourcen sinnvoll zu haushalten.

Mitmach-Aktion: Hilf den Weihnachtsmännern und kranken Kindern

Der Weihnachtsmann hat ein offenes Ohr für die Nöte aller Kinder, auch der Kinder mit Allergien, Asthma und Chemikaliensensitivität (MCS)

Weihnachtsmänner sind dafür bekannt, dass sie für alle Wünsche, Geheimnisse, Sorgen und Nöte ein offenes Ohr haben. So manches Kind fiebert deshalb dem Nikolaustag und der Weihnachtszeit das ganze Jahr über entgegen. Mit dem Weihnachtsmann unter vier Augen über das zu reden, was auf dem Herzen liegt, ist ein wichtiges Ereignis.

Damit in diesem Jahr alle Kinder, auch solche, die unter Allergien, Asthma und Chemikaliensensitivität (MCS) leiden, dem Weihnachtsmann etwas ins Ohr flüstern können, haben wir eine Aktionskarte zum Ausdrucken gestaltet. Am besten druckt man das Kärtchen auf etwas festerem Papier oder leichterem Kartonpapier aus.

Und weil Weihnachtsmänner dafür bekannt sind, dass sie wirklich ALLE Kinder lieben, helft mit, dass jeder Weihnachtsmann in diesem Jahr seine Herzlichkeit auch wirklich jedem Kind entgegenbringen kann. Gebt den Weihnachtsmännern ein Kärtchen, damit sie auf Aftershave, Parfüm, Weichspüler, stark duftendes Deo und andere Duftstoffe verzichten. Flüstert dem Weihnachtsmann bei der Übergabe des Kärtchens ins Ohr, dass glückliche Kinderherzen und leuchtende Augen der Dank sein werden.

AKTIONSKARTE, zum Ausdrucken anklicken >>>

Der echte Weihnachtsmann trägt KEIN PARFÜM, denn er liebt alle Kinder. Auch die mit Asthma oder Allergien.

Ein richtiger Weihnachtsmann trägt kein Parfüm

Allergie und Asthma Verband appelliert an alle Weihnachtsmänner

Der norwegische Allergie und Asthma Verband (NAAF) hat sich in diesem Jahr für die Advents- und Weihnachtszeit eine besondere Kampagne für Weihnachtsmänner einfallen lassen. Kinder, die unter Allergien oder Asthma leiden, haben es in dieser Zeit nämlich sehr schwer. Nicht einmal einem Weihnachtsmann können sie ihre Wünsche anvertrauen, weil die meisten Weihnachtsmänner heutzutage nicht nach Wald und frischer Luft riechen, sondern nach irgendeinem Trendparfüm, nach Weichspüler oder einem Aftershave. Deshalb hat NAAF viele Tausend Kärtchen drucken lassen. Sie werden in ganz Norwegen verteilt. NAAF wünscht sich richtige, nostalgische Weihnachtsmänner, die alle Kinder lieben und von Kindern ebenfalls geliebt werden können, auch von solchen Kindern, die auf Duftstoffe allergisch reagieren oder mit Asthmaanfällen auf Aftershaves und Weichspüler.

Also liebe Weihnachtsmänner,

nehmt Euch ein Beispiel an den Kollegen in Norwegen:

Lasst Parfüms, Aftershaves, Weichspüler, duftende Waschmittel, stark riechendes Deo, etc. weg und zeigt den Kindern, die das ganze Jahr über auf ihre Gesundheit achten müssen, dass Ihr sie genauso gerne habt wie all die anderen Kinder, die Euch ihre Wünsche anvertrauen. Bringt den Geruch von frischer, klarer Winterluft von draußen mit herein und keine Parfümwolke. Denn:

Ein richtiger Weihnachtsmann trägt kein Parfüm, weil er ALLE Kinder liebt!

Autor:

Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 28.11.2010

Literatur:

NAAF, Frisk Jul for alle, November 2010

Weitere CSN Artikel zu den Themen Weihnachten, Duftstoffe:

Krebs durch die Umwelt – krebserregende PAK in vielen Produkten des Alltags

Fokus liegt auf Wohlergehen der Wirtschaft statt auf Gesundheit der Bevölkerung

Die Zahl der Krebserkrankungen ist in der Bevölkerung tendenziell zunehmend. Um der Entstehung dieses weit verbreiteten und vielschichtigen Krankheitsbildes vorzubeugen, wird das öffentliche Augenmerk einseitig auf die Krebsvorsorge als geeignete Präventionsmaßnahme gelenkt. Der Faktor Umwelt wird jedoch als mögliche Krankheitsursache weitgehend vernachlässigt bzw. komplett ignoriert. In Anbetracht steigender Negativmeldungen über die unterschiedlichsten krebserreg- enden Schadstoffkonzentrationen in Alltagsprodukten und unserer Umwelt, ist diese eingleisige Fokussierung als realitätsfremd und als „Greenwashing“ anzusehen, was durch zahlreiche wissenschaftliche Nachweise und Studien belegbar ist.

Industriefreundliche Rahmenbedingungen – die Zeche zahlen wir

Stattdessen stellt das gezielte Außerachtlassen krankheitsrelevanter Aspekte eine allgemein stattfindende Ignoranz unserer tatsächlichen Lebensbedingungen dar. Die aktuellen Warnungen durch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebens- mittelsicherheit vor giftigen Chemikalien, u. a. vor polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) in Schuhen und Handschuhen (1), sind nur die Spitze des Eisbergs. Für die zum Teil hochgradig krebserregenden und erbgutschädigenden Schadstoffe gibt es in Deutschland nach wie vor keine gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte für Gebrauchsartikel, verbindliche Vorgaben existieren lediglich bei Autoreifen. Für den Rest der uns in unserem wirtschaftsorientiertem Lebensstandard zum Konsum angepriesenen Produktpalette, gelten lediglich freiwillige Orientier- ungswerte der Industrie. Umweltverbände und –Institute bringen immer wieder besorgniserregende Resultate zutage, die verdeutlichen, wie es um die Gesundheit der Bevölkerung durch die „Umsetzung“ dieser freiwilligen, industriefreundlichen Gegebenheiten bestellt ist.

Mögliche Schadensbegrenzung eingeleitet – Gesundheitsschutz weiterhin in Warteschleife

Eine umfangreiche Risikobewertung des BfR hat ergeben, dass die toxischen PAK in vielen Produkten stark erhöht nachweisbar sind, mit denen gerade Kinder häufig in Kontakt kommen. Das BfR hat in Zusammenarbeit mit verschiedenen deutschen Behörden ein Beschränkungsdossier erstellt, welches im Juni 2010 an die EU-Kommission übergeben wurde. Daraus geht die in die REACH-VO einzubeziehende Empfehlung hervor, den höchstzulässigen Gehalt an PAK in Gebrauchsgegenständen auf 0,2 Milligramm je Kilogramm zu begrenzen, was der derzeitigen Nachweisgrenze entspricht. Dieser vorgeschlagene Grenzwert sollte lt. Ausführungen den BfR an die technische Weiterentwicklung der Analysemöglichkeiten angepasst und ggf. zukünftig weiter verringert werden. (2)

Krebserregende und erbgutschädigende PAK lauern in vielen Produkten

Besorgniserregende Warnungen über stark erhöhte PAK-Konzentrationen in den unterschiedlichsten Alltagsprodukten laufen sich förmlich den Rang ab, wie z. B. in Kinderspielzeug, Schulranzen, Kinderregenjacken, Sandalen, Gummistiefeln, Planschbecken, Luftmatratzen, Werkzeugen, Kinderlaufrädern, Spielzelten und aktuell in Lederschuhen und Handschuhen etc. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit, mit PAK in Berührung zu kommen, für jeden von uns als hoch einzustufen. Eine mögliche Krebserkrankung kann erst viele Jahre nach Erwerb eines PAK-belasteten Produkts zum Ausbruch kommen, da die hochtoxischen Substanzen langfristig wirken, erläutert Bärbel Vieth, Chemieexpertin des BfR. Ein direkter Zusammenhang mit dem krankmachenden Produkt ist dann nicht mehr herzustellen. Die Produzenten solch gesundheitsgefährdender Waren sind somit fein raus, Regressansprüche haben sie demzufolge nicht zu befürchten. Die Leidtragenden des derart mangelhaften Gesundheitsschutzes sind wir alle.

Zukünftig weitere Krebserkrankungen – als Folge der Geschenke an die Industrie

Wenn man sich vor Augen hält, dass die Gesundheit der Verbraucher bereits durch den Kontakt von nur einem PAK-belasteten Produkt schwer geschädigt werden kann, verheißen die derzeitigen Zustände für die Zukunft unserer Gesundheit nichts Gutes. Die Aktivitäten des BfR sind zwar begrüßenswert, doch mahlen die Mühlen der Behörden bekanntlich langsam. Sofortige greifende Maßnahmen sind dringend von Nöten, denn belastete Alltagsgegenstände werden weiterhin verkauft, mit schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit der Verbraucher. Insofern ist davon auszugehen, dass auch zwischenzeitlich noch viele ahnungslose Verbraucher durch die Flut schadstoffbelasteter Alltagsprodukte und weiterer Umweltfaktoren in ihrem späteren Leben an Krebs erkranken werden. Und all das, nur weil durch lasche Vorgaben und „Bonbons“ für die Industrie sowie völlig unzureichende Kontrollmechanismen unser höchstes Gut, unsere Gesundheit, mit Leichtsinn und völlig unnötig aufs Spiel gesetzt wird. Krebs ist in unserem Zeitalter eine äußerst häufige Erkrankung, bei derart breitgefächertem Kontaminationspotential ist dies nicht verwunderlich.

Wirtschaft geht vor Umwelt

Aktuell droht Deutschland ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof, weil europäische Chemikalienrichtlinien nicht korrekt umgesetzt wurden. Dieser Sachverhalt unterstreicht, welchen Stellenwert Wirtschaftsinteressen und Gesundheit in unserem System derzeit belegen. Das Bewusstsein dafür, dass eine Gesellschaft nur dann effektiv „funktionieren“ kann, wenn die Bevölkerung gesund und somit leistungsfähig ist, scheint bei den Verantwortlichen noch nicht angekommen zu sein. Solange eine derart vernachlässigte Chemikalienpolitik betrieben wird und die Interessen der Industrie weiterhin vorrangig vor Umwelt und Gesundheit angesiedelt sind, wird der Bevölkerung weiterhin viel vermeidbares Leid zugefügt und sich an der derzeit stattfindenden Misere auch nichts zum Positiven verändern.

Literatur:

  1. Süddeutsche online, Warnung vor Schadstoffen Gift ist im Schuh, 17.11,2010
  2. BfR, Stellungnahme Nr. 032/2010 des BfR, 26. Juli 2010

Autor: Maria Herzger, CSN – Chemical Sensitivity Network, 26. November 2010

Diesen Artikel widme ich meiner lieben Schwiegermutter Frieda, die am 21. November 2010 ihrer schweren Krebserkrankung erlag und nun von ihren langjährigen Leiden erlöst ist.

Frieda, Du wirst uns sehr fehlen!

Rüdiger und Maria

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Neuer Trailer zum kommenden Film über Multiple Chemical Sensitivity wurde in Spanien auf einer MCS-Konferenz gezeigt

Vor zwei Wochen stellte ich Euch den ersten Trailer zum Kurzfilm „los pajaros de la Mina“ („Die Vögel aus der Kohlenmine“) vor. Es ist der erste Film, der in Spanien über Multiple Chemical Sensitivity gedreht wurde. Von MCS-Kranken rund um die Welt wurde der Film sehr gut angenommen.

Heute möchte ich Euch den neuen, ausdrucksstarken Trailer für den kommenden Film vorstellen. Dieser neue Trailer hatte sein Debüt vergangene Woche auf der MCS Konferenz, die von ASQUIFYDE organisiert wurde und an der Universität Alicante in Spanien stattfand. Während der dreitägigen Konferenz waren viele Ärzte, Juristen und andere Experten anwesend und sprachen über MCS, Gifte, die Situation in Spanien usw. Es war wirklich toll und wir konnten die Vorträge und Diskussionen über Internet verfolgen.

Auf der Konferenz wurde auch ein „Leitfaden für Umweltkontrolle“ (No Fun Blog ist ein Teil davon) zusammen mit meinem Video „MCS: Die Bedeutung von Reduzierung toxischer Belastung“ präsentiert. Laut Francisca Gutierrez, Präsidentin von ASQUIFYDE, machte das Video großen Eindruck auf die Konferenzteilnehmer (Medizinstudenten, Presse und andere Personen aus dem Umwelt- und Gesundheitsbereich).

Als Abschluss der Konferenz wurde der neue Trailer gezeigt. Der Drehbuchautor und die Hauptdarstellerin des Film, Mariam Felipe, waren zugegen, um das Projekt zu erklären und darüber zu berichten, wie die Idee für den Film durch mein Interview auf Carne Cruda (rohes Fleisch) vor einem Jahr zustande kam. Und dann zeigten sie diesen unglaublichen neuen Trailer.

Trailer II – Film „Die Vögel aus der Kohlenmine“

Die Premiere des Films wird am 10. Dezember im Kino “Teatro Principal de Pontevedra” stattfinden.

Der Filmproduzent, Victor Moreno, lässt Euch wissen, dass sie eine Version mit englischen Untertiteln fertigen werden, und dank Silvia K. Müller, Präsidentin des CSN, noch eine weitere Version mit deutschen Untertiteln.

Ich bin sicher, dass dieser Film eine Menge Preise gewinnen wird!!

Autor: Eva Caballé, No Fun Blog, 10. November 2010

Übersetzung: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network

Weitere Artikel von Eva Caballé:

Wird die Bevölkerung straflos vergiftet?

„Unkenntnis schützt vor Strafe nicht“, sagt nicht nur ein Sprichwort, sondern ist ein Prinzip unserer Rechtsprechung, wenn die Schuldfrage eines Vergehens untersucht wird. Das verpflichtet potentielle Schuldige oder Rechtsverletzer schon vor einem evtl. Schaden, sich darüber zu informieren, ob Bestandteile ihres Hab und Gutes (Elektroanlagen, Heimelektronik, Pkw usw.) oder ihr Verhalten gegen Gesetze verstoßen. Eine Ausrede: “ Das habe ich nicht gewusst“ hat vor einem Gericht keinen Bestand.

Die Frage ist nur: Gilt dieses Prinzip für alle natürlichen und juristischen Personen gleichermaßen?

Wenn sie für ALLE gilt, warum darf dann mit Produkten gehandelt und diese hergestellt werden, die nachweislich die Umwelt und Menschen schädigen?

Warum kommen Produkte auf den Markt, wo es noch keine Gewissheit darüber gibt, ob sie kurz-, mittel- oder langfristig zu Schäden führen oder ob sie in Verbindung mit anderen Stoffen Schaden verursachen? Warum werden erst nach Bekanntwerden von Schäden Grenzwerte festgelegt und wenn, dann nur pauschale Grenzwerte, die Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand und Vorbelastungen der Menschen unberücksichtigt lassen?

Warum werden im Schadensfall oft die Hersteller und Anwender nicht in die Pflicht genommen?

Kurz gesagt: Der Bereich der Wirtschaft wird im erheblichen Maße von der gesetzlichen Pflicht, keinen Schaden für die Menschen zu verursachen, ausgenommen. Wer zahlt denn für radioaktive Belastungen, Belastungen durch Flug- und Verkehrslärm, Feinstaub, Allergien, Umweltkrankheiten, Verseuchung der Weltmeere, Gewässer, Böden, der Ausbreitung von Wüsten, Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten, Nebenwirkungen von Medikamenten, Chemikalienverseuchung von Wohnungen und öffentlichen Gebäuden usw.?

Die Kleinen hängt man und die Großen lässt man laufen?

Die Großen lässt man nicht nur laufen, sie werden beschützt, damit sie auf Kosten der Volksgesundheit weiter Profit machen können, wie z.B. die Hersteller von Diabetikerlebensmitteln, die nicht nur überteuert, sondern schädlich sind. Hersteller von konventionellen Lebensmitteln werden gegenwärtig verstärkt mit dem Argument in den Medien verteidigt, dass z.B. die Verwendung von Konservierungsmitteln das kleinere Übel im Vergleich zu Keiminfektionen seien. Doch auch hier werden mögliche Langzeitschäden durch die tägliche Aufnahme außer Acht gelassen und verschwiegen, warum Lebensmittel überhaupt konserviert werden sollen: Damit sie über weite Strecken transportiert und massenhaft über längere Zeit in den Supermärkten angeboten werden können. Eine regionale Produktion mit täglichen frischen Angeboten macht aber Konservierungsstoffe unnötig. Ebenso überflüssig, die vielen Geschmacksverstärker und künstlichen zugesetzten Aromen und Farbstoffe. Und warum werden die Menschen regelrecht manipuliert, dass ihre Wäsche, ihr Körper, die Wohnraumluft, die Spülmaschinen, der Staubsauger, der Pkw usw. ständig nach irgendwelchen künstlichen Duftstoffen riechen müssen?

Schaden vom Volk abzuwenden, wann wird das wirklich Wirklichkeit und das Unterlassen desselben tatsächlich juristisch verfolgt?

Autor:

Gerhard Becker, CSN – Chemical Sensitivity Network, 10. November 2010

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ES GIBT KEINEN ORT – Eine Sekundengeschichte

Das Paar freut sich über die neue Wohnung im Dachgeschoß des mehrstöckigen Hause. Sie wirkt hell, die Lage verspricht immer einen angenehmen Luftzug, so dass die Luft sauber bleiben dürfte. Ein Fahrstuhl erspart das Treppensteigen, das mit vollen Einkaufsbeuteln sicher beschwerlich sein würde. Der alte textile Fußboden- belag riecht nicht mehr nach Chemie und die Wände wirken trotz des alten Farbanstriches sauber. Vor allem aber ist die Wohnung trocken. Die jetzige Wohnung des Paares hat hingegen stets über 55 Prozent Luftfeuchtigkeit, oft nahe achtzig. Selbst nach fast einem Jahr riecht deshalb das Parkett noch dem Versieglungslack, weshalb die chemikaliensensible Frau nur das geflieste Bad für längere Aufenthalte nutzen kann. In der Küche – ebenfalls gefliest – kann sie sich nur kurz zum Kochen aufhalten, weil Spanplattenmöbel, der Lack der Küchentür und die Gummidichtungen der Fenster und Türen ihr fast den Atem rauben und sie am Rande der Ohnmacht bringen.

Nun diese neue Wohnung, die endlich Ruhe verspricht…

… aber ihr Versprechen nicht hält. Nach kurzer Zeit des Einzuges stinkt es wiederum nach Chemikalien, Zigarettenrauch, Teppichkleber, Duftstoffen aus den Wanddurch- brüchen für Rohrleitungen und aus den Entlüftungsschächten. Die extreme Hypersensibilität der MCS-Kranken lässt sie jedes Duftmolekül eines Schadstoffes wie einen Nadelstich spüren.

Auch dieser Umzug war wiederum umsonst und das Paar kommt sich wie Flüchtlinge vor, die niemand aufnehmen will… Für diese Kranken gibt es keinen Ort.

Die Leprakranken wurden früher zwangskolonisiert, damit sie niemanden anstecken konnten. Die MCS-Kranken würden sich am liebsten selbst kolonisieren, damit sie von Niemand durch Duftstoffe und Chemikalien noch kränker gemacht werden.

Es gibt Naturschutzgebiete, denkt die Frau, aber für uns Umweltkranke keine Menschenschutzgebiete…

Autor: Gerhard Becker, CSN – Chemical Sensitivity Network, Nov. 2010

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Umweltkrankheiten: Ein Leben auf der Flucht

MDR berichtet über MCS und Elektrosensibilität

Jede Woche treten chemikaliensensible Menschen mit CSN in Kontakt und hoffen auf Hilfe bei der Suche nach verträglichem Wohnraum. Den meisten dieser verzweifelten Personen ist es ganz gleich, wo sie hinziehen müssten, Hauptsache ein, zwei Zimmer ohne Schadstoffbelastung. Wohnraum für Menschen mit MCS (Multipler Chemikalien Sensitivität) wird von staatlicher Seite bislang nicht gefördert, obwohl Deutschland die UN Behindertenkonvention unterzeichnet hat und damit auch für die Behinderten Hilfe zusagen müsste. Der MDR berichtet in einem Beitrag über zwei Personen, die auf Chemikalien und Mobilfunkstrahlung reagieren. Es ist ein Leben auf der Flucht, denn die Areale, in denen keine Strahlung eintrifft, werden täglich weniger.

Wo sollen Chemikalien- und Elektrosensible hin?

Noch problematischer als für Chemikaliensensible ist die Wohnraumsuche für Menschen, die zusätzlich elektrosensibel, bzw. solche, die auf Mikrowellenstrahlung reagieren. Rocco ist einer von ihnen. Er stammt aus Italien und ist seit Jahren auf der Suche nach einem Ort, an dem er leben kann. Mit einem speziell umgebauten Wohnmobil fuhr er vor einigen Jahren bei CSN vor, seitdem besteht regelmäßiger Kontakt.

Aufgeben? NIE

Rocco leitet eine Organisation, die für die Rechte Chemikaliensensibler eintritt und eine Webseite betreibt. Nicht einfach, denn WLAN verträgt er nicht. 30m Internetkabel hat er immer dabei, um sein Laptop irgendwo an einen Internetzugang hängen zu können. Auf diese Weise hält er Kontakt zu seinen Leuten und anderen Aktivisten. Dafür kommt er heraus aus einem Funkloch und nimmt Schmerzen in Kauf. Bei letzten Mal, als er uns bei CSN aufsuchte, traf er klitschnass und ausgehungert ein. Er hatte sein Wohnmobil an einem sicheren Ort geparkt und war im strömenden Regen mit dem Mountainbike durch den Wald gefahren. Die Krankheit hat ihre Spuren bei Rocco hinterlassen, er ist im Vergleich zu vor ein paar Jahren extrem dünn geworden. Sein Gesundheitszustand ist als bedenklich anzusehen. Seine Aufrufe im CSN Forum und im Internet nach Hilfe wurden zwar oft gelesen, aber konkrete Hilfe kam eher selten zustande, weil Mitbetroffene kaum Energie übrig haben, um einen anderen Kranken zu pflegen. Einige Kontakte gibt es zwar, aber Rocco läuft stetig in Gefahr, dass sie nicht ausreichen, um ihn über Wasser zu halten.

„Andenken“ an den Arbeitsplatz in der Chemieindustrie

Seit letzten Februar lebt er in seinem Camper in Bozen auf einem Parkplatz, ohne jegliche Hilfe, ohne Sozialhilfe, ohne Wasser und Strom, ohne ärztliche Versorgung. Die finanziellen Reserven sind kurz davor, aufgebraucht zu sein. Es gibt Zeiten, da hat Rocco zuwenig Kraft, um sich Nahrung zu besorgen, dann hungert er zwangsläufig über Tage. Wenn ein winziger Funken Kraft zurückkommt, schleppt er sich in den Ort. Danach ist er wieder für Tage erschöpft und erträgt schwere Schmerzen, für die er keine Medikamente nehmen kann – doch wenigstens hat er dann wieder etwas Nahrung.

Ausgestoßen, verhöhnt, belächelt – Ist das fair?

  • Nach außen mag Rocco wie ein fancy Ökofreak wirken, doch welche Chance hat er?
  • Wer fühlt sich zuständig für Menschen wie Rocco, die wegen des Schweregrades ihrer Umwelterkrankung in keinem normalen Haus in einem Ort oder einer Stadt leben können?
  • Wo soll er hin? Wo gibt es überhaupt noch Funklöcher, wo er sich ohne Schmerzen aufhalten könnte?
  • Wer gibt Menschen wie Rocco wieder ein normales Leben zurück?
  • Ist es korrekt, dass eine Gesellschaft diejenigen verstößt und verhöhnt, die sie krank gemacht hat?

MCS und EMS im TV

Am Sonntag 7.11.2010 zeigt der MDR im Rahmen der Auslandssendung Windrose den Beitrag „Strahlenfreiheit“. Der Beitrag berichtet auch von Rocco, der zur Zeit in den Bergen Südtirols in einem Wohnwagen lebt, um Strahlung und Umweltgiften zu entkommen und von Marcello, der in den Hügeln der Emilia-Romagna einen kleinen Fleck gefunden hat, der noch strahlungsfrei ist.

Alles Weitere unter www.mdr.de/windrose und am 7.11 um 16.05 – 16.30 in der Windrose des MDR (LIVESTREAM und SATELLITE)

Wiederholung: Dienstag, 10:53 Uhr – Kurz darauf STREAMING unter www.mdr.de/windrose

Öffentlichkeitsarbeit trotz Kampf ums Überleben

Für Menschen wie Rocco ist ein Beitrag im Fernsehen sehr wichtig, denn wenn der Bericht gut recherchiert ist und sachlich dargestellt wird, was es bedeutet mit MCS und EMS leben zu müssen, trägt es zu weiterer Akzeptanz in der Allgemeinbevölkerung bei. Auf diese Akzeptanz sind Umweltkranke stark angewiesen, vor allem weil es keine staatliche Hilfe gibt und Umwelterkrankungen in der Regel verschwiegen werden.

Mit Rocco kann man via Facebook in Kontakt treten: Facebook – SOS Rocco

Autor:

Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 6. November 2010

Weitere CSN Artikel über Fernsehbeiträge zu MCS und Umweltkrankheiten:

Von der Werbeagentur zum Biobauern

Ausstieg unter Zwang – Das Leben danach

Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, wie ein Leben ohne Chemie wäre? Ein Leben ohne Kunststoff-Autoverkleidungen, Kunststoff-Kleidung, -Spielsachen, -Küchengefäße, ohne Haarspray, Deodorant, Fleckenspray, ohne künstliche Farbstoffe, Geschmacksverstärker, ohne gedruckte Zeitschriften und Bücher, ohne Schaumstoff-Couch und lackierte Oberflächen, das geliebte Sport-Trikot?

Stefan Fenzel hat sich das auch nicht vorgestellt. Und als er es sich dann vorstellen musste, war es eine kaum vorstellbare Vision von seinem zukünftigen Leben. Leben mit MCS.

Eigentlich, erzählt Fenzel, bestand sein Leben immer aus Sport. Ob Skifahren oder Triathlon, Karate oder Laufen, Sport hat ihn seit seiner Kindheit begleitet. Daher war er auch immer der Überzeugung, dass er gesund lebte.

Doch mit knapp 40 Jahren konnte er sich oft kaum mehr konzentrieren, musste nach dem Treppensteigen kleine Pausen einlegen, hatte permanent Verdauungsprobleme und oft ein „glühendes“ Gesicht, vertrug helles Licht extrem schlecht („Wie erklärt man seinen Mitmenschen eine Sonnenbrille bei bewölktem Himmel?“), vergaß Dinge, die er 10 Minuten vorher mit seinen Mitarbeitern besprochen hatte, benötigte bis zu 12 Stunden Schlaf, und fühlte sich morgens, als hätte er die Nacht durchzecht. Und das Tag für Tag, Monat für Monat.

Was war geschehen? Die Schwermetall-Vergiftung durch 13 Amalgam-Füllungen in seiner Jugend wurde nicht erkannt, obwohl einige Erkrankungen auf Gift schließen hätten lassen können: so wurden ihm bereits in jungen Jahren die Mandeln, Polypen und der Blinddarm entfernt, er erkrankte permanent an Infektionen, an Gürtelrose und Pfeifferschen Drüsenfieber.

Die Füllungen ließ er später aufgrund allgemeinen Unbehagens gegenüber Amalgam entfernen und es wurde ein wenig besser. Fenzel: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht zu ändern ist. Was soll man machen?“

Ausgerechnet sein Traumhaus mit einem freien Blick über 200 km bis in die Alpen sollte ihn an die Grenzen seiner Belastungsfähigkeit bringen. Dort eingezogen, ereilte ihn wenige Wochen danach eine Grippe. Zwar im Sommer, aber das kann schon einmal vorkommen. Doch die Infekte häuften sich und reihten sich schließlich nahtlos.

Nach dem Besuch von Hausarzt, Internist, HNO-Arzt, dem örtlichen Umweltmediziner, Homöopath und Neurologe gab er auf. Aus seiner Sicht funktionierte seine Psyche hervorragend und auch die Belastung als Unternehmer überforderte ihn nicht, sondern machte ihm Spaß.

Viele Jahre beließ er es dabei, nahm Antihistaminika zur Reduktion der allergischen Reaktion, bis ihn sein Körper zur Aufgabe zwang: bereits geringste Mengen an Duftstoffen aus Parfüms, Deodorants oder mit Weichspüler gewaschener Kleidung brachten seinen Kopf zum Glühen und sein Immunsystem zum Erliegen. An Sport war schon seit Jahren nicht mehr zu denken, denn unweigerlich wäre eine Grippe gefolgt. Und die permanente Müdigkeit war kaum mehr zu kontrollieren. Der neue Firmenwagen legte ihn dann endgültig für Wochen ins Bett.

Der absolute Tiefpunkt war erreicht und Fenzel bereit, sich erneut auf die Suche zu machen. Die Interaktion Betroffener im Internet war bereits deutlich vorangeschritten im Vergleich zur Erstkonfrontation mit der Krankheit acht Jahre zuvor und er wurde schnell fündig, was die Krankheitserscheinungen angeht. Nur die Ursache blieb im Dunkeln.

Heute weiß Fenzel, was er hat: MCS (multiple chemical sensitivity, Multiple Chemikalienunverträglichkeit). Neben der Tatsache, dass er genetisch bedingt ein schlechter Entgifter ist, brachten die Schwermetallvergiftung und eine Lösemittelvergiftung aus Lacken und Klebern in seinem Traumhäuschen sein Immunsystem völlig aus den Fugen, teilweise irreversibel.

Doch wie lebt man damit? Fenzel hatte die letzten 10 Jahre eine Werbeagentur mit knapp 20 Mitarbeitern aufgebaut, die er nun verkaufte. Doch was nun machen und von was leben? Seine Frau besaß eine Landwirtschaft, die weitgehend von den Schwiegereltern im Rentenalter betrieben wurde und die eigentlich für die Zukunft ausgerichtet werden musste, doch dazu war nie Zeit. Fenzel besichtigte 20 landwirtschaftliche Betriebe, las sich ein und stellte als Quereinsteiger den ehemaligen Milchbetrieb auf eine ökologische Rinderhaltung um. Darüber hinaus betreibt er nun Photovoltaikanlagen, Forstwirtschaft, unterstützt seine Frau bei deren Gastronomie und stellt seine Kommunikations-Expertise von zuhause aus zur Verfügung.

Seine Wohnung baute er komplett ökologisch um und verbannte sämtliche Kunststoffe daraus. In der Regel isst er nur selbst zubereitete Speisen, mit einem sehr hohen Rohkost-Anteil, ohne Farbstoffe und Geschmacksverstärker, aus ökologischem Anbau. Fenzel: „Früher hätte ich solche Personen wohl für Öko-Spinner gehalten, heute freue ich mich über die neue Lebensqualität und Feinkost-Lebensmittel, denn das sind ökologische Lebensmittel eigentlich.“

Zudem hat er auch Duftstoffe konsequent aus seinem Leben verbannt. Das ist zwar im Leben mit den Mitmenschen oft nicht leicht und schafft oft Gesprächsbedarf mit anderen, wo man lieber über etwas anderes reden würde, aber dafür hat er wieder Lebensqualität und nur noch wenige „kranke“ Tage.

Nachdem er nicht mehr ein noch aus wusste, wie er überhaupt noch ein Leben führen können soll, ist das für ihn ein riesiger Schritt. „Heute brauche ich nur noch zum Traktorfahren eine Gasmaske. Das sieht zwar doof aus und grenzt aus, aber vermeidet, dass ich am nächsten Tag im Bett liege.“

Wie schätzt er seine Zukunft ein? „Mein Ziel ist es, dass mein Körper wieder so weit genest, dass ich geringe Mengen an Giftstoffen wieder vertrage, damit ich mit meiner Frau und Familie auch einmal wieder ganz normal in ein Restaurant gehen oder Freunde besuchen kann. Ob das möglich ist, weiß ich nicht, aber versuchen werde ich es.“

Und ganz nebenbei bemerkt er, dass einfach in jedem Bruch eine Chance liege, und die kann man nutzen oder verstreichen lassen. Er freue sich, dass er nun etwas mehr Zeit habe, seine Familie täglich sehe und auch noch andere Dinge erleben kann als nur seine Firma.

Video zum Biohof >> Hafning im Bayrischen Fernsehen

Autor: Stefan Fenzel für CSN, Passau, 1.11.10.2010

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Chemikaliensensitivität – Folge des modernen Lebensstils der Spezies Mensch

Nebenwirkungen des modernen Lebens

Aktuell zirkulieren etwa 100.000 verschiedene Chemikalien fortwährend in der Umwelt und die Wirkung der überwiegenden Mehrheit dieser Chemikalien auf den menschlichen Organismus ist unbekannt.

Stephen Hawking [pop. Prof. mit ALS] ist der Ansicht, dass der Erde eine verheerende Katastrophe droht und das Leben kann nur weiterbestehen, wenn man im Weltraum Kolonien errichtet.

Was Hawking am meisten Sorgen macht ist ein möglicher Zusammenstoß der Erde mit einem Asteroiden, der das Leben auslöschen würde. Ich denke jedoch, auf dieses Desaster brauchen wir nicht zu warten. Die Menschheit ist bereits erfolgreich dabei, den Auftrag auszuführen, das Leben auf der Erde auszurotten.

Auf der Erde, unserem Planeten, gab es seit mehr als 3½ Milliarden Jahre Leben. Menschen tauchten ungefähr 50.000 Jahre vor unsere Zeitrechnung auf. Bis vor etwa 100 bis 150 Jahren vertrug sich die Menschheit bestens mit der Natur und hatte bis dahin eine Lebensweise, die nur in geringem Umfang in die empfindlichen Ökosysteme der Natur eingriff.

Vor ungefähr 150 Jahren kam es jedoch zu einer drastischen Veränderung. Die Industrialisierung begann, Herstellungs- und Aufbereitungsprozesse konnten durch den Einsatz von Dampf, Gas, Öl und Elektrizität als Energiequelle verbessert werden.

In den 50’er Jahren stieg der Verbrauch von Chemikalien explosionsartig an. Es entsprach den Zeitgeist, Lebensmittelzusätze, Chemikalien, Detergenzien zur Erleichterung der täglichen Mühen der Hausfrau und von Chemikalien triefende Körperpflegeprodukte usw. herzustellen.

Herstellung und Verbrauch von Chemikalien ohne jegliches Hinterfragen

Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass heute über 100.000 verschiedene Chemikalien ständig in der Umwelt zirkulieren, und dass wir die Wirkung der überwiegenden Mehrheit dieser Chemikalien auf den menschlichen Organismus immer noch nicht kennen. Doch mittlerweile wird die Cocktail-Wirkung dieser Chemikalien allmählich diskutiert. Viele unterschiedliche Chemikalien sind zusammen sehr viel schädlicher als einzelne Chemikalien. Die Motivation, sich mit diesen Problem kritisch zu befassen, ist jedoch nicht besonders hoch. Einige Chemikalien haben hormonähnliche Wirkung, dies verursacht sexuelle Frühreife, Kinderlosigkeit usw. Und es ist eine bekannte Tatsache, dass manche Chemikalien krebserzeugend sind. Doch selbst dies wurde in großen Umfang ignoriert.

Ertragsgierige Landwirte versprühen Pestizide

Landwirte sprühen immer aggressiver eine große Anzahl verschiedener Pestizide – Stoffe, die dafür gemacht sind, lebende Organismen abzutöten: Insekten, Unkraut und Pilzbefall. Es ist bekannt, dass diese Pestizide ausnahmslos bis in das Grundwasser durchsickern. Doch was wurde deswegen unternommen? Ach ja, es wurden Grenzwerte vorgegeben, wie viel Verunreinigung in unserem Trinkwasser erlaubt ist. Es wurden Grenzwerte gesetzt, wie viel toxischen Abfall unsere Nahrungsmittel enthalten dürfen. Das ist doch purer Wahnsinn! Ohne zu protestieren stimmen wir zu, giftigen Abfall zu essen, zu trinken und einzuatmen. Was lässt uns glauben, diese schädlichen Chemikalien wären für den Menschen unschädlich, wenngleich die Pestizide entwickelt wurden, um lebende Organismen zu töten?

Chemische Unfälle sind zu Alltagsvorkommnissen geworden

Nahezu jeden Tag werden wir im Fernsehen und in Zeitungen mit Berichten über diverse chemische Unfälle überschüttet. Ein ganzes Dorf in Ungarn versinkt in einer Flutwelle aus giftigem Schlamm. Man entdeckt verseuchte Gelände und in der freien Natur werden überall Chemikalien abgeladen. Die Industrie gibt große Mengen giftiger Abwässer und giftiger Abgase an die Umwelt ab und verursacht dadurch schwerwiegende Schäden bei Mensch und Tier. Manche Fische sind aufgrund der hohen Schwermetallbelastung nicht mehr essbar. Selbst Eisbären, die so fern der Zivilisation leben, sind über ihre Nahrung Chemikalien und Umweltverschmutzung ausgesetzt und bekommen missbildete Genitalien. Die Luft ist mit Schadstoffen angefüllt und wir verbrennen fossile Brennstoffe in immer größeren Mengen. Wir scheinen gegen all diese grausamen Nachrichten teilweise „immun“ geworden zu sein. Der Wahnsinn geht weiter, vom Hang des Menschen zur Habgier angetrieben.

Umwelterkrankungen wie MCS sind Folge all dieser chemischen Produktion und Umweltverschmutzung

Ungefähr im Zeitraum der letzten 50 Jahre hat sich die Anzahl der Menschen, die an solchen Umwelterkrankungen wie MCS erkranken, allmählich erhöht. Es wundert nicht, dass die Schwächsten von uns der verheerenden chemischen Belastung unterliegen, die dem menschliche Körper genau so fremd ist, wie die zunehmende Verbreitung von drahtlosen Geräten mit Funkverbindung, die ebenfalls eine verheerende und unnatürliche Strapaze für den menschlichen Organismus darstellen.

Der Mensch wurde geschaffen, um mit der Natur in Einklang zu leben, und selbst wenn es uns „natürlich“ vorkommt, so zu leben, wie die Gesellschaft dies heutzutage tut, wobei wir täglich hunderten von Chemikalien ausgesetzt sind oder diese verzehren, ist unser Körper natürlich nicht dafür ausgerüstet, sich gegen all diese Substanzen, die dem menschlichen Körper fremd sind, zu wehren. Einige Mitglieder der Gesellschaft werden von diesem überwältigenden Druck, der sich chemisch aufgebaut hat, krank und entwickeln Chemikaliensensitivität.

  • Weshalb leugnen Politiker, Wissenschaftler, Ärzte und andere die Existenz der Umwelterkrankung MCS?
  • Wenn Tiere von chemischen Verunreinigungen krank werden, fragt sich, warum eine Reihe von Menschen auf diesen, dem menschlichen Körper fremden verheerenden chemischen Druck nicht ähnlich reagieren soll, in dem sie krank werden?
  • Sollte es nicht naheliegen, Menschen mit Umwelterkrankungen ernst zu nehmen?
  • Sollte die Gesellschaft nicht so reagieren, dass sie Alarm schlägt und ernsthafte Forschung auf diesem Gebiet veranlasst?
  • Sollte die Zunft der Medizin diesen durch die Umwelt schwer erkrankten Menschen nicht sofort faire und sorgfältige medizinische Untersuchung, Rat und Behandlung für ihre behindernde Erkrankung MCS anbieten?
  • Warum gibt es stattdessen einen derart breiten und massiven Widerstand, MCS als das was es ist, als eine Umwelterkrankung zu akzeptieren? Wer hat ein besonderes Interesse daran, die Erkrankung Chemikalien-Sensitivität zu leugnen und stattdessen zu versuchen, sie weg zu diskutieren, indem sie zu einer mentalen Erkrankung erklärt wird?
  • Könnte es sein, dass die chemische Industrie, die Versicherungsbranche und gewisse Politiker ein großes Interesse daran haben, MCS wegen den Chemikalien nicht als eine Umwelterkrankung anzuerkennen?

Wenn MCS als eine von Chemikalien hervorgerufene Erkrankung anerkannt würde, bekämen die zuvor erwähnten Gruppen sehr große finanzielle Schwierigkeiten. Stattdessen werden bei diesen Erkrankten jedoch psychiatrische Störungen diagnostiziert, damit große Beträge an Gewinnverlust, Schadensersatz, Gewährung von Behindertenrente usw. eingespart werden. So macht es Sinn. Hier finden wird den Grund, weshalb weltweit derart verbiestert fairer und sorgfältiger Forschung zu MCS widersprochen und warum unablässig versucht wird, die wenigen Umweltärzte durch jedes erdenkliche Mittel in Verruf zu bringen.

Es gibt immer geldgierige Wissenschaftler in der Forschung und Ärzte, die gekauft werden können, um im Voraus festgelegte Forschungsergebnisse und auch Diagnosen zu produzieren. Im Falle der gesundheitlichen Wirkung von Tabak war dies offensichtlich und es ist genau so offensichtlich im Falle der gesundheitlichen Folgen von Chemikalien. Viele Ärzte diagnostizieren bei MCS-Kranken psychiatrische Störungen, doch solche Fehldiagnosen machen MCS-Kranke nicht, natürlich nicht, unempfindlicher gegenüber Chemikalien.

Im Gegenteil, immer mehr Menschen erkranken an MCS – und wenn das Problem mit den Chemikalien nicht bald ernst genommen wird, kann die Prophezeiung von Stephen Hawking ohne weiteres zutreffen. Der Mensch ist jene Katastrophe, die im Begriff ist, die Erde und das Leben auf der Erde zu zerstören.

MCS-Kranke sind nichts anderes als die ersten Opfer. – Sie sind die gelben Kanarienvögel in der Kohlemine.

Autor: Bodil Nielsen, Dänemark http://www.mcsfokus.dk/

Englische Übersetzung: Dorte Pugliese, Christi Howarth

Deutsche Übersetzung: BrunO für CSN-Deutschland

Photo: Torben Bøjstrup / Topperfoto.dk

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