Archiv der Kategorie ‘Krank durch Chemikalien‘

Eva Caballé: Träume die töten

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Die Spanierin Eva Caballé wurde erneut gebeten, einen Artikel über MCS für das Kunst- und Kulturmagazin Deliro zuschreiben. Das Thema für die Ausgabe war „Träume“. Eva beschreibt in ihrem Beitrag, wie MCS einen lehrt, unsere Träume und die Träume unserer Gesellschaft realistisch zu betrachten.

Eva Caballé:

Es ist uns nicht gestattet, mit dem Träumen aufzuhören. Träume, die wir nicht selbst ausgewählt haben. Träume, die uns als unverzichtbar für unser Glücklichsein verkauft werden. Und wir schlafen sorglos und träumen. Wir träumen und wir kaufen, um fähig zu sein zu schlafen und weiterzuträumen von mehr Kram. Wir schlafen, tief eingelullt durch den Glanz der roboterhaften Massen, die Köpfe voll mit Träumen, die verhindern, zur Ruhe zu kommen.

Wage nicht einmal aufzuhören, diese süßen, leeren Träume zu haben. Wage es nicht einmal, tief durchzuatmen und Dich selbst verloren in diesem Alptraum der Träume anderer wieder zu finden, ohne dabei in der Lage zu sein aufzuwachen; in einer Welt, die Dich verbrennt und Dich in eine Krankheit einsperrt, die Dir nur erlaubt davon zu träumen, dass deine Alpträume verschwinden.

Heute Nacht wirst Du zufrieden schlafen gehen, eingekuschelt in Dein weichhäutiges, verführerisch parfümiertes Leben, wo alles harmlos und perfekt ist. Deine Träume werden mich, wieder einmal, auf die verborgene Seite des Lebens verbannen, dort wo das Licht und die Geräusche, die Nerven versengen, wo Träume grausames Gift werden, das mich langsam tötet und mich von Alptraum zu Alptraum befördert – ohne einen Ausweg.

Deine toxischen Träume begraben meine Existenz unter einen Grabstein, der aus drei Worten besteht: Multiple Chemical Sensitivity. Deine Welt aus idealen Träumen sorgt dafür, dass ich wie gefangen leben muss.

Wache auf aus Deinem schweren Traum, in den Du uns versenkst, damit Du und ich von einem tatsächlichen Leben träumen können, einen realen Traum; sodass niemals wieder jemand seine Träume in die Folter einer gnadenlosen Krankheit verwandeln sieht.

Autor: Eva Caballé für Deliro, April 2010

Bildmaterial: Aida/Deliro

Übersetzung: Silvia K. Müller CSN – Chemical Sensitiivity Network, 19. April 2010

Weitere Artikel von Eva Caballé, die in der Kulturzeitung Deliro erschienen:

Erstes Treffen der Spanischen Arbeitsgruppe für die Erstellung eines Konsenspapiers zu Multiple Chemical Sensitivity

Am 21. April 2010 wird das erste Treffen der Arbeitsgruppe abgehalten, um ein Konsenspapier zu Multiple Chemical Sensitivity in Spanien zu erarbeiten.

Wie Ihr sicher wisst, fand am 4. Februar 2010 das Treffen zwischen Vertretern des Gesundheitsministeriums und Selbsthilfe-gruppen, die sich mit Multiple Chemical Sensitivity befassen, zur Bestandsaufnahme der Situation von MCS in Spanien statt. Bei diesem Treffen legten sich die Vertreter des Gesundheitsministeriums darauf fest, mit MCS-Selbsthilfgruppen in Kontakt zu treten, um sich gemeinsam auf Experten zur Bildung eines wissenschaftlichen Gremiums zu einigen, das ein Konsenspapier zu MCS erstellen soll. Sie erklärten, dies wäre der erste Schritt, um die Aufnahme von MCS in den ICD-10 bzw. die offizielle Anerkennung als Erkrankung in Spanien zu ermöglichen.

Die letzten Monate haben die Selbsthilfegruppen die Liste von Ärzten zusammengestellt, die zu der Arbeitsgruppe gehören sollten. Diese Liste wurde vor ein paar Wochen an das Gesundheitsministerium übermittelt.

Das Ministerium hat bereits einen Termin für das Treffen festgelegt: Der 21. April 2010, und es sind vier Stunden dafür vorgesehen. 11 (*) von den Gruppen benannte Ärzte und 16 Angehörige des Gesundheitsministeriums, von Ärzten bis zu Beratern, werden an diesem Treffen teilnehmen.

Ich möchte allen MCS-Gruppen für ihre Arbeit danken, die Ärzte auszuwählen und ich möchte ihnen auch zur Gründung des „Comité para el Reconocimiento del Síndrome de Sensibilidad Química Múltiple“, des Komitees zur Anerkennung von MCS in Spanien gratulieren, das alles auf den Weg bringen wird. Und ganz besonders möchte ich allen Ärzten, die zur Arbeitsgruppe gehören werden, für ihr Engagement danken, das sie bereits seit Jahren überdeutlich mit ihrer Arbeit beweisen, MCS-Kranken zu helfen. Ich möchte sie mit all unserer Kraft bei dieser Entwicklung, die nun eingesetzt hat, unterstützen, da alle MCS-Kranke und Angehörige ihre Hoffnungen darauf richten.

Englische Fassung: Eva Caballé, No Fun, April 2010

Übersetzung: BrunO für CSN

(*) Update, 13. April: Es werden endgültig 11 von den Gruppen benannte Ärzte am Treffen teilnehmen, da das Gesundheitsministerium der Teilnahme zweier Ärzte zustimmte, die zuvor abgelehnt worden waren.

Weitere Artikel über MCS in Spanien:

Künstlich gegen MCS-Patienten errichtete Blockaden

Die MAK-Kommission hat für sensibilisierende Stoffe MCS präzise beschrieben: es sei zwischen initialisierender und auslösender Dosis zu unterscheiden, letztere sei kleiner als erstere, für beide sei derzeit keine Wirkschwelle angehbar. Dennoch gibt es in Deutschland immer noch Blockaden gegenüber MCS.

Der Rat der Sachverständigen für Umweltfragen hat bereits im Umweltgutachten von 1987 erklärt, dass bei der Risikoanalyse auf die Risikogruppen besonders zu achten ist. Im Umweltgutachten 2000 wird nochmals präzisiert, dass dies vor allem auf die kranken Menschen zugeschnitten sein sollte. In der Theorie ist man sich also einig. In der Praxis wird dies aber nicht umgesetzt. Die zur Bewertung herangezogenen Daten basieren entweder auf dem Versuch mit Ratten, die bessere Entgifter sind als der Mensch – der ADI-Wert – oder auf Durchschnittswerten von gesunden Erwachsenen. Hier gibt offensichtlich entscheidende Blockaden.

Statt jener Forderung des SRU von 1987 nachzukommen, auf jene Risikogruppen „das Hauptaugenmerk zu legen“ und unter dieser Prämisse eine wissenschaftliche Sachdebatte zu führen, werden Hypothesen über ganz neue psychische Krankheiten ausführlich diskutiert: etwa die These, immer mehr Menschen würden bei der Lektüre von Toxikologiebüchern, entsprechende Symptome entwickeln – Toxikopie oder Noceboeffekt. Gleichzeitig wird die Literatur, die geeignet ist, die Prämisse des SRU zu erfüllen als „unseriös“ abgelehnt und deren Lektüre von vorn herein verweigert.

Obwohl es in der Wissenschaft den Unterschied von „seriös“ und „unseriös“ nicht gibt, gilt diese Denkrichtung nicht nur als wissenschaftlich vertretbar, sondern ist – durch Einschüchterung – stark genug, jene Sachdebatte zu unterbinden. Deshalb musste einerseits diese These wissenschaftlich geprüft werden, indem nach ihren Grundlagen gefragt wurde. Nach langjähriger Diskussion besitzt sie weder wissenschaftliche – etwa Studien – noch andere materiellen Grundlagen – etwa eine Kasuistik mit eindeutiger Diagnose oder gar ein Beispiel einer erfolgreichen Psychotherapie. Zum anderen wäre es notwendig den Mechanismen der Zensur nachzugehen.

Wiederherstellung der medizinischen Versorgung für Umweltpatienten

Für die medizinische Versorgung von Umwelt-Patienten muss eine sachbezogene Atmosphäre geschaffen werden, die niemandem erlaubt per Vorzensur inhaltlich zu lenken. Geschieht dies weiterhin, werden die Kosten des Gesundheitssystems weiter explodieren.

Autor: Dr. Tino Merz, Sachverständiger für Umweltfragen

Weitere Artikel von Dr. Merz:

Weiterführende Informationen:

REHA – Bringen Sie beim Abholen einen Rollstuhl mit

Es ist schon ein paar Jahre her. Wir hatten noch lokale Selbsthilfegruppen und trafen uns monatlich. Kontakt hielten wir per Telefon, denn Internet hatte kaum einer unserer Mitglieder. Die meisten von ihnen waren durch Chemikalien an ihrem Arbeitsplatz erkrankt. Obwohl es schon rund zehn Jahre her ist, erinnert man sich dennoch an einzelne Personen oder Episoden. Als vergangene Woche eine Frau mit MCS und schweren toxischen Schädigungen einen Artikel für den Blog schickte, indem sie über ihr Ringen mit der DRV wegen einer anberaumten REHA schrieb, kam ein Fall in Erinnerung.

Durch Chemikalien gezeichnet

Es war an einem Treffen unseres „Arbeits-kreises Giftgeschädigter“. Der Mann war noch recht jung, sah jedoch stark vorgealtert aus. Er betrat den Raum in Begleitung seiner Schwester. Sie musste ihn stützen, der junge Mann hatte kein Gleichgewicht mehr. Nach Ende der Vorträge kamen wir ins Gespräch. Die Schwester erzählte. Ihr Bruder war schon vom Versuch zuzuhören völlig erschöpft und kaum im Stande zu reden. Er hatte in einer großen Reifenfabrik gearbeitet. Jetzt war er ein gesundheitliches Wrack. Trotz des erschütternden Gesundheitszustandes machte die Rentenversicherung Stress und wollte nicht zahlen. Die Berufsgenossenschaft verhielt sich nicht kooperativer, sie weigerte sich, einen Zusammenhang zwischen dem desolaten Gesundheitszustand und der Chemikalienbelastung am Arbeitsplatz zu sehen. Obwohl er nicht mehr konnte, wollte der junge Mann nicht zulassen, dass ihm zu allem gesundheitlichen Leid auch noch Ungerechtigkeit durch diese Versicherungen widerfahren sollte.

Hirnschäden durch Lösungsmittel

Seine Schwester erzählte, dass er eine Hirn OP hinter sich habe. Man hatte versucht, den Schwindel und seine Hirnsymptome durch eine aufwendige Operation in den Griff zu bekommen. Es hatte sich dadurch nichts gebessert, eher das Gegenteil war der Fall. Die meiste Zeit war er in seinem Zimmer und schaute Videos an. Der Kontakt zu seinen Freunden war aus zwei Gründen fast völlig erloschen. Der junge Mann war nicht mehr in der Lage, Gesprächen zu folgen und konnte nicht mehr mit dem Auto zu seinen Freunden fahren, die in benachbarten Orten wohnten. Die Freunde, die anfangs noch zu Besuch kamen, waren völlig erschüttert über den Gesundheitszustand des Gleichaltrigen und konnten den Anblick kaum verarbeiten. Als Reaktion blieb es bei wenigen anfänglichen Besuchen, und dann kam keiner mehr.

Krank durch Chemikalien am Arbeitsplatz

Nichtsdestotrotz war die Familie des Mannes bestrebt, dass es ihm wieder besser gehen sollte. Die Schwester erzählte, dass sein Zustand nicht immer gleich sei und sie deshalb Hoffnung habe, dass sich etwas zum Besseren wenden könne. Sie wollte wissen, was die Familie unternehmen könne, damit sich der Gesundheitszustand etwas stabilisieren könne. Ich riet ihr damals als Erstes, das Zimmer des jungen Mannes ganz schadstofffrei zu gestalten und völlig auf Kunststoffe darin zu verzichten, denn durch Kunststoffe, Lösungsmittel und Gummi war er krank geworden.

Die Schwester ließ sich detailliert erklären, wie ein schadstofffreies Zimmer für eine chemikaliensensible Person aussehen solle. Sie hielt daraufhin das Zimmer, in dem sich der zuvor sehr aktive junge Mann fast ausschließlich aufhielt, für gänzlich ungeeignet. Er hatte darin einen Fernseher, Videorecorder und viele Videokassetten, Teppichboden als Bodenbelag, eine normale Schaumstoffmatratze im Bett und eine Vinyltapete an der Wand. Ein Zimmer, das aussah wie das vieler Millionen junger Menschen.

Unterstützung durch die Familie

Die Familie meinte es ernst. Sie wollten den jungen Mann wieder gesünder sehen. Sie setzen ihre ganze Kraft daran. Er bekam zwei Zimmer im ebenerdigen Bereich des Elternhauses hergerichtet. Die Böden wurden gefliest, die Wände mit Naturfarbe gestrichen. Sie besorgten einen guten Luftfilter, eine Bettmatratze aus Naturmaterialien und richteten alles schadstofffrei her.

Nach knapp zwei Monaten rief mich die Schwester an. Der bedrückte Unterton in ihrer Stimme war völlig verschwunden als sie anfing zu erzählen. Es sei kaum zu glauben, aber ihrem Bruder ginge es um Welten besser. Am Samstag habe er sogar alleine mit seinem Auto zu seinen Freunden in den Nachbarort fahren können. Die ganze Familie sei überglücklich, berichtete sie, weil sie eine solche Besserung schon nicht mehr für möglich gehalten hatten. Schwindlig war der junge Mann kaum noch, außer er war bestimmten Chemikalien ausgesetzt. Er hatte gelernt, dies zu erkennen und setze sich ihnen möglichst nicht aus, sondern ging sofort weg, wenn er sie merkte. Seine alte Lebensfreude kam Stück für Stück zurück. Die Schwester rief immer einmal an und berichtete stolz über seine weiteren Fortschritte.

Trotz desolatem Zustand REHA

Dann kam ein Anruf. In völliger Aufregung erzählte die Schwester, dass ihr Bruder ein Schreiben der Rentenversicherung erhalten habe. Er müsse in eine REHA. Sie hatten angerufen und dem Sachbearbeiter bei der BfA erläutert, in welchem Zustand der junge Mann sei und dass er auf schadstofffreie Umgebung und biologische Kost angewiesen sei. Es war nichts zu machen, er sei verpflichtet mitzuwirken, da sonst der Anspruch auf Rente erlöschen würde. Nachfrage bei der angewiesenen REHA-Klinik bestätigte, dass nichts dort dem entsprach, was für den jungen Mann wichtig war. Trotzdem musste er die Kur antreten, man wolle seine Arbeitsfähigkeit feststellen und ihn stabilisieren hieß es.

Rollstuhl mitbringen

Die Stimme der Schwester beim nächsten Anruf klang wie erloschen. Sie berichtete, dass ihr Bruder tatsächlich in dieser REHA gewesen sei. Sie habe ihn am Tag zuvor abgeholt. Knapp vier Wochen war er dort. Wenn sie dort anrief, verweigerte man ihr, mit ihrem Bruder sprechen zu können. Dass sei der Therapie nicht zuträglich, hieß es. Vorgestern habe sie morgens einen Anruf aus der Klinik erhalten. Man sagte ihr, sie könne ihren Bruder abholen kommen und möge bitte einen Rollstuhl mitbringen.

Wut, Schmerz

Die Schwester berichtete, dass sie in Tränen ausgebrochen sei, als sie ihren Bruder in Empfang nahm. Nichts sei von der Verbesserung seines Gesundheitszustandes mehr vorhanden gewesen, er war schlechter als vor den ganzen Maßnahmen, die von der Familie mit großer kräftemäßiger und finanzieller Mühe erbracht worden waren.

Sie hatte ihren Bruder mit Hilfe eines Pflegers ins Auto bringen müssen. Sie fragte den Pfleger, was mit ihrem Bruder in dieser REHA-Kur gemacht worden sei. Der Pfleger zuckte mit den Schultern und schaut nur zu Boden. An diesem Punkt sei in ihr eine Wut hochgekocht und und sie sei dann in das Gebäude gegangen und habe es sich genau angeschaut. Starker chemischer Teppichbodengeruch schlug ihr entgegen. Er sei erst neu verlegt, deshalb würde er noch riechen, sagte ihr der Pfleger. Sie ließ sich das Zimmer zeigen. Teppichboden, Desinfektionsmittelgeruch, Pressspanmöbel, etc.

Der Speisesaal, in dem ihr Bruder seine Mahlzeiten hatte einnehmen müssen, lag mehr als 100 m entfernt. Den Weg dorthin musste er durch einen langen Flur gehen, der mit übel nach Chemikalien und Kleber riechendem Teppichboden ausgelegt war und keine Fenster zum Lüften hatte. Er bat mehrfach sein Essen doch im Zimmer einnehmen zu dürfen, es wurde ihm untersagt.  Mitpatienten hatten sich sogar angeboten ihm das Essen zu bringen, damit das Personal keinen Mehraufwand hätte. Es blieb bei der Anweisung, der junge Mann musste sich für die Mahlzeiten in den Speisesaal begeben, wo er zusätzlich Parfums, After Shave und anderen Duftstoffen ausgesetzt war. Als er den langen Gang wegen Gleichgewichtsstörungen und Schwindel nicht mehr zu Fuß bewältigten konnte, bekam er einen Rollator, kurz später stellte man ihm einen Rollstuhl zur Verfügung.

Unweit des Zimmers des Bruders war das Schwimmbad der REHA-Klinik. Der Chlorgeruch durchströmte den ganzen Bereich. Trotz seiner schweren Reaktionen auf Chlor musste er an der Bewegungstherapie im Schwimmbad mehrmals teilnehmen. Von der Teilnahme wurde er erst freigestellt, als er aufgrund einer Reaktion im Schwimmbecken fast „absoff“.

Die Schwester sagte nach ihrem Bericht mit gepresster Stimmte: „Die haben meinen Bruder nicht gesund gemacht, die haben ihn hingerichtet und jetzt weiß ich auch, warum ich nie mit ihm sprechen durfte. Jede gesundheitliche Verbesserung, die er vor der Kur hatte, ist zerstört.“

Verschlechterung der Gesundheit durch REHA

Dieser Fall ist kein Einzelfall, wenn auch in seiner Tragweite einer der härtesten Fälle ist, die mir berichtet wurden. REHA-Kurgebäude, die auf die Bedürfnisse von MCS-Kranken ausgerichtet sind, gibt es in Deutschland nicht.

Mangelnde Mitwirkung wird Chemikaliensensiblen vorgeworfen, wenn sie bei der Aufforderung, eine REHA antreten zu müssen, nach den Umweltbedingungen dort nachfragen und mitteilen, dass sie sich in solche Räumlichkeiten nicht aufhalten können, wegen ihrer Reaktionen auf Chemikalien.

Einige Chemikaliensensible mussten erhebliche Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes in Kauf nehmen, weil sie in REHA-Kliniken beordert wurden, in denen weder biologische Kost, noch schadstofffreie Umweltbedingungen zur Verfügung standen und der Geruch von Duftstoffen und Desinfektionsmittel das ganze Gebäude durchzog.

Mancher der chemikaliensensiblen Rentenanwärter versuchte durchzuhalten – oder hielt irgendwie durch, um nicht unterstellt zu bekommen, man habe nicht „mitgewirkt“. Diese an MCS Erkrankten hatten Angst, den Anspruch auf eine Rente zu verwirken. Eine Verbesserung war in keinem einzigen Fall zu vernehmen, im Gegenteil. Dass, was die Erkrankten durch viele Restriktionen und ein schadstoffkontrolliertes Wohnumfeld an Gesundheit zurück gewonnen hatten, war verwirkt.

Endlich? Hoffentlich…

Doch scheint man bei der Rentenversicherung Einsicht zu zeigen und Verständnis aufzubringen. Im nächsten Blog berichtet eine allein erziehende Frau, wie es ihr erging und wie sehr sie kämpfen musste, bis man bei der DRV Verständnis zeigte. Die REHA Maßnahme, der sie sich unter großem Druck beugen sollte, wurde von der DRV letztendlich unter Anerkennung ihrer MCS und Mangel an einer für Chemikaliensensible geeigneten REHA-Klinikeinrichtung zurückgezogen.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 6. April 2010

Weitere CSN-Artikel zum Thema krank durch die Arbeit:

Osterüberraschung: Ein MCS-PIN

Als Überraschung zum Osterfest möchten wir Euch Clarissas MCS-Pin vorstellen.

Die Existenz von Menschen mit Chemikalien-Sensitivität wird gerne verleugnet. Eine Lobby, die den Erkrankten hilft, gibt es nicht. Obwohl es immer häufiger Menschen gibt, die auf geringe Schadstoffkonzentrationen aus Reinigungsmitteln, Zigarettenrauch, Weichspüler, Parfums, Autoabgase etc., mit Gesundheitsbe-schwerden reagieren.

MCS-Kranke treten aus dem Schattendasein heraus

Das MCS-Kreativteam hat es sich zum Ziel gesetzt, diese erdrückende Situation zu ändern und MCS-Kranke kräftig dabei zu unterstützen, ihre eigene Lobby zu schaffen. Viele Organisationen in den unterschiedlichsten Ländern der Welt verfahren auf diese Weise. So gilt der Monat Mai zwischenzeitlich als internationaler Aufklärungsmonat über Multiple Chemikalien Sensitivität. Nicht nur für diesen Zweck, sondern zur Aufklärung das ganze Jahr über, hat Clarissa einen MCS-Pin gestaltet und herstellen lassen. Dieser Pin kann von allen getragen werden, die ein Zeichen setzten wollen.

MCS-Infomaterial

Um Mitmenschen zu erklären, was MCS ist, hat Clarissa zusätzlich visitenkartengroße Kärtchen erstellt, die man Interessierten überreichen kann. Jeder, der einen MCS-PIN bestellt, bekommt welche dazu mitgeliefert.

Ergänzend bietet CSN vielfältiges Material zum Aufklären über MCS und Gefahren durch Duftstoffe an. (MCS-Flyer, Infokarten über Duftstoffe, Ärzteinformation zur Anerkennung von Umweltkrankheiten, etc.)

MCS-PIN und Infokärtchen – Action ist angesagt

Den MCS-Pin (in dieser Ausführung geschützt) könnt Ihr über Clarissas eigens erstellte Webseite MCS-Infogate gegen einen kleinen Unkostenbeitrag bestellen. Sie hat fürs Erste 500 Pins herstellen lassen, so dass es auch möglich ist, gleich mehrere zu bekommen. Selbsthilfegruppen können sich ebenfalls gerne an der Aktion beteiligen und MCS-Pins für ihre Mitglieder oder für Info-Veranstaltungen erhalten.

Wir wünschen Euch Allen und Euren Familien ein Frohes Osterfest

Und viel Spaß mit dem MCS-PIN,

Euer

MCS Kreativteam

Sind die Erkenntnisse von Paracelsus noch State of the Art im 21. Jahrhundert?

Die Toxikologie basiert auf der Dosis-Wirkungs-Definition des Paracelsus anno domini 1426: „die Dosis macht das Gift“. Dies war ein wichtiger Schritt von der Mystik zur exakten Wissenschaft.

Zur Zeit des Paracelsus war hauptsächlich die tödliche Wirkung interessant. Die Wirkung ließ sich also stets ohne Gutachterstreit feststellen. Außerdem ist die Wirkung zeitnah zur Dosisverabreichung gedacht. Die Dosis-Wirkungs-Definition ist also akut und eindeutig.

Nach Paracelsus ist die Dosis allein Ursache der Erkrankung. Das ist bei akuttoxischen Vergiftungen auch der Fall. Chronische Erkrankungen durch Langzeit-Niedrigdosis-Belastung mit Gemischen lassen sich aber weder aus einzelnen Dosen oder aus Dosissummen verstehen. Deswegen wurde die Website in Informationen über Einzelschadstoffe und den Komplex Chronische Erkrankungen durch chronische Intoxikation getrennt.

Heute

Die Fach- sowie die Laiendiskussion um die Wirkung niedriger Konzentrationen über lange Zeiträume ist geprägt durch den Glauben, solchen Wirkungen seien rätselhaft, soweit man überhaupt von einer toxischen Wirkung sprechen könne.

Symptomvielfalt – Symptommuster

„Wenn ein Patient mit mehr als vier Symptomen zu Ihnen kommt, dann schicken Sie ihn zum Psychiater!“, nach dieser Devise wurde Prof. Heuser, Los Angeles, heute einer der bekanntesten Umweltmediziner, ausgebildet.

Die Definitionen etwa der toxischen Enzephalopathie oder gar des Sick-Building-Syndroms enthalten mehr als zwanzig Symptome, obwohl die WHO sichtlich bemüht war, nur die wichtigsten Hauptsymptome in die Liste aufzunehmen. Gifte erzeugen nur unspezifische Symptome, diese aber in großer Menge. Typisch sind bestimmte Symptommuster. Diese helfen bei der Definition der Erkrankungen und auch bei der Eruierung der Ursache. Letzteres funktioniert sogar bei Gemischen, wie die Golfkriegs-Veteranenstudie bewiesen hat.

Oft müssen Kranke erleben, die einem Bekannten, ja sogar ihrem Hausarzt ihre Beschwerden erläutern, dass sie spontan zur Antwort bekommen: „Das habe ich auch, ha, ha!“ Es sind eben Allerweltssymptome, die jedes für sich genommen auch eine andere Ursache haben kann. Sie vergehen aber nicht und treten massiv gleichzeitig auf. Der Betroffene ist ernsthaft behindert, teilweise oder ganz arbeitsunfähig und im Endstadium nicht mehr ohne fremde Hilfe lebensfähig.

Zeiträume – akut, subakut (subchronisch), chronisch

Bei langen Zeiträumen fällt die Zuordnung schwer. Doch längst ist es üblich, Untersuchungen in akut, subakut (subchronisch) und chronisch zu unterscheiden (subakut bezieht sich auf die Dosis und subchronisch auf den Zeitraum). Besondere Anforderung stellt dabei die Bestimmung der chronischen Wirkdosis. Sie muss nämlich die Forderung erfüllen, die Wirkschwelle bei lebenslanger Exposition darzustellen. Außerdem ist eine solche Versuchsanordnung auch sehr aufwendig.

Hilfsweise hat das Umweltbundesamt vorgeschlagen, die Wirkschwellen verschiedener zeitlicher Qualität auseinander abzuschätzen: einen Faktor 10 für akut/subakut und entsprechend für subchronisch/chronisch. Es gibt aber Beispiele, dass die akute und die chronische Wirkschwelle deutlich weiter als zwei Zehnerpotenzen auseinanderliegen.

Stoffe ubiquitär – Wirkungen auch

Mit dem Jahr 1987 erfolgte die Anerkennung der Tatsache, dass ubiquitäre Stoffe sich so weit in der Umwelt anreichern können, dass die chronische Wirkschwelle erreicht wird. Der Sachverständigenbeirat für Umweltfragen nannte Dioxine, Furane, „einige Pestizide“, PCB, Cadmium, Blei und Nitrat im Trinkwasser. Mit Pestiziden sind vor allem die Organophosphate, Lindan und DDT gemeint.

1987 waren die wichtigsten Umweltkrankheiten wie toxische Enzephalopathie (TE), toxische Polyneuropathie (TPNP), Sick-Building-Syndrom (SBS) und die chemische Sensitivität (MCS) definiert.

Ursache und Wirkung sind ubiquitär verbreitet.

Vorkommen Allergien, MCS

Die Verbreitung war schon weit fortgeschritten: Allergien 30%, MCS 15%. Akute Fälle sind selten, chronische Vergiftungen dagegen sind zahlreich.

Wirkschwelle

Wie stelle ich eine Wirkschwelle bei dreißig und mehr Symptomen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftreten, fest? Dazu gibt es das Konzept der Unterscheidung adaptiver und adverser Reaktionen. Soweit hier Laborparameter helfen können, so liegt die Grenze bei der Überschreitung der Referenzwerte.

Soweit diese nicht zur Verfügung stehen, kommt es zu sehr unterschiedlichen Bewertungen. Was etwa die WHO toxische Enzephalopathie, Schweregrad 1, nennt, nennen andere Befindlichkeitsstörungen. Wenn etwa erhöhte Reizbarkeit, Störung bei der Planausführung, Konzentrations- und Merkschwäche gleichzeitig auftreten, so ist die Zusammenarbeit doch schon deutlich behindert. Dieser Zustand ist advers – etwa: toxische Enzephalopathie Schweregrad I.

Komplexität

Die reale Situation wird noch dadurch kompliziert, dass es sich immer um die Wirkung von Gemischen handelt. Aber auch einige besondere Stoffe sind in der Lage, fast jede beliebige Störung im Organismus hervorzurufen: „Dioxin does everything.“, sagte der bekannte amerikanische Toxikologe Safe. Die Bewertung der Dioxine umfasst auch eine 2500-seitige Dokumentation und die Grundfrage bei den Dioxinen war auch nicht, was sie bewirken, sondern welche Wirkweise bei der geringsten Dosis auftritt.

Toxikologische Daten reichen nicht

So etwas kann man mit Hilfe von toxikologischen Daten, gar noch aus dem Tierversuch, nicht mehr bewerten. Die toxikologischen Daten sind Hilfsdaten, unterschätzen aber in der Regel die Wirkschwelle. Sie müssen ergänzt und kombiniert werden mit den Erkenntnissen der Umweltmedizin, respektive der funktionellen Medizin.

Diese Erkenntnis führte auch beim Autor zu der Entscheidung, gutachterliche Arbeit von der Toxikologie auf die Umweltmedizin auszudehnen.

Kausalitätsnachweise

Nachweise zur Kausalität zu erbringen ist grundsätzlich schwieriger als der Nachweis von Ursache und Wirkung im wissenschaftlichen Sinn, denn die Juristen verlangen die Beschränkung nach dem anerkannten Stand der Wissenschaft.

Anerkennungsprozesse dauern einige Zeit. Der Stand der Wissenschaft ist folglich veraltetes Wissen. Dies übersehen Wissenschaftler in der Regel, so dass ihr gutachterlicher Vortag fehl geht. Da der anerkannte Stand der Wissenschaft für die Kausalitätsnachweise zu 90% der Fälle aus den 80er Jahren stammt, kann auch der juristische Nachweis geführt werden.

Autor: Dr. Tino Merz, Gutachter für Umweltfragen

Weitere Artikel von Dr. Merz:

Weiterführende Informationen:

Wie wird man in weniger als 365 Tagen ein MCS-Aktivist? Schaut nach Spanien!

Chemikaliensensible Menschen weltweit haben verstanden, dass ihre Krankheit ein Politikum darstellt, das gewisse Lobbygruppen und Industrien unterdrücken, da sie sonst Einfluss und Umsätze verlieren. Diese waren über Jahrzehnte erfolgreich darin, chemikalienbedingte Krankheiten als nicht existent darzustellen und durch gezielte Propaganda Erkrankte als einzelne Psychospinner zu denunzieren. Dank des Internet beginnt diese Struktur zusehends zu bröckeln. MCS-Kranke haben sich international vernetzt, tauschen fachliches Wissen aus und stärken sich gegenseitig. Die Möglichkeiten, die Soziale Netwerke anbieten, verstärken dies. Vor Jahren kannte kaum einer der Erkrankten jemanden aus einem anderen Land, mittlerweile ist die Welt dank dieser Vernetzung zu einem „Dorf“ geworden.

Niemals hätte ich Eva kennen gelernt, eine junge spanische Frau, die unter sehr schwerer Chemikalien-Sensitivität, extremen Nahrungsmittelallergien und CFS leidet. Selbst wenn ich nach Barcelona gereist wäre, wo sie wohnt, hätte ich sie nie treffen können. Eva kann sich seit rund zwei Jahren nur in ihrer Wohnung aufhalten und seit ein paar Monaten liegt sie ausschließlich im Bett. Trotz der Schwere ihrer Erkrankung hat die bemerkenswerte Aktivistin es geschafft, dass den Menschen in ihrem Land nicht mehr länger verborgen bleibt, dass unser täglicher Überkonsum von Chemikalien in Alltagsprodukten seinen Tribut fordert. Zusammen mit Susie Collins von Canary Report aus den USA bat ich Eva für uns über die letzten Monate zu berichten. Dieses Anliegen war uns beiden besonders wichtig, denn Eva’s Bericht soll andere MCS-Kranke mit Mut erfüllen, auch aktiv zu werden.

Niemand erwartet, dass jeder Chemikaliensensible soviel in Bewegung setzt wie im nachfolgenden Bericht zu lesen. Das ist auch nicht erforderlich, denn es sind viele Menschen weltweit, die auf das gleiche Ziel zustreben – die Akzeptanz einer Krankheit, die nicht sein darf, die sich aber nicht mehr länger verschweigen lässt.

Andererseits, „sag niemals nie“, denn vielleicht ist man ja auch jemand, der selbst wenn er nur noch im Bett liegen kann und kaum Kraft hat, trotzdem noch gute Ideen hat und Mut aufbringt. In uns allen schlummert mehr Potential, als wir selbst vermuten. Der nachfolgende Bericht soll inspirieren:


Eva Caballé berichtet:

Meine Freundinnen Silvia Müller und Susie Collins baten mich alles aufzuschreiben, was ich seit Juni 2009 unternommen habe, um ein öffentliches Bewusstsein für Multiple Chemikalien-Sensitivität zu schaffen. Dies ist eine Auflistung all meiner Artikel, der Zusammenarbeit die stattfand, und mein Auftauchen in den Medien. Dies hat so hoffe ich geholfen, die Wahrnehmung von MCS zu erhöhen. Wie viele von Euch wissen, schrieb ich letzten Juni für das online Kultur-Magazin Delirio einen Artikel, der „Die nackte Wahrheit über MCS“ hieß, in dem es zwei Fotos von mir gab, auf denen ich nackt war, nur eine Atemmaske trug. Der Artikel wurde Dank Susie Collins von The Canary Report und Silvia Müller von CSN – Chemical Sensitivity Network in neun verschiedene Sprachen übersetzt. Seitdem habe ich zu jeder Ausgabe von Delirio Artikel beigesteuert, die MCS zum Thema hatten: „Schreie aus der Stille“ und „Metamorphose im Leben mit MCS“ und im Augenblick arbeite ich am nächsten.

Dann entschied ich mich, ein Buch zu schreiben, um anderen Menschen anhand meines persönlichen Lebens und meiner Erfahrungen zu vermitteln, was es heißt, mit MCS zu leben: dieses völlige im Stich gelassen sein, unter dem wir leiden, und warum sich Menschen wegen den giftigen Produkten, die sie täglich benutzen, Gedanken machen sollten. Ende August beendete ich die Arbeit an „Vermisst: Ein durch Multiple Chemikalien-Sensitivität zerstörtes Leben“ und im November kam das Buch bei El Viejo Topo (Der alte Maulwurf) heraus. Die Veröffentlichung wurde angekündigt, als Salvador López Arnal ein Interview über MCS mit mir machte, ein Interview, das anschließend Dank meiner Online-Freunde ins Englische, Japanische und Deutsche übersetzt wurde.

Dank „Die nackte Wahrheit über MCS“ lernte ich viele interessante Menschen auf der ganzen Welt kennen, und einer von ihnen in Japan, Takeshi Yasuma, von Citizens Against Chemicals Pollution (CACP), den Bürgern gegen chemische Umweltverschmutzung, bat mich eine Botschaft an MCS-Patienten und deren Unterstützer zu verfassen, die im Oktober 2009 auf dem Symposium zur Feier der Anerkennung von MCS in Japan präsentiert wurde. Meine Botschaft wurde während des Symposiums verlesen und an die Wand geworfen.

Im November, zwei Wochen bevor mein Buch herauskam, hatte ich zur Hauptsendezeit ein telefonisches Radiointerview (im Spanischen staatlichen Rundfunk), in einer live Kultur-Sendung die Carne Cruda (Rohes Fleisch) heißt. 25 Minuten lang sprachen wir über Multiple Chemikalien-Sensitivität und mein Buch, und sie waren derart geschockt, dass sie versprachen, sie würden das Spanische Gesundheitsministerium kontaktieren, um denen die schlimme Situation von MCS-Kranken zu erläutern. Wie viele von Euch wissen, wurde der Generalsekretär des Gesundheitsministeriums während einer Sendung interviewed (mein Mann David sprach an meiner Stelle mit ihm) und er legte sich öffentlich darauf fest, sich mit MCS-Vereinigungen aus Spanien zu treffen und unsere Klagen anzuhören. Das Treffen fand am 4. Februar 2010 statt, das Ergebnis war eine verbindliche Erklärung der Regierung, einen wissenschaftlichen Rat einzurichten, der ein Konsenspapier über MCS erstellen soll.

Ende November wurde in der Jugendbeilage der im Print erscheinenden Zeitung Deia ein Artikel über meinen Blog No Fun publiziert. Der mit „Toxic Life“ (Giftiges Leben) übertitelte Artikel war eine gründliche und genaue Analyse meines Blogs (die Informationen die ich bereitstelle, meine Übersetzungen, meine eigenen Artikel, meine Zusammenarbeit mit anderen, usw.), die MCS und meine vernetzte Arbeit im internationalen Kampf für die Wahrnehmung von MCS beleuchtete.

Ich beteiligte mich außerdem mit 14 anderen Frauen aus der ganzen Welt am fabelhaften Canary Report Wand-Kalender für 2010. Die Idee ging auf meine Nacktfotos für Delirio zurück und ich war sehr stolz, Teil eines solchen erstaunlichen von Susie Collins geleiteten Projektes zu sein. Die Kalender sind käuflich zu erwerben und der ganze Gewinn wird an die Environmental Working Group gespendet.

Ende 2009 interviewte mich Salvador López Arnal erneut, diesmal unterhielten wir uns mehr über mein Buch und über meine Erfahrungen, und er interviewte auch meinen Mann David, der das Vorwort zu meinem Buch schrieb. Das Interview erschien im Januar im gedruckten El Viejo Topo Magazin und im Februar wurde es online veröffentlicht.

In der Zeit vom Dezember 2009 bis Januar 2010 erschienen drei wunderbare Rezensionen meines Buches. Das erste kam bei Punts de Vista (Standpunkte) heraus, einem Blog von Àngels Martínez i Castells, eine Ökonomin und Präsidentin von Dempeus, einer Katalanischen Gesellschaft zur Verteidigung des Gesundheitssystems. Die zweite erschien auf Kabila ein Blog von Rafael G. Almazán, Journalist mit Schwerpunkt Politik und Menschenrechte. Die letzte wurde auf der Homepage des Umweltjournalisten und Schriftstellers Miguel Jara veröffentlicht.

Ende Januar erschien ein weiteres Interview mit mir, in der Gesundheitsbeilage von ABC, einer der bedeutendsten gedruckten Zeitungen in Spanien. Das Interview, das über zwei Seiten ging und eine Abbildung des Einbands meines Buches enthielt, drehte sich um MCS und meine im Buch beschriebenen Erfahrungen, behandelte aber auch das völlig im Stich gelassen werden, das Menschen mit MCS erleiden. Sie fügten einen MCS-Artikel von Dr. Arnold, einem auf MCS spezialisierten Immunologen hinzu, der ebenfalls auf den Online-Seiten der Zeitung veröffentlicht wurde.

„El color der la tarde“ (Farbe des Abends), eine Magazin-Sendung auf Radio Intercontinental, wollte mich einen Tag, nachdem das Interview mit ABC veröffentlicht wurde, interviewen. Wegen meiner Erkrankung war ich dazu nicht in der Lage, aber sie stimmten zu, stattdessen meinen Mann zu interviewen. Thema des Interviews waren MCS und mein Buch.

Ebenfalls Ende Januar erschien ein Artikel mit dem Titel „The canary of the mine.“ (Der Kanarienvogel des Kohlenschacht) im El Observador Magazin. Dieser von meinem Buch inspirierte Artikel handelte von MCS, Giftstoffen, meinem Buch und von [dem Buch] „Silent Spring“ (Stummer Frühling) von Rachel Carson. Diesen Artikel hatte Paco Puche, ein Ökologe, geschrieben und er war sehr kämpferisch, ermutige die Leserschaft, sich der Warnung bewusst zu werden, die von Menschen mit MCS ausgeht. Dieser Artikel endete mit einem Absatz aus meinem Buch und der letzte Satz lautete: „Vielleicht haben es so viele giftige Erzeugnisse geschafft, um aus uns Schafe zu machen?“

Im Februar wurde mein Buch in einer Literatursendung von Radio Euskadi erwähnt und aufgrund dessen bat mich eine andere Sendung des selben Senders, „La noche despierta“ (Die wache Nacht), um ein Telefoninterview zu meinem Buch und zu MCS. Meine Gesundheit erlaubte es mir nicht, dieses Interview durchzuführen, aber sie stimmten zu, David, meinen Mann, zu interviewen, da sie mein Buch sehr schockiert hatte. Das Interview mit David auf Radio Euskadi dauerte 30 Minuten und war sehr gründlich und einfühlsam. Sie sprachen über MCS, wie unsere Regierung überhaupt nichts unternimmt, um uns zu helfen und wie wir dazu verdammt sind, ohne [finanzielle] Unterstützung der Sozialfürsorge zu leben. Der Journalist hatte ein außerordentliches Fingerspitzengefühl und das Interview war sehr bewegend. Ich beantwortete eine Frage, die ich zuvor vom Bett aus aufgenommen hatte.

Im März wurde mein Buch in die Kataloge zweier öffentlicher Bibliotheken aufgenommen: die Öffentliche Bibliothek von Navarra und die Öffentliche Bibliothek der Universität von Alicante. Darüber freue ich mich besonders, weil es in beiden öffentlichen Bibliotheken das erste Buch über MCS ist, das sie haben.

Auch im März wurde ein Interview mit David in „La Contra“ (Der Rundschlag) veröffentlicht, einem sehr prestigeträchtigen Thementeil in einer sehr bedeutenden Spanischen Zeitung: La Vanguardia (Avantgarde). Sie wollten mich interviewen, aber ich konnte es wegen meiner Krankheit nicht tun. In dem Interview ging es um MCS und unsere Erfahrungen und es war ein großer Erfolg. Wegen diesem fragte eine weitere Radiosendung bei David um ein Interview an.

Am Tag des Interview auf Radio 3 [Nov. 2009/Carne Cruda] nahm ein Spanischer Filmemacher zu mir Kontakt auf, weil er von dem Interview schockiert war und er beschloss, einen Kurzfilm zu drehen um zu helfen, die öffentliche Aufmerksamkeit für MCS zu erhöhen. Er bat mich, ihm zu helfen, obwohl die Geschichte eine erfundene sein wird, lag ihm sehr daran, sie so echt und authentisch wie möglich zu machen. Die Dreharbeiten des Kurzfilms über MCS, mit dem Titel „Los Pájaros de la Mina“, (Die Vögel der Bergwerke), wurden im März begonnen und sie wecken große Erwartungen, regen Diskussionen und die Presse an, da dies der erste spanischsprachige MCS-Kurzfilm sein wird.

Terra Verda (Grüne Erdkugel), ein staatliches Fernsehprogramm, wollte, dass ich in ihrer Sendung über Gifte in Wohnungen mitwirke. Wegen meiner Erkrankung konnten sie nicht zu mir nach Hause kommen, aber sie stimmten zu, dass David mein Interview mit unserer Video-Kamera aufnimmt. Sie baten uns außerdem, die Veränderung zu zeigen, die wir wegen meiner Erkrankung an unserer Wohnung vornahmen, und so zeichneten wir ein zweites Video auf, das all diese Informationen bot. Die Sendung wird Ende März gesendet werden und ich werde sie dann in meinem Blog No Fun veröffentlichen, zusammen mit der ungekürzten Version beider Videos, die wir zu Hause aufgenommen haben.

All dies ist in weniger als einem Jahr geschehen! Darüber freue ich mich sehr, weil ich mir nie vorstellen konnte, dass ich in der Lage wäre, all dies zu tun, besonders als sich meine Gesundheit verschlechterte. Natürlich hätte ich nichts davon jemals ohne die Hilfe und Unterstützung von David, meiner gesamten Familie und meiner Freunde überall auf der Welt tun können.

Autor: Eva Caballé, No Fun, März 2010

Übersetzung: Vielen Dank geht an BrunO.

Antext: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network

Titelbild: Vielen Dank geht an Susie Collins für das Bild von Eva aus dem Canary Report Kalender.

Weitere Artikel von Eva Caballé:

Asbest – das Gift nimmt kein Ende

Verarbeitungs- und Anwendungsverbot von Asbest verhindert Neuerkrankungen nicht

Die Verarbeitung von Asbest, das man früher gerne auch als Wunderfaser bezeichnete, fand in den 60er und 70er Jahren seinen Höhepunkt. In der EU ist die Herstellung und Anwendung von Asbest seit 2005 verboten. Das hochgiftige Mineral ist bei Berufsgenossenschaften zwar als Verursacher von Berufskrankheiten anerkannt, doch viele Betroffene kämpfen um die Anerkennung ihrer Erkrankung. Durch die lange Wirkdauer der mineralischen Fasern ist damit zu rechnen, dass auch zukünftig viele Krankheits- und Todesfälle auf das Konto von Asbest zu verbuchen sein werden. Zwischen Kontakt mit dem giftigen Staub und dem eigentlichen Krankheitsausbruch können mehr als 30 Jahre vergehen.

Asbest löst folgende Erkrankungen aus:

– chronische Atemwegserkrankungen
– Asbestose (Staublunge)
– Rippenfellkrebs
– Bauchfellkrebs
– Kehlkopfkrebs
– Lungenkrebs

Asbest ist ein natürlich vorkommendes Mineral, das aus feinen faserförmigen Silikaten beschaffen ist. Auf Grund seiner einst vielfältigen geschätzten Eigenschaften wie z. B. Feuerfestigkeit, Isolations-fähigkeit, Säurebeständigkeit und Stabilität, wurde Asbest in der Vergangenheit von der Industrie entsprechend häufig verarbeitet. Asbest fand u. a. in der Bau- und Autoindustrie, als Brandschutz, in Elektrogeräten, Heizungen wie auch in Fußbodenbelägen rege Anwendung.

Die Unvergänglichkeit von Asbest birgt großes Risiko für die Gesundheit

Das Risiko an den Folgen einer Asbesterkrankung zu sterben ist hoch. Leider ist das Problem um den zumeist Tod bringenden Staub durch das in Kraft getretene Anwendungsverbot in Deutschland nicht beseitigt. Denn das früher in großen Mengen verbaute giftige Mineral kann auch heute noch seine negative Wirkung freisetzten, z. B. durch Witterungseinflüsse oder im Zuge von Sanierungsarbeiten. Das ARD-Magazin Panorama gibt an, dass bei Sanierungsarbeiten oft geschlampt und, ohne Schutzvorkehrungen zu treffen, leichtsinnig mit kontaminierten Baumaterialien hantiert wird. Das führt dazu, dass auch heute noch immer weitere Asbesterkrankungen entstehen. In den letzten 30 Jahren sind in Deutschland lt. Panorama über 20 000 Menschen an den Folgen einer Asbestbelastung gestorben.

Asbest-Alarm: Schulgebäude sind häufig mit asbesthaltigen Baumaterialien belastet

Immer wieder erreichen uns Meldungen in den Medien über Asbestbelastungen in Deutschlands Schulen. Es ist davon auszugehen, dass der krebserregende Stoff in vielen deutschen Schulgebäuden in den 60er und 70er Jahren verbaut wurde. In Hamburg wurden im vergangenen Jahr viele Schulen und Turnhallen vorübergehend wegen möglicher Asbestgefahr geschlossen. Ganz aktuell gibt die Hamburger Schulbehörde nun Entwarnung und erläutert, der Asbestverdacht hätte sich bei den aufwändigen Untersuchungen nicht erhärtet. In keiner der Proben seien mehr als 500 Asbestfasern pro Kubikmeter Raumluft nachgewiesen worden, somit bestand lt. Aussagen der Behörden, für Schüler und Sportler keine akute Gesundheitsgefahr. Hamburg ist jedoch kein Einzelfall, auch in Berlin mussten fünf asbestverseuchte Schulen geschlossen werden, betroffen sind 2000 Schüler. Die Berliner Schulstadträtin Schultze-Berndt gibt an, dass Schüler und Lehrer in keiner der betreffenden Schulen gesundheitlich gefährdet waren, die Luftmessungen hätten keinen Nachweis auf eine Asbestbelastung erbracht.

Verbraucherschutz – Fehlanzeige: Asbest wird weiter nach Deutschland importiert

Asbest gilt als unvergänglich, dies trifft im wahrsten Sinne des Wortes zu, denn trotz des bestehenden Anwendungs- und Verarbeitungsverbots gelangt Asbest weiterhin zu uns nach Deutschland. Asbest wird in einigen Ländern der Erde, u. a. in Kanada und China, auch heute noch abgebaut, oft ohne jegliche Arbeitsschutzvorkehrungen. Eine vom Bundesumweltministerium erteilte Ausnahmegenehmigung ermöglicht dem Chemiekonzern Dow Chemical aus Stade bei Hamburg den legalen Import von Weißasbest aus Kanada nach Deutschland, wie die kürzlich ausgestrahlte TV-Dokumentation „Die Asbestfalle“ von Inge Altmeier, verdeutlicht. Zu einer Stellungnahme war das Bundesumweltministerium gegenüber dem TV-Team nicht bereit, stattdessen verwies man auf die lokalen Verbraucherschutzämter. Doch wer sich dort tatsächlichen Verbraucherschutz vor Asbest erhofft, wird bitter enttäuscht. Lediglich das Gewerbeaufsichtamt in Bayern sucht nach asbesthaltigen Produkten und wird lt. der TV-Doku immer wieder fündig. In welchen Waren Asbest gefunden wird, muss der unabhängige Kontrolleur aus Datenschutzgründen jedoch hüten wie einen Schatz, er darf die schwarzen Schafe nicht benennen. Diese Vorschriften bringen zum Ausdruck, wie es um den Verbraucherschutz in Deutschland bestellt ist.

Asbest gelangt in unsere Haushalte

Inge Altmeier wurde durch Hinweise eines Arbeitsmediziners auf das Thema Asbest aufmerksam und dadurch animiert, intensiv über das brisante Thema zu recherchieren. In der daraus entstandenen Reportage wurde berichtet, dass theoretisch bereits eine tiefeingeatmete Asbestfaser Krebs auslösen kann. Asbest gelangt durch Importe von Alltagsprodukten in deutsche Haushalte. In neun von zehn untersuchten Thermoskannen, die zumeist in China produziert wurden, konnte Asbest in den am Glaskolben angebrachten Abstandshaltern nachgewiesen werden. Geht nun eine solche asbesthaltige Thermoskanne zu Bruch und werden die giftigen Asbestfasern eingeatmet, besteht beim Verbraucher Gesundheitsgefahr.

Inge Altmeier führt an, dass zunehmend Asbestfasern bei jungen Frauen im Bauchfell nachgewiesen werden. Es besteht die Annahme, dass die Ursache in den heute noch asbestbelasteten Schulgebäuden zu suchen ist.

Wie steht es um die Unversehrtheit unserer Gesundheit?

Umso unverständlicher sind die derzeit in Deutschland schleppend verlaufenden Sanierungsarbeiten in deutschen Schulen anzusehen. Der Fall Hamburg lässt die berechtigte Frage aufkommen, ob die Schulbehörden mit ihrer Entwarnung für die nachgewiesenen Asbestwerte Schülern und Lehrpersonal auch tatsächlich hundertprozentige Unversehrtheit ihrer Gesundheit garantieren können. Auch lässt der derzeitige Trend der Industrie zur verstärkten Verarbeitung von Nanotechnologie in den unterschiedlichsten Produktpalletten die Vermutung aufkommen, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit scheinbar nichts dazu gelernt zu haben scheint. Nanopartikel sind um ein Vielfaches kleiner als Asbestfasern. Die Auswirkung von Nanoteilchen auf unsere Gesundheit lässt per dato viele wissenschaftliche Frage unbeantwortet. Verarbeitete Nanotechnik muss auf den Produkten nicht deklariert werden. Seitens der Behörden und Politiker sollte allerdings im Zweifelsfall immer für die Verbraucher entschieden werden und nicht für die Industrie.

Autor: Maria Herzger, CSN – Chemical Sensitivity, 26. März 2010

Weitere Artikel – Asbest und krank durch die Arbeit:

Diagnose MCS verweigert, der Patient trägt den Nachteil

Im Artikel: „Input – MCS korrekt diagnostizieren ist notwendig und nicht so schwer“ wurde verdeutlicht, dass es de facto nicht sonderlich problematisch ist, MCS zu diagnostizieren. Resonanz im Blog, im CSN Forum und per Mail zeigten, dass Erkrankte diese Diagnose trotzdem vorenthalten bekommen. Obwohl es für ihre vorhandene Symptomatik auf Alltagschemikalien im Niedrigdosisbereich keine andere Erklärung gibt und Ausschlussdiagnostik ohne konkreten anderweitigen Befund blieb, schreiben ihre Ärzte, bzw. Umweltärzte MCS nicht in den Befund oder auf die Überweisung. Der existierte Code für MCS im ICD-10 – T78.4 findet keine Anwendung.

Liegt MCS in einem Schwergrad vor, der erfordert, dass auf den Erkrankten besondere Rücksicht genommen nehmen muss, weil die Person sonst nicht richtig funktionieren kann oder Schmerzen erleidet, dann ist es nachteilig, wenn die bezeichnende Diagnose unterschlagen wird.

Das Vorenthalten der Diagnose MCS kann für eine chemikaliensensible Person bedeuten, dass Behörden und Institutionen die Hände gebunden sind, um Hilfe oder Unterstützung zu gewähren.

Es kann auch bedeuten, dass ein Antrag auf Anerkennung der MCS als Schwerbehinderung beim Versorgungsamt abgelehnt wird, denn wie soll die Behörde anerkennen, wenn kein Befund das Vorliegen bestätigt? Gleiches beim Rentenverfahren, bei der Beantragung einer behindertengerechten Wohnung, beim Antrag auf höhere Zuwendung für spezielle Ernährung, Medikamente, bei der Bewilligung einer (notwendigerweise duftstofffreien) Pflegeperson, oder beim Antrag auf Behandlung der MCS in einer Umweltklinik.

Thommy’s MCS Blogfrage der Woche:

  • Wurde Euch die Diagnose MCS verweigert, obwohl es keine andere Erklärung für Eure Beschwerden gibt?
  • Mit welcher Begründung wurde gerechtfertigt, dass MCS nicht im Befund oder Attest stehen wird?
  • Was wurde Euch anstatt MCS attestiert?
  • Welche Unterstützung wurde Euch stattdessen entgegengebracht, um Eure Ansprüche durchzusetzen oder notwendige Hilfe zu erhalten?
  • Hattet Ihr Nachteile, weil Euch MCS durch keinen Arzt bestätigt wurde?
  • Z.B. beim Antrag auf Anerkennung der MCS als Schwerbehinderung beim Versorgungsamt, beim Rentenverfahren, bei der Beantragung einer behindertengerechten Wohnung, beim Antrag auf höhere Zuwendung für spezielle Ernährung, Medikamente oder beim Antrag auf Behandlung der MCS in einer Umweltklinik, etc.?

Pestizide: Pyrethroide bereiten neue Sorgen

Von Blumen abgeleitet, aber nicht harmlos: Pyrethroide geben erneut Anlass zu Sorgen

Von Blumen abgeleitete Chemikalien mag harmlos klingen, aber die jüngste Forschung gibt Anlass, sich wegen Stoffen, die nach dem Vorbild von Chrysanthemen synthetisiert wurden und die in nahezu jeden Haushaltspestizid vorkommen, Sorgen zu machen.

Seit mindestens einem Jahrzehnt waren Pyrethroide für Verbraucher das Insektizid der Wahl, sie ersetzen Organophosphat-Pestizide, die für Mensch und Tier sehr viel giftiger sind. Doch die Hinweise verdichten sich, dass der Wechsel zu Pyrethroiden eine Reihe neuer ökologischer und gesundheitlicher Risiken mit sich brachte.

Nach einer im Februar 2010 veröffentlichten Studie waren in den Vereinigten Staaten rund 70 Prozent der Bevölkerung Pyrethroiden ausgesetzt, die höchste Belastung betraf Kinder. Obwohl die Gesundheitsgefahren für Menschen unbekannt sind, weisen Tierversuche auf eine Schädigung des Nerven- und Immunsystems sowie der Fortpflanzung hin.

Zusätzlich fließen Pyrethroide über Höfe und Gärten ab und verseuchen viele Bäche und Flüsse mit Konzentrationen, welche Kleinlebewesen töten können und die für das Überleben von Fischen und anderen Wasserbewohnern unverzichtbar sind. Sowohl Kalifornien als auch die Amerikanische Umweltschutzbehörde [EPA] unterziehen diese Chemikalien aufgrund von Sicherheitsbedenken einer erneuten Überprüfung.

„Pyrethroide sind selbstverständlich eine sicherere Alternative zu Organophosphaten, aber nur weil sie sicherer sind, heißt das nicht, dass sie sicher sind“, sagt Dana Boyd Barr, Forscherin und Professorin für Umweltmedizin an der Emory University’s Rollins School of Public Health in Atlanta, Georgia. Barr ist die Autorin einer Studien, die zum ersten Mal Daten zur Pyrethroid-Belastung der US-Bevölkerung erhoben hat.

Pyrethroide sind in über 3.500 Erzeugnissen zu finden und werden in Wohnungen, auf Feldfrüchte, in Höfen und Gärten angewendet – beispielsweise handelt es sich um Antiläuse-Shampoos, Innenraum-Vernebler [z.B. f. Zierbrunnen], Sprays gegen Läuse für Haustiere und Bekämpfungsmittel gegen Ameisen, Wespen, Moskitos, Blattläuse und Spinnen. Die Verbraucher können Pyrethroide in Produkten identifizieren, indem sie die Etiketten auf Inhaltstoffe überprüfen, die mit „thrin“ aufhören, wie etwa Bifenthrin, Permethrin und Cypermethrin.

Diese Stoffe sind synthetische Versionen natürlich vorkommender Insektizide, sogenannter Pyrethrine, die man aus Chrysanthemen gewinnt. Chemiker haben die Struktur des Pyrethrin-Moleküls verändert, um die Sonnenbeständigkeit und die Toxizität zu erhöhen. Diese Chemikalien töten Insekten, indem sie grundlegende Nervenfunktionen stören. Insekten und andere Wirbellose reagieren hochempfindlich auf sie, während Vögel und Säugetiere besser in der Lage sind, ihre Wirkung zu bewältigen.

In den neuen Studien wurden 5.046 zwischen 1999 und 2002 gesammelte Urinproben von US-Amerikanischen Erwachsenen und Kindern auf fünf Metabolite von Pyrethroid-Insektiziden untersucht. Metabolite enstehen, wenn der Körper Chemikalien abbaut.

Bei 75 Prozent der Testpersonen von 2001 bis 2002 wurden Spuren von mindestens einem Pyrethroid-Metaboliten gefunden, eine Zunahme bzgl. der 66 Prozent von 1999 bis 2000. Nach der Studie von Barr und Kollegen die am 03. Februar 2010 von Environmental Health Perspectives online veröffentlicht wurde, waren die Konzentrationen bei Kindern über 50 Prozent höher als die bei Adoleszenten und Erwachsenen gefundenen Werte.

Kinder sind Pyrethroiden stärker ausgesetzt weil „sie sehr viel mehr Zeit auf dem Boden herum kriechen und öfter zwischen Hand und Mund interagieren“, so Frau Prof. Barr. „Pyrethroide sammeln sich hauptsächlich im Staub oder auf großen Oberflächen in Wohnungen an, da sie nicht leicht in die Luft verdampfen. Eine Studie von 2008 wies Pyrethroide und deren Metaboliten im angesammelten Staub von Staubsaugern nach, der aus Heimen und Kindertagesstätten in Nord-Carolina und Ohio stammte.

Zusätzlich zum Inhalieren und Aufnehmen von Pyrethroiden, die in Haushalten überdauern, nehmen Menschen Spuren von Pyrethroiden durch ihre Nahrung zu sich, da die Chemikalien auf manches Gemüse, auf Früchte und auf die Getreideernte angewendet werden.

Eine Auswertung der EPA von 2006 ergab, dass die Gefahr einer Belastung durch die Ernährungsweise für die meisten Menschen auf oder unter dem als bedenklich erachtenden Level lag. Aber die Studie kam auch zu dem Schluss, dass Säuglinge und Kleinkinder durch manche Nahrungsmittel hoch belastet werden, besonders durch Bananen, Ananas und Babynahrung aus Hafer (dried-oat).

„Nachdem wir wissen, dass Menschen in großem Maße Pyrethroiden ausgesetzt sind, müssen wir die genauen Gesundheitsfolgen heraus bekommen“, sagt Barr.

Bis jetzt gibt es nicht viele wissenschaftliche Daten, die etwas über eine mögliche Gefährdung der menschlichen Gesundheit aussagen.

Studien mit Labortieren brachten eine Pyrethroid-Belastung mit Schädigungen von Schilddrüse, Leber und Nervensystem, aber auch mit Beeinträchtigung der Verhaltensentwicklung, Veränderungen im Immunsystem und Störung der Fortpflanzungshormone in Zusammenhang, wie die Auswertung der EPA ergab. Diese Tierstudien sind für die Gesundheit des Menschen von Bedeutung, weil Pyrethroide auf Funktionen des Nervensystems bei allen Tieren gleichermaßen einwirken, wie die EPA hervorhebt.

Einige Pyrethroide simulieren das Hormon Östrogen und können Östrogenwerte in Brustkrebszellen erhöhen, und manche stehen im Verdacht, krebserzeugend zu sein. Andere Daten legen nahe, dass Menschen, die diese Chemikalien anwenden, dem Risiko sich verschlimmernder Allergien oder Asthma ausgesetzt sind, obwohl die EPA im letzten Jahr zu dem Schluss kam, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang gibt.

Die Hersteller von Pestiziden erzählen, dass Pyrethroide sicher sind und dass sie für die Landwirtschaft und für die Bekämpfung von Moskitos, die das West-Nil-Fieber und andere Krankheiten übertragen, unverzichtbar sind.

„Pyrethroide sind eine extrem wichtige Kategorie von Insektenvernichtungsmitteln, die hauptsächlich für die Öffentliche Gesundheit und in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen“, so Rex Runyon, ein stellvertretender Vorsitzender von CropLife America, einer Handelsgruppe die Pestizid-Hersteller vertritt, in einer Email. Runyon ergänzt, dass Pyrethroide „keine unzumutbaren Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit des Menschen ausüben“, wenn sie die Anweisungen auf den Etiketten befolgend eingesetzt werden.

Obwohl wenige Daten zu gesundheitlichen Bedenken vorhanden sind, verdichten sich die Hinweise, dass Pyrethroide das Ökosystem der Gewässer schädigen könnten. Studien zu Bächen und Flüssen in Kalifornien, Texas, Illnois legen nahe, dass Pestizide möglicherweise kleine Organismen vernichten, die in den Gewässern leben und die Grundlage der Nahrungskette bilden.

Zusätzlich haben einigen Studien gezeigt, dass Pyrethroide sich auf das Wachstum und die Fortpflanzung von Süßwasserfischen auswirken können.

Eine Studie von 2009 wies Pestizide in Ablagerungen städtischer Wasserläufe in Zentral-Texas nach, wo diese weit verbreitet eingesetzt werden, den Befall von Feuerameisen und Engerlingen zu beherrschen. Für ein kleines Shrimp-ähnliches Schalentier namens Hyalella Azteca sind die Konzentrationen tödlich, eine Tierart, die in Laboren am häufigsten benutzt wird, um die Wirkung von Pestiziden auf für gesunde Flüsse erforderliche Wirbellose zu untersuchen.

„Alle unsere Messstellen waren in nächster Nachbarschaft bewirtschafteter Grünflächen“, sagte Jason Belden, ein Zoologe der Oklahoma State University und Autor einer in der Zeitschrift „Environment Pollution“ veröffentlichten Studie. „Viele Leute folgen nicht den besten Bewirtschaftungsregeln. Sie sind im Umgang mit Pestiziden nicht vorsichtig genug. Wir müssen uns alle dafür einsetzen, Pestizide nur dann anzuwenden, wenn wir sie brauchen.“

Pyrethroide machen nicht nur in Sedimenten, sondern auch in der Strömung Kalifornischer Flüsse in Konzentrationen auf sich aufmerksam, die für Insekten und wasserlebende Wirbellose, die Fischen und anderen Tieren als Nahrung dienen, tödlich sind.

Der Biologe Donald Weston von der University of California, Berkeley, suchte in städtischen Regenwasserabflüssen, in Abflüssen von Kläranlagen und in landwirtschaftlichen Drainagen im Kalifornischen Sacramento – San Joaquin River Delta nach Insektiziden. Im Labor prüfte Weston die Giftigkeit dieser Proben mit dem Shrimp-ähnlichen Hyalella Azteca.

„Praktisch jeder Tropfen der Abflüsse städtischer Gemeinden war aufgrund von Pyrethroiden für Hyalella giftig“, sagte Weston.

Weston und seine Team dokumentierten zum aller ersten Mal Pyrethroide im Wasser, das aus Kläranlagen kommt, was überraschte.

„Über die Hälfte der Abwasserbehandlungsanlagen, die wir beprobten, waren giftig“, berichtete Weston. „Die meisten Leute hätten nicht erwartet, dass Pyrethroide die Anlage passieren. Die Leute denken, sie würden von Schlick auf dem Boden eingefangen – und vermutlich werden dies einige – aber es verbleiben genug, welche die Anlage durchlaufen und das abfließende Wasser vergiften.“

Entwässerungen in der Landwirtschaft waren nach der im Februar 2010 in „Environmental Science and Technology“ veröffentlichten Studie hingegen nur eine gelegentliche Quelle von Pyrethroiden.

„Wenn man von ‚Pestiziden‘ spricht, nehme ich an, dass der Durchschnittsmensch auf der Straße dazu tendiert, an Landwirtschaft zu denken“, sagt Weston. „Sie neigen nicht dazu, Siedlungen in den Vorstädten in Betracht zu ziehen, dabei entpuppten sich die Vorstadt-Siedlungen als eine anhaltende Quelle von Pyrethroid verursachter Giftigkeit.“

Die Studie wies in zwei städtischen Bächen und in einem 30 Kilometer langen Abschnitt des American River Toxizität nach, der für den saubersten Fluss des Deltagebietes gehalten wird.

„Das Wasser ist völlig klar – so klar, als ob es aus der Mischbatterie in Ihrem Badezimmers käme“, sagte Weston. „Aber die letzten 50 oder 60 Kilometer des Flusses sind, wenn man immer tiefer in Sacramento hinein fährt, sehr urban besiedelt. Alle diese Gemeinden leiten ihr Regenwasser in den American River, und das ist genug, um Toxizität hervorzurufen.“

Weston bekundete, der Nachweis der Chemikalie im Wasser selbst – nicht nur in den Sedimenten – ist bedenklich.

„Pyrethroide sind sehr anhaftend und lassen sich nicht in Wasser auflösen, darum finden sich die meisten in den Ablagerungen“, sagt Weston. „Aber es bedarf davon derart wenig im Wasser, um [für Hyalella Azteca] giftig zu sein – nur zwei Teile pro Billion [2 ppt oder 0.002 ppb – z.Vgl. Grenzwert in DE 0.1 ppb pro Pestizid] Der Staat Kalifornien weiß nun, dass man sich nicht nur wegen Sedimentpartikeln Sorgen machen muss, man muss sich um das Wasser ebenfalls sorgen. Und das Wasser bewegt sich viel schneller flussabwärts.“

Die Toxizitätswerte, die Weston feststellte, waren mehr als hoch genug, um eine ganze Menge Insekten und andere Wirbellose zu töten, die für eine gesunde Flussökologie erforderlich sind. Die Forscher haben nicht dokumentiert, dass in den Flüssen Lebewesen starben. Wenn aber die Wasser- und Sedimentproben im Labor für das Schalentier giftig sind, ist es ein Hinweis, dass sie für ähnliche Lebewesen in den Wasserläufen ebenfalls giftig sein dürften.

„Bodenlebende Wirbellose und Wesen wie Steinfliegen (Plecoptera) und Maifliegen (Ephemeroptera) sind im Wesentlichen das untere Ende der Nahrungskette. Die Sorge besteht darin, ob jene Insektizide diese unterste Stufe, von der die Fische abhängig sind, auslöschen“, sagt Weston. „Das hätte nicht nur ökologische Folgen, sondern auch Folgen für Erholung und Wirtschaft.“ Weston fährt fort, dass die Werte in den Flüssen „nicht hoch genug sind, um für einen Fisch giftig zu sein, aber der Fisch sollte natürlich etwas zu fressen haben“.

Als Antwort auf die Besorgnis wegen der Toxizität fing Kaliforniens Department of Pesticide Regulation 2006 damit an, die Richtlinien für Pyrethroide erneut zu prüfen. Der Staat forderte von den Herstellern zusätzliche Daten über die Sicherheit von Pyrethroiden und untersucht mindestens 700 Produkte, die in Haushalten und landwirtschaftlichen Betrieben verwendet werden.

Als diese Übersicht erstellt wurde, erzählte Mary-Ann Warmerdam, Leiterin der staatlichen Pestizid-Behörde der Los Angeles Times, dass die Bestandsaufnahme des Staates „ein Schuss vor den Bug der Hersteller ist, da wir Gründe haben, uns Sorgen zu machen, und Ihr (die Hersteller) müsst uns die Daten liefern, um entweder die Bedenken auszuräumen, die Produkte zu verändern oder deren Entfernung aus dem Markt in Betracht zu ziehen“.

Weston sagte, Kalifornien möchte nicht zum Einsatz von Organophosphaten wie Chlorpyrifos zurück kehren, die wegen gesundheitlicher Bedenken für den Gebrauch in Haushalten verboten wurden, „aber man möchte den Einsatz von Pyrethroiden kontrollieren, um jene Auswirkungen auf die Umwelt zu minimieren, die wir dokumentieren“.

„Der Staat Kalifornien kann ein Produkt auf Grundlage des Ergebnisses der neuerlichen Überprüfung verbieten“, sagte Weston, „aber ich denke nicht, dass jemand erwartet, dies würde geschehen. Eher wird es weitere Bestimmungen bezüglich der Anwendung von Pyrethroiden geben“.

Auch die EPA unterzieht Pyrethroide im Rahmen ihrer Pestizid-Prüfung für 2010 dieses Jahr einer erneuten Überprüfung. Die EPA überprüft turnusmäßig alle 15 Jahre alle zugelassenen Pestizide. Zu den möglichen Konsequenzen gehört das Verbot von Pyrethroiden in bestimmten Gebieten, die Verschärfung der Bestimmungen oder keine Änderung der Vorschriften. Das Verfahren der EPA wird jedoch weitere sechs bis acht Jahre in Anspruch nehmen.

Außerdem hat in einigen Gegenden ein Insektizid namens Fipronil Pyrethroide bei Einsatz gegen Termiten und Ameisenbefall teilweise verdrängt. Wie Pyrethroide ist Fipronil für Vögel und Säugetiere weniger giftig als andere Insektizide, kann aber immer noch Kleinlebewesen im Wasser umbringen. Mittlerweile gibt es für die Verbraucher einige Alternativen. Barr empfiehlt Produkte, die aus Gemüse und Kräutern extrahiert wurden oder Chrysanthemen um den Garten herum zu pflanzen. Jene natürlichen Pyrethrine, die man im Chrysanthemum Plantsdo fand, sind in der Umwelt nicht so beständig, wie es die synthetischen Varianten sind. Eine andere Möglichkeit, Schädlinge abzutöten, bietet Borsäure.

Weston sagt, die Lösung besteht nicht darin, zu einer anderen Chemikalie zu wechseln. Er glaubt, die Menschen müssen ihren Gebrauch von Pestiziden grundlegend ändern. Viele Leute wenden in ihren Höfen und Gärten dermaßen viel an, dass die Chemikalien in die Wasserläufe geraten.

„Ich denke, es ist ein guter Gedanke, die Belastung durch jegliche Pestizide zu minimieren, nicht nur wegen dem, was wir wissen, sondern wegen dem, was wir nicht wissen“, sagte Weston. „Ich denke nicht, dass viele dieser Produkte nötig sind. Je weniger man sie anwendet, um so besser.“

Originalartikel: Ferris Jabr, Pyrethroides rise concern EHN – Environmental Health News, 26. Feb. 2010

Vielen Dank an Environmental Health News für die freundliche Erlaubnis den Artikel übersetzen und publizieren zu dürfen.

Übersetzung: Vielen Dank an BrunO

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