Archiv der Kategorie ‘Umweltmedizin‘

Umweltmedizin in Deutschland, ganz nach Al Gore: Ihr habt es in der Hand

Auch andere, wie Al Gore, thematisieren, welche verderbliche Rolle Bullshit in unserer Gesellschaft spielt (vgl. a. Prof. Harry G. Frankfurt: Bullshit ist „schlimmer als die Lüge“):

„Wir müssen neue Wege für einen Austausch über unsere Zukunft ohne Manipulation finden. Dazu dürfen wir beispielsweise das Bestreiten und Verzerren wissenschaftlicher Erken-ntnisse nicht länger tolerieren. Wir müssen der dreisten Verwendung falscher, ausschließlich zum Zweck der Verdrehung der Tatsachen angefertigter Studien ein Ende machen.“ Al Gore, „Angriff auf die Vernunft“ (deutsche Ausgabe, S. 21).

Al Gore meint u. a. das Schweigen des Senats zum Golfkrieg und das Desinteresse an dem Thema Klimaerwärmung (nur kurzes Aufflackern nach Katrina). Al Gore analysiert, wie es dazu gekommen ist, dass im US-Fernsehen nur noch Angstmache kommt und die Schicksalsfragen der Nation keine Sendezeit bekommen.

Ich habe im Blog schrittweise an das Thema herangeführt. Bullshit bewirkt, dass die Betroffenen von Umweltkrankheiten alle entscheidenden Themen auslassen. Die höchste „Einschaltquote“ (Googleranking) fand mein Beitrag MCS und Gene. Doch das Thema ist nicht rechtswirksam, denn es ist (noch) nicht Stand der Wissenschaft, so gut die Studie von Schnakenberg auch ist und so groß das Lob von Pall. Gefährlich für die Gegenseite dagegen ist Tatsache, dass seit fast 20 Jahren von höchster Autorität anerkannt ist, dass MCS einen schwere organische Krankheit ist und zwar eine Vergiftung: das alles sagt der T78.4.

Ich habe mich seit 5 Jahren gefragt, wie es kommt, dass keine der Patienten-organisationen das Thema aufgreift, in wieweit das neue Merkblatt zur BK 1317 die Rechtslage verbessert. Als die BK 1317 (tox. Enzephalopathie) eingerichtet wurde, gab es ein ärztliches Merkblatt, auf dem die Erkrankung grob falsch dargestellt war zum Zwecke der Fehldiagnose und Prozesslenkung. Ich konnte an einem Falschzitat nachweisen, dass das Merkblatt willkürlich unwahr war, was auch den Nachweis der Absicht mit einschließt. Zurzeit unternimmt Prof. Triebig, ein Arbeitsmediziner, alles, das neue Merkblatt zu desavouieren und zwar mit Erfolg bei Gericht. Das ist auch kein Wunder. Denn niemand tritt ihm entgegen. Die Betroffenen, die Kläger, die Umweltgutachter, haben es in der Hand (gehabt), die Verhältnisse vom Kopf auf die Füße zu stellen. Was dazu notwendig ist, ist publiziert. Es fehlt aber die Umsetzung und die liegt in der Hand der Betroffenen.

Die Psychothese war nur die dazu notwendige Angstmache. Was die umweltmedizinischen Gutachter auf den falschen Weg geführt und die Patientenszene in tausend Stücke geschlagen hat, ist der Beginn der MCS-Forschung in Deutschland. Die Anmaßung „Wir wollen das jetzt gründlich erforschen“ hat alle wissenschaftliche Erkenntnis aus 5 Jahrzehnten gewissermaßen annulliert. MCS ist seit langem bekannt und gut erforscht, erst seit dem Jahr 2000 ist es wieder rätselhaft. Die Annullierung des Wissens erfolgt durch Einschüchterung.

Angst und Vernunft

In Kapitel I zeigt Gore, dass Angst soweit gehen kann, dass folgerichtiges Denken aufhört: „Angst ist der Feind der Vernunft“ (S: 35).

Nach Prof. Harry G. Frankfurt gehört Anmaßung (und damit Einschüchterung) wesentlich zur Durchsetzung von Bullshit. Die Patienten werden gütig belehrt oder sie bekommen den Psychoeinlauf. Das führt u. a. dazu, dass Patienten so fit wie möglich beim Gutachter erscheinen. So werden sie arbeitsfähig geschrieben oder bekommen einen zu niedrigen GdB (Grad er Behinderung). Des Weiteren führt es dazu, dass sie ins falsche Thema abgedrängt werden. Die Angst verhindert, „Körperverletzung“ oder „Menschenwürde“ auch nur in den Mund zu nehmen, in der Befürchtung, nicht mehr für voll genommen zu werden. So werden sie gehindert, ihre Rechte zu vertreten.

Gore konkretisiert das Angstthema aus der Sicht des erfahrenen Politikers: Vernunft stützt den Rechtsstaat, Angst unterhöhlt ihn.

Der Königsweg ist der Rechtsstaat

Nur die Orientierung am Rechtsstaat kann die Psychiatrisierung beenden und die wissenschaftliche Anerkennung von MCS auch gesellschaftlich-rechtlich durchsetzen. Der Rechtsstaat ist kein Automat, kein Gott und auch kein gütiger gerechter Herrscher, sondern ein Regelwerk, das Recht definiert. Wird es nicht genutzt, gibt es kein Recht. Deshalb gibt es seit 1 ½ Jahrzehnten für Umweltpatienten kein Recht, auch nicht die Menschenwürde. Ob IEI oder Psycho, beides ist Aberkennung der Menschenrechte und der bürgerlichen Rechte und als solches gesetzwidrig.

Dagegen genügt Überzeugungsarbeit nicht. Denn, was hier geschieht ist so ungeheuerlich, dass es erst mal keiner glaubt. Die Gegenseite arbeitet schnell und effektiv. Jeder Vorteil (etwa die Widerlegung der Psychothese in der RKI-Studie) für die Patienten wird schnell wieder zunichte gemacht. Sie warten immer zwei Jahre, dann wird systematisch demontiert. Die letzten 15 Jahre haben das gezeigt. Sie haben auch gezeigt, dass es der Gegenseite sehr leicht gemacht wird, da Fortschritte nicht rechtlich genutzt wurden. Recht haben genügt nicht, man muss auch Recht bekommen. Die Psychiatrisierung ist schwere vorsätzliche Körperverletzung. Denn es werden schwer Kranke verhöhnt und verunglimpft. Die Psychothese ist auf dem menschlichen Niveau, wie wenn einer die Oma die Treppe runter schubst und sagt: „Mach’ langsam“.

Darum geht es, nicht um wissenschaftliche Fragen. Die sind längst gelöst, wenn man von therapeutischen Strategien absieht. Recht muss erstritten werden. Dafür gibt es die Regeln des Rechtsstaats. Wer diese nicht nutzt, sondern brav wissenschaftlich diskutiert, verliert die Prozesse und hilft Eikmann & Co. bei der Desorientierung.

Autor: Dr. Tino Merz für CSN – Chemical Sensitivity Network, 6. Mai 2010

Weitere Artikel von Dr. Merz:

Weiterführende Informationen:

US Gouverneure setzen sich für Menschen ein, die durch Chemikalien krank wurden

 

Seit 12 Jahren setzen sich US Gouverneure in jedem Jahr im Mai ganz besonders für Umweltkranke ein. Sie unterschreiben Proklamationen, die in ihrem Bundessstaat einen Aufklärungstag, eine Aufklärungswoche und in vielen Staaten sogar einen ganzen Aufklärungsmonat ausrufen.

Die Gouverneure bekunden in ihren Proklamationen die Notwendigkeit besonderer Rücksichtnahme auf Menschen mit toxisch bedingten Gesundheitsschäden und Chemikalien-Sensitivität / Multiple Chemical Sensitivity (MCS) und sie weisen mit Nachdruck darauf hin, wie wichtig Prävention ist. Ihr besonderes Anliegen liegt darin, dass solche Krankheiten vermieden werden, indem man mit mehr Bedacht mit Chemikalien im Alltag umgeht und Hersteller von Produkten darauf achten, dass keine Gefahr von ihren Erzeugnissen ausgeht.

Weltweiter Tag für Menschen mit MCS

Der 12. Mai ist mittlerweile nicht mehr nur in einigen US Bundesstaaten MCS Aufklärungstag, es haben sich weltweit Organisationen angeschlossen und weisen auf die Umstände hin, unter denen Chemikaliensensible in ihrem Land leben müssen und wie man ihnen helfen kann. Es gibt in diesem Jahr Aktionen von Organisationen für Chemikaliensensible in Italien, Spanien, Frankreich, Japan, Australien, Schweiz, USA, Deutschland,…

Einige der Organisationen haben spezielles Aufklärungsmaterial erstellt: Pins, Plakate, Flyer, Webseiten, etc. Es wird Kundgebungen geben, Zeitungs-, Radio- und Fernsehberichte. Manche der Organisationen haben Politiker und Behörden in ihrem Land angeschrieben und werden die Resonanz im Mai veröffentlichen.

18 Gouverneure bitten um Rücksichtnahme für Umweltkranke

In den USA haben in diesem Jahr haben bisher 18 Gouverneure eine Proklamation mit ihrem Staatssiegel bekundet. Weitere sind auf dem Postweg und werden in den nächsten Tagen veröffentlicht. Einige der Gouverneure unterzeichneten für 2010 sogar mehrere Proklamationen. Ihnen ist daran gelegen, dass, neben toxisch bedingten Gesundheitsschäden, Menschen mit MCS und Elektrosensibilität ganz besondere Beachtung und Hilfe zuteil wird.

Vier US Gouverneure unterzeichneten eine zusätzliche Proklamation, um auf die schwierigen Lebensbedingungen von Menschen mit Elektrosensibilität (EMS) hinzuweisen und baten um ganz besondere Rücksichtnahme für diese Personengruppe, die unter immer widrigeren Bedingungen ihr Dasein fristen muss.

Tendenz bringt Hoffnung zum Ausdruck

Seit 1998, als die erste Proklamation in den USA mit dem Staatssiegel beurkundet wurde, hat sich einiges bewegt und so viele Aktionen in so vielen Ländern wie in diesem Jahr gab es noch nie. Diese Tendenz bringt Hoffnung zum Ausdruck, dass immer mehr Bewusstsein eintritt und sich die Situation der Menschen, die durch Chemikalien in unserer Umwelt, in Alltagsprodukten und Nahrungsmitteln krank werden, mittelfristig Zug um Zug verbessert.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 27. April 2010.

Umweltmedizin: Internationaler Appell von Würzburg

Auf Einladung der „European Academy for Environmental Medicine – EUROPAEM“ trafen sich vom 23.04. – 25.04.2010 in Würzburg namhafte nationale und internationale Wissenschaftler der Gebiete Umweltmedizin, Toxikologie, Immunologie, Neurologie und Humangenetik, praktizierende Ärzte und Zahnärzte, Angehörige anderer Heilberufe sowie Vertreter von Patienteninitiativen unter dem Motto „Wissenschaft trifft Praxis“ zu einem internationalen Ärztekongress. Dieser beschäftigte sich speziell mit dem Thema der Neuro-Endokrino-Immunologie und ihrer Bedeutung für die Umweltmedizin.

Die Teilnehmer stellten mit großer Sorge die Zunahme chronischer Multi-System-Erkrankungen (CMI) fest, zu denen neben den Krankheitsbildern Multiple Chemikalien Sensitivität (MCS), Chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS) und Fibromyalgie-syndrom (FMS) auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, metabolisches Syndrom, neurodegenerative Krankheiten, die Gruppe der Autoimmunopathien und Krebs, zählen.

Auf dem Kongress konnte in eindrucksvoller Weise unter Beweis gestellt werden, dass diesen chronischen Krankheiten ähnliche Pathomechanismen zu Grunde liegen. Ihnen gemeinsam sind chronische Entzündungsprozesse, die von Umwelteinflüssen chemischer (Schadstoffe), biologischer (z.B. Infektionserreger) und physikalischer (z.B. elektromagnetische Felder EMF) Art ausgelöst werden.

Chronische Erkrankungen bedingen Langzeitpatienten, deren medizinische Betreuung immer höhere Kosten verursacht. Dies führt häufig dazu, dass Betroffene sozial ausgegrenzt werden.

Vor dem erschreckenden Hintergrund der aus allen Ländern Europas gemeldeten wachsenden finanziellen Engpässe, insbesondere im öffentlichen Gesundheits-wesen, muss eine weitere Zunahme der chronischen Erkrankungen den bereits im Gang befindlichen Kollaps der nationalen Gesundheitsdienste und der Krankenversicherungen in Europa beschleunigen. Abhilfe verspricht hier nur ein Wechsel der Prioritäten von einer heute zu einseitig symptomatisch ausgerichteten Medizin hin zur kausal ausgerichteten kostensparenden Primärprävention.

Die Kongressteilnehmer richten einen dringlichen Appell an die Europäischen Umwelt- und Gesundheitsminister, an die Europäische Kommission, an die Europäischen Parlamentarier, an die nationalen Regierungen sowie an die Vorstände der Sozial- und Privatversicherungen, diesen Erkenntnissen und Entwicklungen die unverzichtbare Beachtung zu schenken. Dies bedeutet mehr Gewichtung und finanzielle Investitionen in Primärprävention, Vorsorge und möglichst frühzeitige Erkennung und Diagnostik dieser chronischen, letztlich Umwelt assoziierten Krankheiten zu tätigen.

Dies bedeutet generell auch auf europäischer Ebene eine uneingeschränkte Wahrnehmung der Forschungsergebnisse der praktizierenden Umweltmedizin und ihre Integration in die universitäre Forschung und Lehre. Die Europäischen Regierungen werden aufgefordert, die ratifizierten Beschlüsse der 4. Ministeriellen Konferenz der Umwelt- und Gesundheitsminister in Budapest, 2004, endlich in die Tat umzusetzen.

Dieser Appell wurde einstimmig vom Plenum des Kongresses angenommen.

Würzburg, den 25.April 2010

Für den Vorstand von EUROPAEM

Jean Huss, Vice-Chairman

Dr. Kurt E. Müller, Chairman

Dr. Peter Ohnsorge,  Managing Chairman

Dr. Hans-Peter Donate, Pressesprecher, ViSdP

In Spanien geht es mit Siebenmeilenstiefeln voran – MCS-Kranke sollen rasch Hilfe erhalten

Eine weitere gute Meldung aus Spanien traf ein. Das Meeting des Spanischen Ministerium für Gesundheit, Ärzten und Vertretern von MCS-Organisationen verlief sehr gut. Nachfolgend Informationen darüber, die Eva Caballé in ihrem No Fun Blog über das aktuelle Treffen bereitstellte.

Kranke werden auf die lange Bank geschoben

Wie in Deutschland, wurden auch in Spanien MCS-Kranke immer wieder vertröstet und so behandelt, als seien sie nicht existent. Die Wende trat im vergangenen Oktober auf ungewöhnliche Weise ein. Seit dem erfahren wir ständig neue Erfolge, bis hin zum jüngsten Treffen der MCS-Selbsthilfegruppen mit Repräsentanten des Gesundheitsministeriums.

Ein Radiosender brachte die positive Wende

Ein spanisches Radioprogramm namens „Carne Cruda“, zu Deutsch „Rohes Fleisch“, publizierte am 22. Oktober vergangenen Jahres einen Artikel in seinem Blog, der den Titel „Ich bin Dein Fan“ trug. Die Leser wurden im Artikel gefragt, was ihr Lieblingssong sei.

José Luís Aparicio schrieb einen Kommentar mit seinen 10 Lieblingssongs, und als letztes Lied, das er aufzählte, wählte er “No Fun”. Er erklärte, warum er gerade dieses Lied gewählt habe, nämlich weil Eva Caballé’s Blog „No Fun“ nach diesem Lied benannt sei und dann erklärte er, was MCS ist und dass er selbst auch von dieser Krankheit betroffen sei. Abschließend fragte er, ob Carne Cruda über MCS berichten könne und erwähnte das Interview, das Salvador L. Arnal mit Eva für Rebelión durchgeführt hatte. Carne Cruda fand das Thema wichtig und schon vier Tage später erhielt Eva eine Einladung für ein Interview.

Am 4. November war es dann soweit und Eva wurde vom Radiosender Carne Cruda interviewed und traf José Luís Aparicio. Man konnte es nicht fassen und war schockiert über MCS. So geschockt, dass der Direktor dieser Radiosendung am nächsten Tag während der Sendung sagte, dass man den Gesundheitsminister kontaktieren wolle. Eva glaubte damals selbst kaum daran, dass dies Realität würde. Doch man hielt Wort und wollte ein Interview mit dem Gesundheitsminister arrangieren und mit ihm über MCS sprechen und vor allem erklären, wie furchtbar die Situation der MCS Kranken ist.

Und dann fing die Geschichte an, richtig interessant zu werden. Der Radiosender tätigte eine ganze Reihe von Anrufen beim Gesundheitsministerium. Man erhielt keinerlei Resonanz. Der Radiosender ließ aber nicht locker und rief während einer Live Sendung beim Gesundheitsministerium an und hatte endlich Erfolg. Das Interview kam für den 15. Januar 2010 zustande. Es gab eine Sondersendung von Carne Cruda, die das Thema MCS behandelte. Eingeladen waren der Generalsekretär des Gesundheitsministeriums José Martínez Olmos und Miguel Jara, Dr. Pablo Arnold, José Luís Aparicio. David Palma vertrat seine Frau Eva Caballé, die zu krank ist, um außer Haus zu gehen. Dann geschah etwas, womit keiner gerechnet hatte. Der Generalsekretär des Gesundheitsministeriums versprach in der Sendung, die viele Menschen mithörten, dass ein Treffen mit den MCS Selbsthilfegruppen des Landes innerhalb der nächsten 10-20 Tage nach der Radioshow stattfinden solle.

Erstes Treffen des Gesundheitsministeriums mit MCS-Organisationen

Am 4. Februar war es dann soweit, das Treffen des Gesundheitsministeriums mit den spanischen MCS-Selbsthilfegruppen fand statt. Die Situation der MCS-Kranken wurde erörtert. Die Organisationen hatten unter David Palmer’s Koordination eine Petition erstellt, die überbracht wurde. Neben einem Repräsentanten von jeder Selbsthilfegruppe nahmen auch ein Rechtsanwalt und ein Arzt an diesem Meeting teil. Es wurde eine Kopie von Eva’s Buch übergeben, als Beispiel dessen, was MCS-Kranke in Spanien durchmachen. Die Repräsentanten des Gesundheitsministeriums versprachen, die MCS-Organisationen zu kontaktieren, um mit ihnen ein wissenschaftliches Komitee abzustimmen, das ein Konsens-Dokument hinsichtlich MCS erstellen soll.

Gründung eines MCS-Komitees

Dann gründeten die 13 MCS Organisationen ein Komitee zur Anerkennung von MCS in Spanien, um eine einheitliche Stimme zu bilden, Dieses Komitee erstellte eine Liste von Ärzten und das Gesundheitsministerium lud alle elf Ärzte ein, die vom MCS-Komitee benannt worden waren. Am Meeting das am 21. April 2010 stattfand, nahmen neben 16 Personen des Gesundheitsministeriums, diese 11 Ärzte und Vertreter der Organisationen teil.

Zweites positives Treffen im Gesundheitsministerium

Der erste Eindruck zum Treffen ist positiv. Die Arbeitsgruppe erstellte einen Zeitplan und zeigte sich einverstanden, einen Entwurf für ein MCS-Konsens-Dokument zu erarbeiten. Dieser Entwurf wird von allen MCS-Organisationen im September/Oktober 2010 geprüft. Das Überprüfte wird vom Gesundheitsministerium im Dezember 2010 veröffentlicht. Das Ministerium bestätigte, dass dies der erste Schritt ist, der es möglich macht, dass MCS in den ICD-10 aufgenommen wird, etc – eine offizielle Anerkennung von MCS in Spanien.

Dank der MCS-Kranken an den Radiosender Carne Cruda

Eva Caballé ließ wissen, dass es noch eine offizielle Pressemitteilung geben wird, doch man gab bereits eine Meldung durch Carne Cruda einen Tag nach dem Meeting. Weil dem Radiosender der Dank für all das gehört, was in Spanien seit der Radiosendung im vergangenen Jahr passierte, gab man ihm den Vorzug. Der Direktor des Senders war sehr bewegt, als er die Nachricht über das Ergebnis des Meetings am 21. April erfuhr und den Dank aller MCS-Kranken in Spanien, den Eva und ihr Mann David Palma überbrachten.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 25. April 2010

Literatur: Meldung von Eva Caballé, No Fun Blog, 24. April 2010

Weitere Artikel von Eva Caballé:

Dritte erweiterte Neuauflage des MCS-Buches von Dr. Hans-Ulrich Hill

In den nächsten Tagen erscheint die nunmehr dritte Neuauflage des Buches über MCS – Multiple Chemical Sensitivity von Dr. Hans – Ulrich Hill. Die Auflage wurde um rund 80 Seiten ergänzt, um dem wichtigen Wissen, das in den letzten beiden Jahren publik wurde, Genüge zu tragen.

Hans-Ulrich Hill lässt uns vorab einen Blick auf das Vorwort werfen:

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu MCS und den chronisch entzündlichen Multisystem-Erkrankungen schreiten rasant voran, nicht zuletzt durch die wichtigen Publikationen von Prof. Martin L. Pall von der Washington State University, der Ende 2009 einen zusammen-fassenden Grundsatzartikel zum Patho-mechanismus der Krankheit MCS veröffentlicht hat (siehe Pall, 2009). Hinzu kommen eine Reihe weiterer Publikationen (beispielsweise zusammengefasst in Lajtha et al., 2007; und Veasey et al., 2009), die einen prinzipiellen Zusammenhang der biochemischen und pathophysiologischen Mechanismen von chronisch-entzündlichen Multisystemerkrankungen wie MCS und neurodegenerativen (Demenz-) Erkrankungen wie die Alzheimer- und Parkinson- Krankheit nahe legen. Weitere Befunde aus der epidemiologischen und pathophysiologischen Forschung belegen, dass Schad- und Fremdstoffe nicht nur MCS, sondern auch die genannten neurodegenerativen Krankheiten langfristig auslösen können. Umweltbelastungen durch Chemikalien, insbesondere durch verschiedene Pestizide, geraten somit in den Verdacht, für die rasante Zunahme der Demenzerkrankungen in der Bevölkerung der Industrieländer beizutragen.

Damit erhebt sich die grundsätzliche Frage, ob MCS sowie weitere chronisch entzündliche Multisystemkrankheiten nicht Vorstufen oder Frühstadien chronisch neurodegenerativer Krankheiten darstellen. Die Zusammenstellung der vielen wissenschaftlichen Befunde im vorliegenden Buch ist geeignet, diese Vermutung in wesentlichen Punkten zu begründen. Einige betroffene Patienten haben sich über den Inhalt von Kapitel 7.4 (S. 286 f.): „Rückschritt ins Mittelalter: der Einfluss komplementärer und Esoterik-Ideologien“ beschwert und mit Nachdruck die Streichung des Kapitels gefordert. Stattdessen sollten die kritisierten komplementären Diagnose- und Therapieverfahren der Homöopathie, der Kinesiologie, der Bioresonanz und anderer aufgenommen und ausführlich dargestellt werden. Das Kapitel enthielte außerdem eine „Verhöhnung der Patienten, die von der Schulmedizin im Stich gelassen“ würden. Leider kann dieser Wunsch aus grundsätzlichen Erwägungen nicht erfüllt werden:

Das Buch wurde hauptsächlich zu dem Zweck geschrieben, den Tausenden von Hausärzten, Fachmedizinern und Angehörigen anderer medizinischer Berufe sowie den Gesundheitspolitikern und Vertretern von Krankenkassen, Berufsgenossen-schaften und Fachjuristen wissenschaftlich fundierte und belegte Argumente für die Existenz der Krankheit MCS im Rahmen chronisch-entzündlicher Multisystemkrankheiten zu liefern und sie davon zu überzeugen, dass sie die Aufgabe haben, den Betroffenen fachlich qualifiziert zu helfen. Argumente, die aus wissenschaftlich nicht abgesicherten Glaubenssystemen stammen, würden dieses Anliegen zunichtemachen und die Autoren sowie alle Patienten, die unter MCS und verwandten Krankheiten zu leiden haben, mit ihren Anliegen in der Fachwelt unglaubwürdig machen.

Hans-Ulrich Hill, Wiesbaden, März 2010

Buchtitel und Bestellinformationen:

Hans-Ulrich Hill, Wolfgang Huber, Kurt E. Müller

Multiple-Chemikalien-Sensitivität (MCS)

Ein Krankheitsbild der chronischen Multisystemerkrankungen

Umweltmedizinische, toxikologische und sozialpolitische Aspekte

3. neu bearbeitete und erweiterte Auflage 2010

Shaker-Verlag, Aachen 2010,

ISBN: 978-3-8322-9046-7,

486 S., Preis ca. 25€

Erstes Treffen der Spanischen Arbeitsgruppe für die Erstellung eines Konsenspapiers zu Multiple Chemical Sensitivity

Am 21. April 2010 wird das erste Treffen der Arbeitsgruppe abgehalten, um ein Konsenspapier zu Multiple Chemical Sensitivity in Spanien zu erarbeiten.

Wie Ihr sicher wisst, fand am 4. Februar 2010 das Treffen zwischen Vertretern des Gesundheitsministeriums und Selbsthilfe-gruppen, die sich mit Multiple Chemical Sensitivity befassen, zur Bestandsaufnahme der Situation von MCS in Spanien statt. Bei diesem Treffen legten sich die Vertreter des Gesundheitsministeriums darauf fest, mit MCS-Selbsthilfgruppen in Kontakt zu treten, um sich gemeinsam auf Experten zur Bildung eines wissenschaftlichen Gremiums zu einigen, das ein Konsenspapier zu MCS erstellen soll. Sie erklärten, dies wäre der erste Schritt, um die Aufnahme von MCS in den ICD-10 bzw. die offizielle Anerkennung als Erkrankung in Spanien zu ermöglichen.

Die letzten Monate haben die Selbsthilfegruppen die Liste von Ärzten zusammengestellt, die zu der Arbeitsgruppe gehören sollten. Diese Liste wurde vor ein paar Wochen an das Gesundheitsministerium übermittelt.

Das Ministerium hat bereits einen Termin für das Treffen festgelegt: Der 21. April 2010, und es sind vier Stunden dafür vorgesehen. 11 (*) von den Gruppen benannte Ärzte und 16 Angehörige des Gesundheitsministeriums, von Ärzten bis zu Beratern, werden an diesem Treffen teilnehmen.

Ich möchte allen MCS-Gruppen für ihre Arbeit danken, die Ärzte auszuwählen und ich möchte ihnen auch zur Gründung des „Comité para el Reconocimiento del Síndrome de Sensibilidad Química Múltiple“, des Komitees zur Anerkennung von MCS in Spanien gratulieren, das alles auf den Weg bringen wird. Und ganz besonders möchte ich allen Ärzten, die zur Arbeitsgruppe gehören werden, für ihr Engagement danken, das sie bereits seit Jahren überdeutlich mit ihrer Arbeit beweisen, MCS-Kranken zu helfen. Ich möchte sie mit all unserer Kraft bei dieser Entwicklung, die nun eingesetzt hat, unterstützen, da alle MCS-Kranke und Angehörige ihre Hoffnungen darauf richten.

Englische Fassung: Eva Caballé, No Fun, April 2010

Übersetzung: BrunO für CSN

(*) Update, 13. April: Es werden endgültig 11 von den Gruppen benannte Ärzte am Treffen teilnehmen, da das Gesundheitsministerium der Teilnahme zweier Ärzte zustimmte, die zuvor abgelehnt worden waren.

Weitere Artikel über MCS in Spanien:

Künstlich gegen MCS-Patienten errichtete Blockaden

Die MAK-Kommission hat für sensibilisierende Stoffe MCS präzise beschrieben: es sei zwischen initialisierender und auslösender Dosis zu unterscheiden, letztere sei kleiner als erstere, für beide sei derzeit keine Wirkschwelle angehbar. Dennoch gibt es in Deutschland immer noch Blockaden gegenüber MCS.

Der Rat der Sachverständigen für Umweltfragen hat bereits im Umweltgutachten von 1987 erklärt, dass bei der Risikoanalyse auf die Risikogruppen besonders zu achten ist. Im Umweltgutachten 2000 wird nochmals präzisiert, dass dies vor allem auf die kranken Menschen zugeschnitten sein sollte. In der Theorie ist man sich also einig. In der Praxis wird dies aber nicht umgesetzt. Die zur Bewertung herangezogenen Daten basieren entweder auf dem Versuch mit Ratten, die bessere Entgifter sind als der Mensch – der ADI-Wert – oder auf Durchschnittswerten von gesunden Erwachsenen. Hier gibt offensichtlich entscheidende Blockaden.

Statt jener Forderung des SRU von 1987 nachzukommen, auf jene Risikogruppen „das Hauptaugenmerk zu legen“ und unter dieser Prämisse eine wissenschaftliche Sachdebatte zu führen, werden Hypothesen über ganz neue psychische Krankheiten ausführlich diskutiert: etwa die These, immer mehr Menschen würden bei der Lektüre von Toxikologiebüchern, entsprechende Symptome entwickeln – Toxikopie oder Noceboeffekt. Gleichzeitig wird die Literatur, die geeignet ist, die Prämisse des SRU zu erfüllen als „unseriös“ abgelehnt und deren Lektüre von vorn herein verweigert.

Obwohl es in der Wissenschaft den Unterschied von „seriös“ und „unseriös“ nicht gibt, gilt diese Denkrichtung nicht nur als wissenschaftlich vertretbar, sondern ist – durch Einschüchterung – stark genug, jene Sachdebatte zu unterbinden. Deshalb musste einerseits diese These wissenschaftlich geprüft werden, indem nach ihren Grundlagen gefragt wurde. Nach langjähriger Diskussion besitzt sie weder wissenschaftliche – etwa Studien – noch andere materiellen Grundlagen – etwa eine Kasuistik mit eindeutiger Diagnose oder gar ein Beispiel einer erfolgreichen Psychotherapie. Zum anderen wäre es notwendig den Mechanismen der Zensur nachzugehen.

Wiederherstellung der medizinischen Versorgung für Umweltpatienten

Für die medizinische Versorgung von Umwelt-Patienten muss eine sachbezogene Atmosphäre geschaffen werden, die niemandem erlaubt per Vorzensur inhaltlich zu lenken. Geschieht dies weiterhin, werden die Kosten des Gesundheitssystems weiter explodieren.

Autor: Dr. Tino Merz, Sachverständiger für Umweltfragen

Weitere Artikel von Dr. Merz:

Weiterführende Informationen:

REHA – Bringen Sie beim Abholen einen Rollstuhl mit

Es ist schon ein paar Jahre her. Wir hatten noch lokale Selbsthilfegruppen und trafen uns monatlich. Kontakt hielten wir per Telefon, denn Internet hatte kaum einer unserer Mitglieder. Die meisten von ihnen waren durch Chemikalien an ihrem Arbeitsplatz erkrankt. Obwohl es schon rund zehn Jahre her ist, erinnert man sich dennoch an einzelne Personen oder Episoden. Als vergangene Woche eine Frau mit MCS und schweren toxischen Schädigungen einen Artikel für den Blog schickte, indem sie über ihr Ringen mit der DRV wegen einer anberaumten REHA schrieb, kam ein Fall in Erinnerung.

Durch Chemikalien gezeichnet

Es war an einem Treffen unseres „Arbeits-kreises Giftgeschädigter“. Der Mann war noch recht jung, sah jedoch stark vorgealtert aus. Er betrat den Raum in Begleitung seiner Schwester. Sie musste ihn stützen, der junge Mann hatte kein Gleichgewicht mehr. Nach Ende der Vorträge kamen wir ins Gespräch. Die Schwester erzählte. Ihr Bruder war schon vom Versuch zuzuhören völlig erschöpft und kaum im Stande zu reden. Er hatte in einer großen Reifenfabrik gearbeitet. Jetzt war er ein gesundheitliches Wrack. Trotz des erschütternden Gesundheitszustandes machte die Rentenversicherung Stress und wollte nicht zahlen. Die Berufsgenossenschaft verhielt sich nicht kooperativer, sie weigerte sich, einen Zusammenhang zwischen dem desolaten Gesundheitszustand und der Chemikalienbelastung am Arbeitsplatz zu sehen. Obwohl er nicht mehr konnte, wollte der junge Mann nicht zulassen, dass ihm zu allem gesundheitlichen Leid auch noch Ungerechtigkeit durch diese Versicherungen widerfahren sollte.

Hirnschäden durch Lösungsmittel

Seine Schwester erzählte, dass er eine Hirn OP hinter sich habe. Man hatte versucht, den Schwindel und seine Hirnsymptome durch eine aufwendige Operation in den Griff zu bekommen. Es hatte sich dadurch nichts gebessert, eher das Gegenteil war der Fall. Die meiste Zeit war er in seinem Zimmer und schaute Videos an. Der Kontakt zu seinen Freunden war aus zwei Gründen fast völlig erloschen. Der junge Mann war nicht mehr in der Lage, Gesprächen zu folgen und konnte nicht mehr mit dem Auto zu seinen Freunden fahren, die in benachbarten Orten wohnten. Die Freunde, die anfangs noch zu Besuch kamen, waren völlig erschüttert über den Gesundheitszustand des Gleichaltrigen und konnten den Anblick kaum verarbeiten. Als Reaktion blieb es bei wenigen anfänglichen Besuchen, und dann kam keiner mehr.

Krank durch Chemikalien am Arbeitsplatz

Nichtsdestotrotz war die Familie des Mannes bestrebt, dass es ihm wieder besser gehen sollte. Die Schwester erzählte, dass sein Zustand nicht immer gleich sei und sie deshalb Hoffnung habe, dass sich etwas zum Besseren wenden könne. Sie wollte wissen, was die Familie unternehmen könne, damit sich der Gesundheitszustand etwas stabilisieren könne. Ich riet ihr damals als Erstes, das Zimmer des jungen Mannes ganz schadstofffrei zu gestalten und völlig auf Kunststoffe darin zu verzichten, denn durch Kunststoffe, Lösungsmittel und Gummi war er krank geworden.

Die Schwester ließ sich detailliert erklären, wie ein schadstofffreies Zimmer für eine chemikaliensensible Person aussehen solle. Sie hielt daraufhin das Zimmer, in dem sich der zuvor sehr aktive junge Mann fast ausschließlich aufhielt, für gänzlich ungeeignet. Er hatte darin einen Fernseher, Videorecorder und viele Videokassetten, Teppichboden als Bodenbelag, eine normale Schaumstoffmatratze im Bett und eine Vinyltapete an der Wand. Ein Zimmer, das aussah wie das vieler Millionen junger Menschen.

Unterstützung durch die Familie

Die Familie meinte es ernst. Sie wollten den jungen Mann wieder gesünder sehen. Sie setzen ihre ganze Kraft daran. Er bekam zwei Zimmer im ebenerdigen Bereich des Elternhauses hergerichtet. Die Böden wurden gefliest, die Wände mit Naturfarbe gestrichen. Sie besorgten einen guten Luftfilter, eine Bettmatratze aus Naturmaterialien und richteten alles schadstofffrei her.

Nach knapp zwei Monaten rief mich die Schwester an. Der bedrückte Unterton in ihrer Stimme war völlig verschwunden als sie anfing zu erzählen. Es sei kaum zu glauben, aber ihrem Bruder ginge es um Welten besser. Am Samstag habe er sogar alleine mit seinem Auto zu seinen Freunden in den Nachbarort fahren können. Die ganze Familie sei überglücklich, berichtete sie, weil sie eine solche Besserung schon nicht mehr für möglich gehalten hatten. Schwindlig war der junge Mann kaum noch, außer er war bestimmten Chemikalien ausgesetzt. Er hatte gelernt, dies zu erkennen und setze sich ihnen möglichst nicht aus, sondern ging sofort weg, wenn er sie merkte. Seine alte Lebensfreude kam Stück für Stück zurück. Die Schwester rief immer einmal an und berichtete stolz über seine weiteren Fortschritte.

Trotz desolatem Zustand REHA

Dann kam ein Anruf. In völliger Aufregung erzählte die Schwester, dass ihr Bruder ein Schreiben der Rentenversicherung erhalten habe. Er müsse in eine REHA. Sie hatten angerufen und dem Sachbearbeiter bei der BfA erläutert, in welchem Zustand der junge Mann sei und dass er auf schadstofffreie Umgebung und biologische Kost angewiesen sei. Es war nichts zu machen, er sei verpflichtet mitzuwirken, da sonst der Anspruch auf Rente erlöschen würde. Nachfrage bei der angewiesenen REHA-Klinik bestätigte, dass nichts dort dem entsprach, was für den jungen Mann wichtig war. Trotzdem musste er die Kur antreten, man wolle seine Arbeitsfähigkeit feststellen und ihn stabilisieren hieß es.

Rollstuhl mitbringen

Die Stimme der Schwester beim nächsten Anruf klang wie erloschen. Sie berichtete, dass ihr Bruder tatsächlich in dieser REHA gewesen sei. Sie habe ihn am Tag zuvor abgeholt. Knapp vier Wochen war er dort. Wenn sie dort anrief, verweigerte man ihr, mit ihrem Bruder sprechen zu können. Dass sei der Therapie nicht zuträglich, hieß es. Vorgestern habe sie morgens einen Anruf aus der Klinik erhalten. Man sagte ihr, sie könne ihren Bruder abholen kommen und möge bitte einen Rollstuhl mitbringen.

Wut, Schmerz

Die Schwester berichtete, dass sie in Tränen ausgebrochen sei, als sie ihren Bruder in Empfang nahm. Nichts sei von der Verbesserung seines Gesundheitszustandes mehr vorhanden gewesen, er war schlechter als vor den ganzen Maßnahmen, die von der Familie mit großer kräftemäßiger und finanzieller Mühe erbracht worden waren.

Sie hatte ihren Bruder mit Hilfe eines Pflegers ins Auto bringen müssen. Sie fragte den Pfleger, was mit ihrem Bruder in dieser REHA-Kur gemacht worden sei. Der Pfleger zuckte mit den Schultern und schaut nur zu Boden. An diesem Punkt sei in ihr eine Wut hochgekocht und und sie sei dann in das Gebäude gegangen und habe es sich genau angeschaut. Starker chemischer Teppichbodengeruch schlug ihr entgegen. Er sei erst neu verlegt, deshalb würde er noch riechen, sagte ihr der Pfleger. Sie ließ sich das Zimmer zeigen. Teppichboden, Desinfektionsmittelgeruch, Pressspanmöbel, etc.

Der Speisesaal, in dem ihr Bruder seine Mahlzeiten hatte einnehmen müssen, lag mehr als 100 m entfernt. Den Weg dorthin musste er durch einen langen Flur gehen, der mit übel nach Chemikalien und Kleber riechendem Teppichboden ausgelegt war und keine Fenster zum Lüften hatte. Er bat mehrfach sein Essen doch im Zimmer einnehmen zu dürfen, es wurde ihm untersagt.  Mitpatienten hatten sich sogar angeboten ihm das Essen zu bringen, damit das Personal keinen Mehraufwand hätte. Es blieb bei der Anweisung, der junge Mann musste sich für die Mahlzeiten in den Speisesaal begeben, wo er zusätzlich Parfums, After Shave und anderen Duftstoffen ausgesetzt war. Als er den langen Gang wegen Gleichgewichtsstörungen und Schwindel nicht mehr zu Fuß bewältigten konnte, bekam er einen Rollator, kurz später stellte man ihm einen Rollstuhl zur Verfügung.

Unweit des Zimmers des Bruders war das Schwimmbad der REHA-Klinik. Der Chlorgeruch durchströmte den ganzen Bereich. Trotz seiner schweren Reaktionen auf Chlor musste er an der Bewegungstherapie im Schwimmbad mehrmals teilnehmen. Von der Teilnahme wurde er erst freigestellt, als er aufgrund einer Reaktion im Schwimmbecken fast „absoff“.

Die Schwester sagte nach ihrem Bericht mit gepresster Stimmte: „Die haben meinen Bruder nicht gesund gemacht, die haben ihn hingerichtet und jetzt weiß ich auch, warum ich nie mit ihm sprechen durfte. Jede gesundheitliche Verbesserung, die er vor der Kur hatte, ist zerstört.“

Verschlechterung der Gesundheit durch REHA

Dieser Fall ist kein Einzelfall, wenn auch in seiner Tragweite einer der härtesten Fälle ist, die mir berichtet wurden. REHA-Kurgebäude, die auf die Bedürfnisse von MCS-Kranken ausgerichtet sind, gibt es in Deutschland nicht.

Mangelnde Mitwirkung wird Chemikaliensensiblen vorgeworfen, wenn sie bei der Aufforderung, eine REHA antreten zu müssen, nach den Umweltbedingungen dort nachfragen und mitteilen, dass sie sich in solche Räumlichkeiten nicht aufhalten können, wegen ihrer Reaktionen auf Chemikalien.

Einige Chemikaliensensible mussten erhebliche Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes in Kauf nehmen, weil sie in REHA-Kliniken beordert wurden, in denen weder biologische Kost, noch schadstofffreie Umweltbedingungen zur Verfügung standen und der Geruch von Duftstoffen und Desinfektionsmittel das ganze Gebäude durchzog.

Mancher der chemikaliensensiblen Rentenanwärter versuchte durchzuhalten – oder hielt irgendwie durch, um nicht unterstellt zu bekommen, man habe nicht „mitgewirkt“. Diese an MCS Erkrankten hatten Angst, den Anspruch auf eine Rente zu verwirken. Eine Verbesserung war in keinem einzigen Fall zu vernehmen, im Gegenteil. Dass, was die Erkrankten durch viele Restriktionen und ein schadstoffkontrolliertes Wohnumfeld an Gesundheit zurück gewonnen hatten, war verwirkt.

Endlich? Hoffentlich…

Doch scheint man bei der Rentenversicherung Einsicht zu zeigen und Verständnis aufzubringen. Im nächsten Blog berichtet eine allein erziehende Frau, wie es ihr erging und wie sehr sie kämpfen musste, bis man bei der DRV Verständnis zeigte. Die REHA Maßnahme, der sie sich unter großem Druck beugen sollte, wurde von der DRV letztendlich unter Anerkennung ihrer MCS und Mangel an einer für Chemikaliensensible geeigneten REHA-Klinikeinrichtung zurückgezogen.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 6. April 2010

Weitere CSN-Artikel zum Thema krank durch die Arbeit:

Osterüberraschung: Ein MCS-PIN

Als Überraschung zum Osterfest möchten wir Euch Clarissas MCS-Pin vorstellen.

Die Existenz von Menschen mit Chemikalien-Sensitivität wird gerne verleugnet. Eine Lobby, die den Erkrankten hilft, gibt es nicht. Obwohl es immer häufiger Menschen gibt, die auf geringe Schadstoffkonzentrationen aus Reinigungsmitteln, Zigarettenrauch, Weichspüler, Parfums, Autoabgase etc., mit Gesundheitsbe-schwerden reagieren.

MCS-Kranke treten aus dem Schattendasein heraus

Das MCS-Kreativteam hat es sich zum Ziel gesetzt, diese erdrückende Situation zu ändern und MCS-Kranke kräftig dabei zu unterstützen, ihre eigene Lobby zu schaffen. Viele Organisationen in den unterschiedlichsten Ländern der Welt verfahren auf diese Weise. So gilt der Monat Mai zwischenzeitlich als internationaler Aufklärungsmonat über Multiple Chemikalien Sensitivität. Nicht nur für diesen Zweck, sondern zur Aufklärung das ganze Jahr über, hat Clarissa einen MCS-Pin gestaltet und herstellen lassen. Dieser Pin kann von allen getragen werden, die ein Zeichen setzten wollen.

MCS-Infomaterial

Um Mitmenschen zu erklären, was MCS ist, hat Clarissa zusätzlich visitenkartengroße Kärtchen erstellt, die man Interessierten überreichen kann. Jeder, der einen MCS-PIN bestellt, bekommt welche dazu mitgeliefert.

Ergänzend bietet CSN vielfältiges Material zum Aufklären über MCS und Gefahren durch Duftstoffe an. (MCS-Flyer, Infokarten über Duftstoffe, Ärzteinformation zur Anerkennung von Umweltkrankheiten, etc.)

MCS-PIN und Infokärtchen – Action ist angesagt

Den MCS-Pin (in dieser Ausführung geschützt) könnt Ihr über Clarissas eigens erstellte Webseite MCS-Infogate gegen einen kleinen Unkostenbeitrag bestellen. Sie hat fürs Erste 500 Pins herstellen lassen, so dass es auch möglich ist, gleich mehrere zu bekommen. Selbsthilfegruppen können sich ebenfalls gerne an der Aktion beteiligen und MCS-Pins für ihre Mitglieder oder für Info-Veranstaltungen erhalten.

Wir wünschen Euch Allen und Euren Familien ein Frohes Osterfest

Und viel Spaß mit dem MCS-PIN,

Euer

MCS Kreativteam

Favoriten zum Thema Umweltmedizin im CSN-Blog im Monat März 2010

Die Chemikalie Bisphenol A ist seit einiger Zeit internationales Diskussionsthema. Sie ist u.a. in nahezu jedem unserer Nahrungsmittel enthalten und selbst noch so große Anstrengung kann diese Kontaminierung nicht verhindern. Behörden in vielen Ländern sind bereits tätig geworden und sprachen Verbote in bestimmten Einsatzbereichen aus. Entsprechend groß ist das Interesse an Informationen über die Weichmacherchemikalie und im CSN Blog landete das Thema auf Platz Eins der Top 10 Artikel im März.

Auf Platz Zwei der beliebtesten Artikel landete der medizinische Fallbericht eines Jungen, der durch Süßstoff in einem Medikament chemikaliensensibel wurde. Bei Recherchen stellte sich heraus, dass dieses Medikament für eine Reihe weiterer sehr schwerer Nebenwirkungen verantwortlich sein kann, einschließlich des Hervorrufens von Suizidabsicht.

Neben Bisphenol A gibt es noch weitere Chemikalien, die das Hormonsystem beeinflussen. Für die CSN Blogleser scheint die Thematik von höchster Wichtigkeit zu sein, denn auch auf Platz 3 und Platz 4 landete ein Artikel darüber.

Zum Lesen der beliebtesten Artikel im Monat März 2010 einfach anklicken >>>

  1. Bisphenol A – Chemikalie verseucht unsere Nahrungsmittel und Getränke
  2. Medikament löste Symptomverschlimmerung aus – Weitere Nebenwirkungen bis hin zu Suizid möglich
  3. Die Störung des Hormonhaushaltes durch Chemikalien
  4. Verpackungen von Lebensmitteln geben Schadstoffe in Nahrungsmittel ab
  5. Gericht spricht Schmerzensgeld wegen Explosion von Toilettenspray zu
  6. Kostenloses iPhone / Android App für Ärzte und Patienten – ICD-10 Auskunft
  7. Antibiotika gegen akute Bronchitis unnötig
  8. Die Psychothese bei Umweltkrankheiten – Wissenschaftlich wertlos, rechtlich destruktiv
  9. Bundesgesetzblatt teilt mit: Die Bezeichnung „Somatisierungssyndrom“ für MCS in der Versorgungsmedizinverordnung fällt weg
  10. Laminat belastet Umwelt und Gesundheit