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Die Quittung für BPA

Das Rezept für eine hohe BPA-Belastung: Gemüsekonserven, Zigaretten und ein Job an der Kasse

Schwangere die jeden Tag Gemüse aus Konserven essen, haben nach einer am 8. Oktober 2010 veröffentlichten Studie erhöhte Bisphenol-A Werte, eine Chemikalie mit östrogen-ähnlicher Wirkung, die in Lebensmittelverpackungen und anderen Verbrau- cher-Produkten vorkommt.

Über 90 Prozent der Schwangeren hatten nachweisbare Werte von Bisphenol-A und in der Studie wurden einen Reihe von Quellen für die Chemikalie festgestellt. Schwangere die Tabakrauch ausgesetzt waren oder als Kassiererinnen arbeiteten wiesen ebenfalls überdurchschnittliche Werte in ihrem Körper auf.

Bisphenol-A, oder BPA ist eine Chemikalie welche die Wirkung von Östrogenen imitiert und für die innere Beschichtung von Lebensmittelkonserven und Getränke- dosen, für Plastikartikel aus Polycarbonat und für Kassenquittungen verwendet wird. Labortiere, die als Fötus niedrigen BPA-Belastungen ausgesetzt waren, entwickelten Prostata- und Brustdrüsenkrebs, Fettleibigkeit und Fortpflanzungsprobleme. Bei Menschen wurde BPA mit Herzerkrankungen und Diabetes in Zusammenhang gebracht.

Vor wenigen Jahren hatten sich Mütter stark gemacht, um ihre Kinder vor BPA zu schützen, indem sie auf Händler und Hersteller öffentlichen Druck ausübten, BPA-freie Babyfläschchen anzubieten. Doch die neue Studie zeigt, dass Schwangere immer noch unwissentlich ihre Kinder belasten, während diese als Fötus heranwachsen, eine Phase, in der sie noch mehr geschädigt werden können.

„Dies zeigt wirklich sehr deutlich, dass es während der Schwangerschaft viele Quellen der Belastung mit BPA gibt“, sagte Joe Braun, Forschungsstipendiat der Harvard School of Public Health und Hauptautor der Studie, die von Wissenschaftlern aus sieben Einrichtungen durchgeführt wurde. „Dies zeigt einige Quellen auf, die veränderbar sind, das heißt, die Frauen können sogar ihre Belastung durch sie verringern.“

Die Forscher untersuchten Urinproben von 386 Schwangeren aus der Umgebung von Cincinnati, die zwischen 2003 und 2006 Kinder zur Welt brachten. Eine Frau wurde herausgenommen, da ihre BPA-Werte außergewöhnlich hoch waren – 1000-mal höher als der Mittelwert der Gruppe.

In der 16. und der 26. Woche ihrer Schwangerschaft hatten mehr als 90 Prozent der Frauen BPA in ihrem Urin, währen bei 87 Prozent messbare Werte vorlagen, als ihre Kinder geboren wurden.

Der offensichtlichste Zusammenhang ergab sich zu Gemüse aus Konserven

Nach der im wissenschaftlichen Journal Environmental Health Perspectives veröffentlichten Studie hatten jene die mindestens einmal am Tag Gemüse aus Konserven verzehrten 44 Prozent mehr BPA in ihrem Urin als diejenigen, die kein Gemüse aus Konserven verzehrten.

Beim Verzehr von Obst aus Konserven, frischen Früchten und Gemüse oder frischem und gefrorenem Fisch unterschieden sich die BPA-Werte nicht.

Tracey Woodruff, Leiterin des Forschungsprogrammes zu Fortpflanzungsgesundheit und Umwelt der Universität von Kalifornien in San Francisco betonte, dass Gemüse und Obst für die Ernährung von Schwangeren eine große Rolle spielen. Sie sagte jedoch, der neue Forschungsbericht lege nahe, dass es besser sei, sich für frische Produkte anstatt für solche aus Konserven zu entscheiden.

Frauen geringerer Bildung hatten höhere BPA-Werte und die Forscher vermuteten, dass dies etwas mit dem Verzehr von mehr Gemüse aus Konserven zu tun haben könnte. Ein schwächerer Zusammenhang bestand zum Einkommen, mit geringfügig höheren BPA-Werten bei Frauen die weniger als 20.000 Dollar im Jahr verdienen.

Frauen die angaben, dass sie teilweise Vegetarier wären, hatten höhere BPA-Werte als Frauen die strenge Vegetarier oder Nichtvegetarier waren. Dies konnten die Autoren nicht erklären, wie sie sagten, lagen hierfür zu wenig Daten vor, da nur fünf der Frauen strenge Vegetarier waren. Die Wahl von Produkten aus biologischem Landbau ergab keinen Unterschied bei den BPA-Werten.

Die Forschung hat lange angenommen, dass die BPA-Belastung überwiegend von Lebensmitteln und Getränken ausgeht, die mit dieser Chemikalie kontaminiert werden, wenn sie sich aus den Konserven und den Hartplastikflaschen löst. Doch die neuen Daten lassen darüber hinaus die Bedeutung von anderen Quellen erahnen.

Entscheidend war die Berufstätigkeit:

Frauen die Kassiererinnen waren hatten die höchsten Werte, Arbeiterinnen in der Produktion und Lehrerinnen hingegen die niedrigsten. Schwangere Kassiererinnen hatten im Durchschnitt 55 Prozent mehr BPA in ihrem Urin als schwangere Lehrerinnen.

BPA ist in vielen Kassenbons enthalten und kann über die Haut aufgenommen oder verschluckt werden. Das Tragen von Handschuhen kann die Belastung verringern. Einige Firmen setzen die Chemikalie nicht mehr ein. Appleton Papers, der größte Hersteller von Thermopapier in Nordamerika erklärte, dass BPA seit 2006 nicht mehr verwendet wird. [Anm. der Redaktion: Am 08.10.2010 geändert]

Erhöhte Werte wurden auch bei Frauen gefunden, die Zigaretten rauchten oder passiv Rauch einatmeten und bei Frauen, die einer Belastung mit Phthalaten ausgesetzt waren, eine Chemikalie aus Vinylprodukten. BPA wird zur Herstellung mancher Zigarettenfilter und phthalathaltiger Lebensmittelverpackungen eingesetzt.

Eine der Stärken dieser Studie besteht darin, dass die Wissenschaftler das Blut oder den Urin der Frauen auf Substanzen testeten, die als Biomarker für Tabakrauch und Phthalate bekannt sind. Diese führen zu verlässlicheren Ergebnissen als die Daten zu Lebensmittelkonserven, die durch Befragung erhoben wurden.

Es wurden keine Daten erfasst, in welchem Umfang die Frauen Plastikgegenstände, abgepackte Lebensmittel und Trinkwasser aus Flaschen benutzen, oder sich Zahnbehandlungen unterzogen. Alle dabei zum Einsatz kommenden Materialien können BPA enthalten.

„Es ist immer noch wenig darüber bekannt, welchen Anteil die unterschiedlichen BPA-Quellen an den gemessenen BPA-Urinwerten haben“, schrieben die Autoren. Hauptforschungsleiter war Bruce Lanphear, der früher am medizinischen Zentrum der Kinderklinik von Cincinnati war und nun an der Simon Fraser University in British Columbia ist.

Bei amerikanischen Kindern stammt 99 Prozent ihres BPAs aus der Nahrung, für Erwachsene wurden jedoch keine vergleichbaren Studien durchgeführt, sagte Braun [Autor s.o.]. Mehr Forschung ist nötig, sagte er, um anderen Quellen zu identifizieren und zu quantifizieren, damit Frauen Wege finden können, die Belastung ihrer Föten zu verringern.

Woodruff, die nicht an der Studie teilnahm, appellierte an die Gesetzgeber, den Gebrauch von BPA in so verbreiteten Dingen wie Kassenquittungen und Lebensmittelkonserven einzuschränken. Sie sagte, die Chemikalie wäre so allgegen- wärtig, dass sie wie die Luftverschmutzung für die Menschen, nicht zu umgehen wäre. „Wenn wir diesbezüglich [Belastung der Föten] nicht alles unternehmen, können wir die Belastung der empfindlichsten Bevölkerungsgruppe kaum vermeiden“, sagte Braun.

„Man kann BPA nicht vermeiden, solange man es nicht los wird“, sagte Woodruff. „Es ist vor allem das Versagen der bestehenden Gesetze, Chemikalien denen man unfreiwillig ausgesetzt ist und die unserer Gesundheit schaden können, angemessen zu regulieren.“

Autor: Marla Cone, Chefredakteurin von Environmental Health News

Übersetzung: BrunO für CSN

Bildmaterial: Bild I: srs001, Bild II Pete Myers

Der Original Artikel wurde am 08. Oktober 2010 veröffentlicht.

Ganz herzlichen Dank an Enviromental Health News für die Genehmigung den Artikel übersetzen zu dürfen.

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Hexenjagd auf Komplementär- und Umweltmedizin oder reiner Lobbyismus?

Die Komplementärmedizin hat in Deutschland ähnlich wie die Umweltmedizin einen schweren Stand. Verstaubte, verknöcherte Strukturen und Industrielobbyismus stemmen sich vehement gegen alles, was nicht ins Konzept passt. Arg wird es, wenn die Presse das Spiel mitspielt, statt kritisch zu recherchieren, warum man in Deutschland so gut wie gar keine Toleranz für eine neue Medizin hat, die auch Ursachenforschung betreibt. Im Spiegel, der Süddeutschen und aktuell in Die Zeit, wurde dem Leser suggeriert, dass er sich regelrecht in Abgründe begibt, wenn er sich auf Alternativmedizin einlässt.

Lobbyjournalismus

Warum solche Artikel lanciert werden, die Komplementär- und Umweltmedizin ad absurdum führen wollen, lässt sich leicht durchschauen, man braucht bloß einen Blick auf die Anzeigen zu werfen, mit denen die Blätter gefüllt sind und finanziert werden. Wer sich dann noch die Mühe macht, die Aufsichtsratspositionen und Gremien der Experten zu sichten, die herangezogen wurden, um den Artikeln dem Nimbus zu verleihen, hier spräche die Wissenschaft, wird nicht mehr länger verwundert über den Tenor der Artikel sein.

Alternativmedizin unerwünscht

Im September nahm Die ZEIT die Komplementärmedizin ins Fadenkreuz und forderte den Rückzug in den Muff der alten Zeiten, als Medizin noch „richtige Medizin“ war. Können wir uns einen Rückzug in die „richtige alte Medizin“ erlauben? Ein klares Nein, in Anbetracht der Zunahme chronischer und neurodegenerativer Erkrankungen, deren Ursache in unserer mit Chemikalien überfluteten Umwelt zu suchen ist.

Lobby-Drehtüren abschaffen, frischen Wind einlassen

Die deutschen medizinischen Fakultäten täten wahrlich besser daran, in Bezug auf Umwelt und Alternativmedizin ihre Fenster und Türen sperrangelweit zu öffnen und frischen Wind durch die Gänge wehen zu lassen, um auf internationalem Parkett nicht gänzlich den Anschluss zu verlieren – an eine moderne Medizin, die anderorts beachtliche Erfolge aufzuweisen hat und sich auf das Patientenwohl fokussiert. Unserem Gesundheitssystem und der Gesundheit unserer Allgemeinbevölkerung wäre mit einer Öffnung besser gedient, als mit dem Installieren von Lobby-Drehtüren an deutschen Universitäten, die Industrie und deren Gewinnmaximierung dienen, ohne Rücksicht auf Gesundheit und Umwelt.

Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network

Zum Artikel “Wehe! Wehe!” von Harro Albrecht (Die Zeit, Nr. 37, 09.09.2010) schrieb die Karl und Veronica Carstens-Stiftung eine Stellungnahme:

Aber! Aber!

In den deutschen Leitmedien scheint es geradezu als schick zu gelten, Homöopathie, Akupunktur oder Ayurveda zu verteufeln. Während vom Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL die Homöopathie im Sommer noch als „Hokuspokus“ und „mystischer Käse“ abgetan wurde, bezeichnet die Wochenzeitung Die ZEIT die Komplementär- medizin nun als „magisch-mystische Lehre“, „Zauberkunst“ oder „Paramedizin“. Angesichts der Tatsache, dass die „mystische Lehre“ jetzt obendrein Einzug an deutschen Universitäten hält, kann ZEIT-Autor Harro Albrecht nur mahnen: „Wehe! Wehe!“ Wie gut waren doch die alten Zeiten, in denen noch „richtige Medizin“ gelehrt wurde, „richtige deutsche Mediziner“ ein Vorbild in der Welt waren, das Qualitätssiegel „Med. in Germany“ noch höchste Anerkennung genoss. Frei nach dem Motto „der Aberglaube frisst die moderne Medizin“, sollen die alternativen Heilmethoden schnell wieder vom Campus verschwinden.

Missstände an deutschen medizinischen Fakultäten

In einer Hinsicht muss man dem Autor Recht geben: Die Missstände an den deutschen medizinischen Fakultäten sind in der Tat beklagenswert. Bei allem Klagen über schlechte Ausbildung, “Deprofessionalisierung“ und „Entakademisierung“, über „wenig ergiebige“ Dissertationen fragt man sich allerdings: Was hat das Ganze mit Naturheilkunde & Co zu tun? Warum müssen ausgerechnet die komplementären Verfahren als Prügelknabe herhalten?

Forschung zur Komplementärmedizin weltweit

Wer befürchtet, international den Anschluss zu verlieren, sollte über den nationalen Tellerrand hinausschauen. Er wird feststellen: Ohne universitäre Programme zur Komplementärmedizin ist die Gefahr, ins wissenschaftliche Abseits zu geraten, ungleich größer. Die deutsche Medizin muss sich anstrengen, möchte sie im internationalen Vergleich mithalten.

In den USA ist die Forschung zur Komplementärmedizin (Complementary and Alternative Medicine = CAM) von staatlicher Seite seit Jahren fest etabliert. An 82 von insgesamt 125 medizinischen Hochschulen ist CAM als Pflichtteil des Lehrplans festgesetzt. Außerdem wurde das National Center of Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) als Abteilung des NIH (National Institute of Health) eingerichtet. Mittlerweile werden hier jährlich mehr als 120 Millionen Dollar in Forschungsförder- programme investiert – Tendenz steigend! Die Gründe sind unter anderem: In den USA stehen Nebenwirkungen von konventionellen Behandlungen auf Platz 11 aller Todesursachen. Die „Amerikanische Behörde für Technikbewertung“ stellte fest, dass maximal 20 Prozent der Produkte der Pharmaindustrie in ihrer Wirkung wissenschaftlich abgesichert sind. Abgesehen davon wurde 1992 klar, dass die Bevölkerung mehr Geld für komplementärmedizinische Behandlungen ausgibt als für konventionelle.

Dass auf europäischer Ebene Bewegung in die Sache kommt, zeigt die Integration der Komplementärmedizin ins 7. EU-Forschungsprogramm.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in einer Resolution den Stellenwert der Komplementärmedizin und der traditionellen Medizinsysteme hervorgehoben. Es ist ein Armutszeugnis für den Wissenschaftsstandort Deutschland, dass z.B. Homöopathie-Studien heutzutage aus dem Iran, Indien oder Brasilien kommen und die Phytotherapieforschung nahezu komplett in amerikanischer Hand ist – teilweise mit sensationellen und zukunftsweisenden Resultaten.

Wissenschaft im Dienste der Bevölkerung

Dass die Komplementärmedizin Einzug an deutschen Universitäten hält, hat weniger etwas mit „gutem Sponsoring“ zu tun, sondern zeugt vielmehr von gesundem Pragmatismus. Der Autor schreibt selbst: Je nach Umfrage haben bis zu zwei Drittel aller erwachsenen Bundesbürger schon einmal alternative Heilmethoden in Anspruch genommen.

Wo die Schulmedizin an ihre Grenzen stößt, beschreitet die Komplementärmedizin Therapiewege, die offensichtlich Erfolg versprechend sind. Gerade weil die moderne Medizin chronisch kranken Patienten keine kurativen Therapiemöglichkeiten anbieten kann, suchen diese nach Möglichkeiten, ihre Lebensqualität zu steigern.

Es ist im unmittelbaren Interesse der Patienten und einer Verbesserung der Versorgung, mehr Klarheit über komplexe Therapieverfahren – wie zum Beispiel der Homöopathie oder der Traditionellen Chinesischen Medizin – zu erlangen. Wenn Wissenschaft zum Selbstzweck wird und sich nicht mehr um die Probleme der Patienten kümmert – dann sind die Universitäten auf dem besten Weg, sich selbst abzuschaffen.

Wissenschaft im Dienste der Ärzteschaft

Eine aktuelle Umfrage belegt, dass 40 Prozent der Entscheidungsträger an den medizinischen Fakultäten eine positive Einstellung gegenüber komplementären Methoden haben. Die wachsende Zahl von Ärzten mit den Zusatzbezeichnungen Akupunktur, Homöopathie und Naturheilverfahren zeigt das zunehmende Interesse der Ärzteschaft und verdeutlicht die Notwendigkeit der Lehre an den Universitäten.

Die Komplementärmedizin ist längst auf allen Ebenen angekommen: Die Landesärztekammern verleihen die Zusatzbezeichnung erst nach zertifizierter Weiter- bildung, für die eine Facharztbezeichnung Voraussetzung ist.

Die Bundeärztekammer leistet sich eine Einrichtung namens „Dialogforum Pluralismus in der Medizin“ – ins Leben gerufen vom Präsidenten der Bundesärzte- kammer persönlich. Ja, sogar die gesetzlichen Krankenkassen erstatten für spezielle Verfahren die Kosten ganz oder teilweise.

Es ist an der Zeit, den ärztlichen Nachwuchs in Deutschland zu professionalisieren. Die Relevanz ist offensichtlich.

Bestandteil der universitären Ausbildung sollte es daher sein, die Studierenden so neutral wie möglich über komplementäre Therapieverfahren zu informieren. Nur so können die angehenden Ärzte ihre Patienten später auch zu diesen Fragen fundiert beraten.

Die Karl und Veronica Carstens-Stiftung hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, schon im Studium Grundlagenwissen zur Komplementärmedizin zu vermitteln.

Dabei ist das Nachwuchsförderprogramm der Stiftung in der Universitätsmedizin ohne Beispiel: Studenten werden durch Arbeitskreise, Kongresse, Promotions- seminare und Stipendien betreut – das Niveau der Forschungsarbeiten ist herausragend. Das ist eine angemessene und konstruktive Antwort auf die vom Autor bemängelten Zustände an den Universitäten.

Problem Drittmittel-Finanzierung?

In ihrem gerade erschienen Buch „Gesunder Zweifel“ über den Aufstieg und Fall des ehemaligen IQWIG-Chefs Peter Sawicki, schreibt die Journalistin Ursel Sieber: „Heute hängen Professuren am Tropf der Industrie.“

Falls die Fremdfinanzierung an den medizinischen Hochschulen ein Problem darstellen sollte, dann sicher nicht auf Seiten der Komplementärmedizin: Von derzeit insgesamt 2.839 Medizin-Professuren haben lediglich 8 (!) die Komplementärmedizin zum Inhalt – alle 8 sind Stiftungsprofessuren, denn eine staatliche Förderung findet in Deutschland bis heute nicht statt.

CARSTENS-STIFTUNG, Stellungnahme der Karl und Veronica Carstens-Stiftung zum Artikel “Wehe! Wehe!” von Harro Albrecht (Die Zeit, Nr. 37, 09.09.2010), www.carstens-stiftung.de

Glosse: Elektroschock, die Therapie der Wahl bei MCS

Den CSN-Blog erreichte neulich eine Email vom dänischen Forschungszentrum für Chemikaliensensitivität. Eine für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Journalistin schrieb im Auftrag der Forschungsleiterin. Infolge dessen las sich die ganze Mail wie eine Hochglanz-Werbebroschüre für das Forschungszentrum. Man glaubte, etwas richtig stellen zum müssen, da in der Öffentlichkeit durch Beiträge im Canary Report und bei CSN über die Arbeit dieser Einrichtung an der Kopenhagener Universitätsklinik Gentofte ein falschen Eindruck entstanden wäre. Zugleich wünsche man aber keine Veröffentlichung dieser Richtigstellung. Das Forschungszentrum verfüge nicht über die Ressourcen, sich mit langen Debatten im Internet abzugeben und wolle diese auch nicht, deshalb sei eine Veröffentlichung der besagten Email unerwünscht.

Bitte sehr, wir rücken nichts zurecht und bleiben bei unserer Auffassung, dass ECT, Electroconvulsive Therapy (Anwendung von Elektroschocks) für MCS und darüber hinaus für jegliche Erkrankung ziemlich daneben ist. So können wir nun natürlich auch nicht weitergeben, welchen Stellenwert dieser Therapieansatz in der Arbeit des Forschungszentrums hat. Der Makel, dieses unappetitliche Thema überhaupt angefasst zu haben, bliebt somit an dieser Einrichtung für immer hängen.

ECT ist grobe vorsätzliche Körperverletzung und wird auch irgendwann als solche verboten werden. Daran wird weltweit gearbeitet. ECT ist nichts anderes als elektrische Lobotomie und wurde in den Anfangszeiten von den Anwendern selbst nicht viel anders gesehen. Siehe P.R. Breggin, „Electroshock: scientific, ethical, and political issues“ im International Journal of Risk & Safety in Medicine 11 (1998), S. 20: „6. The brain-disabling principle“ und „Disturbing News for Patients and Shock Doctors Alike„.

Die Schlussfolgerung, welche das Forschungszentrum aus der Anwendung von ECT für MCS zieht, ist kaum klüger, wie jene Diagnose eines Forschers in einem brutalen Witz: „Ein Wissenschaftler schneidet einem Frosch ein Bein ab und befiehlt ihm zu springen: „Los Froschilein, springe!“ Das arme Tier tut es. Selbst mit zwei fehlenden Beinen tut es sein bestes und springt. Als der Frosch ganz ohne Beine nicht mehr springen kann, stellt der Forscher bei dem Frosch Taubheit fest.“

Nicht viel logischer ist es, von ECT für irgendeine Erkrankung eine positive Wirkung abzuleiten. Man schädigt das Hirn der Betroffen und diese können dann nicht mehr über ihr Leid klagen oder „spinnen“. Auf diese Weise wird MCS plötzlich zumindest teilweise, aber leider nur vorübergehend, „reversibel“. Was für ein Wunder! Wozu also aufwendige Vermeidungsstrategie, Atemschutz, gesunde Ernährung und all dieser Quatsch, wenn es auch so geht. Ab und zu ein paar Stromschläge und die Kranken parieren. Wie wäre es, stattdessen einen Stock zu nehmen? Es wird immer noch sehr angestrengt daran geforscht, wie die therapeutische Wirkung von ECT genau funktioniert. Ein Stock funktioniert viel zuverlässiger und wenn man nur auf den nackten Hintern schlägt, lassen sich Hirnschädigungen weitgehend ausschließen.

Man bot in der Mail an, auf persönlicher Ebene gerne weitere Fragen zu beantworten. Darauf verzichten wir!

Autor: BrunO für CSN

Englische Version im EMM Blog:

Gloss: Electric Shock, the Treatment of Choice for MCS

Fortsetzungsserie: „Dänisches MCS-Forschungscenter im internationalen Blickfeld“

Helmholtz: Asthma und Allergien beruhen vermutlich auf unterschiedlichen Entstehungsmechanismen

Unter Beteiligung von Wissenschaftlern der LMU und des Helmholtz Zentrums München hat ein internationales Forscherteam in einer Metastudie sechs Genorte auf unterschiedlichen Chromosomen identifiziert, die zur Entwicklung von Asthma bronchiale beitragen können. Die Studie zeigt, dass – anders als bislang vermutet – nur ein geringer Zusammenhang zwischen Asthma und Genvarianten besteht, die zu einer erhöhten Konzentration von Immunglobulin E (IgE) führen. Dies legt die Vermutung nahe, dass Asthma bronchiale und Allergien auf unterschiedlichen Mechanismen beruhen. (New England Journal of Medicine online, 23.09.2010)

In der vorliegenden Studie haben Wissenschaftler des Helmholtz Zentrums München sowie der LMU München in Zusammenarbeit mit Kollegen aus zahlreichen Ländern den Zusammenhang von Asthma und genetischen Anlagen untersucht. In diese Metastudie sind auch Daten des deutschen Studienzentrums Erfurt des Europäischen Surveys zu Atemwegserkrankungen bei Erwachsenen (ECRHS), des Helmholtz Zentrums Münchens sowie der Asthma-Studien an Kindern der LMU und weiterer Forschungsinstitute eingeflossen. Insgesamt wurden die genetischen Anlagen auf verschiedenen Chromosomen von über 26.000 Menschen untersucht. „Wir haben sechs Risikofaktoren für Asthma bronchiale gefunden“, sagt Dr. Joachim Heinrich vom Helmholtz Zentrum München. Diese Risikofaktoren sind Genvarianten, auch SNPs bzw. „Single Nucleotide Polymorphisms“ genannt.

Auffällig war der geringe Zusammenhang zwischen Asthma und Genvarianten nachweisen, die zu einer erhöhten Konzentration von Immunglobulin E (IgE) im Blut führen. Diese Daten weisen darauf hin, dass dem Asthma bronchiale und der allergischen Sensibilisierung unterschiedliche Mechanismen zugrunde liegen. „Diese Studie konnte aber auch zeigen, dass nur etwa 38 Prozent des bei Kindern auftretenden Asthmas mit diesen genetischen Varianten erklärt werden kann, was die zusätzliche Bedeutung der Umweltfaktoren indirekt hervorhebt“, sagt Prof. Dr. med. Erika von Mutius vom Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU München.

Weltweit leiden bis zu 100 Millionen Menschen an Asthma bronchiale, das durch genetische und umweltbedingte Faktoren verursacht wird. In den letzten beiden Dekaden ist die Zahl der Asthma-Patienten stark angestiegen: In manchen Regionen sind bis zu 35 Prozent der Bevölkerung betroffen, während nur etwa fünf bis zehn Prozent der Deutschen an Asthma erkrankt sind.

Lungenkrankheiten und damit auch Asthma sowie ihre genetischen und umweltbedingten Auslöser gehören zu den Forschungsschwerpunkten des Helmholtz Zentrums München. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das EU-Projekt GABRIEL, dessen Co-Koordinatorin die LMU-Forscherin Professor Erika von Mutius ist: Ziel der internationalen Zusammenarbeit ist die Identifizierung und Charakterisierung von genetischen und umweltbedingten Faktoren, die zur Entstehung eines Asthma bronchiale beitragen.

Literatur:

  • Helmholtz, Asthma und Allergien beruhen vermutlich auf unterschiedlichen Entstehungsmechanismen, München, 23.09.2010
  • Miriam F. Moffatt et.al, A GABRIEL consortium Large-Scale Genome-Wide Association Study of Asthma, New England Journal of Medicine online, September 23, 2010

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Umweltchemiker diskutierten Alternativen zu Tierversuchen und umweltschädlichen Chemikalien

Größte deutschsprachige Konferenz der Umweltchemiker und Ökotoxikologen fand in Dessau-Roßlau statt

Wird ein Arznei- oder Waschmittel in der Kläranlage vollständig abgebaut? Welche Umweltrisiken und Umweltrisiken birgt der Einsatz von Bioziden und Pflanzen- schutzmitteln? Wie können Chemikalien möglichst umweltfreundlich entwickelt, produziert und verwendet werden? Obwohl wir alle tagtäglich chemische Stoffe zu unterschiedlichsten Zwecken nutzen, stellen sich solche Fragen die meisten Menschen eher selten. Tagesgeschäft sind solche Themen für die etwa 350 Umwelt-Wissenschaftler, die sich vom 06.-09. September im Umweltbundesamt (UBA) in Dessau-Roßlau zur Tagung „Umwelt 2010 – Von der Erkenntnis zur Entscheidung“ trafen. Die Veranstaltung ist die größte Konferenz der Umweltchemiker und Ökotoxikologen im deutschen Sprachraum.

Präsentiert und diskutiert wurden im UBA die neuesten Forschungsergebnisse zu Fragen des Verhaltens und den Auswirkungen von Chemikalien in der Umwelt. Die beiden größten wissenschaftlichen Fachgesellschaften zu Umweltchemie und Ökotoxikologie (GDCh und SETAC) traten gemeinsam als Veranstalter auf. Das UBA war erstmalig Gastgeber für die überwiegend aus Deutschland, Schweiz und Österreich angereisten Wissenschaftler. Das dicht gepackte Programm widmete sich mit über 200 Vortrags- und Poster-Präsentationen in 18 Themenblöcken den aktuellsten Entwicklungen in der Forschung. Neben klassischen Themen wie Umweltanalytik und -monitoring oder biologischen Testverfahren standen auch jüngere methodische Entwicklungen wie der Einsatz biochemischer Verfahren („Omics“), Alternativen zu Tierversuchen oder neue Ansätze zur Modellierung des Stoffverhaltens in der Umwelt im Fokus. Hinzu kamen wissenschaftlich und chemikalienpolitisch tagesaktuelle Fragestellungen wie die noch vielfach ungeklärten Umweltrisiken von Nanomaterialien, Prinzipien für eine „grüne Chemie“ sowie Ansätze zur Risikobewertung von Stoffgemischen in der Umwelt. Wie im Untertitel der Tagung „Von der Erkenntnis zur Entscheidung“ angedeutet, sollte dabei besonders erörtert werden, welche Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen für den besseren Schutz der Umwelt zu ziehen sind. Dieses Tagungsmotto passt zum gastgebenden UBA, das als Deutschlands wichtigste Fachbehörde vielfältige Aufgaben in der Erfüllung der deutschen und europäischen Stoff- und Umweltgesetzgebung wahrnimmt. Diesem Motto widmeten sich auch drei Redner aus akademischer Forschung (PD Dr. Martin Scheringer, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich), Industrie (Dr. Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie, Frankfurt/M.) und Politik (Dr. Sabine Gärtner, Referats- leiterin im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Bonn). In Plenarvorträgen stellten sie ihre jeweilige Sichtweise zum Stand von Umwelt- forschung und Chemikaliensicherheit dar. Die Auswahl der Plenarredner spiegelte das Selbstverständnis der beiden Fachgesellschaften wider, die sich vorrangig als Kommunikationsforen für Fachleute dieser drei Bereiche verstehen. Dabei soll auch der wissenschaftliche Nachwuchs besonders gefördert werden, was unter anderem durch die Verleihung von Preisen für die besten Abschlussarbeiten und Publikationen des letzten Jahres sowie mit einer Prämierung der besten Vorträge und Poster im Rahmen der Tagung geschah.

Literatur:

UBA, Umweltchemiker diskutieren Alternativen zu Tierversuchen und umweltschäd- lichen Chemikalien, Dessau-Roßlau, 06.09.2010.

Photo: UBA, Volkard Möcker

Allergie durch Auswirkungen von Ozon? Ozon erhöht die Allergenbelastung

Umweltbelastungen und Klimawandel wirken sich auch auf Allergien aus

Ozon wirkt auf Pollenallergene: Bei einer für den photochemischen Smog typischen Ozonkonzentration entwickeln sich in Pollen vermehrt Allergene. Diese in Roggen nachgewiesene Beziehung wird in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift Journal of Allergy Clinical Immunology publiziert. Das vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützte Projekt zeigt, dass bei erhöhter Ozonkonzentration während der Reifung sowohl der Proteingehalt als auch der Allergengehalt von Roggenpollen ansteigt. Damit deutet sich ein Zusammenhang zwischen aktuellen Umweltproblemen und der Zunahme von Allergien an.

Ozon ist in aller Munde, vor allem während des photochemischen Smogs, der die Großstädte weltweit in den Sommermonaten belastet. Neben der Umweltverschmutz- ung trägt auch der Klimawandel zu dessen immer häufigerem Auftreten bei. Das allein stellt schon ein großes gesundheitliches Problem dar, doch seit Kurzem gibt es zusätzliche Hinweise darauf, dass erhöhte Ozonkonzentrationen den Gehalt an Allergenen in Pollen ansteigen lassen. Ein Wissenschaftlerteam der Medizinischen Universität Wien und des Austrian Institute of Technology hat nach den Gründen für dieses Phänomen gesucht.

Ozon stimuliert Roggen

Ein Wissenschaftlerteam unter Leitung von Prof. Rudolf Valenta vom Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie der Medizinischen Universität Wien kultivierte für seine Untersuchungen zwei verschiedene Sorten von Roggenpflanzen unter kontrollierten Umweltbedingungen. Dabei wurde für eine Gruppe der Pflanzen die Ozonkonzentration der Luft zeitweise auf 79 parts per billion (ppb) erhöht. Dieser Wert liegt mehr als dreifach über der normalen Ozonkonzentration in Bodennähe, die ca. 22 ppb beträgt, und entspricht damit den gesundheitskritischen Spitzenwerten, die an heißen Tagen in Wien auftreten. Zum späteren Vergleich mit denjenigen Pflanzen, die hohem Ozon ausgesetzt waren, wuchs eine Kontrollgruppe ausschließlich bei normalen Ozonwerten heran.

Nach Reifung der Pollen wurden diese geerntet und für die weiteren Untersuchungen gesammelt. Die dabei gefundenen Ergebnisse waren von überzeugender Klarheit, wie Prof. Valenta erläutert:

„Als Erstes waren wir in der Lage zu zeigen, dass bei den Pollen beider Roggensorten die Ozonbelastung einen deutlichen Anstieg des Proteingehalts zur Folge hatte. Weitere Analysen zeigten dann, dass zu diesem Anstieg Allergene der sogenannten Klassen 1, 5 und 6 sowie ein weiteres Allergen, das Profilin, beitragen. Auch in der zweiten Roggensorte führte erhöhte Ozonkonzentration bei der Pollenreifung zu einem starken Anstieg der Gruppe 1-Allergene und Profilin.“

Bedeutet Allergen gleich Allergie?

Dieses Ergebnis alleine würde schon zeigen, dass eine erhöhte Ozonkonzentration das Allergiepotenzial von bestimmten Gräsern steigern kann. Jedoch „mehr Allergene“ bedeutet nicht unbedingt auch „mehr Allergien“. Für Prof. Valenta und sein Team war klar, dass potenzielle Allergene nicht immer vom Immunsystem erkannt werden und somit auch nicht immer einen Anstieg von Allergien auslösen. „Eine Studie aus dem Jahr 2007 zeigt, dass Ozon sogar die Allergenität von Roggenallergenen senken kann, fügt Prof. Valenta an. Es mag also noch mehr Allergene geben, als unsere Arbeit zeigt, doch ob diese mit den für Allergien verantwortlichen IgE-Antikörpern des Menschen reagieren und damit Allergien auslösen können, war zunächst unklar.“

Ein weiteres Experiment brachte jedoch auch zu dieser Frage rasch eine klare Antwort: Proteinextrakte der beiden Roggensorten wurden mit IgE-Antikörpern von allergischen Patienten inkubiert. Dabei zeigte sich, dass die Proteinextrakte der durch Ozon gestressten Pflanzen stärker mit den für die Entstehung von Allergien relevanten IgE-Antikörpern reagieren, als die Kontrollpflanzen. Was bedeutet, dass die mit Ozon exponierten Roggenpollen ein stärkeres allergenes Potential besitzen.

Folglich gelang es dem Team von Prof. Valenta, Dr. Thomas Reichenauer und Prof. Verena Niederberger in diesem vom FWF geförderten Projekt, eindeutig zu demonstrieren, dass Umweltprobleme, wie steigende Ozonkonzentrationen in Bodennähe, mitverantwortlich sein können für die ständige Zunahme von allergisch bedingten Erkrankungen in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren.

Literatur:

Exposure of rye (Secale cereale) cultivars to elevated ozone levels increases the allergen content in pollen, J. Eckl-Dorna, B. Klein, T.G. Reichenauer, V. Niederberger, R. Valenta, J Allergy Clin Immunol. doi:10.1016/j.jaci.2010.06.012

Photo Nr.2: Monika Grote

Übersetzung: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network

Die paradoxe dänische MCS-Hilfe

Fortsetzungsserie: „Dänisches MCS-Forschungscenter im internationalen Blickfeld“

Teil III: Paradoxon – Dänischen MCS-Kranken wird mangels wissenschaftlicher Dokumentation, an der niemand Interesse hat, Hilfe verweigert!

Bis 2008 war es in Dänemark für lokale Behörden üblich, schwer an MCS Erkrankten entsprechend Paragraph 122 des Sozialrechts kostenlos Hilfsmittel zu gewähren, indem sie diesen Halbgesichts-Atemmasken mit Aktivkohlefilter zugestanden. 2008 wurde der Antrag einer schwer MCS Erkrankten für eine Atemmaske von den Behörden ihres Wohnortes abgelehnt. Dieser Fall endete vor der Dänischen Beschwerdeinstanz, welche die Ablehnung mit folgender Begründung aufrecht erhielt:

„… die chronische Manifestation der Erkrankung (MCS) und ihre Ursachen sind medizinisch nicht dokumentiert, es mangelt an Diagnosekriterien und Behandlungsmethoden, gleichermaßen gibt es keine medizinische Belege, dass eine Maske für das Funktionieren in ihrem täglichen Leben ein wirksames Hilfsmittel darstellt.“

Nach diesem Vorfall wurden zahlreichen MCS-Betroffenen von den lokalen Behörden ebenfalls die Bewilligungen der mit Filtern versehenen Atemmasken mit Verweis auf die obige Entscheidung gestrichen. Zugleich gibt es in Dänemark keine einzige Krankenhausabteilung, die dafür da ist, diese Gruppe schwer an MCS Erkrankter zu untersuchen, zu diagnostizieren, zu behandeln und/oder zu beraten. Alle Gerichts- instanzen verweisen auf das Forschungszentrum für Chemikalienempfindlichkeiten in Kopenhagen, das 2006 mit minimaler Mittelausstattung eingerichtet wurde, das sich aber selber nicht mit MCS-Patienten befasst, außer sie als Versuchs-Kandidaten im Promotionsstudium und in Projekten einzusetzen.

Das Forschungszentrum verweigert die Erforschung der Auswirkung von Atemschutzmasken auf die von MCS betroffene Bevölkerung

Nach dem Rechtsspruch der dänischen Beschwerdeinstanz wandte sich eine große Zahl MCS-Erkrankter an das Forschungszentrum, damit dieses die Auswirkung von Atemschutz- masken auf die von MCS betroffene Bevölkerung dokumentiert. Diese Masken sind derzeit neben der sogenannten Vermeidungsstrategie die einzige wirksame zur Verfügung stehende Behandlungsmaßnahme für MCS- Kranke. Diese Vermeidungsstrategie führt zu sozialer Isolation und damit zum potentiellen Risiko subsequenter psychischen Beeinträchtigungen, welche sich im Leben der MCS-Betroffenen aus der Isolation von der Außenwelt ergeben. Durch das Tragen einer Atemmaske kann diese Isolation jedoch verringert werden.

Doch zum großen Erstaunen und zur Verzweiflung der MCS-Kranken erklärte das Forschungszentrum auf seiner Homepage, dass es die Wirkung von Atemschutz- masken mit Aktivkohle auf die von MCS betroffene Bevölkerung nicht untersuchen wird. Seine Argumente waren unter anderem, dass für eine Untersuchung der Wirkung von Atemschutzmasken bei MCS-Erkrankten eine klinisch kontrollierte Studie nötig wäre, und eine solche Studie müsste sowohl Placebo kontrolliert als auch doppelblind sein, damit die Ergebnisse zuverlässig und nützlich werden. Deshalb hat es für das Forschungszentrum keinen Vorrang, Forschungsmittel für die Untersuch- ung von Atemmasken auszugeben, sondern man konzentriere sich stattdessen auf mögliche Mechanismen der Erkrankung und auf anderen Behandlungsstrategien. (1)

So besteht für dänische MCS-Kranke keine Aussicht, dass jemand die für das Dänische Sozialsystem erforderliche Dokumentation in Angriff nimmt. Darum besteht keine Aussicht, Atemmasken bewilligt zu bekommen, ein Hilfsmittel, das für Erkrankte extrem lebenswichtig ist – ein verrücktes Paradoxon, dass einer modernen Wohlfahrtsgesellschaft unwürdig ist.

Stattdessen sieht das Forschungszentrum Elektroschock für MCS als interessant an

Zeitgleich zum oben Geschilderten beschäftigte sich das Forschungszentrum mit einem MCS-Kranken der zustimmte, über sechs Monate einer elektrokonvulsiven Therapie unterzogen zu werden, (zuerst acht Elektroschock-Behandlungen über drei Wochen und danach alle zwei Wochen). Auf Grundlage dieser subjektiven Evaluation mit einem MCS-„Patienten“ zur Wirkung dieser elektrokonvulsiven Therapie – eine weder Placebo kontrollierte noch doppelblinde „Studie“ – veröffentlichte das Forschungszentrum einen wissenschaftlichen Artikel:

„Elektrokonvulsive Therapie reduziert Symptomschwere und Soziale Behinderung bei Multiple Chemical Sensitivity: Ein Fallbericht“ Elberling et al. (2)

Dieser kommt zu folgendem Ergebnis: „Für diesen Fall wurde durch eine initiale ECT Abfolge und durch eine Aufrechterhaltungsbehandlung auf die Schwere der Sympt- ome und die soziale Behinderung eine positive Wirkung erzielt. Elektro- konvulsive Therapie sollte für schwere und sozial behindernde MCS als Möglichkeit in Betracht gezogen werden, es sind jedoch weitere Studien notwendig, um zu evaluieren, ob ECT zur Behandlung von MCS empfohlen werden kann.“

Die begrenzten Forschungsmittel werden großzügig für Achtsamkeit-Therapie ausgegeben

Das Forschungszentrum plant seine sehr begrenzten Mittel auch für die Erforschung der Wirkung von Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie [MBCT] auf MCS auszu- geben.

2008 führte das Forschungszentrum gemeinsam mit dem Zentrum für Psychiatrie der Kopenhagener Uniklinik eine Pilotprojekt-Studie durch. Der Titel dieser Projektstudie lautete auf der Homepage der Universitätsklinik Kopenhagen: „Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie somatisierender Patienten, vor allem MCS-Patienten.“ Dieser Titel wurde jedoch hastig zu „Die Wirkung von Achtsamkeitsbasierter Kognitiver Therapie auf Menschen mit Parfüm- und Chemikalien-Überempfindlichkeit“ geändert, nachdem MCS-Kranke heraus fanden, dass das Forschungszentrum sie in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Psychiatrie für geisteskrank hält. Jesper Elberling, der damalige wissenschaftliche Leiter des Forschungszentrums wollte dies alles mittlerweile als ein „Versehen“ verstanden wissen.

Zurzeit ist zur Fortsetzung des obigen Pilotprojektes ein Promotionsstudium geplant, um die Wirkung von Achtsamkeit auf die MCS-Bevölkerung zu erforschen. Dies ist offenbar eine jener Behandlungsstrategien, für welche das Forschungszentrum seine begrenzten Forschungsmittel großzügigerweise bevorzugt ausgibt, ungeachtet dessen, dass dänische MCS-Kranke dem Forschungszentrum immer wieder berichteten, dass Atemmasken eine wirkungsvolle Therapie-Strategie darstellen, während niemand jemals von MCS-Kranken gehört hat, die durch Achsamkeit-Therapie irgend eine Wirkung auf ihre MCS erfahren haben.

Wird das Forschungszentrum seiner Hartnäckigkeit treu bleiben und für diese anstehenden Forschungsarbeiten Placebo kontrollierte Doppelblind-Studien fordern?

In naher Zukunft wird das Forschungszentrum seine neue Studie über die Wirkung von der Achtsamkeit-Therapie auf MCS beginnen, und dann werden wir sehen, ob das Forschungszentrum tatsächlich seinen eigenen Anforderungen und Argumente gerecht wird, nach denen für die Beurteilung von Therapiewirkung eine klinisch kontrollierte Studie erforderlich ist, die sowohl Placebo kontrolliert als auch doppelblind sein muss, damit die Resultate verlässlich und nützlich werden.

Hoffentlich gelten diese Anforderungen nicht nur für solche Therapieformen, (Wirkungen, welche das Forschungszentrum nicht dokumentieren möchte), wie z.B. Halbgesichts -Atemschutzmasken mit Aktivkohle-Filter, die in der Tat für die meisten schwer MCS-Kranken von vitaler Bedeutung sind, und welche momentan die einzige Therapie-Strategie darstellen, Menschen die an MCS leiden, eine zeitweilige Möglichkeit zu bieten, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, und welche schwer an MCS Erkrankte als hoch wirksame Therapie-Strategie erfahren. Dieser hoch wirksamen Therapie-Strategie ermangelt es jedoch – gemäß dem Forschungs- zentrum – einer „wissenschaftlichen Dokumentation“, die offenbar niemand in Dänemark erstellen möchte.

Autor: Bodil Nielsen, Denmark

Englische Übersetzung: Dorte Pugliese für CSN – Chemical Sensitivity Network

Deutsche Übersetzung: 87.187.139.145@Fr 20. Aug 18:50:59 CEST 2010

Anmerkung des Übersetzers:

Den Gebrauch einer Atemschutzmaske als Therapie-Strategie zu bezeichnen mag dem Wortlaut der dänischen Gesetze geschuldet sein. Von einer Atemmaske geht aber keine therapeutische, sprich heilende Wirkung aus. Dies wäre all zu leicht in einer Placebo-kontrollierten Doppelblind-Studie zu „beweisen“, wobei der Nutzen, die Schutzwirkung vor schädlichen Expositionen, eben so leicht unterschlagen werden könnte. – Es ist noch verrückter und unwürdiger: Die Kranken müssen sich Mittel zum Schutz als Therapie erbetteln, während man ihnen adäquate Therapie verweigert, bzw. sie mit falschen bedroht. MBCT ist für Menschen, die es nicht brauchen, Psychoterror und ECT ist Körperverletzung. Zu ECT ist ein Artikel von CSN in Vorbereitung.

Fortsetzungsserie: „Dänisches MCS-Forschungscenter im internationalen Blickfeld“

Teil I: Verändert ein dänisches MCS –Wissenscenter die internationalen Erkenntnisse über Chemikalien-Sensitivität?

Teil II: MCS – Multiple Chemical Sensitivity: Ein Bericht aus Dänemark

Verändert ein dänisches MCS –Wissenscenter die internationalen Erkenntnisse über Chemikalien-Sensitivität?

In Dänemark wurde im Januar 2006 auf Initiative des Umweltministeriums ein MCS-Wissenscenter gegründet. Das Center sollte dazu dienen, MCS und Sensitivitäten auf Duftstoffe näher zu erforschen und den Betroffenen Behandlungsangebote zu offerieren. Die anfängliche Hoffnung, dass durch dieses vom Ministerium finanzierte Center konstruktive Erkenntnisse in die medizinische Wissenschaft und zum Wohle der MCS-Erkrankten einfließen, wurde durch deren neuere Veröffentlichungen zerschlagen.

In mehreren Artikeln wird darüber und über die sich daraus ergebenden Konsequenzen für MCS-Erkrankte im CSN Blog berichtet werden. Dass auch Umweltmediziner und Organisationen in anderen Ländern umfassend informiert werden über die Vorgänge in Gentofte, ist von erheblicher Wichtigkeit, denn das dänische Wissenscenter-Team strebt offensichtlich an, die internationale Wissen-schaft zu MCS beeinflussen zu wollen.

Der erste Artikel der Serie „Dänisches MCS-Wissenscenter im internationalen Blickfeld “ wurde von einer Krankenschwester geschrieben, die selbst an MCS erkrankt ist:

Welche Interessen verfolgen einzelne Wissenschaftlergruppen bei der Erforschung von MCS?

Bodil Nielsen – Im April 2010 hat eine unabhängige Gruppe von italienischen Wissenschaftlern (De Luca et al.) ihre Forschungsresultate veröffentlicht ”Biological definition of multiple chemical sensitivity from redox state and cytokine profiling and not from polymorphisms of xenobiotic-metabolizing enzymes”. (1) Die Ergebnisse der Studie haben u.a. gezeigt, dass bei MCS-Betroffenen die Aktivität der erythrozytären Katalase und GST niedriger waren, während Gpx höher war, als normalerweise. Sowohl reduziertes als auch oxidiertes Glutathion war niedriger, während Stickoxid (NO)/Peroxynitrit (ONOO-) in der MCS-Gruppe erhöht waren. Das Fettsäureprofil der MCS-Patienten war gegen den gesättigten Teil verschoben, und das IFN-Gamma, IL-8, IL-10, MCP-1, PDGFbb und VEGF waren erhöht.

Dänisches MCS Wissenscenter stellt Arbeit von Kollegen in Frage

Im Juli 2010 vermeldete das Wissenscenter für Duft- und Chemikalienüber-empfindlichkeit in Dänemark (das nach der Auffassung vieler dänischer MCS-Betroffenen mittlerweile eine sehr tendenziöse Forschung betreibt, mit Hauptgewichtung auf den psychischen Bereich) auf seiner Webseite: (2)

”Da es sich vorläufig um eine einzelne Studie handelt (De Luca et al.), ist es notwendig, die Resultate durch neue Studien zu überprüfen, bevor eine Schlussfolgerung hinsichtlich der Bedeutung der immunologischen Faktoren bei Duft- und Chemikalienüberempfindlichkeit gezogen werden kann“ …

„Deshalb plant das Wissenscenter zu untersuchen, ob bei Duft- und Chemikalienüberempfindlichen erhöhte Zytokinwerte nachgewiesen werden können – UNABHÄNGIG VON KONTAKTALLERGIEN“.

Selektive Kontrolle?

Die Resultate der Italiener haben jedoch nicht nur eine Erhöhung des Botenstoffs Interferon-(IFN)-Gamma gezeigt, sondern auch dass mehrere metabolische Parameter auf beschleunigte Lipidoxidation hinweisen, wie auch vermehrte Stickoxid-Produktion und eine Reduzierung des Glutathion in Kombination mit erhöhten inflammatorischen Zytokinen, was bei einer biologischen Definition und der Diagnose von MCS berücksichtigt werden muss.

Kontaktallergie eine Ausschlussdiagnose bei MCS?

Der ehemalige Leiter des dänischen MCS- Wissenscenters, nun Seniorforscher Jesper Elberling, weiß als früher angestellter Arzt bei der dermatologischen Abteilung des Gentofte Hospitals, dass der Botenstoff Interferon-(IFN)-Gamma eine Rolle bei der Entwicklung von Kontaktallergien spielt, ein Zytokin-Botenstoff, den die Italiener in ihrer Forschung bei den MCS-Patienten gefunden haben. Dem Wissenscenter ist aus seiner eigenen Fragenbogen-Studie zudem bekannt, dass viele MCS-Betroffene u.a. auch unter Kontaktallergien leiden. Aus diesem Umstand stellen sich einige Fragen:

  • Wählt das Wissenscenter somit, bewusst und gezielt, ausschließlich DIESEN kleinen Teil des Forschungsresultats der Italiener um nachzuprüfen; obwohl – wie man selber mitteilt – alle Forschungsergebnisse überprüft werden müssen, bevor eine Schlussfolgerung hinsichtlich deren Gültigkeit gezogen werden kann?
  • Bezweckt diese angedachte Forschungsstudie, diejenigen MCS-Betroffenen auszusortieren, die gleichzeitig eine Kontaktallergie haben, um zu sehen, ob dies das Resultat ändert?
  • Ist das Wissenscenter imstande zu beweisen, dass dieses EINE Resultat dem De Luca et al. Forschungsresultat zugeschrieben werden kann, demzufolge ein großer Teil der MCS-Betroffenen, die an der Studie der Italiener teilnahmen, auch unter Kontaktallergien gelitten haben müssen, und dass dieses Forschungsresultat deshalb eventuell tatsächlich nur diesem Umstand zugeschrieben werden kann?

Soll das Studienergebnis aus Italien diskreditiert werden?

Denn nur dann könnte das Wissenscenter dadurch das vorliegende Forschungsresultat in Misskredit bringen, was leicht dazu führen kann, das vollständige Forschungsresultat der Italiener in ein schlechtes Licht zu stellen.

Wenn schon Kontrolle, warum dann nicht umfassende Kontrolle?

Es stellt sich auch die Frage, warum das Wissenscenter sich nicht dazu entschlossen hat, auch die anderen Forschungsresultate der italienischen Wissenschaftler nachzuprüfen, die ja auch überprüft werden müssen, bevor das Wissenscenter sie für valid halten kann.

Nach Martin Palls Theorie (dem fatalen NO/ONOO Zyklus) heißt es, dass u.a. bei MCS-Betroffenen eine erhöhte Stickoxid -Produktion stattfindet, was ja auch die Forscher aus Italien nachgewiesen haben. Rechnet das dänische Wissenscenter also vielleicht damit, dieses Forschungsresultat nicht zu widerlegen oder in Misskredit bringen zu können?

Die italienischen Wissenschaftler haben nämlich nachgewiesen, dass in Übereinstimmung mit Martin Palls These vom unheilvollen biochemischen NO/ONOO Zyklus drei Faktoren im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe erniedrigt/abweichend sind, im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe, aber dies wünscht man im einzigen MCS-Wissenscenter der Welt merkwürdigerweise nicht nachweisen zu müssen.

Da die italienischen Mediziner – soweit ich erkennen kann – in ihren Überlegungen keine Kontaktallergie mit einbezogen hatten, aber die meisten biochemischen Stoffe im Körper natürlich mit vielen Faktoren/Krankheiten in funktioneller Verbindung stehen, weshalb dieser Versuch, gerade diesen einen Faktor (den Botenstoff Interferon-(IFN)-Gamma) mit etwas zu vergleichen, das sich – wie man weiß – auch auf Kontaktallergien auswirkt, drängt sich einem fast unweigerlich eine weitere Frage auf:

Ob diese Vorgehensweise dahingehend zu deuten ist, dass das dänische Wissenscenter bezwecken will, einen Unsicherheitsfaktor im Forschungsresultat der Italiener konstruieren zu wollen, um die ganze Studie der italienischen Wissenschaftler – mit diesen für die MCS-Betroffenen so wichtigen Resultaten – in ein schlechtes Licht zu bringen?

Wir hoffen jedenfalls, dass weitere, unabhängige Wissenschaftler damit anfangen werden, die Richtigkeit all der anderen Resultate zu überprüfen, und nicht ebenfalls hingehen und nur ein einzelnes Resultat auswählen, in der Hoffnung, die Validität widerlegen zu können.

Autor: Bodil Nielsen aus Dänemark, Krankenschwester, MCS- und EHS-Betroffene

Übersetzung: Dorte Pugliese, Silvia K. Müller, CSN.

  1. Chiara De Lucaa, Maria G. Scordob, Eleonora Cesareoa, Saveria Pastorea, Serena Mariania, Gianluca Maiania, Andrea Stancatoa, Beatrice Loretic, Giuseppe Valacchid, e, Carla Lubranoc, Desanka Raskovicf, Luigia De Padovac, Giuseppe Genovesic and Liudmila G. Korkinaa, Biological definition of multiple chemical sensitivity from redox state and cytokine profiling and not from polymorphisms of xenobiotic-metabolizing enzymes, doi:10.1016/j.taap. 2010.04.017, Toxicol Appl Pharmacol. 2010 Apr 27
  2. MCS-Wissenscenter, Italiensk studie sætter fokus på signalstoffer, 18.07,2010

Weitere Artikel zum Thema:

Impfen lassen gegen Papillomvirus? Oder besser nicht?

Sollte man die Tochter, den Sohn im Teenager-Alter impfen lassen, oder sich selbst?

Sobald ein Teenager die Praxis ihres Pädiaters betritt, wird dieser eine weitere Impfung empfehlen, die durch eine Abfolge von auf sechs Monate verteilten Injektionen verabreicht werden soll. Diesmal ist Gardasil der Impfstoff, der dazu vorgesehen ist, sie vor einer Infektion durch das Humane Papillomvirus (HPV) zu bewahren, das im Alter Gebärmutterhalskrebs auslösen könnte.

Ist diese Impfserie insgesamt gesehen eine gute Idee? Ist sie sicher; ist der Nutzen die möglichen Nebenwirkungen wert?

Gardasil wird von ‚Merck Vaccines‘ hergestellt. Es wurde im Juni 2006 von der Food & Drug Administration (Amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehöre) nach nur zwei Jahren und nicht sehr umfangreichen, auf diesen Zeitraum beschränkten Studien mit nur 1.200 Mädchen, sehr rasch zugelassen. Wie bei allen pharmazeutischen Produkten, genauso wie bei den Chemikalien, welche in allen hergestellten Erzeugnissen zum Einsatz kommen, von Hautcreme bis zu Formaldehyd, ist der Hersteller für die Studien zuständig.

Als das CDC (Center for Disease Control/vergleichbar dem RKI) nach der zweijährigen Studie empfiehlt, dass Gardasil routinemäßig allen 11- bis 12-jährigen Mädchen verabreicht werden soll, hieß die Leiterin Julie Gerberding. Mit dem Regierungswechsel verschwand sie, um einen Job als Chefin von Merck Vaccines zu übernehmen. (Nur ein weitere typisches Beispiel des Drehtüreffektes zwischen Industrie und jenen Leuten, die unsere Gesundheit schützen sollten.)

Merck ist jene Firma, die, bevor dies öffentlich bekannt wurde, über fast eine Dekade wusste, dass Kinder, welche die staatlich vorgeschriebenen Mehrfach-Schutzimpfungen erhalten, mit dem Konservierungsmittel jener Impfstoffe eine erhöhte Quecksilberdosis verpasst bekommen, die diese Information aber für sich behielt – eine Dosis, 87 mal höher als die Empfehlungen für die maximale tägliche Aufnahme von Quecksilber aus dem Fischverzehr. Gardasil wird mit Aluminium konserviert, ein Giftstoff wie Quecksilber.

Es ist weder klar, ob Gardasil wirklich wirksam ist, noch ob es das Risiko wert ist.

Nachdem nun Zehntausende von Mädchen diese Impfserie erhalten haben, weist das vom Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) geführte Register (Fallberichtsystem für Nebenwirkungen von Impfstoffen) eine hohe Zahl von Nebenwirkungen aus. Grundsätzlich verdoppeln sich die Reaktionen nach der zweiten Injektion und vervierfachen sich nach der dritten. Sie reichen von Kopfschmerzen, Haarausfall, Schwindel und Erbrechen bis zu anaphylaktischem Schock, Anfällen und sogar Tod.

Lesen Sie die entsprechenden Fallberichte auf www.truthaboutgardasil.org, eine Homepage, die von Marion Greene eingerichtet wurde, deren Tochter zu Schaden kam. Tatsächlich treten bei Gardasil doppelt so viele Nebenwirkungen wie bei Grippeimpfungen auf (welche Quecksilber enthalten). Merck verbreitet natürlich, es gäbe nahezu kein Risiko.

Gardasil ist zugelassen, um 9 bis 26 Jahre alte Mädchen und Frauen vor zwei Typen von Humanen Papillomviren zu schützen, die für etwa 70% aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sind (und vor zwei weiteren Typen die 90% aller Erkrankungen mit Genitalwarzen verursachen). Es gibt mehr als 120 Typen von HPV, von denen 40 über sexuellen Kontakt verbreitet werden; 15 von diesen 40 Typen haben das Potential, bei Frauen und Männern zu Krebserkrankungen zu führen. Die Wirksamkeit dieses Impfstoffes gegen diese anderen Typen von HPV ist sehr gering. Weiterhin heilen etwa 90% der genitalen HPV-Erkrankungen innerhalb von zwei Jahren von selbst.

Noch schlimmer, es wurde bekannt, dass Gardasil das Risiko für vorkarzinöse Schädigungen erhöht, oder noch viel schlimmer, bei 44,6% jener Leute (höchstwahrscheinlich die sexuell aktiven), die bereits mit zwei Typen HP-Viren in Kontakt kamen. Diesmal hat Merck tatsächlich die FDA über das Risiko unterrichtet, doch die Behörde ließ den Impfstoff zu und verlangte nicht mal, dass die Packung eine Warnung auf dem Beipackzettel enthält.

Auch weiß niemand genau, wie lange der Impfschutz anhalten wird. Wie bereits angeführt, hat die Merck Studie die geimpften Mädchen und Frauen lediglich über zwei Jahre beobachtet, und in manchen Fällen bekamen sie sogar Injektionen zur Wirkungsverstärkung. Andere klinische Untersuchungen begleiteten 16 bis 23 jährige Frauen bis zu viereinhalb Jahre, nachdem sie die drei Dosen des Impfstoffes erhalten hatten. Man darf aber nicht vergessen, dass sich Gebärmutterhalskrebs über Jahrzehnte entwickelt. Außerdem kommen 10% der Kinder in den ersten zehn Lebensjahren mit HP-Viren in Kontakt, bevor sie überhaupt geimpft werden.

Das Risiko von Nebenwirkungen durch den Impfstoff scheint höher zu sein als das Risiko, in den USA Gebärmutterhalskrebs zu bekommen. Das ist so, weil in unserem Land bei Teenagern, wenn sie sexuell aktiv werden, fast ausnahmslos regelmäßige Pap-Abstriche [pap smear/nach dem Griechischen Arzt Papanicolau] vorgenommen werden, die Zellveränderungen feststellen, bevor aus ihnen Krebs wird. So kann die Behandlung beginnen, bevor sich Krebs entwickelt. Die Raten von Gebärmutterhalskrebs sind um 74% gefallen, seitdem man mit regelmäßigen Pap-Abstrich Untersuchungen anfing. Heutzutage stellt man Gebärmutterhalskrebs bei jenen Frauen fest, sie seit fünf Jahren oder länger keine Pap-Untersuchung hatten. Und Pap-Abstriche sind immer noch selbst für solche Mädchen vorgeschrieben, die geimpft worden sind.

Gardasil ist der teuerste Impfstoff, der jemals für Schulkinder empfohlen wurde. Merck berechnet 120 US-Dollar pro Dosis, und die Kosten für die Drei-Schuss Kur belaufen sich auf 400 bis 1.000 Dollar pro Patient. Merck versucht nun, seinen Markt auf Jungen und Männer auszuweiten, um Genitalwarzen zu verhindern, und auf Frauen bis 45 Jahre. Es wird überall geworben und zusätzlich eine intensive Kampagne in mindestens 20 Bundesstaaten betrieben, um Gesetzgeber zu überzeugen, die HPV-Impfung als Voraussetzung für die Teilnahme von Mädchen am Schulunterricht zur Pflicht zu machen. In meinen Bundesstaat Massachusetts hat man gerade über eine solche nachgedacht, doch bis jetzt ist es noch nicht dazu gekommen.

Ein anderer HPV-Impfstoff, Cervarix von GlaxoSmithKline, wurde im Mai 2010 zugelassen. Es schützt nur vor zwei Stämmen des HP-Virus, enthält fast doppelt so viel Aluminium, sowie einen weiteren Zusatzstoff (eine Substanz, die zur Verstärkung des aktiven Wirkstoffs hinzugefügt wird). Aus Europa, wo man beide eingesetzt hat, wurden nach der Anwendung von Cervarix mehr anaphylaktische Schockreaktionen berichtet als nach Gardasil.

Autor: Alice Shabecoff für CSN – Chemical Sensitivity Network, 16. Juni 2010

Übersetzung: BrunO für CSN – Chemical Sensitivity Network

Zur weiteren Information:

Alice Shabecoff war in ihrem Berufsleben als Journalistin für die New York Times, die Washington Post und die International Herald Tribune tätig. Zusammen mit ihrem Mann Philip, hat sie das Buch “Poisoned for Profit: How Toxins Are Making Our Children Chronically Ill” (Für den Profit vergiftet: Wie Giftstoffe unsere Kinder chronisch krank machen) geschrieben.

Weitere Artikel von Alice Shabecoff:

60 Wissenschaftler und NGOs appellieren an EFSA

Wissenschaftler und Nichtregierungsorganisationen [NGOs] warnen gemeinsam vor Kunststoff-Chemikalie BPA

Eine noch nie da gewesene Anzahl von sechzig Wissenschaftlern, internationalen Gesundheit- und Frauenorganisationen aus der ganzen Welt haben zusammen an die European Food Safety Authority (EFSA), die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit geschrieben und bekundet, dass Handlungsbedarf besteht, um die Belastung mit Bisphenol-A (BPA), insbesondere für hoch gefährdete Personengruppen wie Kleinkinder und Schwangere, zu reduzieren.

Stellungnahmen von einigen der beteiligten Wissenschaftlern und NGOs finden Sie gegen Ende dieser Mitteilung.

Insgesamt haben 41 NGOs und 19 Wissenschaftler aus 15 Ländern aus verschiedenen Regionen dieses Globusses (einschließlich 9 aus Großbritannien) den Brief unterzeichnet. Dieser Brief trifft unmittelbar vor der Veröffentlichung einer neuen wissenschaftlichen Einschätzung zur Sicherheit von Bisphenol-A in Materialien ein, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, welche Anfang Juli 2010 erwartet wird. Die EFSA wurde von der Europäischen Kommission gebeten, die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Bisphenol-A zu bewerten und wenn nötig die derzeit als vertretbar angesehene tägliche Aufnahmemenge, den Tolerable Daily Intake (TDI) zu aktualisieren (die exakte Menge in Lebensmitteln und Trinkwasser, die (oral) ein ganzes Leben lang ohne nennenswertes Gesundheitsrisiko aufgenommen werden kann).

Bisphenol-A ist eine in großen Mengen hergestellte Chemikalie, welche zur Produktion von transparenten und nahezu unzerbrechlichen Polycarbonat-Kunststoffen verwendet wird. Man findet es in Kunststoffen für Lebensmittel und Getränke, wie z.B. Babyfläschchen, Wasserflaschen für Sportler, als Epoxydharzbeschichtungen in Lebensmittelkonserven und Getränkedosen, in Plastikbehältern zur Aufbewahrung von Lebensmitteln, in Geschirr und anderen Erzeugnissen, einschließlich Zahnfüllungen, und es wurde festgestellt, dass es in die Nahrung und die Getränke gelangt.

Zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Bisphenol-A gab es schon länger aufgrund wissenschaftlicher Studien Bedenken, welche gezeigt haben, dass extrem geringe Belastungen den Hormonhaushalt stören. Humane Biomonitoring-Studien haben nachgewiesen, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen in den Industriestaaten einer Belastung mit Bisphenol-B ausgesetzt ist.

Die bisherige Einschätzungen der EFSA von 2007 und 2008 stützten sich in erster Linie auf ein paar industriefinanzierte wissenschaftliche Studien, die keine Bedenken wegen den Belastungen mit BPA zum Ausdruck brachten, denen wir ausgesetzt sind. Das Schreiben von Forschern und NGOs weist auf die wissenschaftliche Kritik an diesen Studien in akademischen Journalen hin, da „mehrere hundert peer reviewed, [d.h. von Kollegen/Fachgremien geprüfte] wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht worden sind, die auf mögliche nachteilige Gesundheitsfolgen durch BPA-Belastungen hingewiesen hatten“.

Darüber hinaus lenkt das Schreiben den Blick auf ein paar der neuen Studien, welche belastungsbedingte, potentielle Risiken aufzeigten, mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit an ‚Diabetes‘, ‚Entwicklungsstörungen‘ und Brustkrebs zu erkranken. Bisphenol-A Belastung in umweltrelevanter Höhe, die man üblicherweise in der Umwelt entwickelter Länder findet, wurde außerdem von unabhängigen Wissenschaftlern an Universitäten immer wieder mit einer Reihe anderer ernsthafter chronischer Erkrankungen in Zusammenhang gebracht.

Trotz der bestimmenden Position der EFSA, chemische Sicherheitsstandards EU-weit festzulegen, wurden Schweden und Deutschland nach Frankreich und Dänemark der aktuell dritte und vierte EU-Mitgliedsstaat, welcher vor der EFSA-Bewertung Maßnahmen einleitet.

Andreas Carlgren, Schwedens Umweltminister, stellte am 11. Mai 2010 fest, dass

„Schweden mit einen nationalen Verbot vorpreschen wird, falls die EU nicht schleunigst die hormonwirksame Substanz Bisphenol in Babyfläschchen verbietet“.

Der Präsident des Deutschen Umweltbundesamtes gab am 9. Juni ebenfalls die EFSA-Leitlinie auf, indem er neue Richtlinien veröffentlichte, die an

„Hersteller, Importeure und Anwender von Bisphenol-A“ appellieren, „alternative Substanzen zu benutzen, welche in allen Anwendungs-bereichen die maßgeblich zur Belastung beitragen, für die menschliche Gesundheit und Umwelt ein geringeres Risiko verursachen“.

Behörden in Kanada und den USA haben bereits Maßnahmen ergriffen, um die Belastung durch BPA zu begrenzen, beispielsweise bei der Verwendung für Babyfläschchen. Bis jetzt hat es auf Europäischer Ebene noch keine ähnliche Aktion gegeben.

Eine Anzahl von EU-Mitgliedstaaten treten weiterhin für ein europaweites gemeinsames Vorgehen bzgl. Bisphenol-A ein. Tim Smith, Leiter der Britischen Food Standards Agency, der Verbraucherschutzbehörde, erklärte am 12. Mai 2010 in einem internen FSA Bericht, dass er „es als wichtig erachtet, dass es eine europaweite einvernehmliche Haltung gibt“ und dass die FSA nur in dem Fall „unsere Position entsprechend [der FSA Neubewertung] ändern wird, wenn dies als notwendig befunden wird“, ungeachtet der Maßnahmen, die anderswo in der EU ergriffen werden.

Die EFSA hat bereits die Veröffentlichung ihrer Neubewertung verschoben, wie es auf der Homepage heißt:

Um der Europäischen Kommission einen Überblick zum neusten Stand der Sicherheit von BPA zu verschaffen, wird die EFSA nun eine wissenschaftliche Einschätzung eher Anfang Juli als Ende Mai vorlegen. Grund ist, dass die Mitglieder des Gremiums hunderte von Studien für ihren Bericht und die Analyse der neusten wissenschaftlichen Literatur berücksichtigen müssen.

Das Schreiben der Wissenschaftler und Organisationen beginnt damit, ‚diese Ankündigung zu begrüßen‘, welche nach 11 Stunden veröffentlicht wurde, nachdem die EFSA endgültig zugestimmt hatte, hunderte nicht industriefinanzierte Studien in Augenschein zu nehmen.

Der Brief wurde von ‚Breast Cancer UK‘ und Prof. Fredrick vom Saal entworfen, kuratierter Professor für Biologie-Wissenschaften an der University of Missouri-Columbia, der von seinen Kollegen für seine Arbeit zu Bisphenol-A ausgezeichnet wurde und eine anerkannte Koryphäe auf seinen Gebiet ist. Die Bemühungen wurden außerdem von der Health and Environment Alliance in Brüssel [HEAL) koordiniert.

Prof. vom Saal erklärte anlässlich der Veröffentlichung des Briefes das folgende:

„Im Kern der BPA-Debatte geht es um eine veraltete Ansammlung von Richtlinien von Regulierungsbehörden, die auf Verfahren beruhen, welche vor über 50 Jahren entwickelt wurden, um die Sicherheit von Chemikalien abzuschätzen. So haben Forschungsmethoden des 21. Jahrhunderts in hunderten von veröffentlichten Berichten eine überwältigende wissenschaftliche Evidenz für die Schädlichkeit geliefert, doch diese Ergebnisse werden zurückgewiesen, weil sie nicht mit den überkommenen Prüfrichtlinien übereinstimmen.“

„Dies hat bewirkt, dass sich Regulierungsbehörden gänzlich auf die industriefinanzierte Forschung verlassen, die ‚zugelassene‘ Prüfmethoden anwendet, welche grob und unempfindlich sind, und es überrascht nicht, dass 100% dieser industriefinanzierten Studien zum Schluss kommen, dass BPA keine Schäden hervorruft.“

„Der einzige vernünftige Weg für Europäische Regulierer ist, entscheidungsfreudige Maßnahmen zu ergreifen, um die menschliche Belastung durch BPA zu verringern. Die überwältigende Natur aller wissenschaftlichen Beweise rechtfertigt dies als Dringlichkeit.“

Clare Dimmer, Vorsitzende des Kuratoriums von Breast Cancer UK und ehemaligen Krebspatientin erklärte:

„Brustkrebs ist die häufigste Krebsart in Europa und hat trotz aller kostenintensiven Aufwendungen der Regierungen für Untersuchung, Behandlung und Intensivierung der Forschung schnell zugenommen. Nun muss es an der Zeit sein, dass die Behörden auf die Wissenschaft reagieren und anfangen, zu gefährlichen Chemikalien wie Bisphenol-A, das in unseren Alltagsprodukten vorkommt, eine vorsorgliche Haltung einzunehmen.“

Lisette van Vliet, Ph.D., Beraterin für Giftstoff-Richtlinien bei HEAL sagte:

Es ist höchste Zeit, dass die EFSA zum überwältigenden Forschungsstand aufholt, der reale Gründe liefert, sich über unsere tägliche BPA-Belastung Gedanken zu machen.“

Die Beteiligten Wissenschaftler und Organisationen bekamen die Möglichkeit, für diese Pressemitteilung eine kurze Bemerkung zu übermitteln. Jene, die darauf reagierten, sind unten aufgeführt. Dies soll die teilnehmenden Organisationen nicht daran hindern, eigene Pressemitteilungen, unterstützende Erklärungen und zusätzliche Kommentare heraus zu geben.

Prof. Andrew Watterson, Forschungsgruppe Arbeit- und Umweltmedizin an der University of Stirling sagte:

„Es macht Angst, wenn die Beweiskraft der wissenschaftlichen Belege geprüft wird [um erst herauszufinden), ob ernsthafte Maßnahmen zur Verringerung der menschlichen Belastung unmittelbar ergriffen werden sollten. Hunderte akademischer Studien haben ausdrücklich das Risiko von Entwicklungsschäden bei Föten und Kleinkindern durch BPA-Belastung hervorgehoben, und dies sollte eine starke Vorsorgerichtlinie als Antwort der Europäischen Behörden diktieren. Falls dies nicht der Fall sein sollte, muss die Britische Regierung eingreifen, wie es andere Europäische Länder bereits tun.“

Daniela Hoffmann, Expertin für Chemikalien, GLOBAL 2000/Friends of the Earth Österreich:

„Letztendlich muss die EFSA den überwältigenden wissenschaftlichen Beweis des Risikos, das BPA für die menschliche Gesundheit bedeutet, anerkennen.“

Sarah Häuser, Expertin für Chemikalien, BUND/Friends of the Earth Deutschland:

„Der bestehende Wert für die tolerierbare tägliche Aufnahme von BPA schützt die Gesundheit des Menschen nicht. In Tierversuchen und Biomonitoring-Studien werden viel geringere Dosen als jene, welche die EFSA als sicher eingeschätzt hat, mit chronischen Erkrankungen und Gesundheitsschäden wie Diabetes und Herzkreislauferkrankungen in Zusammenhang gebracht. Nun ist es Zeit zu handeln.“

Pressemeldung vom 23.06.2010

Hinweis für Redaktionen:

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an

Hratche Koundarjian, Campaign Manager, Breast Cancer UK

Charity No: 1088047

T: 07905 911 039, E-Mail: hratche@breastcanceruk.org.uk

W: www.breastcanceruk.org.uk / www.nomorebpa.org.uk

Der Brief mit den Unterschriften:

An

Prof. Klaus-Dieter Jany, Chair of the CEF Panel

European Food Safety Authority

Largo N. Palli 5/A

43121 Parma, Italy

23. Juni 2010

Sehr geehrter Herr Prof. Jany,

wir schreiben, um die Ankündigung auf der Webpräsenz der European Food Safety Authority (EFSA) zu begrüßen, wonach das CEF-Gremium ‚hunderte von Studien in seinem Bericht und in seiner Analyse der neusten wissenschaftlichen Literatur‘ für die Überprüfung des DTI, [der tolerierbaren täglichen Aufnahmemenge] von Bisphenol-A in Produkten, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, berücksichtigen wird.

Während der letzten eineinhalb Jahrzehnte wurde ein substantieller Korpus veröffentlicht, der sich auf mehrere hundert geprüfte (peer rewiewed) wissenschaftliche Abhandlungen beläuft, die auf mögliche negative Auswirkungen auf die Gesundheit hingewiesen haben, welche mit den BPA-Belastungen durch interne Dosen zusammenhängen, dem biologisch wirksamen BPA, das man im menschlichen Körper findet.

Wie eine Rezension (Vandenberg et al) von 80 Biomonitoring-Studien in Environmental Health Perspectives im März 2010 veranschaulichte, ‚haben die zwei bis heute durchgeführten toxokinetischen Studien, die nahelegen, dass die Belastung des Menschen zu vernachlässigen ist, signifikante Mängel und sind deshalb für die Einschätzung von Risiken nicht brauchbar.‘

In ihrer vorausgegangenen Risikoeinschätzung von BPA hat die EFSA sich jedoch ausschließlich auf eine kleine Zahl von Studien gestützt, anstatt auf die sehr viel größere Anzahl, welche die US Food and Drug Administration als relevant und sehr brauchbar für ihre Risikobewertung von BPA anerkennt und welche die FDA veranlasste, wegen den Gesundheitsgefahren die von BPA ausgehen Besorgnis zum Ausdruck zu bringen.

Nur eine kleine Minderheit von Studien kamen zu der Aussage, dass die BPA-Belastung völlig sicher ist, und viele dieser Forschungsberichte wurden in akademischen Kommentaren und Antworten als mangelhaft kritisiert, aber gerade auf diese wenigen Studien voller Fehler hat sich die EFSA bisher gestützt, um BPA als sicher zu erklären.

So stellte z.B. ein von 24 Wissenschaftlern verfasster, in der Februar 2010 Ausgabe von Toxicological Sciences publizierter Brief fest: ‚Studien zu veröffentlichen, die für hormonell wirksame Chemikalien in niedrigen Dosen keine schädliche Wirkung feststellen, wobei die Studien keine Positivkontrolle (Tyl et al., 2002), Positivkontrollen mit unzureichende Dosen (Ryan et al., 2009; Tyl et al., 2008), oder wirkungslose Positivkontrollen enthalten (Cagen et al., 1999), ist für Peer Review Journale nicht angebracht (Myers et al., 2009a,b; vom Saal and Welshons, 2006). Solche Studien verletzen die Grundregeln des Studiendesigns.‘

Viele wissenschaftliche Studien stellen nun die Sicherheit von BPA in Frage. Beispielsweise hat eine jüngste Studie darauf hingewiesen, dass BPA möglicherweise zu Stoffwechselstörungen führt, welche die Zucker-Homöostase betreffen und legt nahe, dass BPA ein Risikofaktor für Diabetes darstellen könnte (Alonso-Magdalena et al., 2010). Darüber hinaus ergaben Versuche an der Yale University, dass BPA die normale Entwicklung stören könnte (Bromer et al., 2010), und Doherty et al. (2010) von der Yale University haben eine Studie veröffentlicht, die wegen der epigenetischen Wirkung von BPA auf die Steuerung der Brustdrüsen Anlass zur Sorge gibt, dass möglicherweise ein Risiko für Brustkrebs besteht. Das Auftreten von Endometriose kann ebenfalls befürchtet werden, da die Arbeit von Signorile et al (2010) darauf hindeutet, dass eine pränatale Belastung von Mäusen mit Bisphenol-A bei den weiblichen Nachkommen eine mit Endometriose vergleichbare Reaktion hervorruft.

Darum sind wir der Auffassung, dass jede objektive und gründliche Prüfung der wissenschaftlichen Literatur zu dem Schluss führen wird, dass Maßnahmen notwendig sind, um die BPA-Belastung zu reduzieren, insbesondere für Gruppen mit dem höchsten Risiko, nämlich Kleinkinder und Schwangere.

Es gibt immer mehr Länder, die entweder bereits dabei sind, solche Maßnahmen zu ergreifen, oder die signalisiert haben, dass sie bald ähnliche Maßnahmen einleiten werden.

Wir teilen die Bedenken dieser Regierungen und Behörden und glauben, dass ein Reduzieren der BPA-Belastung für diese Gruppen gleichermaßen wissenschaftlich gut begründet, wie das Beste für die öffentliche Gesundheit ist.

Deshalb bitten wir Sie als Vorsitzender des CEF-Gremiums und die Mitglieder des CEF-Komitees, für die aktuelle Prüfung alle relevanten Studien einschließlich Biomonitoring-Studien zu berücksichtigen, und wir kommen aufgrund dieser Belege zu dem Ergebnis, dass es ein starkes wissenschaftliches Mandat zum Handeln gibt.

Mit freundlichen Grüßen,

  • Benson Akingbemi, Associate Professor, Department of Anatomy, Physiology and Pharmacology, Auburn University, Auburn, USA.
  • Prof. Dr. Ibrahim Chahoud, Institute of Clinical Pharmacology and Toxicology, Dept. of Toxicology, Charité – Universitätsmedizin Berlin
  • André Cicolella, Dipl Eng chemist-toxicologist.
  • Prof. Patricia Hunt, Meyer Distinguished Professor, School of Molecular Biosciences, Washington State University
  • Prof. Maricel V. Maffini. Ph.D. Research Assistant Professor. Department of Anatomy and Cellular Biology, Tufts University School of Medicine
  • Jane Muncke, Ph.D, Environmental Toxicologist, Emhart Glass SA, Switzerland.
  • John Peterson Myers, Ph.D., Chief Scientist, Environmental Health Sciences, Charlottesville VA.
  • Angel Nadal, PhD, Professor of Physiology, Instituto de Bioingeniería and CIBERDEM, Universidad Miguel Hernández de Elche, Spain.
  • Dr John Newby, Medical Information Scientist for the Cancer Prevention Society and Former Member of the Developmental Toxico-Pathology Research Group, Department of Human Anatomy & Cell Biology, Faculty of Medicine, University of Liverpool.
  • Prof. Jörg Oehlmann, Goethe University Frankfurt am Main, Institute for Ecology, Evolution and Diversity.
  • Prof. Gail S. Prins, PhD, Professor of Physiology, Department of Urology, University of Illinois at Chicago.
  • Prof. Fredrick vom Saal, Curators Professor of Biological Sciences, University of Missouri-Columbia.
  • Prof. Pietro Giulio Signorile, President of the Italian Endometriosis Foundation.
  • Prof. Ana M Soto, MD, Department of Anatomy and Cell Biology, Tufts University, School of Medicine.
  • Prof. Hugh S. Taylor, M.D., Professor of Molecular, Cellular and Developmental Biology, Department of Obstetrics, Gynecology and Reproductive Sciences, Yale University.
  • Laura N. Vandenberg, PhD, Postdoctoral Fellow, Center for Regenerative and Developmental Biology, Tufts University.
  • Prof. Cheryl S. Watson, PhD, Professor, Biochemistry & Molecular Biology Dept. University of Texas, Medical Branch, Galveston.
  • Prof. Andrew Watterson, Occupational and Environmental Health Research Group, University of Stirling.
  • Prof. R. Thomas Zoeller, Biology Department, Morrill Science Center, University of Massachusetts.

  • Action for Breast Cancer, Malta
  • Alliance for Cancer Prevention, UK
  • Arnika, Czech Republic
  • Association for Environmental and Chronic Toxic Injury, Italy
  • Austrian section of ISDE (International Society of Doctors for the Environment), Austria
  • Breast Cancer Fund, USA
  • Breast Cancer UK, UK
  • BUND / Friends of the Earth Germany, Germany
  • Cancer Prevention and Education Society, UK
  • ChemSec – International Chemical Secretariat, International
  • CHEM Trust, UK
  • Chemical Sensitivity Network, Germany
  • Clean Air Action Group, Hungary
  • Comité pour le Développement Durable en Santé, France
  • Danish Consumer Council, Denmark
  • The Danish Ecological Council, Denmark
  • Eco-Accord Program on Chemical Safety, Eastern Europe, Caucasus and Central Asia
  • EcoAid, Germany
  • Ecologistas en Acción, Spain
  • Environmental Health Fund, USA
  • Environment Illinois, USA
  • European Environmental Bureau, EU
  • Finnish Association for Nature Conservation, Finland
  • Friends of the Earth Spain, Spain
  • Global 2000 / Friends of the Earth Austria, Austria
  • Health and Environmental Network, Europe
  • Health Care Without Harm, International
  • Indiana Toxics Action, USA
  • Instituto Sindical de Trabajo Ambiente y Salud, Spain
  • The Irish Doctors‘ Environmental Association, Ireland
  • Italian Endometriosis Foundation, Italy
  • Plastic Planet, Austria
  • Rachel’s Friends Breast Cancer Coalition, USA
  • Réseau Environnement Santé, France
  • Society for Sustainable Living, Czech Republic
  • Unison, UK
  • VHUE e.V., Germany
  • Women in Europe for a Common Future, Europe
  • Women’s Environmental Network, Scotland
  • Women’s Voices for the Earth, USA
  • WWF European Policy Office, Europe

Referenzen

Übersetzung: BrunO für CSN-Chemical Sensitivity Network