Archiv der Kategorie ‘Wissenschaft‘

Babyschnuller sind Bisphenol-A-belastet. Hormonell wirksame Chemikalien in Kinderartikeln gehören verboten

Viele Baby Schnuller mit Chemikalien belastet

Viele Babyschnuller sind mit hormonell wirksamen Chemikalien belastet. In allen zehn durch ein Testlabor im Auftrag des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) untersuchten Schnullern wurde Bisphenol A gefunden. Diese Substanz steht im Verdacht, Unfruchtbarkeit, Schädigungen der Gehirnentwicklung und Brustkrebs hervorzurufen. „Säuglinge und Kleinkinder reagieren besonders emp­findlich auf hormonartige Schadstoffe wie Bisphenol A“, sagte Professor Ibrahim Chahoud, Toxikologe an der Berliner Universitätsklinik Charité. „Hormone spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Organen. Ist der Körper künstlichen hormonähnlichen Stoffen ausgesetzt, können diese das empfindliche Gleichgewicht der natürlichen Hormone stören.“

Die höchsten Konzentrationen an Bisphenol A wurden in den Kunststoffschildchen gefunden, die den eigentlichen Schnullersauger halten. Die Kunststoffschildchen bestanden mit einer Ausnahme aus Polycarbonat, bei dessen Herstellung Bisphenol A eingesetzt wird. In den Schildchen aus Polycarbonat zeigten sich in den Untersuchungen Konzentrationen zwischen 200 und fast 2300 Milligramm pro Kilogramm.

Auch in den Saugteilen der Latex-Schnuller von Baby-smile, Dentistar, Babylove und NUK, sowie bei einem der sechs untersuchten Silikon-Schnuller (von AVENT) lagen die Analysewerte zwischen 80 und 400 Milligramm pro Kilogramm. Eine mögliche Erklärung wäre, dass Bisphenol A aus den Hartkunststoff-Schildchen in den weichen Saugteil diffundiert. Dafür spricht die hohe Mobilität von Bisphenol A sowie die Tatsache, dass in fast allen Schnullern mit hohen Konzentrationen der Chemikalie in den Saugern noch höhere Konzentrationen in den Kunststoffschildchen gefunden wurden. Angesichts der hohen Mengen lässt sich auch nicht ausschließen, dass Bisphenol A bereits den Ausgangsmaterialien beigemengt wurde. So fanden sich in den meisten Silikonfabrikaten im Vergleich zu den Latexfabrikaten geringere Mengen der Chemikalie. Die deshalb durchgeführten Vergleichsuntersuchungen des stark belasteten Silikon-Saugers der Marke AVENT deuten darauf hin, dass hier Bisphenol A bereits im Ausgangsmaterial vorhanden war. Die hohen Werte bestätigten sich in zwei Fällen, in einer dritten Probe aus einer anderen Charge wurde kein Bisphenol A nachgewiesen.

Die Hersteller wurden vom BUND noch vor Vorliegen der Einzelergebnisse in schriftlicher Form befragt, ob und in welcher Weise Bisphenol A im Produktionsprozess eingesetzt wird und wie gewährleistet wird, dass keine hormonell wirksamen Chemikalien in ihren Schnullern vorhanden sind. Mehrere Hersteller gaben an, ausschließen zu können, dass Bisphenol A im Saugteil ihrer Schnuller vorhanden ist, obwohl die BUND-Untersuchungen dies nun in Frage stellen. Einige Hersteller räumten jedoch ein, dass die Kunststoffschildchen aus Polycarbonat bestehen und daher Bisphenol A enthalten.

Patricia Cameron, BUND-Chemieexpertin: „Wir sind schockiert, dass ausgerechnet Babyschnuller mit Bisphenol A belastet sind. Die Hersteller müssen nun klären, wie die Chemikalie in die Sauger und in die Schnuller gelangen konnte.“

Der BUND forderte die Schnullerhersteller auf, bei der Produktion der Kunststoffschilde auf Polycarbonat zu verzichten. „Es ist bekannt, dass Kinder gern alles in den Mund nehmen, das gilt auch für den ganzen Schnuller. Außerdem steht das Kunststoffschildchen beim Saugen in ständiger Berührung mit den Lippen des Kindes. In diesem sensiblen Anwendungsbereich haben hormonell wirksame Schadstoffe nichts verloren. Wir erwarten von den Firmen, dass sie ihre Produktion umstellen und künftig auf Bisphenol A verzichten“, sagte Cameron. Der BUND forderte von den Herstellern außerdem aufzuklären, wie Bisphenol A in die Sauger gelangen konnte sowie Maßnahmen, die sicherstellen, dass die Sauger zukünftig frei von Bisphenol A sind.

Handeln müssten auch die Behörden. Nicht nur für Schnuller und Babyflaschen, sondern für alle Kleinkinderartikel und für Produkte, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, forderte der BUND ein Verbot von Bisphenol A und anderer hormonartig wirksamer Chemikalien.

Die BUND-Hintergrundmaterialien mit allen Testergebnissen finden Sie im Internet unter: www.bund.net/bisphenol-a

BUND Pressemitteilung vom 1. Oktober 2009

Fotos der untersuchten Babyschnuller: BUND

Weiterer interessanter Artikel zum Thema:

US Hersteller nehmen toxische Babyflaschen vom Markt – Verkauf nach Europa geht weiter

Der Krankheitsbegriff MCS und das darin störende C für Chemikalien

Das C im Krankheitsbegriff MCS stresst so manchen

Wissenschaftliche Studien beweisen, dass MCS durch folgende Chemikalien ausgelöst wird:

Organophosphate (OP) und Carbamate, Lösemittel (VOC), Pyrethroide, Chlodane, Lindan, Dieldrin, Aldrin, Kohlenmonoxid, Schwefelwasserstoff und Quecksilber. Pall zitiert in seinem Buch von 2007 vierundzwanzig solcher Studien und Claudia Miller zitiert weitere zwölf Studien. Im neuen Pall-Paper von 2009 werden sogar noch weitere Studien aufgeführt.

UBA: in einer nano-Sendung zu MCS sagt ein Vertreter des UBA, das „C“ habe sich „nicht erwiesen“. Diese Aussage ist nicht kommentierbar. Allerdings muss doch gefragt werden, wie weit man sich international noch blamieren will.

MCS und die Biochemie

Die, die immer schon alles im Voraus wissen, haben eingewandt, dass so viele so unterschiedliche Substanzen mit so unterschiedlichen Wirkweisen nicht das gleiche Krankheitsbild erzeugen könnten. Dies sei unplausibel.

Pall hat jedoch genau das biochemisch nachgewiesen: alle diese Substanzen erzeugen – eigentlich als Nebenwirkung – eine Aktivierung des NMDA-Rezeptors und zwar auf verschiedenen Wegen. Dieser ist nun in der Lage, die NO-Produktion zu erhöhen. Das führt im Weiteren zur Erhöhung der Peroxinitrite (ONOO-). Ab einer bestimmten Schwelle entwickelt sich dies zum Selbstläufer. Es entwickelt sich der NO/ONOO-Zyklus, der nicht zurückgeht.

Chronifizierung erfolgt zwangsläufig

Das ist die Erklärung für die Chronifizierung aller Multisystemerkrankungen (CFS, FM, …). Die Spezialität von MCS ist der Einstieg über den NMDA-Rezeptor. Von dort aus die Symptome zu erklären, ist vergleichsweise leicht:

der NO/ONOO-Zyklus setzt systemische Entzündungsprozesse in Gang. Sie nehmen den Zellen die Energie (Mitochondriopathie). Diese reagieren dann auch auf den geringsten Stress.

MCS ist wissenschaftlich nachvollziehbar

MCS und die anderen MSE-Erkankungen müssen demzufolge auch wissenschaftlich als ausreichend aufgeklärt gelten. Darüber wissen wir mehr, als über M. Parkinson, M. Alzheimer oder MS.

Diejenigen, die immer wieder betonen, sie hätten keine wissenschaftlich erhärteten Ergebnisse in Sachen MCS gefunden, darf man ruhig glauben. Wer im dunklen Keller mit verbundenen Augen Kohlen sortiert, wird nie seine Liebe zur Astronomie entdecken. Diese Leute wird es immer geben. Es ist eher zu fragen, was von einer Nation zu halten ist, in der systematisches Dummstellen zu Ruhm und Ehren führt, ja dieses sogar als wissenschaftliche Forschung honoriert wird.

Thema im nächsten Blog: MCS und Gene

Autor: Dr. Tino Merz, CSN- Chemical Sensitivity Network, 28. September 2009

Weiterführende Informationen:

Erforschung genetischer Faktoren bei Chemikalien-Sensitivität, Chronic Fatigue und Asthma im Tierversuch

Tierversuch zur Erfoschung von Chemikalien-Sensitivität, Chronic Fatique und Asthma

Aufschluss über zugrundeliegende Mechanismen bei Chemical Sensitivity, Chronic Fatique und Asthma durch kontrollierte Tierversuch-Studie

Der Umstand, dass manche Menschen eine Chemikalien-Intoleranz entwickeln, wenn sie Chemikalien in ihrer Umwelt ausgesetzt sind und andere nicht, wirft die Möglichkeit auf, dass genetische Faktoren zur Entwicklung dieser Krankheit beitragen können. Wissenschaftler der University of North Carolina untersuchten diese Möglichkeit mittels kontrollierten Tierversuchs.

Genetisches Tiermodell soll Aufschluss bieten

Die amerikanischen Wissenschaftler fassten für ihre Studie Beweise aus einem genetischen Tiermodell zusammen, das auf cholinerger Hypersensitivität beruht. Dieses Modell schlägt ein abnormes cholinerges System als einen der prädisponierenden genetischen Faktoren vor.

Erhöhte Sensitivität auf Organophosphat-Pestizide

Für ihre Studie wählte das Wissenschaftlerteam speziell gezüchtete Ratten aus, die ganz besondere Merkmale ausweisen. Flinders Sensitive Line (FSL) Ratten bestehen aus Tieren, die durch selektives Züchten etabliert wurden. Die Linie hat eine erhöhte Sensitivität gegenüber Organophosphat-Pestiziden. Durch diese erhöhte Sensitivität der FSL Ratten gegenüber Organophosphaten wurde nachträglich herausgefunden, dass diese speziellen Ratten auch gegenüber direkt wirkenden muskarinischen Agonisten sensibler als herkömmliche Ratten sind. Sie weisen zusätzlich vermehrte Muskarinrezeptoren (auf Acetylcholin ansprechende Rezeptoren) auf, im Vergleich zu selektiv gezüchteten Parallelgruppen, den Ratten der Flinders Resistant Line (FRL) oder wahllos gezüchteten Kontrollratten.

Hypersensitivität – bei Ratten und bei Menschen zu beobachten

Verstärkte Sensitivität gegenüber cholinergen Substanzen wurde ebenfalls bei Menschen in verschiedenen Bevölkerungsteilen festgestellt, einschließlich bei Personen, die unter Chemikalien-Intoleranz leiden. In der Tat weisen FSL Ratten gewisse Verhaltenscharakteristiken in Bezug auf unnormalen Schlaf, Aktivität und Appetit auf, die ebenfalls bei Menschen aus diesen Bevölkerungsteilen in ähnlicher Weise berichtet werden. Ergänzend wurde über die FSL Ratten berichtet, dass sie eine verstärkte Sensitivität gegenüber einer Vielfalt anderer chemischer Substanzen aufweisen.

Bestimmte Bereiche des Körpers sind empfindlicher

Periphere Gewebe, wie die Darmmuskulatur und die weichen Muskelgewebe der Atemwege, scheinen sensibler gegenüber cholinergen Agonisten, als auch einem Antigen, dem Ovalbumin, zu sein.

Nach Exposition Untertemperatur als Reaktion

Untertemperatur, eine zentral gesteuerte Reaktion, ist bei FSL Ratten nach Nikotin und Alkohol stärker ausgeprägt. Auch bei anderen Substanzen, die selektiv für die dopaminergen und serotoninergen Systeme wirken, ist Untertemperatur eine stärker ausgeprägte Reaktion.

Multiple Mechanismen beteiligt

In einigen Fällen wurde bei den Versuchstieren eine verstärkte Sensitivität in Abwesenheit irgendwelcher Veränderungen bei den Rezeptoren, mit denen Medikamente interagieren (Dopamin-Rezeptoren), festgestellt, während Veränderungen bei den Rezeptoren bei anderen Fällen beobachtet wurden (Nikotinischer Rezeptor). Folglich müssen bei der zugrunde liegenden multiplen Chemikalien-Sensitivität / Chemikalien-Intoleranz der FSL Ratten multiple Mechanismen vorhanden sein. Eine Aufklärung dieser weiteren Mechanismen könnte wertvolle Schlüssel liefern insbesondere für solche Menschen, die von Chemikalien-Sensitivität / Chemikalien-Intoleranz betroffen sind.

Autor:

Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 27. September 2009

Literatur:

Overstreet DH, Djuric V., A genetic rat model of cholinergic hypersensitivity: implications for chemical intolerance, chronic fatigue, and asthma, University of North Carolina, Ann N Y Acad Sci. 2001 Mar;933:92-102.

Weitere interessante Blogs zum Thema:

Umweltmedizin: Der Erlanger Fake

Erlanger Fake

Wie im letzten Blog gezeigt, hätte die Psychodebatte gar nicht stattfinden dürfen, wenn es nach dem anerkannten Stand der Wissenschaft (auf WHO-Level) gegangen wäre.

Wie ist sie nun eingeführt worden? Grundlage für den „Ökochonder“ (erfunden in der Ärztezeitung, vom Spiegel verbreitet) war die sog. Erlanger Studie (1995). Es wurden 90 Patienten untersucht und verlautbart, man habe keinen Umweltbezug finden können, aber psychische Auffälligkeiten. Wissenschaftlich ist seit 1985 bekannt, dass neurotoxische Stoffe psychische Funktionsstörungen hervorrufen und Singer stellte 1990 heraus, dass dies Frühsymptome sind. Die psychischen Auffälligkeiten waren demnach der Umweltbezug. Dass man solche finden würde, war im Voraus zu erwarten. Man hat einfach die Ursache uminterpretiert. Das praktische am Erlanger Fake ist, dass er in anderen Studien wiederholt werden kann. Das Ergebnis ist garantiert.

Es sei noch angemerkt, dass die Struktur der psychischen Störungen anders ist als bei psychiatrischen Erkrankungen. Dies ist in der RKI-Studie nachlesbar (S. 170 ff) und auch die gängige Erfahrung von Patienten, die sich einer psychiatrischen Untersuchung gestellt haben. Vielen wurde gesagt: „Sie haben psychische Probleme, die aber nicht psychiatrisch therapierbar sind“. Dies zeigt, dass eine gründliche psychiatrische Untersuchung stets zutage bringt, was seit über 20 Jahren wissenschaftlich bekannt ist.

Es sei schließlich darauf hingewiesen, das der Arbeitskreis MCS der DEGAUM (Deut. Ges. f. Arbeits- und Umweltmedizin) 2002 publiziert hat, dass MCS eine schwere organische Erkrankung ist und Psychotherapie allenfalls stützenden Charakter haben kann (weiteres: Strategiepapier). Leider werden solche Eingeständnisse von der Patientenszene nicht genutzt und so der Weg geebnet, dass derartige Fortschritte auch wieder zurückgenommen werden, was 2005 erfolgte.

Wären die wissenschaftlich entscheidenden Tatsachen bei den Betroffenen bekannt, wären solche Revisionen nicht möglich.

Im nächsten Blog: die wissenschaftlichen Beweise dafür, dass MCS durch Lösemittel, Organophosphate, Carbamate, Pyrethroide, einige chlororganische Pestizide, Kohlenmonoxid, Schwefelwasserstoff und Quecksilber erzeugt wird.

Autor: Dr. Tino Merz, Sachverständiger für Umweltfragen für CSN – Chemical Sensitivity Network, 8. September 2009

Teil 1: Gezielte Propaganda gegen MCS zur Täuschung der Rechtspflege über den Stand der Wissenschaft

Weiterführende Informationen:

Gezielte Propaganda gegen MCS zur Täuschung der Rechtspflege über den Stand der Wissenschaft

Umweltkrankheiten, MCS - Man ist bewusst vom Kurs abgekommen

Bei MCS fällt regelmäßig die Klappe „Psycho“ oder „unklare Genese“. Dahinter steht die Vorstellung, MCS sei die Bezeichnung für ein Phänomen, das auf voreiligen, wissenschaftlich nicht fassbaren Mutmaßungen basiert.

Lancierte Propaganda

Dies ist das Ergebnis gezielter unfairer Propaganda, die hochprofessionell, effektiv und erfolgreich lanciert wurde, so erfolgreich, dass auch etliche Selbsthilfegruppen darauf hereinfallen – dazu ein typischer Text:

In Deutschland sind besonders AkademikerInnen (also ÄrztInnen, JuristInnen,. WissenschaftlerInnen, PsychologInnen, PädagogInnen, JournalistInnen,… ziemlich wissenschaftsgläubig, obwohl gerade sie wissen müssten, wie interessensgeleitet ein Teil der Wissenschaft ist. Sie vertrauen in vielen Beireichen, die etwas entfernter zu ihrem eigenen Fachbereich sind, der Sicht, bzw. dem sog. Stand der Wissenschaft.

Wer so schreibt, glaubt die Propaganda.

Tatsache: MCS ist gut erforscht

Tatsache ist, dass MCS wissenschaftlich gut erforscht ist und dass es auch wissenschaftlich auf höchster Ebene anerkannt ist.

Dazu werden im Blog fortlaufend Beweise präsentiert. Wer die Spannung nicht aushält, es gibt ein Basispapier: Das Strategiepapier MCS

1. Beweis:

Nach der „International Classification of Diseases“ der WHO, 10 Auflage (1990), ICD-10, im Gebrauch seit 1994, hat MCS die Klassifikation T78.4. S00 bis T99 ist der Bereich „Vergiftungen, Verletzungen andere äußere Ursachen“, T78.4 steht für „Allergien, Überempfindlichkeiten“. Psychische Erkrankungen haben in den ICD die Kategorie F.

Dazu gibt es auch gültige Diagnosekriterien, die es jedem Arzt erlauben, eine begründetet Diagnose zu erstellen (siehe Ärzteinformation)

Stand der Wissenschaft – Künstliche Psychodebatte

Die Psychodebatte, die es seit 1995 in Deutschland gibt, hätte demzufolge gar nicht stattfinden dürfen, wenn es nach dem „Stand der Wissenschaft“ gegangen wäre.

Laien, aber auch etlichen umweltmedizinischen Gutachtern, sei gesagt, dass der „Stand der Wissenschaft“ ein Rechtsbegriff ist. Die Wissenschaft kümmert das nicht, die machen eben Wissenschaft. Für den Juristen aber ist das die alles entscheidende Größe: der gesicherte Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis ist bei allen Gutachten zu beachten und ist letztlich rechtsverbindlich. D. h. auch in rechtlicher Hinsicht ist die Psychodebatte abwegig, überspitzt ausgedrückt rechtswidrig.

Dass es in der rechtlichen Praxis gerade andersherum läuft, liegt daran, dass die einen den Stand der Wissenschaft ignorieren, und die anderen den Stand der Wissenschaft mit dem wissenschaftlichen Diskurs verwechseln, d. h. aus Unkenntnis der rechtlichen Anforderungen an ein Gutachten, das Entscheidende Herauslassen und den Eindruck erwecken, als sei die Wissenschaft noch nicht soweit, dass rechtlich brauchbare Ergebnisse abgeleitet werden könnten. Das ist ein tödlicher gutachterlicher Fehler, und so wird ein Verfahren nach dem anderen verloren.

Autor: Dr. Tino Merz, Sachverständiger für Umweltfragen für CSN – Chemical Sensitivity Network, 8. September 2009

Weiterführende Informationen: www.dr-merz.com

Weitere Beweise demnächst in weiteren Blogs.

Als Nächstes: Der Erlanger Fake, die Urform der Täuschung der Öffentlichkeit.

MCS – Psychotherapie und Psychiatrisierung

Künstliche Verwirrung über MCS lenkt von Ursachen ab

Jerome Frank kam zu dem Schluss (vgl. den letzten Beitrag), dass die drei genannten Punkte – Status des Heilers, emotionale Erregung und Verhaltensanweisungen – in allen Formen interpersoneller Einflussnahme und der Entwicklung von Überzeugungen eine Rolle spielen. Sie haben sich in Laborsituationen als bemerkenswert mächtig erwiesen und finden sich in vielen Formen sozialer Propaganda. Entsprechend kritisch sollte damit umgegangen werden.

Man bedenke

Um möglichen negativen Einflüssen im Zusammenhang mit einer geplanten Psychotherapie zu begegnen, sollte man nach Ansicht von McHugh überprüfen, ob die Autorität, die man akzeptieren soll, tatsächlich ein Experte auf dem jeweiligen Gebiet ist (dies aus seiner Perspektive auf das „Multiple-Personality Disorder“-Phänomen gesagt).

Zweitens sollte man sich fragen, ob der Betreffende aus der eigenen Kooperation einen Vorteil zieht.

  • Erhalten die jeweiligen Experten durch ihre spezifische Tätigkeit einen finanziellen Gewinn, z.B. indem sie eine Einrichtung aufbauen, eine Kirche oder eine Gefolgschaft für ihre Ansichten gewinnen?
  • Werden sie durch äußere Umstände unter Druck gesetzt, wie z.B. fiskalischer, institutioneller oder juristischer Art, um ihre Ideen zu verbreiten?
  • Erwähnen sie diese Hintergründe, wenn man Widerstand zeigt?

Jeder, der eine Psychotherapie in Erwägung zieht, sollte sie als eine Form von Einflussnahme betrachten und den Therapeuten sorgfältig auswählen. ([1], S. 214)

Im konkreten Fall von MCS könnte man vielleicht noch einige weitere Fragen allgemeinerer Art hinzufügen:

  • Was würde der Therapeut verlieren, wenn er/sie MCS nicht als psychogen betrachten und eine solche Position auch öffentlich einnehmen würde? Würde sein Ansehen leiden, etwa gegenüber seinen Kollegen?
  • Gibt es innere Konflikte etwa in Hinsicht auf internalisierte Autoritätsfiguren wie frühere akademische Lehrer oder Vorbilder?
  • Hätte er/sie Angst inkonsistent zu erscheinen, weil er sich früher mal anders geäußert hat?
  • Wäre die Universitätskarriere bedroht?
  • Wäre der Zugang zu Forschungsgeldern beeinträchtigt? Bedeutet es zusätzlichen lästigen Aufwand für Weiterbildung ohne damit verbundenen finanziellen Gewinn?
  • Ärger mit Standesverbänden oder Behörden?
  • Oder Frust über damit verbundene schlecht bezahlte Zusatzarbeiten wie unbequeme Gutachten, die anschließend sowieso ignoriert werden, und andere Unannehmlichkeiten durch Schikanen von Gerichten oder Kassenärztlichen Vereinigungen?

Belege für „Heilung“ bei MCS durch Psychotherapie?

Wie früher gezeigt, ist bei den bei MCS-Kranken diagnostizierten angeblichen psychiatrischen Erkrankungen bei allen Psychotherapieformen nach den vorliegenden einschlägigen Untersuchungen i.a. nicht mit einer nennenswert über dem Placeboeffekt bzw. der im Falle einer psychischen Ursache zu erwartenden Spontanremissionsquote liegendem „Behandlungserfolg“ zu rechnen.

Auch gibt es keine systematischen Berichte über Erfolge von Psychotherapie bei MCS-Kranken im Sinne einer Heilung (Suggestionseffekte mögen hier und da eine Verringerung von Symptomen oder deren Wahrnehmung bewirken. Wie im letzten Beitrag gezeigt wurde, überwiegen statistisch jedoch die Nachteile). Dies und das Fehlen von nennenswerter Spontanremission spricht an sich schon gegen die These einer psychischen Verursachung.

Nach McHugh und Slavney ([2], S.232) besteht der einzige überzeugende Beweis für das Bestehen einer hysterischen Erkrankung (ältere Bezeichnung für somatoforme Störung) in der Beseitigung ihrer Anzeichen durch psychosoziale Maßnahmen oder Gegensuggestion. Diesen Beweis ist die Psychiatrie bislang schuldig geblieben.

Bei hysterischen Erkrankungen ist es oft sehr effektiv, die symptombezogenen Verhaltensweisen der Patienten einfach zu ignorieren. [1] Dies wird auch von zahlreichen Ärzten empfohlen. Da MCS-Kranke mit ihren Problemen aber praktisch durchweg von jedermann ignoriert werden, sollte man bei Vorliegen einer solchen Erkrankung eigentlich mit einer schnellen Besserung bei den Betroffenen rechnen. Die Realität ist (leider) eine andere. Bisher ist jedenfalls noch niemand bekannt geworden, der durch seine derartigen (bei Hysterie ja doch gewiss „therapeutischen“) Lebensumstände wie Verlust von Arbeit, Familie, Freunden, ärztlicher Unterstützung etc. „geheilt“ worden wäre.

Insbesondere psychodynamische und existentielle Therapien behandeln nicht „Symptome“, sondern den ganzen Menschen. Daher wäre, sollte MCS eine psychische Erkrankung sein, systematisch bei einem gewissen signifikanten Anteil der MCS-Kranken, die eine Psychotherapie machen, auch mit einer Heilung zu rechnen. Dies ist jedenfalls aufgrund der immer wieder gefundenen Wirksamkeit von Psychotherapien unabhängig von der verwandten Methode (vgl. frühere Beiträge) zu erwarten. Und zwar auch, wenn eine „Heilung“ gar nicht das Ziel war (keine Symptombehandlung s.o.). Auch dies steht jedoch im Widerspruch zur Erfahrung.

Psychotherapie als Unterstützung sinnvoll

Sinn kann Psychotherapie jedoch als unterstützende Maßnahme für die Betroffenen machen. Denn deren „natürliche“ aus dem individuellen sozialen Netzwerk stammende Unterstützung ist aufgrund ihrer Erkrankung und der damit häufig verbundenen sozialen Isolation und Ablehnung oft verloren gegangen. Natürlich kann eine solche Unterstützungsmöglichkeit auch aus anderen Gründen fehlen oder verloren gegangen sein.

Hier ist nicht mit einer „Heilung“ der MCS zu rechnen, sondern bestenfalls mit einer Verringerung des sekundären seelischen Leids aufgrund von MCS als einer schweren chronischen Krankheit. Es kann dabei nur um eine Hilfe bei der Krankheitsbewältigung gehen.

Symptomreduktion durch Expositionsvermeidung

Demgegenüber bringt eine Expositionsvermeidungsstrategie für die Betroffenen i.a. in kurzer Zeit eine dramatische Verbesserung. Da viele in einer sauberen Umgebung wieder nahezu normal „funktionieren“, könnte so auch eine begrenzte Reintegration in normale gesellschaftliche Zusammenhänge erreicht werden. Insbesondere könnten viele unter geeigneten Bedingungen wieder selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen oder zumindest dazu beitragen. Die Kosten für den Unterhalt und für die weitere medizinische Behandlung würden dadurch minimiert und die Lebensqualität weitgehend wieder hergestellt.

Hierdurch wird auch das Vertrauen der Betroffenen, sich selbst helfen und ihr Leben sinnvoll meistern zu können („self-efficacy“, Selbstwirksamkeitserwartung), gestärkt. Dies gilt als wichtiges Element von erfolgreichen Psychotherapien und hat selbst zusätzliche positive Wirkungen und Folgewirkungen.

Psychiatrisierung schadet

Eine unkritische Verwendung von placeboanalogen Therapien ist dagegen nicht sinnvoll. Beim vorliegen physiologisch begründeter Grundkrankheiten kann dies die Entdeckung und Behandlung derselben verzögern oder sogar ganz verhindern. Und das kann bei den Betroffenen durch eine weitere Verschlechterung ihres Zustands zu großem Schaden führen. Die dafür geopferte Lebenszeit ist zusätzlich vertan.

Auch besteht die Gefahr einer psychologischen Abhängigkeit vom Therapeuten. McHugh [1] berichtet z.B. über das künstliche hervorbringen von Symptomen und das erfolgreiche Suggerieren von deren angeblichen Ursachen (das „Multiple-Personality-Disorder“-Phänomen, Hysterie).

Witthöft [4] fand bei angeblich an IEI („Idiopathic Environmental Intolerance“, womit MCS gemeint ist) Erkrankten eine hohe Suggestibilität („Absorption“). Allerdings fand er, dass „…an IEI leidende Individuen selbst nach der Vermeidung von direktem Kontakt mit den verdächtigten Auslösersubstanzen sich [in ihrem Gesundheitszustand] nicht verbessern…“ („…individuals suffering from IEI do not improve even after avoiding direct contact with suspected trigger substances…“). Das widerspricht aber allen gängigen Definitionen von MCS (und mithin IEI). Möglicherweise waren die angeblich IEI-Kranken einer ärztlichen Suggestion erlegen.

Psychotherapeutische „Heil“-behandlungen, die nicht zu erkennbaren Fortschritten führen, während den Betroffenen eine persönliche kausale Verantwortung suggeriert wird, erhöhen das Gefühl der Hilflosigkeit und der persönlichen Inkompetenz dem eigenen Leben gegenüber und steigern so die Demoralisierung der Betroffenen. Dies kann bekanntermaßen zu physischen Komplikationen und einer weiteren Verschlechterung des Zustands, evtl. sogar mit psychischen Folgeerkrankungen, beitragen. ([3], S. 123)

Die Verhinderung eines möglichst vollständigen Expositionsstops führt außerdem auf Dauer regelmäßig zu einer weiteren Verschlechterung des Zustands.

Und die Moral?

Auch wenn man den gewissermaßen unentschiedenen Standpunkt der veröffentlichten wissenschaftlichen Literatur einnimmt, dass die Ursachen für MCS gegenwärtig nicht geklärt sind und weiterer Forschungsbedarf besteht, was für einen „neutralen“ Beobachter durchaus angemessen ist, dürfte es gemäß der ärztlichen Maxime, zuerst keinen Schaden zuzufügen, moralisch kaum vertretbar sein, in Fragen des Umgangs mit den Betroffenen den Empfehlungen der Psychiatrisierer zu folgen.

Gilt es doch in der Medizin sonst durchweg als unmoralisch bei Erkrankungen, die man nicht ursächlich behandeln kann, symptomlindernde Maßnahmen zu verweigern.

Die teilweise versuchte Zwangstherapierung zwecks „Heilung“ des MCS, Reexpositionsempfehlungen sowie die Empfehlung, die Betroffenen in der Sache möglichst nicht ernst zu nehmen (wenn auch aus „taktischen“ Gründen manchmal nur versteckt), kann vor dem geschilderten Hintergrund im besten Falle nur als unterlassene Hilfeleistung angesehen werden, weniger nachsichtig betrachtet jedoch nur als ärztlicher Kunstfehler, Misshandlung oder Körperverletzung.

Autor: Karlheinz, CSN – Chemical Sensitivity Network, 7. September 2009

Literatur:

[1] McHugh, Paul R., Try to Remember, Dana Press 2008.

[2] McHugh & Slavney (1998). The Perspectives of Psychiatry, Johns Hopkins University Press.

[3] Frank, JB, Frank J. (1991). Persuasion and Healing: a Comparative Study of Psychotherapy, Johns Hopkins University Press.

[4] Witthöft et.al. (2008). Evidence for a Specific Link Between the Personality Trait of Absorption and Idiopathic Environmental Intolerance, Journal of Toxicology and Environmental Health, Part A, 71: 795-802, 2008.

Serie: Psychiatrisierung bei MCS ein Irrweg Teil I – IX

Mechanismus, der erklärt, warum Sauna-Therapie bei MCS, CFS und FMS hilft

Sauna hilft bei MCS - Multiple=

Sauna-Therapie wird seit Jahrzehnten auch in der Umweltmedizin erfolgreich zur Entgiftung eingesetzt. Ein kürzlich in einer medizinischen Fachzeitschrift erschienener Artikel, geschrieben von Prof. Dr. Martin L. Pall, begründet einen ungewöhnlichen Mechanismus für die Wirkungsweise von Sauna-Therapie. (1)

Sauna lässt BH4 ansteigen

Pall argumentiert in seinem Artikel, dass Sauna-Therapie in erster Linie seine Wirkung entfaltet, indem die Verfügbarkeit einer Verbindung namens Tetrahydrobiopterin (BH4) im Körper ansteigt. Von BH4 wird berichtet oder angenommen, dass es bei einer Reihe von medizinischen Gesundheitszuständen vermindert ist, von denen ebenfalls berichtet wird, dass sie positiv auf Saunatherapie reagieren. Dazu gehören Multiple Chemical Sensitivity, Fibromyalgie, Chronic Fatigue Syndrom, erhöhter Blutdruck, vaskuläre endothele Funktionsstörung und Herzversagen. Dieses Wirkungsmuster kann offensichtlich erklärt werden, wenn Saunatherapie die Verfügbarkeit von BH4 im Körper ansteigen lässt.

Weiterer Mechanismus beteiligt

Prof. Pall spricht sich für zwei verschiedene Mechanismen aus, von denen man annimmt, dass durch sie Sauna-Therapie die Verfügbarkeit von BH4 im Körper ansteigen lässt. Beide funktionieren mittels einer Verstärkung der Synthese eines Enzyms, das als GTP Cyclohydrolase I bekannt ist – dem begrenzenden Faktor bei der Biosynthese von BH4. Sauna-Therapie ist dafür bekannt, die Blutzirkulation in den erhitzten äußeren Körperteilen stark zu erhöhen. Der dadurch bedingte Anstieg der vaskulären Scherbeanspruchung führt bekanntermaßen zu einem starken Anstieg der Aktivität der GTP Cyclohydrolase I und folglich von BH4.

Zweiter Mechanismus läuft über Hitzeschockproteine ab

Ein zweiter derartiger Mechanismus wird durch die Aktivität des Hitzeschockproteins Hsp90 vermittelt, einem Protein von man weiß, dass es bei mäßiger Erhitzung von Körpergewebe gebildet wird. Dieses Protein ist funktionell in einen GTP Cyclohydrolase I enthaltenden Komplex von Proteinen einbezogen. Das Hsp90 Protein reduziert den proteolytischen Abbau des GTP Cyclohydrolase I Proteins, was zu einer verstärkten BH4 Synthese führt und es hat sich gezeigt, dass dies wiederum auf die eNOS Stickoxid-Synthase wirkt.

Auch andere Krankheiten sprechen auf Sauna an

Durch den Anstieg in der BH4 Synthese, als Reaktion auf diese beiden Mechanismen, kann erwartet werden, dass dadurch die verschiedenen Körpergewebe mit BH4 beliefert werden, auch die, die nicht direkt durch die Sauna-Therapie beeinflusst werden. Die gesundheitlichen Vorteile von aktivem körperlichem Training können ebenfalls teilweise über die gleichen Mechanismen vermittelt werden. Über eine Anzahl weiterer Krankheiten wird berichtet, dass bei ihnen ebenfalls eine BH4 Verminderung stattfindet. Hierzu gehören Alzheimer, Parkinson, Asthma, Schizophrenie, Bipolar Disorder, pulmonale Hypertonie (Lungenhochdruck) und Typ II Diabetes. Die genannten Krankheiten könnten ebenfalls auf Sauna-Therapie ansprechen.

Sauna-Therapie erhöht die Entgiftungsleistung

Prof. Pall resümiert am Ende seines Artikels, dass für gewöhnlich angenommen wird, dass ein Ansprechen von MCS Fällen auf Sauna-Therapie durch einen Entgiftungsprozess vermittelt wird, der über Ausscheidung funktioniert. Der Wissenschaftler führt an, dass es einige publizierte Belege dafür gibt, dass Sauna-Therapie die Entgiftungsleistung erhöht. Der Haupteinfluss von Sauna-Therapie bei MCS-Fällen und sicherlich auch bei diesen anderen Erkrankungen könnte, so schließt Pall, jedoch sehr gut auf der erhöhten Verfügbarkeit von BH4 beruhen.

Zusammenfassung und Übersetzung: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 20. August 2009

Literatur:

Pall ML. Do sauna therapy and exercise act by raising the availability of tetrahydrobiopterin? Med Hypotheses. 2009 Jul 4.

Effektstärken von Psychotherapie und Expositionsvermeidung bei MCS

Psychologin und Patient

Wie man im letzten Beitrag dieser Reihe sehen konnte (Interpretation 3a), profitiert etwa ein Drittel der Teilnehmer von einer Psychotherapie. Zwei Drittel erholen sich ohne eine derartige Maßnahme genau so gut. Sie profitieren hierbei von der Unterstützung, die sie aus ihren sozialen Netzwerken sowie von sonstigen mutmaßlich kompetenten Helfern und Heilern erfahren, wie in einem weiteren Beitrag ausgeführt werden wird.

Da MCS-Kranke durch ihre Erkrankung oft in besonderem Maße ihres angestammten sozialen Netzwerks beraubt werden, sollte eine Psychotherapie hier theoretisch überdurchschnittlich häufig nützlich sein, wenn man in eine psychische Krise gerät, ob nun krankheitsbedingt oder nicht. Das setzt allerdings die Verfügbarkeit eines mit MCS vertrauten Psychotherapeuten und verträgliche Räumlichkeiten voraus. Pamela Reed Gibson gibt in ihrem Buch [1] einige Ratschläge dazu, wovon ebenfalls später noch berichtet werden soll.

Zunächst soll jedoch versucht werden, vorhandene Daten über Behandlungserfolge bei MCS zu den geschilderten Ergebnissen für Psychotherapie in Relation zu setzen.

Expositionsvermeidung

Wir erinnern uns noch einmal an die Ergebnisse von Pamela Reed Gibson für die Expositionsvermeidung sowie für Psychotherapie.

Sie fand [2], dass 94,5% der Befragten die Vermeidung von Auslösern ihrer Symptome sehr oder etwas hilfreich fanden. Psychotherapie als Mittel, um MCS zu „heilen“, fanden dagegen nur 20,2% sehr oder etwas hilfreich. Psychotherapie als Hilfe, um mit der Erkrankung besser zurecht zu kommen, fanden 65% sehr oder etwas hilfreich.

Es soll nun versucht werden, hieraus Effektstärken abzuschätzen.

Es gibt hier jedoch ein prinzipielles Problem bei der Abschätzung von Korrelation und Effektstärke anhand einer Kontingenztabelle, und zwar das Fehlen einer „unbehandelten“ Kontrollgruppe in der Studie von Pamela Reed-Gibson. Es wird sich jedoch zeigen, dass eine plausible Abschätzung auch so möglich ist.

Expositionsvermeidung

Für den Fall der Expositionsvermeidung fehlt wie gesagt eine Vergleichsgruppe. Geht man versuchsweise auf das BESD-Schema (vgl. Teil 7 der Reihe) zurück, so müsste die Kontingenztabelle lauten:

Tabelle 8.1

Die eingetragenen Werte für die Kontrollgruppe ergeben sich aus den Festlegungen für das Schema.

Es ist jedoch bekannt, dass es bei MCS praktisch keine Spontanremission gibt. Die sich aus dem Schema ergebenden Werte für die Vergleichsgruppe von 5,5% Erfolg und 94,5% Misserfolg sind also durchaus plausibel.

Man erhält so einen Behandlungseffekt von 89% und eine (korrekte) Effektstärke von 3,2. (mit den gängigen tabellierten Werten erhält man 3,9 (vgl. Teil 7)). Die nächste Graphik zeigt die Verhältnisse. Die gelbe Fläche repräsentiert jeweils erfolgreiche, die blaue nicht erfolgreiche Populationsanteile.

Bild 8.1

Wegen der besseren Anschaulichkeit wurde wieder auf die Verhältnisse bei der NIMH-Studie [5] als Analogon zurückgegriffen. In einem absoluten Sinne haben die angegebenen Werte keine Bedeutung, vermitteln aber vielleicht näherungsweise ein Gefühl für die Bedeutung der Ergebnisse für die Betroffenen.

Für die Kurve zur Expositionsvermeidung (in der Graphik violett) diente wegen der fehlenden Spontanremission der Ausgangszustand vor jeglicher Behandlung als Bezugspunkt (hier schwarz, m=18,9). Durch die fiktive Behandlung mit Expositionsvermeidung verschiebt sich das Zentrum der Kurve nach links zu m= -0,7.

Psychotherapie

Um eine Effektstärke für den Vergleich zwischen

Psychotherapie als Hilfe um mit der Erkrankung besser zurecht zu kommen

und

Psychotherapie als Mittel um MCS zu „heilen“

abzuschätzen, ist es erforderlich, zusätzliche Annahmen über das jeweils angelegte Erfolgskriterium und über ein statistisches Modell zu machen.

Es wird angenommen, dass das Kriterium für beide Gruppen das Gleiche ist und auf einem Messinstrument beruht, dass normalverteilte Ergebnisse mit gleicher Standardabweichung liefert.

Dann erhält man, z.B. aus den einschlägigen Tabellen für „z“ , bezogen auf die Lage des Kriteriums für

Psychotherapie als Hilfe um mit der Erkrankung besser zurecht zu kommen einen z-Wert (entspricht hier praktisch „d“ relativ zum Kriterium) von z1 = 0,385

und für

Psychotherapie als Mittel um MCS zu „heilen“ ist z2 = -0,835.

Daraus folgt dann eine Effektstärke „d“ von d = z1 – z2 = 1,22.

In der NIMH-Studienanalogie ergibt das bei Heranziehung der synthetischen unbehandelten Gruppe als Vergleichsgruppe für Psychotherapie als Hilfe, um mit der Erkrankung besser zurecht zu kommen einen Punktewert von 9,4 und für Psychotherapie als Mittel, um MCS zu „heilen“ einen Punktewert von 16,4. Das Erfolgskriterium stimmt dabei mit dem Mittelwert für die unbehandelte Gruppe von 11,6 Punkten überein. Die nachfolgenden Graphiken zeigen die Verhältnisse. Die gelben Flächen repräsentieren jeweils den Anteil der nach dem Kriterium als „erfolgreich“ klassifizierten Populationsanteile. Die blauen Flächen die „nicht erfolgreichen“.

Bild 8.2 Bild 8.3

Psychotherapie zwecks Hilfe zur Krankheitsbewältigung (orange) verschiebt die „unbehandelt“-Kurve (oben grün) zu einem Mittelwert von m=9,4. Das ist etwa so gut wie die Placebogruppe der NIMH-Studie (m=8,8). Die Interpersonale Therapie erreichte nach der Behandlung einen HRSD-Punktewert von 6,9.

Dass hier nicht die Bestwerte von etwa 7 Punkten erreicht werden (soweit man die Analogie ernst nehmen möchte) ist leicht verständlich, wenn die MCS als Grunderkrankung und Ursache eines Teils des seelischen Leids bestehen bleibt, während die Psychotherapie nur auf hierzu sekundäre und sonstige Komponenten des seelischen Leids Auswirkungen hat.

In der BESD-Interpretation

Die (korrekte) BESD-Interpretation ([3], vgl. Teile 6 u. 7) führt zu folgender Kontingenztabelle:

Tabelle 8.2

Die graphische Darstellung dieser Interpretation sieht folgendermaßen aus:

Bild 8.4

Der (korrekte) relative Behandlungseffekt für

Psychotherapie als Hilfe um mit der Erkrankung besser zurecht zu kommen

im Vergleich zu

Psychotherapie als Mittel um MCS zu „heilen“

liegt bei dieser Interpretation damit bei 72,9%-27,1%= 45,8%. Nach den üblichen Tabellen (vgl. Teil 7) erhält man einen Behandlungseffekt von 52%.

Zum Vergleich: die Werte für Psychotherapie gegenüber unbehandelt waren 31,8% bzw. 38% (s. Teil 7).

Fazit

Um via Quantifizierung zu einer Vergleichbarkeit zu kommen, bedient sich die psychologische Forschung zahlreicher „Messinstrumente“ wie z.B. Intelligenz- oder Persönlichkeitstests. Jede quantitativ arbeitende Studie greift auf derartige Instrumente oder ad hoc formulierter Kriterien, die sich statistisch quantitativ auswerten lassen, zurück, um die Haltbarkeit der jeweils untersuchten Hypothesen zu beurteilen.

In den Verhaltenswissenschaften bleibt die Validität derartiger Ergebnisse in Abhängigkeit von der Validität der Messinstrumente immer mehr oder weniger in der Schwebe. Denn die numerischen Werte korrespondieren zu keinerlei bekannten fundamentalen* oder abgeleiteten numerischen Zuordnungen ([4], S. 21). Man kann daher fragen „was wird durch die Verwendung solch eines Instruments erreicht? Allgemein gesprochen scheint die Antwort zu sein, dass das Instrument in der Lage sein könnte, zukünftige Ereignisse von praktischer Bedeutung vorherzusagen. „Die Rechtfertigung der Verwendung solcher Instrumente würde dann einzig in dem Ausmaß liegen, in dem sie in der Lage sind, bedeutsame Ereignisse vorherzusagen…“ ([4], S.21).

Wie in den zurückliegenden Beiträgen gezeigt wurde, führten die konsistenten Ergebnisse von 50 Jahren Psychotherapieforschung nach diesem Maßstab bislang zu keinem Rest an Effekten, der sich auf Bestandteile der den Therapien zugrunde liegenden Theorien zurückführen ließe. Mithin gibt es keinen wirklichen Hinweis auf den wissenschaftlichen Nutzen dieser Theorien. Abgesehen vielleicht vom subjektiven Gefühl der Befriedigung angesichts einer mit der sonstigen eigenen Weltanschauung einigermaßen verträglichen Analyse. Doch dieser Nutzen bleibt rein subjektiv und ganz beim Analysierenden und erreicht nicht den Analysierten. Vom Realitätscharakter der Konstrukte ganz zu schweigen, denn der hätte ja meßbare Unterschiede zumindest zur Voraussetzung. (Alternativ könnte man die Validität der verwandten Messinstrumente verneinen, was jedoch wissenschaftlich zu keiner erstrebenswerteren Situation führt. Denn beide sind meist nicht voneinander zu trennen, da die theoretischen Konstrukte nur durch reproduzierbar objektiv identifizierbare Muster in den Phänomenen begründet werden können. Und gerade dazu sollen eben die in Frage stehenden Messinstrumente dienen. Es bliebe nur, der Psychologie als Wissenschaft einen Platz in der Metaphysik zuzuweisen.)

Etwas strikt anderes ist der praktische Nutzen in Form eines Mythos, auf den im Lauf der Therapie zurückgegriffen werden und aus dem das Ritual der Psychotherapie Kraft und Glaubwürdigkeit schöpfen kann (vgl. auch den nächsten Beitrag). Derartige Mythen als zu rechtfertigende Mittel wissenschaftlicher Analyse anzusehen wäre aber ein krasses Missverständnis.

Die oben beschriebenen Ergebnisse für Psychotherapie bei MCS geben keinen Hinweis auf eine Relevanz von Theorien, die psychische Ursachen unterstellen, was immer darunter zu verstehen sein mag (abgesehen davon, dass sie auf Theorien Bezug nehmen, die sich empirisch nicht validieren lassen). Ganz im Gegenteil. Derartige Grundannahmen führen zu drastisch schlechteren Ergebnissen in der Psychotherapie.

Mit diesen Verhältnissen sind die ungleich größeren positiven Effekte für Expositionsvermeidung zu vergleichen. Dies deutet im Verhältnis zu den verschiedenen psychologischen Theorien auf einen deutlich höheren Nutzen und Realitätswert für Theorien über MCS hin, die von der Annahme ursächlicher Umweltnoxen ausgehen.

Deren Probleme liegen gegenwärtig in der Vereinbarkeit mit anderen verbreitet als wahr geglaubten Lehrmeinungen über die Menschliche Physiologie. Und wie immer, wenn die Phänomene nicht weichen wollen, werden schließlich Teile unseres mutmaßlichen Wissens einer Revision unterzogen werden müssen.

* Ein fundamentale Messung kann informell etwa als Abbildung eines empirischen relationalen Systems auf ein numerisches relationales System definiert werden ([4], S. 16). In der Psychologie fehlen jedoch die empirischen relationalen Systeme. Sie werden umgekehrt gerade mit Hilfe von letztlich auf Abzählen basierenden statistischen Messinstrumenten zu konstruieren versucht. Die damit beschäftigten Theoretiker weisen auch regelmäßig darauf hin, dass den zahlreichen verwendeten Konstrukten (z.B. die Big Five) kein eigener Realitätscharakter zuzusprechen ist (d.h. abgesehen von der Realitätshaftigkeit, die man Abstrakta generell ggf. zuzubilligen bereit ist). In der Praxis wird dies jedoch zumindest in der Sprechweise nicht beachtet und auch von den Fachleuten häufig nicht verstanden und damit bei Laien und wissenschaftstheoretisch unbeschlageneren Fachleuten gegenteiliges suggeriert. In den nicht quantitativ begründeten psychologischen Theorien (z.B. psychodynamische) ist leider nicht einmal dieses rudimentäre Bewusstsein hinsichtlich dessen, was man da tut, vorhanden. So werden neue Mythen geboren.

Autor: Karlheinz, CSN – Chemical Sensitivity Network, 24. August 2009

Tabellen: Karlheinz

Teil I – VII

Literatur

[1] Pamela Reed Gibson (2006), Multiple Chemical Sensitivity: A Survival Guide, Earthrive Books.

[2] Gibson, P. R., Elms, A. N. M., & Ruding, L. A. (2003). Perceived treatment efficacy for conventional and alternative therapies reported by persons with multiple chemical sensitivity. Environmental Health Perspectives, 111, 1498-1504.

[3] Randolph & Edmondson (2005). Using the Binomial Effect Size Display (BESD) to Present the Magnitude of Effect Sizes to the Evaluation Audience. Practical Assessment Research & Evaluation, Vol 10, No 14.

[4] Patrick Suppes, Joseph L. Zinnes (1963). Basic Measurement Theory in: Luce, Bush, Galanter, Handbook of Mathematical Psychology, Volume I, John Wiley & Sons.

[5] Elkin et. al. (1989). NIMH Treatment of Depression Collaborative Research Program: General Effectiveness of Treatment, Archives of General Psychiatry 46:971-82.

Neues Buch über MCS – Multiple Chemical Sensitivity in Arbeit, erster Blick über die Schulter des Autors

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Neues Buch in Arbeit, erster Blick über die Schulter des Autors

Dr. Hans-Ulrich Hill ist dabei, ein neues Buch über MCS – Multiple Chemical Sensitivity und Umweltkrankheiten zu schreiben und lässt uns schon jetzt ein wenig über die Schulter schauen. Der Autor ist selbst betroffen und gründete vor Jahren in Wiesbaden eine Selbsthilfegruppe. Das Thema MCS brennt ihm unter den Nägeln, und wenn er neue wissenschaftliche Erkenntnisse liest, gibt es für ihn einfach nichts anderes, als sofort loszulegen und zu schreiben.

Nachfolgend das Vorwort und die bisherige Inhaltsangabe des neuen Buches von Dr. Hans-Ulrich Hill:

Vorwort

Seit Jahren häufen sich Befunde und Erkenntnisse, dass industriell hergestellte Chemikalien, aber auch natürliche Stoffe aus bestimmten Pflanzen und Tieren, neben akut toxischen Wirkungen auf den Menschen auch Langzeitwirkungen ausüben können, die zu chronischen Krankheiten führen können. Viele dieser Wirkungen betreffen ausgerechnet das Gehirn, das „Zentralorgan“, das zur Steuerung bewusster und unbewusster Lebensvorgänge dient, und das dem Menschen nur in intaktem Zustand eine optimale Bewältigung seiner Alltagsaufgaben gewährleistet. Chemikalienwirkungen im Gehirn, besonders solche chronischer Art, können die Lebensqualität des Menschen auf Dauer stark beeinträchtigen. Viele chronische Krankheiten, die langsam fortschreiten und zu zunehmenden Allgemeinbeschwerden führen, wurden in den letzten Jahren als Folge von oder im Zusammenhang mit andauernden Expositionen der Betroffenen gegenüber Umweltchemikalien beschrieben, darunter das Chronische Erschöpfungssyndrom, die Toxische Enzephalopathie, das Lösungsmittel- und Holzschutzmittel-Syndrom, die Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS), um nur einige zu nennen. Aber auch die in der Häufigkeit innerhalb der Bevölkerung rasant zunehmenden Demenzerkrankungen wie die Parkinson-Krankheit, die Alzheimer-Krankheit, die Multiple Sklerose und andere, werden durch eine zunehmende Zahl von wissenschaftlichen Befunden mit Expositionen gegenüber Umweltchemikalien in Zusammenhang gebracht.

Die Wissenschaft hat vielfältige Hinweise dafür geliefert, dass als Folge der Wirkungen dieser Chemikalien chronisch entzündliche Krankheitsprozesse im Gehirn ablaufen, die sich selbst verstärken und verselbständigen, und dies auch dann, wenn in den Körperflüssigkeiten die auslösenden Chemikalien mit den gängigen laboranalytischen Methoden schon lange nicht mehr nachweisbar sind.

Gutachter argumentieren aber bis heute (2009) vor Gericht im Rahmen eines Kausalitätsverständnisses, das diese Langzeitwirkungen von Chemikalien außer Acht lässt und einen direkten Nachweis eines Zusammenhangs zwischen Chemikalien-Exposition und toxischer Wirkung im Körper in zeitlich überschaubarem Zusammenhang verlangt. Leider aber verhalten sich die chronischen Wirkungen von Chemikalien besonders im Gehirn und Nervensystem nicht so, wie dies die kurze Halbwertszeit der Erkenntnis zeitlicher Zusammenhänge bei Gutachtern, Richtern, Vertretern des Gesundheitswesens und Politikern zulässt.

Immerhin hat die Erkenntnis der Langzeitwirkungen neurotoxischer Chemikalien Eingang in die Liste der Berufskrankheiten der Gesetzlichen Unfallversicherung gefunden, indem 1997 mit der BK Nr.1317 die Enzephalopathie und Polyneuropathie durch organische Lösungsmittel aufgenommen wurde. Im Merkblatt zur BK 1317 wurde erstmals ausdrücklich anerkannt, dass auch Jahre nach Beendigung einer beruflichen Tätigkeit, die mit Belastungen durch bestimmte neurotoxische Stoffe, insbesondere organische Lösungsmittel, verbunden war, eine Zunahme der Beschwerden sowie eine Verschlechterung der Ergebnisse psychologischer Testverfahren und neurologischer Untersuchungsbefunde festgestellt werden kann. Bislang wurde argumentiert, dass gesundheitliche Beschwerden und Krankheiten, die nach Beendigung der belastenden Tätigkeit auftreten, in keinem kausalen Zusammenhang mit dieser Tätigkeit stehen könnten. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse der Neurotoxikologie zu chronisch-entzündlichen und degenerativen Krankheiten des Zentralen Nervensystems machen jedoch ein Umdenken notwendig.

Das vorliegende Buch will diese Erkenntnisse anhand einer Auswertung der Fachliteratur dokumentieren und dazu ermutigen, diese Erkenntnisse in der täglichen Praxis der Beurteilung neurologischer Krankheitsfälle, die in Zusammenhang mit Umweltbelastungen stehen, im Interesse der Betroffenen anzuwenden und diesen zu einer gerechten Entschädigung für ihre nicht durch sie selbst verschuldete Krankheit zu verschaffen. Das Buch ist somit durchaus parteilich zu verstehen, es verzichtet dabei dennoch nicht auf die mit Sorgfalt und Objektivität aus aktueller wissenschaftlicher Fachliteratur entnommenen Erkenntnisse.

Der Schwerpunkt der Darstellung liegt in der Beschreibung chronischer neurologischer Krankheitsbilder und dem Nachweis des Zusammenhangs mit Belastungen durch Umweltchemikalien. Vorangestellt ist ein Kapitel, in dem lediglich exemplarisch die neurotoxischen Wirkungen einiger wichtiger Chemikalien dargestellt werden. Dabei liefern die Erkenntnisse über die Wirkungen von Insektiziden vom Typ der organischen Phosphorverbindungen (Organophosphate) einen geeigneten Übergang zu den im Gehirn ablaufenden Mechanismen, die zu den so verheerenden chronisch-degenerativen Erkrankungen des Gehirns führen. Es zeichnet sich ab, dass diese und andere Umweltchemikalien dafür verantwortlich sein werden, dass Zig Millionen von Menschen zukünftig ihr Lebensende in einem Zustand zunehmenden Gedächtnis-, Denk- und Bewusstseinsverlustes fristen müssen. Sie verlieren dabei als Alzheimer- oder Parkinson-Patienten alles, was das Leben auch an seinem Ende noch lebens- und würdevoll machen kann, und dies nur, weil aus Gründen angeblicher wirtschaftlicher Notwendigkeiten nicht auf die Produktion chronisch neurotoxischer Chemikalien, z.B. vieler Pestizide in der Landwirtschaft, verzichtet werden könne.

Hans-Ulrich Hill, Wiesbaden, im September 2009

Ein Blick auf die vorläufige Inhaltsangabe:

Inhalt

Vorwort

Einleitung

1. Neurotoxische Wirkungen von Chemikalien

1.1. Beispiel Quecksilber: Das Amalgam-Problem

1.2. Organische Zinnverbindungen

1.3. Drogenwirkungen

1.4. Organophosphat-Insektizide

1.4.1. Der Wirkungsmechanismus der Organophosphat-Pestizide: Ein

Zusammenspiel verschiedener Rezeptoren im Gehirn

1.4.2. Auslösung chronischer Entzündungsprozesse im Gehirn

2.         Chronisch degenerative Erkrankungen des Zentralen Nervensystems

2.1. Die Toxische Enzephalopathie (TE), ein Krankheitsbild mit Langzeiteffekten

2.1.1 Symptome und Merkmale der Krankheit

2.1.2 Schweregrade der Krankheit

2.1.3 Wirkungsmechanismen, die zur Toxischen Enzephalopathie führen

2.2 Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS)

2.3. Degenerative Demenz-Erkrankungen des Zentralnervensystems (ZNS)

2.3.1 Multiple Sklerose (MS)

2.3.2. Die Alzheimer Krankheit

2.3.3. Die Parkinson-Krankheit

2.3.3.1. Chemikalien als Auslöser bei der Parkinson-Krankheit

2.3.3.2. Befunde zum biochemischen Pathomechanismus der Parkinson-Krankheit

2.3.3.3. Epigenetische Umprogrammierung von Genaktivitäten und sich selbst verstärkende Krankheitsmechanismen

2.3.3.4. Genetische Veranlagung für die Parkinson-Krankheit

2.3.4. Weitere neurodegenerative Erkrankungen: Das Steele-Richardson-Olzewski-Syndrom und verwandte Krankheiten

2.3.4.1. Gemeinsame Merkmale

2.3.4.2. Die Lewy-Körperchen-Demenz

2.3.5. Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)

3. Zusammenfassung: Viele Chemikalien wirken neurotoxisch als Auslöser chronischer Krankheitsprozesse.

4. Therapie und Prävention

4.1. Prävention als umwelt- und gesundheitspolitische Aufgabe

4.2. Zur Therapie von neurodegenerativen Erkrankungen

4.2.1. Maßnahmen im Anfangsstadium

4.2.1.1. Training

4.2.1.2. Medikamente der Naturheilkunde:

4.2.2. Therapie in fortgeschrittenen Stadien

4.2.2.1. Multiple Sklerose

4.2.2.2. Parkinson-Krankheit

4.2.2.3. Alzheimer-Krankheit

Literatur

Adressen

Kräuter und „Killergewürze“ als biologische Pestizide: wirkungsvoll, gesundheitsverträglicher und umweltschonend

Kräuter als Schädlingsbekämpfungsmittel

Öl aus Rosmarin, Nelke und Pfefferminze schützt vor Schädlingen

Zunehmend wird man sich der Gefahr chemischer Pestizide bewusst und den Schäden, die sie bei Mensch und Natur anrichten. Wissenschaftler weltweit suchen gezielt nach Alternativen. Die Natur hat einiges aufzuwarten um Schädlinge in den Griff zu bekommen. Allergiker müssen jedoch auch bei den natürlichen Alternativen abwägen, ungefährlicher als langlebige hochtoxische Chemikalien sind sie jedoch allemal. Der nachfolgende Bericht aus Vancouver erläutert die Möglichkeiten und auch deren bisherige Schwächen, die man zu beseitigen versucht.

Natürliche Schädlingsbekämpfung im Trend

Extrakte aus Kräutern und Gewürzen bilden eine umweltverträgliche und gesündere Alternative zur herkömmlichen Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft. Zu diesem Schluss kommen US-amerikanische Forscher beim Treffen der American Chemical Society Laut einem BBC-Bericht entwickelten sie biologische Pestizide, die auf der Mischung winziger Mengen von zwei bis vier verschiedenen Kräutern beruhen, die in Wasser aufgelöst werden. Die Substanzen töten Insekten direkt ab oder halten sie fern, ohne dabei für den Menschen oder die Umwelt ungünstige Nebenwirkungen zu entfalten. Besonders konzentrierten sich die Wissenschaftler dabei auf Wirkstoffe aus Rosmarin, Thymian, Gewürznelke und Pfefferminze.

Killergewürze

„Die neu entwickelten Produkte erweitern die bisher beschränkten Möglichkeiten, Schädlinge in der biologischen Landwirtschaft zu bekämpfen. Bisher gibt es nur wenige dafür geeignete Insektizide, doch ihre Zahl steigt ständig“, berichtet Studienleiter Murray Isman von der University of British Columbia http://www.ubc.ca. Einige Gewürz-basierte kommerzielle Produkte, die derzeit von Bauern eingesetzt werden, schützen bereits mit Erfolg biologische Erdbeer-, Spinat- und Tomatenfelder vor Blattläusen und Milben. Anders als konventionelle Pestizide könnten die „Killergewürze“ laut Isman den Zulassungsbehörden furchtlos ins Auge blicken und seien zudem bereits fertig für ihren Einsatz. „Ein wichtiger Vorteil dieser Methode ist, dass die bekämpften Insekten keine Resistenzen entwickeln“, so Isman. Zudem seien sie auch sicherer für Beschäftigte in der Landwirtschaft, die gewöhnlich den Pestiziden in Verbindung mit hohem Risiko ausgesetzt sind.

Pluspunkte bei Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit

Derzeit haben biologische Pestizide allerdings noch mit einigen Schwächen zu kämpfen. So verdunsten und zerfallen ätherische Pflanzenöle etwa schnell unter Sonnenlicht, zudem ist der Arbeitsaufwand größer, da Bauern sie häufiger als herkömmliche Pestizide anwenden müssen. „Die Wirkung von manchen Essenzen vergeht sogar schon nach einigen Stunden, während herkömmliche Pestizide tage- bis monatelang wirken. Da sie außerdem weniger stark sind, müssen sie in höheren Konzentrationen eingesetzt werden, um erwünschte Effekte zu erzielen“, so Isman. Um diesen Nachteil aufzuholen, sucht man derzeit nach Methoden, die neuen Wirkstoffe länger haltbar und stärker zu machen. „Sie sind kein Allheilmittel für die Schädlingsbekämpfung, haben jedoch in Sachen Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit eindeutige Vorteile.“

Pflanzliche Wirkstoffe weniger Gegenargumente als behauptet

„Der biologische Landbau verwendet „Pflanzenschutzmittel“ im wahrsten Wortsinn, wohingegen diese Aussage beim Einsatz herkömmlicher Pestizide ironisch ist. Hier trifft eher „Schädlingsbehandlung zu“, betont Lukas Schrattenthaler, Sprecher von Bio-Austria, gegenüber pressetext. In der EU sind mehrere hundert pflanzliche Wirkstoffe erlaubt, die in der biologischen Landwirtschaft eingesetzt werden können. Viele dieser Essenzen fördern auch gezielt die Entwicklung von Nützlingen, die das Pflanzenwachstum begünstigen. Schrattenthaler sind die Probleme, mit denen biologische Pestizide zu kämpfen haben, bekannt. „Die Benetzung und Haftung ist geringer als beim Einsatz von Chemie. Das oft vorgebrachte Gegenargument, dass die Notwendigkeit, in Folge häufiger in den Acker gehen zu müssen, dem Boden mehr schadet als die Chemie, ist jedoch nicht haltbar.“

Sensibilisierung der Konsumenten verlangt sichere Produkte

Als entscheidenden Vorteil der pflanzlichen Düngemethode sieht der Biobauern-Sprecher die Vermeidung von Rückständen in den Produkten selbst als auch in der Umwelt. „Ein Teil der herkömmlichen Spritzmittel landet in der Luft, im Boden oder im Trinkwasser und sorgt auch dort für entsprechende, unerwünschte Umweltwirkungen. Biologische Lösungen sind somit Teil des Umwelt- und Klimaschutzes und liefern einen gesellschaftlichen Beitrag.“ Schrattenthaler hält es für wahrscheinlich, dass „biologische Pestizide“ eines Tages auch in der nicht-biologischen Landwirtschaft größere Verbreitung erringen. „Erstens spielt der Kostenfaktor eine entscheidende Rolle, denn chemische Dünge- und Pflanzenschutzmittel werden immer teurer. Daneben steigt beim Konsumenten die Sensibilisierung dafür, dass Agrarförderungen aus Steuermitteln für Lösungen eingesetzt werden, die umweltverträglich sind.“

Autor:

Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 20. August 2009

pressetext.austria, Kräuter als biologische Pestizide, Vancouver (pte/19.08.2009/11:35)