Archiv der Kategorie ‘Behörden reagieren‘

Kriterien für die Gründung eines MCS-Fond

MCS-Fond

Nachdem ich den Vorschlag der Gründung eines MCS-Fond aufgegriffen habe, gab es sofort Streit in der Weise, dass um die Verteilung des Bärenfells gestritten wurde, der noch gar nicht erlegt war. Dabei fiel u. a. das Adjektiv „demokratisch“. Nun, die Abstimmung über einen Fond erfolgt per Überweisung. Für die Ausrichter gelten andere Kriterien, wie folgt:

Glaubwürdigkeit, Seriosität sind Grundvoraussetzung

Um Geldgeber zu gewinnen, braucht ein Fond Glaubwürdigkeit, Seriosität und vor allem einen wichtigen Grund, warum Geldgeber Geld geben sollen, m. a. W. es geht dann darum, was MCS ist, wie es um den Stand der Wissenschaft steht, also der Objektivierbarkeit, und welche gesellschaftliche Bedeutung diese Krankheit hat.

Dazu ein Beispiel:

MCS wurde 1948 entdeckt. Der Allergologe Randolf stellte fest, dass einige Allergiker nicht reagierten, wenn die Testsubstanz von wild wachsenden Früchten, anstatt von konventionem Obst mit Pestizidrückständen, stammte. Erst 1962 hat er das veröffentlicht, 1966 gab es Doppelblindstudien einer Neurologin, die Nachweis führte, dass es Leute gibt, die auf unterdurchschnittliche Dosen reagieren. In den 70er Jahren wurde die erste wichtige Therapie entwickelt (Neutralisationstherapie), in den 80er Jahren wichtige Grundmechanismen der Pathologie erkannt, MCS endgültig definiert, in den 90er Jahren von der WHO als organische Erkrankung anerkannt und ein 3 000-seitiges Standardwerk publiziert (Rea), dass anschließend universitär überprüft und bestätigt wurde (Ashford & Miller), die Therapie stark verbessert (ALF), und die Frage der Chronifizierung geklärt (Pall), und schließlich wurde auch die Wissenslücke geschlossen, wie und warum so viele Substanzen ganz unterschiedlicher toxischer Wirkcharakteristik chronische Müdigkeit und chemische Sensitivität erzeugen. M. a. W., MCS ist nichts Neues, ist gut erforscht und von gravierender Bedeutung (die Prävalenz ist zweistellig).

Doch davon weiß die deutsche Diskussion nichts. Da wird über Psycho diskutiert und über angebliche Defizite der wissenschaftlichen Erklärungsmöglichkeiten, m. a. W., es entbehrt der wesentlichen Grundlagen. Die geistige Bettelsuppe der RKI-Studie repräsentiert hierzulande „Wissenschaft“. Das Niveau ist etwa dem der 60er Jahre vergleichbar, aufgepfropft mit Pall, so dass schließlich der falsche Eindruck erweckt wird, man sei wissenschaftlich erst noch am Anfang.

MCS-Fond

Das muss vorrangig geändert werden, und dafür ist ein Fond eine Organisationsform wie jede andere mit dem zusätzlichen Vorteil, dass etwas in der Kriegskasse ist, so dass man rechtliche Konsequenzen und rechtlich begründete Ansprüche professionell formulieren kann.

Es wird also darum gehen, ob ein Fond mit diesem Anspruch und dieser Begründung etabliert wird oder einfach nur ein Hut rumgeht mit der Begründung allgemeiner Bedürftigkeit. Es ist nicht die Frage, wer da mitmacht, denn es kommt nur darauf an, ob eine Linie vertreten wird, die rechtlich Relevantes vorzutragen in der Lage ist, indem es sich des vollen Umfanges der anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnislage bedient. Das muss professionell und generalstabsmäßig Schritt für Schritt aufgebaut werden. Dazu braucht es geduldige und zielstrebige Leute.

Kriterien für Glaubwürdigkeit und Seriosität

Zum Kontrast, was nicht geht: etwa die Forderung, es müssen sofort Container als Notquartiere her, weil sie eben einfach notwenig seien. So etwas müsse gar nicht teuer sein. M. a. W. sofort und dafür Pfusch. Solches über’s Knie gebrochene Handeln hätte fürchterliche Folgen für den Fond. Solche wichtigen Aktionen müssen sorgsam geplant werden.

Was auch nicht geht sind einfach dahingesagte Aussagen, wie diese: „Es ist doch bekannt“, dass es nichtsuizide Ableben durch Organversagen bei MCS gegeben habe. Eine so formulierte Aussage ist zu ungenau und daher hier nicht verwendbar. Denn, „bekannt“ setzt voraus, dass eine Dokumentation mit Belegen existiert und dass diese allgemein zugänglich ist. Die wissenschaftliche Begründetheit ist nicht das Problem, denn Organversagen bei MCS findet sich einschließlich der Erfahrung bei 20 000 Patienten bei Rea im 3. Band. Emailkaskaden und Interneteinträge dagegen sind juristisch „Hörensagen“. Die Schwelle von Relevanz lautet: Quod non est in actiis, non est in mundo – Es muss also aktenkundig sein, sonst ist es nicht ernst zunehmen.

Das sind die Kriterien für Glaubwürdigkeit und Seriosität: wissenschaftlich gut gesichert und gründlich fundamentiert und rechtlich ausreichend belegt, sowie rechtlich auch ausreichend relevant. Das markiert die Grenze von ernsthaften Bemühen und Wunschdenken. Bei Goethe steht: „Wer stetig sich bemüht, den können wir erlösen – So ist das gemeint.

Autor: Dr. Tino Merz, Sachverständiger Umweltfragen für CSN – Chemical Sensitivity Network, 2. Dezember 2009

Vorhergehende Blogs zur Serie und zum Thema:

Weiterführende Informationen:

Umweltmedizin, Umwelterkrankte – Schweizer Bundesrat antwortet auf eine Interpellation

Bundeshaus-Schweiz

 

Umwelterkrankte und insbesondere Menschen mit MCS – Mutiple Chemical Sensitivity haben auch in der Schweiz einen schweren Stand. Umweltmedizinische Versorgung ist nur spärlich vorhanden. Geeigneter Wohnraum ist nicht verfügbar und ein erstes MCS-Wohnprojekt erst in Planung. Yvonne Gilli, Mitglied des Nationalrates, Grüne Franktion Schweiz, reichte am 23.09.2009 eine Interpellation im Schweizer Bundesrat ein, um die Situation hinsichtlich Umweltmedizin und die der Umwelterkrankten im Land abzuklären. Sie wurde am 18.11.2009 vom Schweizer Bundesrat beantwortet. Die Interpellation mit der Nummer 09.3816, Handlungsfeld Umweltmedizin, hatte 18 Mitunterzeichner: 

Bänziger Marlies, Donzé Walter, Fehr Jacqueline, Frösch Therese, Hodgers Antonio, John-Calame Francine, Lachenmeier-Thüring Anita, Meier-Schatz Lucrezia, Müller Geri, Prelicz-Huber Katharina, Rechsteiner Rudolf, Schelbert Louis, Schenker Silvia, Teuscher Franziska, Thorens Goumaz Adèle, von Graffenried Alec, Weber-Gobet Marie-Thérèse, Weibel Thomas. 

Eingereichter Text: Der Bundesrat wird gebeten, folgende Fragen zu beantworten:

1. Wie beurteilt er im Vergleich zur Ip 03.3092 Forschungsstand und klinische Abklärungsmöglichkeiten für Betroffene, die sich über Symptome beklagen als Folge von gesundheitsschädigenden Umwelteinflüssen?

 2. Welche Handlungsmöglichkeiten sieht er, um den Bedarf an fachkompetenter umweltmedizinischer Beratung besser abzudecken? 

3. Wurden oder werden Wohnprojekte für Umweltkranke durch den Bund unterstützt, wie als Möglichkeit in der Antwort auf die Ip 03.3092 skizziert? In welchem Umfang? Wenn nein, was sind die Gründe? 

4. Wie wertet er die Notwendigkeit von Hausuntersuchungen durch Umweltfachstellen als Teil der umweltmedizinischen Abklärung und wie könnte deren Finanzierung gesichert werden? 

5. Wie beurteilt er die Rolle des Bundes im Zusammenhang mit der Sicherung industrieunabhängiger Forschungsgelder? 

Begründung
Während sich im letzten Jahrhundert gesundheitsschädliche Umwelteinwirkungen vor allem als spezifische Krankheiten (Asbest, Tabak) oder örtlich begrenzt (Chemieunfälle, Trinkwasserverschmutzung, Smog) manifestierten, gestaltet sich die umweltmedizinische Beurteilung heute ungleich komplexer. Produktionsstandards und gesetzliche Rahmenbedingungen mit der Festlegung von Grenzwerten haben die spezifischen Risiken minimiert. Äusserst rasche technologische Entwicklungen (Funk-, Nanotechnologie) mit ebenso rasch erfolgender industrieller Anwendung in einer globalisierten Wirtschaft konfrontieren uns mit einer neuen Ausgangssituation. Die individuellen Risiken sind „klein“, die Krankheitsbilder unspezifisch, multifaktoriell bedingt und geografisch weit verteilt. Bei der Exposition gegenüber Feinstaub bewirkt eine unmerkliche Verschlechterung der Atemkapazität von weniger als 5 Prozent in der Schweizer Bevölkerung, dass die Anzahl der Erkrankten um rund 50 Prozent ansteigt. Was als individuell kleines Risiko beurteilt wird, lässt die Gesundheitskosten explodieren. Ähnlich präsentiert sich die Situation vielleicht in den Gebieten Multiple Chemical Sensitivity oder electrosensitivity. Gemäss einem wissenschaftlichen Pilotprojekt der Universität Basel ergab sich 5 Prozent der Untersuchten ein plausibler Zusammenhang zwischen geschilderten Symptomen und Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern. Ein laufendes Folgeprojekt der Ärzte und Ärztinnen für Umweltschutz Schweiz scheint dies zu bestätigen.

 

Am 18.11.2009 antwortete der Schweizer Bundesrat:

 
1. In den letzten Jahren wurden einige nationale und internationale Studien durchgeführt mit dem Ziel, das Phänomen der besonderen Empfindlichkeit auf Umwelteinflüsse wissenschaftlich zu untersuchen. In Kurzzeituntersuchungen konnte kein kausaler Zusammenhang zwischen Gesundheitsbeschwerden und den vermuteten Umwelteinflüssen festgestellt werden. Auch konnten keine objektiven Kriterien identifiziert werden, mit denen besonders empfindliche von durchschnittlich empfindlichen Personen sicher unterschieden werden können. 

In der Schweiz wurden Patienten aus der Region Basel, welche über umweltbezogene Gesundheitsstörungen klagten, im Rahmen eines vom Bund unterstützten Forschungsprojekts interdisziplinär untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Patientengruppe sehr heterogen ist in Bezug auf Umweltbelastungen, psychisch/seelische Belastungen sowie bestehende somatische Erkrankungen. Es zeigte sich auch deutlich, dass eine interdisziplinäre medizinische und psychologische Abklärung solcher Patienten und eine Erfassung von Umwelteinflüssen in ihrem Wohn- und Arbeitsbereich unumgänglich ist. 

Auf Basis der Empfehlungen aus dem Basler Projekt haben die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz Schweiz (AefU) im Januar 2008 ein Pilotprojekt „Umweltmedizinisches Beratungsnetz“ lanciert, welches Patienten eine vertiefte Abklärung ihrer Leiden anbietet. Dieses Pilotprojekt wird mit Unterstützung der Bundesämter für Gesundheit (BAG) und Umwelt (Bafu) wissenschaftlich begleitet und läuft bis Ende 2010. 

2. Der Bundesrat begrüsst die erwähnte Initiative und Aktivitäten der AefU. Das Bafu und das BAG werden im Rahmen der vorhandenen Mittel dieses Pilotprojekt weiterhin unterstützen. Bezüglich umweltmedizinischer Aus- und Weiterbildung verlangt das Bundesgesetz über die universitären Medizinalberufe in der Grundausbildung unter anderem auch das Verständnis der ökologischen Faktoren und Auswirkungen auf die Gesundheit (Art. 8 Bst. f MedBG, SR 811.11). Auch im Rahmen der Weiterbildung und Postdiplomstudien zu Prävention und öffentlicher Gesundheit werden umweltmedizinische Kurse angeboten. 

3. Wohnprojekte für Umweltkranke könnten auf der Basis des Wohnraumförderungsgesetzes (WFG, SR 842) durch den Bund unterstützt werden. Artikel 2 Absatz 2 WFG statuiert den Grundsatz, dass der Bund innovative Bau- und Wohnformen unterstützt. Artikel 41 Absatz 2 Buchstabe c WFG konkretisiert, dass das Bundesamt für Wohnungswesen exemplarische Projekte mit innovativem und nachhaltigem Charakter fördern kann. Schliesslich werden exemplarische Projekte durch Artikel 46 der Verordnung zum Wohnraumförderungsgesetz (WVF, SR 842.1) insofern privilegiert, als von den Anforderungen an die Gebäude- und Standortqualität, von den Kostenlimiten und von den besonderen Voraussetzungen, die für die Erneuerung von bestehendem Wohnraum gelten, abgewichen werden kann. Eine Unterstützung im Rahmen der verfügbaren Mittel wird somit gewährt, sofern die Projekte die übrigen an die Bundeshilfe geknüpften allgemeinen Anforderungen erfüllen. Bisher wurde jedoch kein Gesuch für ein Wohnprojekt für Umweltkranke gestellt. 

Die Stadt Zürich plant in enger Zusammenarbeit mit umweltmedizinischen Patienten („Chemikalienunverträglichkeit“) und Beratern den Bau eines Wohngebäudes, welches soweit wie möglich frei von Schadstoffbelastungen und anderen negativen Umwelteinflüssen sein soll. Das Amt für Hochbauten der Stadt Zürich dokumentiert die verschiedenen Arbeitsschritte bei der Planung und Ausführung ausführlich, um die dabei gemachten Erfahrungen für ähnliche Vorhaben, aber auch für das nachhaltige Bauen generell nutzen zu können. 

4. Im Rahmen einer umweltmedizinischen Untersuchung sollte die Umweltbelastung am Wohnort und am Arbeitsplatz abgeklärt werden. Ob dazu eine Hausuntersuchung nötig ist, muss von Fall zu Fall entschieden werden. Im AefU-Pilotprojekt wird eine Hausuntersuchung aufgrund der Ergebnisse eines Umweltfragebogens und auf ärztliche Indikation nach einem standardisierten Protokoll durchgeführt. Diese Hausuntersuchungen werden aus Eigenmitteln und Eigenleistungen der AefU und von den Unterstützungsgeldern der Lungenliga Schweiz, privaten Stiftungen und dem Bafu finanziert. Nach der Auswertung des Pilotprojekts wird die Notwendigkeit von Hausuntersuchungen und ein allfälliger Finanzbedarf besser beurteilt werden können. 

5. Der Bund nimmt seine Rolle zur Sicherung industrieunabhängiger Forschungsgelder wahr, indem er wissenschaftliche Forschung gemäss Forschungsgesetz (FG, SR 420.1) unterstützt, namentlich über den Schweizerischen Nationalfonds. Die Bundesverfassung (vgl. Art. 20) und Artikel 3 FG garantieren die Freiheit von Lehre und Forschung. 

Zudem unterstützt der Bund im Rahmen der Ressortforschung wissenschaftliche Studien, die zur Aufklärung relevanter Fragen nötig sind. Zum Thema „Nichtionisierende Strahlung: Umwelt und Gesundheit“ hat der Bundesrat ausserdem das Nationale Forschungsprogramm NFP 57 lanciert. Der Bundesrat begrüsst aber auch die finanzielle Beteiligung der Industrie an Forschungsvorhaben. Dabei soll durch eine geeignete Projektorganisation die Unabhängigkeit der Forschung und der Publikation der Ergebnisse sichergestellt werden. 

Quelle: Geschäftsdatenbank Yvonne Gilli, Handlungsfeld Umweltmedizin 29. November 2009

 

Weitere Interpellation zum Thema Umweltmedizin, Multiple Chemical Sensitivity,

eingereicht von Nationalratspräsidentin Pascale  Bruderer Wyss am 19.03.2003 nebst Antwort des Schweizer Bundesrates vom 14.05.2003.

Das Thema GESUNDES WOHNEN für Umwelterkrankte rennt offene Türen ein

Eine der ersten Sitzungen zur Gründung der MCS-Wohnungsbaugenossenschaft

 

Gesundes Wohnen ist längst kein Müsli-Thema mehr, das belächelt wird. Zahlreiche Städte und Gemeinden haben durch Sick Buildings, „kranke“ Gebäude, schmerzhaft gelernt. Im privaten, wie im öffentlichen Bereich, wird zunehmend auf gesündere Bauweise und schadstoffkontrollierte Ausstattung geachtet, weil mittelfristig dadurch sogar gespart werden kann und die Umwelt geschont wird. 

Menschen, die bereits als umweltkrank gelten und auf Chemikalien in geringster Konzentration reagieren, sind die besten Indikatoren, was Schadstoffe in Gebäuden betrifft. Was sie vertragen, dürfte gesünder für alle sein und für mehr Wohlbefinden und Lebensqualität im Wohnbereich sorgen. Was sie nicht vertragen und bei ihnen Gesundheitsbeschwerden auslöst, kann auch andere Menschen krank machen. Für öffentliche Bauherren als auch für die Bauindustrie sind Umwelterkrankte daher Kooperationspartner, die viel know how einbringen können. 

Vor Kurzem hatten wir berichtet, dass die Stadt Zürich ein Bauvorhaben für das erste MCS-Haus in der Schweiz vergeben und einen Architektur-Wettbewerb ausgerufen hat. 

Im nachfolgenden Interview erfahren wir vom Initiator Christian Schifferle, dem Präsidenten der MCS-Liga und der Wohnungsbaugenossenschaft Gesundes Wohnen – MCS, wie er mit dem Vorschlag, ein baubiologisches Wohnhaus für MCS-Kranke zu bauen, nicht nur auf Interesse stieß, sondern sogar offene Türen einrannte. 

Interview:

Silvia K. Müller, CSN im Gespräch mit Christian Schifferle, Präsident der MCS-Liga Schweiz und der Wohnungsbaugenossenschaft Gesundes Wohnen – MCS 

Silvia K. Müller: Christian, wir sind alle total stolz auf Dich und freuen uns riesig über das MCS Wohnprojekt, das in der Schweiz in die Gänge kommt. Wie lange ist es jetzt her, seit Du erstmals die Idee für das Projekt hattest, und was waren Deine Gründe? 

Christian-SchifferleChristian Schifferle: Da ich seit meiner Kindheit umweltkrank bin, also seit über 50 Jahren, habe ich schon vor 20 Jahren erstmals die Stadtregierung von Zürich wegen Wohnungen für MCS-Kranke angefragt. Es brauchte also mehrere Anläufe und einen langen Atem. Ich bin als Kind in Lacken und Lösungsmitteln aufgewachsen und war offensichtlich krank, wurde aber von NIEMANDEM in meinem Umfeld ernst genommen und als Simulant behandelt. 

SKM: Hast Du unter diesem Außenseiterdasein, in das man Dich gepresst hat, gelitten? 

CS: Ja, denn ich führte schon früh einen sehr einsamen Kampf, um zu überleben. Das Ausgegrenztsein hat mich geprägt und zu einem gesellschaftskritischen MCS-Aktivisten gemacht, der zwar spirituell denkt, aber weiß, dass dazu konkretes Engagement gehört. Taten bedeuten mir mehr als schöne Worte. Die Not der andern und mangelnde Solidarität betreffen mich sehr. So habe ich vor bald 10 Jahren die MCS-Liga Schweiz gegründet. MCS ist wohl mein Schicksal und meine Lebensaufgabe, da ich diese Krankheit schon von Kind an hatte. 

SKM: Nicht jeder ist so stark wie Du, Christian, Du wirst wohl auch weiterhin für viele mitkämpfen müssen. Hast Du Dir ein Ziel gesteckt? Was können andere MCS-Kranke tun, damit es weitergeht? 

CS: Oh ja, ich habe etwas ganz fest im Sinn: Eine finanzstarke MCS-Stiftung, ein Hilfsfond für Umweltkranke, ist mein Ziel. Ich bin glücklich mit dem was wir schon gemeinsam erreicht haben, und alles, was jetzt kommt, ist eine Zugabe. Ich möchte alle ermuntern bei uns mitzumachen, denn wir bewegen etwas. Natürlich sollen auch ander MCS-Stiftungen entstehen. Das Hilfsfond-Projekt um Dr. Tino Merz  finde ich toll und ich werde es nach Kräften unterstützen. MCS-Kranke in Not brauchen Hilffe. 

SKM: Was hat Deiner Meinung nach bei der Stadt Zürich die Türen geöffnet für dieses innovative Projekt, von dem nicht zuletzt auch andere Wohnbauvorhaben profitieren werden? Gesundes Wohnen ist ja nicht nur ein Trend, es bedeutet gesunde leistungsfähigere Menschen. War dieser Gedanke für die Stadt Zürich auch maßgebend?    

CS: Ich machte Flugblattaktionen vor dem Zürcher Rathaus und Medienberichte in bekannten lokalen und landesweiten Medien. Auch andere MCS-Betroffene meldeten sich darauf bei den Behörden. Jetzt nimmt uns die Stadt Zürich ernst und ist interessiert, durch unser MCS-Wohnprojekt zu lernen, noch gesünder zu bauen. Wir werden jetzt vermehrt damit an die Medien gehen und ich finde es auch toll, was Du mit CSN-Deutschland für uns MCS-Kranke machst. Auch eine MCS-Stiftung, die mir sehr am Herzen liegt, ist durch den Sog dieses Wohnprojekts in die Nähe gerückt. 

SKM: Wie hast Du es geschafft, dass man Dir zuhörte bei der Stadt Zürich und dass jetzt, man kann es eigentlich schon so sagen, dass es so aussieht, als ob ein Traum für MCS-Kranke in Erfüllung geht? 

CS: Es war einfach dieser jahrelange Druck über Medienberichte. Was die Stadt Zürich da macht, ist toll. Ihr gebührt großer Dank für dieses Pionierprojekt. Die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Heute rennen wir mit dem Thema GESUNDES WOHNEN offene Türen ein. Dies müssen wir Umweltkranke nutzen und Fakten schaffen. Gesunde Häuser für Umweltkranke sind materielle Tatsachen, die andern helfen, diese Umweltkrankheit besser zu verstehen und zur Anerkennung zu führen. 

SKM: Wer waren und wer sind die größten Unterstützer für Euer Projekt? 

CS: Am Anfang waren es die etwa 45 Genossenschaftlerinnen, die bei uns bis jetzt je einen oder mehrere Anteilscheine von etwa 330 Euro und mehr erwarben. Total fast 20.000 Euro, damit hatten wir einen guten Start. Wichtig waren auch die beiden Ärzte Dr. Roman Lietha und Dr. Klaus Tereh, die uns von Anfang an unterstützten und die beide mit im Vorstand sind. 

Zudem half uns der Verein Innovage bei der Gründung mit unentgeltlicher Hilfestellung und Beratung. Ganz wichtig bei der Gründung sind auch mein MCS-Kollege Matthias Zeller und der Journalist Stefan Hartmann. Jetzt kommt uns die große Vernetzung zu Gute, die ich im Laufe der letzten 10 Jahre aufgebaut habe, denn vieles läuft über gute Beziehungen.  Auch haben wir seit Monaten eine gesunde engagierte Kauffrau in der Administration, Renate Kurze, eine Allrounderin, ein echter Engel. 

Vor 12 Jahren war ich ja bei RTL (Ilona Christen) zum ersten Mal als Talkgast in einer TV-Sendung über Allergien, um über das Thema Umweltkrankheit und Chemikalien-Unverträglichkeit zu reden. Als ich die große Reaktion spürte, wurde mir bewusst, wie wichtig die Medienpräsenz ist, um unser Thema zur Anerkennung zu führen. Das müssen wir weiter nutzen. Silvia, auch Dein TV-Auftritt letzthin war ganz stark. 

SKM: Wie geht es jetzt weiter? Durch eine E-Mail von Dir erfuhr ich, es wird einen Architekturwettbewerb geben. Das MCS Haus wird also kein hässliches Wohnsilo, sondern ein Haus, das auf MCS Kranke und ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Kannst Du uns ein wenig mehr erzählen? 

CS: Ja, die Stadt Zürich gibt uns das Grundstück günstig im Baurecht und organisiert einen großen Architekturwettbewerb für dieses MCS-Mehrfamilienhaus, das ja nicht nur gesund, sondern auch wohnlich sein soll. Mit in der Jury sind unter anderen auch Dr. Peter Ohnsorge und Peter Bachmann von Sentinelhaus. Des Weiteren 2 Baubiologen, 3 Architekten und natürlich auch MCS-Betroffene. 

SKM: Wir haben seit einigen Monaten in Deutschland große Not und suchen verzweifelt nach Notunterkünften für MCS-Kranke, die es sehr schwer erwischt hat und die keinen Platz haben, wo sie überleben können. Wird auch für Notfälle ein Platz bei Euch sein? 

CS: Ja, die Wohnungsnot von andern Umweltkranken betrifft mich sehr. Selbstverständlich wollen wir Notwohnungen anbieten. Du weißt ja sicher noch, wie es mir ging, als ich einen Platz suchte für meinen alten Wohnwagen. Das vergesse ich nie, auch nicht die vielen Nächte, die ich da draußen im Wald verbrachte, unter freiem Himmel auf einem Liegestuhl schlafend. Geplant sind deshalb auch Notwohnungen für Umweltkranke und ein duftstofffreier Gemeinschaftsraum, wo sich MCS-Kranke treffen können. Die Hausordnung wird sehr strikt MCS-gerecht sein. 

SKM: Christian, das ist einfach wunderbar und wir schielen mit Wehmut in die Schweiz. Wird die Stadt Zürich sich in die Planung des MCS-Hauses einbringen? 

CS: Die Stadt wird unser Projekt begleiten, unter anderem mit ihren Bauökologen und Fachleuten, die sehr interessiert sind. Es macht Spaß, an diesen Sitzungen mit der Stadt dabei zu sein, zu spüren, wie man als MCS-Kranker nach vielen Jahren von den Behörden ernst genommen wird. Das Mehrfamilienhaus wird ganz am Stadtrand gebaut, direkt an der grünen Wiese, und 100 Meter von einem grossen Wald entfernt, am Hang des Uetlibergs. Der Wald dient auch als Luftfilter. 

SKM: Christian, wir wünschen Dir, dass das MCS Haus Projekt problemlos und rasch gebaut wird, damit auch Dein Nomadenleben im Wohnwagen ein Ende hat. Was wirst Du mit Deinem Wohnwagen oben in den Bergen machen, wenn Du endlich eine MCS-gerechte Wohnung hast? 

Christian mit MCS - WohnwagenCS: Da ich auch hitzeempfindlich bin und im Sommer oft unter der Wärme im Unterland leide, werde ich den Wohnwagen in den Bergen vorläufig behalten. Da viele MCS-Kranke hitzeempfindlich sind, planen wir auch MCS-gerechte Not- und Ferienwohnungen in den Bergen. Langfristig planen wir auch ein Netz von Ferienwohnungen, weil MCS-Kranke kaum geeignete Ferienwohnungen finden. Schön wäre es, auch am Meer solche Wohnungen zu haben. Das Zürcher MCS-Wohnprojekt kann ja nicht alle MCS-Wohnungsnot lösen, aber es soll ein pionierhafter Anstoss sein, dass viele andere MCS-Wohnprojekte entstehen. 

SKM: Das bedeutet, dass Eure Wohnbaugenossenschaft noch viel vorhat und wachsen will. Liege ich da richtig? 

CS: Richtig, und wir möchten andere ermuntern, Ähnliches zu tun. Wir haben eine ganze Reihe von Plänen, doch dazu braucht es noch viele engagierte MitarbeiterInnen. Auch wenn ich manchmal nicht weiß, wie lange meine Kraft reicht, da ich ständig ans Limit gehe, so freue ich mich über jeden Schritt, und es geht mir darum, gemeinsam etwas Tragfähiges aufzubauen. Eine starke MCS-Wohnbaugenossenschaft, eine finanzstarke MCS-Stiftung. Umweltkranke sollen menschenwürdig und respektiert leben können. Wir sind auf gutem Weg dahin, und nachfolgende Generationen sollen ja auch noch was zu tun haben. 

SKM: Lieber Christian, ich danke Dir sehr für das nette Interview. Magst Du uns noch etwas über die attraktive, neue Webseite GESUNDES WOHNEN MCS sagen, die Ihr speziell für das Wohnprojekt ins Netz gestellt habt? Uns würde noch etwas interessieren, wie wird es finanziell weitergehen, Ihr braucht ja eine Menge Geld in MCS-Dimensionen gedacht. 

CS: Liebe Silvia, danke für dein Interview-Anfrage und dass ich hier über unsere Wohnbaugenossenschaft und das Zürcher Wohnprojekt reden darf. Stell Dir vor, in den letzten Wochen sind bei uns Spenden eingegangen von vier Wohnbaugenossenschaften, je etwa 14.000 Euro total ca. 55.000 Euro. Ein Riesen Erfolg und guter Start. Das hat uns viel Mut gegeben. Wir wollen ja ca. 1 Mio. Euro zusammenbekommen und wie gesagt auch eine Stiftung gründen. 

Unsere neue Internetseite ist speziell für das Fundraising entworfen, um große Stiftungen und Firmen anzusprechen. Man kann sich auf der Internetseite gerne informieren. Wir sind auch froh um Unterstützung und Mitglieder aus dem deutschen Raum, da wir uns nicht nur auf die Schweiz beschränken wollen. Die Mitgliedschaft kostet einmalig ca. 330 Euro (1 Anteilschein) Wir haben 2 Ärzte im Vorstand, und zwei engagierte Frauen in der Geschäftsleitung. Als Präsident komme ich mit meiner Krankheit oft ans Limit, aber wir wollen in unserer Wohnbaugenossenschaft auch kranke Menschen integrieren und die Mitarbeit ermöglichen, so gut es geht, so machen wir vieles über Telefonkonferenzen. Natürlich sind wir froh um weitere MitarbeiterInnen. 

SKM: WOW – kann ich da nur sagen, Christian, solche Unterstützung durch die anderen Wohnungsbaugenossenschaften und dann diese Summen, das ist einfach phantastisch. Mach so weiter Christian, bleib stark, auf unsere Unterstützung kannst Du jederzeit zählen, und wir wünschen Euch, dass es weiterhin mit so großen Schritten voran geht und halte uns natürlich auf dem Laufenden. 

Presseresonanz auf das MCS-Wohnprojekt

 

Weitere Berichte über Christian Schifferle

 

Weitere Auskünfte über das MCS-Wohnprojekt erteilt:

Christian Schifferle, Präsident Wohnbaugenossenschaft GESUNDES WOHNEN MCS, Telefon 044 401 05 22 (09.00 – 12.00 und 14.00 – 17.00).

AGÖF startet neues Forschungsvorhaben zur Innenraumluftqualität

Labor - Team forscht nach Schadstoffen in Innenräumen

 

Datenerhebung zur Raumluftqualität von Wohn- und Bürogebäuden als Bewertungsgrundlage von Zielkonflikten energieeffizienter Bauweise

Die Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute ist seit 01.10.2009 vom Umweltbundesamt beauftragt, ein vom BMU gefördertes, dreijähriges FuE-Vorhaben mit dem Thema „Zielkonflikt energieeffiziente Bauweise und gute Raumluftqualität – Datenerhebung für flüchtige organische Verbindungen in der Innenraumluft von Wohn- und Bürogebäuden (Lösungswege)“ durchzuführen. Im Rahmen des Projektes werden umfangreich Daten zu flüchtigen organischen Verbindungen in der Innenraumluft von Wohn- und Bürogebäuden erhoben, in einer Datenbank zentral erfasst und ausgewertet. 

Ziel ist es, mögliche Konflikte zwischen einer zunehmend dichteren Gebäudehülle und der Raumluftqualität empirisch besser beschreiben und bewerten zu können. Anhand fundierter Daten werden Lösungswege für die raumlufthygienische Optimierung energieeffizienter Gebäude entwickelt, die bei weiteren Energiesparmaßnahmen gezielte Hinweise für Politik und Verwaltung liefern können. 

Schwerpunkt des Vorhabens ist die Erfassung und Auswertung vorhandener Daten zur Qualität der Innenraumluft. Die AGÖF-Institute führen jährlich bundesweit mehrere tausend Raumluftuntersuchungen durch. Damit steht dem Vorhaben für die Jahre 2007 bis 2012 ein großer Pool an Daten zur Auswertung zur Verfügung. Sie werden durch Daten aus den Jahren 2002 und 2006 ergänzt, die im FuE-Vorhaben „Erstellung einer Datenbank zum Vorkommen von flüchtigen organischen Verbindungen in der Raumluft“ schon erfasst wurden. 

Ergänzend zu vorhandenen, auftragsbezogen erhobenen Daten werden im Rahmen des Projektes in 50 Gebäuden, die entsprechend der Energieeinsparverordnung 2002 bzw. später errichtet oder saniert wurden, gezielt Messungen durchgeführt. Geplant sind Messungen in Wohn- und Schulgebäuden jeweils in unterschiedlichen Klimasituationen (Winter/Sommer). Ein hoher Anteil von Gebäuden mit Lüftungsanlagen wird angestrebt, um den Einfluss unterschiedlicher Lüftungsarten zu erfassen. 

Die Mitglieder der AGÖF haben schon früh auf mögliche Auswirkungen der Energieeinsparbemühungen im Bauwesen auf die Raumlufthygiene hingewiesen und Lösungskonzepte dazu erarbeitet. Die AGÖF begrüßt deshalb ausdrücklich die Chance, das Konfliktpotential mit aussagekräftigen Zahlen belegen zu können. Darüber hinaus ermöglicht die umfangreiche Datenerhebung Hinweise auf zeitliche Trends bei Schadstoffen in Innenräumen und eine Aktualisierung der AGÖF Orientierungswerte. 

Projektleitung: Dr. Heidrun Hofmann und Dr. Peter Plieninger

Weitere Informationen über die Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute e.V. (AGÖF):   AGÖF

Die Zeit, in der man MCS verstecken konnte, ist abgelaufen – Interview Teil III

Die Zeit in der man MCS verstecken konnte ist abgelaufen 

Eva Caballé ist seit vier Jahren krank, sie hat Chemikalien-Sensitivität. Dadurch kann sie das Haus und oft das Bett nicht verlassen. Außer ihrem Mann, ihrer Mutter und wenigen Freunden kann niemand zu ihr. Jeder, der in ihre Nähe kommt, muss komplett chemie- und duftfrei sein, damit sie keine schweren gesundheitlichen Reaktionen erleidet. Doch Eva ist eine Kämpferin, sie hat sich nie der Krankheit unterworfen. Die verbliebene Kraft, über die Eva verfügt, zentriert sie, um über MCS aufzuklären. Sie schreibt Artikel für ihren Blog No Fun, für die Kulturzeitung Delirio, und in Kürze erscheint ihr erstes Buch. Das, was Eva schreibt, geht tief, denn sie spricht die Wahrheit auf unmissverständliche Weise aus und hält jenen, die MCS in Frage stellen, einen Spiegel vor. 

Interview Salvador López Arnal mit Eva Caballé, November 2009, Teil III:   

Wer Teil I und Teil II verpasst hat: Interview TEIL I – Interview Teil II 

Salvador López Arnal: Einer Ihrer Artikel heißt „Wir werden nackt geboren“ und fand bei Menschen mit MCS und anderen am Thema Interessierten großes Echo. Weshalb? Um was geht es in dem Artikel?

 Die nackte Wahrheit über MCS

„Die nackte Wahrheit über MCS“ wurde in 9 Sprachen übersetzt

 

Eva Caballé: Ich schrieb diesen Artikel für das online Kulturmagazin Delirio. Er legt ohne falsche Rücksicht die völlige Missachtung und Vernachlässigung offen, an der wir Menschen mit MCS leiden, und er beleuchtet die Situation in Spanien ausführlich. Dieser Artikel enthielt zwei Nacktfotos von mir, auf denen ich nur eine Atemmaske trage. Dies zog die Aufmerksamkeit von MCS-Organisationen in anderen Ländern auf sich und hatte zur Folge, dass der Artikel in neun verschiedene Sprachen übersetzt wurde. 

Der Grund für den Erfolg war, dass sich an MCS erkrankte Menschen überall in der Welt in der Beschreibung der Situation wiedererkannten, die wir in Spanien erleben. Traurigerweise sogar in Längern, in denen MCS anerkannt ist. Menschen mit dieser Krankheit werden an den Rand geschoben und totgeschwiegen, da ökonomische Interessen wichtiger als die Gesundheit sind. 

In der nächsten Nummer von Delirio, die Stille zum Thema hat, wird es einen weiteren Artikel zu MCS geben. Sie haben mich gebeten, den Artikel zu schreiben, um den Erfolg von „Wir werden nackt geboren“ zu erklären. Auf diese Weise setzen wir die Information über MCS fort. 

Wir sind die „Kanarienvögel im Bergwerk“, wir warnen vor dem Unglück, das kommen wird. Wir sind der Beweis, dass das aktuelle Modell der Gesellschaft gescheitert ist, obwohl dies niemand zugeben oder gar bezahlen möchte, geschweige denn möchte jemand etwas unternehmen. Aus all diesen Gründen wollen sie, dass man uns nicht hört. 

LA: Kommendes Unglück? Welches Unglück? Warum ist das aktuelle Modell der Gesellschaft gescheitert? Wegen der Krankheiten, die es zur Folge hat? Beschreiben Sie mir ein humaneres Modell. 

EC: Die MCS-Fälle nehmen rasend zu, und es werden immer jüngere Menschen. Jeden Tag gibt es mehr Kinder mit Allergien, Asthma, Glutenintoleranz usw. Krebsfälle vervielfachen sich und tauchen in Familien ohne Krebsvorgeschichte auf. Es gibt fortlaufend neue Studien, die einen Zusammenhang zwischen chemischen Stoffen, elektromagnetischer Strahlung und bestimmten Krebsarten oder eine Zunahme von Allergien aufzeigen. Wenn nichts getan wird, erwartet uns eine Zukunft, die nichts mit einer gesunden Gesellschaft zu tun hat. 

Ich habe wie andere Leute mit MCS den Beweis, dass diese Gesellschaft versagt hat. Als ich noch klein war, dachte ich immer, dass die Regierung für uns sorgt und dass etwas nur verkauft wird, wenn es sicher ist. Mehr konnte ich mich nicht irren. Die Luftqualität in Städten wie Barcelona oder Madrid ist skandalös. Unser Essen ist voller Pestizide, mit allen möglichen Zusätzen, und sie erlauben den Verkauf transgen veränderter Lebensmittel. Sie lassen uns krank werden und überlassen uns ohne zu helfen unserem Schicksal, ohne Gesundheitsversorgung, so wie es mir widerfuhr. Du studierst, machst Deinen Abschluss, hast eine gute berufliche Karriere und dann, wenn Du anfangen könntest, Dein Leben zu genießen, ist es vorbei. Ist das ein Wohlfahrtsstaat? 

Es sollten Maßnahmen unternommen werden, um damit aufzuhören, ökonomische Interessen über die Gesundheit zu stellen. Chemische Stoffe und elektromagnetische Strahlung sollten verboten und reguliert werden. Transgen veränderte Lebensmittel sollten verboten werden. Ökologischer Landbau sowie alternative Energien sollten gefördert werden… Es gibt eine unendliche Zahl von Maßnahmen, die nötig wären, aber das wichtigste ist, die Richtung zu ändern und damit anzufangen, bevor es zu spät ist. 

LA: Sie haben ein Buch, ein ganz wunderbares Buch geschrieben das „Vermisst“ heißt, warum vermisst. Wohin sind sie verschwunden?  

EC: Ich danke Ihnen, mein Buch zu loben. Für eine neue Autorin ist das eine Ehre. 

LA: Die Ehrerbietung, liebe Eva, das wird die der Leser sein, das kann ich Ihnen versichern. 

EC: Ich dachte an diesen Titel, als ich das tolle Vorwort las, da Clara Valverde dafür schrieb (sie ist Autorin, Präsidentin der SFC-CFS Liga und lebt mit dem chronischen Müdigkeitssyndrom). In dem Augenblick wurde mir klar, viele Leute könnten denken, dass ich von der Erdoberfläche verschwunden wäre. Ich wurde von einer Frau, die einen Job mit viel Verantwortung bei einer Bank hatte, die jeden Tag im Fitness-Studio auftauchte, Rock-Konzert besuchte, mit Freunden ausging und mit ihrer Familie den Urlaub verbrachte zu einer, die um zu überleben in der eigenen Wohnung eingesperrt ist. Von Außen betrachtet fehle ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Ich wurde von MCS gekidnapped. 

Die Außenwelt ist für alle giftig, aber für jene, die MCS haben, bedeutet dies, dass wir nicht ohne Kohlefilter-Atemmaske, die uns vor gefährlichen chemischen Stoffen schützt, rausgehen können. In einigen Fällen ist die Erkrankung derart heftig, dass wir nicht einmal mit einer Maske raus können. Ich bin dazu verurteilt, innerhalb meiner vier Wände zu leben, da keine Maßnahmen ergriffen wurden, diese chemischen Substanzen zu verbieten, die in meinem Körper eine Krise auslösen und andere Menschen umweltbedingte Erkrankungen entwickeln lassen. Merkt es niemand, dass es nicht normal ist, jeden Tag von einem Krebstoten zu erfahren. Stört es niemanden, dass die Gesellschaft täglich kränker wird und dass dies nicht hinnehmbar ist? 

LA: Abschließende Frage: Was sollten die Gesellschaft und das Gesundheitssystem in Anbetracht dieser neuen Erkrankungen tun? Sind sie wirklich neu? Können Sie für den Anfang eine paar Ideen vorschlagen? 

EC: Wie ich bereits sagte, ist MCS nicht wirklich neu, da über die ersten Fälle schon in den 50’er Jahren berichtet wurde. Im Jahre 2009 können wir die Tatsache, dass nichts unternommen worden ist, nicht mit der Vorstellung rechtfertigen, es würde sich um neue Krankheiten handeln. 

Auf internationaler Ebenen sollte als erster Schritt die WHO MCS ein für allemal als eine organische Erkrankung anerkennen. Doch bis dies geschieht, sollte unser Land dem Beispiel anderer Europäischer Länder folgend MCS anerkennen. Auch sollten sie Ärzte ausbilden und das Gesundheitssystem für MCS fit machen. Dies alles würde auch bedeuten, dass wir Anspruch auf eine Invaliditätsrente bekommen und dass andere Hilfsangebote an unsere Krankheit angepasst werden sollten. 

Wenn heute Menschen mit MCS noch kränker werden, vielleicht wegen unserer Erkrankung oder wegen einer anderen Erkrankung, die wird auch haben, können wir nirgends hin gehen, da es keine für uns geeigneten Krankenhäuser gibt und weil die Leute, die dort arbeiten, nichts über unsere Krankheit wissen. Das zeigt, wie schlimm unsere Situation ist. 

Es ist ebenfalls notwendig, Regeln zur Prävention einzuführen wie etwa „Duftstofffrei“ für Krankenhäuser und öffentliche Gebäude und bestimmte Stoffe zu kontrollieren und zu verbieten. All dies wäre für die Gesundheit und das Wohlbefinden aller Bürger von Vorteil, nicht nur für uns MCS-Kranke. 

Und offenbar bedarf es einer öffentlichen Informationskampagne, damit die Leute unsere Behinderung verstehen können. Wenn Sie mit einer Atemmaske auf die Straße gehen, liefern Sie sich allen möglichen Arten von Spott und Schmähungen aus, und dies ist nicht hinnehmbar. Es gibt Leute, die krank sind und nicht einmal von ihren Freunden und ihrer Familie irgendwelche Unterstützung bekommen, nur weil MCS keine anerkannte Krankheit ist. 

Wir bitten nicht um eine Vorzugsbehandlung, aber um eine angemessene Behandlung der Probleme, die von dieser Krankheit verursacht werden. 

LA: Was Sie sagen und fordern ist sehr vernünftig. Ich danke Ihnen für ihre Ausführungen. Möchten Sie noch etwas hinzufügen? 

EC: Ja, Es wäre schön, wenn das öffentliche Bekanntmachen meiner Situation durch meinen Blog und nun noch mehr durch mein Buch jene warnt, die noch gesund sind. Vielleicht denken manche, sie wären sicher, weil sie keine genetische Disposition für MCS haben. Doch das ist ein Irrtum. Wie ich berichtet habe, rufen Substanzen, die MCS verursachen, auch viele andere Krankheiten hervor. Also, wir können und wir sollten anders und ohne derart viele chemische Produkte leben. Das wäre gleichermaßen für unsere Gesundheit, wie für die Umwelt gut. Wir müssen etwas ändern, bevor es zu spät ist. Die Veränderung beginnt mit jedem einzelnen von uns, da wir als Verbraucher mehr Macht haben als wir denken. Wenn keine Nachfrage da ist, gibt es auch kein Angebot. 

Und als Schlusswort möchte ich einen Absatz aus meinem Artikel „Wir werden nackt geboren“ zitieren: 

Jene von uns, die mit MCS leben, hätten gerne, dass diese Krankheit anerkannt wird, wir hätten gerne die gleichen Rechte wie andere chronische Patienten, wir hätten gerne, dass die Gesellschaft das Risiko, dem sie sich aussetzt, kennt, wir hätten gerne eine Regierung, die ihre Bürger schützt und die hilft, unnötige Erkrankungen zu verhindern. Wir möchten nicht, dass sich irgendjemand wegen MCS nackt fühlt.

 

Interview: Salvador López Arnal mit Eva Caballé, November 2009

Übersetzung: BrunO für CSN – Chemical Sensitivity Network, November 2009

Wer Teil I und Teil II des Interviews verpasst hat:

Wer Mitglied auf Facebook ist, kann Eva zu seinen Freunden hinzunehmen: No Fun auf Facebook

Schulen: Umweltbundesamt gibt Tipps, um Fehler bei Renovierungsarbeiten zu vermeiden

Endlich werden Schulen gesünder

 

Schulen in denen Schüler und Lehrer reihenweise durch Schadstoffe oder Schimmel krank wurden, gibt es quer durch ganz Deutschland. An mancher Schule tobt ein jahrelanger Kampf, ob das PCB, Lösungsmittel, Holzschutzmittel oder die vorhandene Schimmelbelastung zumutbar sind oder nicht. Im Zuge des Konjunkturprogramms soll auch für Verbesserung der Innenraumluft an Schulen gesorgt werden, wie der nachfolgende Pressemitteilung des Umweltbundesamtes zu entnehmen ist: 

Pressemitteilung des UBA – Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau, 09.11.2009 

Konjunkturprogramm hilft auch Schulen
Umweltbundesamt gibt Tipps, Fehler bei Renovierungsarbeiten in Schulen zu vermeiden

Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern dürfen sich auf baldige Sanierungsarbeiten in ihren Schulen freuen. Geld aus dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung soll die Lernbedingungen vor allem in älteren Schulgebäuden verbessern. Die für Sanierungs-, Modernisierungs- und Renovierungsarbeiten bereitgestellten Bundesmittel machen Schulen nicht nur schöner. Sie sollen auch für gute Luft beim Lernen sorgen. Voraussetzung dafür ist jedoch die richtige Materialauswahl durch die öffentlichen Beschaffungsstellen. Sonst kann es auch unangenehme Gerüche geben – hervorgerufen durch erhöhte Emissionen flüchtiger und schwerflüchtiger organischer Stoffe. Diese wiederum können Ursache für Konzentrationsschwäche sowie Kopfschmerzen sein. 

Das Umweltbundesamt (UBA) empfiehlt, sich bei Renovierungsarbeiten am „Leitfaden für die Innenraumhygiene in Schulgebäuden“ zu orientieren. Die Innenraumlufthygiene-Kommission des UBA hat diese Publikation 2009 umfassend überarbeitet. Der Leitfaden gibt Tipps, wie die Schulen umweltfreundlich und gesundheitsbewusst saniert und dabei wirtschaftlich aufgewertet werden können. Er erleichtert es den Verantwortlichen – sowohl den Baubetrieben als auch den Schulleitern – dauerhaft gutes Raumklima zu schaffen. Voraussetzung sind eine fachliche Bauausführung – auch unter Beachtung möglicher Schadstoffe in der vorhandenen Bausubstanz – sowie der Einsatz geeigneter Materialien und Produkte. 

Für gesundheitlich unbedenkliche Bauprodukte ist das Umweltzeichen Blauer Engel ein zuverlässiger Wegweiser. Der Blaue Engel wurde beispielsweise für folgende Produkte vergeben: Parkett-, Laminat- und Linoleumböden, elastische Fußbodenbeläge, Fugendichtstoffe, Klebstoffe für Böden, Schall- und Wärmedämm-Material, Holzwerkstoffe, Raufaser, Lacke und Wandfarben. Der Einsatz dieser Produkte muss jedoch auch aufeinander abgestimmt sein. Die Baubetriebe sollten darauf achten, dass zum Beispiel Kleber und Bodenbelag keine reaktionsbedingten Ausgasungen verursachen. 

Renovieren mit emissionsarmen Produkten ist eine wichtige Voraussetzung für gesunde Luft in Klassenzimmern – auch, wenn diese Produktgruppen in der Anschaffung zunächst etwas teurer sind. Ein nachträgliches Beseitigen von Renovierungs- oder Modernisierungsmängeln verursacht höhere Kosten, so die Erfahrungen in betroffenen Schulen. 

Treten nach der Renovierung bei den Schülern Kopfschmerzen, müde Augen und Konzentrationsschwäche auf, wirkt dies dem angestrebten Lernerfolg entgegen und verursacht auch Kosten an anderer Stelle, etwa zur Wiederherstellung der Gesundheit. Die Einbeziehung von Umweltkriterien in die öffentliche Auftragsvergabe ist mittlerweile zweifelsfrei zulässig. Diese veränderte Rechtslage ist allerdings vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Beschaffungsstellen und den Gemeinden noch nicht bekannt. 

Die folgenden Publikationen des UBA stehen zum kostenlosen Download bereit, geben Tipps und bieten Orientierung: 

Quelle: Presseinformation des UBA, Konjunkturprogramm hilft auch Schulen, Dessau-Roßlau, 09.11.2009

CSN Artikel zum Thema Schulen:

  • Ist MCS lebensgefährlich?

    Kann MCS lebensgefährlich sein?

    Direkt nicht.  Aber MCS – Multiple Chemical Sensitivity (ICD-10 T78.4)  ist eine allgemeine Schwächung des Organismus, birgt die Gefahr der Anaphylaxie und des Suizids.

    Eine allgemeine Schwächung des Organismus dürfte zu einer niedrigeren Lebenserwartung führen. Die nächste Generation wird vielleicht eine allgemein gesunkene Lebenserwartung feststellen. In Sachen toxischer Risiken hinkt die Gesellschaft stets Jahrzehnte hinterher. Rekordverdächtig ist etwa das HCB-Verbot: zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis (Porphyrie, 1956) und Verbot (1978) lagen „nur“ 22 Jahre. Unbestritten ist, dass die Morbidität steigt. Die Rate der Frührentner steigt und das durchschnittliche Eintrittsalter dafür sinkt.

    Tödliche Folgen von Reaktionen sind in Einzelfällen bekannt. Die statistische Relevanz ist unklar.

    Der Zusammenhang zwischen Chemikalien und Suiziden ist seit der berühmten Boehringerstudie bekannt. Prof. Manz, ein Arbeitsmediziner, hatte bei den Beschäftigten mit Pestizidkontakt (2,4,5-T-Säure, als Vietnamgift „Agent Orange“ bekannt und enthielt Dioxin ) eine signifikant erhöhte Suizidrate nachgewiesen. Es wäre ja auch verwunderlich, wenn Nervenschäden zu keiner Schwächung der Psyche führen würden.

    Zitat aus dem SPIEGEL von 1991 (32/1991):

    „Die Firmenleitung und die Berufsgenossenschaft boykottierten anfangs die Untersuchung, so daß Manz über Friedhöfe, Sterberegister und 400 Interviews dem Tod auf die Spur kommen mußte. Erst kurz vor Abschluß seiner Untersuchung erhielt er von Boehringer eine Personalliste.

    Die in der Bundesrepublik einzigartige Studie, die im Herbst vom Hamburger Senat veröffentlicht wird, zeigt, daß Arbeiter, die 20 Jahre bei Boehringer beschäftigt waren, doppelt so häufig an Krebs erkranken wie andere Deutsche. Besonders diejenigen, die in Harri Garbrechts T-Säure-Abteilung den hohen Dioxin-Mengen ausgesetzt waren, zeigen eine „deutliche Übersterblichkeit“ von 240 Prozent.

    Die Selbstmordrate ist um 62 Prozent überhöht.“

    Falsche wissenschaftliche Darstellung kann tödlich sein

    Angesichts dieser Tatsache erscheint die Psychothese in einem anderen Licht. Sie ist nicht nur wissenschaftlich abwegig und bei genauer Betrachtung eine absichtliche Vertauschung von Ursache und Wirkung, sondern in zweifacher Weise für den Tod durch Suizid verantwortlich. Angelika S. hat sich erst das Leben genommen, als sie keinen Ort mehr gefunden hat, den sie vertragen hat. Diese Phantomdebatte über angeblich psychische Verursachung von MCS hat dazu geführt, dass in Deutschland, ja in Europa, keine Klinik existiert, die solche Patienten aufnehmen kann. Wenn man obendrein Schwerstkranke auch noch als „Psycho“ beschimpft, sie als unglaubwürdig hinstellt, ihnen also auch noch die menschliche Würde und vor allem ihre verfassungsmäßigen Rechte nimmt, so ist man obendrein auch direkt verantwortlich für solche lebensbeendenden Folgen. Ein Mensch, der sein Leben erst dann beendet, nachdem alle Bemühungen über Internet fehlgeschlagen sind, ist bestimmt eine starke Persönlichkeit. Eine psychische Schwäche ist hier nicht zu erkennen.

    Rechtliche Würdigung

    Man kann zunächst konstatieren, dass eine solche Art Medizin zu betreiben, den Patienten schädigt. Zum einen ist dies unterlassene Hilfeleistung, und zum anderen ist es psychische Verletzung. Der Hippokratische Eid verbietet das. Darüber hinaus ist es fahrlässig, die Möglichkeit einer organischen Schädigung außer acht zu lassen, wenn man dem Patienten sonst nicht helfen kann.  Das gilt ganz besonders dann, wenn auf Ebene höchster Autorität MCS als organische Schädigung anerkannt ist.

    Wenn im Weiteren, nämlich in einer anhaltenden Diskussion über mehr als ein Jahrzehnt, sowohl die Gefahr der Anaphylaxie als auch die Gefahr des Suizids und obendrein andere schwere Organschädigungen in der Folge von MCS  (Rea, Chemical Sensitivity, Volume 3, ca. 900 Seiten) ignoriert werden, so nimmt man diese Schäden billigend in Kauf. Dies ist grob fahrlässig, wenn nicht sogar bedingt vorsätzlich.

    Es ergibt sich also, dass solche Aktivitäten einen Bruch des Hippokratischen Eids darstellen, unterlassene Hilfeleistung und Körperverletzung. Da es sich um hartnäckiges Vertreten einer fragwürdigen Auffassung von Wissenschaft handelt, sind diese Aktivisten auch persönlich für die Folgen verantwortlich.

    Da es Tote gegeben hat, ist es an der Zeit darüber nachzudenken, diese Tatbestände auch in einem rechtlichen Verfahren wirksam werden zu lassen. Die Erfahrung hat gelehrt, dass stetige moralische Empörung diesem Tun nicht einmal Grenzen setzen kann. So ist es sinnvoller, die Energie in rechtlich wirksame Aktivitäten fließen zu lassen. Die Hauptschwierigkeit wird nicht sein, den Nachweis zu führen, denn wir besitzen alles Schwarz auf Weiß. Die Hauptschwierigkeit wird sein, ein Gericht zu finden, das die Klage überhaupt annimmt.

    Von dieser Stelle ergeht die Aufforderung, darüber eine Diskussion zu beginnen und zwar eine ernsthafte.

    Autor: Dr. Tino Merz, Sachverständiger Umweltfragen für CSN – Chemical Sensitivity Network, 9. November 2009

    Vorhergehende Blogs zur Serie und zum Thema:

    Weiterführende Informationen:

    Stadt Zürich schreibt Wohnprojekt und Architekturpreis für ein baubiologisches MCS -Haus aus

    Umgebung-MCS-Grundstück

     

    Die Stadt Zürich hat ab heute ein MCS-Wohnprojekt und einen Architekturpreis ausgeschrieben. Menschen mit Chemikalien-Sensitivität, meist kurz MCS genannt,  sollen ein baubiologisch konzipiertes Zuhause erhalten. Diese schwer Umwelterkrankten reagieren auf geringste Konzentrationen von Chemikalien und entwickeln darauf vielfältige Gesundheitsbeschwerden. Wohnen in normalen Mietwohnungen ist kaum möglich, es bedarf einer schadstofffreien Wohnumgebung, um Stabilisierung und relative Beschwerdefreiheit zu erzielen. 

    Erstes MCS-Wohnprojekt in Europa

    Das geplante baubiologische MCS-Wohnhaus in Zürich wird 10 bis 12 kleine Wohnungen bieten und ist das erste Projekt dieser Art in Europa. Nur in USA und Japan gibt es ebenfalls solche öffentlich unterstützten Projekte für Menschen mit Umweltkrankheiten. 

    Die Stadt Zürich nimmt sich der Problematik, mit der chemikaliensensible Menschen im Alltag leben müssen, mit viel Engagement und Verständnis an. Man erhofft sich mit diesem Projekt gleichzeitig innovative Ideen für weitere öffentliche Wohnprojekte, die in Folge vielen Menschen zugute kommen. Bis zur Fertigstellung wird zwar noch einige Zeit vergehen, doch das Projekt steht unter einem guten Stern, denn es wird von vielen Fachleuten tatkräftig unterstützt. Auch zwei deutsche Experten sind als Berater mit dabei, der Würzburger Umweltmediziner Dr. Peter Ohnsorge und Peter Bachman von Sentinelhaus. 

    Gesundes Wohnen für MCS-Erkrankte

    Viele Monate wurde nach einem geeigneten Grundstück für das Projekt gesucht. Für den Standort des Wohnhauses für MCS-Kranke mussten eine ganze Reihe von Kriterien erfüllt werden. Immer wieder fuhr Christian Schifferle, Präsident der Wohnbaugenossenschaft GESUNDES WOHNEN MCS, mit Experten los und schaute sich Baugrundstücke an. Dann war es soweit, das Grundstück war gefunden. Für den aktiven Schweizer geht ein Traum in Erfüllung. Er selbst ist seit 50 Jahren hochgradig chemikaliensensibel und lebt seit vielen Jahren in einem speziell hergerichteten Wohnwagen in natürlicher Umgebung. Viele Nächte schlief er im Wald, weil er keinen Ort fand, an dem sein Körper nicht auf Chemikalienausdünstungen reagierte. In der Schweiz gibt es weitere Menschen, die ebenfalls an MCS erkrankt sind und nach geeignetem Wohnraum suchen. Das war für Christian Schifferle Grund, dass er immer wieder bei Politikern und Behörden vorsprach und um Unterstützung bat. Rund 20 Jahre lang sprach er die Stadt Zürich immer wieder und wieder an, damit man sich von deren Seite für MCS-gerechten Wohnraum einsetzen möge. Der heutige Tag ist daher für ihn, die Mitglieder seiner Selbsthilfeorganisation MCS Liga und aller, die sich in der eigens gegründeten Wohnbaugenossenschaft GESUNDES WOHNEN MCS engagiere, ein ganz besonderer Tag. 

    Die nachfolgende Pressemitteilung der Stadt Zürich gibt nähere Informationen über das Projekt, zu dem CSN das beste Gelingen wünscht. In der kommenden Woche wird es hier im CSN Blog auch noch ein Interview mit Christian Schifferle geben, er wird uns viel vom Werdegang des ganzen Projektes berichten. 

    Wohnhaus für MCS-Erkrankte in Zürich-Leimbach

     

    Sitzung-MCS-Mehrfamilienhaus 

    Stadt Zürich Liegeschaftenverwaltung

    PRESSEMITTEILUNG, Zürich 6. November 2009

     

    Ausschreibung eines Studienauftrags

    Die Stadt Zürich will Wohnmöglichkeiten für schwer Umwelterkrankte unterstützen. Sie schreibt für einen Neubau auf dem städtischen Areal am Rebenweg in Zürich-Leimbach einen Studienauftrag im selektiven Verfahren aus. Erwartet wird ein wegweisendes Projekt für ein MCS-gerechtes Wohnhaus mit rund zehn bis zwölf Kleinwohnungen, das höchste baubiologische Anforderungen erfüllt. Das Areal mit dem prämierten Projekt soll der Baugenossenschaft gesundes Wohnen MCS im Baurecht abgegeben werden. 

    Schätzungsweise rund 5000 Menschen in der Schweiz leiden an der schweren Chemikalienunverträglichkeit MCS (Multiple Chemical Sensitivity). Für sie ist es oft fast unmöglich, passenden Wohnraum zu finden. Geringste Chemikalien-Konzentrationen lösen bereits Beschwerden aus: Schwindel, Kopf- und Gliederschmerzen, Haut- und Atemwegprobleme, chronische Erschöpfung. Wer stark betroffen ist, kann keiner Arbeit mehr nachgehen und sieht sich sozial zunehmend isoliert. 

    Die im 2008 gegründete Wohnbaugenossenschaft Gesundes Wohnen MCS mit Sitz in Zürich und die Stadt Zürich wollen mit einem baubiologisch pionierhaften Wohnhaus MCS geeigneten Wohn- und Lebensraum schaffen Das 1214 m2 grosse Grundstück am Rebenweg ist gründlich evaluiert worden. Es verfügt vor allem über eine für stadtzürcherische Verhältnisse gute Luftqualität. 

    Die in der Bauzone liegenden 875 m2 ermöglichen den Bau von zehn bis zwölf 2- bis 3-Zimmer-Wohnungen. Architekturteams können ihre Bewerbungen bis 25. November 2009 beim Amt für Hochbauten einreichen. Aus den eingegangenen Bewerbungen wird das Beurteilungsgremium fünf Architektinnen und Architekten bzw. Planungsteams auswählen, die bis Mitte April 2010 ein Projekt erarbeiten werden. Juriert wird der Studienauftrag im Mai 2010. 

    Die junge Baugenossenschaft verfügt noch nicht über ausreichende Eigenmittel. Aus diesem Grund finanziert die Stadt den Projektwettbewerb in Höhe von 150 000 Franken vor. Für die Realisierung des Bauprojekts wird mit Kosten von 5 Millionen Franken gerechnet. Um tragbare Mietzinse zu erreichen, beabsichtigt die Baugenossenschaft, 1,5 Millionen Franken mit einem Fundraising abzudecken.

    Weitere Auskünfte erteilt:

    • Arno Roggo, Direktor Liegenschaftenverwaltung der Stadt Zürich (ausschließlich für Presseanfragen)
    • Christian Schifferle, Präsident Wohnbaugenossenschaft GESUNDES WOHNEN MCS, Telefon 044 401 05 22 (09.00 – 12.00 und 14.00 -17.00). 

     

    Baugenossenschaft GESUNDES-WOHNEN-MCS 

     

     

    Weitere Informationen:

    Franzi, umweltkrank – Gezielt mittellos gemacht und sich selbst überlassen

    Umweltkranke erhalten eine Stimme

     

    Franzi litt über Jahrzehnte an MCS (Multiple Chemikalien Sensitivität), ohne es zu wissen. Sie hatte schwere, teils lebensbedrohliche Beschwerden. Statt sie ernst zu nehmen, versuchten Ärzte, sie mit Mitteln zu behandeln, die sie nicht vertrug. „Ich habe seit drei Jahrzehnten schwere Allergien bis hin zum langanhaltenden anaphylaktischen Schock mit Koma auf Medikamente, bes. Schmerz- und Kreislaufmittel, sowie später Penicilline. Es kam immer mehr dazu. Ich bekam sie auch leider oft verschrieben und erlebte jedes Mal eine böse Überraschung, bevor ich das ganze Ausmaß kannte, während ich aber die meiste Zeit noch nicht auf Alltagschemikalien reagierte und auch noch nichts von MCS wusste.

    Oft habe ich dabei aber an den Reaktionen der Ärzte erfahren müssen, dass sie offenbar meinten, ich würde die allergischen Reaktionen „willentlich“ hervorrufen. Sie waren sauer auf mich und beschimpften mich mitunter heftig. Deshalb vermied ich es meist, überhaupt noch zum Arzt zu gehen.“

     „Versteckte“ Informationen statt korrekte Diagnose

    Irgendwann erfuhr Franzi dann doch von ihrer Krankheit. „Die erste „versteckte“ Information erhielt ich, als ich mich bereits acht Jahre mit schwersten Reaktionen herumplagte, von denen meine damalige „Noch-Allergologin“, wo in der Praxis Jahrzehnte zuvor eine damals auch MCS-Kranke mit denselben Worten abgewiesen wurde (was ich aus dem Wartezimmer mit Entsetzen beobachtete), auch nur meinte: „Sowas gibt’s gar nicht – also kannte sie das sehr wohl.“ 

    Suche nach der Nadel im Heuhaufen

    Weitere Hinweise bekam Franzi von einer Frau, die auf Pestizide in Wolle reagierte. Sie suchte selbst monatelang, und fand schließlich die  Adressen von Umweltmedizinern und eines deutschen Krankenhauses, das auch MCS-Fälle aufnimmt. Dorthin wollte sie sich einweisen lassen. „Zuvor wurde ich zum ambulanten Vorgespräch bestellt, wo ich auch hingefahren wurde von Freunden, die sich ganz auf meine Bedürfnisse eingestellt hatten. Aus dem Vorgespräch, das sich u. a. auf meine umweltrelevanten Eintragungen bezüglich meiner persönlichen Belastungen im umfangreichen Fragebogen stützte, ergaben sich für mich gravierende Mängel bei bestimmten Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen, die ich dann aufgeschrieben bekam und mir besorgen konnte – dachte ich wenigstens. Sehr schnell stieß ich auf Probleme dabei, weil meist Zusatzstoffe drin sind, und das sollte nicht sein.“ Fakt ist: Man kann solche Mittel ohne Zusatzstoffe (oft ist es nur Farbstoff und Aroma) herstellen. Aber da jede Firma ein anderes, für sich typisches Produkt auf den Markt werfen muss… 

    „Zur stationären Aufnahme kam es aber nicht mehr. Ich bekam einen Einweisungsschein für das Fachkrankenhaus von meinem Lungenarzt, den ich zur Krankenkasse zur Genehmigung brachte. Sie genehmigten die Einweisung aber nicht, sondern übten in massivster Form Psychoterror auf mich aus durch psychologische Untersuchungen, die dann natürlich Falschdiagnosen zur Folge hatten.“

    Krankheit eindeutig als körperlich nachweisbar belegt

    Franzi nahm dann Kontakt zu verschiedenen Umweltmedizinern auf. Hier wurde ihre Krankheit eindeutig als körperlich nachweisbar belegt.  „Dort wurde mit mir ein LTT auf einige Chemikalien sowie ein Test auf Nahrungsmittel- und Konservierungsmittel-Unverträglichkeiten gemacht, wo dann auch prompt eine Unmenge von Unverträglichkeiten zutage traten. Als ich diese Dinge dann aus meiner Ernährung komplett strich, hatte ich auch das allererste Mal nach 50 Jahren Fehlernährung keinerlei ernährungsbedingte Symptome mehr.“ Krankenkassen ist das natürlich egal. 

    Trotz umweltmedizinischer Behandlung verschlechterte sich Franzis Erkrankung. Sie begann, auf kleine Mengen Duftstoffe, auf die Druckerfarbe in Zeitungen usw. deutlich zu reagieren. Insgesamt ging es ihr dennoch besser, weil sie unverträgliche Substanzen so gut es ging mied. 

    Erfahrungen im Krankenhaus 

    Später hatte Franzi einen Unfall. „Ein freilaufender Hund schoss von mir aus gesehen hinter mir quer über den Radweg, wo ich gerade mit meinem Rad vom Einkaufen nach Hause fuhr, und rannte mich mitsamt Fahrrad um. Ich fiel aufs Pflaster und war sofort bewusstlos. Soviel zu den Möglichkeiten, was passieren kann.

    Im Krankenhaus wollte das Notaufnahmepersonal meine Papiere haben. Ich gab sie ihnen. Das Papier, auf dem die im Notfall zu verständigenden Personen mit Adresse sowie Telefonnummer(n) verzeichnet sind, wollten sie ausdrücklich nicht haben, obwohl ich es ihnen hinhielt: „Das brauchen wir nicht.“ MCS-Kranke legen sich Papiere zurecht, wo drauf steht, was sie nicht vertragen, welche Mittel sie nicht bekommen dürfen usw. Es zeigt sich: Vollkommen nutzlos.

    Im Krankenhaus ging es dann weiter. Franzi musste zweieinhalb Tage bleiben, und konnte während der ganzen Zeit ausschließlich im leeren Aufenthaltsraum sitzen, weil im restlichen Gebäude so viele Duftstoffe und Chemikalien waren, dass der Aufenthalt unmöglich wurde. Da Franzi einige Mittel sowie verträgliches Essen, das es im Krankenhaus nicht gab, braucht, wollte sie jemanden anrufen, der ihr ihre Sachen bringen könnte. Handy hatte sie nicht. Und dem Krankenhauspersonal passte es nicht, dass sie das Krankenhaus nicht vertrug.  „Deshalb waren sie ärgerlich über mich und ich musste jemand anrufen können, mir diese lebensnotwendigen Dinge von mir zu Hause zu holen und zu bringen. Ich bekam aber kein eigenes Telefon und durfte über das Diensttelefon nur ganz kurz anrufen. Das haben sie mir mit deutlichem Unwillen gewährt!“ 

     Wem wird wohl geglaubt?

    „Die Untersuchungen im Krankenhaus waren sehr nachlässig durchgeführt worden und mit falschen Ergebnissen, wie sich später dann herausstellte. Außer diesen Lügen standen im Entlassungsbericht angebliche Aussagen von mir, die tatsächlich genau gegenteilig waren. Ärzte lügen und verkehren Patientenantworten ins Gegenteil, was sie dann schriftlich dokumentieren. Frage: Wem wird wohl geglaubt?“ 

    „Solch eine Erfahrung mit dem Krankenhaus in Verbindung mit einem Unfall wird wohl leider eher die Regel sein. Nach der Ausnahme sucht so mancher sicher leider vergeblich.“

     Weniger als 100 Euro im Monat und keine medizinische Versorgung

    Franzi hat also keinen Zugang zur medizinischen Versorgung. Die Krankenkasse zahlt keines der Mittel, die sie braucht. „Das allerschlimmste ist: Alles ist selber zu bezahlen, aus dem eigenen Portemonnaie, und das bei Hartz IV. Hätte ich jetzt auch Geld zum Leben, dann wäre alles gut. „Doch wie lässt sich in einem „Gesundheits“-System das Unrecht von Grund auf ändern, das schamlos geübt wird, um Betroffene in den allermeisten Fällen offiziell und privat zu diskriminieren, mittellos zu machen, sich selbst zu überlassen etc.? Meine Erfahrung (…) beinhaltete im tatsächlichen damaligen ausführlichen Ablauf bewusste Versuche gleichzeitig auf mehreren höheren Ebenen, das an mir begangene Unrecht so weit wie möglich zu vergrößern. “ Abzüglich des Geldes für ihre Mittel muss Franzi von weniger als 100 Euro im Monat leben. Obwohl sie viele Nahrungsmittelunverträglichkeiten hat, muss sie an der Tafel essen. 

     Minitropfen auf den heißen Stein

    „Die BAgIS gewährt ja nur aufwendige Ernährungskosten-Zusatzpauschale wegen Diabetes, die ich auch vollumfänglich bekomme, aber das ist ein Minitropfen auf den heißen Stein. Diese MCS-relevanten Nahrungsergänzungsmittel sowie der Eigenanteil der zahnärztlichen besonderen Maßnahmen uvm. sind natürlich ungleich viel teurer, was mir ja niemand bezahlt. Nähme ich die Sachen nicht, wäre ich wohl im Handumdrehen bettlägerig. Und daran habe ich die nächsten Jahre zu knapsen….mal sehen, wieviel EUROs nächsten Monat übrig bleiben oder ob überhaupt“  Würde man Franzi den Ernährungszuschlag streichen, könnte sie gleich sterben. Das Geld, was sie bekommt, genügt jedenfalls schon nicht mehr zum Überleben. 

    Autor: Amalie, CSN – Chemical Sensitivity Network, 5. November 2009

    Weitere Artikel über die Situation Umwelterkrankter:

    Discounter nehmen giftbelastete Babyschnuller aus ihren Regalen, Hersteller kündigen Produktionsumstellung an

    Good Bye toxischen Schnuller

     

    Der Druck, den die Umweltschutzorganisation BUND und Verbraucher ausübten nachdem bekannt wurde dass Babyschnuller die hormonell wirksame Chemikalie Bisphenol A enthalten, hat gewirkt. Die nachfolgende Pressemitteilung von BUND verdeutlicht, dass die Industrie nicht mehr das alleinige Sagen hat und Verbraucherverbände und auch die Verbraucher selbst durchaus Änderungen zum Wohle der Gesundheit erwirken können. 

    Kaufland und Schlecker nehmen Bisphenol-A-belastete Babyschnuller aus ihren Regalen. Hersteller von NUK-, Babylove- und Baby-Nova-Schnullern kündigen Umstellung der Produktion an 

    Berlin: Die Handelskette Kaufland und Drogeriemärkte von Schlecker nehmen Bisphenol-A-belastete Babyschnuller aus ihrem Sortiment. Die Umstellung der Produktion ihrer Schnuller auf Bisphenol-A-freie Ausgangsmaterialien kündigten die Hersteller von NUK-, Babylove- und Baby-Nova-Schnullern an. Damit reagieren die genannten Händler und Hersteller wie Mapa, dm-Drogerie Markt und Novatex auf Analysen des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Anfang Oktober in einer Reihe von Babyschnullern die hormonell wirksame Chemikalie nachweisen konnte. Bisphenol A wird verdächtigt, Unfruchtbarkeit, Schädigungen der Gehirnentwicklung und Brustkrebs hervorzurufen. 

    „Fast alle Schnullerhersteller haben auf unsere Untersuchungen reagiert und wollen auf Bisphenol-A-haltige Kunststoffe in ihren Produkten verzichten. Wir freuen uns über dieses prompte Handeln, denn nur so lassen sich die Risiken für Säuglinge und Kleinkinder künftig ausschließen“, sagte der BUND-Chemieexperte Heribert Wefers.

    Noch keine Umstellung seiner Produktion hat hingegen das Unternehmen Philips, Hersteller der im Test am höchsten belasteten Schnuller der Marke AVENT, bisher angekündigt. Wefers: „Das Verhalten von Philips ist unverantwortlich. Hormonartig wirksame Chemikalien haben in Babyschnullern nichts zu suchen. Außerdem zeigen die Maßnahmen der anderen Firmen, dass man leicht darauf verzichten kann. Philips sollte schleunigst nachziehen und Bisphenol A ebenfalls aus seinen Produkten verbannen.“ 

    Der BUND forderte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner auf, Bisphenol A in Babyartikeln und in Produkten, die Kontakt mit Lebensmitteln haben, generell zu verbieten. Besorgten Eltern empfiehlt der BUND, beim Schnuller-Kauf Produkte zu wählen, die als Bisphenol-A-frei gekennzeichnet sind. 

    Bei den Analysen Anfang Oktober waren in den Saugteilen von Latex-Schnullern der Marken Babysmile, Baby-Nova, Babylove und NUK sowie in einem der untersuchten Silikon-Produkte der Marke AVENT Bisphenol-A-Konzentrationen zwischen 80 und 400 Milligramm pro Kilogramm gefunden worden. In einer zweiten Untersuchung konnte der BUND zudem nachweisen, dass sich die Chemikalie durch Kontakt mit Speichelflüssigkeit aus den Schnullern löst, so dass mit einer Aufnahme durch Babys und Kleinkinder zu rechnen ist. Untersuchungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) bestätigten inzwischen, dass eine große Zahl von Schnullern Bisphenol-A-belastet ist. 

    Weiterführende Informationen: