Jugendliche häufig an Chemikaliensensitivität erkrankt

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Chemikaliensensitivität bei Kindern und Jugendlichen ist ein Thema, das kaum Erwähnung findet in der Öffentlichkeit. Doch sie existieren, die Kinder und Jugendlichen, die auf Alltagschemikalien wie Parfum, Lacke, Zeitungen, Abgase, etc. mit zum Teil schweren körperlichen Symptomen reagieren. Schwedische Wissenschaftler fanden in einer aktuellen Studie heraus, dass Chemikaliensensitivität bei Jugendlichen mit 15,6% fast genauso häufig wie bei Erwachsenen auftritt. Die Folgen sind weitreichend, denn in Schulen und beim Start ins Berufsleben wird kaum Rücksicht auf sie genommen. Zusätzlich sind Kinder und Jugendliche durch ihre Krankheit zwangsläufig sozial ausgegrenzt.

Jugendliche kooperativ gegenüber Wissenschaftlern
Die schwedische Wissenschaftlerin Prof. Eva Millqvist beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren mit dem Thema Chemikaliensensitivität. Sie konnte in mehreren Studien belegen, dass die Erkrankten körperlich auf minimale Konzentrationen von Alltagschemikalien, wie beispielsweise Parfum, reagieren. Aktuell untersuchte Millqvist und ihr Team eine nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Gruppe von 401 Teenagern. Sie schickten den Jugendlichen Fragebögen zu und luden anschließend eine Teilgruppe von 85 Teenagern zu einem speziellen Capsaicin Inhalationstest ein. Die Teilnahmebereitschaft der jungen Leute war hoch, 81,3% beantworteten die Fragen bezüglich Sensibilität gegenüber Chemikalien und Lärm, sowie Ängsten und Depressionen.

Chemikaliensensitivität erschreckend häufig bei Jugendlichen
Die von den Wissenschaftlern ermittelte Häufigkeit für eine Chemikaliensensitivität bei Jugendlichen lag bei 15,6%. Eine hohe Zahl, die Konsequenzen nach sich ziehen müsste, denn bisher wird in europäischen Ländern an Schulen kaum ein Augenmerk auf chemikaliensensible Schüler gerichtet oder gar Rücksicht auf sie genommen. In den USA und Kanada hingegen ist man sich der Existenz dieser Problematik durchaus bewusst, und es gibt zahlreiche Schulen und Universitäten, an denen ein striktes Duftstoffverbot besteht und die auf Chemikalien verzichten, wo immer es möglich ist. Sind bei Renovierungsarbeiten doch ausnahmsweise chemikalienhaltige Materialien erforderlich, geben solche Bildungseinrichtungen frühzeitig Warnungen heraus oder sperren die betreffenden Areale. Solches Entgegenkommen und ein chemikalienfreies Umfeld ermöglicht es den kranken jungen Menschen, ihre Intelligenz zu entfalten, in die Gemeinschaft integriert zu sein und einer eigenständigen Zukunft entgegen gehen zu können.

Psyche nebensächlich beteiligt
Millqvist und ihr Team gingen auch der Frage nach, ob die Psyche eine Rolle bei den Chemikaliensensiblen spielt, fanden jedoch nur bei 3,7% der Jugendlichen affektive und Verhaltensänderungen. Wobei nicht beurteilt werden kann, ob die psychische Komponente nicht als Resultat der weitreichenden Restriktionen, denen diese jungen Menschen durch ihre limitierende Erkrankung zwangsläufig unterworfen sind, gelitten hat. Denn statt eine unbeschwerte Jugendzeit unter Gleichaltrigen, Selbstfindung und Ausloten von persönlicher Freiheit erleben zu dürfen, sind chemikaliensensible Jugendliche von vornherein zwangsisoliert, und ihnen sind krankheitsbedingt die Flügel gestutzt. Somit müssen auch psychische Folgeerscheinungen einkalkuliert werden. Sensorische Hypersensibilitäten spielten eine eher untergeordnete Rolle, sie lagen nur bei etwa einem Prozent der Jugendlichen vor, deuten jedoch an, dass Überlappungen bei Umweltkrankheiten existieren.

Jugendlichen eine Zukunft sichern
Die Ergebnisse der aktuellen Millqvist Studie fordern ein zügiges Umdenken, weil Jugendliche mit schwerer Chemikaliensensitivität meist weder Schule, noch Ausbildung oder Studium beenden können und infolgedessen ein Leben lang stark benachteiligt bis ausgegrenzt sein werden. Gesundheitliche Stabilisierung ist selten zu erwarten, da adäquate Behandlung von Chemikaliensensiblen in der Regel nicht angeboten wird und Rücksichtnahme, obwohl die Krankheit beispielsweise in Deutschland als Behinderung anerkannt ist, nicht stattfindet. Somit ist es chemikaliensensiblen Jugendlichen meist nicht möglich, einen Beruf zu ergreifen, womit ihnen auch jeglicher Anspruch auf Leistungen aus Sozialversicherungen fehlt. Wer keine vermögenden Eltern hat, ist verloren und muss nicht selten aufgrund seiner Krankheit ein Leben unterhalb der Armutsgrenze führen. Die Ergebnisse der schwedischen Studie zwingen zu einem raschen Kurswechsel, um jungen Chemikaliensensiblen zu helfen und auch, um schwerwiegende sozioökonomische Folgen zu verhindern.

Autor:
Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, April 2008


Literatur:
Andersson L, Johansson A, Millqvist E, Nordin S, Bende M., Prevalence and risk factors for chemical sensitivity and sensory hyper reactivity in teenagers, Int J Hyg Environ Health. 2008 Apr 8

Multiple Chemical Sensitivity (MCS) und Sick Building Syndrom (SBS) im Mäuseversuch bestätigt

MäuseversuchInternationale Studien haben mehrfach gezeigt, dass etwa 15 % der Allgemeinbevölkerung unter Chemikal-iensensitivität (MCS) leidet. Der dadurch entstehende wirtschaftliche Schaden geht in die Milliardenhöhe.


Deuten Menschen jedoch an, durch Schadstoffe im Innenraum oder durch Alltagschemikalien krank geworden zu sein, wird ihnen oft kein Glauben geschenkt. Ihre Beschwerden werden bagatellisiert und gerne auf die Psyche geschoben, der Grund liegt auf der Hand: Kostenabwehr.


Moderne Schadstoffanalytik ist mittlerweile jedoch in der Lage, Aufschluss zu bringen. Ein Labor in den USA konnte bei Mäusen ähnliche Reaktionen und Sensitivitäten nach Inhalation von flüchtigen Innenraum-schadstoffen feststellen, wie man sie von Chemikaliensensiblen kennt. Den Versuchstieren kann jedoch im Gegensatz zu Menschen keine Simulation unterstellt werden.

Mäuse brauchen kein Geld
Anderson Laboratories ist ein renommiertes Labor in Vermont in den USA, das sich seit über zwei Jahrzehnten auf Schadstoffanalytik spezialisiert hat. Das besondere an diesem Labor sind Tierversuche im Doppel- oder Trippelblind Verfahren, die zur Beweisführung dienen, dass bestimmte Materialproben toxische Inhaltsstoffe enthalten. Die von Menschen beklagten Reaktionen werden sehr oft bei den Labormäusen nachgewiesen. Die Versuche werden bei Anderson Laboratories mittels Video aufgezeichnet und im Doppelblindversuch abgesichert. Gerade dann, wenn behauptet wird, dass beispielsweise Angestellte in einem Büro gar nicht krank sein können durch die Ausgasungen eines giftigen Teppichbodens und nur hysterisch sind, kann ein solcher Test sehr anschaulich verdeutlichen, dass Emissionen des besagten Teppichbodens sehr wohl Reaktionen hervorrufen können. Für solche Versuche wird Luft über eine Teppichbodenprobe in ein abgeschlossenes Glas-Terrarium geblasen, in dem sich die Versuchtiere befinden. Nicht selten tritt bei solchen Versuchen sogar das Ableben der Versuchstiere ein. Gleichzeitig zu den Tierversuchen werden Screenings durchgeführt, die analysieren, um welche Schadstoffe es sich handelt. Für Personen, die sich in Gerichtsverfahren befinden, kann eine solche Analytik und Tierversuchsreihe ausschlaggebend sein, denn Labormäusen ist keine Hysterie, Geldnot, Simulantentum, etc. anzuhängen.

Alltagschemikalien lösen sensorische und pulmonale Irritationen aus
Viele Symptome, die bei MCS und Sick Building beschrieben werden, berichtet das Anderson Team, ähneln den Symptomen, von denen man weiß, dass sie durch flüchtige irritierende Chemikalien eintreten. Insbesondere Reizungen von Augen, Nase und Rachen sind häufig bei SBS, MCS und sensorischer Irritation (SI). Auch Atembeschwerden werden bei SBS, MCS und pulmonaler Irritation (PI) sehr häufig beobachtet.

Mäuse reagieren auf Weichspüler, Wegwerfwindeln, Parfüm…
Anderson Laboratories klärte in der vorliegenden Studie die Fragestellung, ob Innenraumschadstoffe sensorische und / oder pulmonale Irritationen hervorrufen können. Dazu atmeten die Mäuse der Versuchsreihe eine Stunde lang die verdünnten flüchtigen Emissionen von Raumluftspray, Weichspüler, Parfüm und Schaumstoffmatratzen ein. Währenddessen konnten bei den Versuchstieren zahlreiche Kombinationen von sensorischen und pulmonalen Irritationen, als auch Verminderung der Atmung (analog einer Asthmaattacke) gemessen werden. Luftproben, die in Räumlichkeiten genommen wurden, in denen Menschen sich wiederholt über schlechte Luftqualität beschwerten, verursachten ebenfalls sensorische und pulmonale Irritationen und Verminderung der Atmung bei den Mäusen. (Anm.: die Mäuse waren zuvor auf funktionale Ausfälle hin untersucht worden). Bereits in vorherigen Studien hatte Anderson Laboratories schon zahlreiche neurologisch bedingte Verhaltensänderungen nach Expositionen gegenüber Emissionen von Produkten oder Luft aus einer angeschuldigten Räumlichkeit bei den Versuchsmäusen dokumentieren können. Solche neurologischen Beschwerden sind vordergründiger Teil der Symptomatik bei SBS und MCS Patienten. Anderson Laboratories empfiehlt anhand der veröffentlichten Daten, dass SBS und MCS als sensorische Irritation, pulmonale Irritation und Neurotoxizität beschrieben werden kann. Denn all diese Beschwerden können von flüchtigen irritativen Chemikalien verursacht werden, die beispielsweise aus herkömmlichen Alltagsprodukten ausgasen und in belasteter Innenraumluft vorgefunden werden.

Chemikaliensensitivität bei Mäusen beobachtet
Bei einigen der verabreichten Chemikalienmischungen (z.B. Emissionen einiger Weichspüler, Wegwerfwindeln und Vinylmatratzenschoner) traten stärker werdende sensorische Irritationen auf (2-4fach), wenn sie in einem Zeitraum von 24 Stunden zwei- bis dreimal pro Stunde in Serie verabreicht wurden. Bei anderen Chemikaliengemischen (z.B. Emissionen eines Duftsteins) trat diese Wirkung nicht auf. Obwohl bei jeder Exposition der Stimulus bei den Versuchstieren gleich war, steigerte sich jedoch das Ausmaß der Reaktion der Tiere, was die Wissenschaftler als veränderte Sensibilität bei den Mäusen gegenüber diesen Chemikalien deuteten. Diese Reaktion sei nicht als generalisierte Stressreaktion zu deuten, bekundeten die Wissenschaftler aus Vermont, da die Reaktionen bei den Tieren eben nur bei bestimmten Mischungen von irritativen Stoffen auftraten und bei anderen eben nicht. Dies sei eindeutig eine spezifische Reaktion gegenüber einer Mischung einer bestimmten flüchtigen Chemikalie.

Erfolgsversprechendes MCS Forschungsmodell
Diese Studie von Anderson Laboratories ist eines der wenigen Male in der MCS Forschung, dass Wissenschaftler wirklich beides, die Intensität eines Stimulus und das Ausmaß der Reaktion, messen konnten, womit es ihnen in der Tat gestattet ist, eine Diskussion über Sensitivitätsänderungen zu führen.
Die Veränderung der sensorischen Irritation bei den Mäusen könnte als Forschungsmodell dafür dienen, wie Menschen eine sich steigernde Sensitivität gegenüber Schadstoffen entwickeln. Ein intensives Studieren dieses sich darbietenden Systems sollte in der Lage sein, sehr viel darüber herauszufinden, wie Menschen auf Schadstoffe reagieren und wie sich ihre Sensitivität gegenüber flüchtigen irritativen Chemikalien verändert.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, April 2008

Literatur: Anderson RC, Anderson JH., Sensory irritation and Multiple Chemical Sensitivity, Toxicol Ind Health. 1999 Apr-Jun;15(3-4):339-45.

Schwedische Behörden verbieten Duftstoffe in Krankenhäusern

antiduftstoffzeichen-ii.jpgNachdem es in den USA und Kanada bereits viele Krankenhäuser, Schulen und Universitäten gibt, die Duftstoffe wie Parfüm, Deo, After Shave, Weichspüler, etc. verbieten, soll nun auch in Schweden Vernunft zum Wohle der Gesundheit eintreten. Insbesondere sollen Personen mit Allergien und Multiple Chemical Sensitivity (MCS) durch ein Duftstoffverbot geschützt werden. Diese Personengruppen erleiden bei minimalem Kontakt bereits leichte bis sehr schwere Symptome, die von Kopfschmerzen, Hautreaktionen, asthmatischen Beschwerden bis zu Schockreaktionen reichen können.

Der Grund des Duftstoffverbotes besteht darin, dass ca. 6% der Bevölkerung Schwedens bereits unter einer Hypersensibilität gegenüber Duftstoffen leidet. Das kommt bisherigen amerikanischen und kanadischen Erhebungen nahe, auch dort leiden immer mehr Menschen unter körperlichen Beschwerden, wenn sie mit Duftstoffen bereits in geringer Konzentration in Kontakt kommen. Dies hat sogar ganze Städte, bspw. Flagstaff oder Calgary, dazu bewogen, den Duftstoffen den Kampf anzusagen. Kein leichtes Unterfangen, denn die Duftstoffindustrie steht sofort Gewehr bei Fuß und versucht mit Gegenkampagnen solche Bestrebungen zu unterbinden.

In der Region Göteborg werden von dem geplanten Duftstoffverbot in Krankenhäusern etwa 50.000 Angestellte betroffen sein, hinzukommen Patienten, die in den medizinischen Einrichtungen Behandlung bekommen. Eine sinnvolle Maßnahme, wenn man bedenkt, dass viele Parfüms aus mehreren Hundert chemischen Einzelsubstanzen bestehen, die kranke Menschen leichter beeinträchtigen und deren Genesung verzögern oder in Frage stellen können.

In Deutschland steht man Duftstoffverboten bisher konträr gegenüber. Außer drei Warnmeldungen des Umweltbundesamtes erfuhren Allergiker und MCS Erkrankte bisher keine Unterstützung. Im Gegenteil, die Zahl der öffentlichen Gebäude und Krankenhäuser, die Duftvernebler installieren, nimmt zu, sehr zum Leidwesen von Menschen, die auf diese Duftstoffchemikalien reagieren.

Die Krankenhausbehörde von Göteborg/Schweden bereitet derzeit einen Maßnahmenkatalog vor, der Duftstoffverboten in den USA nachkommt. Parfüms und andere stark duftende Produkte des persönlichen Bedarfs sollen in Krankenhäusern verboten werden. Insgesamt 49 Gemeinden in der Region Göteborg streben die Einführung eins vollständigen Duftstoffverbotes an, war von der schwedischen Online Zeitung „The Local“ zu erfahren.


Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, März 2008

Umweltkranke: Jetzt glauben sie mir endlich!

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Es ist erschütternd wie sehr Chemikaliensensible und Umweltkranke darunter leiden müssen, wie mit ihnen umgegangen wird. Höhnische Bemerkungen, Belächeln oder direktes Anzweifeln der Existenz ihrer Krankheit, ist für viele Erkrankten der traurige Alltag. Wenn ich mit Umweltkranken am Telefon spreche, berichtet man mir von ungerechter Behandlung, Schikanen und direkter Diskriminierung.

Chemikaliensensible leiden oft sogar mehr darunter, als unter ihren zweifelsfrei vorhandenen Schmerzen und körperlichen Einschränkungen im Alltag. Muss das sein? Tritt jemand einem Gelähmten gegen den Rollstuhl? Oder nimmt jemand einem Blinden den Stock weg? Niemals, wer es wagen würde, den würde die Gesellschaft ächten.

Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen, an einen Abend in meinem damaligen Arbeitskreis Giftgeschädigter in Trier. Ein Ehepaar, das fast jedes Mal extra aus dem Saarland angereist kam, wollte mich beim Rausgehen sprechen. Der Mann war Schreiner gewesen und konnte kaum noch außer Haus körperlich funktionieren. Er reagierte aufgrund seiner Formaldehydsensibilität auf fast alles. „Ich muss Dir etwas sagen Silvia“, sagte er mit fester Stimme, „bei mir haben sie jetzt Krebs festgestellt.“ Ich war wie erschlagen und wusste vor Betroffenheit nicht recht was ich sagen sollte. „Das tut mir furchtbar Leid“, mehr kam nicht aus mir heraus, weil ich die beiden so sehr mochte. „Nein, Silvia, es ist in Ordnung, ich bin froh darüber, denn jetzt müssen sie mir endlich glauben.“

Diese Begebenheit habe ich einige Male an medizinischen Kongressen berichtet, um die Situation von Chemikaliensensiblen zu verdeutlichen. Die Ärzte reagierten erschüttert und brachten kein Wort hervor. Eigentlich kann man dazu kaum noch etwas sagen, so ungeheuerlich ist es, dass ein schwer kranker Mensch in unserer Gesellschaft froh ist, dass er schlussendlich zu allem noch Krebs bekommen hat – damit ihm endlich geglaubt wird.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, März 2008

MCS Schutzengel Helene: Strategien zur Alltagsbewältigung

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Meine Schützlinge berichten immer wieder, dass sie sich einsam fühlen und sie unter dem eintönigen Tagesablauf leiden. Diese Schwierigkeiten holen uns MCS-Kranke allesamt früher oder später ein, traurig aber wahr. Ich will ein wenig erzählen, wie ich mit dem Problem umgehe.

Da auch ich von unfreiwilligem sozialem Rückzug betroffen bin, versuche ich täglich gegen den monotonen Alltag anzukämpfen und arbeite dabei mit kleinen Tricks. Erschwerend kommt hinzu, dass auch ich,  wie alle MCS-Patienten, mit den übrig gebliebenen „Kräften“ geschickt haushalten muss. Es gibt viele Tage, da kann ich körperlich nichts oder fast nichts tun. Um aber nicht in Trübseeligkeit und depressive Stimmung zu verfallen, versuche ich an solchen Tagen z. B. im Forum aktiver zu sein. Meist überlege ich mir, was wir noch tun können, damit MCS endlich so richtig anerkannt wird, wie wir es verdient haben. Zwischendurch telefoniere ich mit meinen lieb gewonnenen Telefonfreundinnen, die ich durch das Schutzengelprojekt kennen gelernt habe. Wir MCS-Betroffenen brauchen uns untereinander nicht großartig zu erklären, jeder weiß Bescheid, wenn man sagt, heute geht es mir besonders schlecht. Ja, durch das Betreuen von Schützlingen, sind einige liebe Kontakte zustande gekommen. Nur einmal so am Rande, das wäre für Euch bestimmt auch eine Möglichkeit…

Das Schutzengelsein ist gar nicht so aufwändig oder schwierig wie Ihr vielleicht meint. Wenn eine Anfrage kommt, man aber selbst nicht dazu in der Lage ist, auf Grund eigener schweren Symptomen oder aus anderen Gründen, ist kein Problem, ein anderer Schutzengel übernimmt dann gerne. Es ist also keine lästige Verpflichtung oder dergleichen. Manch einer von Euch denkt vielleicht, ich wäre auch gerne ein Schutzengel, aber mir geht´s selbst so schlecht. Außerdem mit meinen augenblicklichen Problemen bei meinen Sozialverfahren und durch meinen schlechten Gesundheitszustand, ich glaub, das ist jetzt nichts für mich, vielleicht später einmal! Aber glaubt mir, wenn alle so denken würden, gäbe es das Schutzengelprojekt nicht, denn bei uns Schutzengeln sieht es nicht besser aus. Aber das jetzt nur einmal so am Rande. Ich wollte Euch ja erzählen, was ich alles versuche, um den Tag so facettenreich zu gestalten wie nur möglich.

Viele Möglichkeiten habe auch ich nicht, aber ich versuche das Beste aus meiner Situation zu machen. Die leider nie endende Hausarbeit versuche ich in kleinen Etappen zu packen, unterstützt von flotter Musik, ich liebe Musik, und dann klappt es viel besser. Dann versuche ich, mich selbst zu überlisten. Z. B. erst ein wenig Hausarbeit und danach gönne ich mir dann eine Verschnaufpause am PC. Denn durch den PC erlebe ich etwas Abwechslung, die ich gerne in Anspruch nehme. Also, ich versuche es so anzugehen, dass ich mir das, was ich gerne mache, mir erst verdienen muss. So nach dem Motto: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Ihr könnt das genauso machen. Z. B. erst etwas erledigen und dann mit netten Leuten telefonieren, erst die Spülmaschine aus- und einräumen und danach eine Tasse Tee trinken und Musikhören. Mit dem saubermachen oder aufräumen beginnen und danach oder zwischendrin spazieren gehen, ganz nach körperlicher Verfassung. Dann vielleicht erst einmal kurz Ausruhen, im Anschluss daran mit der Hausarbeit und dann die E-Mails ansehen usw. Wir müssen aufpassen und dürfen unsere Ansprüche an uns nicht zu hoch stellen, sonst endet dies im Frust.

Ich versuche mich selber anzutreiben und freue mich oder staune hinterher, trotz des schlechten Gesundheitszustandes dann doch noch so Einiges gepackt zu haben, wenn auch mit kleinen Tricks. Dies trägt zum seelischen Gleichgewicht und innerer Zufriedenheit bei. Ja, auch mit MCS kann man dies versuchen zu erreichen. Wir müssen versuchen an uns selbst zu arbeiten. Denkt mal an mich und versucht es selbst einmal. Bei mir hilft´s meistens. Natürlich auch nicht immer, oft kann ich tagelang überhaupt nichts erledigen. Aber dann denke ich, okay, es kommen auch wieder bessere Tage.

Ich würde mich sehr freuen, wenn meine heutigen Ausführungen für Euch eine Möglichkeit wäre, Dinge zu schaffen, die Ihr eigentlich für unmöglich haltet. So ist es sehr oft bei mir, da ich neben MCS leider noch einige andere Krankheiten habe, praktisch alles Quälerei ist, ich mich selbst antreiben und austricksen muss, sonst läuft überhaupt nichts!

Um ein bisschen Freude in den Tag zu bringen, haben wir den ganzen Winter schon die Vögel gefüttert. Es macht sehr viel Freude ihnen zuzusehen, wie sie z. B. ihren Futterneid ausleben und sich gegenseitig wegjagen oder wenn das Rotkehlchen draußen herumhüpft. Ebenfalls bereitet mir Gartenarbeit Freude. Das bevorstehende Frühjahr ermöglicht endlich bessere Möglichkeiten im Freien. So versuche ich, je nach körperlicher Verfassung, zwischendurch ein wenig im Garten Hand anzulegen. Gerne gönne ich mir eine Pause auf der Terrasse und genieße die Sonne.

Wie gesagt, der Austausch im Forum bzw. am Telefon und manchmal ein Treffen zum Spazierengehen mit lieben Bekannten aus besseren Tagen, bringen einem sehr viel Freude und tragen zur seelischen Ausgeglichenheit bei. Von einem schönen Nachmittag zehre ich sehr lange und arbeite daran, alte Bekanntschaften neu aufleben zu lassen. Jetzt im Frühjahr haben MCS-Kranke wieder bessere Gestaltungsmöglichkeiten als in der kalten Jahreszeit. Der ein oder andere Bekannte von früher lässt vielleicht nach lieben Bitten, so gut es geht, parfümierte Kosmetika weg, wenn Ihr Euch verabredet. Man muss es eben probieren. Jedenfalls müssen wir versuchen aktiv zu werden bzw. zu bleiben und uns das bisschen, was uns geblieben ist, zu erhalten.

Ich hoffe sehr, dass ich Euch mit meinen kleinen Tricks ein wenig Mut machen kann, nicht aufzugeben, sondern dass auch ihr auch versucht, Euch den Tag mit Euren verbliebenen Möglichkeiten, so gut es geht zu gestalten und zu verschönern.

Herzliche Grüsse von

Eurer Helene

MCS- Schutzengel Helene zieht positive Bilanz

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Meist berichte ich über negative Erlebnisse unserer MCS- Schützlingen oder von anderen unerfreulichen Dingen. Heute aber, möchte ich über die aktuelle Entwicklung zu MCS sprechen. Ist es nicht schön wie die augenblicklichen Entwicklungen verlaufen? Merkt Ihr Leute, unsere Bemühungen, MCS in die Öffentlichkeit zu bringen, tragen Früchte.

Die Medien zeigen Interesse an MCS. Es wurde ja auch einmal Zeit, oder? Ich freue mich, dass sich viele von Euch gemeldet haben, um als Fallbeispiel für einen TV-Beitrag zur Verfügung zu stehen. Die Meisten von Euch arbeiten lieber im Hintergrund, ist auch toll. Denn jeder noch so kleine Beitrag ist ein Teil des Puzzles, an deren Vollendung, nämlich die wirkliche und öffentliche Anerkennung von MCS, wir gemeinsam arbeiten, mit all unseren individuellen Möglichkeiten und noch zur Verfügung stehenden Kräften. Es ist ein langer und harter Weg, aber wir haben schon viel erreicht und arbeiten daran, dass es noch besser wird.

Die vergangenen Wochen haben uns gezeigt, dass es sich lohnt, hartnäckig zu sein, zu kämpfen und auch einmal etwas auf sich zu nehmen, was man sonst nicht tut, doch belohnt werden kann. Dass das ZDF einen ausführlichen und sachlichen Bericht über MCS gesendet hat, ist einfach wunderbar. Wir Schutzengel haben uns auch alle darüber sehr gefreut. Auch dass die Schweiz sich öffentlich des Problems MCS annimmt und unterstützt. Und sogar die Presse, sogar die BILD hat MCS auf den Tisch gebracht und ein Ende ist nicht in Sicht. Weitere TV-Sender möchten über MCS berichten und viele von Euch haben sich bereit erklärt dort mitzumachen. Meinen ganz lieben Dank an Euch alle für Euren Einsatz. Glaubt mir, auch wenn´s schwer fällt, es lohnt sich, wie wir an den aktuellen Ereignissen deutlich erkennen können. Toll, oder?

Weiter so,

Eure Helene

Anerkennung von MCS durch Stadt Zürich

christian-maske.jpgChristian Schifferle, Präsident der MCS Liga Schweiz, gehört zu den Chemikalien-sensiblen, die trotz schweren Reaktionen auf Alltagschemikalien zwei Dinge nie verlieren: Mut und Beharrlichkeit. Jetzt zeigt es sich, dass es sich auszahlt, wenn man den Kopf nicht in den Sand steckt, ganz gleich wie dick es kommt. Die Stadt Zürich baut als erste europäische Stadt Wohnraum für Menschen mit MCS.

Schadstofffreier Wohnraum gesünder für alle Menschen

fotos_mcs_alu-vorbau_wohnwa.jpg Über zehn Jahre lebt der Schweizer in einem Wohnwagen, den er mit Alu ausgekleidet hat, um Ausgasungen von Materialien zu  unterbinden. Keine normale Wohnung war so schadstofffrei, dass er es lange darin aushielt. Reaktionen auf lösemittelhaltige Farbe, Ausdünstungen aus Teppichboden, rauchende oder Duftstoffe benutzende Mitbewohner, irgendetwas war immer, was ihn krank werden ließ. Seit der Gründung der MCS Liga traf der rührige Schweizer auf viele weitere Chemikaliensensible, denen es ähnlich geht und hatte nur noch ein Ziel vor Augen: MCS-gerechter Wohnraum.

Jetzt hat Christian Schifferle es geschafft, sein lang gehegter Traum wird wahr. Im schweizerischen Uster wurde vergangene Woche die Wohnungsbaugenossenschaft „Gesundes Wohnen MCS“ gegründet. Deren Ziel ist es, in der gesamten Schweiz baubiologischen Wohnraum zu schaffen. Dieser soll in erster Linie Menschen mit MCS zugute kommen, aber selbstverständlich auch anderen Bevölkerungskreisen. Gleichzeitig stellte sich ein größerer Erfolg ein, die Stadt Zürich sagte zu, dass sie ein MCS Apartmenthaus baut. Zukunftsgerichtet denkend, erhofft man sich von Seiten der Stadt dadurch auch Bündelung von Knowhow für weitere gesunde Wohnprojekte, die vielen Menschen zugute kommen werden.

Sieben Zeitungsartikel in kürzester ZeitAnerkennung MCS

Zum Wochenende erschien ein weiterer Artikel im Züricher Tages-Anzeiger über die Umweltkrankheit MCS, mit dem gleichen Foto eines Artikels über Christian Schifferle wie vor einem Jahr. Thema war, dass die Stadt Zürich nun ca. 12 MCS-gerechte Wohnungen bauen will. Für Anfangs März sind Baubiologe Guido Huwiler und Christian Schifferle von der Stadt zur Begutachtung von möglichem Bauland eingeladen. Guido Huwiler hat bereits einen Beratungsauftrag durch die Stadt erhalten, das Projekt ist also auf gutem Weg. Im Endeffekt bedeutet dies eine weitgehende Anerkennung von Multiple Chemical Sensitivity (MCS) durch die Stadt Zürich. Ein Erfolg, der in Europa seinesgleichen sucht.

Nichts ist umsonst und Anstrengung lohnt

Erst vergangene Woche hatte der 53-jährige Schweizer MCS Aktivist eine große Strapaze auf sich genommen. Er flog von Zürich nach Hamburg, um an einer Talkshow teilzunehmen, die im Anschluss an einen Beitrag über ihn in der ZDF Sendung 37° ausgestrahlt wurde. Es war sehr schwierig für Christian Schifferle, denn eine Aktivkohlemaske allein reicht nicht, um hundertprozentig vor Reaktionen durch Flugzeugbenzin, Dieselabgase bei Start und Landung zu schützen. Im Flugzeug selbst ist mit Antiflammschutzmitteln, Rückständen von Reinigungslösungen und vor allem mit Chemikalien aus Parfums und Aftershaves der Mitreisenden zu rechnen. Trotz aller berechtigten Bedenken ging alles gut vonstatten. Christian Schifferle hat die Reise gut überstanden und sich auch von seinem Auftritt bei Johannes B. Kerner ganz gut erholt. Die Sendung 37° wurde am Folgetag wiederholt und durch eine spannende Expertendiskussion mit Dr. Tino Merz, Rechtsanwalt Tamm und Prof. Dr. Eikmann ergänzt. Christian Schifferles Einsatz hat sich also gelohnt, es war ein voller Erfolg. Über 100 positive Reaktionen erreichten ihn, auch bei der Schweizer Partnerorganisation MCS SOS und bei CSN und anderen deutschen MCS-Gruppen gab große Resonanz.

Ausruhen ist nicht, denn auf Los geht’s los

Für ein Ausruhen bleibt kaum Zeit, denn in etwas zwei Wochen wird die MCS- Wohnbaugenossenschaft, als deren Präsident Christian Schifferle gewählt wurde, konstituiert und beginnt mit der Arbeit. Der Start lief vom Fleck weg gut und verspricht weiteren Erfolg. Innerhalb von drei Wochen gab es sieben Zeitungsartikel über MCS in Schweizer Zeitungen. Unterstützung durch die Medien ist den Schweizer Chemikaliensensiblen weiterhin gewiss. Alles in Allem also ein toller Erfolg, den die Schweizer MCS Aktivisten zu verbuchen haben.

foto_wohnwagen_schnee-ii.jpg Als Krönung ist zu erwarten, dass für Christian Schifferle persönlich die beschwerliche Zeit im betagten Wohnwagen einem Ende zugeht. „Es wird auch wirklich Zeit“, meint er gegenüber CSN, „denn noch einmal zügeln (umziehen) schafft der treue alte Bursche wahrscheinlich nicht mehr. Schon beim letzten Zügeln hatte ich große Bedenken. Ja, und wohin auch?“

Zürich handelt zukünftsorientiert und nachhaltig

Sobald die Realisierung des Projektes beginnt, wird auch Heidi Stremminger mit von der Partie sein. Die Leiterin des Vereins MCS-SOS verfügt durch den Bau ihres eigenen MCS Hauses nämlich sehr viel Erfahrung mit der Auswahl schadstofffreier Baumaterialien und Lösungen für MCS-typische Problemstellungen während der Bauphase.

Die Stadt Zürich hat eine gute Entscheidung getroffen, indem sie 10-12 Apartments für Chemikaliensensible schaffen will, denn kein Anderer als Chemikaliensensible kann mit soviel know how einen größeren Beitrag zu gesundem Bauen leisten. Ein Risiko besteht ohnehin nicht, meinte Arno Roggo Leiter der Liegenschaftsverwaltung, denn die Wohnungen können in jedem Fall vermietet werden. Zürich zeigt Weitblick, den gesundes Wohnen ist nicht nur ein gegenwärtiger kurzfristiger Trend, sondern, wie in vielen anderen Ländern erkannt, bedeutet es Gesundheit und Leistungsfähigkeit, statt Krankheit durch Sick Building’s (kranke Gebäude), und es erhöht die Lebensqualität aller Menschen, die in solchen gesunden Wohnräumen wohnen und arbeiten dürfen.

Autor: Silvia K Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, Februar 2008

Ausländische Wissenschaftler in der Medizin fragen: „What’s up in Germany“?

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Eine Frage, die immer wieder gestellt wird, wenn man sich mit Ärzten, Wissenschaftlern oder Organisationsleitern aus dem Bereich der Umweltmedizin aus den USA ganz pauschal über Studien zu Chemikaliensensitivität unterhält, lautet: „What’s up in Germany?“ (Was ist los in Deutschland?).

Der Grund: Bei den wissenschaftlichen Studien, die in den vergangenen 10 Jahren über die Erkrankung Chemikaliensensitivität (MCS – Multiple Chemical Sensitivity, WHO ICD-10 T78.4) veröffentlicht wurden, fallen die Deutschen aus dem Rahmen. Leider nicht im positiven Sinne.

Unter dem Teppich türmen sich die Fakten
Während auf internationaler Ebene Wissenschaftler davon ausgehen, dass mindestens 15% der Bevölkerung auf Alltagschemikalien wie z.B. Parfüm, frische Farbe, Autoabgase, Putzmittel im Niedrigdosisbereich reagieren, wird in Deutschland die Meinung künstlich am Leben gehalten, Chemikaliensensitivität sei selten, kaum erforscht, nicht existent, nicht diagnostizierbar und vor allem, dass die Krankheit psychisch bedingt sei. Demzufolge bleiben Erkrankte ohne medizinische Hilfe, erhalten keine Unterstützung, obwohl Ihre Gesundheit und Arbeitsfähigkeit in erster Linie von chemikalienfreien Räumlichkeiten und der Akzeptanz und Rücksichtnahme ihres Umfeldes abhängt.

Deutschland hält international Führung für MCS – Psychostudien
Betrachtet man alle seit 1945 veröffentlichten wissenschaftlichen Studien über Chemikaliensensitivität, wird auf einen einzigen Blick klar deutlich, dass die Behauptung, MCS sei eine rein psychisch basierende Erkrankung, nicht gehalten werden kann. Von bisher insgesamt 833 publizierten Studien gingen noch nicht einmal ein Viertel (199 / 24%) von einer psychischen Ursache aus. Von diesen 199 Studien und Veröffentlichungen erschienen alleine 62 in den vergangen acht Jahren, gegenüber 137 in den ganzen 54 Jahren zuvor. Merkwürdig, wo doch die Diagnostik sich in allen Bereichen der Medizin drastisch verbessert hat und Wissenschaftler über Möglichkeiten wie nie zuvor verfügen.

 

Deutschland spitzenmäßig? Eher wohl nicht
Von diesen 62 psycholastigen Studien und Veröffentlichungen in peer review Fachjournalen aus verschiedenen Ländern stammen etwas über 40% (25) aus Deutschland. Nicht schlecht, Herr Specht!

Wundert sich jetzt noch jemand, dass MCS Forschung aus Deutschland im englischsprachigen Raum auf Argwohn stößt und man von ernsthaft forschenden Wissenschaftlern und Medizinern aus den USA gefragt wird: „What’s up in Germany?“

 

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, Februar 2008

Literatur: MCS Bibiliographie MCS psychische Ursache Zeitraum 10/99 – 4/2007

Schweiz: Vier auf einen Streich und Eins obendrauf

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Diese Woche ist für Schweizer Chemikaliensensible eine Woche zum strahlen und jubeln. Vier Artikel in einer Woche in Schweizer Zeitungen über Chemikaliensensitivität, dass ist ein Rekord, den wir in Deutschland nicht halten können. Schweizer kämpfen für Gerechtigkeit und sind gründlich, dafür sind sie weltweit bekannt. Und weil die Schweizer gründlich sind, setzten sie sogar noch Eins oben drauf. In dieser Woche wurde ein lang gehegter Traum von Christian Schifferle, Leiter der MCS Liga, wahr. Es wurde eine MCS Wohnungsbaugenossenschaft gegründet.

Ein Traum wird Realität
Christian Schifferle lebt seit 8 Jahren in seinem mit Alu ausgeschlagenen Wohnwagen. Kein Zuckerschlecken, gerade in der klammen Herbst- und kalten Winterzeit.

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Jetzt ist Ende in Sicht, denn diese Woche wurde die Wohnbaugenossenschaft „Gesundes Wohnen MCS“ gegründet. Christian Schifferle ist Präsident der Genossenschaft, die das Ziel hat, Wohnraum und Notunterkünfte für Chemikaliensensible zu schaffen. Ein Anteilschein kostet 500.- Fr. Über 35 Genossenschafter sind schon dabei, darunter 5 Ärzte, die Toxikologin Prof. Dr.Margret Schlumpf, Uni Zürich und der Schweizer Schauspieler Beat Marti.

Wer mutig vortritt findet immer ein offenes Ohr
Anfang Dezember letzten Jahres hatte Schifferle die zündende Idee sich zum Schweizer Bundeshaus nach Bern aufzumachen, um dort mit Politiker über die Situation chemikaliensensibler Menschen zu sprechen. Der Präsident der MCS Liga hatte ein großes Plakat gefertigt und teilte Flugblätter an die Parlamentarier aus, als diese zur Mittagspause herauskamen. Es waren über hundert Parlamentsabgeordnete, die Christian Schifferle ansprechen konnte, und die zum Teil sehr interessiert waren. Auch mit Bundesrat und Gesundheitsminister Couchepin kam er ins Gespräch. Schifferle erklärte ihm, dass es sich bei MCS um eine Umweltkrankheit und Chemikalienschädigung handle, die in der Schweiz noch nicht anerkannt ist, und die Betroffenen deshalb die Unterstützung engagierter Politiker benötigen.


Schweizer Parlamentarier hören betroffen zu

christian-flugblattaktion-k.jpgIdealerweise kamen nicht alle Parlamentarier gleichzeitig aus dem Schweizer Bundeshaus, sondern verteilt auf zwei Stunden. Damit hatte Christian Schifferle genügend Zeit, auf viele einzeln zuzugehen, u.a. Nationalrätin Pascale Bruderer SP,  Rolf Schweiger FDP, Anita Fetz, Josef Lang, Daniel Fischer, Gutzwiler FDP, Verena Diener, Grüne, Ursula Wyss, Vreni Allemann, Anita Thanei, Philippo Leutenegger, Aeschbacher, Paul Rechsteiner, Dr. med Yvonne Gilli Grüne, Fulvio Pelli FDP und andere. Es sei nicht die letzte Aktion dieser Art, teilte der Schweizer Aktivist gegenüber CSN mit. Der Erfolg der Aktion hat andere Chemikaliensensible davon überzeugt, dass es sich lohnt, Initiative zu zeigen, und beim nächsten Mal wollen weitere Schweizer MCS Erkrankte dabei sein.


MCS Aktivisten in der Schweiz brechen Rekorde
In der nächsten Woche werden die Schweizer MCS Aktivisten, die gerade wie Phönix aus der Asche aufsteigen, sich nicht schon gleich wieder zur Ruhe begeben. Im Gegenteil, drei Fernsehtermine im deutschen Fernsehen und ein Beitrag im Schweizer Lokalfernsehen sind anberaumt. Für den Fall, dass das noch nicht ausreichen sollte, um wieder alle Rekorde zu brechen, wird in den kommenden Wochen noch ein Buch über MCS erscheinen.

Erstes Schweizer Buch über MCS
„Ich kann Dich nicht riechen“, ist der Titel des Buches von Astrid Falk aus Wittenbach. Sie berichtet, welche Auswirkungen Chemikaliensensitivität in ihrem Alltag hat und was sie erleben musste. In dieser Woche publizierte das St. Gallener Tageblatt einen großen Artikel über die 48-jährige Frau, die ins Auge gefasst hat, eine weitere Selbsthilfegruppe für Chemikaliensensible in der Schweiz ins Leben zu rufen.

Aus Deutschland bleibt darauf nur noch zu sagen:


Ein Chapeau in die Schweiz und setzt weiterhin noch Eins obendrauf!

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network

Wissenschaftlicher Sachstand zu Multiple Chemical Sensitivity (MCS)

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Während auf internationaler Ebene Wissenschaftler davon ausgehen, dass ca. 15% der Bevölkerung auf Alltagschemikalien wie z.B. Parfüm, frische Farbe, Autoabgase, Putzmittel im Niedrigdosisbereich reagieren, hält in Deutschland seit geraumer Zeit der Tenor an, die Krankheit Chemikaliensensitivität (MCS T 78.4 / WHO) sei selten, kaum erforscht oder nicht existent. Gleichzeitig streitet man sich, ob die Ursache der Erkrankung physisch oder psychisch bedingt sei. Diese Argumente und die sich daraus ergebende Kontroverse werden benutzt, um Erkrankten medizinische Hilfe oder finanzielle Unterstützung zu versagen. Bevor wissenschaftliche Abklärung erfolgt sei und die Ursache gefunden, seien die Hände gebunden. Tatsache ist jedoch, dass 833 wissenschaftliche Studien (peer reviewed) existieren, die Häufigkeit, Auslöser und Auswirkungen de facto darlegen. (1) Auffallend: Bei den aus Deutschland stammenden Studien überwiegt der Anteil, der davon ausgeht, MCS sei eine psychische Erkrankung, gegenüber Studien aus den anderen Ländern. Ein Freudsches Vermächtnis?

MCS Bibliographie 1945 – 2007

Albert Donnay ist maßgeblicher Autor der derzeit in der Wissenschaft am häufigsten gebräuchlichen und mittlerweile validierten Falldefinition, des 1999 veröffentlichten American Consensus. (2) Diese Falldefinition dient zur Diagnostik und Definition der von der WHO mit dem mit international gültigen Krankheitscode T78.4 einklassifizierten Erkrankung MCS – Multiple Chemical Sensitivity. Donnay und seine Organisation MCS Referral & Resources haben die wohl umfangreichste und vollständigste Bibliographie über wissenschaftliche Studien zur Erkrankung MCS zusammengestellt (im Anhang einzeln einzusehen). (3) Als Basis dienten PubMedline und andere Quellen. Über 90% aller gefundenen Artikel sind in Englisch verfasst. Der Rest hauptsächlich in Deutsch und Japanisch, eine kleine Anzahl Publikationen stammt aus Frankreich, Italien, Spanien, Dänemark, Schweden, Russland und Polen.

Physisch, psychisch oder beides?

Donnay aktualisierte und analysierte 2007 seine MCS Bibliographie, die in Unterregistern genau zeigt, wie viele wissenschaftliche Studien bis dato von physischen, psychischen oder gemischten Ursachen für MCS ausgehen. Es flossen in die Analyse alle veröffentlichten Studien von 1945 bis 2007 ein, die ein Peer Review Verfahren durchlaufen haben. Durch dieses bei seriösen Fachzeitschriften übliche Qualitätssicherungs-verfahren wird der wissenschaftliche Gehalt einer Studie durch ein mit Experten besetztes Fachgremium vor Veröffentlichung in der betreffenden Fachzeitschrift geprüft. 

Kein Überwiegen von psychischer Genese bei MCS

Betrachtet man die Analyse von Albert Donnay, wird deutlich, dass die künstlich am Leben gehaltene Behauptung, Chemikaliensensitivität sei eine rein psychisch basierte Erkrankung, nicht durch die seit 1945 veröffentlichten wissenschaftlichen Studien gehalten werden kann. Von bisher insgesamt 833 publizierten Studien gingen noch nicht einmal Viertel (199 / 24%) von einer psychischen Ursache aus. Davon erschienen alleine 62 Studien in den vergangen acht Jahren, gegenüber 137 Studien in den ganzen 54 Jahren zuvor. Zum Nachdenken stimmt, dass ein Großteil davon aus Deutschland stammt.

Wissenschaft belegt physische Genese bei MCS

Seit 1945 wurden 404 Studien über Chemikaliensensitivität veröffentlicht, die von einer körperlichen Ursache ausgehen. Insbesondere in den letzten acht Jahren veröffentlichten Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern 93 Studien, die z. T. sehr interessante Fakten zutage brachten. Insgesamt gesehen gingen 48% aller seit 1945 in Fachzeitschriften veröffentlichten Studien davon aus, dass MCS eine rein körperliche Ursache hat. Das MCS nicht psychisch bedingt ist, ist damit längst belegt.

Analyse MCS Bibliographie 1945 – 2007 *

* Die Analyse schloss alle peer reviewten Artikel ein, die entweder direkt von MCS handeln oder die mehr als eine beiläufige Referenz zu MCS aufweisen. Suchbegriffe schlossen MCS (Singular und Plural) und andere Namen ein, jedoch nur, wenn diese explizit als Synonym stehen (wie „Umweltsensitivitäten“ und der widersprüchliche Begriff „IEI – Idiopathische Umweltintoleranz“). Die Analyse schließt alle Artikel des Journal of Clinical Ecology aus, wegen seiner anerkannten Gunst der Neigung für eine physische Ursache von MCS zu sprechen.

Peer Reviewed Ersten 54 Jahre Letzten 8 Jahre Alle Jahre
Artikel über MCS 1945 – 9/99 10/99 – 4/07 1945 – 4/07
Alle Artikel 595 238 833 = 100%
Untergruppe physische Ursache unterstützend 311 93 404 = 48%
Untergruppe psychiatrische Ursache unterstützend 137 62 199 = 24%
Untergruppe gemischte, oder keine Ursache unterstützend 96 45 141 = 17%
Untergruppe Forschung zu Methoden und/oder Definitionen 37 32 69 = 8%
Nicht klassifiziert 14 6 20 = 3%

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, Januar 2008

Literatur:

  1. Analyse MCS Bibiliography, Persönliche Korrespondenz Albert Donnay an Silvia K. Müller, 24.05.2007
  2. Nethercott JR, Davidoff LL, Curbow B, Abbey H., Multiple chemical sensitivities syndrome: toward a working case definition, Arch Environ Health. 1993 Jan-Feb;48(1):19-26.
  3. MCS Referral & Resources, Bibliographie über wissenschaftliche Studien zu Multiple Chemical Sensitivity, www.mcsrr.org, 2007

Anhang:

MCS Bibliographie 1945 – 2007

Zum Einsehen die Bibliographien anklicken

Diagnosekriterien Chemikaliensensitivität (MCS) American Consensus 1999

  1. Die Symptome sind durch (wiederholte chemische) Exposition reproduzierbar
  2. Der Zustand ist chronisch
  3. Minimale Expositionen (niedriger als vorher oder allgemein toleriert) resultieren in Manifestationen des Syndroms
  4. Die Symptome verbessern sich, oder verschwinden, wenn der Auslöser entfernt ist
  5. Reaktionen entstehen auch gegenüber vielen chemisch nicht verwandten Substanzen
  6. Die Symptome betreffen mehrere Organsysteme
  7. Asthma, Allergien, Migräne, Chronic Fatigue Syndrome (CFS) und Fibromyalgie stellen keine Ausschlussdiagnose für MCS dar