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Das Gift der Insektenblume

  Totenkopf, Totenschädel - auf der einen Seite der Globus, Weltkugel mit Blumenkranz  - Symbol für Verseuchung des Globus durch Pestizide aus der Chrysantheme

Pestizide aus der Chrysantheme verseuchen den ganzen Globus

  

Im Herzen Afrikas findet man sie. Die Felder mit Chrysanthemum cinerafolis und Chrysantemum coccineum. Wunderschöne margaritenähnliche Blumen, die aber nur auf den Feldern das Auge des Betrachtes erfreuen. Sie sind nicht für die Vasen im fernen Europa bestimmt. Die Blüten dieser Blumen werden getrocknet und zu feinem Pulver verarbeitet. Und dieses Pulver ist eine der begehrten Handelwaren des Kontinents. 

Chrysanthemum cinerafolis und Chrysantemum coccineum gehören nämlich zu jenen Pflanzenarten, die insekttötende Wirkstoffe produzieren. 

Durch Zugabe von Extraktionsmitteln (Kerosin/ Methanol, Petroether/ Acetonnitril oder Petroether/ Nitromethan) werden aus dem Pulver der Blüten sogenannte Pyrethrine gewonnen. Pyrethrine wurden bereits 1917 von der US Marine hergestellt: Insektizide zum Einsatz gegen Moskitos, Hausfliegen und andere Tierchen. 

Natur im Chemielabor umgebaut

Das Pulver der Chrysanthemum-Blüten ist teuer. Deshalb setzten Chemiker Piperonylbutoxid und anderer Substanzen zu und erzielten damit eine höhere Toxizität. Die zugesetzten Substanzen wirken als Synergisten.  

Weil aber auch das so gewonnene Insektizid immer noch teuer ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis Chemiker die Struktur der natürlichen Pyethrine entschlüsselten. Das gelang  bereits im Jahr 1924. Und 1947 wurde dann Allethrin synthetisiert. Damit gelang in den fünfziger Jahren der Markteinstieg. 

Allethrin war dem Naturprodukt noch ähnlich. Aber es war weniger giftig als Pyrethrine und ebenso wie Pyrethrine nicht photostabil. In rascher Folge kamen neue Produkte aus den Chemielaboren. Giftigere (zweite Generation) und photostabilere (dritte Generation). 

Permethrin ist ein Insektizid aus der dritten Generation. Permethrin ist in Deutschland als Mittel gegen Kopfläuse und Krätze zugelassen und findet auch in der Tiermedizin gegen Läuse, Flöhe, Milbe und Zecken Verwendung. Permethrin dient als vorbeugendes und/oder bekämpfendes Holzschutzmittel. Wollteppiche werden damit ausgerüstet. In Deutschland und Österreich ist Permethrin nicht als Pflanzenschutzmittel zugelassen. 

Ein Gift erobert den ganzen Globus

Der Boom der Pyrethroide kam mit der Einführung photostabiler Verbindungen (vierte Generation) für die Landwirtschaft. Fenvalerat, Deltamethrin, Cypermethrin und Permethrin sind die Umsatzrenner der Hersteller. 

Pyrethrine und Pyrethroide werden tonneweise produziert und sind mittlerweile über den Globus verteilt. Pyrethrine und Pyrethroide sind Insektizide. Aber auch für Menschen sind sie gefährlich:

„Naturpyrethrum und alle Pyrethroide sind Nervengifte, die auch das Zentralnervensystem angreifen. Pyrethroide reichern sich im Gehirn an. Kurz nachdem man Pyrethroiden ausgesetzt war, können die Gifte im Blut gemessen werden, sie werden aber relativ schnell abgebaut. Bei Langzeitbelastungen können sie im Fettgewebe gespeichert werden.“ 

Was passiert bei akuten Vergiftungen?

„Bei akuten Vergiftungen mit Pyrethroiden sind die ersten Symptome Reizungen und Rötungen der Haut und Schleimhaut, Kribbeln und Jucken, Taubheit um den Mund, Augenbrennen und Reizhusten. Dazu kommen die Symptome von Vergiftungen mit Nervengiften wie Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit, Schwächegefühl, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Schweißausbrüche. Diese Empfindungen gehen wieder zurück, wenn die Belastung vorüber ist.“ 

Was passiert bei chronischen Vergiftungen?

„Bei chronischer Einwirkung können Taubheitsgefühle auf der Haut, Kopfschmerz, Schwindel, Depression, Erschöpfung, Angst, Seh- und Hörstörungen, Herz-Rhythmusstörungen, Muskelschwäche, Immunschwäche und Asthma auftreten.Bei Personen in stark belasteten Innenräumen und Flugpersonal sind chronische Vergiftungen beobachtet worden. Permethrin und Cypermethrin stehen im Verdacht, hormonelle Wirkungen zu haben und die Fortpflanzung zu schädigen“ 

Auch die Natur ist bekanntermaßen nicht harmlos 

Pyrethrine sind entgegen der landläufigen Meinung nicht harmlos:

„Pyrethrine wirken neurotoxisch, sowohl auf sensorische wie auch auf motorische Nerven… Ein zweijähriges Kind starb, nachdem es 14 g Pyrethrum-Pulver gegessen hatte. Es gab auch tödliche Vergiftungen durch inhaliertes Pyrethrin-Aerosol Pyrethrine verursachten im Rattenversuch Leber- und Schilddrüsenkrebs. 

Belastende Hintergrundbelastung

Das alltägliche Gift gehört zu dem, was die Experten eine „Hintergrundbelastung“ nennen. Auch unsere Kinder bleiben vor der alltäglichen „Hintergrundbelastung“ nicht verschont. Unsere Human Biomonitoring Spezialisten wissen das auch: 

Kinder-Umwelt-Survey, Pilotstudie (2001/2002):

Hinweise auf Expositionspfade für die innere Belastung mit Organophosphaten und Pyrethroiden: 

„In der Pilotstudie des Kinder-Umwelt-Surveys (KUS) wurden die Urine von 2- bis 17-jährigen Kindern aus vier Orten in Deutschland auf ihre Gehalte an Organophosphat- und Pyrethroidmetaboliten untersucht… 

Die Exposition gegenüber Pyrethroiden wird bestimmt durch das Lebensalter, den Probenahmeort, den Konsum von gekochtem Gemüse und die Verwendung von Pyrethroiden im häuslichen Innenraum. Die signifikante Korrelation zwischen den Metabolitgehalten im Urin und den Permethringehalten im Hausstaub zeigt, dass Hausstaub eine Quelle für die Belastung von Kindern darstellen kann. Wahrscheinlich ist dies auf die Staubaufnahme durch Hand-zu-Mund-Kontakt zurückzuführen“ 

Herzlichen Dank an Gastautorin Juliane für diesen informativen Blogartikel!

Exklusiv Interview Prof. Dr. Rapp über Kinder mit Umweltkrankheiten

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Interview Silvia K. Müller im Gespräch mit Professor Dr. Doris Rapp 

Prof. Dr. Doris Rapp gehört zu den bekanntesten Umweltmedizinern weltweit. Sie leitete eine Klinik für Kindermedizin in Buffalo und behandelte in ihrem Berufsleben Tausende von Kindern und Jugendlichen. Viele kennen die noch immer hochaktive amerikanische Wissenschaftlerin von internationalen Kongressen, Fernsehbeiträgen oder durch ihre Bücher, die z. T. New York Times Bestseller waren und in vielen Sprachen erschienen. Für Menschen aus aller Welt waren und sind die Bücher von Prof. Rapp ein erster erfolgreicher Einstieg, um ihre Krankheit besser zu verstehen und um endlich Wege zu finden, ihren Gesundheitszustand zu verbessern. 

SKM: Professor Rapp, Sie haben viele Jahrzehnte Erfahrung mit Kindern, die unter schweren Allergien oder Chemikaliensensibilität leiden, die allergisch auf ihre Nahrung oder ihre Umwelt reagieren. Wie viele Kinder haben Sie diagnostiziert und behandelt?
 
Doris Rapp: Viele Tausende aus allen Staaten in den USA und sogar Kinder aus Europa waren dabei. Sie kamen zu mir in die Klinik von überall her. Wir haben sie ausgetestet und dann individuell behandelt. Von fast allen diesen Kindern haben wir Videodokumentationen vom gesamten Verlauf erstellt. Wir haben die Kinder ausgetestet, auf was sie reagieren, und dabei gefilmt. Dadurch haben wir sichtbar gemacht, dass es Kinder gibt, die auf Nahrungsmittel oder Chemikalien reagieren.
 
SKM: Welche Beschwerden hatten diese Kinder, auf was und wie reagierten sie?
 
DR: Man kann auf alles Mögliche reagieren. Von Nahrungsmitteln angefangen bis zu Chemikalien. Es gab Kinder, die extrem auf Schimmel reagierten, weil sie in einem Haus mit Schimmel wohnten. Bei manchen waren es nur zwei, drei Nahrungsmittel, andere reagierten auf Nahrungsmittel, Pollen, Chemikalien und auf ihre Haustiere. Man muss es herausfinden, das ist bei jedem Kind verschieden.
 
Viele Kinder haben schwere Kopfschmerzen, sind total erschöpft. Sie schaffen es kaum noch, in die Schule zu gehen. Ständige Infekte waren oft Anlass, dass die Eltern mit ihren Kindern zu uns kamen.
 
Muskelschmerzen und Atemwegsbeschwerden sind sehr häufig. Sehstörungen, Tinnitus, Hörstörungen, Epilepsie, Krämpfe und Herzbeschwerden haben wir ebenfalls oft erlebt bei den Kindern. Ja, und dann natürlich hyperaktive Kinder oder solche, die depressiv oder extrem aggressiv wurden, wenn sie mit etwas in Kontakt kamen oder ein bestimmtes Nahrungsmittel gegessen hatten. Kinder, die zur Schule gingen und noch ins Bett machten, weil sie auf bestimmte Nahrungsmittel reagierten. Es gibt sehr viele Auswirkungen, und bei jedem sind sie unterschiedlich.
 
SKM: Haben Sie auch Kinder gesehen, die durch ihre Schule krank wurden?
 
DR: Oh ja, das kommt recht häufig vor. Ich habe viele gesehen, die durch ihre Schule krank wurden, manche sehr krank, so dass sie zuhause bleiben mussten deswegen.
 
SKM: Gibt es Beweise, dass solche Kinder tatsächlich durch ihre Schule krank wurden?
 
DR: Selbstverständlich. Das Anderson Labor hat dies sogar mit Videos dokumentiert. Jeder kann sie dort bestellen und selbst anschauen. Nicht nur die Kinder reagierten beispielsweise auf den giftigen Schulteppichboden, sondern auch die Lehrer und Labormäuse, die man den gleichen Emissionen aussetzte. Das dürfte Beweis genug sein.
 
SKM: Wie viele Kinder haben Sie ungefähr gesehen, die durch ihre Schule krank wurden? Waren es viele?
 
DR: Es ist schwer, dass ganz genau zu beantworten. Ich schätze, dass waren mindestens 30% und aus manchen Gegenden, in denen Ritalin häufig verabreicht wird, da waren es viel mehr, manchmal bis zu 70%. Manche Kinder reagierten auch nicht auf ihre Schule, sondern auf den Schulbus, mit dem sie fuhren, auf die Dieselabgase an der Haltestelle oder im Bus.
 
SKM: Durch was wurden die Kinder, die Sie gesehen haben, krank an ihren Schulen?
 
DR: Schimmel, belasteter Staub, Chemikalien, aber auch Nahrungsmittel, die sie dort gegessen haben und worauf sie allergisch reagierten.
 
SKM: Wie kann man herausfinden, auf was ein Kind reagiert?
 
DR: Es ist eigentlich sehr leicht herauszufinden, auf was so ein Kind reagiert. Jeder kann es, indem er meine „Big Five“ anwendet. Man muss herausbekommen, wo und wann es jemand plötzlich schlecht geht oder sich jemand plötzlich völlig auffällig verhält. Ist es innen oder draußen passiert? Kam es durch eine Chemikalie oder durch ein Nahrungsmittel? Durch die „Big Five“ bekommt man es heraus.
 
SKM: Was genau sind die „Big Five„, Professor Rapp? Können wir sie auch lernen?
 
DR: Ja sicher, jeder kann die „Big Five“ im Nu erlernen, es sind fünf Fragen:
1.      Wie sieht die Person aus?
2.      Wie fühlt sie sich?
3.      Wie sieht die Handschrift aus?
4.      Wie ist der Puls?
5.      Wie ist die Atmung?
 


Vergleichen Sie die „Big Five“ vor und 10-60 Minuten nach 
SKM: Was können die Leute noch tun, um herauszufinden, was mit ihnen los ist, und ganz wichtig, was empfehlen Sie, damit es den Betroffenen besser geht?
 
DR: Finden und beseitigen der Ursache und dann in Folge Vermeiden dieser Auslöser, das ist meine beste Idee, und das Allerbeste daran ist, man braucht keine Medikamente dazu.
 
Tausenden kann geholfen werden, indem sie eine Woche eine ganz strikte Diät essen ohne die Nahrungsmittel, auf die sie reagieren. Genauso schnell kann vielen mit einem Luftfilter geholfen werden. Ich erinnere mich, dass ich bei Dr. Runow in Deutschland einen besonders guten Luftfilter sah. Es ertönte ein Warnton, wenn Chemikalien im Raum waren. Das hat mir sehr gut gefallen. Solche Luftfilter eliminieren Pollen, Schimmel, Staub und Chemikalien. Wer auf Nahrung und auf Allergene in der Luft und Chemikalien reagiert, sollte beides ausprobieren. Viele staunen, wie schnell es ihnen besser geht. Dann müssen sie lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen und Auslöser vermeiden. Auf diese Weise wird eine kranke Person wieder stabiler und kann fast normal leben. Ist ein Kind bereits schwer erkrankt, empfiehlt es sich, eine Umweltklinik aufzusuchen und dort eine Behandlung durchzuführen. Kinder haben gegenüber Erwachsenen den Vorteil, dass ihr Körper schneller auf Therapien anspricht, und wenn konsequent nach den Vorgaben der Ärzte gelebt wird, kann sehr schnell Erfolg erzielt werden.
 
SKM: Herzlichen Dank für das interessante Interview, Professor Rapp. Wir wünschen Ihnen alles Gute, viel Gesundheit und weiterhin viel Kraft, um Ihre wichtige Arbeit fortsetzen zu können und freuen uns auf den nächsten Kongress, auf dem Sie sprechen werden.

  •  Essen oder Trinken
  • Aufenthalt im Außenbereich versus Aufenthalt im Innenraum, checken Sie jeden Raum oder Bereich
  • Chemikalienexposition (vergleichen Sie hierbei nach 1-5 Minuten, nicht erst nach 10-60 Minuten)
  • Einnahme von Medikamenten
  • Einnahme eines Immunsystemmodulators
  • Anwendung von desensibilisierenden Allergieextrakten 

Hörschäden durch Pestizide bei Kindern und Erwachsenen festgestellt

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Schwerhörig durch Pestizide. Vergiften Bauern ihre eigenen Kinder?

Pestizide werden weltweit im privaten, öffentlichen und landwirtschaftlichen Bereich zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Sie können jedoch bei Menschen je nach Art des Wirkmechanismus schwere Gesundheitsschäden verursachen. Meist liegen diese Schädigungen im Bereich des Immun- und Nervensystems.
Wissenschaftliche Studien aus verschiedenen Ländern haben bestätigt, dass Pestizide das menschliche Gehör bis zu völliger Taubheit schädigen können. In erster Linie betroffen sind Arbeiter in der Industrie und im Agrarbereich, die häufigen Umgang mit diesen Pestiziden haben, bedenklicherweise aber leider auch die Kinder von Bauern, wie eine Studie der Harvard Universität herausfand. (1)

Dass bestimmte Chemikalien Hörschäden und Hörverlust auslösen können, ist bekannt und beschäftigt Wissenschaftler weltweit. (1-13) Eine relativ neue Erkenntnis ist, dass auch Pestizide in der Lage sind, Hörschäden zu verursachen, die sogar bis zu permanentem Hörverlust führen können. (1,3,4,5) Als Ursache für besonders schwerwiegende Schädigungen des Gehörs, wie permanentem Hörverlust, wird die  potenzierende Kombinationswirkung verschiedener Wirkstoffe angenommen.

Pestizide haben ein breites Einsatzgebiet
Am weitesten verbreitet sind die Pestizide der Organophosphatklasse. Sie gelten als besonders wirkungsvoll und werden im privaten, öffentlichen und landwirtschaftlichen Bereich häufig eingesetzt. Dichorvos, Chlorpyrifos und Malathion gehören zu den klassischen Vertretern dieser Pestizidklasse, die über eine relativ hohe Toxizität verfügt. E605 gehört ebenfalls dazu und ist sehr lange als klassisches Suizidmittel bekannt. Der Wirkstoff wurde aus geächteten Kriegskampfstoffen, wie Tabun, Sarin, Saran, abgeleitet.
Man findet Organophosphat- Insektizide für den Hausgebrauch vor allem in Ameisenköderdosen, Mottenstrips, Mückensprays, Flohsprays für Haustiere und Mitteln zur Bekämpfung von Kakerlaken und anderen Schädlingen. Im öffentlichen, sowie im landwirtschaftlichen Bereich, im Obstanbau, auf Plantagen und im Weinbau werden Organophosphate ebenfalls noch immer in großem Umfang angewendet.

Eine weitere Insektizidklasse, die mittlerweile sehr häufig eingesetzt wird, sind die Pyrethroide. Sie sind lang anhaltend wirkende synthetische Abkömmlinge des natürlichen Wirkstoffs Pyrethrum, der aus Chrysanthemen gewonnen wird.

Pestizide schädigen das Gehör
Der Wirkmechanismus der Organophosphate besteht hauptsächlich in der Hemmung eines Enzyms, der Acetylcholinesterase. Diese Hemmung ist irreversibel. Schädigungen durch höhere oder chronische Expositionen treten vor allem im Bereich des Nerven- und Immunsystems auf. Weiterhin wird über Sensibilisierung und darauf folgende Chemikalien-Sensitivität als Begleitsymptomatik berichtet. Durch neuere wissenschaftliche Forschung fand man heraus, dass Organophosphatinsektizide wie auch Pyrethroide für Schäden am Gehör verantwortlich sein können. Auch im Tierversuch konnten pestizidinduzierte Gehörschäden bestätigt werden. (14)

Hörschäden bei Kindern durch Pestizide
Eine Studie der Harvard Universität belegte, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, multiplen Risiken durch Unfälle und Krankheiten durch die Landwirtschaft ausgesetzt sind. Die Studie beschäftigte sich vornehmlich mit Risiken für das Gehör durch Lärm und Chemikalien. Von beidem sind Bauernkinder potentiell umgeben. Es wurde durch das Wissenschaftlerteam Perry und May deren Evidenz in der derzeitigen Literatur beleuchtet. Als Risikofaktoren kristallisierten sich Lärm durch die Landwirtschaftmaschinen und potenziell toxische chemische Expositionen durch Lösemittel und Pestizide heraus, die Alltag auf Bauernhöfen sind. Im Schlusswort ihrer Studie betonen Perry MJ, May JJ, dass die ermittelten Ergebnisse die Notwendigkeit für vermehrte Forschung über das Problem, das bis zu 2 Millionen Kinder alleine in den USA betrifft, illustriert. Die Mediziner forderten als Konsequenz öffentliche und arbeitsmedizinische Lösungen. (1)

Hörverlust durch Organophosphate und Pyrethroide
In zwei Studien untersuchten brasilianische Wissenschaftler in einer kontrollierten Studie eine Gruppe von 98 Arbeitern, die im Rahmen von Ausbringen von Organophosphaten und Pyrethroiden zur Bekämpfung von Überträgern von Gelbfieber und anderen Krankheiten, gegenüber den Pestiziden exponiert waren. Unter den exponierten Personen litten 63.8% unter Hörverlust. In der Gruppe der Arbeiter, die Lärm und Insektiziden ausgesetzt waren, wurde Hörverlust bei 66.7% festgestellt. Die mittlere Expositionszeit, bis sich ein Hörverlust einstellt, betrug 3.4 Jahre für Arbeiter, die beidem ausgesetzt waren. Bei Personen, die nur Insektiziden ausgesetzt waren, betrug der mittlere Expositionszeitraum bis zur Entwicklung eines Hörschadens 7.3 Jahre.
Die Gruppe, die gegenüber Pestiziden und Lärm exponiert war, hatte ein relativ hohes Risiko für zentrale Schädigung, es lag bei 6.5 (95% CI 2.2-20.0) im Vergleich zur Kontrollgruppe und bei 9.8 (95% CI 1.4-64.5) verglichen mit der ausschließlich lärmexponierten Gruppe. Durch diese Ergebnisse schloss die Wissenschaftlergruppe aus Recife, dass Expositionen gegenüber Organophosphatinsektiziden und Pyrethroiden Schädigungen am zentralen audiotorischen System verursachen und dass Lärm die ototoxische Wirkung der Insektizide potenzieren kann (4,6).

In der medizinischen Fachzeitung Laryngoscope stellte ein Wissenschaftlerteam den Fall eines Mannes vor, der eine kombinierte Intoxikation durch ein Organophosphat Kombipräparat; ein Aerosol, das Malathion und Methoxychlor enthielt, ausgesetzt gewesen war. Nach einem leichten Einsetzen von Symptomen und Anzeichen wurde ein beidseitiger und permanenter neurosensorischer Hörverlust und verbleibende periphere Neuropathien der Extremitäten festgestellt. Eine mögliche Potenzierung durch die Kombinationswirkung der beiden Organophosphate, wegen der normalerweise leichten Toxizität von Malathion, wurde von den Wissenschaftlern angenommen. (3)

Lösungsmittel verstärken Wirkung von Pestiziden
Lösemittel, die oft als Vermittler und Wirkungsverstärker in Pestizidzubereitungen zum Einsatz kommen, können ebenfalls ototoxische Wirkung haben. Besonders bei Toluol, Xylol und Aceton wurde in Studien und Untersuchungen festgestellt, dass schädigende Auswirkungen auf das Gehör auftreten können. (8-13) Erschwerend kann durch diese ototoxischen Lösemittel ein weiterer zusätzlicher Potenzierungseffekt bei Organophoshat- und Pyrethroidzubereitungen auftreten.

Ursache für Hörschaden aufdecken
Es ist wichtig, dass Mediziner bei Hörschäden, die keinen offensichtlichen Grund wie generelle Schwerhörigkeit in einer Familie, ein Knalltrauma, etc., auch Chemikalien als Ursache in Betracht ziehen und durch gründliche Anamnese ermitteln, wo eine hörgeschädigte Person arbeitet, ob sie in einem belasteten Umfeld wohnt oder anderweitig Kontakt mit bestimmten, als bekannt ototoxisch wirkenden Lösemitteln, Metallen oder Pestiziden hatte. In Bereichen, in denen ototoxisch wirkende Substanzen zur Anwendung kommen müssen, sollten präventiv strikte Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, die einschließen, dass Kinder mit diesen Substanzen nicht in Kontakt geraten können.

Autor: Silvia K. Müller, CSN, Juni 2008


Literatur:

  1. Perry MJ, May JJ., Noise and chemical induced hearing loss: special considerations for farm youth. Department of Environmental Health, Harvard
    School of
    Public Health,
    Boston, MA,
    02115, USA. J Agromedicine. 2005;10(2):49-55.
  2. Morata TC , Chemical exposure as a risk factor for hearing loss, J Occup Environ Med. 2003 Jul;45(7):676-82.
  3. Harell M, Shea JJ, Emmett JR. Bilateral sudden deafness following combined insecticide poisoning. Laryngoscope. 1978 Aug;88(8 Pt 1):1348-51.
  4. Teixeira CF, Giraldo Da Silva Augusto L, Morata TC, Occupational exposure to insecticides and their effects on the auditory system. Noise Health. 2002;4(14):31-39
  5. Ernest K, Thomas M, Paulose M, Rupa V, Gnanamuthu C., Delayed effects of exposure to organophosphorus compounds. Indian J Med Res. 1995 Feb;101:81-4.
  6. Teixeira CF, Augusto LG, Morata TC, Hearing health of workers exposed to noise and insecticides, Rev Saude Publica. 2003 Aug;37(4):417-23. Epub 2003 Aug 20.
  7. Palacios-Nava ME, Paz-Roman P, Hernandez-Robles S, Mendoza-Alvarado L. Persistent symptomatology in workers industrially exposed to organophosphate pesticides, Salud Publica Mex. 1999 Jan-Feb;41(1):55-61.
  8. Morata TC, Fiorini AC, Fischer FM, Colacioppo S, Wallingford KM, Krieg EF, Dunn DE, Gozzoli L, Padrao MA, Cesar CL. Toluene-induced hearing loss among rotogravure printing workers. Scand J Work Environ Health. 1997 Aug;23(4):289-98.
  9. Cynthia Wilson, Chemical Exposures and Human Health, McFarland, 1993
  10. Morata TC, Engel T, Durao A, Costa TR, Krieg EF,
    Dunn DE, Lozano MA.Hearing loss from combined exposures among petroleum refinery workers. 1: Scand Audiol. 1997;26(3):141-9.
  11. Polizzi S, Ferrara M, Pira E, Bugiani M., Exposure to low levels of solvents and noise, ear canal volume and audiometric pattern, G Ital Med Lav Ergon. 2003 Jul-Sep;25 Suppl(3):67-8.
  12. Sliwinska-Kowalska M, Zamyslowska-Szmytke E, Szymczak W, Kotylo P, Fiszer M, Dudarewicz A, Wesolowski W, Pawlaczyk-Luszczynska M, Stolarek R., Hearing loss among workers exposed to moderate concentrations of solvents., Scand J Work Environ Health. 2001 Oct; 27(5):335-42
  13. Sliwinska-Kowalska M, Zamyslowska-Szmytke E, Kotylo P, Wesolowski W, Dudarewicz A, Fiszer M, Pawlaczyk-Luszczynska M, Politanski P, Kucharska M, Bilski B., Assessment of hearing impairment in workers exposed to mixtures of organic solvents in the paint and lacquer industry, Med Pr. 2000;51(1):1-10.
  14. Nicotera TM, Ding D, McFadden SL, Salvemini D, Salvi R.Paraquat-induced hair cell damage and protection with the superoxide dismutase mimetic m40403., Audiol Neurootol. 2004 Nov-Dec;9(6):353-62. Epub 2004 Oct 1.

Bauern bereit, 28% mehr zu zahlen für weniger giftige Pestizide

Altes rostiges Fass mit Pestiziden, Umweltgefahr, tickende Zeitbombe 

Hersteller können ihre schädlichen Pestizide bald selbst behalten

Die Bauern, die in Nicaragua Gemüse anpflanzen, gehören nicht zu den Reichsten. Das mittelamerikanische Land ist von Armut geprägt. Sie sind darauf angewiesen, dass jede Ernte ein Erfolg wird, damit ihre Familien nicht in ihrer Existenz gefährdet sind. Um das Gemüse vor Schädlingen zu schützen, werden Pestizide eingesetzt. Doch diese fordern ihren Tribut. Pestizide sind dafür ausgelegt, Schädlinge zu töten, und demnach hinterlassen sie auch Spuren bei den Menschen. Zum Teil sind die Spuren sichtbar durch angeborene Missbildungen bei Kindern. Schlimme Ekzeme an Armen und Beinen treten regelmäßig auf, bei Kindern und Erwachsenen, die den Pestiziden ausgesetzt sind, durch Arbeit auf den Feldern, oder auch durch den ständigen Kontakt mit Pestiziden durch Benutzung der durch die Felder führenden Wege, z.B. Schulwege. Dazu kommen eine ganze Reihe von Krankheiten und gehäuft sogar Sterilität, von denen die Bauern sicher sind, dass sie vom Gift, das sie versprühen, verursacht werden. Sie sind es leid, haben Angst davor, und dennoch sind sie auf Pestizide angewiesen, um Missernten durch Schädlingsbefall zu verhindern.   

Folgen von Pestiziden nicht mehr wegzulügen

In Nicaragua kennt man die Folgen von Pestiziden. Viele Tausend Bananenplantagenarbeiter in Zentral- und Südamerika waren durch das Pflanzengift Nemagon steril geworden. Ende vergangenen Jahres gewannen sie nach einem langen Kampf den Prozess um Entschädigung von den verantwortlichen Großkonzernen Dow Chemical und Dole. Doch ein solcher Kampf ist hart, viele der Pestizidopfer überleben ihn nicht, weil sie zuvor an den Gesundheitsschäden durch die Pestizide sterben. Zudem verschwinden die Folgen wie Krebs, missgebildete Kinder, Sterilität, etc. nicht durch Entschädigungszahlungen. Dort wo es möglich ist, schwenken Bauern daher um, versuchen in Öko- oder Fair Trade Projekte eingebunden zu werden. Doch die Möglichkeit ist nicht jedem gegeben, und das Vergiften geht weiter.  

Trotz schlimmer Armut bereit, für die Gesundheit zu zahlen

Ein Wissenschaftlerteam der Universität Hannover führte aktuell eine Studie bei nicaraguanischen Bauern durch um festzustellen, wie viel den Gemüsebauern ihre Gesundheit wert ist, die unerbittlich durch die dort eingesetzten Pestizide in Mitleidenschaft gezogen wird. Das Ergebnis der wissenschaftlichen Erhebung ist erstaunlich und erschütternd zugleich, denn es lässt die Tragweite des Pestizid-Martyriums erahnen, dem die Bauern ausgesetzt sind. Es ist vor allem dann erschütternd, wenn man mit in Betracht zieht, wie groß die Armut in diesem Land ist und wie gering das Einkommen der Bauern, und dass auch sie Wünsche für sich und ihre Kinder haben. Beispielsweise dass ihre Kinder endlich eine gute Schulbildung erhalten, damit sie rauskommen aus den giftigen Anbaufeldern und hoffentlich dadurch ein besseres Leben bekommen. Doch die Bauern haben aus ihrer bitteren Erfahrung mit den Giften und deren nachhaltigen Folgen gelernt. Sie wären bereit, für eine gesündere Zukunft für sich, ihre Kinder und ihre Umwelt zurückzustecken und sich dafür, wo es nur geht, einzuschränken.   Das Studienergebnis der Universität Hannover ergab, dass Gemüsebauern in Nicaragua trotz ihrer Armut und Not bereit wären, im Schnitt 28% zusätzlich zu dem, was sie schon jetzt für ihre Pestizide aufwenden, zu bezahlen, wenn diese nur weniger giftig und nicht so gesundheitsschädlich wie die Jetzigen wären.  

Doch müssen weniger giftige Pestizide gleichzeitig teurer sein? Sollte nicht schon in der Entwicklung von Pestiziden das oberste Gebot darin bestehen, Gesundheit und Umwelt zu schonen, statt nachhaltig zu zerstören? 

Autor:  Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, Juni 2008  

Literatur:

Garming H, Waibel H., Pesticides and farmer health in Nicaragua: a willingness-to-pay approach to evaluation, Development and Agricultural Economics, Faculty of Economics and Management, Leibniz University of Hannover, Eur J Health Econ. 2008 Jun 3.

Analyse neuer Wortschöpfungen, die den etablierten Fachausdruck Chemikalien-Sensitivität (MCS) ersetzen sollen

 

Kranke IdeeVon Zeit zu Zeit wird der Versuch unternommen, den international eingebürgerten und auch von der WHO verwendeten Fachbegriff Multiple Chemical Sensitivity, kurz MCS, durch neue Wortschöpfungen zu ersetzen. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig, in erster Linie will man durch die Einführung eines neuen Begriffs bereits feststehende Fakten wieder eliminieren und davon ablenken, wie viel an Wissen, Anerkennung, sowie validierter Diagnose- und Falldefinitionen bereits existieren.  Mancher, der sich mit den Hintergründen nicht ganz auskennt, mag denken „neuer Name, neues Glück“, doch dem ist nicht so, denn ein neuer Krankheitsbegriff kommt einem Start bei Null gleich, was unglaublich viel Zeit für die „MCS-Gegenseite“ einbringen würde. Zeit, die man nutzen würde, die Ursachen und Auswirkungen des Krankheitsbildes unter einem Leichentuch begraben zu halten.  

Also ist es ganz klar eine ausgeklügelte, aber auch sehr durchsichtigeTaktik, den Fachbegriff MCS durch immer neue Wortschöpfungen eliminieren zu wollen, nach dem Motto: klappt es beim ersten Mal nicht, dann eben beim zweiten, dritten oder vielleicht erst zehnten Mal, Hauptsache, die Fakten werden immer wieder verschleiert und die Kranken permanent verunsichert, damit sie sich nicht mehr eigenständig zur Wehr setzen können.  

Wir möchten in Folge die einzelnen Wortschöpfungen analysieren und gleichzeitig deren Unfähigkeit, MCS zu ersetzen, belegen.  Mit einem aktuell in Umlauf gebrachten und völlig inkorrekten Begriff, nämlich Erworbene Chemikalienintoleranz„, wollen wir beginnen. 

Der von der Industrie ausgewählte Begriff „IEI – Idiopathische Umweltintoleranz“ war der erste groß angelegte Versuch, den Krankheitsbegriff  MCS abzuschaffen. Er schlug fehl, doch weitere Versuche folgten. Kürzlich tauchte sogar „Multi Systemerkrankung“ als Ersatz für MCS auf, die Hintergründe hierfür hat ein renommierter Professor beleuchtet, dazu später mehr. 

„Erworbene Chemikalienintoleranz“. 

Der Begriff „Erworbene Chemikalienintoleranz“  

ad 1: ist in sich unlogisch und 

ad 2: verharmlosend und 

ad 3: suggeriert völlig inkorrekte Kausalzusammenhänge. 

Der medizinische Fachausdruck einer „erworbenen Intoleranz“ bezieht sich auf Substanzen, die bei normaler Stoffwechselsituation für den Körper völlig unschädlich oder sogar als Nährstoffe geeignet sind. Bei bestimmten Krankheitsbildern (Beispiel: Lactose Intoleranz) ist es dem Erkrankten nicht oder nicht mehr möglich, eine oder mehrere spezifische, an sich aber harmlose Substanzen zu verstoffwechseln oder zu tolerieren. Dies kann „erworben“ oder bereits genetisch determiniert sein. 

Den Begriff „erworbene Intoleranz“ auf toxische Substanzen zu beziehen, ist daher grundsätzlich falsch, da ein Organismus für ihn toxische Substanzen gar nicht tolerieren, sondern lediglich die Giftwirkung in gewissem Umfang kompensieren kann! Abhängig von individueller Prädisposition, bereits erfolgten Intoxikationen und allgemeiner Gesundheitslage können Organismen die Wirkungen von Toxinen bis zu einer individuell sehr unterschiedlichen Grenze und natürlich abhängig von der Art des Toxins zwar kompensieren, nie aber tolerieren, in dem Sinne, dass überhaupt keine toxische Wirkung auftritt. 

Daraus folgt: 

Punkt 1: Es kann grundsätzlich keine „erworbene Intoleranz“ auf Chemikalien geben, die an sich bereits toxisch sind. 

Punkt 2: Da mit dem Begriff Erworbene Chemikalienintoleranz eindeutig suggeriert wird, die Wirkung von Toxinen einerseits und an sich harmlosen Substanzen andererseits sei grundsätzlich gleichwertig, wird hier bereits mittels der Wortwahl eine völlig inkorrekte und die toxischen Chemikalien extrem verharmlosende Definition kreiert. 

Punkt 3: Ergibt sich aus den vorherigen Ausführungen.

WIDERLEGT – Die Lüge „Chemikalien-Sensitivität sei nicht anerkannt“ / Teil III

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Eine Gesellschaft ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied

Chemikalien-Sensitivität stellt unbestritten eine Herausforderung für alle dar. In erster Linie natürlich für den Erkrankten, seine Familie, aber auch für sein Umfeld und nicht zuletzt für unsere Gesellschaft. Ein Leugnen kommt einer Selbstverleugnung gleich, denn wer bis jetzt noch nicht verstanden hat, dass ein Umdenken auf die leichtfertige Handhabung von Chemikalien stattfinden muss, hat seine Augen vor der Realität verschlossen.

Der Großteil der amerikanischen Gouverneure haben den Notstand die Bevölkerung über toxische Schädigungen und Chemikalien-Sensitivität zu informieren seit Jahren erkannt und rufen deshalb den Monat Mai seit zehn Jahren als Aufklärungsmonat aus.

Eine peinliche Lüge: „MCS ist nirgends anerkannt“

Sehr engagiert traten in den vergangenen Jahren amerikanische Behörden für die Erkrankten ein. Um Basis für Gesetzesgrundlagen und Änderungen im Sozialwesen zu schaffen, gab es u. a. einige staatlich finanzierte Kongresse und zahlreiche Studien, die zur Definition und weiteren Erforschung der Erkrankung dienten. Auch Wohnungsbauprojekte für Chemikaliensensible wurden staatlich unterstützt. Gesetze zum Schutz chemikaliensensibler Menschen und Regelungen zum Erhalt und Schaffung von Arbeitsplätzen für Betroffene wurden verabschiedet.

Nachfolgend jeweils eine kleine Auswahl von Anerkennungen und Mitteilungen über Akzeptanz gegenüber Chemikalien-Sensitivität, um einen Eindruck zu verschaffen.

Behörden unterstützen Chemikaliensensible

Das US Access Board ist ein unanhängiger Bundesausschuss, der den Zutritt von Behinderten in staatliche Einrichtungen regelt. Die Hälfte der Mitglieder sind Repräsentanten von staatlichen Behörden.

Das US Access Board übernahm am 26. Juli 2000 folgende Richtlinie (1):

Bundesregister Nachrichten, die Sitzungen von Behörden bekannt geben, werden folgende Anweisung umfassen:

Personen, die an Behördensitzungen teilnehmen, werden für das Befinden anderer Teilnehmer gebeten, davon Abstand zu nehmen Parfüm, Cologne und andere Duftstoffe zu benutzen. Ein Schild wird außerhalb des Sitzungsraumes aufgestellt, dass Teilnehmer der Sitzung darauf hinweist, auf Duftstoffe zu verzichten.

Hotels und andere Einrichtungen, in denen Sitzungen abgehalten werden, werden gebeten, Duftstoff versprühende Apparate von den Sitzungsräumen und anschließenden Toiletten zu entfernen oder abzuschalten und jegliche Umbaumaßnahmen (Malerarbeiten, Anstriche, etc.) oder Teppichshampoonierungen und Pestizidausbringungen nicht vor den Sitzungen zu terminieren.

Senatsunterausschuss für die Rechte der Behinderten: Senator Milton Marks aus Kalifornien beschloss 1996 behindertengerechte Bedingungen für Menschen mit einer Multiplen Chemikalien-Sensitivität. (2)

MCS in Medizin und Forschung

Im Vergleich zum Schweregrad der Erkrankung und dass sie bis dato unheilbar ist, wird Forschung und Förderung von Projekten auf diesem Sektor zwar nur gering, aber dennoch unterstützt.

Fachkrankenhaus Nordfriesland: Seit 1992 werden in der Institutsambulanz und seit 10/1995 auch im stationären Bereich des Fachkrankenhauses Nordfriesland in Bredstedt Patienten mit MCS behandelt. Die Klinik wurde als Pilotprojekt finanziert. Von Anfang an wurde die Arbeit durch die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holsteins und das Institut für Toxikologie der Christian-Albrechts-Universität in Kiel dokumentiert. Von 1996 bis 1998 wurde eine prospektive Beobachtungsstudie zur Evaluation der Arbeit der Klinik durch das Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Lübeck durchgeführt. (3)

Mit Hilfe des Bundesministeriums für Gesundheit konnte das Fachkrankenhaus Nordfriesland ein Patientenregister erstellen, um die einzelnen Bereiche der Therapie auf ihre Gewichtung im gesamttherapeutischen Ansatz zu überprüfen. (4)

Qualitätszirkel MCS: Der Qualitätszirkel MCS (Multiple Chemical Sensitivity-Syndrom) wurde 2001 von Ärzten und Betroffenen der Selbsthilfegruppe MCS in Hamburg gegründet. Der Qualitätszirkel trifft sich in regelmäßigen Abständen. Zum Qualitätszirkel werden Referenten eingeladen, die zu unterschiedlichen Themen vortragen. Hierbei geht es um die Ätiologie, die Diagnostik und auch die Therapie des MCS. Der Qualitätszirkel MCS ist zudem bei der Hamburger Ärztekammer als zertifizierte Fortbildung anerkannt und wird je Sitzung mit 1 Fortbildungspunkt versehen. (5)

Fachgespräch MCS im Jahr 2003 im Umweltbundesamt

Stellungnahme Prof. Dr. med. Thomas Eikmann, Dr. med. Doris Stinner, Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Justus-Liebig-Universität Giessen. „Was hat das abgeschlossene MCS-Vorhaben gebracht? Aus der Sicht der beteiligten Ambulanzen“ (6):

„…Die Anzahl nationaler und internationaler Patienten mit selbst berichteter Multipler Chemikalien Sensibilität (MCS) ist insbesondere auf der Basis US-amerikanischer Studien als bedenklich hoch einzustufen.

…Dies führt zu meiner Empfehlung, für diese Patienten im allgemeinmedizinischen und umweltmedizinischen Versorgungsbereich angemessene Therapiemöglichkeiten und Kapazitäten zu schaffen, die innerhalb der vorhandenen Sozialversicherungssysteme liegen.

…Obwohl die gesetzlichen Voraussetzungen zur unfallversicherungsrechtlichen Anerkennung von MCS als Berufskrankheit derzeit nicht gegeben sind, sollte das Vorliegen einer MCS- Symptomatik zumindest in den übrigen Sozialversicherungsbereichen durch eine angemessene Einschätzung des Schweregrades berücksichtigt werden.

…Weiterhin sollte die Entwicklung spezifischer Betreuungsmodelle, z.B. in Form spezieller Zentren, unter Einbeziehung der MCS- Patienten bzw. Patientenverbände entwickelt werden. Um den betroffenen Patienten in ausreichendem Maße gerecht zu werden, sind finanzielle Mittel für die Versorgung umweltkranker Patienten bereit zu stellen.“

Die erste staatliche Umweltklinik entstand in Nova Scotia in Kanada. (7)

Das Jewish Hospital (Jüdisches Hospital) in Louisville, KY, verfügt über eine Abteilung, die speziell für Chemikaliensensible eingerichtet ist und unterzieht das Personal ständigen Schulungen bezüglich der speziellen Erfordernisse Chemikaliensensibler.

US Department of Defense: Senator Tom Harkin legt fest, dass 3 Millionen Dollar des DOD’s Etat für die Erforschung der Golfkriegskrankheit in multidisziplinäre Studien über CFS; FM und MCS fließen, 1999. (8)

New Jersey Department of Health (Gesundheitsministerium von New Jersey): Gab eine umfangreiche Bewertung über MCS mit Empfehlungen für staatliche Maßnahmen in Auftrag. „Chemical Sensitivities: A Report to the New Jersey Department of Health“. Der auch in Deutschland in Buchform erschiene Bericht wurde 1989 von Dr. Nicholas Ashford und Dr. Claudia Miller erstellt. (9)

MCS in Politik, Regierung und Ländern

Es wurde über Jahre viel Akzeptanz von Seiten der deutschen Politik und Regierung ausgesprochen.

Die Bundesregierung erklärte 1996 gegenüber dem Deutschen Bundestag, dass sie keinerlei Bedenken gegen die Anerkennung des MCS Syndroms als Schwerbehinderung nach dem geltenden Schwerbehindertenrecht hat. (10)

MCS Patienten wird in einer gemeinsamen Presseerklärung des BGVV und Umweltbundesamtes angeraten, bezüglich symptomauslösender Chemikalien Vermeidungsstrategien zu entwickeln, diese dürfen jedoch nicht zu einer sozialen Isolation führen. (11)

Die Bundesregierung erklärte gegenüber dem Deutschen Bundestag, dass sie keinerlei Bedenken gegen die Anerkennung des MCS Syndroms als Schwerbehinderung nach dem geltenden Schwerbehindertenrecht hat. (12)

Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage vom April 1997:

„.. Wenngleich es hinsichtlich derartiger umweltassoziierter Krankheitsbilder noch eine Vielzahl ungeklärter Fragen im Hinblick auf Krankheitsursachen und Entwicklung, Diagnostik und Therapie gibt, ist die Bundesregierung der Auffassung, dass es gegenwärtig darauf ankommt, die Patienten ernst zu nehmen und angemessen zu betreuen, Krankheiten mit definierten Ursachen auszuschließen (Differentialdiagnose), geeignete Forschungsstrategien hinsichtlich Ursachen, Entstehungsmechanismen, Krankheitsspezifität, Betreuung und Behandlung zu entwickeln.

…Die Bundesregierung hat inzwischen internationale und nationale Fachtagungen zur MCS- Problematik gefördert und Forschungsmittel für geeignete Projekte im Rahmen des Umweltforschungsplanes zur Verfügung gestellt.

…Es ist auch nicht in ihrem Sinne, wenn Patienten, die ihre Beschwerden auf chemikalienbedingte Einflüsse zurückführen, von vorneherein pauschal als psychisch krank bezeichnet werden.“ (13)

Diese Antwort der Bundesregierung aus dem Jahr 1998 wurde mit Schreiben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit namens der Bundesregierung übermittelt:

Antworten auf kleine Anfrage: Hilfe für Menschen mit MCS- Syndrom

„…Die Symptome von MCS-Patienten sind individuell stark unterschiedlich und treten typischerweise in mehr als einem Organsystem auf. Es handelt sich um schwere chemische Verletzungen, und es ist unbestritten, dass den Betroffnen alle nur mögliche Hilfe zuteil werden muss.

…es ist unbestritten, dass weltweit Patienten unter einer Vielzahl von – durch Chemikalien im Niedrigdosisbereich ausgelösten – Symptomen leiden und dass sie professioneller Hilfe bedürfen.

…Es ist wichtig, dass in Deutschland MCS- Patienten angemessene Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Ebenso wichtig ist es, dass sich der Gesetzgeber bemüht, Menschen mit Multiple Chemikalienempfindlichkeit zu ermöglichen, am öffentlichen Leben teilzunehmen.“ (14)

Ärztlicher Sachverständigen Rat, Sektion Versorgungsmedizin, Bundesministerium für Arbeit im November 1998:

„Gemäß Beschluss sind so genannte Umweltkrankheiten, wie das „MCS- Syndrom“, die mit vegetativen Symptomen, gestörter Schmerzverarbeitung, Leistungseinbussen und Körperfunktionsstörungen, etc. einhergehen, grundsätzlich als Behinderung nach dem Schwerbehindertenrecht SGB IX anerkannt. Es wird darauf hingewiesen, dass psychische oder psychiatrische Krankheiten nicht mit dieser Einstufung verbunden sind.“ (15)

Bayerisches Landesamt für Umweltschutz im November 2001:

„Umweltsyndrome“ Ein zunehmender Anteil von Menschen in Industrienationen leidet unter ihnen – in Deutschland vorsichtigen Schätzungen zufolge etwa zwei bis zehn Prozent der Bevölkerung allein an MCS.

„Außer Frage steht, dass die Patienten ihre Beschwerden tatsächlich erleben und einer gezielten Diagnose und umfassender Beratung bedürfen.“ (16)

Arbeiten trotz Chemikalien-Sensitivität

In Deutschland verwiesen Politiker 1998 darauf, dass Chemikalien-Sensitivität für die Betroffenen katastrophale persönliche, finanzielle und soziale Folgen hat. Insbesondere der Wirtschaft und in der Industrie entstünden jährlich Kosten in Milliardenhöhe aufgrund der nachlassenden Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz.

Damit Chemikaliensensiblen geholfen wird, sie u. U. weiter arbeiten oder eine neue Beschäftigung finden können, versuchen Rehabilitationsexperten Barrieren zu reduzieren oder zu beseitigen. Es gibt dazu in den USA und Kanada seit vielen Jahren von staatlichen Behörden und Gewerkschaften geführte Programme, die für eine effektive Integration von Chemikaliensensiblen sorgen, statt sie völlig aus der Gesellschaft auszustoßen. Das erste groß angelegte Programm startete 1993. Es gab dazu sogar Arbeitsbücher und ein Video für Mitarbeiter und Vorgesetzte zur besseren Veranschaulichung. (17,18,19)

Das amerikanische Job Accommodation Network gab im Jahr 2006 einen ausführlichen Bericht heraus, der darstellt, was Chemikalien-Sensitivität ist, welche Limits daraus entstehen können, wie man Mitarbeitern helfen kann, wie ein MCS Arbeitsplatz aussehen sollte, etc. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, diese behinderten Menschen im Arbeitsleben zu integrieren und Schaden von ihnen abzuwenden. (20)

Gleichstellung Behinderter am Arbeitsplatz in Bezug auf Chemikalien-Sensitivität wurde 1996 in einem Brief der US. Equal Employment Opportunity Commission dargelegt. (21)

CAW, eine kanadische Gewerkschaft, hat eigens einen Leitfaden herausgegeben, in dem Chemikalien-Sensitivität beschrieben wird und erläutert wird, wie man Erkrankten das Arbeitsleben erleichtert, bzw. ermöglichen kann. (22)

Pestizide besonders gefährlich für Chemikaliensensible

Pestizide gehören zu den folgenreichsten Auslösern von Reaktionen bei Chemikaliensensiblen. Die Florida State Legislatur (Gesetzgeber Floridas) schuf ein freiwilliges Pestizid Benachrichtigungsregister für Personen mit Pestizidsensibilität oder MCS, voraussetzend, dass deren Gesundheitszustand von einem Mediziner der Fachrichtung Arbeitsmedizin, Allergologie / Immunologie oder Toxikologie bestätigt ist. Diese Gesetzgebung verlangt von Straßenpflegefirmen, registrierte Personen über Chemikalienausbringung bis eine halbe Meile vor deren Haus, zu benachrichtigen. Colorado, Connecticut, Louisiana, Maryland, Michigan, New Jersey, Pennsylvania, West Virginia und weitere US Bundesstaaten haben ähnliche Register übernommen. (23,24) In Washington State existiert ein solches Register beispielsweise seit 1992. (24)

Durch MCS obdachlos

Manche der hypersensiblen Menschen finden seit Jahren keine Unterkunft. Sie schlafen in der Natur, in einem Aluwohnwagen oder in einem Auto. Es wird immer wieder über traurige Fälle berichtet, bei denen Chemikaliensensible letztendlich keinen anderen Ausweg sahen, als Suizid zu begehen.

Minneapolis Public Housing Authority (Behörde für öffentlichen Wohnungsbau in Minneapolis): Brachte in einem Brief 1994 an die Twin Cities Human Ecology Action League (HEAL) und an das US Department of Urban Development (US Ministerium für Städtebau) ihr Interesse zusammen mit HEAL Häuser für Menschen mit MCS zu entwickeln zum Ausdruck.

Pennsylvania Human Rights Commission (Kommission für Menschenrechte in Pennsylvania): Hielt einen Widerspruch gegenüber dem Gericht für Gemeinwesen aufrecht, dass ein Vermieter angemessenes Entgegenkommen gegenüber einem Hausbewohner mit MCS zeigen muss, einschließlich einer Benachrichtigung im Vorfeld über Malerarbeiten und Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen.

Die Stadt Zürich beschloss im Februar 2008 den Bau eines Apartmenthauses für Chemikaliensensible. (25)

Duftstoffe die größte unsichtbare MCS Barriere

Als Konsens zur multizentrischen MCS Studie wurde 2003 bei einem Fachgespräch zu MCS im Umweltbundesamt festgestellt, dass Patienten, die unter MCS leiden, schwer krank sind und Hilfe benötigen. Es sei derzeit nur eine symptomatische Therapie möglich. Duftstoffe spielen beim MCS Krankheitsgeschehen eine wichtige Rolle, der unnötige Einsatz von Duftstoffen sollte möglichst unterbleiben. (26)

Das Bayrisches Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz, gab 2003 eine Fachinformation heraus: Ist angenehmer Duft auch immer gesund? (27) Riech-, Duft- und Aromastoffe

Bei besonders empfindlichen Personengruppen wie Asthmatikern, bei Patienten mit Heuschnupfen und Patienten mit einer Multiplen Chemikalien- Überempfindlichkeit wird über Unverträglichkeiten gegen Parfüm berichtet.

Empfehlung für den Verbraucher:

  • Verzichten Sie auf Duftstoffe in der Raumluft. Denken Sie an empfindliche Personen. Helfen Sie Allergien zu vermeiden!
  • Bewahren Sie Duftöle außerhalb der Reichweite von Kindern auf.
  • Geben Sie Duftstoffe nur in die Raumluft, wenn alle Raumbenutzer einverstanden sind.

San Francisco Department of Public Health, HIV Health Services Planning Council

Ministerium für Öffentliche Gesundheit in San Franzisko, HIV Gesundheitsservice Planungsrat): Seit Jahren und auch 2008 weist man darauf hin, dass in Anbetracht von teilnehmenden Personen mit schweren Allergien, Umweltkrankheiten, Multipler Chemikaliensensibilität und ähnlichen Behinderungen, Besucher bei öffentlichen Sitzungen daran erinnert werden, dass andere Teilnehmer auf verschiedene chemische Produkte sensibel reagieren und man auf Duftstoffe und Chemikalien verzichten soll. (28)

Contra Costal Medical Advisory Planning Commission (Kommission für Einsparungen im Medizinsektor): Mitteilung bei Ankündigungen öffentlicher Sitzungen: „Bitte helfen Sie uns, Personen mit EI/MCS entgegenzukommen und verzichten Sie darauf, Duftstoffe bei dieser Anhörung zu tragen.“ 1994.

San Francisco Board of Supervisors (Aufsichtsrat von San Franzisko): Fordert von Bürgern die an öffentlichen Sitzungen teilnehmen „das Benutzen von Parfüm und anderen Duftstoffen zu unterlassen, um Personen mit MCS eine Möglichkeit zu geben, teilzunehmen“,1993.

Immer mehr Schulen und Universitäten duftstoff- und chemiefrei

Bei einer spontanen CSN Recherche wurden mit minimalem Zeitaufwand über 30 Schulen und Universitäten in USA und Kanada gefunden, die weitgehend auf Verwendung von Chemikalien verzichten und über ein Duftstoffverbot verfügen. Nachfolgend ein Beispiel zur Verdeutlichung:

Die kanadische Mennonite Universität, eine christliche Universität in Winnipeg, ist duftfrei. Die Regelung wurde getroffen, um Studenten die unter MCS oder Asthma leiden, die Möglichkeit zu geben, studieren zu können.

Die Resonanz der Studenten war sehr positiv, sagte Peters Kliewer, der Leiter der Universität. Die Universität hat alle möglichen Produkte in duftfreie oder Produkte mit geringem Geruch umgestellt. Dies betrifft beispielsweise Reinigungsmittel für die Böden oder Seife für die Spender auf den Toiletten. Die Abteilung für Instandhaltung kauft ebenfalls nur Farben und Baumaterialien mit geringem Geruch. Randy Neufeld, der Leiter der Einrichtung sagte:

„Es kostet zwar ein wenig mehr, aber das ist es wert, für das Wohlbefinden und die Sicherheit der Studenten.“

Wenn mit Produkten gereinigt werden muss, die stärker riechen, werden die Studenten, die Probleme damit haben rechtzeitig benachrichtigt, damit sie das Areal meiden können oder für ein paar Stunden fernbleiben.

Um Besucher über die duftfreie Regelung zu informieren, hat jede Tür, die in die Universität führt, ein Schild mit der Aufschrift: „In Anbetracht der Rücksicht auf Personen, die unter Asthma, Allergien und Umwelt-, Chemikaliensensibilitäten leiden, werden Sie gebeten, es zu unterlassen Duftstoffe, oder duftende Produkte auf dem Campus zu tragen. CMU bemüht, sich eine duftfreie Umgebung zu sein.“

Anerkennung auf dem „kleinen Dienstweg“

Vor einiger Zeit bekam CSN eine Mail von einer amerikanischen Mutter, deren schulpflichtige Tochter chemikaliensensibel ist. Molly stand kurz davor, die Schule verlassen zu müssen, weil es ihr täglich schlechter ging. Der Schulleiter, die Lehrer, Eltern und Mitschüler hatten Verständnis, und Molly bekam Unterstützung. Sogar der Jahresabschlussball war duftfrei, und sie konnte teilnehmen.

Die Mutter von Molly berichtete, dass sie zu 95% klarkommt und, im Gegensatz zu vorher, ihre Noten hervorragend seinen. Molly ist unter Gleichaltrigen, kommt jetzt gesundheitlich gut klar, und die anderen Mitschüler sind stolz auf sie, genau wie ihre Mutter. Nur deren Mut, mit dem Leiter der Schule zu sprechen, und dessen Offenheit und Menschlichkeit ist es zu verdanken, dass ein junger Mensch trotz Handicap seinen Weg macht.

Akzeptanz von chemikaliensensiblen Mitmenschen sollte viel öfter auf dem „kleinen Dienstweg“ erfolgen, anstatt schwer kranke Menschen fortwährend zermürbenden, Kräfte raubenden Dialogen zu unterziehen, sie sogar zu diskriminieren oder ihnen selbst minimalstes menschliches Entgegenkommen zu verwehren.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, Mai 2008

Literatur:

  1. US Access Board, Board Policy to Promote Fragrance-Free Environments, 26.07. 2000
  2. C A L I F O R N I A L E G I S L A T U R E, SENATE SUBCOMMITTEE ON THE RIGHTS OF THE DISABLED SENATOR MILTON MARKS CHAIRMAN, FINAL REPORT, ACCESS FOR PEOPLE WITH ENVIRONMENTAL ILLNESS/ MULTIPLE CHEMICAL SENSITIVITY AND OTHER RELATED CONDITIONS, SEPTEMBER 30, 1996
  3. Fachkrankenhaus Nordfriesland – KV Schleswig-Holstein, Uni Kiel, 1992
  4. Fachkrankenhaus Nordfriesland – Bundesministerium für Gesundheit, 2001
  5. Qualitätszirkel MCS Hamburg, 2001
  6. Fachgespräch MCS im Umweltbundesamt, 04.09.2003
  7. Gerald H. Ross, Services Provided at the Nova Scotia Environmental Medicine Clinic, Herbst 1994
  8. MCS Definition, Multiple Chemical Sensitivity: A 1999 Consensus, Archives of Environmental Health v.54, n.3 May/Jun99
  9. Nicholas A. Ashford, Low-level chemical sensitivity: implications for research and social policy, Ashford Toxicol Ind Health.1999; 15: 421-427
  10. Bundesregierung Bundestagsdrucksache 13/6324 Ziffer 15, 1996
  11. Presserklärung BGVV, Umweltbundesamt, Feb. 1996
  12. Bundesregierung Bundestagsdrucksache 13/6324 Ziffer 15, 1996
  13. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage mit BT- Drs. 13/7463, Ziff. 3, April 1997
  14. Deutscher Bundestag, Antwort der Bundesregierung, 13. Wahlperiode, Drucksache 13/11125 vom 17.06.1998
  15. Ärztlicher Sachverständigen Rat, Sektion Versorgungsmedizin, Bundesministerium für Arbeit, TOP 1.9, Nov. 1998.
  16. Bayerisches Landesamt für Umweltschutz , Fachinformation „Umwelt und Gesundheit“ Umweltsyndrome, November 2001
  17. Multiple Chemical Sensitivities at Work: A Training Workbook for Working People, New York: The Labor Institute, 1993
  18. Videotape „MCS: An Emerging Occupational Hazard.“ New York: The Labor Institute, 1993
  19. Job Accommodation Network, Tracie DeFreitas Saab, Accommodation and Compliance Series: Employees with Multiple Chemical Sensitivity and Environmental Illness, 01/02/06.
  20. Job Accommodation Network, Accommodation and Compliance Series: Employees with Multiple Chemical Sensitivity and Environmental Illness, 01.02.2006
  21. EEOC GUIDANCE LETTER, US. EQUAL EMPLOYMENT OPPORTUNITY COMMISSION, Washington, DC 20507, JULY 24 1996
  22. CAW, Multiple Chemical Sensitivity Syndrome, 2006
  23. Pesticide Registration Registries: Descriptive Summary of a Survey of State Pesticide Sensitivity Registries and Evaluation of Louisiana’s Registry for Pesticide sensitive Individuals, Louisiana Department of Health and Hospitals, Dezember 2003.
  24. Washington State, Pesticide Sensitivity Registry, 16.07.2007
  25. Silvia K. Müller, Anerkennung von MCS durch Stadt Zürich, CSN Blog, 18.Feb. 2008
  26. Umweltbundesamt, Fachgespräch zum MCS Syndrom, Sept. 2003
  27. Bayrisches Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz, 17.09. 2003
  28. San Francisco Department of Public Health, Mitchell H. Katz, M.D., Director of Health, February 6, 2008

WIDERLEGT Lüge Nummer 3: „Chemikalien-Sensitivität ist eine neue Krankheit“

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Chemikalien-Sensitivität ist keine „neue Krankheit“, eher ein „alter Hut“

Es war im geschichtsträchtigen Jahr 1945, als die erste Veröffentlichung über Menschen, die plötzlich auf minimale Spuren von Alltagschemikalien reagierten, mit denen sie zuvor keine Probleme hatten, in einer medizinischen Fachzeitschrift für Allergologen in den USA erschien. Theron Randolph, der Autor des Artikels, stand damals noch in den Anfängen seiner Beobachtungen, doch lernte er durch seine Patienten rasch hinzu.

Über ein Schlüsselerlebnis berichtet Randolph in einer frühen Fallbeschreibung aus dem Jahr 1947:

Eine 41-jährige Kosmetikverkäuferin, die Frau eines Arztes, litt unter häufigen Kopfschmerzen, chronischer Erschöpfung, ständigem Schnupfen, Ausschlag, Irritiertheit, etc. Jedes Mal, wenn sie Nagellack auftrug, bekam sie spontan Ödeme und Ausschlag an den Augenlidern. Sie hatte ganz offensichtlich eine Hypersensitivität gegenüber Parfums, Kosmetika mit Duftstoffen und vielen Medikamenten.

Im Verlauf stellte Randolph fest, dass sie auch auf Hausstaubmilben, Seide und sehr viele Nahrungsmittel reagierte. Das Spektrum der Substanzen, auf die die Frau Reaktionen entwickelte, weitete sich immer weiter aus. Randolph berichtet, dass diese Frau beispielweise jedes Mal, wenn sie zu ihm nach Chicago zur Behandlung fuhr, akuten Husten, Asthmaanfälle und Kopfschmerzen bekam, wenn sie eine Gegend im nördlichen Indiana erreichte, in der eine große Ölraffinerie ihren Stützpunkt hatte. An nebligen oder regnerischen Tagen ging es ihr noch schlechter, weil die Emissionen der Ölraffinerie nach unten gedrückt wurden.

Auch auf Autoabgase, insbesondere Dieselabgase, regierte die ehemalige Kosmetikverkäuferin sehr stark. So konnte sie im Hotel nur im obersten Stockwerk übernachten, wo sie keinen Abgasen ausgesetzt war. Hielt sie sich im zwanzigsten Stock des Hotels auf, verbesserte sich ihr Zustand innerhalb vierundzwanzig Stunden. Hielt sie sich im Parterre des Hotels auf, ging es ihr zunehmend schlechter. Randolph musste zusehen, wie sich die Gesundheit der Frau zunehmend verschlechterte. Sie bekam Phasen, in denen sie wie betrunken herum torkelte und das Bewusstsein verlor. Dreimal lief sie in einen Wagen in einem solchen Zustand.

Der Allergologe Randolph verschrieb eine möglichst weiträumige Karenz gegenüber allen Auslösern der Reaktionen, die ihm und der Patientin bekannt waren, und siehe da, die Frau stabilisierte sich und Randolph war klar, dass Vermeidung ein Grundpfeiler der Behandlung von Patienten sein musste, die besondere Empfindlichkeit gegenüber Alltagschemikalien zeigten. 

Theron Randolph, der Autor dieses Fallberichtes, stand damals noch in den Anfängen seiner Beobachtungen, die er im weiteren Verlauf intensivierte und die er 1962 im ersten Buch über die Krankheit Chemikaliensensitivität ausführlich darlegte (1,2). Wenig später sollte der Allergologe die erste Umweltklinik weltweit gründen. Diese Klinik hatte sehr streng kontrollierte Umweltbedingungen, die bis heute in ihrer Perfektion nicht oft erreicht wurden. Randolph veröffentlichte insgesamt 4 Bücher, sowie über 300 medizinische Artikel, die einen ersten Grundstock für die heutige Umweltmedizin bilden und noch immer informative lesenswerte Standartwerke darstellen.

Der Aufschrei blieb bis heute aus

Eigentlich hätte mit Erscheinen von Randolphs erstem Buch und seinen vielen damaligen Publikationen in medizinischen Zeitschriften ein Aufschrei erfolgen müssen, und gleichzeitig hätte die Medizin beginnen müssen, diese anschaulich vermittelten Erkenntnisse in die Praxis einfließen zu lassen. Doch weit gefehlt, nichts geschah, denn man befand sich gerade im Rausch der Möglichkeiten, die ständig neu auf den Markt kommende Chemikalien boten. Nylonstrümpfe, Haarspray, Nagellack, Putzmittel, die im Nu jeden Fleck tilgen, erste synthetische Parfums, wetterfeste Farben und wunderschöne chromblitzende, benzinfressende Straßenkreuzer, die Statussymbol einer ganzen Ära wurden.

Das Wirtschaftwunder hatte sich seinen Weg gebahnt und wollte nicht durch Menschen gestört werden, die auf das „Wunder Chemie“ reagierten, welches einer aufstrebenden Industrie größten Profit versprach. Man wollte den Zweiten Weltkrieg vergessen, man wollte leben, das Leben in vollen Zügen genießen.

Seit der damaligen Zeit ist die Zahl der auf dem Markt befindlichen Chemikalien rasant angestiegen. Eine Welt ohne synthetische Chemikalien ist undenkbar geworden. Wir profitieren davon, müssen aber längst die Kehrseite der Medaille bezahlen, wie durch Chemikalien induzierte Krankheiten beweisen.

Die Fragen, mit denen Randolph sein 1962 erschienenes Buch „Human Ecology and Susceptibility to the Chemical Environment“ beginnt, können bis heute nicht vollständig beantwortet werden (2).

Theron Randolph, 1962:

  • Wie sicher ist unsere derzeitige chemische Umwelt?
  • In welchem Ausmaß trägt sie zu chronischen Krankheiten bei?
  • Wieviel wissen wir über die Langzeitfolgen von solchen Nebenprodukten des „Fortschritts“; wie chemischen Schadstoffe in der Luft unserer Häuser und Städte; chemische Zusatzstoffe und Kontaminierungen in unserer Nahrung, im Wasser und in biologischen Medikamenten ebenso wie in synthetischen Medikamenten, Kosmetika und vielen anderen persönlichen Expositionen, denen wir ausgesetzt sind, und den Kontakten mit den von Menschen hergestellten Chemikalien am Arbeitsplatz?

Das Szenario, dass Chemikalien in der Tat einen negativen Einfluss auf unsere Gesundheit, Gene und Fortpflanzungsfähigkeit haben können, wird heutzutage durch wissenschaftliche Veröffentlichungen bestätigt. Es wird täglich deutlicher und mahnt zu sorgsamerem Umgang mit Chemikalien.

Forschung in den Sechzigern weiter als heute?

Ab den sechziger Jahren häuften sich die Fälle von Chemikalien-Sensitivität, und man fing man an, die Krankheit wissenschaftlich zu erforschen. Erste Doppelblindstudien von Eloise Kailin belegten schon damals, 1963, dass die Beschwerden der Patienten real sind und Erkrankte sich von Normalpersonen durch ihre Reaktionen auf Chemikalien unterscheiden. (4-6) Verstärkte Forschung über Chemikalien-Sensitivität wurde ab den achtziger Jahren betrieben. Heute ist die Zahl der wissenschaftlichen Studien auf über 800 angewachsen (7,8). Das ist viel für eine Krankheit, die angeblich „neu“ sein soll, und für „eine Krankheit, die es nicht gibt“, wie manche Interessenvertreter als Abwehrmechanismus gerne behaupten.

Wo bleibt Hilfe für Chemikaliensensible nach über 60 Jahren?

Vergleichsweise gibt es tatsächlich Krankheiten, die noch weitgehend „jung“ sind im Gegensatz zu Chemikalien-Sensitivität. Dennoch wird dazu weltweit geforscht. Erkrankte solcher „neuen Krankheiten“ bekommen Therapien angeboten, auch wenn die Krankheit bis dato nicht heilbar ist. Je nachdem gibt es Hilfsfonds, Unterstützung, Beistand, kurzum es existiert im Nu eine Infrastruktur für die Erkrankten. Anders bei Chemikalien-Sensitivität. Warum?

Über 60 Jahre, das ist länger als ein halbes Jahrhundert, ist es nun bekannt, dass es Menschen gibt, die leichte bis völlig behindernde Symptome auf Alltagschemikalien im Niedrigdosisbereich erleiden. In all dieser Zeit verloren viele der Erkrankten ihre Gesundheit, Arbeit, Familie, Existenz und ihre Lebensqualität. Manche brachten sich sogar um, weil ihnen keiner half, weil sie auf alles reagierten und nur diskriminiert wurden oder weil sie keinen Ort fanden, an dem sie auch nur Minuten beschwerdefrei leben konnten.

FAZIT: Die Behauptung, „MCS ist eine neue Krankheit“, stellt nachweisbar eine dreiste Lüge dar. Gegenüber vielen anderen Krankheiten ist Chemikalien-Sensitivität ein „alter Hut“. Wo bleibt also Hilfe, medizinische Versorgung, Unterstützung und unabhängige Forschung für die Millionen Erkrankten, die es zweifelsfrei weltweit gibt?

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, Mai 2008

Literatur:

  1. Randolph, T.G. 1945. Fatigue and weakness of allergic origin (allergic toxemia) to be differentiated from nervous fatigue or neurasthenia. Ann.Allergy 3:418-430.
  2. Randolph Theron, Human Ecology and Susceptibility to the Chemical Environment, Thomas Publisher, 1962
  3. Randolph, Theron G. (1987). Environmental medicine: beginnings and bibliographies of clinical ecology. Fort Collins, CO: Clinical Ecology Publications.
  4. Kailin, E. and C. Brooks. 1963. Systemic toxic reactions to soft plastic food containers: a double-blind study [of MCS patients]. Med.Ann.Washington DC 32:1-8.
  5. Kailin, E. and C. Brooks. 1965. Cerebral disturbances from small amounts of DDT; a controlled study [of MCS patients]. Med..Ann.Washington DC 35:519-524.
  6. Kailin, E. and A. Hastings. 1966. Electromyographic evidence of DDT-induced myasthenia [in MCS patients]. Med.Ann.Washington DC 35:237-245.
  7. Silvia K. Müller, Wissenschaftlicher Sachstand zu MCS, CSN Blog, Jan.2008
  8. MCS Bibliographie, http://www.csn-deutschland.de/mcs_bib_main.htm

Die 10 größten Lügen über Chemikalien-Sensitivität (MCS)

Alle 10 größten Lügen über Chemikalien-Sensitivität sind längst widerlegt.

WIDERLEGT Lüge Nummer 2: MCS ist selten

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Wer hat MCS? Das sind zu viele!

Chemikalien-Sensitivität (MCS) wird von bestimmten Interessenvertretern nach außen immer wieder als selten auftretende, ja geradezu exotische Krankheit dargestellt, und dass, obwohl sie weltweit mit steigender Tendenz auftritt. Das Negieren geschieht in erster Linie, um die Brisanz, die mit der Krankheit verbunden ist, zu untergraben, Ansprüche abzuwehren und den Handlungszwang gegenüber den Erkrankten zu eliminieren, die oftmals krankheitsbedingt in unfreiwilliger Zwangsisolation leben müssen. Dass Chemikalien-Sensitivität de facto keine selten auftretende Erkrankung ist, beweisen epidemiologische Studien und Erhebungen aus verschiedenen Ländern seit Jahrzehnten.

Chemikalien- Sensitivität ist in der Allgemeinbevölkerung häufig

Wissenschaftler in den USA gehen davon aus, dass bereits zwischen 15 – 30 % der Allgemeinbevölkerung, darunter versteht man Personen, die nicht am Arbeitsplatz geschädigt wurden, (1,2,3,4,5,6,7) leicht bis mittelschwer und 4 – 6 % schwer (8) auf Alltagschemikalien, wie z.B. Parfum, Zigarettenrauch, frische Wandfarbe, Duftstoffe, Zeitungsausdünstungen, Autoabgase, etc. mit vielfältigen Symptomen reagieren.

Personen, die in bestimmten Arbeitsbereichen tätig sind, sind zusätzlich prädisponiert, Chemikalien-Sensitivität zu entwickeln (9,10). Maschewsky nennt als Primärrisikoberufe Maler, Drucker, Automechaniker, Chemiearbeiter und Metallberufe.

In Schweden wurde 2005 durch das Ministerium für Arbeits- und Umweltmedizin in Lund festgestellt, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung auf Umweltchemikalien reagiert. (12)

Dass die in Deutschland von Prof. Dr. Thomas Zilker/TU München ansässige Umweltambulanz bei ihrer Erhebung anhand 2032 Erwachsenen lediglich 9% „selbstberichtete“ Chemikalien-Sensitivität und 0,5% ärztlich diagnostizierte MCS feststellen (14), lässt in Anbetracht der in den anderen Ländern ermittelten Zahlen die Frage nach der verwendeten MCS Falldefinition und dem anwendeten Studiendesign laut werden. Insbesondere in Anbetracht dessen, dass Deutschland das europäische Land mit den meisten in MCS Selbsthilfegruppen organisierten Chemikaliensensiblen ist.

Auswahl einiger internationaler Studien zur Epidemiologie von Chemikalien-Sensitivität

Autor Art der Untersuchung Ergebnis
1981, NationalAcademy of Sciences (NAS) Bericht 15% der US Bevölkerung leidet unter Chemikaliensensibilität
1987, Mooser SB.The Epidemiology of Multiple Chemical Sensitivities (MCS). Occup Med 2:663-681. Bericht 2 – 10% der US Bevölkerung reagiert hypersensibel auf Chemikalien
1993, Bell IR, Schwartz GE, Peterson JM, Amend D. Self-reported illness from chemical odors in young adults without clinical syndromes or occupational exposures. Arch Environ Health 48:6-13. Wissenschaftliche Studie mit 643 jungen College Studenten in Arizona 15% der Studenten berichteten, sich mittel bis schwerkrank nach Exposition gegenüber einer Auswahl von mindestens 4 von 5 Alltagschemikalien zu fühlen (u. a. Autoabgase, frische Farbe, Parfüm, Pestizide und neuer Teppichboden) 22% der College Studenten fühlten sich mittel bis schwer krank nach mindestens 3 von 5 Alltagschemikalien
1993, Bell IR, Schwartz GE, Peterson JM, Amend D, Stini WA; Possible time-dependent sensitization to xenobiotics: self-reported illness from chemical odors, foods, and opiate drugs in an older adult population. Arch Environ Health 48:315-27. Wissenschaftliche Studie mit 263 älteren Rentnern in Arizona 17% der Teilnehmer einer Langzeitstudie über Osteoporose berichteten, mittel bis schwer krank nach Exposition von mindestens 5 Alltagschemikalien zu sein.
1994, Bell IR, Schwartz GE, Peterson JM, Amend D, Stini WA; Sensitization to early life stress and response to chemical odors in older adults. Biol Psychiatry 35:857-63. Wissenschaftliche Studie mit 192 älteren Rentnern in Arizona 37% gaben im Verlauf der Studie an, besonders sensibel auf bestimmte Chemikalien zu reagieren.
1993, Wallace LA, Nelson CJ, Highsmith R, and Dunteman G., Association of personal and workplace characteristics with health, comfort and odor: a survey of 3948 office workers in three buildings. Indoor Air 3:193-205.1995, Perception of indoor air quality among government employees inWashington, DC. Technology: Journal of the Franklin Institute, 332A:183-198(Anmerkung: Die Wissenschaftler waren Mitarbeiter der EPA, Studie wurde vor der Präsentation und Veröffentlichung durch die EPA geprüft) Wissenschaftliche Studie der EPA mit 3948 EPA Mitarbeitern in Washington D.C. und Virginia 32% der Mitarbeiter der EPA Hauptverwaltung (Amerikanische Umweltschutzbehörde) Waterview Mall sagten, dass sie nach der Verklebung eines neuen Teppichbodens begannen besonders sensibel auf Alltagschemikalien zu reagieren. Zwei weitere EPA Gebäude in Crystal und Fairchild wurden als Kontrollgruppe genommen. 32% und 29% der dort angestellten EPA Mitarbeiter reagierten besonders sensibel auf Alltagschemikalien. 33% einer zusätzlichen Kontrollgruppe von 3000 Mitarbeitern der Kongress Bibliothek sagten ebenfalls, dass sie besonders sensibel auf Alltagschemikalien reagieren.
1995, Kipen HM, Hallman W, Kelly-McNeil K, Fiedler N. Measuring Chemical Sensitivity Prevalence: a questionnaire for population studies. Am J Public Health 85:575-577. Wissenschaftliche Studie mit 705 Patienten einer arbeitsmedizinischen Klinik in New Jersey 54% der Patienten der arbeitsmedizinischen Klinik mit Asthma hatten MCS. 69% der MCS Patienten berichteten über Reaktionen auf 23 und mehr Substanzen. 20% der Gesamtpatientenzahl hatten MCS
1996, Meggs WJ, Dunn KA, Bloch RM, Goodman PE, Davidoff AL. Prevalence and nature of allergy and chemical sensitivity in a general population. Arch Environ Health 51:275-282. Wissenschaftliche Studie mittels Fragebogen und Telefonbefragung von 1027 Bewohnern des ländlichen Bereichs von North Carolina 33% der Bewohner von North Carolina reagierten auf chemische Alltagschemikalien (Parfüm, Pestizide, frische Farbe, Autoabgase, Zeitungsdruck, etc.)
1996, Bell, Miller, Schwartz, Peterson, Amend – Neuropsychiatric and somatic characteristics of young adults with and without self-reported chemical odor intolerance and chemical sensitivity. Arch Envirn Health. Wissenschaftliche Studie über 809 junge Erwachsene in Arizona mit und ohne selbst berichtete Intoleranz gegenüber chemischen Gerüchen oder Chemikaliensensibilität 28% waren besonders sensibel gegenüber Chemikalien
1997, Bell IR, Walsh ME, Gersmeyer A, Schwartz GE, Kano P. Cognitive dysfunctions and disabilities in geriatric veterans with self-reported intolerance to environmental chemicals. J Chronic Fatigue Syndr 2:5-42. Wissenschaftliche Studie mit 160 älteren Rentnern in Arizona 37% der älteren Rentner berichteten über Hypersensibilität gegenüber Chemikalien.
1999, Kreutzer R, Neutra RR, Lashuay N. Prevalence of people reporting sensitivities to chemicals in a population-based survey. Am J Epidemiol 150:1-12. Staatliche wissenschaftliche Studie (CDHS) mit 4000 Teilnehmern in Kalifornien – California Department of Health Services. Die Studie bestätigte den Bericht des NAS 1981 15,9% berichteten über eine ungewöhnliche Sensibilität gegenüber Alltagschemikalien. Die Studie fand eine heterogene Verteilung von MCS in der Bevölkerung unabhängig von Rasse, Geschlecht und Bildungsstand.
6,3% hatten ärztlich diagnostizierte MCS.
2003, Stanley M. Caress, Anne C. Steinemann, A Review of a Two-Phase Population Study of Multiple Chemical Sensitivities, State University of West Georgia, Carollton, Georgia, USA; Georgia Institute of Technology, Atlanta, Georgia, USA. Environmental Health Perspectives. Bevölkerungsbasierte wissenschaftliche Prävalenz- Studie mit 1582 Personen in Georgia 12,6% haben eine Hypersensibilität gegenüber Alltagschemikalien. 3,1% der Personen hatten eine umweltmedizinische Diagnose oder MCS. Nur 1,4% davon hatte eine Vorgeschichte mit emotionalen Problemen.

Verstärkt auch Kinder chemikaliensensibel

Chemikalien-Sensitivität bei Kindern und Jugendlichen ist ein trauriges Kapitel, das bisher kaum Erwähnung findet in der Öffentlichkeit. Doch sie existieren, die Kinder und Jugendlichen, die auf Alltagschemikalien wie Parfum, Lacke, Zeitungen, Abgase, etc. mit zum Teil schweren körperlichen Symptomen reagieren. Schwedische Wissenschaftler fanden in einer aktuellen Studie heraus, dass Chemikalien-Sensitivität bei Jugendlichen mit 15,6% fast genauso häufig wie bei Erwachsenen auftritt. Die Folgen sind weitreichend, denn in Schulen und beim Start ins Berufsleben wird kaum Rücksicht auf sie genommen. Zusätzlich sind Kinder und Jugendliche durch ihre Krankheit zwangsläufig sozial ausgegrenzt (13)

Todschweigen ist folgenreich und kostet ein Vermögen

Menschen mit Chemikalien-Sensitivität zu negieren ist eine zwecklose Vogel-Strauss-Strategie, die erhebliche, nicht abschätzbare Folgen nach sich zieht, wie eine großangelegte Studie der US Wissenschaftler Stanley A. Caress und Anne C. Steinemann verdeutlicht. Deren epidemiologische Studie, die im September 2003 in der Zeitschrift Environmental Health Perspectives erschien, belegt, dass 12,6% der Gesamtbevölkerung in den USA unter Chemikalien-Sensitivität (MCS) leiden. Von dieser Bevölkerungsgruppe mit Hypersensitivität auf Chemikalien haben, laut Caress und Steinemann, 13,5% (oder 1,8% des gesamten Kollektivs) wegen der Erkrankung ihren Job verloren.

Umgerechnet auf die US Gesamtbevölkerung leiden demnach rund 36,5 Millionen Amerikaner an MCS und mehr als 5,2 Millionen, das sind etwa 1,8% der Gesamtbevölkerung, können infolgedessen ihren Arbeitsplatz aufgrund ihrer Chemikalien-Sensitivität verlieren (11).

Fazit: Chemikalien- Sensitivität ist also, wenn man die bisherigen epidemiologischen Studien genau betrachtet, keine seltene Erkrankung. Die Konsequenzen, wenn man Chemikalien-Sensitivität ignoriert, sind äußerst folgenreich und stellen, ganz abgesehen vom ethisch-moralischen Aspekt her, keine angemessene Strategie im Umgang mit dieser Bevölkerungsgruppe dar.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, Mai 2008

Literatur:

  1. Wallace, Nelson, Kollander, Leaderer, Bascom, Dunteman – Indoor air quality and work environment study. Multivariate statistical analysis of health, comfort and odor perceptions as related to personal and workplace characteristics. US Environmental Protection Agency vol. 4, EPA Headquaters Buildings. Atmospheric Research and Exposure Assessment Laboratory. 1991
  2. Bell, Miller, Schwartz, Peterson, Amend – Neuropsychiatric and somatic characteristics of young adults with and without self-reported chemical odor intolerance and chemical sensitivity. Arch Envirn Health. 1996
  3. Meggs, Dunn, Bloch, Goodman, Davidoff – Prevalence and nature of allergy and chemical sensitivity in a general population. Arch Environ Health 1996
  4. Bell, Schwartz, Amend, Peterson, Stini – Sensitization to early life stress and response to chemical odors in older adults. Biol. Psychiatry. 1994
  5. Bell, Walsh, Goss, Gersmeyer, Schwartz, Kanof – Cognitive dysfunction and disability in geriatric veterans with self-reported sensitivity to environmental chemicals. J.Chronic Fatigue Syndrome. 1997
  6. Bell, Schwartz, Peterson, Amend – Self-reported illness from chemical odors in young adults without clinical syndromes or occupational exposures. Arch Environ Health. 1993
  7. Bell, Schwartz, Peterson, Amend, Stini – Possible time-dependent sensitization to xenobiotics: self – reported illness from chemical odors, foods and opiate drugs in an older adult population. Arch Environ. Health. 1993
  8. Kreutzer, Health Investigations branch, Department of Health Services, State of California. 1997
  9. Morrow, Ryan, Hodgson, Robin – Alternations in cognitive and psychological functioning after organic solvent exposure. J Occup Med. 1990
  10. Maschewsky – MCS und Porphyrinopathien. Zeitung für Umweltmedizin 1996
  11. Stanley M. Caress, Anne C. Steinemann, A Review of a Two-Phase Population Study of Multiple Chemical Sensitivities, State University of West Georgia, Carollton, Georgia, USA; Georgia Institute of Technology, Atalanta, Georgia, USA. Environmental Health Perspectives, Sept. 2003
  12. Carlsson F, Karlson B, Orbaek P, Osterberg K, Ostergren PO., Prevalence of annoyance attributed to electrical equipment and smells in a Swedish population, and relationship with subjective health and daily functioning.Public Health. 2005 Jul;119(7):568-77.
  13. Andersson L, Johansson A, Millqvist E, Nordin S, Bende M., Prevalence and risk factors for chemical sensitivity and sensory hyper reactivity in teenagers, Int J Hyg Environ Health. 2008 Apr 8
  14. Hausteiner C, Bornschein S, Hansen J, Zilker T, Forstl H.,Self-reported chemical sensitivity in Germany: a population-based survey, Int J Hyg Environ Health. 2005; 208(4):271-8.
  15. Katie Rook, 1.2 million Canadians suffer from unexplained illnesses, CanWest News Service; National Post, January 13, 2007
  16. Danish Environmental Protection Agency, Environmental Project no. 988, 2005, Multiple Chemical Sensitivity, MCS,2002

Die 10 größten Lügen über Chemikalien-Sensitivität (MCS)

  • WIDERLEGT Lüge Nummer 1: Chemikalien-Sensitivität (MCS) existiert nicht
  • WIDERLEGT Lüge Nummer 2: Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist selten
  • Lüge Nummer 3: Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist eine neue Krankheit
  • Lüge Nummer 4: Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist nicht anerkannt
  • Lüge Nummer 5: Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist nicht erforscht
  • Lüge Nummer 6: Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist psychisch bedingt
  • Lüge Nummer 7: Chemikalien-Sensitivität (MCS) hat unbekannte Ursachen
  • Lüge Nummer 8: Chemikalien-Sensitivität (MCS) kommt nicht durch Chemie
  • Lüge Nummer 9: Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist keine Behinderung
  • Lüge Nummer 10: MCS Erkrankte haben keine nachweisbaren pathologischen Befunde

Alle der „10 größten Lügen über Chemikalien-Sensitivität“ sind längst widerlegt.

WIDERLEGT Lüge Nummer 1: MCS existiert nicht

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Chemikalien-Sensitivität (MCS) wurde immer wieder als Behinderung/ Schädigung in Gerichtsprozessen in verschiedenen Ländern anerkannt

Seit den fünfziger Jahren wird in der Medizin mit steigender Tendenz über Menschen berichtet, die auf geringste Konzentrationen von Chemikalien reagieren, auf die die Allgemeinbevölkerung keine nennenswerten Beeinträchtigungen zeigt. Anfangs waren es nur einzelne Ärzte, wie der amerikanische Arzt Theron Randolph, die auf die Symptome dieser Menschen auf minimale Konzentrationen von Abgasen, Pestiziden, Druckerschwärze, Duftstoffe, etc. aufmerksam geworden waren und darüber berichteten. Heute sind es Ärzte in nahezu jedem Land, die Patienten mit Chemikalien-Sensitivität betreuen.

Warum leiden plötzlich Millionen an einer „nicht existenten“ Krankheit?

Eines ist seit den ersten Beschreibungen der Krankheit gleich geblieben, die Menschen, die Erkrankten, hatten in der Regel nie zuvor von MCS gehört. Sie kannten sich in den allerseltensten Fällen (Ausnahme z.B. Gruppe von Personen von einem Arbeitsplatz, an dem sie gemeinsam durch Chemikalien krank wurden). Die Chemikaliensensiblen stammten vielmehr aus den verschiedensten Ländern oder Regionen, gehörten nicht der gleichen Rasse, Bevölkerungsschicht, Berufsgruppe oder dem gleichen Bildungsniveau an. Manche davon leben sogar in entlegenen Gegenden ohne Fernsehen, Zeitung oder anderen Möglichkeiten, um je von der Krankheit gehört oder gelesen zu haben. Treffender, als es Marlene Catterall aus Ottawa bei einer Debatte des kanadischen Unterhauses sagte, kann man die Situation der Chemikaliensensiblen kaum beschreiben:

„Es gibt da beim Management und der Regierung einige Tendenzen, die diese Probleme (Umweltsensibilitäten) nicht ernst nehmen und die glauben lassen, dass sie es mit einer Gruppe von Hypochondern zu tun haben. Ich denke, kein verantwortungsbewusster Arbeitgeber kann wirklich glauben, dass eine Gruppe von Angestellten plötzlich über Nacht zu Hypochondern wird. Dies sind sehr reale Probleme, sie sind nicht unbekannt in der internationalen Wissenschaft und verdienen sehr ernsthafte Aufmerksamkeit seitens der Regierung.“ (1)

Hunderte von Studien für eine Krankheit, die es nicht gibt?

Ab den sechziger Jahren fing man an, wissenschaftlich über Chemikaliensensitivität zu forschen, und erste Doppelblindstudien belegten schon damals, 1963, dass die Beschwerden der Patienten real sind und Erkrankte sich von Normalpersonen durch ihre Reaktionen auf Chemikalien unterscheiden. (2-4) Heute ist die Zahl der wissenschaftlichen Studien auf über 800 angewachsen (5,6).

Behörden weltweit einer „nicht existenten“ Krankheit aufgesessen?

Aus den verschiedensten Ländern wird Bericht über chemikaliensensible Menschen erstattet. Epidemiologische Studien aus aller Herren Länder belegen, dass nahezu überall dort, wo Chemikalien verstärkt zum Einsatz kommen, es auch Menschen gibt, die chemikaliensensibel sind. Behörden nehmen das Gesundheitsproblem dieser Patientengruppe zunehmend zur Kenntnis und erörterten in Berichten, beriefen eigens dazu veranlasste Kongresse, verankerten Gesetze zum Schutz dieser Patientengruppen, und Ministerien beriefen Patientenvertreter in Gremien, die Entscheidungen zum Wohle der Allgemeinheit treffen. Richter sprachen in zahlreichen Fällen Recht hat zu Gunsten Chemikaliensensibler.

Es gibt in den USA und Kanada seit vielen Jahren von staatlichen Behörden und Gewerkschaften geführte Programme, die für eine effektive Integration von Chemikaliensensiblen sorgen, statt sie völlig aus der Gesellschaft auszustoßen. Das erste groß angelegte Programm startete 1993. Es gab dazu sogar Arbeitsbücher und ein Video für Mitarbeiter und Vorgesetzte zur besseren Veranschaulichung. (7-9) Und würden Behörden tatsächlich Häuser bauen für Menschen mit einer Krankheit, die nicht gibt?

Würde eine „nicht existente“ Krankheit an renommierten Kliniken diagnostiziert?

Mediziner in Kliniken und Praxen in den verschiedensten Ländern diagnostizieren Chemikalien-Sensitivität bei ihren Patienten. Zum Verbund der amerikanischen und kanadischen Kliniken für Arbeits- und Umweltmedizin, kurz AOEC genannt, gehören viele der renommiertesten Kliniken weltweit. Harvard, Johns Hopkins, Yale, Mount Sinai sind darunter. In diesen Kliniken zählt Multiple Chemical Sensitivity seit Jahren zu den Diagnosen, die am Häufigsten gestellt werden. Niemand käme auf die Idee, die Qualifikation dieser Kliniken in Abrede zu stellen, indem er behauptet, man diagnostiziere dort eine Krankheit, die es überhaupt nicht gibt. (10)

Würde Diskriminierung einer Krankheit geahndet, wenn es sie nicht gibt?

Die kanadische Menschenrechtskommission tritt explizit für die Rechte von Chemikaliensensiblen ein und bietet diesen Menschen in jedem einzelnen Fall von Diskriminierung Hilfe an. Zum Tatbestand der Diskriminierung gehört auch eine Behauptung gegenüber einer an MCS erkrankten Person, dass er unter eine Krankheit leide, die nicht existiert. Maxwell Yalden, ehemals Vorsitzender der Kanadischen Menschenrechtskommission, äußerste sich zu der Behauptung „MCS existiert nicht“, bereits 1990 in unmissverständlicher Form:

„Ich und meine Kollegen empfinden alles, was Umweltsensibilität betrifft und alle damit verbundenen Angelegenheiten als sehr bedauerlich. Es gibt eine Tendenz in vielen Kreisen, diese Erkrankung tot zu reden oder so zu behandeln, als gäbe es sie nicht. Sie schütteln ihre Köpfe; sie sagen, es gibt einfach keine Möglichkeit, mit manchen Menschen umzugehen. Unsere Einstellung jedoch ist, dass es ein Problem ist, ein echtes Problem. Es ist ein Problem, unter dem manche Menschen leiden, und sie leiden sehr schmerzhaft. Sie leiden noch mehr wegen des Demütigungsfaktors. Niemand nimmt sie ernst. Wir glauben, dass es ein großes Ausmaß öffentlicher Missverständnisse gibt, und wir möchten versuchen, sie zu beseitigen.

Wir werden jeder Beschwerde von jeglicher Person nachgehen, die glaubt, dass man sie diskriminiere, weil sie an Umweltsensibilitäten leidet. Es ist nicht an uns, über medizinische Sachverhalte ein Urteil zu sprechen – und es gibt medizinische Sachverhalte. In der Medizinwelt gibt es ein großes Ausmaß von Meinungsverschiedenheiten bzw. Fehlen von Einstimmigkeit betreffs dieses Syndroms. Wir denken, es ist klar, dass es eine Krankheit ist. Es ist ein Problem. Es ist keine Illusion. Ich denke, wir alle haben die Aufgabe, den Menschen zu helfen zu verstehen, was involviert ist und etwas dagegen zu tun.“ (11)

Und seit wann können Mäuse perfekt lügen?

Auch wenn jemand all diesen Millionen von chemikaliensensiblen Menschen aus den verschiedensten Ländern und ihren Ärzten keinen Glauben schenkt und vielmehr davon ausgeht, dass die Patienten und deren Ärzte aus bislang unerfindlichen Gründen plötzlich eine Krankheit kreieren und es schaffen, ein solches Mysterium über ein halbes Jahrhundert am Leben zu halten und sogar dafür zu sorgen, dass immer mehr Menschen darunter leiden, so bleibt für diese Ungläubigen eine die Tatsache: Mäuse können weder lügen, noch sind sie hysterisch veranlagt. Labormäuse können nicht als Krönung der Perfektion in kontrollierten Studien Chemikalien-Sensitivität simulieren (12).

Autor: Silvia K. Müller, Mai 2008

Literatur: Anm.: Man könnte Hunderte von Literaturstellen aus aller Welt aufführen, wir beschränken uns auf eine begrenzte Zahl von Beispielen zur Veranschaulichung.

  1. Marlene Catterall, M.P. ( Ottawa West), Hansard, House of Commons Debates, 5. Juni, 1990
  2. Kailin, E. and C. Brooks. 1963. Systemic toxic reactions to soft plastic food containers: a double-blind study [of MCS patients]. Med.Ann.Washington DC 32:1-8.
  3. Kailin, E. and C. Brooks. 1965. Cerebral disturbances from small amounts of DDT; a controlled study [of MCS patients]. Med..Ann.Washington DC 35:519-524.
  4. Kailin, E. and A. Hastings. 1966. Electromyographic evidence of DDT-induced myasthenia [in MCS patients]. Med.Ann.Washington DC 35:237-245.
  5. Silvia K. Müller, Wissenschaftlicher Sachstand zu MCS, CSN Blog, Jan.2008
  6. MCS Bibliographie, http://www.csn-deutschland.de/mcs_bib_main.htm
  7. Multiple Chemical Sensitivities at Work: A Training Workbook for Working People, New York: The Labor Institute, 1993
  8. Videotape „MCS: An Emerging Occupational Hazard.“ New York: The Labor Institute, 1993
  9. Job Accommodation Network, Tracie DeFreitas Saab, Accommodation and Compliance Series: Employees with Multiple Chemical Sensitivity and Environmental Illness, 01/02/06.
  10. AOEC Clinic Directory, 2005 -2008
  11. Maxwell Yalden, former CHair Canadian Human Rights Commission, Hansard, House of Commons Minutes of Proceedings and Evidence of the Standing Commitee on Human Rights and the Status of Disabled Persons, 10. Mai 1990
  12. Anderson RC, Anderson JH., Sensory irritation and Multiple Chemical Sensitivity, Toxicol Ind Health. 1999 Apr-Jun;15(3-4):339-45.

Die 10 größten Lügen über MCS

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Notorische Lüge: „MCS ist eine neue, nicht anerkannte, von den Medien hochgespielte seltene und psychisch bedingte Krankheit.“

  • Lüge Nummer 1: Chemikalien-Sensitivität (MCS) existiert nicht
  • Lüge Nummer 2: Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist selten
  • Lüge Nummer 3: Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist eine neue Krankheit
  • Lüge Nummer 4: Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist nicht anerkannt
  • Lüge Nummer 5: Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist nicht erforscht
  • Lüge Nummer 6: Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist psychisch bedingt
  • Lüge Nummer 7: Chemikalien-Sensitivität (MCS) hat unbekannte Ursachen
  • Lüge Nummer 8: Chemikalien-Sensitivität (MCS) kommt nicht durch Chemie
  • Lüge Nummer 9: Chemikalien-Sensitivität (MCS) ist keine Behinderung
  • Lüge Nummer 10: MCS Erkrankte haben keine pathologischen Befunde

Die Realität sieht anders aus, denn die 10 größten Lügen über Chemikalien-Sensitivität sind längst widerlegt.