Archiv der Kategorie ‘Chemikaliensensitivität, Chemikalienunverträglichkeit‘

Der Weihnachtsengel hat uns nicht vergessen

CSN wünscht Frohe Weihnachten

Nachdem die Morgennebel aufgestiegen sind, ist der Himmel in ein zartes rosa getaucht, es verspricht ein schöner Tag zu werden. Die letzten Nächte war es sternenklar und schon bitter kalt. Die Kamine der Häuser pusteten dicke Wolken gegen Himmel. Mit leiser Vorahnung schaue ich immer wieder aus dem Fenster. Irgendetwas Besonderes wird heute passieren, nur was?

Plötzlich drang ein gleißend heller Lichtstrahl durchs Fenster, traf auf die Wand und verwandelt sich in glitzernden Sternstaub. Das ganze Zimmer glitzerte wie tausende von Diamanten. Meine Vorahnung hatte gestimmt, der Weihnachtsengel stand am Fenster und wollte gerade klopfen, damit ich ihn bemerke. Unsere beiden Gesichter strahlten vor Freude, was den Sternenstaub, der das Zimmer erfüllte, noch unendlich mehr glitzern ließ.

Ich öffnete geschwind das Fenster und schwups war der Engel auch schon im Zimmer, umarmte mich mit beiden Flügeln und redete sogleich wie ein Wasserfall los: „Schön, dass Du da bist, Du glaubst nicht, wie viel wir dieses Jahr zu tun haben – endlich bin ich wieder hier.“ Dann ließ er sich auf das gemütliche Sofa in meinem Büro plumpsen. Ich klopfte den Sternenstaub von meinem dicken Pullover und entgegnete: „Was glaubst Du, was ich mich freue, dass Du wieder da bist, lieber Weihnachtsengel, wir hatten schon Angst, Du hättest uns dieses Jahr vergessen.“ Der Engel kicherte und verschluckte sich dabei fast: „Wie sollte ich Euch vergessen? Das ganze Jahr sind ich und meine Freunde für Euch mit Chemikalien-Sensitivität und Allergien tätig. Ihr seht uns zwar nicht, aber eigentlich müsstet Ihr gemerkt haben, dass wir da sind.“

Der Weihnachtsengel sah so wunderschön aus, das weißsilbrige Gefieder glänzte und hob sich edel vom pfirsichfarbenen Farbton der Wand ab. Es kam einem Gemälde gleich. „Doch, auch wenn das Jahr nicht einfach war, Ihr müsst dagewesen sein, wir haben immer wieder gespürt, dass jemand auf uns aufpasst, und einiges Gutes ist uns widerfahren.“ Der Engel kicherte und zwinkerte mit den Augen: „Sag ich doch, wir helfen. Selbst wenn nicht alles mit einem Fingerschnippen besser ist für Euch, dennoch ändert sich langsam etwas im Bewusstsein der Menschen für Eure Belange. Komm setz Dich zu mir, damit wir darüber reden können. Aber sag mal, könnte ich dazu eine heiße Tasse Schokolade haben, sowie im letzten Jahr? Daran habe ich auch das ganze Jahr gedacht, muss ich gestehen.“

Vor lauter Aufregung hatte ich doch tatsächlich vergessen, dem Weihnachtsengel etwas anzubieten. Die Freude ihn dazuhaben war zu groß gewesen. „Aber natürlich lieber Engel, wie konnte ich das vergessen. Ich eile und Du bekommst von den leckeren Plätzchen, die wir gebacken haben. Sie sind extra für Allergiker und mit glutenfreiem Mehl und ohne Nüsse gebacken. Trotzdem schmecken Sie köstlich.“ Ein Strahlen ging über das Gesicht des Weihnachtsengels und er hauchte: „Das klingt wunderbar, lass auch die Menschen mit Allergien das Rezept wissen, vergiss das bloß nicht!“ Ich lief geschwind in die Küche, und als ich mit der heißen Schokolade mit einem großen Sahnehäubchen und einem Teller mit den frischgebackenen Kokosmakronen zurückkam ins Büro, wurde das Strahlen im Gesicht des Engels noch größer.

„Welch ein Genuss, was habe ich mich darauf gefreut und nun berichte mir, wie war das Jahr für all die Menschen mit schweren Allergien und Chemikalien-Sensitivität“, sagte der Weihnachtsengel gespannt. „Du weißt ja, dass meine Organisation CSN, Menschen mit Chemikaliensensitivität hilft und über die Krankheit publiziert. Das Beste in diesem Jahr war, dass die Krankheit nun nicht nur in Deutschland anerkannt ist, sondern auch in Österreich, Luxemburg und zum ersten Oktober wurde sie auch in Japan in das Register für körperlich bedingte Krankheiten aufgenommen. Dadurch besteht in diesen Ländern die Möglichkeit, dass Erkrankte mehr Rechte eingeräumt bekommen und auch medizinische Hilfe erhalten. Bis zur umfassenden Akzeptanz ist es noch ein weiter Weg, aber er ist geebnet.“ Der Weihnachtsengel nickte wohlwollend und meinte: „Das wird noch besser werden, man kann Euch nämlich nicht mehr ignorieren, dazu haben schon zu viele Menschen Chemikalien-Sensitivität. Seid geduldig und verbreitet weitere alle wichtigen Informationen, die jeder, der auf Spuren von Alltagschemikalien reagiert, einfach wissen muss. Es wird werden und schließlich sind wir auch noch da,“ sagte der Engel mit überzeugender Stimme. Dann lehnte er sich zurück, trank seine heiße Schokolade und naschte von den Plätzchen und murmelte dabei: „Was gibt es noch?“

„Ein tolles Projekt, in der Schweiz entsteht ein ökologisches Wohnprojekt extra für Menschen, die auf Chemikalien reagieren. Die Stadt Zürich handelt zukunftsgerichtet und möchte durch das Projekt Erfahrungen für gesundes Bauen und Wohnen gewinnen. Jetzt wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben und auch deutsche Umweltärzte und Baubiologen sitzen in der Jury. Der Präsident der Baugenossenschaft, die sich speziell für dieses Wohnprojekt für Chemikaliensensible gegründet hat, sagte, man sei offene Türen eingerannt für das Projekt. Es sei vielen Menschen klar, dass Wohnraum gesund sein muss und nicht schadstoffbelastet, damit es den Bewohner gut geht. Solche Projekte bräuchten wir auch in Deutschland und wir hoffen, dass auch hier Menschen, die in keinem normalen Haus mehr leben können, weil sie zu krank dazu sind, irgendwann in solchen gesunden Häusern leben dürfen“, berichtete ich dem Weihnachtsengel.

Der Engel schaute mich an und sagte: „Das wird kommen, sie können Euch nicht ewig hängen lassen. Ihr seid als Behinderte anerkannt und das bedeutet, man muss Euch helfen, kein Behinderter darf benachteiligt werden. Seid zuversichtlich, es wird sich einiges Positive für Euch tun.“

In Gedanke sah ich plötzlich Hoffnung in den Gesichtern der Erkrankten, die fast nur draußen lebten, weil sie keinen Innenraum tolerieren können wegen der Schadstoffe in herkömmlichen Baumaterialien. Eigentlich sollte gesundes Bauen zur Norm werden, genauso wie zur Norm werden sollte, dass wir die Innenräume nicht mehr mit giftigen Reinigungsmitteln oder Raumduftsprays kontaminieren. Wie vielen Menschen mit Allergien, Asthma, Chemikalien-Sensitivität, etc. dies zugute käme und wie viel an gewonnener Leistungskraft der wirtschaftlichen Produktivität zugute käme.

Der Weihnachtsengel schien meine Gedanken zu erahnen. Er fuhr fort: „Es gab doch dieses Jahr auch eine Konferenz des Umwelt Bundesamtes und dort wurde beschlossen, dass eigens ein Institut gegründet werden soll, dass sich mit Schaffung von gesunder Luft in Innenräumen beschäftigen soll. Du wirst sehn, daraus könnten wichtige Änderungen in Gang kommen. Auch mit diesem Duftstoffwahnsinn will man sich auseinandersetzen. Wir Weihnachtsengel schütteln nur mit dem Kopf, wo ihr Menschen glaubt, diese künstlichen Duftstoffe einsetzen zu müssen. Wir halten oft die Luft an, so schlimm ist es. Und weißt Du was? Diese künstlichen Weihnachtsdüfte die überall benutzt werden, die können wir schon überhaupt nicht leiden. Weihnachten muss nach echter Tanne, Lebkuchen, frisch gebackenen Plätzchen riechen, nicht nach Chemie und überhaupt, was soll dass überall Chemie zu versprühen,“ sagte der Engel mit erzürntem, verständnislosen Gesicht.

Dass selbst Weihnachtsengel sich durch die künstliche Beduftung unserer Umwelt gestört fühlen, hätte ich nicht gedacht. „Im kommenden Jahr werden wir sehen, wie ernst sie es meinen und ob dass geplante Institut uns Allergiker schützt. Es würde für viele Menschen mehr Lebensqualität, bessere Gesundheit und weniger Leiden bedeuten,“ ließ ich den Engel wissen. Dieser nickte und entgegnete, „Darauf werden wir gemeinsam hinarbeiten, wir Weihnachtsengel stehen geschlossen hinter Euch. Ihr wisst ja, wir sind auch den Rest des Jahres nicht untätig, auch wenn man uns dann nicht zu Gesicht bekommt“.

Dann stand er plötzlich auf, strich seine Flügel glatt, flatterte einmal und der ganze Raum war mit noch mehr glitzerndem Sternenstaub erfüllt als zu seiner Ankunft. Alles funkelte und eine unglaubliche Zuversicht erfüllte den Raum. Kein Fünkchen Zweifel war mehr vorhanden, nur noch Gewissheit, dass sich vieles für die Menschen mit Allergien ändern wird – zum Guten. Wie hatte er das nur gemacht?

„Sag lieber Weihnachtsengel, warum bin ich plötzlich von Zuversicht erfüllt dass alles besser wird?“ fragte ich. Der Weihnachtsengel schüttelte schmunzelnd den Kopf und erwiderte verschmitzt: „Glaubst Du etwa nicht mehr an uns? Na warte ab – dann kicherte er schelmisch, öffnete das Fenster und sog die klare Luft von draußen ein. „So muss Luft sein, klar, sauber und wohltuend, alles andere ist ungesund, und das werden immer mehr Menschen verstehen, lass uns mal machen und, nicht dass Ihr Euch solange auf die faule Haut legt, ich erwarte, dass Ihr auch weiter daran arbeitet, dass Verständnis für eine gesündere Umwelt eintritt“, sagte der Weihnachtsengel und umarmte mich zum Abschied. Dabei hauchte er in mein Ohr: „Ich weiß, ich kann mich auf Euch alle verlassen und Ihr könnt Euch auf uns verlassen. Habt frohe Weihnachten und vergesst nicht, wir sind da.“

Ich steckte dem Weihnachtsengel noch schnell ein Tütchen mit frischgebackenen Plätzchen zu und bedankte mich bei ihm, dass er da gewesen war. Fast wäre mir dabei eine Träne die Wange heruntergekullert, doch auch das schien der Weihnachtsengel vorausgeahnt zu haben, denn sein Flügel strich mir zart übers Gesicht und hüllte mich in silbrigen Sternenstaub ein. Die Morgenröte war fast verblasst, als der Weihnachtsengel davonflog, dafür war plötzlich alles in ein unendlich schönes silbriges Licht getaucht.

Frohe Weihnachten!

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, Winter 2009

Weihnachtsbaumkauf mit Hürden

Ein ökologischer Weihnachtsbaum soll es sein...

Für das diesjährige Weihnachtsfest hegte ich einen für mich besonderen Wunsch. Und zwar wollte ich es dieses Jahr seit langem endlich wieder einmal wagen, unsere Wohnung mit einem Weihnachtsbaum zu schmücken. Plätzchen sind für mich tabu, da Zucker MCS-bedingt vom Speiseplan gestrichen ist. Meine aktuelle gesundheitliche Verfassung hat mir auch andererseits einen Strich durch die Rechnung gemacht, so dass es bei uns kaum weihnachtlich dekoriert ist. Als Entschädigung für all das, soll nun wenigstens an anderer Stelle ein bisschen Weihnachtstimmung Einkehr halten – so mein Ziel.

Weihnachtsbäume mit FSC-Gütesiegel

Aber nicht irgendein Weihnachtsbaum soll es sein. Sondern auf Grund meiner Chemikalien-Sensitivität und der damit verbundenen Notwendigkeit der Schadstofffreiheit, wie auch meiner persönlichen Einstellung zur Umwelt und Natur, kommt nur ein Weihnachtsbaum in Frage, der es auf ganz natürliche Weise, ohne den Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden, zu seinem prachtvollen Aussehen geschafft hat. Unser heimisches Forstamt bietet nur Weihnachtsbäume mit dem FSC-Gütesiegel zum Verkauf an, d. h. dass sie gänzlich unbehandelt und frei von Pestiziden und Düngemittel sind. Also genau das Richtige für MCS-Kranke und Umweltbewusste. Mit einem derartigen Kaufentscheid leistet man zudem einen Beitrag für die Umwelt, weil die Verkaufserlöse der Bäume wieder dem heimischen Wald zufließen.

Ab in den Wald zum Forstrevier

So machten mein Mann und ich uns am letzten Samstag ganz früh auf den Weg in den Wald, um beim hiesigen Forstrevier einen für mich verträglichen grünen „Freund“ zu besorgen. Im CSN-Forum wurde ich die Tage durch eine Anfrage eines anderen Mitbetroffenen zu diesem Vorhaben animiert. Ich dachte, ein Weihnachtsbaum zu stellen, das muss doch auch bei mir möglich sein. Guter Dinge fuhren wir nach dem Frühstück, bei klirrender Kälte durch die eingeschneite, wie verzuckert wirkende Winterlandschaft in den Wald, was mich schon zu besonderer Stimmung rührte. Pünktlich zum Verkaufsbeginn um 9 Uhr trafen wir am Verkaufsort an. Zum Glück waren nur ganz wenige Leute da. Doch das änderte sich schlagartig.

Anstatt frischer Waldluft – penetranter Parfumgeruch

Innerhalb kürzester Zeit waren sehr viele Kaufinteressierte beim Weihnachtsbaumverkauf eingetroffen. Das bedeutete für mich, dass ich plötzlich intensiven Duftschwaden von Aftershave, Haarpflegeprodukten, Parfum und anderer Kosmetika ausgeliefert war, die ihren Weg, trotz meiner schnell angezogenen Maske, in meine Nase schafften. Meine Nasenschleimhaut schwoll blitzschnell an, Atemnot setzte ein, extreme Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Herzrasen um nur einige meiner Beschwerden zu nennen. Ehrlich gesagt hatte ich mir den Weihnachtsbaumkauf etwas anders und romantischer vorgestellt. Doch die Realität ist eben eine andere. Letztendlich haben wir uns schnell einen Baum geschnappt, um endlich aus der für mich unerträglichen Atmosphäre verschwinden zu können. An den Folgen des Weihnachtsbaumkaufs habe ich heute noch zu knappern. Nun hoffe ich, dass ich bis Weihnachten wieder auf meinem Gesundheitslevel vor dem Baumkauf angelange, damit ich die Feiertage wenigstens ein wenig genießen kann.

Ich wünsche allen ein besinnliches und geruhsames Weihnachtsfest, mit einem hoffentlich gesundheits- und umweltverträglichen Weihnachtsbaum,

Eure Maria

Autor: Maria Herzger, CSN – Chemical Sensitivity Network, 23. Dezember 2009

stern-TV Gast mit Chemikalien-Sensitivität berichtet über ihre Erfahrungen in und nach der Live Sendung

Studiogast - Die chemikaliensensible Tierärztin Coretta DanzerDie Tierärztin Coretta Danzer ist chemikaliensensibel, sie reagiert auf Chemikalien im Alltag mit vielfältigen körperlichen Beschwerden. Die Krankheit wird in der Medizin als MCS – Multiple Chemical Sensitivity bezeichnet. Sie tritt besonders in Industrieländern auf und betrifft laut wissenschaftlicher Studien zwischen ca. 15-30% der Gesamtbevölkerung in unterschiedlichem Schweregrad. Ungeachtet dessen wird die Krankheit in der Öffentlichkeit kaum diskutiert. Dies war für Coretta Danzer der ausschlaggebende Grund, sich bereit zu erklären, zusammen mit dem Umweltmediziner Klaus Runow in der beliebten TV-Sendung stern-TV über die Umweltkrankheit zu berichten. In der Live Sendung mit Günther Jauch wurde den Zuschauern zur Verdeutlichung eine Filmreportage gezeigt, die einen Einblick gab, was es bedeutet, mit MCS zu leben. Für Coretta Danzer war der Aufenthalt im Filmstudio erwartungsgemäß nicht einfach. Nachfolgend berichtet die Tierärztin, welche Strapazen sie bewältigen musste und wie es ihr jetzt geht.

Studiogast Coretta Danzer:

Es war soweit, am Mittwoch, den 09.12.2009, sollten wir gegen 21.00 Uhr in Hürth bei Köln sein. Mein Mann und ich reisten mit dem eigenen Auto an, da ich nicht mit dem Zug fahren kann. Angekommen riefen wir in der Redaktion an, damit wir vom Auto abgeholt werden konnten. Eine sehr nette junge Frau führte uns dann zu dem Hintereingang des Gebäudes, damit ich so wenig Reizstoffen wie möglich ausgesetzt sei. Doch da stand natürlich doch ein Raucher vor dem Hintereingang, und ich hatte die ersten Probleme.

Ein TV-Studio ist nicht gerade der richtige Ort für MCS-Kranke

Durch das Treppenhaus ging es in den 1. Stock in den Raum, der für mich hergerichtet wurde. Flur und Raum waren mit Nadelfilzteppichboden ausgelegt und nach meiner sofortigen Reaktion in dem Raum, war dieser vermutlich mit Pestiziden behandelt. Ich kam in den Raum und nahm meine Atemmaske von der Nase und beim 3. oder 4. Wort, das ich sagte, ging meine Stimme weg, ich krächzte nur noch heiser und bekam schreckliche Halsschmerzen. Das ist normalerweise meine Reaktion auf Pestizide. Wir öffneten sofort die Fenster und ich nahm meinen Sauerstoff, so dass meine Stimme nach einer Weile wieder kam und nur die Halsschmerzen blieben. Eine Toilette war nur für mich reserviert und wohl auch nur mit heißem Wasser gereinigt worden, roch aber leider dennoch nach „WC-Chemie“.

Netter Empfang

Nun kam auch die nette Reporterin, die bei uns zu Hause war, und begrüßte uns. Sie hatte sich und ihre Kleidung extra duftneutral gewaschen. Sie erklärte uns noch ein wenig den Ablauf und stellte uns Herrn Runow vor, den wir noch nicht kannten. Dann kam Herr Jauch zu uns und lud uns zu einem Essen nach der Sendung ein, welches ich aber gleich dankend ablehnte, da ich mir sicher war, dass ich das nicht mehr schaffen würde.

Was MCS tatsächlich ist, war nicht gefragt

Herr Runow teilte Herrn Jauch mit, was er dann den Zuschauern zu MCS erklären wollte, er wollte Duftbäume mitnehmen und einen aufgeschnittenen Schädel, an dem er zeigen wollte, was bei MCS im Gehirn passiert. Das wollte Herr Jauch aber gar nicht und sagte zu Herrn Runow, dass er das nicht dürfe. Wir waren alle etwas verdutzt.

Ein „Glaskasten“ sollte vor Chemikalien im Studio schützen

Mein Mann und ich wurden schon vor Sendungsbeginn in das Studio gebeten, damit ich einen eigens bereitgestellten Plexiglas-Kasten ausprobieren konnte. Im Studio angekommen, dachte ich, das schaff ich nie. So schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt. Es stank schrecklich nach Kunststoffen und sonstigen Sachen, die ich nicht genau definieren konnte. Die Plexiglasbox hatte auch einen massiven Kunststoffgeruch, ich musste stark husten und bekam starke Kopfschmerzen, mir wurde richtig schwindelig und ich war wie benommen. Ich machte meine Sprechprobe in der Box und dann gingen wir sind schnell wieder in den Aufenthaltsraum. Ich war froh, dass ich meinen Sauerstoff hatte, denn ohne den hätte ich das nicht durchgestanden.

Thema MCS wurde trotz Versprechen nach hinten gerückt

Jetzt wurde uns gesagt, dass wir um 23.30 Uhr dran wären, ich war körperlich schon so fertig, dass ich noch nicht einmal protestieren konnte, denn man hatte mir versprochen, dass ich als erster oder spätestens als zweiter Beitrag kommen würde, damit ich nicht solange warten muss. Also saßen wir etwas über 2 Stunden in dem Raum bei offenen Fenstern und ohne Heizung, denn den Geruch der warmen Heizkörper konnte ich nicht tolerieren.

Kaum auszuhaltende körperliche Belastung

In der Werbepause vor dem Beitrag wurden wir dann ins das Studio geholt. Wie auch vorher schützte ich mich auf dem Weg über die Flure und Treppen mit meiner Aktivkohle-Atemmaske, und in dem Plexiglas-Kasten legte ich meinen Sauerstoff an, damit ich nicht husten musste. Der Gestank in der Box war schon schlimm, aber außerhalb war es noch viel schlimmer. Ich sammelte all meine Kräfte und versuchte, mich so gut es ging zu konzentrieren, damit ich die Fragen gut beantwortete. Es war sehr, sehr anstrengend. Mein Kopf war kurz vorm Zerplatzen, meine Augen brannten wie Feuer, genau wie mein Hals und meine Bronchien. Mir war schwindelig und schlecht. Ich wusste gar nicht, zu was ich fähig bin, ich war froh, als der Beitrag vorbei war. Ich musste aber noch in der Box warten, bis wir das Studio verlassen durften, bis der folgende Beitrag fertig war. Wir gingen noch mal in den Aufenthaltsraum, um unsere Sachen zu holen und uns zu verabschieden und fuhren sofort heim.

Der Abend im TV-Studio forderte seinen Tribut

Ab dem Donnerstag nach der Sendung wurden meine Symptome immer schlimmer. Ich hatte über eine Woche lang einen schrecklich ekeligen Plastikgeschmack im Mund, meine Augen brannten genauso lang, der Kopf und der ganze Körper schmerzten stark. Ich zitterte dauernd anfallsweise sehr stark. Bis zum Sonntag nach der Sendung verschlimmerten sich meine Probleme noch dahin, dass ich nichts mehr essen konnte, auch nichts Weiches, ohne Zahnfleischbluten zu bekommen und ein schreckliches, starkes Brennen in Mund, Speiseröhre, Magen und Darm zu verspüren. Meine Mundschleimhaut schwoll an. Ich habe dann vorsichtig Hirsebrei gegessen, den ich noch am Besten vertragen habe. Nach einer knappen Woche mit viel Sauerstoff und meinen mir verträglichen Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln habe ich wieder andere Nahrungsmittel vertragen, die ich vorsichtig ergänzt habe.

Ein harter Preis, um über MCS aufzuklären

Auch zwei Wochen nach der Sendung bin ich noch immer sehr mitgenommen. Ab und zu habe ich noch diesen ekeligen Plastikgeschmack, und ich bin auch noch empfindlicher, als ich es vor der Sendung war.

Ich habe viele E-Mails und Briefe bekommen, die ich noch immer nicht alle beantwortet habe, da mir noch die Kraft fehlt, mich so lange zu konzentrieren und die Antworten zu schreiben. Ich habe mir aber vorgenommen, alle zu beantworten.

Auch diesen Bericht zu schreiben, hat mich viel Kraft gekostet. Ich bin aber gerne bereit, noch spezielle Fragen zu der Sendung zu beantworten.


Autor: Coretta Danzer, CSN – Chemical Sensitivity Network, 22. Dezember 2009

Bericht über Drehtag zur Beitrag:

Chemikalien-Sensitivität – MCS in Stern-TV: Bericht über Drehtag zur Sendung

Bundesministerium für Gesundheit zum aktuellen MCS-Notfall

SOS für eine MCS-Patientin

Am 10. Dezember wurde im CSN Blog ein öffentlicher Hilferuf für eine Frau publiziert, die an schwerer MCS – Multiple Chemical Sensitivity erkrankt ist und unter völligem Toleranzverlust gegenüber Nahrungsmitteln und Wasser leidet. Die 44-jährige müsste dringend in einer Umweltklinik mit aufbauenden Infusionen behandelt werden. Der Versuch, in einer normalen Klinik Behandlung zu erhalten, scheiterte an den Chemikalien, mit denen man in einer Klinik unweigerlich konfrontiert wird. Eine Umweltklinik in Süddeutschland offerierte eine außerplanmäßige Aufnahme der Schwerstkranken am 4. Januar, bis dahin ist ihr Leben weiter in Gefahr. Diese untragbare Situation zum Anlass nehmend, schrieb Frau L. am 13. Dezember den Bundesgesundheitsminister an und bat um Unterstützung:

Sehr geehrter Herr Bundesgesundheitsminister Dr. Rösler,

SOS – ich spreche Sie direkt an, weil ich eine unglaubliche Geschichte vorbringen muss. Seit Wochen sucht Geli Hubernagel und ihr Mann verzweifelt nach medizinischer Hilfe. Die 44 jährige Frau hat eine sehr ausgeprägte MCS (multiple chemical sensitivity) und schwerste Reaktionen auf alle Nahrungsmittel. Ihr Zustand verschlechtert sich sehr stark. Selbst das Trinken von kleinen Schlucken Wasser sorgt ebenfalls für schwere Reaktionen.

Trotz großer Bemühungen blieb jeglicher Versuch, medizinische Hilfe zu bekommen, bisher erfolglos. Leider fehlt mir der Kontakt zu Frau Hubernagel, aber Frau Silvia K. Müller leitet das CNS Deutschland (Chemical Sensitivity Network). Sie hält den Internetkontakt mit der Patientin.

In den letzten Monaten haben 2 Frauen, die in ähnlich hoffnungsloser Situation waren, Selbstmord begangen.

Das Bundesgesundheitsministerium antwortete wie folgt:

Sehr geehrte Frau L,

vielen Dank für Ihre Zuschrift vom 13.12.2009, in der Sie die Situation von Frau Hubernagel schildern.

Bitte haben Sie Verständnis, dass der Minister nicht selbst antwortet. Angesichts der vielfältigen Aufgaben unseres Hauses und der damit verbundenen Verpflichtungen von Bundesminister Dr. Philipp Rösler wird er bei der Beantwortung der zahlreich eingehenden Bürgerbriefe durch ein engagiertes Team von Experten unterstützt. Dies kommt den Bürgern in den meisten Fällen in Form einer zügigen Antwort auf ihre Fragen zugute.

Den Erwartungen, die ich Ihrem Schreiben entnehme, kann das Bundesministerium für Gesundheit leider nicht entsprechen. Bedingt durch die Zuständigkeiten und Befugnisse gibt es hier keine Möglichkeit, den dargestellten Sachverhalt zu überprüfen bzw. eine wertende Stellungnahme abzugeben.

Für die Entscheidungen zur Behandlung einer Erkrankung kann man sich an einen Arzt des Vertrauens wenden. Das Bundesministerium für Gesundheit kann keine individuelle Patientenberatung durchführen, keine Auskunft über Verordnungsmöglichkeiten für den konkreten Einzelfall erteilen und auch keine Arztempfehlungen aussprechen.

Individuelle Fragen kann auch eine Krankenkasse beantworten. Allein sie ist rechtlich befugt und in der Lage, verbindlich zu informieren und konkrete Entscheidungen im Einzelfall zu treffen. Krankenkassen haben die Möglichkeit, das Verhalten eines Arztes von der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung überprüfen zu lassen. Falls Sie eine solche aufsichtsrechtliche Überprüfung wünschen, erfahren Sie die Anschrift der zuständigen Aufsichtsbehörde bei der Krankenkasse. Man kann sich gemeinsam mit der Krankenkasse oder auch direkt dorthin wenden.

Wenn jemand  mit der Entscheidung oder dem Verhalten einer Krankenkasse nicht einverstanden ist, steht es demjenigen offen, sich an die zuständige Aufsichtsbehörde zu wenden. Bei bundesunmittelbaren Krankenkassen ist dies das Bundesversicherungsamt, Friedrich-Ebert-Allee 38, 53113 Bonn; ansonsten das jeweilige Sozialministerium des Bundeslandes, das auch die Aufsicht über die Gesundheitsversorgung im jeweiligen Bundesland inne hat.

Dieses Schreiben ist im Auftrag und mit Genehmigung des Bundesministeriums für Gesundheit durch das Kommunikationscenter erstellt worden und dient Ihrer Information.

Mit freundlichem Gruß

Gerlind Nestler

Kommunikationscenter

Bundesministerium für Gesundheit

Aktuelle Informationen des Bundesministeriums für Gesundheit finden Sie unter: www.bmg.bund.de

Ein etwas anderes Adventsgedicht: Ich komm draußen vom Walde her…

Weihnachten ist nah

Draußen vom Walde her – mein Puls rast und ich atme schwer

Ich komm von drauß vom Walde her

mein Puls rast und ich atme schwer

anstatt frischer Waldesluft

Bratäpfel- und Glühweinduft.

Und auf vielen Tannenspitzen

sah die Duftkerzen ich sitzen:

Moschus und Zitronengras,

Geranium und Sassafras,

Ylang-Ylang, wilde Rose

wirkten wie ne Vollnarkose,

auch roch Kokos und Vanille

viel zu laut in dieser Stille.

Alle Sinne sind betört

mein Geruchsinn wurd gestört.

Für die einen ist es magisch,

ich empfinde es als tragisch.

Und auf andern Tannenspitzen

sah Parfümflakons ich sitzen,

und die Engels fliegen quer

spritzen dieses Zeug umher:

Moonwind, Dior, Shalimar,

und auch noch die Sprays fürs Haar.

Schon begann mein Kopf zu schmerzen

und es sticht und pocht im Herzen

und ich hörte wie durch Watte

und ich sah auch nicht mehr klar

und die Ziele die ich hatte

war’n auf einmal nicht mehr da.

After Shave und Gel und Seife

hübsch verpackt mit roter Schleife.

Citronell in Baby-Creme

führt nicht selten zum Ekzem.

Warum denn die Kinder schonen

zum Fest gibt’s heuer Duftpatronen.

Für die Schule kannste büffeln

oder auch an Uhu schnüffeln.

Deo, Duschgel und Shampoo

machen unsre Jugend froh,

nur der Duft ist zu exotisch

macht die Jugend idiotisch.

Erst war mir kalt, dann war mir heiß

ich wusste nicht mehr was ich weiß

schwitzen tat ich wie ein Schwein

dann setzte noch der Tremor ein.

Nach Puder oder auch nach Heu

duftet Minkas Katzenstreu.

Weil’s den Schweiß vom Stinkfuß nimmt

gibt’s Pantöffelchen mit Zimt.

Und das Potpourrie aus Düften

es erspart das Wohnunglüften.

Arme, Beine wurden taub

ich zitterte wie Espenlaub

und mein Darm, er rebelliert

mein Magen war wie zugeschnürt.

Das Rentierchen stand schon bereit

uns bleibt ja nicht mehr sehr viel Zeit.

Der Schlitten war schon voll beladen

und ich sah wie durch Nebelschwaden.

Ich taumelte hin und her

fast wie auf einem Wattemeer,

die Duftwolke schwebt groß und schwer

man sah die Baumspitzen nicht mehr.

Pendelnd hing sie über’m Wald

plötzlich hat es laut geknallt:

Die Duftlampe war explodiert!

Bis dahin lief es wie geschmiert.

Schnell war die Chemie verpufft

in der schweren Glühweinluft

und die Bäume, zitternd, bebend

und die grünen Nadeln schwebend –

und die Geschenke sind begraben

unter Milliarden Tannennadeln.

Den Menschen bleibt dadurch erspart

dass an Giften sie erkranken,

und ganz ernsthaft frag ich mich:

Ist’s einem Zufall zu verdanken?

Ich komm von drauß vom Walde her

mein Sauerstoffgerät ist leer,

und eines kann ich Euch versichern:

Dort seht Ihr mich so schnell nicht mehr.

—–

Autor: Augenstern, CSN – Chemical Sensitivity Network, 20. Dezember 2009

Weitere Gedichte von Augenstern: Mutter Erde, Loslassen

13-jähriger Junge klärt über die Umweltkrankheit MCS auf

Poster: Was ist MCS? 

Was ist MCS – Multiple Chemical Sensitivity?

 

Canary Report berichtet heute in ihrem Blog über einen pfiffigen 13-jährigen Jungen, der in seiner Schule für das Fach Gesundheit und Umwelt ein Poster über MCS gestaltet hat. Seine Mutti hat MCS und er sagte der Lehrerin, dass er sein Poster gerne über diese Krankheit  gestalten wolle. Die Lehrerin fragte ihn, was denn MCS sei, und er antwortete: „Meine Mutti hat das. MCS steht für Multiple Chemical Sensitivity“. Die Lehrerin schaute ihn mit großen Augen an. Sie willigte ein, und dann begann der Junge mit seinem Projekt. 

Um mit seinem Poster seinen Mitschülern zu vermitteln, was nun MCS ist, forschte er eine ganze Menge. Seine Mutter berichtet stolz, dass sie ihm nicht geholfen habe, weil er das Poster ganz alleine fertig stellen wollte, es sollte sein Projekt sein. Er bat seine Mutter nur zum Schluss um etwas konstruktive Kritik, damit er sicher sein konnte, dass auch Außenstehende die Krankheit verstehen, über die er vermitteln wollte. 

Das Poster ist richtig informativ und toll geworden. Es hing viele Wochen im Eingangsbereich der Schule. Lehrer und Schüler schauten es sich an und lernten, was MCS ist, wodurch man die Krankheit bekommt und auch wie man sie verhindert. Sogar die Auswirkungen auf das Gehirn, die man mittels SPECT Scan sichtbar machen kann, erklärte der Junge. Bei Anschauen des Posters stellte mancher der Betrachter fest, dass er auch schon eine ganze Menge der angeführten Symptome auf Alltagschemikalien hat. 

Susan, die Mutter des Jungen, kann richtig stolz auf ihren Sohn sein und CSN hier in Deutschland ist es auch: Vielen Dank nach USA an einen 13-jährigen Jungen, der einen besseren Job macht, um über MCS aufzuklären, als mancher Mediziner, dessen Job es eigentlich wäre. Bravo! 

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 19. Dezember 2009

Auch Haustiere leiden unter Chemikalien-Sensitivität

Auch Hunde und Katzen reagieren auf Chemikalien im Alltag

 

Es liegen wissenschaftliche Studien vor, die belegen, dass Laborratten und Labormäuse unter bestimmten Bedingungen Chemikalien-Sensitivität entwickelten. Wenn es auf diese Versuchstiere zutrifft, können dann auch Hunde, Katzen und andere Haustiere sensibel auf Alltagschemikalien reagieren?

Thommy’s Blogfrage der Woche 

  • Habt Ihr ein Haustier, das sensibel auf Alltagschemikalien wie z.B. Parfüm, Weichspüler, Putzmittel, Zigarettenrauch, Abgase, frische Farben und Lacke reagiertund davon krank wird?
  • Auf welche Chemikalien oder in welchen Situationen reagiert Euer Haustier oder das von Bekannten? 
  • Was passiert mit dem Haustier, wenn es auf Chemikalien reagiert?

Bau eines MCS-Hauses: Materialauswahl, Bauausführung

Bauplatz MCS-Haus

In Teil I der Serie „Planung und Ausführung eines MCS-verträglichen Wohnhauses“ stellte Baubiologe Volkmar Hintze dar, welche Überlegungen vor der konkreten Planung eines Wohnhauses für eine chemikaliensensible Person erforderlich sind. Die Auswahlkriterien für ein Grundstück wurden erläutert, damit es auf lange Sicht ein relatives Optimum darstellt. Im nachfolgenden Teil II werden Materialien beschrieben, die sich als besonders geeignet herausstellten. 

 Ein MCS-Wohnhaus entsteht

Das Objekt wurde als KfW-40 (heute Energieeffizienzhaus 55) Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung und Keller/Nutzungsräumen geplant. Der gesamte Wohnbereich im Erdgeschoß (ca. 130 m²) ist ebenerdig und (überwiegend) behindertengerecht. Das Kellergeschoß (ca. 180 m²) enthält eine Einliegerwohnung und die Kellerräume. 

Materialauswahl und Bauausführung:

Ziel war, ein möglichst schadstoffarmes, energieeffizientes Haus, angepasst an einen MCS-Bewohner, zu errichten. Dabei kamen neben speziellen baubiologischen Materialien auch konventionelle Baustoffe und Materialen zum Einsatz. Das ausschlaggebende Argument für den Einsatz der Materialien war die Schadstoffarmut und Verträglichkeit für einen MCS-Patienten. Es muss an dieser Stelle klar gesagt werden, dass die nachfolgend aufgeführten Materialien und Baustoffe für den individuellen Fall verträglich waren. Andere MCS-Patienten reagieren möglicherweise auf einzelne Baustoffe unterschiedlich. Es ist daher grundsätzlich eine individuelle Auswahl und Prüfung erforderlich. 

Die Auswahl und Prüfung der Materialien in Bezug auf Schadstoffhaltigkeit bzw. Schadstoffemission wurde im Vorfeld auf der Basis von Herstellerangaben, Datenblättern, Internetrecherchen, Zertifikaten (z.B. „NaturePlus“, „Blauer Engel“, „IBR“, „TÜV-Toxproof“, „FSC“, „AUB“), Infoaustausch und Testberichten (z.B. ÖKO-Test) durchgeführt. Von den in Frage kommenden Materialien wurde – soweit möglich- Proben vom Hersteller angefordert, die auch in vielen Fällen problemlos zur Verfügung gestellt wurden. 

Die persönliche Verträglichkeitsprüfung wurde dann von der Betroffenen an den Materialproben, mit denen die Betroffene in direkten oder indirekten Kontakt kommen kann, durchgeführt. Neben Kontaktprüfungen wurden die Materialien auch Alternativmedizinisch überprüft. 

Unter die stahlarmierte Beton-Bodenplatte wurde eine 30 cm dicke Isolierung aus druckfestem und drainagefähigem Schaumglas eingebracht. 

Der Keller wurde im Bereich der Erdberührung mit druckfesten Ziegel-Kellersteinen (36,5 cm) gemauert. Die Isolierung gegen das Erdreich wurde mit einer Bitumen Dickbeschichtung, EPS und einer Noppenfolie ausgeführt. Die Außenwände ohne Erdberührung wurden mit gedämmten Ziegelsteinen (Unipor Coriso W08 36,5 cm λ=0,08 W/mK) im Dünnbettmörtelverfahren ausgeführt. 

Die Innenwände wurden mit Hochlochziegeln (Erberdobler) ausgeführt. Die Kellerdecke wurde aus bewehrtem Beton gegossen. Der Estrich wurde als Zementestrich mit 14 cm EPS-Dämmung ausgeführt. Teilweise wurde Fußbodenheizung (ELW) eingebracht, in zwei Kellerräumen kam eine Wandheizung zum Einsatz. Sämtliche Innenwände wurden mit einem reinen Kalkputz versehen.

Autor: Dipl.-Ing (UHT) Volkmar Hintze Öko-logo Schadstoffanalytik und Baubiologie www.oeko-logo.eu   

 

Anmerkung: Der Artikel ist rein zu Informationszwecken gedacht. Es bestehen keine Abhängigkeiten, finanziellen oder werbemäßigen Zwecke. 

Teil I: Was ist MCS und welche Vorplanung braucht es für ein MCS Haus?

Im nächsten Blog der Fortsetzungsserie erfahren wir Näheres über den Bau des Kellers und Rohbaus des MCS Hauses.

Planung und Ausführung eines MCS-verträglichen Wohnhauses

  Der Bau eines MCS-Hauses brauch weitreichende Fachkenntnis

 

Wohnraum für MCS-Kranke zu schaffen, ist ein sehr schwieriges Unterfangen, das viel Wissen voraussetzt. Ein Baubiologe ist gerade dabei, für seine chemikaliensensible Frau ein Haus zu bauen, indem sie sich wohlfühlen und gesünder werden soll. Der Baubiologe Volkmar Hintze wird uns in einer Fortsetzungsserie über die einzelnen Bauabschnitte bis hin zum Umzug berichten.  

Teil I: Was ist MCS und welche Vorplanung braucht es für ein MCS-Haus? 

Unter einer MCS-Erkrankung leiden Personen, die auf Stoffe in der Umwelt mit teilweise erheblichen Symptomen reagieren. Oft reichen kleinste Stoffmengen aus, um eine Reaktion hervorzurufen. 

 Dr. Bartram hat 2004 „MCS“ wie folgt beschrieben: 

Der Begriff „Multiple Chemikalien Sensitivität (MCS)“ wurde vor etwa 20 Jahren zu einer Zeit geprägt, als man die tatsächlichen Ursachen dieser Erkrankung bestenfalls vermuten, weniger dagegen objektivieren konnte. Mittlerweile ist es evident, dass nicht nur Chemikalien, sondern auch Stoffe aus der Biosphäre, wie Schimmelpilze, dieses Krankheitsbild ebenfalls auslösen und/oder unterhalten können. 

Das CSN – Chemical Sensitivity Network beschreibt MCS wie folgt: 

Von 89 führenden amerikanischen Wissenschaftlern wurde die vormals häufig angewendete Definition für MCS von Cullen modifiziert und stellt sich als American Consensus wie folgt dar: 

  1. Die Symptome sind mit (wiederholter chemischer) Exposition reproduzierbar. 
  2. Der Zustand ist chronisch. 
  3. Minimale Expositionen (niedriger als vormals oder allgemein toleriert) resultieren in Manifestation des Syndroms. 
  4. Die Symptome verbessern sich, oder verschwinden, wenn der Auslöser entfernt ist. 
  5. Reaktionen entstehen auch gegenüber multiplen nicht chemischen Substanzen. 
  6. Die Symptome involvieren mehrere Organsysteme. (1999 ergänzt) 

Asthma, Allergien, Migräne, Chronisches Müdigkeits-Syndrom und Fibromyalgie stellen keine Ausschlussdiagnose für MCS dar. 

Die Symptomatik der verschiedenen Patienten ist genauso unterschiedlich, wie unser genetisches Make-up, unsere Gesamtkörperbelastung und unser Nährstoffstatus, etc. zum Zeitpunkt der Exposition. Die Symptome betreffen mehrere Organsysteme (z.B. cerebrales, respiratotrisches, cardiovaskuläres, gastrointestinales, neurologisches, das muskuloskelettale System, sowie Augen, Nase, Ohren, Haut) und variieren in ihrer Intensität. Bei einigen Menschen erreichen sie eine solche Intensität, dass diese ihren Lebensstil dem Grad ihrer Behinderung anpassen müssen. Häufig beobachtete Symptome sind u.a. Kopfschmerzen, Ohrgeräusche, Schwindel, Erschöpfung, Sehstörungen, Bewusstlosigkeit, Rhinitis, Ekzeme, häufiges Wasserlassen, metallischer Geschmack, Schluckbeschwerden, Übelkeit, Asthma, Depression, Aggression, Verwirrung, Apathie oder Konzentrationsstörungen. 

Nach Schätzungen sind heute bis zu 10 % der Bevölkerung von Industrie-gesellschaften betroffen. Obwohl die Erkrankung heute eindeutig diagnostizierbar ist, wird MCS nur in wenigen Fällen erkannt. Häufig werden psychische Störungen zu Grunde gelegt und MCS-Patienten in diese „Ecke gestellt“. 

Therapien sind bisher nur sehr begrenzt erfolgreich. So bleibt dem Betroffenen meist nur eine Meidung der Exposition. Schadstoffarme (emissionsarme) Umgebung, Wohnräume, Textilien, Gebrauchsgegenstände und Ernährung sind daher immer noch die erste Wahl, um eine MCS-Erkrankung möglichst erträglich zu machen oder zu lindern. 

Überlegungen:

Als ein wesentlicher Bereich ist die direkte und indirekte Wohnumgebung zu betrachten. Die indirekte Wohnumgebung sollte möglichst frei von beeinträchtigenden Emissionen (z.B. Mobilfunk, Industrie, Verkehr, Landwirtschaft) sein. Eine ausreichende Infrastruktur sollte vorhanden sein, um soziale Kontakte und schadstoffarme Versorgungsmöglichkeiten zu ermöglichen.   

Die direkte Wohnumgebung (Wohnräume) stellt die wesentlichen planerischen Herausforderungen dar. Wir halten uns zu etwa 90% in geschlossenen Räumen auf, einen großen Teil davon in eigenen Wohnräumen. 

Folge: Wohnräume sollten daher möglichst schadstoffarm und frei von externen Einflüssen sein. Bei einer Sanierung (Bauen im Bestand) ist allerdings der Einfluss auf die räumliche Umgebung nicht mehr beeinflussbar. Hier kann nur durch die Verwendung von bestimmten Materialien eine gewisse Schadstoffarmut erreicht werden. 

Bei einem Neubauvorhaben ist es dagegen möglich, von Beginn an viele Parameter zu berücksichtigen, die eine möglichst schadstoffarme Umgebung gewährleisten. 

Eine „MCS-Planung“ stellt daher große Herausforderungen an den/die Planer und Ausführer, da MCS-Patienten sehr individuell und unterschiedlich auf (Bau-)Stoffe reagieren. Die Planung sollte daher nur in enger Zusammenarbeit mit dem/den Betroffen stattfinden. 

Am Beispiel der eigenen Planung und Ausführung eines Einfamilienhauses mit Einliegerwohnung soll beispielhaft aufgezeigt werden, wie ein schadstoffarmes individuell angepasstes Haus errichtet werden kann. 

Vorplanung:

Da der Bauherr selbst seit fast 20 Jahren als Schadstoffgutachter und Baubiologe tätig ist, war entsprechende Kenntnis vorhanden und konnte direkt mit der betroffenen Person (Ehefrau) abgeklärt werden.  

Glücklicherweise waren keine räumlichen Vorgaben zu beachten, so dass die Suche nach einem geeigneten Bauplatz recht offen war. Vorgabe war, dass der Bauplatz möglichst vielen der oben angeführten Kriterien entspricht.  

Die grobe Auswahl möglicher Standorte erfolgte unter Zuhilfenahme von z.B. „GoogleEarth“, „Geodaten/Bayern“, Landkarten, Verzeichnis der Standorte von Mobilfunkanlagen und Beschreibungen (z.B. Touristik-Prospekte). 

Eine persönliche Inaugenscheinnahme vor Ort ist anschließend unerlässlich, um nicht verzeichnete/erwähnte Kriterien zu erkunden. Häufig zeigte sich dabei, dass beispielsweise eine neue, nahe Mobilfunkanlage errichtet war, ein emittierender Gewerbebetrieb (z.B. Autolackiererei) vorhanden ist oder eine Strasse erhebliche Emissionen erzeugt. 

Die Auswahl fiel letztlich auf einen Bauplatz im südlichen Bayrischen Wald (94121 Salzweg-Straskirchen, ca. 9 km nördlich von Passau-Zentrum), der nach persönlicher Begutachtung und Messungen viele der gesetzten Kriterien erfüllte. 

So lag beispielsweise die Belastung durch HF bei 0,1 – 1,0 µKW/m2, eine geopathische Untersuchung zeigte keine Auffälligkeiten, es waren wenig emittierende Belastungen durch Verkehr, Gewerbe und Landwirtschaft zu erwarten. Daneben war eine zufrieden stellende Infrastruktur vorhanden. Der B-Plan zeigte mehrere Bauabschnitte, von denen derzeit nur der 1. Bauabschnitt begonnen ist und es sehr fraglich ist, ob alle geplanten Bauabschnitte zum Tragen kommen. 

Für die Hausplanung wurde ein Architekturbüro (Büro für organisches Bauen Heimermann, Bad Neuenahr- Ahrweiler) beauftragt. Das Büro wurde ausgewählt, da für den Architekt unkonventionelle und baubiologische Lösungen keine Fremdwörter sind, und die Nähe zum derzeitigen Wohnort gegeben ist. Da die Baustelle rund 600 km vom derzeitigen Wohnort entfernt ist, war es zwingend erforderlich, einen kompetenten Bauleiter vor Ort mit der kompletten Baubetreuung (einschließlich Ausschreibung der einzelnen Gewerke, Baustellenkontrollen, Bauabnahmen, Rechnungskontrollen) zu beauftragen. Beauftragt wurde ein Bautechniker (Ökol. Planungsbüro Heinz Hofbauer, Salzweg) mit baubiologischer Ausbildung, der am Ort der Baustelle tätig ist.

Autor: Dipl.-Ing (UHT) Volkmar Hintze Öko-logo Schadstoffanalytik und Baubiologie www.oeko-logo.eu info@oeko-logo-sinzig.de

Anmerkung: Der Artikel ist rein zu Informationszwecken gedacht. Es bestehen keine Abhängigkeiten, finanziellen oder werbemäßigen Zwecke. 

Im nächsten Blog der Fortsetzungsserie geht es um die konkrete Planung des MCS Hauses.

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Antioxidantien

Sauerstoff

ein neues, ein anderes Leben.

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In der Hoffnung, dass es Hilfe für Geli geben wird.

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Autor: Augenstern, CSN – Chemical Sensitivity Network, 13. Dezember 2009

 

Weiteres Gedicht von Augenstern: Mutter Erde