Medizinstudenten krank durch Formaldehyd

Anatomie-Labors

Formaldehyd dient seit langem als Konservierungsmittel für Leichen in Anatomie-Labors. Die Chemikalie hat einen signifikanten Geruch, den viele Studenten unangenehm empfinden und sich noch nach Jahrzehnten daran erinnern. Dozenten und Studenten im Anatomiebereich, Einbalsamierer in Bestattungsunternehmen, Histopathologie- Laboranten und andere Forscher im Bereich Biologie sind ständig den giftigen Dämpfe von Formaldehyd in mehr oder weniger hoher Konzentration ausgesetzt. Formaldehyd ist krebserregend, neurotoxisch, genschädigend und darüber hinaus dafür bekannt, Chemikaliensensitivität / MCS auszulösen. Schutzmaßnahmen in den Anatomie-Labors sind oftmals nicht optimal und verbesserungswürdig. Studien aus verschiedenen Ländern belegten, dass die Problematik, dass Studenten und Dozenten im Anatomiebereich Formaldehyd ausgesetzt sind und dadurch gesundheitlich beeinträchtigt werden, weltweit besteht.

Formaldehyd, gesundheitsschädlich, krebserregend

Unmittelbare gesundheitliche Auswirkungen durch Formaldehyddämpfe sind u.a. Übelkeit, Atembeschwerden, Schwindel, Kopfschmerzen und Augenreizungen, Schleimhautreizungen, Tränenfluss und ein brennendes Gefühl im Hals. Bei Formaldehydexpositionen im Niedrigdosisbereich scheinen Personen mit bereits bestehenden Allergien besonders anfällig zu sein. Eine Studie aus Thailand berichtete, dass ein Großteil der Studenten (82.7-87.8%) über extreme Erschöpfung klagte.

Langfristige Exposition gegenüber Formaldehyd kann zu Kontaktdermatitis, angeborenen Missbildungen und Krebs führen. Seit Jahren ist unstrittig, dass insbesondere die inhalative Aufnahme von Formaldehyd krebserregend ist. Wenn Studenten an Leichen arbeiten, die zuvor 12 Monate in Formalin eingelegt waren, ist das Gesicht ca. 20-30 cm dicht darüber. Eine japanische Studie bestätigte demzufolge, dass Medizinstudenten und Dozenten, wenn sie an Leichen arbeiten, in Anatomie-Labors häufig Formaldehydkonzentrationen ausgesetzt sind, die über den Grenzwerten für Innenräume liegen.

Wissenschaftler fanden zwar heraus, dass die Symptome bei den Studenten teils reversibel waren und verschwanden, nachdem sie ihre Anatomiestudien abgeschlossen hatten. Einzelfälle berichten jedoch, dass ein Teil der Beschwerden jahrelang anhielt, bzw. dass eine Sensitivität auf Formaldehyd bleibend war.

Ein Arzt über seine Erfahrungen während des Medizinstudiums:

Schon nach der ersten Stunde des Präparationskurses war mein Geruchs- und Geschmackssinn deutlich reduziert, nach der zweiten konnte ich definitiv gar nichts mehr riechen, und zwar anhaltend. Während des Kurses wurde einmal die Formaldehydkonzentration im Anatomiesaal gemessen. Die Messgeräte waren an langen Stangen befestigt, und mehrere Meter über den zu sezierenden Leichen wurden die Messungen vorgenommen. Mein Einwand, man solle doch bitte in Höhe unserer Gesichter messen, wurde so kommentiert, dass ich mich ja nicht so weit drüber beugen müsse, und außerdem könne ich den Kurs (also das Studium) ja abbrechen, wenn mir etwas nicht passen würde.

Nach Abschluss der Anatomiekurse regenerierte sich meine Geruchs- wahrnehmung erst Jahre später, allerdings habe ich nie wieder die feine Nase zurückerlangt, die ich vorher hatte. Außerdem habe ich seitdem chronische Probleme mit den Nasennebenhöhlen und MCS.

Mir ging’s allerdings auch nicht anders als allen meinen Kommilitonen.

Prävention als Maßnahme zur Qualitätssicherung in der Medizin

Medizin ist einer der anstrengendsten und kostspieligsten Studienbereiche. Vom fachlichen Können und der Leistungsfähigkeit hängen nach dem Studium Menschenleben ab. Die Formaldehyd-Exposition in Anatomie-Labors hat vermeidbare negative Auswirkungen auf die Gesundheit der angehenden Mediziner und teilweise auf deren gesamten beruflichen Werdegang. Konsequente Präventionsmaßnahmen, veranlasst durch Verantwortlichen in den Universitäten und Ministerien, könnten entscheidende Verbesserung der Situation erwirken. Schutzkleidung, adäquate Masken, Belüftung und gezielte Absaugung der Formaldehyddämpfe wären geeignet, die Gefahr für Studenten und Dozenten in makroskopischen Anatomie-Labors wesentlich zu mindern.

Autor: Silvia K. Müller, CSN – Chemical Sensitivity Network, 17. Februar 2012

Literatur:

  • Raja DS, Sultana B., Potential health hazards for students exposed to formaldehyde in the gross anatomy laboratory., J Environ Health. 2012 Jan-Feb;74(6):36-40.
  • Hisamitsu M, Okamoto Y, Chazono H, Yonekura S, Sakurai D, Horiguchi S, Hanazawa T, Terada N, Konno A, Matsuno Y, Todaka E, Mori C., The Influence of Environmental Exposure to Formaldehyde in Nasal Mucosa of Medical Students during Cadaver Dissection, Allergol Int. 2011 May 25.
  • Lakchayapakorn K, Watchalayarn P., Formaldehyde exposure of medical students and instructors and clinical symptoms during gross anatomy laboratory in Thammasat University, J Med Assoc Thai. 2010 Dec;93 Suppl 7:S92-8.
  • Takayanagi M, Sakai M, Ishikawa Y, Murakami K, Kimura A, Kakuta S, Sato F., Formaldehyde concentrations in the breathing zone of medical students during gross anatomy laboratory in Toho University, Kaibogaku Zasshi. 2007 Jun;82(2):45-51.
  • BfR, Krebserregende Wirkung von eingeatmetem Formaldehyd hinreichend belegt, 14/2006, 29.05.2006

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5 Kommentare zu “Medizinstudenten krank durch Formaldehyd”

  1. PappaJo 17. Februar 2012 um 23:52

    Aber auch die Gehirnschädigung durch das Formaldehyd ist sehr bedenklich! Dann sollte man sich nicht wundern, wenn Ärzte sich ein wenig merkwürdig benehmen! Oder bei einer Untersuchung eines MCS-Kranken behaupten, dass es nicht riecht! Jetzt wissen wir warum das so ist. Die haben sich alle die Riechnerven zerschossen.

    Dazu kommt dann noch der alltäglich Missbrauch in den Praxen und Kliniken mit Desinfektionsmitteln.

    Was sollen Mediziner denn noch merken? Bei so hohen Drogenkonzentrationen, im Laufe des Lebens und im täglichen Arbeitsalltag, sind die doch alle selbst schwer geschädigt.

    Wie sollen die denn so sensible Krankheiten wie MCS begreifen und diagnostizieren?

    Wer ständig auf Droge ist, ist nicht wirklich anwesend.

  2. Twei 18. Februar 2012 um 19:38

    Schlimm sind die Langzeitfolgen von Formaldehyd. In den Holzschutzmitteln für Innenräume waren früher dieses Gift auch enthalten. Kinder, welche in einem Bett schliefen oder in einer Wohnung mit neuer Holzvertäfelung lebten, die mit jenen Holzschutzmitteln behandelt wurden, leiden teilweise seitdem an vielfältigen Allergien und sind mit zunehmendem Alter vor einer Multiplen Chemikalien Sensibilität nicht gefeit.

    Ihr Leben wird zum täglichen Drama ohne einem absehbaren Ende. Um so erschreckender ist es, dass für jene Betroffene heute nichts hilfreiches getan wird. Im Gegenteil – es wird versucht ihr Leiden mit einem bio-psycho-sozialem Phänomen zu verklären, anstelle eine adäquate Hilfeleistung über das Gesundheitssystem anzubieten.

    Aufgrund des verharmlosenden Einsatzes mit Formaldehyd und dem Verschleiern einer tatsächlichen Vergiftungserkrankung, geschehen immer wieder gröbste Körperverletzungen zugunsten finanzieller Vorteilnahme. In oberem Bericht wird offensichtlich, dass diesmal wieder am Arbeitsschutz gespart wurde.

    Jene Studenten/-innen laufen Gefahr, ähnlichen Leiden in zunehmendem Alter zu erliegen, wie jene Menschen, die Heute die Auswirkungen der Formaldehydbelastung ihrer Kindheit zu ertragen haben.

  3. Leander 8. März 2012 um 17:14

    Da kann sich einer vorstellen, wie Studenten verheizt werden:

    Aktuell – Uni Köln:

    Anatomie-Skandal in Köln
    Chaos im Leichenkeller

    „Für die Bezirksregierung, zuständig für den Arbeitsschutz, erklärt Sprecher Oliver Moritz: „Die Einhaltung unterschiedlicher Gesetze, etwa des Arbeitsschutzgesetzes, des Chemikaliengesetzes und anderer Rechtsverordnungen hat primär der Arbeitgeber zu gewährleisten.“ Im Fall Anatomie Köln heißt das übersetzt: In der Anatomie der Universität Köln gab es offenbar keine funktionierende Struktur zur Qualitätssicherung, und das womöglich schon seit weit mehr als einem Jahrzehnt…“

    http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,820001,00.html#ref=rss

  4. KarlK 14. April 2015 um 10:44

    Die Uni Frankfurt hatte wohl schon 2012 ein Gutachten vorliegen, aus dem hervorging, dass die Richtwerte in den Präparations-Kursen überschritten wurden und demzufolge ab dem Moment, in dem die Richtwerte nicht mehr nur bloße Empfehlungen darstellen würden sondern rechtsbindend werden würden, man in Frankfurt diese Kurse nicht mehr durchführen dürfte.

    Die Uni hat aber seit 2012 nichts verändert, so daß jetzt in diesem Jahr Studenten vorübergehend (die Uni hofft natürlich auf eine Lösung, das trotzdem wieder tun zu können) nicht an Leichen präparieren „dürfen“.
    Die Grenzwerte sind seit März 2015 nämlich VERBINDLICH, also nicht mehr nur eine Empfehlung.

    Studenten, die in all den Jahren davor ihren Geschmackssinn (!!!) verloren und Monate-lange diesen Dämpfen ausgesetzt waren, denen jedes Mal übel war, die im Anschluss sich noch Tage lang krank fühlten, die hätten sich gefreut, die Uni hätte schon 2012 bei Bekanntwerden der Studie Maßnahmen zur Verringerung der Dämpfe durchgeführt.

    Aber weil es offenbar einige robuste Anatomen (vielleicht gibt es ja unterschiedlich reagierende Menschen, mag ja sein) gibt, die dort seit Jahren arbeiten und behaupten, keine Beschwerden zu haben (wobei die Augen oft richtig schlimm rot angelaufen waren), wird wohl einfach angenommen, dass das nur „blöde Bürokratie“ ist, unberechtigt und lästig.
    Die Studenten wurden sogar in der Vorlesung aufgefordert, sich im Dekanat dafür einzusetzen, dass die Kurse bald wieder stattfinden können.
    Aber vielleicht ist mancher Student ja heil-froh über die kleine Pause von den Dämpfen??

    Dieser Uni scheint die Gesundheit ihrer Studenten egal zu sein. Anders kann ich mir das alles nicht erklären.

    Kein Student aber traute sich (schon in der Vergangenheit), die Beschwerden anzusprechen. Es hätte geheißen, dass man ja „freiwillig“ da sei.
    Außerdem wurde in den Vorlesungen immer behauptet, die Richtwerte (Empfehlungen) würden in Frankfurt eingehalten, was aber offensichtlich doch nicht der Fall war? (siehe Gutachten von 2012…?!)
    Wenn eine Studentin schwanger sei, ja, natürlich, dann könne sie vom Kurs zurücktreten (wow, diese Kulanz!). Aber ansonsten gab es kein Zeichen des Entgegenkommens.

    Alles nur meine persönliche Erfahrung und Meinung. Aber die Zustände halte ich für unhaltbar.

  5. Dispater 20. Juli 2016 um 13:23

    Wohnte nur interessehalber einer Obduktion bei, als sich mir mal im Rahmen der Ausbildung die Gelegenheit bot, aber das hat mir schon gereicht. Es kroch mir förmlich zwischen die Rippen. Der Geruch ölig, auch nach Essig riechend, aber so penetrant, dass es einen bald umhaute. Konnte danach auch für paar Monate keinen Kartoffelsalat oder saure Gurken riechen. Ja der Chemikaliengeruch war das Schlimmste und nicht die Leiche an sich, die mich so ganz ohne Lebenszeichen mehr an eine große Puppe erinnerte.

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