Ein ganz normaler Tag im Leben eines ganz normalen Ehepaares

Es gibt Geschichten, die eigentlich keine Geschichten sind, denn sie tragen sich genauso oder fast genauso jeden Tag millionenfach zu, ohne dass es jemandem auffällt. Liest man sie, können sie einen dazu aufrütteln, nachzudenken über das, was sich als “ganz normaler Alltag” im Leben ganz normaler Menschen eingeschlichen hat und jeden Tag abläuft. Verfolgen wir einen Tag im Leben von Gustav und Eleonore R.:

guten-morgen

Aufwachen durch Kaffeeduft: Guten Morgen!
Es ist früh am Morgen, vom sanften Klingeln des Weckers werden Eleonore und Gustav R. aus ihren Träumen gerissen, noch etwas verschlafen dösen beide in der nach Rosenduft riechenden, durch Weichspüler aromatisierten Bettwäsche, bis der Wecker ein zweites Mal, jetzt wesentlich lauter klingelt als vorhin. Das ist nun das endgültige Signal für Gustav zum Aufstehen. Eleonore gönnt sich noch ein Viertelstündchen, denn ihr neuer Duftwecker hat gerade erst begonnen, seinen Kaffeeduft zu verströmen, noch ein zwei Hübe Kaffeeduft, dann muss auch Eleonore endlich aus den Federn hüpfen.

Nach dem morgendlichen Styling-Ritual im Badezimmer geht es nun an den Kleiderschrank. Beim Öffnen kommt Beiden ein Schwall unterschiedlichster markanter Duftnuancen entgegen. Schließlich probiert Eleonore das komplette Sortiment der Waschmittel- und Weichspüler-Hersteller aus, incl. der Dufttücher, speziell für den Wäschetrockner, damit die “Aprilfrische” noch länger anhält und intensiver riecht.

Nach einem aromatisierten Tee geht’s los
Beim gemeinsamen vermeintlich gesunden Frühstück mit aromatisiertem schwarzen Tee, Fruchtjoghurt, Gustav liebt Erdbeergeschmack, Eleonore wählt meist Amarena – Kirschgeschmack, und abschließend mit einem probiotischen fruchtigen Drink zur Stärkung der Abwehr, liest Gustav kurz seine heißgeliebte, nach Druckerschwärze riechende Tageszeitung, während Eleonore sich über den noch in der Luft liegenden Veilchengeruch von den Duftkerzen vom gestrigen Abend freut.

Etwas in Eile machen sich beide fertig für den Weg zur Arbeit. Gustav zieht wegen des Regenwetters seine frisch imprägnierten Schuhe an. Eleonore trägt den frisch gereinigten, noch stark nach PER riechenden Frühjahrsmantel. Die Haustür fällt ins Schloss,  Eleonore geht mit schnellen Schritten zur nächsten Straßenbahnstation. Gustav fährt in seinem neuen schicken Auto zur Arbeit. Er ist sehr stolz darauf und genießt den innovativen und stufenlos regelbaren, integrierten, mit Karibikduft gefüllten Duftspender. Nach einer halben Stunde Fahrt durch die Rushhour kommt er endlich im neuerdings bedufteten Parkhaus an und fährt in seinen reservierten Parkplatz.

Ein normaler Morgen in der Stadt
Eleonore steht diesen Morgen noch einige Zeit an der Straßenbahnstation. In der Nähe befindet sich eine kleine Baustelle. Die Arbeiter sind an diesem frühen Morgen damit zugange, die ausgebesserte Fahrbahn neu zu teeren. Der Wind kommt genau in ihre Richtung. Eleonore denkt gerade vor sich hin, dass es gut ist, dass die Leute um sie herum stark beduftet sind, denn Teergeruch mag sie überhaupt nicht. Das Parfum vermischt sich schnell mit Zigarettengeruch ihrer Mitmenschen, der intensive Teergeruch fällt nun nicht mehr so stark ins Gewicht. Eleonore schaut nervös, wo die Straßenbahn bleibt, denn mittlerweile ist sie von Kopfschmerzen geplagt.

Endlich, aber die Straßenbahn ist heute ziemlich überfüllt: Eleonores Augen beginnen zu brennen, ihr Hals wird trocken, und als sie ihre Nachbarin nach der Uhrzeit fragen möchte, bekommt sie vor Heiserkeit kaum einen Ton heraus.

Aufatmend an ihrer Station angekommen, geht Eleonore noch ein kurzes Stück durch die Fußgängerzone. Ihr Weg führt sie an bereits geöffneten Bäckereien vorbei, die mit ihren verströmenden synthetischen Düften einen intensiven Duft von Frischgebackenem suggerieren. Die Leute, die ihren Weg kreuzen, verbreiten ebenfalls im Trend liegende, unterschiedliche, aber sehr intensive Düfte nach Aftershave, Parfum, Haarpflegeprodukte etc., der ab und an durch Zigarettenrauch abgeschwächt bzw. vermischt, aber nicht völlig unterbunden wird.

Schlapp, bevor der Job beginnt
Nun, endlich am Arbeitsplatz im Kaufhaus angekommen, geht Eleonore ziemlich müde und erschöpft an die Arbeit. Hier im Shopping-Center geht man neuerdings auch mit dem Trend, über die Lüftung der Klimaanlage wird ein frischer Frühlingsduft verströmt. Er soll die Ausdünstungen der stark ausgasenden ausgestellten Waren kaschieren und die Kundschaft in Kauflaune versetzen.

Gustav ist nach einer Fahrt im für Morgens typisch nach Aftershave riechenden Aufzug endlich in seinem Büro angekommen. Das Büro riecht noch intensiv nach der letzten Teppichbodenreinigungsaktion vor ein paar Monaten. Beim Gang durch das Großraumbüro nimmt er den starken Geruch nach Toner nicht wahr. Gustav hat die letzten Jahre fast immer eine verstopfte Nase und gereizte Nasenschleimhäute, auch von hartnäckigem Reizhusten ist er geplagt.

In der Teeküche, die inzwischen zum Raucherraum umfunktioniert wurde, holt sich Gustav eine Tasse Kaffee und stellt seine Pausenmahlzeit in den antibakteriell beschichteten Kühlschrank. Eine seiner Mitarbeiterinnen öffnet gerade die Spülmaschine, um das frisch gespülte Geschirr herauszuholen, als sich eine stark nach Orangen riechende Wasserdampfwolke im Raum ausbreitet. Das ist selbst für Gustav zu viel, schnell verlässt er hustend die Teeküche.

Mit Air Design in andere Welten
Eleonore packt inzwischen frisch angelieferte Ware aus, sie arbeitet in der Kinderbekleidungsabteilung. Die Kleidung riecht diesmal besonders muffig und wieder so chemisch, denkt sie, als sie die neuen super günstigen T-Shirts und stone-washed Kinder-Jeans, aus dem aktuellen Aktionsangebot, in die Regale räumt.
Die Kopfschmerzen sind mittlerweile unerträglich. Eleonore ist schwindlig und übel. Sie beschießt, schnell in den Sanitätsraum zu gehen und sich eine Schmerztablette zu holen. Sie entscheidet sich für eine Trinktablette mit Vitamin C und Orangengeschmack.

Eleonore geht kurz entschlossen auf dem Rückweg kurz in der Lebensmittelabteilung ein wenig Obst besorgen, schließlich sind Vitamine jetzt genau das Richtige. Ihre befreundete Kollegin rät ihr zu den Exoten Mango und Flug-Papaya. Eleonore fällt gleich der intensive Duft nach Ananas in der Obstabteilung auf. Ihre Kollegin berichtet ihr ganz stolz, das käme vom neuen Air-Design-Konzept, das man seit kurzem in der Obst-  und Gemüseabteilung verfolgt.

Frisch mit Vitaminen gestärkt geht es weiter an die Arbeit, die Augen tränen, die Nase läuft und ihre Haut beginnt wieder kräftig zu jucken. Das hat sie öfter die letzte Zeit, komisch, denkt sie, doch bald ist Feierabend, Eleonore arbeitet in Teilzeit, 70 %, so bleibt ihr genügend Zeit für ihren Haushalt und Verabredungen mit Freundinnen.

Gleich geht’s weiter… es folgt ein ganz normaler Freitagnachmittag im Leben von Gustav und Eleonore R.

Autor: Maria, Chemical Sensitivity Network, 10. Mai 2009

3 Kommentare zu “Ein ganz normaler Tag im Leben eines ganz normalen Ehepaares”

  1. Alex 10. Mai 2009 um 18:26

    danke für diese köstliche Geschichte, sie ist ein prima Spiegelbild unserer Gesellschaft. Ich habe sie heute Mittag zum Kaffee vorgelesen. Wir hatten danach reichlich Diskussionsstoff.

  2. Raze 10. Mai 2009 um 19:30

    Dass es sogar Duftwecker gibt, wusste ich nicht, aber tatsächlich, habe eben in Google danach gesucht und wurde fündig. Das ist doch nicht mehr normal, oder? Die Leute merken überhaupt nicht, was sie sich und ihrer Gesundheit den ganzen Tag zumuten.

    Ich werde mir die Geschichte ausdrucken und mit meinen Bekannten darüber diskutieren. Vielleicht kapieren sie es dann, dass es oft “a little too much” ist, auch für Gesunde. Denn sollte man sich nicht mit dem Gesundsein darauf ausruhen, man sollte sorgsam mit der Gesundheit umgehen und sie nicht leichtfertig verspielen.

    Die Story ist gut dargestellt, prima Idee!

  3. crabapple 25. August 2010 um 09:29

    JA – DER ALLTÄGLICHE WAHNSINN

    Auf den Strassen die SÄUGLINGE und Kleinkinder in Wolken von WEICHSPÜLERN. Ich rieche Kinderspielplätze schon 30 Meter bevor ich sie hinter den Büschen sehen kann.

    HUNDE , die nach dem KÖRPERPUDER und AFTERSHAVE und dem RAUCH ihrer Besitzer riechen (das Haarspray und Deo und… ihrer Besitzer auf dem Fell tragen und es ablecken!)

    “WUNDER-BÄUME” (ein Wunder dass die Menschen noch fahren) – und auf dem Beifahrersitz die BABYSCHALE. Auf den Verpackungen der Bäume steht, dass sie nur ganz wenig geöffnet werden sollen.

    Raumspray auf dem steht, nur in gut belüfteten Räumen verwenden! GEHIRNWÄSCHE in der Werbung, dass nur Wohnungen mit frischen GIFT-BRISEN im Halbstunden-Takt einladend sind.

    Apfel, Pfirschich FRUCHTSALAT im GESCHIRSPÜLMITTEL (heftig stinkendes Zeug, nach dem der Apettit auf Obst schnell vergehen kann).

    Der Kellner im Restaurant, dessen Rasierwasser einem die Geschmacksnerven durchtrennt.

    Waschmittel-pyramiden im Supermarkt, das den Geruch vom Fisch-Stand direkt nebenan überdeckt…

    Parfumwolken in den Strassen und die Trägerin ist längst schon um die Ecke.

    Zigaretten auf der Erde, die ganze Stadt (in meinem Fall Berlin) riecht wie voller Aschenbecher, mit Hunde-Urin gelöscht

    und das geht endlos so weiter…………………………………….

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